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2024-11-23

Penti I


Über die coole DDR-Taschenhalbformat-Kamera Penti habe ich schon vor fast 3 Jahren hier geschrieben, Damals war es das komplett ausgestattete Modell Penti II mit eingebautem Selen-Belichtungsmesser und Nachführmessung. Es gab aber auch (gebaut von ca. 1961 bis 1966) diese einfachere und ein Drittel günstigere Version Penti I ohne Belichtungsmesser. Da die Gehäuse indentisch sind, kann man beide Versionen leicht verwechseln, es steht aber jeweils "Penti I" oder "Penti II" unterhalb des Objektivs. Interessanterweise kann man auch an der Petnti I die Filmempfindlichkeit einstellen, hier allerdings nur als Merkhilfe.
Dieses Exemplar habe ich neulich auf einem Flohmarkt von der Erstbesitzerin erwerben können. Es hat ein paar Gebrauchsspuren ist aber ansonsten voll funktionsfähig. Die (kunst-)lederne Bereitschaftstasche war auch dabei. Für die ganze Geschichte zur Kamera bitte meinen anderen Beitrag lesen und den Links unten folgen...

Datenblatt kompakte Halbformat-Kamera (18x24mm) für die SL-Kassette
Objektiv Meyer Domiplan 30 mm f/3.5 (Triplet)
Verschluss selbst-spannender Zentralverschluss, B-30-60-125
Belichtungsmessung keine
Fokussierung manuell, keine Scharfstellhilfe, kürzeste Entfernung: 1m
Sucher optischer Durchsichtsucher (hochkant) mit Leuchtrahmen und Parallaxenmarkierung, 
Blitz Anschluss über PC-Buchse an der Kameraoberseite, X-Synchronisation bei allen Zeiten, FP bei 1/30s
Filmtransport mittels Schiebestange (ca. 2.5cm Hub) auf der linken Seite, die beim Auslösen ausfährt und beim Reinschieben den Film von der Filmpatrone in die leere Aufnahmenpatrone schiebt. Keine Rückspulung notwendig. Zählwerk (vorwärts von 1-24), manuelle Rückstellung mit durch Rückwand verborgenem Zahrad.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (kalt), ISO-Drahtauslöser, ¼'' Stativgewinde, M18x0.5 Filtergewinde, Öse für Handschlaufe
Maße, Gewichtca. 109 x 76 x 47 mm, 261g (ohne Film und Leerpatrone)
Batterie keine
Baujahr(e) 1961-1977, ca. 800,000 Exemplare (alle 3 Versionen), davon die meisten von der Penti II. Penti I Produktion wurde angeblich schon 1966 eingestellt, die Kamera war aber noch länger im Verkaufsprogramm. Diese Kamera #429672 von ca. 1966.
Kaufpreis, Wert heute 109 Mark (DDR), plus 16.95 Mark für die Bereitschaftstasche, heute je nach Zustand 5-30 €. Sammler zahlen für die farbigen Varianten auch mehr.
Links Dresdner-Kameras.de, Camera-Wiki, Optiksammlung, Bedienungsanleitung,  Mike Eckman, Zeissikonveb.de, Günter Posch
Bei KniPPsen weiterlesen Penti IIKorelle K, Agfa KaratRapid-Film verwenden, Olympus PEN, Pentacon Electra

2022-08-27

Revue SP (Konica Auto-Reflex P)

Ich bin schon länger auf der Suche nach ihrer großen Schwester: Konica Auto-Reflex. Diese ist eine Meilenstein-SLR, nämlich die erste moderne (Schlitzverschluss-) SLR mit einer Belichtungsautomatik (Blendenautomatik). Aber da ist noch was: Sie ist die einzige Kamera, die es erlaubte, zwischen den beiden Bildformaten 24x36 und 18x24 (Halbformat) umzuschalten, und das sogar jederzeit mitten im Film. Dieses Feature hat sie mit dieser abgespeckten Version gemein (ohne Belichtungsmesser und -automatik), ansonsten sind die Kameras identisch und ich zähle sie bzgl. dieser Eigenschaft als eine Kamerakonstruktion. Konica hat diese Version "Auto-Reflex P" genannt und in Deutschland wurde sie über Foto-Quelle als Revue SP vermarktet. Die eigentliche Auto-Reflex hieß auch unter der Marke Revue so. 

In Sammlerkreisen erzielen alle Namensvarianten ganz ordentliche Preise und zwar unabhängig davon, ob Revue oder Konica draufsteht. Ursprünglich war die abgespeckte Version natürlich preiswerter. Da sie aber viel seltener verkauft (und damit gebaut) wurde, ist sie heute die teurere Sammlerkamera. Mir lief also diese Revue SP über den Weg und zu meiner eigenen Überraschung war mein relativ günstiges Gebot trotz des lichtstarken Normalobjektivs erfolgreich. Ich werde aber trotzdem weiter die Augen nach der „echten“ Auto-Reflex aufhalten.

Das Umschalten von Voll- auf Halbformat erfolgt bei der Kamera ganz einfach mit einem kleinen Hebel auf der Kameraoberseite, wie man auf meinem Bild (GIF) sehen kann. Dabei passieren drei Dinge gleichzeitig: 1) zwei Blenden werden von links und rechts in das Bildfenster geschwenkt, 2) im Sucher erscheinen von oben zwei kleine schwarze Dreiecke, die nochmal deutlich auf die permanent eingeritzten Halbformatmarkierungslinien hinweisen, 3) der Filmtransportmechanismus wird auf halben Vorschub umgestellt, so dass auf einen 36er Film bis zu 72 hochformatige Negative passen. Man kann zu beliebiger Zeit umstellen, allerdings wird in der Anleitung deutlich darauf hingewiesen, dass jeweils bei 24x36-Stellung transportiert werden sollte, d.h. bei Halbierung des Formates den Film VOR dem Umschalten transportieren, bei Verdoppelung NACH dem Umschalten. Sonst drohen überlappende Negative.

Die Tatsache, dass sie die einzige Kleinbild-Kamera mit diesem Feature ist, spricht Bände. Zwar war das Halbformat in den 60er Jahren insbesondere in Japan sehr populär (siehe die Olympus PEN-F und andere in meiner Sammlung), aber dessen Zweck war neben der doppelten Bilderzahl pro Film insbesondere der Bau kompakter Kameras. Die Konica hier war aber mit fast einem Kilogramm Kampfgewicht eher das Gegenteil von kompakt. Außerdem erfordert das Halbformat eine Normalbrennweite von 30 mm (heute würde man von einem Crop-Faktor 1.44 sprechen), d.h. die mitgelieferte Normalbrennweiten von 52 oder wie hier 57 mm entsprachen leichten Teleobjektiven. Wo war also der Vorteil des eingebauten optionalen Halbformats? Ich denke, Konica‘s Management hat bald eingesehen, dass das niemand wirklich braucht und ihre Konkurrenten haben sich heimlich gefreut, nicht selbst Geld in dieses Feature investiert zu haben. Die eigentliche Auto-Reflex war eine sehr erfolgreiche Kamera wegen der Blendenautomatik, die abgespeckte Version riss kaum jemanden vom Hocker, trotz Halbformat-Umschalter!

