2019-06-02

Zeiss Ikon Tenax I (570/27)


Gleich zwei Zeiss Ikon Tenax I (Zeiss-Nr. 570/27) habe ich gestern meiner Sammlung hinzugefügt. Und das kam so: Bei meiner Recherche über Hubert Nerwin neulich bin ich natürlich über die Tenax und ihren Schnellschalthebel gestolpert, was mein Interesse geweckt hat. Gemeint wird meistens die Tenax II (580/27), eine Messsucherkamera mit Wechselobjektiven, die nicht nur bei ihrem Erscheinen 1938 einen stolzen Preis hatte (335 RM), sondern auch heute noch bei Sammlern heiß begehrt und entsprechend teuer ist (ca. 400 - 500 €). Es gibt aber auch die kleine Schwester Tenax I (570/27), ohne Messsucher und Wechseloptik, dafür aber mit dem Schnellschalthebel. Ich habe also auf e-bay bei einer günstigen Auktion mitgeboten und gewonnen, und erst beim nachträglichen Recherchieren realisiert, dass ich ein Nachkriegsmodell aus DDR-Produktion erworben hatte. Noch bevor die Kamera bei mir ankam, habe ich eine weitere Auktion gewonnen, diesmal das originale Vorkriegsmodell von 1938. 
Zweimal Tenax I: Links das Nachkriegsmodell (1948-1953), rechts das Original (1939-1941)
Das Bild oben zeigt schon die augenfälligsten Unterschiede, der ansonsten fast baugleichen Kameras. Die rechte ist das Original von 1938, bei ihr steht noch "Compur" unter dem Wort TENAX. Die Objektivbezeichnung (NOVAR-Anastigmat 1:3,5 f=3,5 cm) steht weiß auf schwarz direkt innen um die Frontlinse herum. Beim Nachkriegsmodell links ist diese Bezeichnung einen Ring nach außen gerutscht (schwarz auf silber), dafür ist die Tiefenschärfe-Skala nun als schwarzer Ring realisiert. Es gibt noch weitere, meist kleinere rein ästhetische Unterschiede. Technisch gibt es nur zwei: Das Vorkriegsmodell hat einen Drahtauslöseranschluss, an dessen Stelle gibt es beim VEB-Modell eine Blitzbuchse. Und, das Objektiv ist bei der Nachkriegskamera nun vergütet und schimmert leicht bläulich.

Weitere Bilder zum Vorkriegsmodell (Baujahr 1939), #H95897

Das Vorkriegsmodell (570/27) wurde auf der Frühjahrsmesse 1939 in Leipzig vorgestellt und kam im selben Jahr für 98 RM in den Handel. Mit ihren äußeren Dimensionen ist sie wirklich Hosentaschen-tauglich. Mit dem Schnellspannhebel, etwas ungewöhnlich mit dem linken Zeigefinger zu bedienen, hatte sie ein Alleinstellungsmerkmal, zumindest in ihrer Klasse. So etwas (also gleichzeitiger Filmtransport und Verschluss-Spannen) gab es damals nur bei ihrer großen Schwester Tenax II (auch 24x24 mm, 298 RM), oder der Kine-Exakta (ca. 300 RM). Nur die Robot mit ihrem Federmotor war bei der möglichen Bildfrequenz schneller, auch sie hatte das 24x24 mm Bildformat, spielte aber mit ca. 200 RM in einer anderen Liga. Die Tenax I zielte als bei Preis, Größe und Features auf Kameras wie Kodak's Retina I, oder die sehr ähnlichen Baldina und Welti. Die hatten alle 24x36 mm, aber eben keinen Schnellschalthebel.
Die Produktion in Dresden wurde kriegsbedingt schon 1941 eingestellt. Zeiss Ikon typisch beginnen die Seriennummern mit einem Buchstaben. Bekannt sind drei Serien H, J und M; für H habe ich  Nummern zwischen 87500 und 97500 gesehen, bei J zwischen 78000 und 88000, bei M von 40000 bis 47000. Ich schätze die Vorkriegsproduktion also mal auf ca. 27.000 Exemplare.  

