2020-04-22

Nikkorex 35 Zoom und die Geschichte der Zoomkameras

1963-1965, die erste Zoomkamera der Welt.
Ich habe es bei meinem Beitrag über die Nikkorex 35 Zoom schon erwähnt: Sie ist als allererste Kamera mit fest eingebautem Zoom-Objektiv ein Meilenstein. Allerdings ein seltsamer Meilenstein, weil sie selbst ab 1963 nur ca. 2 Jahre am Markt war und erst mal ohne Nachahmer wieder verschwand und es dann fast 25 Jahre dauerte bis das Prinzip Zoomkamera (fest eingebautes Zoomobjektiv) sich langsam durchsetzte und danach zum Standard wurde.

Das ist natürlich eng verbunden mit der technischen Entwicklung des Zooms und die steckte seit dem ersten Voigtländer Zoomar (1959) 1963 noch in den Anfängen. Die allermeisten Hertsteller brachten zunächst Telezooms (so auch Nikon), weil diese wohl einfacher zu realisieren waren, außerdem spielte bei diesen die zusätzlich benötigte Größe im Vergleich zur Festbrennweite keine so große Rolle. Auch die Nikon-Ingenieure  mussten erst die Erfahrung machen, dass ein Standard-Zoom bei der Konzentration auf die optischen Qualitäten schnell größen-, gewichts- und kostenmäßig aus dem Ruder laufen kann. So geschehen beim geplanten und später nicht realisierten 35-85 f/2.8-3.5. Man musste also weitere Kompromisse machen und die Branche lernte dies im darauf folgenden Jahrzehnt. Auch das 43-86 war ein solcher Kompromiss, aber ein fauler. Der Brennweitenbereich und die optischen Leistungen waren nicht da, wo sie eigentlich sein sollten, trotzdem war das Ding immer noch groß und teuer. Das war der Grund, warum die Nikkorex und mit ihr das Konzept Zoomkamera 1965 erstmal wieder in der Versenkung verschwanden.

1977: Das erste Zoom, was als Standardobjektiv
mit einer SLR zusammen verkauft wird. 
Erst ca. 10 Jahre später kam wieder Fahrt in die Sache und ab ca. 1973 kamen die ersten wirklich brauchbaren Standard-Zooms auf den Markt. Als erstes optisch fast ebenbürtiges Standardzoom gilt das Canon FD 35-70 f/2.8-3.5, aber auch das war noch groß und teuer. Fast alle wichtigen Objektivhersteller brachten innerhalb der folgenden Jahre akzeptable und immer kompakter werdende Modelle. Unterstützt wurde das von der Tatsache, dass die Kameras inzwischen TTL-Messung beherrschten und die Zooms daher auch in ihrer Anfangsöffnung variieren konnten. Ein entscheidender Freiheitsgrad mehr für die Ingenieure. Es war dann Fuji, die sich als erste trauten, ein Zoom (Fujinon-Z 43-75 f/3.5-4.5) als Standardobjektiv mit einer SLR zu verkaufen. Von hier aus -sollte man meinen- wäre der Weg zu einer zweiten Zoomkamera nicht mehr weit gewesen. Aber beim allseits beliebten 35mm Film tat sich auch die nächsten 10 Jahre nichts.

1976-1979: Die zweite Zoomkamera ist
eine SLRfür die Pocketkassette 110
In der Zwischenzeit (1976) betrat allerdings die zweite Zoomkamera der Welt die Bühne. Sie war ebenfalls eine SLR, allerdings für die 110er Kassette: Die Minolta 110 Zoom wurde sogar sehr konsequent als Zoom-SLR für den Massenmarkt vermarktet und fiel durch ihr sehr ungewöhnliches Äußeres auf. Das schreckte aber wohl die potentiellen Käufer eher ab, sodass sie von Minolta ab 1979 durch eine zweite eher konventionell als SLR gestylete Version ersetzt wurde. Ihr Zoom ist angeblich eines der besten überhaupt für den Pocketfilm 110 erhältlichen Objektive. Man muss aber erwähnen, dass bei beiden Kameras der Zoombereich erst bei KB-äquivalenten 50mm startete, sie streng genommen also keine echten Standardzooms, sondern leichte Telezooms waren. Aber auch diese beiden Versuche von Minolta waren nicht lange am Markt und verschwanden schnell wieder und es kamen einige Jahre, in denen man keine Zoomkamera kaufen konnte.
Pentax Zoom 70 (IQ Zoom) war ab 1987 die
erste kompakte Zoomkamera (35-70 f/3.5-6.7) 
So gab es Anfang der 1980er wieder keine Kamera mit fest eingebautem Zoom am Markt. Es war die Zeit der Automatisierung. Fast alle Kameras hatten inzwischen irgendeine Art von Belichtungsautomatik an Bord, viele einen Elektronenblitz eingebaut, fast überall Elektronik und natürlich eine Batterie an Bord. Autofokus gab es bei den Kompakten seit der Konica 35 AF (1977) und bei den Kleinbild-SLR's seit 1981 (Pentax ME-F). Das einzige dazu verfügbare AF-Objektiv war (natürlich) ein Standardzoom, aber eben nicht fest eingebaut. Den umfassendsten Automatisierungsgrad erreichte dann 1985 die SLR-Königin Minolta 7000 AF. Gerade an ihr erkennt man einen anderen Trend in der Kameraproduktion: der Einzug von Kunststoff und Plastik als Hauptmaterial der Kameras (sogar bei SLR's). Kunststoff, die Verwendung von Elektronik und weitere Fortschritte beim (Zoom-) Objektivdesign ermöglichten dann den dritten und letztendlich nachhaltigen Versuch der Einführung von Zoomkameras. Angekündigt schon 1986 erschien dann ein Jahr später die Pentax Zoom 70 (in anderen Märkten auch Pentax IQZoom). Allerdings muss man der Fairness halber erwähnen, dass es schon einige meist "TW" (Tele/Wide, TWin-Focal) genannte Kameras in dieser Klasse gab (z.B. Fuji TW-300, Nikon TW2, Vivitar TW35 u.a.) , allerdings eben keine echte Zooms. Aber der Pentax Zoom folgten bald fast alle anderen Kamerahersteller und diese Kamerklasse war spätestens ab Mitte der 1990er Jahre in den meisten Haushalten zu finden.  Auch ich habe irgendwann eine solche sehr preiswert bei Aldi erworben.     
Yashica Samurai X3.0: der dritte Versuch eine
Zoom-SLR Kameraklasse am Markt zu etablieren