Datenblatt Einzige KB-SLR mit umschaltbarem Format 24x36 und 18x24 (zusammen mit der automatischen Schwester Auto-Reflex im selben Gehäuse)
Objektiv Konica AR Bajonett, hier mit Hexanon 57 mm f/1.4 (Gauß-Typ, 6 Linsen in 5 Gruppen, #5760574)
Verschluss vertikaler, mechanischer Metall-Schlitzverschluss (Copal Square), B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500-1000 1/s. 
Belichtungsmessung keine, Aufsteckbelichtungsmesser für das Zeitenrad erhältlich. Die Kamera war die Einfachversion der Konica Auto-Reflex mit eingebautem (kein TTL) CdS-Beli und Blendenautomatik.
Fokussierung Mattscheibe mit Mikroprismen im Zentrum.
Sucher Spiegelreflex mit Rückschwingspiegel. Halbformatmarkierungen. 
Blitz M und X Buchse. X-Synchronzeit 1/125 s.
Filmtransport mit Schnellschalthebel, Rückspulkurbel. Bildzählwerk (vorwärts) zählt im Halbformatmodus nur jedes zweite mal hoch.
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Stativgewinde 1/4‘‘, Filmmerkscheibe, Drahtauslöseranschluss, als Zubehör: Zubehörschuh zum Aufstecken, Belichtungsmesser
Maße, Gewicht ca. 142x94x46, 682 g (ohne Objektiv), 965g (mit 1.4/57)
Batterie keine
Baujahr(e) 1966-1968, #852502
Kaufpreis, Wert heute ca. 200 US$ (1966), ca. 200 €
Links Konicafilesbuhla.de, Camera-Wiki, Wikipedia, Bedienungsanleitung (Auto-Reflex, mehrsprachig), Mike Eckman, Konica-collector.org
Bei KniPPsen weiterlesen Konica Autoreflex TCKonica TC-X, Konica FS-1, Konica C35V, Konica C35AF







2022-07-17

Nagel Vollenda 48 (Version 1 vs. Version 2)

Mein heutiger Post ist die Fortsetzung meines Beitrags vom 14. März 2021. Diesmal geht es um die Unterschiede der beiden Versionen, die es von der Kamera gab und ein paar weitere Kleinigkeiten. 

Anlass war (wie sollte es auch anders sein...) der Fund der Kamera links auf einer bekannten online-Auktionsplattform. Irgendwas stimmte bei diesem Angebot nicht und nach kurzem Überlegen kam ich drauf: Das Objektiv (ein Ysar 5 cm f/3.5, Rodenstock's Tessar Variante) passt nicht zur Kamera. Zunächst glaubte ich an eine seltene und dementsprechend wertvolle Variante, aber kurzes Recherchieren machte diesen Traum schnell wieder zunichte. 

Das Ysar mit 5 cm Brennweite gab es in den späten 1940er Jahren z.B. an der Kodak Retina I (Modell 010) und die Seriennummer des Objektivs (2024049) zeigt klar auf 1945. Auch auf dem Bild sieht man es deutlich: das hell strahlend leuchtende Aluminium der Objektivfassung beißt sich fast mit dem gediegenen Glanz des Vorkriegs-Nickels der restlichen Kamera. Jemand hatte also später das Objektiv getauscht, was ich zum Zweck der besseren Authentizität für die folgenden Aufnahmen wieder rückgängig gemacht habe. Meine Retina I (118, von 1935) hat ihrer Tante Vollenda dafür das Schneider Xenar 5 cm f/3.5 geliehen:
Frühe Version (links) in Einfachausstattung vs. spätere Version (rechts)
mit gehobener Ausstattung und extra Zubehör.

Ich bin besonders froh, dass ich nun mit den beiden Vollendas nicht nur die konstruktiven Änderungen zwischen Version 1 (bis ca. Seriennummer 126xxx) und Version 2 zeigen kann, sondern auch fast das gesamte Ausstattungsspektrum abdecke. Am einfachsten lässt sich die frühe Version am zylindrischen Drehknopf für den Filmtransport (mit der Beschriftung "Dr. August Nagel, Stuttgart") erkennen. Die spätere Version hat an der Stelle einen Drehschlüssel, der mit "Made in Germany" beschriftet ist. Daneben änderte sich noch der Rückwandverschluss, der in der zweiten Variante nun über die gesamte Kamerahöhe geht. Nur im direkten Vergleich nebeneinander erkennt man den breiteren Balgen der späten Version und die Änderung der Form der Metallplatte auf der Verschluss und Objektiv montiert sind. 
Auf diesem Bild sind fast alle Unterschiede und Ausstattungsvarianten gut sichtbar, siehe Text. 
Natürlich fallen die gehobenen Auststattungsmerkmale der späteren Version auf, diese gab es aber z.T. schon an frühen Kameras: 1) Der Compur-Verschluss und einen extra Schneckengang (2) zum Scharfstellen, der das komplette Objektiv samt Verschluss bewegt. (3) Ein optischer Sucher und (4) ein sog. "mechanischer Tiefenschärfer" (rechts obern auf der Kamera).  
 
Meine Kamera trägt die Seriennummer 150638 und läßt sich damit ins Jahr 1932 einsortieren, was auch durch die Seriennummer 2583829 des Compur-Verschlusses bestätigt wird. Sie ist nicht ganz so gut erhalten wie meine ältere Version 1, aber voll funktionstüchtig. Ich hoffe nur, dass das nachträglich eingebaute Ysar auch ordentlich justiert ist, mit Film ausprobiert habe ich es (bisher) nicht. 