Bilder des Nachkriegsmodells (ca. 1952), #88328

Nach dem Krieg ging es 1948 mit der Produktion in Dresden wieder los. Die Firma dort hieß jetzt VEB Zeiss Ikon, viele der ehemaligen Ingenieure (wie Hubert Nerwin) waren inzwischen bei der westdeutschen Zeiss Ikon in Stuttgart. Erste Nachkriegskameras wurden wohl noch mit dem Compur-Verschluss von Deckel aus München gebaut, aber wegen den Handelsbeschränkungen wurde dieser bald durch den ostdeutschen Tempor-Verschluss ersetzt. Dafür bekam die Kamera eine Blitzsynchronbuchse, an der Stelle, wo zuvor der Drahtauslöser angeschlossen wurde. Die Seriennummern haben jetzt keinen Buchstaben mehr. Ich kenne bisher vier- oder fünfstellige Zahlen zwischen 6.000 und 90.000, damit schätze ich mal ca. 90.000 Exemplare über fast 5 Produktionsjahre. Im Jahr 1953 gab es etwas Modellpflege, der unzeitgemäße Aufklappsucher wurde durch einen eingebauten Fernrohrsucher ersetzt. Dieses Modell wurde kurz nach Erscheinen in Taxona umbenannt, da die ostdeutsche Zeiss Ikon auch noch im Namensstreit mit der westdeutschen Schwester viele Modellnamen verlor. Die Taxona wurde dann noch bis 1959 gebaut, vermutlich in erklecklichen Stückzahlen, die Seriennummern waren zumindest 6-stellig. 
Die Tenax ist eine coole kleine Kamera, ich habe bereits den ersten Film eingelegt und werde demnächst von meinen Erfahrungen damit berichten.     

Datenblatt Sucherkamera für das Format 24x24 auf KB-Film (135)
Objektiv Novar-Anastigmat 35mm f/3.5 (3 Linsen). Spätere Baureihe 111/23 auch mit Tessar 37.5 mm f/3.5 oder Tessar 35mm f/2.8 (selten) erhältlich.
Verschluss Compur Zentralverschluss, B-1-2-5-10-25-50-100-300. (Dieser #1.344.446). Spätere Baureihe 111/23 mit Tempor Verschluss.
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab 1 m), keine Scharfstellhilfe.
Suchereinfacher, aufklappbarer Newton-Sucher.
Blitz Synchronbuchse, nur bei späterem Modell 111/23.
Filmtransport Schnellspannhebel für den linken Zeigenfinder, Doppelbelichtungssperre, Bildzählwerk (vorwärtszählend 0-50), Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8", ISO-Drahtauslöser nur bei Vorkriegsmodell 570/27, Keine Trageösen, Bereitschaftstasche als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 109x65x45 mm, 340 g 
Batterie keine
Baujahr(e) (570/27): 1939-1941 in drei Serien H, J und M, ca. 27.000 Exemplare.
(111/23): 1948-1953, ca. 90.000 Exemplare ?
Kaufpreis, Wert heute 98 RM (1939), heute ca. 40 €.
Links Camera-wikiCollectiblendWikipediaDas-Kriegsende.deIndustrie- und Filmmuseum WolfenCameraBits & Pieces (Teil 1)CameraBits & Pieces (Teil 2 mit Reparatur)John's Cameras, Taxona Bedienungsanleitung

4 Kommentare:

  1. Hallo, seh ich das so richtig. Bei der Original alten Kamera von Baujahr 1939 bis 1942 ist auf dem Sucher zwei Stiffte oder Nieten, und bei der 1948 fehlt dies ?

    Und unterhalb der Linse muss bei 1939 bis 1942 Modell Tenax Compur draufstehen?

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    1. Oder erkennt man das auch an der Seriennummer?

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    2. Hallo Stefan, die Nieten oder Stifte auf dem Sucher gehören zu den kleineren Unterschiede, ich weiß aber nicht, ob das wirklich ein Kriterium für die Einordnung Vor/Nachkrieg ist. Über die sonstigen Unterschiede habe ich glaube ich genug im Text geschrieben, an der Seriennummer kann man es auf alle Fälle festmachen.

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  2. Hallo, Some time ago I found a Tenax 1 with thisserial NO M41299 in a web auction up here in Finland. Cheers, Hannu

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