Und was ist mit SLR? Auch hier kam 1987 eine recht außergewöhliche Kamera auf den Markt: Yashica Samurai X3.0, eine vollautomatische SLR mit eingebautem Dreifachzoom 25-75 mm f/3.5-4.3 für das Halbformat 18x24 mm auf Kleinbildfilm 135. Zusammen mit den 1988 erschienenen Ricoh Mirai und Chinon Genesis (beide für 24x36 mm) begründete sie die neue Klasse der sogenannten Bridge-Kameras, Olympus bezeichnete seine entsprechenden Kameras als ZLR (Zoom Lens Reflex). Diese Klasse hat sich am Ende sogar irgendwie ins digitale Zeitalter gerettet: Heute bezeichnet man als "Bridge" solche Kameras mit relativ großen Sensoren, aber simpler und vollautomatischer Bedienung. Und natürlich mit fest-eingebautem Zoomobjektiv, das vom Weitwinkel in den Telebereich reicht. Danke Nikon, für die frühe Studie dazu von vor 57 Jahren! 

2020-04-17

Nikkorex 35 Zoom

Mal wieder eine Meilensteinkamera für meine Sammlung, sie stand schon lange auf meiner Will-Haben-Liste. Warum Meilenstein? Sie ist die erste Spiegelreflexkamera mit einem fest eingebauten Zoom-Objektiv, sie ist sogar die erste Kamera überhaupt, für die das gilt. Das interessante ist aber, dass die Nikkorex 35 Zoom schon 1963 in der Anfangszeit der Zoom-Objektive auf den Markt kam und dann relativ schnell wieder verschwand. Es dauerte dann mit einer einzigen Ausnahme fast ein Vierteljahrhundert, bis fest eingebaute Zoomobjektive wieder auftauchten und sich in den 1990er Jahren endgültig am Massenmarkt etablierten. Dazu demnächst hier mehr, erstmal der Reihe nach und zur Kamera und dem Objektiv selbst.

Nippon Kogaku (später Nikon) war in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts "lediglich" ein renomierter japanischer Optik- und Objektivhersteller. Mit dem Bau von Kameras hat man erst nach dem zweiten Weltkrieg begonnen und mit der legendären Nikon Messsucherkameraserie einen ernormen Erfolg insbesondere in den USA gehabt. Gekrönt wurde dieser 1959 mit der Nikon F Spiegelreflex, die sich schnell zum Profi-Standard etablierte, auch und wegen der exzellenten Objektive. Spätestens ab dann hatte man auch die deutschen Vorbilder Zeiss und Leitz hinter sich gelassen und spielte ganz oben in der ersten Liga der Kamera- und Objektivhersteller. Nur ein solcher war damals in der Lage und mutig genug, sich an die komplexe Herausforderung Zoom-Objektiv zu wagen. 

Nikon's amerikanischer Distributor Joseph Ehrenreich war wohl maßgeblich daran beiteiligt, Nikon zu überzeugen, auch den Amateurmarkt mit einfacheren (Speigelreflex) Kameras zu versorgen. So entstand ab 1960 die Nikkorex-Serie, wegen mangelnder eigener Produktionskapazitäten bei Mamiya im Lohn gefertigt. Vom Konzept her war die erste Nikkorex 35 nichts besonderes mehr: Fest eigebautes Standardobjektiv, Porro- statt Prismensucher, eigebauter Selenbelichtungsmesser und Zentralverschluss. Sowas kannte man seit der Zeiss Ikon Contaflex und auch von einigen anderen Herstellern. Der Nikkorex Anfang war holprig, schnell kam ein zweites Modell Nikkorex 35/2, bei dem ein paar Kinderkrankheiten ausgemerzt und optische Korrekturen angebracht wurden.  Mit der Nikkorex F bekamen die Amateure 1962 endlich, was sie eigentlich suchten: eine preiswertere Kamera mit Anschluss an Nikon's F-Objektive.


Aber Nippon Kogaku arbeitete seit spätestens 1960 auch an Zoom-Objektiven und eines davon sollte auch in einer Nikkorex 35 Zoom als fest eingebautes Objektiv zum Einsatz kommen, sowas hatte sonst kein anderer Hersteller auf der Welt. Wem außer Nikon hätte man es auch zugetraut? Ihr Objektivdesigner Takahashi Higuchi bekam also auch einen Auftrag für ein Standardzoom, und tatsächlich kündigte man 1961 stolz ein 35-85 f/2.8-4 an und zeigte sogar mindestens einen Prototypen. Allerdings war dieses Objektiv im wahrsten Sinne ein dickes Ding: über 1.1 kg schwer, mit einem Filtergewinde von 82 mm und damit nicht geeignet für den Einbau in die Nikkorex. Außerdem war es für den Zweck zu teuer und hatte darüberhinaus keine konstante Öffnung über den Brennweitenbereich. Das ist blöd, wenn man keine TTL-Messung hat.  

Und so musste Higuchi-San mit seinem Team nochmal ran und ein Objektiv konstruieren, das einfacher, billiger und kleiner war und außerdem eine konstante Öffnung hatte. Die Anfangs- und Endbrennweite wurden dem untergeordnet und so kam damals als bester zu realisierender Kompromiss eben dieses seltsame 43-86 mm f/3.5 heraus. Interessanterweise kam dann auch das Objektiv mit dem F-Bajonett mit der selben optischen Konstruktion auf den Markt und wurde trotz seiner relativ bescheidenen optischen Qualitäten ein Longseller für Nikon. Vom frühen 35-85 war erstmal keine Rede mehr und die Nikon Gemeinde musste sogar bis 1977 auf das Nikkor 35-70 f/3.5 Standardzoom warten.