Datenblatt Faltbalgenkamera für 3x4 cm Negative auf Rollfilm 127.
Zweite Version der Vollenda 48.
Objektiv Kamera war erhältlich mit Schneider Radionar 5 cm f/4.5 oder Radionar f/3.5, beide mit Frontlinsenfokussierung. Gehobene Ausstattung mit Schneckengang: Schneider Xenar f/3.5, oder f/2.9, Leitz Elmar f/3.5 oder Carl Zeiss Tessar f/3.5 oder f/2.8. (Das oben abgebildete Rodenstock Ysar ist von 1945 und wurde nachträglich ausgetauscht).
Verschluss Compur Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 (gehobene Ausstattung, einfache Version mit Pronto-S oder Nagel-Verschluss). Späte Kameras auch mit dem Compur-Rapid.
Fokussierung Mittels Schneckengang und Verschieben des gesamten Objektivs.
Sucher Optischer Aufklappsucher. Einfache Versionen haben einen  Aufklappsucher ohne optische Elemente.
Filmtransport Mittels Drehknopf (früher Version) oder Drehschlüssel (ab ca. Ende 1931), doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', Anschlussgewinde für Drahtauslöser
Maße, Gewicht ca. 33x76x110 mm (zusammengeklappt),  350 g
Baujahr(e) 1931-1933 und 1936,  ab Ende 1932 als Kodak Vollenda 48. Insgesamt ca. 43,000 Exemplare, davon ca. 30,000 im Jahr 1931.
Kaufpreis, Wert heute in dieser Version (Xenar) 88 RM, mit Tessar f/2.8 bis zu 129 RM. Wert heute je nach Zustand und Ausstattung 50-150 €
Links Camera-WikiUKCamera (Archiv), Living Image, Blende und Zeit Forum 
Bei KniPPsen weiterlesen Version 1August Nagel, Nagel/Kodak Vorkriegsproduktion in ZahlenKodak Vollenda 620, 3x4-Kameras von 1931, Nagel Pupille, Compur Seriennummern, 127 Film

2021-12-29

Penti II

Diese Penti II besitze ich schon seit über 5 Jahren, irgendwann hat sie ihren Platz bei den anderen Halbformatkameras in der Vitrine gefunden, trotzdem ist sie mir hier in der virtuellen Sammlung bisher durchgerutscht. Aber jetzt soll sie auch hier den ihr gebührenden Platz bekommen. 

Über die Kamera und ihre Geschichte ist schon viel geschrieben worden (auch widersprüchlich), die besten Web-sites habe ich unten unter Links in der Tabelle aufgeführt. Ich möchte daher hier nur die für mich besonderen Aspekte betonen und begründen, warum sie in jede anspruchsvolle Kamerasammlung gehört: Sie ist ein Design-Juwel, auch wenn ihr goldenes Kleid und die abgerundete Formensprache heute nicht mehr den Zeitgeschmack treffen. Technisch hingegen, sowohl für den Fotografen als auch ihre Produzenten kann sie für mich volle Punktzahl einfahren. Ihre genial simple Konstruktion mit einem zentralen Kunststoffrahmen, der auf der Rückseite das Filmhandling und auf der Vorderseite die restliche Fotomechanik, -optik und -elektrik aufnimmt, beides abgedeckt mit jeweils einem Deckel aus gestanztem Aluminiumblech, der innen schwarz lackiert und außen golden eloxiert wurde, erlaubte einen sehr einfachen und damit preiswerten Produktionsablauf.  


Die Wahl der alten Karat-Patrone in Kombination mit dem Halbformat war neu und wirklich innovativ, erlaubte es doch eine wirkliche Hosen- oder besser Handtaschen-Größe. Wirklich genial zu Ende gedacht ist aber die Sache mit der Schiebestange, die nach dem Auslösen per Federkraft aus der linken Kameraseite ausfährt. Ihr Zurückschieben transportiert den Film in die Aufnahmepatrone, denn beim Karat-, Rapid- bzw. im DDR-Jargon SL- ("Schnell-Lade") System gibt es kein Wickeln und kein Ziehen, sondern nur Schieben. Dadurch kommt die Konstruktion der Penti fast ohne drehende Teile, Achsen und Kugellager aus, lediglich das Filmzählwerk dreht sich noch.

Aber auch für den Fotografen ist fast alles dabei: Die Kamera ist nur etwas größer als eine Zigarettenschachtel und wiegt mit Film unter 300g. Der Blick durch den hellen Sucher mit Leuchtrahmen zeigt die Nadeln des Selen-Belichtungsmessers und der Zeit-Blendenkombination, die man nur zur Deckung bringen muss. Lediglich das Scharfstellen bleibt (wie üblich) der Schätzometrie überlassen. Blitzgeräte können per Kabel angeschlossen werden. Im elegant in den Kamerarahmen integrierten Zubehörschuh gibt es eine metallene Federplatte, die aber leider nicht als Mittenkontakt ausgeführt wurde. 

Mit nur 155 Mark war sie auch in der DDR vergleichsweise erschwinglich. Da verwundert es nicht, dass sie mit ihrem Eigenschaftsprofil zu einem Best- und Longseller avancierte. Angeblich wurden von 1961 bis 1977 ca. 800,000 Exemplare gebaut und sie gehört damit zu den erfolgreichsten deutschen Nachkriegskameras. Die überwiegende Zahl entfällt auf dieses Modell II, die einfacheren Modelle Penti I und die Ur-Penti/Orix hatten keinen Belichtungsmesser und wurden jeweils nur kurze Zeit gebaut.

Bei mir steht sie in der Vitrine neben anderen Halbformatkameras, aber auch anderen kompakten Taschenkameras wie der Tenax und dem späteren anderen Design-Juwel Olympus XA, mit denen ich sie durchaus vergleichen möchte. 

Datenblatt kompakte Halbformat-Kamera (18x24mm) für die SL-Kassette
Objektiv Meyer Domiplan 30 mm f/3.5 (Triplet)
Verschluss selbst-spannender Zentralverschluss, B-30-60-125
Belichtungsmessung Nachführ-Belichtungs-"automatik" mit Selenzelle und zwei in Deckung zu bringenden Zeigern im Sucher. 15-24 DIN (manuell einzustellen)
Fokussierung manuell, keine Scharfstellhilfe, kürzeste Entfernung: 1m
Sucher optischer Durchsichtsucher (hochkant) mit Leuchtrahmen und Parallaxenmarkierung, Anzeigenadeln des Belichtungsmessers.
Blitz Anschluss über PC-Buchse an der Kameraoberseite, X-Synchronisation bei allen Zeiten, FP bei 1/30s
Filmtransport mittels Schiebestange (ca. 2.5cm Hub) auf der linken Seite, die beim Auslösen ausfährt und beim Reinschieben den Film von der Filmpatrone in die leere Aufnahmenpatrone schiebt. Keine Rückspulung notwendig. Zählwerk (vorwärts von 1-24), manuelle Rückstellung mit durch Rückwand verborgenem Zahrad.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (kalt), ISO-Drahtauslöser, ¼'' Stativgewinde, M18x0.5 Filtergewinde, Öse für Handschlaufe
Maße, Gewichtca. 109 x 76 x 47 mm, 261g (ohne Film und Leerpatrone)
Batterie keine
Baujahr(e) 1961-1977, ca. 800,000 Exemplare (alle 3 Versionen), davon die meisten von der Penti II. Diese Kamera #236932 von ca. 1965 
Kaufpreis, Wert heute 155 Mark (DDR), 49.50 DM, heute je nach Zustand 5-30 €. Sammler zahlen für die farbigen Varianten auch mehr.
Links Dresdner-Kameras.de, Camera-Wiki, Optiksammlung, Bedienungsanleitung,  Mike Eckman, Zeissikonveb.de, Günter Posch
Bei KniPPsen weiterlesen Korelle K, Agfa KaratRapid-Film verwenden, Olympus PEN, Pentacon Electra

