2017-04-17

Agfa Optima


Durch meinen Fund der Agfa Optima Reflex neugierig geworden, habe ich mich auch nach der original Optima von 1959 umgeschaut und bin schnell fündig geworden. Hier ist sie also: die erste Kamera mit vollautomatischer Belichtungssteuerung von Blende und (!) Verschlusszeit, sprich: Programmautomatik.
Optima 1 Optima2
Magische Taste nicht gedrückt - Schieber in Ausgangsposition, Nadel kann sich frei bewegen Magische Taste gedrückt bei wenig Licht -
Nadel eingeklemmt, Schieber etwas vor
Optima3 Optima4
Magische Taste gedrückt bei mittlerem Licht -
Schieber weiter links
Magische Taste gedrückt bei viel Licht -
Schieber ganz links

Ich war natürlich neugierig und habe mal nachgeschaut, wie die Agfa Ingenieure die automatische Belichtungssteuerung realisiert haben. Das Problem, was es zu lösen galt, war folgendes: Der einzige damals zur Verfügung stehende Lichtsensor ist die Selenzelle, die jedoch nur ein "Strömchen" von einigen µA (Millionstel Ampere) liefert. Das ist gerade genug, um mit einem filigran aufgehängten Drehspulinstrument eine federleichte Nadel zu bewegen (wie in vielen damaligen Belichtungsmessern realisiert), reicht aber natürlich nicht, um Blende und/oder Verschlusszeit elektrisch betrieben zu verstellen. Hierzu braucht es deutlich mehr Kraft, die sich die Optima vom Fotografen leiht, der dazu die "magische Taste" ganz runterdrücken muss. Diese aktiviert nämlich nicht den Belichtungsmesser. Dieser ist immer an und bewegt wie gewohnt per Drehspule eine Meßnadel. Wenn nun die Taste runtergedrückt wird, wird diese Nadel an ihrer jeweiligen durch die Lichtmenge vorgegebenen Position eingeklemmt. Der weitere Druck auf die Taste bewegt aber einen Schieber, und zwar je nach Position der eingeklemmten Nadel unterschiedlich weit. Dieser Schieber wiederum verstellt nun Blende und Verschlusszeit. Bei der Optima wird bei steigender Lichtmenge zunächst die Verschlusszeit kürzer (bis min. 1/250s) und dann die Blende geschlossen. Gleichzeitig schwenkt (falls sich der Schieber überhaupt bewegt) ein grün-rotes Fähnchen nach Links, das in den Sucher eingespiegelt wird und dem Fotografen signalisiert, dass das Licht zum Knippsen reicht. Ich hoffe, die Bilder der geöffneten Kamera illustrieren das ein wenig, die Nadel ist leider schlecht zu erkennen. Die Drehspule sitzt übrigends genau unter dem Einstellrad für die Filmempfindlichkeit, und wie man sich denken kann, wird die gesammte Spule mit dem Einstellrad verdreht und somit natürlich auch die Ausgangsstellung der Messnadel. Pfiffig!      

Optima 5 Optima 6
Die Agfa Optima war nicht die erste Kamera mit automatischer Belichtungssteuerung. Diese Ehre gebührt der Kodak Super Six-20 schon 1938, eine sehr seltene und entsprechend teure Sammlerkamera. Sie verwendete aber schon das oben beschriebene Prinzip, allerdings nur zur Steuerung der Blende (sog. "Blendenautomatik"). Anfang der Fünziger entwickelten die Gebrüder Durst eine pneumatische Steuerung der Verschlusszeit, und realisierten damit eine "Zeitautomatik" in der ersten Kleinbildkamera: Durst Automatica von 1956, ebenfalls recht teuer und selten. Agfa lizensierte dieses Patent 1956 für die Agfa Automatic 66, konnte aber wegen des hohen Preises nur ca. 5000 Exemplare verkaufen. 1958/1959 kam dann Bewegung in den Markt. Innerhalb eines Jahres  erschienen neben der Optima die Braun Paxette ElectromaticKodak Automatic 35Bell & Howell Electric Eye 127, Kodak Brownie Starmatic und die Revere Eye-Matic EE 127. Die letzten drei waren eher einfache Boxkameras für den 127er Rollfilm und alle hatten lediglich eine Blendenautomatik an Bord und meist nur eine Verschlusszeit. Alle, außer der Agfa Optima natürlich, die als erste eine echte Vollautomatik lieferte. 
Agfa hatte sehr viel Erfolg am Markt damit und baute entsprechend schnell seine Optima Modellpalette weiter aus. Innerhalb von ca. 4 Jahren wurden 1 Million Optima Kameras verkauft, vom ersten Modell erkennbar an der magischen Taste links vom Objektiv alleine ca. 500,000, bis es ab ca. 1961 von seinen verbesserten und z.T. billigeren Nachfolgern abgelöst wurde (siehe Links unten). Doch auch der technische Fortschritt damals war gewaltig und CdS-Belichtungsmesser lösten langsam die Selenzellen ab, die wohl erste KB-Kamera mit einer CdS und damit batteriebetriebenen Automatik war schon 1963 die Konica Auto S, aber das wird vielleicht eine andere Geschichte...

Datenblatt Erste KB-Sucherkamera mit vollautomatischer Belichtungssteuerung
Objektiv Agfa Color Apotar S (39 mm f/3.9, Triplet, vergütet).
Verschluss Compur Zentralverschluss 1/30-1/250 s, elektrisch gesteuert ("A"). Manuelle Zeiten 1/30 s (Blitz) und B.
Belichtungsmessung Selenzelle mit vollautomatischer Belichtungssteuerung unter Bevorzugung kurzer Verschlusszeiten. Filmempfindlichkeit einstellbar von 10-250 ASA (11-25 DIN).
Fokussierung Manuell am Objektiv mit drei einfachen Entfernungssymbolen. Naheinstellgrenze ca. 1,50 m.
Sucher Optischer Durchsichtsucher mit Bildauschnittmarken und Ampelindikator (rot, grün) für Belichtungsmesser.
Blitz Anschluss über Blitzbuchse, Synchronzeit 1/30 s, manuelle Blendenwahl 3.9 - 22 nach Entfernungstabelle.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (rückwärtszählend, muss manuell initialisiert werden).
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Zubehörschuh, Merkscheibe für Filmart, Filtergewinde 35,5 mm
Maße, Gewicht ca. 135x92x59 mm, 725 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1959-1961, ca. 500,000 Exemplare, diese #AU3438 von 1960.
Kaufpreis, Wert heute 238 DM (1959), ca. 30 €.
Links Classic Cameras "The 1959 auto-exposure class"UKCamera, Wikipedia, Bedienungsanleitung (english, deutsch s.u.), Camera-wiki, Lippisches Kameramuseum, kamerasammlung.ch

Klicken, um das PDF der Anleitung zu öffnen...