Die Nikkorex 35 Zoom wurde dann ab Frühjahr 1963 hauptsächlich in den USA vermarktet, ob es tatsächlich Versuche auf dem deutschen oder europäischen Markt gab, bleibt unklar. Angeblich hatte die Fa. Varimex (Frankfurt) sie unter dem Namen Nikkor 35 Zoom im Programm, davon findet sich aber heute kein Bild oder sonstige Hinweise im Netz.  Sie war mit 1246 g ein ganz schöner Klotz und mit knapp unter 250 US$ auch nicht gerade billig. Insgesamt wurden deshalb wohl nur ca. 15.000 Exemplare produziert und schon in der offiziellen US-Preisliste vom September 1965 finden sich keine Spuren mehr von ihr. Da war mit der Nikkormat FT endlich die eigentliche Amateurkamera für die tollen F-Objektive am Markt und Nikon beendete das Nikkorex-Kapitel. Das Zoom allerdings wurde als F-Objektiv ein Longseller für Nikon, fast eine Viertelmillion davon wurden in 4 Versionen verkauft. Das kurze Leben der Kamera am Markt hat sicher dazu beigetragen, dass es erstmal keine Nachahmer gab und der Meilenstein als allererste ZLR (Zoom Lens Reflex, ein Begriff von Olympus aus den 1990ern) nicht wirklich Beachtung fand. Doch dazu in Kürze mehr...  

Datenblatt Erste Kamera mit fest eingebautem Zoomobjektiv 
Objektiv Zoom-Nikkor 43-86 mm f/3.5 (9 Linsen in 7 Gruppen)
Verschluss Seikosha SLV Zentralverschluss (B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500)
Belichtungsmessung Selenzelle, Nachführmessung, gekoppelt. Zeiger auf Kameraoberseite und im Sucher (ASA 10-1600)
Fokussierung Manuell, Spiegelreflex mit Fresnellinse und Schnittbildindikator.
Sucher Porroprismensucher, eingespiegelte Anzeige des Belichtungsmessers
Blitz Buchse, umschaltbar M/X
Filmtransport Schnellschalthebel, Rückspulkurbel, Bildzählwerk (aufwärtszählend).
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, 2x Stativgewinde ¼ '', ISO-Drahtauslöser, Filtergewinde 52mm
Maße, Gewicht 138x99x123 mm, 1246 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1963-1965, ca. 15000 Exemplare, diese #278354 von 1964
Kaufpreis, Wert heute ca. 240 $US (1963), 100-200€ je nach Zustand.
Links Nikon's history pages, Camera-wiki.org, Nico van Dijk, Manual (Nikkorex 35/2), US Anzeige, Peter Lausch, Wikipedia


2020-04-05

Braun Paxette Automatic Super III

Das DKL-Bajonett war (wie ich in meinem Beitrag dazu schon erwähnt habe) nicht das einzige seiner Art. Ab 1956 verkaufte auch Deckels größter Konkurrent Alfred Gauthier als Zentralverschluss-Zulieferer seinen Kunden den sogenannten Prontor SLK-Verschluss zusammen mit einem Wechselbajonett. Allerdings weit weniger erfolgreich. Waren es beim DKL mindestens 14 verschiedene Kameras (plus ein paar Varianten davon), sind vom SLK nur drei Kameras (ebenfalls mit wenigen Varianten) bekannt. Es handelt sich um King Regula IIIc/d, Bolta Photavit 36 (3 Varianten) und als letzte im Bunde diese Braun Paxette Automatic Super III. Aber auch beim SLK gilt das gleiche wie beim DKL: die Objektive können wegen minimaler Unterschiede beim Bajonett zwischen den drei Herstellern nicht ausgetauscht werden.

Diese Braun Paxette war wohl die erfolgreichste der drei SLK Kameras, jedenfalls findet man heute davon auf den gängigen Plattformen die meisten. Meine habe ich in sehr gutem und voll funktionsfähigen Zustand (auch der Beli!) für nur 18 Euro (inkl. Versand) ergattert. Interessanterweise hatte Braun ab 1958 mit dieser Kamera und der Super Colorette 2 zwei Messsucherkameras mit unterschiedlichem Wechselobjektiv-Bajonett und außerdem noch die (Super) Paxette II-Modelle mit M39 Gewinde gleichzeitig im Programm. Überhaupt ist die Modellvielfalt aller deutschen Hersteller in dieser Zeit enorm, vielleicht irgendwann davon mal mehr. 
Die Paxette Automatic Super III jedenfalls ist eine Kamera, die an damals verfügbaren technischen Features fast alles hat. Als Messsucherkamera mit gekuppeltem Entfernungsmesser hat sie ein großes und helles Sucherbild, das einem 35mm Weitwinkel entspricht, eingespiegelt werden Leuchtrahmen für 50, 90 und 135 mm. Dies entspricht ungefähr dem verfügbaren Objektivprogramm, das im wesentlichen vom Enna-Werk in München stammt. Auch der eingebaute Selenbelichtungsmesser ist gekuppelt mit Verschlusszeit (Prontor bis 1/300s) und Blende, beide in gegenläufigen konzentrischen Ringen ums Objektiv, sodass lichtwertgleiche Kombinationen mit einem Handgriff gewechselt werden können. Das Schmuckstück mit dem 2.8er Normalobjektiv kostete 1958 laut einer Anzeige 348 DM (siehe unten), damals fast ein durchschnittliches Monatsgehalt, allerdings weniger als halb so viel wie eine Leica M3, und die hatte keinen eingebauten Belichtungsmesser! 
In meiner Kamera ist inzwischen ein Film eingelegt und die ersten Fotos sind gemacht. Sie ist erstaunlich gut zu bedienen, das Konzept mit dem eingebauten Belichtungsmesser stimmt und auch der Messsucher ist gut abzulesen. Mich stört eigentlich nur der zu große Mindestabstand von 1m (verwöhnt durchs Handy!) und das Fehlen von Ösen für einen Kameragurt. Ich musste dafür die Bereitschaftstasche anlegen, trotzdem kippt die Kamera dabei wegen des schweren Objektivs stets nach vorn. Der Schnellschalthebel ist nicht wirklich schnell, man muss ca. 1,8 mal den kompletten Weg spannen. Dafür gibt es einen entsprechenden "Schnellschalt"-Hebel auch zum Rückspulen des Films, mir ist sowas bisher noch bei keiner anderen Kamera vorgekommen.