2021-03-14

Nagel Vollenda 48

Meine 3x4-Kamerasammlung wächst weiter, die Nagel Vollenda 48 ist schon die elfte dieser Halbformatkameras für den 127er Rollfilm, sowie die neunte aus deren kurzer Blütezeit um 1931. Es ist schon die zweite aus dem Dr. August Nagel Kamerawerk in Stuttgart. Die erste war die Pupille, die auch 1931 kurz vor der Vollenda auf den Markt kam. Beide spielen trotz einiger Gemeinsamkeiten in verschiedenen Ligen. Die Pupille ist mit ihrem großen und präzisem Schneckengang, dem hochwertigen Leitz Elmar und dem Compurverschluss ein super-kompaktes Stück Messing für den gehobenen Foto-Amateur. Die direkte Wettbewerberin hieß Leica! Die Vollenda 48 hingegen war (in der hier gezeigten Ausstattung) auch preislich der Einstieg in die Kleinfilm-Klasse. Mit ihrem Aluminiumblech-Gehäuse, dem einfachen Pronto-S Verschluss und dem dreilinsigen Radionar mit Frontlinsenfokussierung kostete sie weniger als ein Drittel der Pupille und sollte die Massen ansprechen, auch als Immerdabei-Zweitkamera wurde sie beworben.
Die beiden ungleichen 3x4 Schwestern aus dem Nagel Kamerawerk. Links die Vollenda 48 konkurrierte in dieser Einfachausführung um den Einstieg in diese Kameraklasse, während die Pupille rechts die Spitzenposition in dieser Kleinfilm-Kameraklasse beansprucht. 
Fairerweise muss man erwähnen, dass es auch von der Vollenda besser ausgestattete Varianten gab. Mit einem Zeiss Tessar oder einem Elmar und Compur-Verschluss kam auch diese Kamera preislich in den Bereich der Pupille (siehe Porst Katalogseite von 1932 unten). Gut fotografieren konnte man (und kann ich immer noch!) mit beiden.

Über mein Exemplar, was ich günstig erwerben konnte, bin ich sehr glücklich. Es ist für seine 90 Jahre extrem gut in Schuss und gehört nach meiner Analyse zu den ersten Kameras des Modells. Neben den Seriennummern von Objektiv und (ggf.) Compur-Verschluss tragen die Nagel-Kameras im Inneren eine eigene Gehäuse-Seriennummer (118442 in meinem Fall, meine Pupille hat die 90563). Leider habe ich im Internet zur entsprechenden zeitlichen Einordnung nichts richtiges gefunden, daher habe ich mich selbst an die Arbeit gemacht. 
1928 < 3000
1929 3,000 - 20,000
1930  20,000 - 80,000
1931  80,000 - 148,000
1932  148,000 - 168,000
1933  168,000 - 380,000
1934  380,000 - 650,000
1935 ff  > 650,000
vorgeschlagene Seriennummern-Sequenz für Nagel und (ab Mitte 1932) Kodak/Nagel-Kameras
Ich habe also im Netz Fotos und Informationen zu Nagel -Kameras und insbesondere zur Vollenda 48 gesucht und insgesamt zu 33 Vollenda 48 Gehäuseseriennummern plus weitere Nummern vom Compur-Verschluss und/oder dem Objektiv gefunden. Damit gelingt die zeitliche Einordnug ganz gut. Daher möchte ich hier eine (vorläufige) Seriennummernsequenz (siehe Tabelle links) vorschlagen. Die Daten von vor 1931 stammen von anderen Nagel Rollfilm und Plattenkameras; hier bin ich allerdings noch dran, die Datenbasis zu vergrößern. 
Die älteste Vollenda 48, die ich gefunden habe, trägt die 115369 (Compur #2400080), ausgestattet mit einem Schneider Radionar f/3.5, das leider seine Seriennummer am Hinterlinsenglied hat. Meine war also die zweit-älteste! 
Interessanterweise stammen 20 von den 33 gesichteten Exemplaren von 1931, was tatsächlich die Hauptproduktionszeit der Kamera gewesen sein muss. Dies deckt sich recht gut mit meinen anderen Beobachtungen und Schlussfolgerungen über die gesamte 3x4-Kameraklasse. Aus dem Wirtschaftskrisenjahr 1932 stammten nur 3 Kameras, darunter mit der Nummer 154767 die erste, die ein Kodak- statt des Nagel-Schildchen über dem Objektiv ziert. August Nagel hatte bekanntermaßen seine Firma 1932 an Kodak verkauft, blieb aber danach weiterhin Geschäftsführer der deutschen Produktion und war auch an der weiteren Entwicklung maßgeblich beteiligt. Dem Jahr 1933 konnte ich 4 Vollenda 48 Kameras zuordnen (Seriennummern um 170,000). Die Jahre 1934 und 1935 standen wohl ganz im Zeichen der neuen Retina, deren Seriennummern woanders ganz gut dokumentiert sind, hier aber ins Schema passen. Schließlich gab es wohl eine letzte Vollenda 48 Serie im Jahre 1936, alle davon mit Compur Rapid Verschluss und dem Schneider Radionar f/3.5. Deren Seriennummern beginnen mit 956xxx und wurden alle in den USA gesichtet (z.B. diese hier von Mike Eckman).
Es gibt übrigens zwei Varianten der Kamera, über deren Unterschiede ich hier schreibe. Frühe Kameras (bis ca. Seriennummer 126xxx) haben denselben Knopf wie die Pupille (siehe Fotos), alle späteren Vollendas haben einen "Schlüssel", wie auch die anderen Vollenda Kameras für größere Bildformate. 

Interessant ist auch die Verteilung der Objektive unter den gesichteten Kameras: Über die Hälfte hatte ein Schneider Radionar (meist f/3.5), nur eine einzige ein Xenar. Zeiss Tessare habe ich 4 mal gesichtet, davon nur eines mit f/2.8 (die anderen f/3.5). Sehr häufig zu finden (36%) war allerdings das Leitz Elmar f/3.5. Hier vermute ich aber, dass diese Kameras von der Leitz/Leica Fan- und Sammlergemeinde bevorzugt dokumentiert und gehandelt werden und daher in meiner Stichprobe überproportional auftauchen.
Auf eine Besonderheit meines Exemplares bin ich noch gestoßen, man kann dies auf den Fotos erkennen. Auf das Hinterlinsenglied im Inneren der Kamera ist eine leicht rötliche plane Glasscheibe mit drei Tropfen Kleber geklebt. Wohl eine nachträgliche Modifizierung, ein UV-Filter? Ich würde mich sehr über Kommentare (s. unten) oder auch e-mails (knippsen (at) icloud.com) zum Thema freuen. Insbesondere sammele ich natürlich weiterhin Seriennummern von Nagel Kameras, um meine Zuordnung weiter zu verfeinern. Immer her damit!

Datenblatt Faltbalgenkamera für 3x4 cm Negative auf Rollfilm 127.
Nagel Vollenda 48, Version 1. 
Objektiv Schneider Radionar 5 cm f/4.5, auch mit Radionar f/3.5 oder Xenar f/3.5, Leitz Elmar f/3.5 oder Carl Zeiss Tessar f/3.5 oder f/2.8 erhältlich.
Verschluss Pronto -S (T-B-100-50-25), selbstspannend mit Selbstauslöser. Die meisten Kameras wurden mit dem Compur 300 verkauft, späte Versionen auch mit dem Compur-Rapid.
Fokussierung Mit dem Radionar f/4.5 durch Verstellung der Frontlinse. Alle anderen Objektive über Schneckengang und Verschieben des gesamten Objektivs.
Sucher in dieser Version einfacher Aufklappsucher. Höherwertige Versionen haben einen optischen Aufklappsucher.
Filmtransport Mittels Drehknopf (früher Version) oder Drehschlüssel (ab ca. Ende 1931), doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', Anschlussgewinde für Drahtauslöser
Maße, Gewicht ca. 33x76x110 mm (zusammengeklappt),  302 g
Baujahr(e) 1931-1933 und 1936,  ab 1932 als Kodak Vollenda 48. Insgesamt ca. 43,000 Exemplare, davon ca. 30,000 im Jahr 1931.
Kaufpreis, Wert heute in dieser Version 42.50 RM, mit Tessar f/2.8 bis zu 129 RM. Wert heute je nach Zustand und Ausstattung 50-150 €
Links Camera-WikiUKCamera (Archiv), Living Image, Blende und Zeit Forum 
Bei KniPPsen weiterlesen Version 2 und UnterschiedeAugust Nagel, Nagel/Kodak Vorkriegsproduktion in ZahlenKodak Vollenda 620, 3x4-Kameras von 1931, Nagel Pupille, Compur Seriennummern, 127 Film

Die Nagel Vollenda 48 im Photo Porst Katalog von 1932
Kodak Vollenda Anzeige (1933) für den amerikanischen Markt

2021-02-21

Korelle K


Mein neuestes Schmuckstück für die Vitrine heißt Korelle K und ist eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte kleine Kamera. Die Firma Kochmann aus Dresden brachte sie wohl um Ende 1932/Anfang 1933 als Ersatz ihrer Korelle 3x4 auf den Markt, denn dort tummelten sich schon etliche andere 3x4-Kameras mit fast identischen Spezifikationen und man wollte (und konnte) sich hiermit vom Mainstream abheben. Das "K" steht meines Erachtens für Kino-Film (andere behaupten Kleinbild, Kunststoff könnte auch passen), was das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zu den damals "Kleinfilm" genannten 3x4-Kameras für den 127er Rollfilm war. 
Die Korelle K ist eine der ersten Halbformatkameras (18x24 mm auf perforiertem 35mm Kinofilm), die wie eine "normale" Kamera daherkam und einigermaßen kompakt war. Es gab schon in den 1920ern einige Kameras für dieses beim bewegten 35 mm Film übliche Negativformat. Diese sahen allerdings auch aus wie Filmkameras und waren recht groß und umständlich in der Bedienung (z.B. Roth's Minnigraph oder die Ellison Kamra). Lediglich die sehr seltene französische „Les Cent Vues“ (Mollier, ca. 1925)  kann als Vorbild für die Korelle K gelten. Interessanterweise fand das Konzept erst einmal keine weiteren  Nachahmer. Halbformatkameras wurden erst ab Ende der 1950er in Japan wieder populär, z.B. mit so großartigen Kameras wie der Olympus PEN Serie.

Die Korelle K war aber auch in technischer Hinsicht bemerkenswert. Sie war in keinem der folgenden Punkte wirklich die erste Kamera, gehörte aber jeweils zu den Pionieren und zeigte schon 1932, was erst Jahre später technischer Standard werden sollte. 
  • Da ist das Gehäuse aus Bakelit, dem ersten synthetischen Kunststoff mit Relevanz. Obwohl schon 1907 erfunden dauerte es wegen Weltkrieg und anderen Gründen ca. 20 Jahre bis die ersten Alltagsgegenstände daraus verfügbar waren. Als erste Bakelit-Kamera gilt die QRS-Kamra von 1928, ein seltener Ellison Abkömmling. Die erste in größeren Stückzahlen produzierte Kamera aus diesem Kunststoff war 1930 die Kodak No. 2 Hawkette. Meiner Recherche nach war die Korelle K die erste Bakelit-Kamera aus deutscher bzw. europäischer Produktion. Äußerlich geprägt wie feines Leder fasst sich die Korelle auch heute noch sehr gut an. Abnutzung ist an meinem Exemplar nur an den Metallteilen zu erkennen, das Plastik ist erstaunlich arm an Kratzern und hervorragend erhalten. Meine ist schwarz, es gab sie aber auch in braun bzw. rot-braun

  • Man sieht es der Kamera nicht direkt an, aber es gab Wechselobjektive mit 5, 7.5 und 10 cm Brennweite. Die Kamera hatte Zeit-typisch einen Compur Zentralverschluss, der aus diesem Grund zusammen mit der Blende hinter dem und nicht im Zentrum des Objektivs zu finden ist. Das übliche 3.5 cm Standard-Objektiv sitzt in einem 22mm Gewinde im Verschluss und kann durch einige Umdrehungen einfach abgeschraubt werden. Objektive wurden von Meyer, Schneider, Zeiss und später auch Leitz angeboten. Vermutlich hat die Kundschaft davon keinen großen Gebrauch gemacht: Kameras mit diesen Teleobjektiven sind heute extrem rar und teuer. 

  • Im Gegensatz zu fast allen anderen Zentralverschluss-Kameras am Markt, hatte die Korelle K als eine der ersten von ihnen einen Gehäuseauslöser.  Gekoppelt mit dem Filmtransport konnte so eine Doppelbelichtungssperre realisiert werden. Dabei entsperrt der Filmtransport den Auslöser nur, spannt aber leider nicht gleichzeitig den Verschluss. Vergisst man dies und drückt dann den Auslöser, erzeugt man leider ein leeres Negativ, weil der Auslöser wieder gesperrt wird und man den Film (ohne Aufnahme) transportieren muss, um ihn wieder zu entsperren. Trotzdem ein Fortschritt, der sich in den 1930er Jahren und dann besonders in den 50ern als Standard durchsetzt.