Datenblatt Messsucherkamera mit Wechselobjektiven und gekuppeltem Selen-Belichtungsmesser
Objektiv SLK-Wechselbajonett in Braun-Variante. Normalobjektiv ENNA Ennit 50 mm f/2.8, weitere Objektive von 35mm bis 200 mm Brennweite von ENNA, ISCO und Steinheil. 
Verschluss Prontor SLK Zentralverschluss hinter dem Objektiv, B-1-2-4-8-15-30-60-125-300.
Belichtungsmessung gekuppelter eingebauter Selen-Belichtungsmesser mit Nachführanzeige auf der Kameraoberseite.
Fokussierung Manuell am Objektiv, gekuppelter Messsucher als Einstellhilfe. 
Sucher heller Durchsichtsucher (entspr. 35 mm), mit Leuchtrahmen für 50, 90 und 135 mm 
Blitz Buchse, umschaltbar M und X.
Filmtransport Schnellschalthebel (ein Bild erfordert ca. 1,8 Züge, bzw. viele kurze), Bildzählwerk (rückwärts zählend), Rückspulhebel (wie Filmvorschub).
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, ISO-Drahtauslöseranschluss, Selbstauslöser (ca. 10s), Stativgewinde 1/4 '', optinale Bereitschaftstasche.
Maße, Gewicht 120x90x90 mm (inkl. Objektiv), 760 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1958-1961(?), ca. 33.000 Exemplare, die hier Serien-Nr. 014782, ca. 1959.
Kaufpreis, Wert heute 348 DM oder 149.50 $US (1958), 30 €
Links UK-Camera (fehlerhaft), Mike Eckman, cjs-classic-cameras, Manual (english), Wikipedia, Camera-Wiki.org

2020-03-18

DKL - das uneinheitliche westdeutsche Einheitsbajonett

Meine bisherige Kollektion von DKL-Kameras und Objektiven
Zoomar 2.8/36-82mm Edixa Electronica Voigtländer Bessamatic Voigtländer Vitessa T Schneider Curtagon 4/28 mm Steinheil Cassarit 2.8/50 mm Braun Colorette Super 2L Braun Colorette Super 2L Kodak Instamatic Reflex Kodak Retina Reflex S
Die westdeutsche Kameraindustrie setzte seit dem Erscheinen der Contaflex im Jahr 1953 auch für Spiegelreflexkameras auf den lange bewährten Zentralverschluss, auch wenn das technisch nicht die naheliegende Lösung war. Die Firma Deckel in München hatte allerdings mit ihrem neuen Reflex-Compur Verschluss ein technisches Meisterwerk am Markt, das die Schwierigkeit mit dem komplexen Verschlussablauf scheinbar mühelos meisterte. Die Contaflex hatte noch ein fest eingebautes Tessar (für das es sog. Satzobjektive als Aufsatz gab), aber der Trend ging klar zu Wechselobjektiven. Deckel bot seinen Kamerahersteller-Kunden daher auch das an und konnte Verschluss plus Bajonett-System inklusive einer sehr praxistauglichen Lichtwert/Blendensteuerung sogar am Ende an einige Hersteller verkaufen. Als erstes kam 1956 die Voigtländer Vitessa T mit dem (später) DKL genannten Bajonett auf den Markt, die Braun Colorette Super II (B)L folgte kurz darauf. Beides sind Messsucherkameras und verwenden exakt dieselbe Bajonett-Variante.

Ab 1958 folgten dann relativ schnell hintereinander die Kodak Retina IIIS (Messsucher), Kodak Retina Reflex S, Voigtländer Bessamatic und Braun Paxette Reflex Automatic. Alle 3 Spiegelreflexkameras hatten ein nahezu identisches Featureset, kein Wunder, wenn die entscheidende Technik im zugekauften Compur Verschluss plus DKL-Bajonett sitzt. Der eingebaute Selenbelichtungsmesser wurde (jeweils etwas anders) mit dem Lichtwert-System des Verschlusses gekoppelt. Dazu wurde allerdings von Deckel eine (im Vergleich zur ersten Version) entscheidende Änderung vorgenommen:  
Zwei grundsätzlich verschiedene Versionen des DKL-Bajonetts. Rechts die erste Variante mit dem Lichtwert- bzw. Blendenring am Objektiv. Die linke Variante hat keinen Blendenring, sondern dieser befindet sich fest an der Kamera. 
Der Blendenring war ab den neuen Modellen Bestandteil der jeweiligen Kamera und nicht mehr des Objektivs. Fast alles andere am Bajonett blieb gleich, Auflagemaß (44.7 mm), Verriegelung, sonstige Maße und Anordnung der Bajonett-Zungen. Aber auch nur fast! Deckel verkaufte jedem der Kamerahersteller seine eigene Version, in dem es kameraseitig zusätzliche "Nasen" einfügte, die natürlich objektivseitig entsprechende Aussparungen erforderlich machten. Und so existieren heute 7 untereinander inkompatible Varianten dieses von irgendwem mal "Einheitsbajonett" genannten Objektivanschlusses. Die ursprüngliche Variante (ohne Nasen) nimmt tatsächlich alle jemals gebauten DKL-Objektive auf. Richtig verwenden kann man allerdings nur die tatsächlich dafür gedachten, weil den späteren Objektiven ja der eigene Blendenring fehlt.  

6 der insgesamt 7 Varianten des DKL-Bajonettes mit hervorgehobenen Nasen. Fehlt: Baldamatic III