  • Und dann war da natürlich der Kino-Film, der zusammen mit dem kleinen Negativformat die für diese kompakte Kamera unglaubliche Anzahl von bis zu 100 Aufnahmen pro Filmladung ermöglichte. Es wurden spezielle Patronen mitgeliefert, die vom Fotohändler oder dem Fotografen selbst mit loser 35mm Kinofilm Meterware befüllt wurden. Das war damals auch bei der Leica und der im gleichen Jahr wie der Korelle erschienenen Contax I üblich. Jeder Hersteller hatte eine eigene spezielle Kassette. Erst 1934 erschien mit der Retina Kodak's 135er Kassette. Diese wurde zur Norm, weil sie vor-konfektioniert verkauft wurde und in alle Kameras passte. Zum Glück auch in die Korelle K!
Auf mein eigenes Exemplar habe ich lange gewartet. Die Kamera ist relativ selten, ich vermute nur wenige Tausend Stück, die von Ende 1932 bis ca. 1935 produziert und verkauft wurden. Daher und auch wegen ihrer interessanten Features erzielt sie ordentliche Sammlerpreise. Ich habe also viele der relativ seltenen e-bay Auktionen ziehen lassen müssen und nun recht günstig zuschlagen können. Meine Kamera ist, wie man an den Bildern sieht, super erhalten und funktioniert auch zu 100%. Lediglich der Fokus-Schneckengang ist recht schwergängig und die Filmkassette bzw. Aufwickelspule fehlen. Allerdings passt ja die 135er Patrone und ich habe mir schon eine Aufwickelpatrone gebastelt, sodass ich demnächst mal einen Film riskieren werde. 
Nur die Sache mit dem Filmtransportknopf hat mich zunächst verwirrt: Auf allen offiziellen Darstellungen (Katalogseiten, s.u.) ziert die Kamera ein flacher Knopf, während fast alle Fotos von Kameras den breiten Knopf wie meine zeigen. Die Lösung ist vermutlich simpel: Schraubt man mit den beiden Schräubchen den breiten Knopf ab, kommt darunter der flache zum Vorschein. Ich glaube, dass der breite Knopf wie auch die metallene Kappe auf dem Bildzählwerk es erst im letzten Moment in die Serienproduktion der Kamera geschafft haben. Daher haben sie alle Serienkameras, die Katalogdarstellungen wurden aber von einem Prototypen genommen.   

Datenblatt Frühe Halbformatkamera 18x24 für 35mm-Film in modernem Design. Erste Bakelit-Kamera aus Europa.
Objektiv Carl Zeiss Tessar 3.5 cm f/2.8 (#1415228), auswechselbar über Gewinde. Weitere Objektive erhältlich: Meyer Trioplan 2.8/3.5, 2.8/5 und 2.8/7.5 cm; Tessar 3.5/3.5, 3.5/7 cm; Schneider Xenar 2.9/3.5, 3.5/3.5, 3.5/5, 3.8/7.5, 3.8/10 cm; Leitz Elmar 3.5/3.5, 3.5/5, 4.5/7.5 cm.  
Verschluss Compur T-B-1-2-5-10-25-50-100-300, später auch mit Compur Rapid (1/500 s), Verschluss und Blende hinter dem Objektiv. Compur #2487320
Fokussierung Schneckengang, Verschieben des ganzen Objektivs. Naheinstellgrenze 0.5 m
Sucher optischer Newton-Sucher
Filmtransport Drehrad, Transport entsperrt Gehäuseauslöser, Filmvorschub in aufnehmende Filmpatrone, keine Rückspulung! Filmzählwerk, automatisch vorwärts zählend bis 100, manuelle Rückstellung
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', Drahtauslöseranschluss, Tiefenschärfetabelle aus Metall. Als Zubehör gab es spezielle Filmkassetten und Aufwickelspulen, sowie einen Objektivdeckel aus Bakelit.
Maße, Gewicht Bakelit-Gehäuse: 90x32x56 mm, Kamera gesamt: 90x54x65, 338 g (mit Film)
Baujahr(e) 1932-1935, diese hier laut Objektivseriennummer von 1932
Kaufpreis, Wert heute 130 RM (mit Tessar f/2.8), ca. 300 €, rote erzielen höhere Preise. Solche mit den Teleobjektiven sind sehr wertvoll.
Links Pacific Rim Camera, Camera-Wiki, EarlyPhotography, Half-frame cameras
Korelle K im Photo Porst Katalog, 13. Auflage 1935


2020-07-19

Yashica half 17 EE Rapid


Eigentlich ist diese Yashica half 17 EE Rapid nur ein Beifang bei meinen Recherchen zur Yashica Electro 35 und Yashica TL Electro X. Sie kam im Bundle mit dem zweiten Electro X-Gehäuse, was ich gekauft habe, zusammen für nur 20€! Auf den Fotos hier kann man ihren exzellenten Zustand schon erahnen, nach dem Auspacken durfte ich auch ihre inneren Qualitäten testen. Zu meinem Entzücken ist auch hier alles tadellos, der Belichtungsmesser mit seiner Copal B Mat Vollautomatik funktioniert.
Corporate Design at its best! Neben der Halbformatkamera 17 EE Rapid (18x24 mm, mitte) ihre Instamatik-Schwester EZ-matic 4 (24x24 mm, links) und die legendäre Electro 35 (24x36mm, rechts). 

Aber sie passt natürlich auch so toll in meine Sammlung. Ihr sperriger Name verrät schon alle ihre Besonderheiten: "half" steht natürlich für's Halbformat 18x24 mm, die 17 für die außergewöhnliche Anfangsöffnung des Objektivs von f/1.7, "EE" für Electric Eye, was damals eine gängige Bezeichnung für eine von der Selenzelle gesteuerte Belichtungsautomatik war. Ja, und Rapid steht natürlich für den Rapid-Film, den Agfa als Konkurrenz zu Kodak's Instamatik-Kassette reaktiviert hatte, ich habe schon darüber berichtet. Interessanterweise hatte Yashica fast identisch ausgestattete und auch designte Kameras sowohl für die 126er-kassette (24x24 mm) als auch den 135er Kleinbildfilm (Halbformat) im Programm.

Natürlich ist sie am Markt eine direkte Konkurrentin für die Fujica Rapid S2, über die ich neulich erst berichtet hatte. Das in diesem Beitrag über die Vollautomatik gesagte, trifft auch auf die deutlich kompaktere Yashica zu, der Lichtwertverschluss kommt allerdings vom Wettbewerber Copal. Der Blick durch den Sucher (siehe links) ist bei der Yashica deutlich informativer als bei der Fujica, neben der Verschlusszeit wird auch ein Hinweis auf die eingestellte Entfernung angezeigt. Auch eine Parallaxenmarkierung ist vorhanden. Mit diesen Hilfsmitteln dürften sich einige misslunge Aufnahmen vermieden haben lassen.

Yashica hat Mitte der 1960er Jahre eine ganze Anzahl sehr ähnlicher, aber doch in Details verschiedene Kameras gebaut und verkauft. Ausgangspunkt war die Yashica half 17 (1964), im Prinzip dieselbe Kamera wie diese, aber für den 135er Kleinbildfilm. Diese hatte natürlich eine Rückspulkurbel und eine Einstellung für die Filmempfindlichkeit, beides für Rapid-Patronen unnötig. Dann gab es ab 1965 parallel zu dieser  "EE" eine Yashica half 17 Rapid. Diese hatte keine Belichtungsautomatik, sondern nur Nachführmessung an Bord. Ab 1966 dann kam das Topmodell Yashica half 14, wieder für die Kleinbildpatrone, aber mit f/1.4 Objektiv und CdS statt Selenzelle. Darüber hinaus gab es parallel noch die EZ-matic Serie für Kodaks Instamatik (126) Kassette und Sucher- und Messsucherkameras für 24x36 mm Standard-Kleinbildformat der Serien Minimatic, Minister und Lynx.

Ebenfalls im Jahr 1965 erschien die Yashica Electro half in kleiner Serie, die allererste Kamera mit einer echten elektronisch gesteuerten Zeitautomatik und Vorbotin der super erfolgreichen Electro 35 Serie, die ab 1966 dann Yashica's Zugpferd im Messsucherbereich wurde und alle anderen oben genannten Kameras ersetzte. Auch das Halbformat überlebte das Ende der 1960er Jahre nicht, genauso wenig wie die Rapid-Patrone.

Datenblatt Vollautomatische Halbformat-Kamera für den Rapidfilm
Objektiv Yashinon 3.2 cm f/1.7 (6 Linsen in 4 Gruppen, Gauss-Typ)
Verschluss Copal Lichtwertverschluss, f/1.7 1/30s (LW 6.5) bis f/16 1/800s (LW 17.5)
Belichtungsmessung Selenzelle rund ums Objektiv, Filmempfindlichkeit wird über die Rapid-Patrone automatisch eingestellt.
Fokussierung Zonenfokus mit 4 Klick-Stops bei unendlich, 3m, 1.2m und 0.8m, Symbolanzeige dazu im Sucher
Sucher heller optischer Sucher mit Anzeige der Verschlusszeit auf der einen und der eingestellten Entfernung (Symbol) auf der anderen Seite.
Blitz über PC-Buchse.
Filmtransport Daumendrehrad links unten, ergonomisch besser als gedacht, Bildzählwerk 1-24 (vorwärts), Rückspulen nicht notwendig (Rapid)
sonst. Ausstattung Zuberhörschuh, Stativgewinde ¼'', Selbstauslöser, ISO-Drahtauslöser, eine Öse für Handschlaufe, Filtergewinde 52mm
Maße, Gewicht ca. 123x71x55 mm, 462g (mit Film)
Batterie keine
Baujahr(e) 1965-?
Kaufpreis, Wert heute 137.50 NLG (Niederlande, 1965), heute ca. 20-40 € je nach Zustand 
Links Yashica Half frame cameras (Subclub), Corsopolaris' Liste von Halbformatkameras

2020-01-03

Das plötzliche Verschwinden der 3x4 Kameras


Vier der 18 im Jahr 1932 erhältlichen 3x4-Kameras. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932.
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Die 3x4-Kleinbildkameras für den 127er Rollfilm haben es mir derzeit angetan, wie man an meinen letzten Beiträgen zur Korelle 3x4 und Foth Derby schon sehen konnte. Daher war ich sehr erfreut als ich letzte Woche in der jüngsten Ausgabe des PhotoDeal einen Artikel von Volkmar Kleinfeld zum Thema fand. Der Titel „3x4-Kameras und ihr kurzes Leben“ las sich sehr vielversprechend, die entscheidende Frage wird aber weder richtig diskutiert noch beantwortet: Warum sind diese Kameras nach so kurzer Zeit am Markt so schnell wieder verschwunden? Ich möchte hier eine Antwort versuchen, auch wenn es ein kleines bisschen spekulativ ist. Wir sind halt alle nicht vor 90 Jahren dabei gewesen...
Für eine Antwort muss man aber etwas weiter ausholen und mehr Aspekte betrachten, als dies meist in den sehr Technik- und Detail-verliebten Sammlerkreisen geschieht. Insbesondere das Marktumfeld scheint mir sehr wichtig für diese Warum-Frage, und zwar sowohl die „fotografische Gesamtsituation“ als auch die wirtschaftliche Lage der Kameraproduzenten und potenziellen Käuferschichten. Und beides war am Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre sehr speziell. 

Aber eins nach dem anderen: Laut Hans Porst und seinem Photohelfer von 1932 (dort S. 33), erzielte er im Jahre 1931 noch 2/3 seiner Kameraumsätze mit Plattenkameras, nur 33% mit Rollfilmkameras (darunter auch die paar Kleinbildkameras). Das heißt, auch wenn es Rollfilme schon mehr als 20 Jahre gab, griff der Profi wie auch der ambitionierte Amateur meist immer noch zur traditionellen Glasplatte oder alternativ zum entsprechenden Filmpack mit einzelnen Planfilmnegativen. Die Bilder wurden einzeln entwickelt und per Kontaktkopie abgezogen. Vergrößerungsgeräte waren vermutlich sehr selten - keine guten Voraussetzungen für Kleinbildnegative, seien sie nun 24x36 oder 30x40 mm groß. Wie Volkmar Kleinfeld schon schreibt: Viele der winzigen Negative wurden daher ebenfalls nur per Kontaktabzug ins Positiv verwandelt und ins Briefmarkenalbum geklebt. Ich denke, dass die Leute das nicht freiwillig getan haben, hätte es preiswerte und überall verfügbare Vergrößerungsmöglichkeiten (und -Services) gegeben. 