Alle anderen Kameras brauchen wegen der Nasen ihre jeweils eigenen Objektive. Wenn man feinmechanisch geschickt ist und entsprechendes Werkzeug besitzt, kann man aber Kompatibilität ohne Einschränkungen herstellen. Am einfachsten ist es, die Nasen kameraseitig wegzufeilen/fräsen. Dann kann man jedes der Objektive ansetzen. Man kann natürlich auch die Objektive entsprechend modifizieren, am Ende ist das aber eher mehr Aufwand. 
Wer sich das Ganze mit den untereinander inkompatiblen, aber ansonsten identischen Bajonetten ausgedacht hat, bleibt im Nachhinein unklar. War es die Firma Deckel, die jedem der Kamerahersteller ihr eigenes Angebot machen wollte? Oder waren es eher die Kamerafirmen selbst, die sich eine gewisse Marge aus dem Sekundärgeschäft mit den Objektiven sichern wollten?
Wenn man etwas in der Historie der Firma Deckel gräbt, und auch andere Quellen hinzuzieht (siehe Links unten), dann kommt für mich eigentlich nur folgender Grund in Frage: Voigtländer ist der einzige der beteiligten Kamerahersteller, der auch eine eigene Objektivproduktion hatte. Sie hatten also ein begründetes Interesse, dass keine Fremdobjektive zu den Kameras nachgekauft wurden. Jetzt muss man wissen, dass Voigtländer 1956 von Carl Zeiss übernommen wurde. Zeiss wiederum war schon seit Jahrzehnten (unter anderen) Gesellschafter der Firma Deckel und besaß sogar das zentrale Compur Patent. Wenn ein Großer (in diesem Fall Zeiss) das Geschehen kontrolliert, kommt halt sowas raus...
Für die Voigtländer Kameras Bessamatic und die spätere Ultramatic gab es also nur original Voigtländer-Objektive, rechnet man das im Lohn bei Kilfit gefertigten Zoomar dazu. Ansonsten war Schneider-Kreuznach der Hersteller mit den meisten Objektiven und man fertigte für alle Varianten (bis auf Voigtländer und die Iloca Electric). Rodenstock und Steinheil sind noch gut vertreten, ENNA und Staeble fertigten nur für die Braun Paxette Reflex automatic. Die meisten Objektive gab es wohl mit der Retina-Bajonettvariante, einfach weil Kodak sowohl mit den Reflex- als auch den Messsucher-Kameras die meisten Modelle auf dem Markt hatte. Allerdings muss man erwähnen, dass nicht alle Retina-DKL-Objektive die für die Messsucherkameras benötigte Steuerkurve hatten. 

Datenblatt DKL-Bajonett (Fr. Deckel GmbH, München)
Bajonett-Parameter Auflagemaß: 44.7 mm, maximaler Verschluss-Durchmesser: 22.5 mm, Innendurchmesser Blendenring an Kamera: 47mm
   
Bajonett-Variante, Kamera
angebotene Objektive (fett: häufigstes Standard-Objektiv, rot: in meiner Sammlung)
Voigtländer Vitessa-T, Braun Super Colorette 2(B)L Voigtländer: Skoparet 3,4/35, Color-Skopar 2,8/50, Dynaret 4,8/100, Super Dynaret 4/135.
Steinheil: Culmigon 4,5/35, Culminar 2,8/50, Cassarit 2,8/50.
Rodenstock: Eurygon 4/35, Ysarex 2,8/50, Rotelar 4/85 und 4/135.
Schneider: Radiogon 4/35, Xenar 2,8/50, Tele-Arton 4/85
Voigtländer Bessamatic, Ultramatic, Ultramatic CS Voigtländer: Skoparex 3.4/35mm, Skopagon 2/40mm, Color-Skopar X 2.8/50, Color-Lanthar 2.8 /50, Septon 2/50, Dynarex 3.4/90 und 4.8/100, Super-Dynarex 4/135, 4/200mm und 5.6/350, Zoomar 2.8/36-82mm.
Kodak Retina Reflex S, III, IV, Instamatic, Retina IIIS Rodenstock: Eurygon 2,8/30 und 4/35, Heligon 1,9/50,  Ysarex 2,8/50, Rotelar R 4/85 und 4/135.Schneider: Curtagon 4/28 und 2,8/35, Xenon 1,9/50,  Xenar 2,8/45 (Instamatic), Xenar 2,8/50, Tele-Arton 4/85, Tele-Xenar 4/135 und 4,8/200.
Steinheil: Culminar 2,8/50.
Braun Paxette Reflex automatic Schneider: Xenar 2,8/50; Staeble/ENNA: Ultralit 2,8/50; ENNA: Lithagon 3,5/35,  Steinheil: Culmigon 4,5/35, Quinon 1,9/50; Rodenstock: Rotelar R 4/135
Edixa Electronica Schneider: Curtagon 4/28, Curtagon 2,8/35, Xenon 1,9/50, Xenar 2,8/50, Tele-Xenar 4/135.
Steinheil: Culminar 2,8/50, Quinon 1,9/50.
Witt Iloca Electric,  Rodenstock: Eurygon 4/35, Iloca-Heligon 1,9/50, Ysarex 2,8/50, Rotelar 4/135.
Steinheil: Culmigon 4.5/35, Quinon 1.9/50, Culminar 2,8/50.
Balda Baldamatic III Schneider: Curtagon 2,8/35, Xenon 1,9/50, Xenar 2,8/50, Tele-Xenar 4/135
  
Bei KniPPsen weiterlesen Zoomar, Curtagon 4/28, Cassarit 2.8/50, Kodak Retina Reflex S, Braun Super Colorette 2L, Kodak Instamatic Reflex, Voigtlander Bessamatic, Voigtländer Vitessa T, Edixa Electronica, SKL-Bajonett (Braun Paxette Super III), Iloca Electric, Nasen wegfräsen
Links Camera-Wiki, DKL bei Photobutmore; Compur bei Bleckedermoor.de; Riess Fotohistoricum (Compur), Wikipedia (Deckel), 

Die wichtigsten Objektive des Voigtländer-Programms für die Bessamatic und Ultramatic

Das DKL Bajonett war nicht das einzige Bajonett für Zentralverschlusskameras aus der Zeit. Insbesondere das SLK-Bajonett des Deckel Konkurrenten Gauthier ("Prontor") ist hier zu nennen. Allerdings gab es mit diesem Anschluss "nur" sehr wenige Messsucherkameras (z.B. Braun Paxette Super 3, Photavit 36, Regula Super automatic). Auch aus dem fernen Japan und der Zeit habe ich ein Beispiel in meiner Sammlung: Aires 35-V, natürlich mit eigenem Bajonett und einem Seikosha Verschluss. Aber es gab dort noch andere: Minolta Super A und Olympus Ace (beides Messsucher), und später die Kowa SER (SLR).

2020-03-09

Wirgin Edixa Electronica

Zählt eine Kamera als Meilenstein, wenn das sie auszeichnende Merkmal eher in eine technologische Sackgasse führt und die Kamera ein regelrechter Flop am Markt wird? So geschehen mit diesem schicken Exemplar, designed von Heinz Waaske, der später durch die Rollei 35 berühmt werden sollte. Die Kamera war weltweit die erste Spiegelreflex mit Wechselobjektiven, die nach Druck auf die sogenannte Reglertaste die Belichtung vollautomatisch (Blende und Zeit!) mit Hilfe eines eingebauten Elektromotors einstellte. 
Als die Kamera 1962 auf den Markt kam, gab es schon andere Kameras mit Belichtungsautomatik. Hier ein kleiner Überblick:
  • Die allererste war Kodak's Super Six-20 (1938-1944, nur 719 Exemplare wegen des extrem hohen Preises). Eine Faltbalgenkamera für 620er Rollfim (6x9) mit einem Compur Zentralverschluss und einer Blendenautomatik.
  • Die zweite war die ebenfalls sehr teure, aber ansonsten einfache Agfa Automatik 66 von 1956. Sie war eine Weiterentwicklung der Isolette, hatte einen Prontor Zentralverschluss und als erste Kamera überhaupt eine Zeitautomatik!
  • 1959 war DAS Jahr der "einfacheren" Sucherkameras mit Belichtungsautomatik. Es gab insgesamt 6, die sicherlich einflussreichste und auch erfolgreichste war die Agfa Optima. Die anderen: siehe hier. Einige dieser Kameras hatten nur eine Verschlusszeit und waren daher Blendenautomaten, die Optima kontrollierte aber auch den Verschluss zwischen 1/30s udn 1/250 s und war demnach ein Vollautomat!
  • 1959 erschien in Frankreich die Royer Savoyflex Automatic, die erste SLR mit Blendenautomatik (ebenfalls Zentralverschluss).
  • 1961 kam dann noch die Agfa Optima Reflex, eine TLR für den Kleinbildfilm mit der Optima-Technik unter der Haube, also die erste Spiegelreflex mit Vollautomatik.
  • Ebenfalls 1961 erschien die Voigtländer Ultramatic, eine Bessamatic mit Blendenautomatik und mit (fast) dem selben Bajonett und Verschluss der größte Konkurrent der Edixa Electronica.
Alle diese Kameras hatten für die automatische Belichtungseinstellung das selbe Problem zu lösen: Es gab mit der Selenzelle eine einigermaßen zuverlässige Belichtungsmessung, die sogar ihren eigenen Strom erzeugte und daher ohne Batterie auskam. Allerdings ist dieser Strom so klein (im µA Bereich), dass damit gerade einmal die Nadel im Drehspulinstrument bewegt werden, keinesfalls aber die Kraft aufgewendet werden kann, um Blende, Verschlusszeit oder sogar beides automatisch einzustellen.  
Daher bedienen sich alle oben genannten Automatikkameras eines Tricks, indem sie die Fingerkraft des Fotografen verwenden, der eine Taste drückt. Der Ausschlag des Drehspulinstruments wird dabei irgendwie abgegriffen und bestimmt den Umfang der Einstellbewegung. Bei der Optima habe ich es mir mal genauer angeschaut und auch beschrieben.
Im Prinzip macht es die Edixa Electronica nicht viel anders, allerdings wird noch ein batteriebetriebener Elektromotor für die Stellbewegung mit eingespannt. Dieser Elektromotor und die dazugehörigen Batterien machen die Kamera relativ schwer, teuer und vergleichsweise unzuverlässig. Man kann zwar auch ohne Batterie noch alles manuell einstellen, aber das ist recht umständlich per Daumenrad neben dem Okular. 
Wenn man das jetzt mit den direkten Konkurrenten Voigtländer Bessamatic und Kodak Retina Reflex S vergleicht, versteht man, warum die Edixa 1962 eigentlich keine Chance (mehr) am Markt hatte. Beide Konkurrentinnen waren schon seit 1959 auf dem Markt, verwenden das selbe Wechselobjektiv- und Verschluss-System mit jeweils einer sehr praxistauglichen und zuverlässigen Nachführmessung. Auch preislich liegen die beiden unterhalb der Edixa (Bessamatik: 575 DM, Retina Reflex: 629 DM).  

Heinz Waaske hatte sich mit seinem Elektromotor also etwas verrannt. Und zwar in dem Sinne, dass er an seiner Zielgruppe, dem ambitionierten und wohlhabenden Amateur, vorbeigeplant hat. Dieser wollte eigentlich keine halbgare Vollautomatik, sondern hochwertige und zuverlässige Fotografier-Werkzeuge. Der Markt für sein Segment war 1962 schon mit den oben erwähnten Kameras plus Contaflex/Contarex gesättigt. Und dann sprach sich wohl langsam in der Szene rum, was da so aus Japan kommen könnte in Form von Pentax Spotmatik, Topcon RE Super, Minolta SR-2 oder Nikon F. 
Eigentlich hätten Heinz Waaske und sein Arbeitgeber Wirgin gute Vorraussetzungen gehabt, bei den zukünftig gefragten SLR's mitzuspielen. Mit ihrer Edixa-Mat Serie waren sie Anfang der 1960er der einzige westdeutsche Kamerahersteller mit einem Schlitzverschluss und dem universalen M42-Gewinde, dass sowohl Pentax als auch Praktica verwendeten. Man stelle sich vor, Waaske hätte nicht einen Zentralverschluss-Vollautomat mit Elektromotor, sondern eine Schlitzverschluss SLR mit TTL-Messung entwickelt, wer weiß, wie die deutsche Kameraindustrie heute aussehen würden.
Stattdessen war der wirtschaftliche Flop mit der Electronica (es wurde nur ca. 4100 Einheiten gebaut) für Wirgin der Anfang des Niedergangs. Waaske verließ 1965 Wirgin, um bei Rollei seine Kleinbildkamera zu realisieren. Wirgin rannte bei den SLR nur noch dem Trend hinterher. Nach einer ersten Pleite 1968 und Restrukturierung als Edixa GmbH erschien 1970 mit der Edixa Electronica TL (Schlitzverschluss, TTL, M42 !) ein letzter Versuch am Markt, aber auch er chancenlos am nun von den technisch vorbeigezogenen Japanern dominierten Markt. 1972 war wieder Schluss, zusammen mit vielen anderen Spielern der westdeutschen Kameraindustrie.