Trotzdem, und das wissen wir aus dem Rückblick, gab es dieses Bedürfnis nach kompakteren und einfach zu bedienenden Immerdabei-Kameras. Und, es gab immer besser werdendes Filmmaterial, feinkörniger und empfindlicher. Seit 1925 war mit der Leica ein relativ radikales Konzept auf dem Markt, das die Traditionalisten unter den Fotografen als spinnerte Idee abtaten, gleichzeitig aber ganz neue Kreise ansprach, die sie tatsächlich kauften und plötzlich ganz anders (und gut!) fotografierten. 
Ich fühle mich etwas an die letzte Jahrtausendwende erinnert, als die Digitalfotografie alle elektrisiert hat, sich aber keiner wirklich vorstellen konnte, dass schon 2004 die letzten analogen Kameras zu Ladenhütern wurden. Genauso war es in den 1930er Jahren mit der Platten- und Planfilmkameras, am Ende des Jahrzehnts hieß es Roll- und Kleinbildfilm, inkl. den nun überall verfügbaren Vergrößerern. 

Wirtschaftliche Situation in Deutschland
während der Weltwirtschaftskrise. Quelle: Wikipedia
Jetzt aber noch kurz zur gesamtwirtschaft-lichen Situation: Die Weltwirtschaftskrise erlebte ausgehend vom Wallstreet-Crash im Oktober 1929 am Anfang der 1930er ihren Höhepunkt. In Deutschland gilt insbesondere 1932 als das Krisenjahr, die Industrie-produktion brach (nochmal !) um ca. 40% im Vergleich zum Vorjahr ein, die Arbeitslosigkeit erreichte ungekannte Ausmaße. Das traf natürlich alle, sowohl die potentiellen Käufer der Kameras als auch ihre Produzenten! 

Aber zurück zu den 3 × 4 Kameras. Die deutschen Kamerahersteller zu der Zeit hatten natürlich bemerkt, welchen Erfolg die Firma Leitz mit ihrer Leica hatte. Insbesondere inspirierte die Tatsache, dass man neue Käuferschichten ansprach. Nicht nur Zeiss Ikon (Contax, Ikonta, Kolibri) sondern auch viele andere kleinere Hersteller wollten einen Teil dieses neuen Marktes abhaben. An den Kinofilm wagten sich (auf die Schnelle) nur wenige, insbesondere wegen der relativ komplizierten Mechanik für den Filmtransport. Hier war Rollfilm Handling viel simpler zu realisieren. Die meisten Hersteller hatten schon Klappbalgenkameras für 6 × 9 oder 4,5 × 6 cm im Programm. Da war es relativ naheliegend, auch noch kleinere Kameras in entsprechendem Design auf den Markt zu werfen. 

Weitere der im Jahr 1932 erhältlichen 3x4-Kameras. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932. 
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Und das machten sie alle fast gleichzeitig. Wenn man genau hinschaut, lassen sich insgesamt 18 verschiedene, relativ anspruchsvolle 3x4 Kameras zählen, die alle zwischen 1930 und 1932 auf den Markt kamen. Ich habe hier auf der Seite die acht abgebildet, die bei Photo Porst 1932 zu bestellen waren. Die restlichen zehn sind: Nagel/Kodak Pupille und ihre einfachere Schwester Ranca, Certo Dolly, Welta Gucki, Merkel Metharette (auch als Meyer Megor), Ihagee Parvola bzw. Ultrix, Mentor Dreivier, Lumiere Elax, Glunz Ingo (auch als Rodinette), Lucht Nikette und Zeh Goldi (auch als Ysella). Es gab noch ein paar mehr, die erst Ende der Dreißiger oder dann erst Ende der 40er/Anfang der 50er als Einfachkameras kamen. Auch ein paar Boxen habe ich nicht mitgezählt.


Die vier im Jahr 1932 erhältlichen Kameras für den 35 mm Kinofilm. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932.
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Zu den 18 3x4 Kameras kommen 1931/1932 mit der Krauss Peggy, der Contax und der Beira noch drei Neue für den Kinofilm. Man darf auch nicht vergessen, dass Leica zu diesem Zeitpunkt nur circa 20.000 Kameras pro Jahr verkaufte (und das weltweit!). Der Gesamtmarkt war also interessant, aber nicht groß genug für 18 plus 3 verschiedene Kameramodelle, viele davon ähnlich und ohne wirkliches Alleinstellungsmerkmal. Hinzukommt die wirtschaftliche Situation 1932. Viele Hersteller mussten sicher Angestellte und Arbeiter nach Hause schicken um über die Runden zu kommen. Ich denke, dass die Produktion der meisten dieser 18 Kameras im Jahr 1932 wieder eingestellt wurde und man erst mal die Lagerbestände von 1930 und 1931 abverkaufte. Als es dann 1933 langsam wieder Bergauf ging, hatten die erfolgreicheren der Hersteller (allen voran Nagel/Kodak) das Konzept für die Kleinbild-Kamera auf Kinofilmbasis inklusive der 135er Kassette schon fertig entwickelt. 1934 kam damit die Retina und bald danach ihre Klone (Welti, Baldina, Dollina, etc.). 


Kodak Retina (hier meine 118er) und ihre
Klone machten 3x4 Kameras endgültig
unattraktiv für den Markt.
Am Markt war spätestens dann kein Platz mehr für die meisten der 3×4 Kameras. Lediglich diejenigen mit einem Alleinstellungsmerkmal wie zum Beispiel die Foth Derby (Schlitzverschluss) oder KW Pilot (TLR) (und evtl. diejenigen mit internationalen Vertriebskanälen) konnten sich noch ein paar Jahre halten. Aber das Konzept 3x4 hatte sich überholt, die 135er Patrone mit ihrem perforierten Kinofilm und 36 Bildern endgültig das Rennen gewonnen. Ich persönlich glaube, dass die Universalität der 135er Patrone (passte in Leica, Contax und Retina, etc.) der entscheidende Durchbruch für den Kleinbildfilm war, wie wir ihn heute kennen. Wäre weiterhin jede neue Kamera mit ihrem eigenen System gekommen, und hätte die 127er Rolle ein paar Bildchen mehr geliefert, wer weiß, vielleicht wäre die Geschichte anders verlaufen...

Um noch einmal das Warum zusammenzufassen: Um 1931 kommen fast gleichzeitig 18 3x4-Kameras mit sehr ähnlichen Leistungsdaten auf den Markt, der im Prinzip attraktiv und langfristig wachsend ist, aber zu diesem Zeitpunkt noch recht klein und schon mit der attraktiven Leica besetzt. Das konnte schon so kaum gutgehen. Nun trifft dies alles aber zusammen mit einer schweren Wirtschaftskrise, in der fast 30% arbeitslos werden und sich Luxus schon gar nicht mehr leisten können. Der Todesstoß für diese kleinste Rollfilmklasse kommt in Form der universellen 135er Kleinbildpatrone, die zusammen mit der Kodak Retina den Markt aufrollt, als es wirtschaftlich wieder bergauf geht. Danach spielen 3x4 Rollfilmkameras als Einfachknippsen nur noch eine Nischenrolle.