Aber die vollautomatische Belichtungssteuerung, heutzutage Programmautomatik genannt, war auch nach der Edixa Electronica natürlich ein Thema. Zunächst zielgruppengerecht in vielen Kameras a la Agfa Optima für die breite Masse, die sich eben nicht um Blende und Verschlusszeit kümmern wollten. In meiner Sammlung habe ich zum Beispiel die Polaroid J33 Electric Eye, die Olympus PEN EES-2 und die Yashica EZ-Matic. Aber es gab auch Spiegelreflexkameras, diese allerdings alle zunächst nur mit Zentralverschluss und fest eingebautem Objektiv. Eine davon habe ich mal gehabt und hier vorgestellt: Sears SL9 bzw. Ricoh 35 Flex. Eine echte vollautomatische Belichtungssteuerung an einer SLR mit Wechselobjektiven erschien dann erst wieder 1977 mit der Minolta XD7, damals noch versteckt zwischen den beiden Optionen Zeit- bzw. Blendenautomatik. Unser heutiges Set an MSAP-modes für die Belichtungssteuerung gibt es seit der Canon A-1 im Jahr 1978. 

Datenblatt Erste SLR mit Wechselobjektiven und vollautomatischer Belichtungssteuerung
Objektiv Schneider Xenar 50 mm f/2.8 (4 Linsen in 3 Gruppen, Tessar Typ). Wechselobjektive mit DKL-Bajonett in spezieller Edixa-Version. Erhältliche Wechselobjektive von Schneider und Steinheil von 28 mm bis 135mm
Verschluss Synchro-Compur Zentralverschluss für DKL-Bajonett (hinter dem Objektiv). B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500
Belichtungsmessung Mit Selenzelle, automatische motorische Einstellung des Lichtwertes nach Druck auf die Reglertaste, freie manuelle Wahl der dazu passenden Zeit-Blenden-Kombination. Einstellbereich 18 Lichtwerte, 12-1600 ASA
Fokussierung Manuell am Objektiv, SLR-Mattscheibe mit zentralem Schnittbildindikator.
Sucher SLR, nicht automatisch zurückkehrender Spiegel.
Blitz vollsynchronisiert über Buchse, Wählhebel X und M.
Filmtransport Schnellschalthelbel, Bildzählwerk, Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Stativgwinde 3/8'', Auslöser-Arretierung, ausklappbarer Standfuß, Selbstauslöser
Maße, Gewicht 144 x 104 x 75/61, 962/846 g (m/o Objektiv, ohne Batterien)
Batterie 5 x Mallory RM-1 (1.35V) für den Betrieb des Motors. Manuelle Belichtungseinstellung ohne Batterien möglich.
Baujahr(e) 1962-1965, ca. 4100 Exemplare, diese # 350566 von 1962
Kaufpreis, Wert heute zunächst 650 - 750 DM (mit Objektiv), ab 11/64 250 DM, heute je nach Zustand 200-400€.
Links Kameras für Millionen (Buch über Heinz Wasske von J. Eickmann und U. Vogt, Wittig 1997). Collectiblend, DKL-Bajonett, Klaus-Eckart Riess
Bei KniPPsen weiterlesen... Geschichte der Belichtungsautomatik, Wirgin Edixa-Mat Reflex, Agfa Optima, Agfa Optima Reflex, Pentax Spotmatic, Praktica PL Electronic, Minolta XD7

Und nochmal zurück zu meiner Eingangsfrage: Zählt die Edixa Electronica als Meilenstein. Im engeren Sinn für mich nicht, da sie keine umwerfende neue Technologie eingeführt hat, keiner hat das Konzept später kopiert. Sie ist dennoch eine sehr schicke Kamera und wegen ihrer Seltenheit sicher das Sammeln wert. Ich nenne auch noch andere seltene deutsche SLR mein eigen: King Regula Reflex 2000 CTL, Praktica PL Electronic. Alle drei habe ich nach längerer Marktbeobachtung günstig ersteigert, worauf ich sehr stolz bin. Die beiden mit Electronic im Namen funktionieren nicht mehr vollständig, was nicht an ihrer immer noch soliden Mechanik oder Optik liegt... ;-)

2020-02-23

VEB Belca Beltica (Balda Baldina)

Kommt irgendwem dieses Kameradesign bekannt vor? Na klar, diese Kamera habe ich hier schonmal vorgestellt, und zwar als Balda Jubilette von 1938. Eigentlich heißt die Kamera Baldina, war eine der Konkurrentinnen zur Kodak Retina und wurde ab 1935 angeboten. Gebaut wurde sie vom Balda Werk-Max Baldeweg in Dresden bis 1941 und dann wieder nach Kriegsende von 1946 bis 1950. Max Baldeweg (1877-1955), damals schon Ende 60 verließ bei der Enteignung seiner Firma 1946 Dresden und gründete seine Firma im Westen (Bünde/Westfahlen) neu. Nach Namenstreitigkeiten firmierte das Werk in Dresden dann ab 1951 ein paar Jahre unter dem Namen VEB Belca und wurde letztendlich vom VEB Pentacon absorbiert. Aus der Baldina wurde 1951 die Beltica, auch der VEB-eigene Verschluss hieß nun Cludor. Ansonsten änderte sich nicht viel. Balda im Westen produzierte ab 1951 eine sehr ähnliche Kamera unter dem Namen Baldinette. 

Die Beltica von 1951 neben ihrer Ahnin Jubilette von 1938.
Mein Exemplar habe ich auf der Kamerabörse in Groß-Umstadt gefunden. Sie ist sehr gut erhalten und im Prinzip fotografierbereit. Hier und da ein paar "Zeiss Bumps", ansonsten in einem sehr gepflegten Zustand. Technisch gesehen, ist die Kamera kein Meilenstein, die wesentliche Neuerung im Vergleich zum Vorkriegsmodell ist die T-Vergütung des Objektivs. Aber ihr Beispiel ist irgendwie ein Zeitzeugnis, sowohl für den Stillstand bei der technischen Entwicklung, den der Krieg erzeugte, als auch für die Geschichte der deutschen Teilung.  


Datenblatt Faltbalgen-Sucherkamera für KB-Film (135)
Objektiv Carl-Zeiss Jena Tessar 5cm f/3.5 (4 Linsen, vergütet). Auch mit Meyer Trioplan oder Ludwig Meritar erhältlich.
Verschluss Cludor Zentralverschluss, B-1-2-5-10-25-50-100-200. Muss einzeln gespannt werden, allerdings Auslöser am Gehäuse.
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell durch Verschieben des gesamten Objektivs (ab 0.8 m), keine Scharfstellhilfe.
Suchereinfacher, Fernrohrsucher, mit Parallaxenkorrektur-Drehrad. 
Blitz Blitzbuchse am Verschluss.
Filmtransport Mit Drehknopf auf der Unterseite, Bildzählwerk (vorwärtszählend), Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Gehäuseauslöser, Anschluss für ISO-Drahtauslöser, Stativgewinde 3/8", Trageschlaufe.
Maße, Gewicht ca. 123x83x38 mm,  442 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1951-(?), davor von 1946-1950 als  Balda Baldina. Diese hier laut Objektiv-Seriennummer von 1951.
Kaufpreis, Wert heute 260 M (1951), heute ca. 30 €.
externe Quellen und Links Camera-Wiki, Instruction manual (english), Die-Fischers-Online, Fotoapparate Meier, Dresdener Kameras, Wikipedia, Lippisches Kameramuseum
bei KniPPsen weiterlesenBalda Jubilette, Kodak Retina (118), Kodak Retina (010), Kodak Retina (126), Welta Welti, Zeiss Ikon Tenax I.

2020-01-26

Zeh Goldi 3x4


Und hier noch eine 3x4-Kamera aus den frühen 1930er Jahren: Es ist die andere neben der Welta Gucki, die ich auf der Fotobörse in Groß-Umstadt gekauft habe. Schon auf der Veranstaltung haben der Verkäufer und ich die Kamera nicht genau benennen bzw. zuordnen können, denn es fehlt jeglicher Name oder Aufdruck. Nur Objektiv und Verschluss sind klar bezeichnet, aber diese Kombination konnte in den 1930er Jahren an vielen Kameras angetroffen werden. Später dann zuhause konnte ich zumindest das Design klar der Zeh Goldi zuordnen. Ihr Hersteller, das Paul Zeh Kamerawerk in Dresden, hat diese Kamera selber unter verschiedenen Namen vermarktet (Goldi, Imperial, Bafo, Coloprint), aber auch für andere gebaut. Hier sind zu nennen Ralik/Ralikona (Friedrich Laetsch, Frankfurt) Renox (Herlango, Wien), Weston (Burke&James, Chicago), Rhaco/Racofix (Richard Hennig, Frankfurt). Besonders bekannt ist die Version Ysella für Rodenstock, hier meist mit dem f/2,9 Trinar. Die allermeisten dieser Kameras allerdings ziert ihr Name, geprägt auf das Stückchen Leder oberhalb des Objektivs. Die Zeh eigenen Kameras hatten außerdem ein weißes Zeca-Logo unterhalb des Objektivs auf der Rückseite der geöffneten Kameraklappe. Beides fehlt bei meinem Exemplar!
Und dann gibt es mit der Baby Rosen noch eine japanische Kopie der Zeh Goldi. Und das interessante daran ist, dass genau diese Kombination von Objektiv und Verschluss mit ihr in einer Anzeige von September 1936 erwähnt wird. Jetzt fände ich es natürlich phänomenal, wenn ich genau solch eine japanische Kopie ergattert hätte, beweisen kann ich es nicht. Die Kamera selbst gibt nichts her an möglichen Hinweisen für oder wider. Ich persönlich finde es eher unwahrscheinlich, dass es sich um eine japanische Kopie handelt. Viel wahrscheinlicher ist es für mich, dass es sich bei den in der japanischen Anzeige erwähnten Kameras mit dem Corygon nicht um Kopien, sondern um Importe aus Deutschland handelt. Zeh hätte in einem solchen Szenario um 1935/1936 einen Auslass für Kameras gehabt, die in der Heimat (wegen Retina und Co.) keiner mehr haben wollte. Dass man für den japanischen Markt auf eine Namensprägung verzichtet, ist fast logisch. Einige dieser Kameras mögen dann erst gar nicht den Weg nach Japan gefunden haben. Auch diese Theorie kann ich mit der Kamera alleine nicht beweisen, ich werde ihr aber noch weiter nachgehen. Falls jemand Hinweise hat, bitte unten per Kommentar melden.

Datenblattfrühe Halbformat (3x4 cm) Kamera für den 127er Rollfilm
Objektiv C. Friedrich Corygon-Anastigmat 5cm f/4.5. Auch mit anderen Objektiven erhältlich. Objektiv per Balgen und Spreizenmechanismus unter Frontklappe versenkbar. 
Verschluss Pronto Zentralverschluss (Gauthier), T-B-100-50-25. Auch mit anderen Zentralverschlüssen erhältlich. Keine Doppelbelichtungssperre. 
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab ca. 1m) durch Verschieben der Frontlinse
Sucherausklappbarer optischer Sucher.
BlitzKein Anschluss vorgesehen.
Filmtransport Mit Drehknopf auf Kameraoberseite, doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat.
sonst. Ausstattung Ausklappbarer Standfuß, Stativgewinde 3/8", Anschluss für Drahtauslöser, Selbstauslöser (am Pronto-S)
Maße, Gewicht ca. 115 x 70 x 35/66 mm (geschlossen, offen), 372 g 
Batterie keine
Baujahr(e) ca. 1930-1932, verkauft bis mindestens 1936, siehe Text.
Kaufpreis, Wert heute in dieser Version ca. 40 RM. Heutiger Wert je nach Zustand ca. 50-150 €.
externe Quellen und Links Mike Eckman, Classic Camera Collection, Camera-Wiki, 127er Rollfilm, Collectiblend, Baby Rosen, Zeh Coloprint (Emtus), AJCCC
bei KniPPsen weiterlesenVerschwinden der 3x4-Kameras, Foth Derby, Ferrania Tanit, Gevaert 127er Film, Rollfilm 127, Ising Puck, Welta Gucki, Korelle 3x4