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2026-04-02

Balda Piccochic

Vor ein paar Wochen schrieb mich ein Sammlerkollege per e-mail an, schickte mir ein paar Fotos dieser Kamera und bat mich, ihm beim Identifizieren zu helfen. Ich habe dann ein paar Stunden geknobelt und recherchiert, leider war der im Leder geprägte Schriftzug kaum zu entziffern. Aber irgendwann hatte ich es. Als ich ihm mein Ergebnis gemeldet habe, stellte sich heraus, dass er das gute Stück verkaufen wollte. Was soll ich sagen, nach kurzer Verhandlung war es meins und steht jetzt in der 3x4-Vitrine zwischen den beiden Dresdener Konkurrentinnen mit ähnlicher Spreizenkonstruktion:
Die Balda Piccochic zwischen ihren Dresdener Konkurrentinnen Welta Gucki und Kochmann Korelle

Das Balda-Werk, Max Baldeweg GmbH fertigte ab ca. 1913 Fotozubehör und begann 1925 mit dem Bau von (Platten-) Kameras. Schnell kamen auch Rollfilmkameras dazu und man legte eine enorme Expansion hin. Anfang der 1930er wurden mit über 1000 Mitarbeitern an vier Standorten in und um Dresden hauptsächlich preiswerte Box- und andere Amateurkameras produziert und Balda-Kameras waren meist etwas günstiger als ihre direkten Konkurrenten. 

Mit der Piccochic brachte man 1931 die erste Kleinbild-Kamera der Firma, wie viele andere zu der Zeit als Halbformat 3x4 für den eigentlich für 4x6.5 cm konfektionierten 127er Rollfilm. Sie ist genau wie ihre lokalen Konkurrentinnen Welta-Gucki und der Korelle 3x4 eine Spreizenkamera mit auf Knopfdruck herauspoppendem Objektiv. Von der Größe her sortiert sie sich zwischen die beiden anderen ein. Alle drei (und viele andere Modelle) sind von 1931 und es ist heute kaum noch zu ergründen, welche zuerst auf dem Markt war, bzw. wer was von wem abgeschaut hat. 

Die Piccochic wurde wohl nicht sehr lange gebaut, ich vermute maximal bis 1933. Der unten abgebildete Balda-Prospekt ist (wegen des erwähnten Rapid-Compur) von 1934 und dort wird per Stempel darauf hingewiesen, dass die Kameras nur noch aus dem Vorrat stammen. Es gab nämlich von Balda ab 1934 auch die 3x4-Kamera Baldi und ab 1935 die berühmte Kleinbildkamera Baldina für die 135er Patrone. Beide Neukonstruktionen teilen sich die für fast alle folgenden Balda-Kleinbildkameras typische Aufklapp-Konstruktion. Ab 1936 wird die Baldi in einer Einfachversion auch als Rigona vermarktet. Auch hat Balda schon damals die Kameras unter anderen Namen für (meist ausländische) Vertriebsgesellschaften gebaut.  

Datenblatt Kompakte Halbformat-Kamera (3x4 cm) für 127er Rollfilm
Objektiv Meyer Trioplan 5 cm f/3.5 (Triplet, #556224, ca. 1933). Kamera war auch mit anderen Objektiven erhältlich (siehe unten).
Verschluss F. Deckel Compur T-B-1-2-5-10-20-50-100-300 1/s, #2426887 (ca. 1931). Kamera war auch mit anderen Verschlüssen erhältlich (siehe unten).
Fokussierung per Frontlinsenverstellung, minimal 1 m. Mit höherwertigen Objektiven auch per separatem Schneckengang.
Sucher optischer Newton Aufklapp-Sucher, klappt gemeinsam mit Spreizenkonstruktion auf, nach Druck auf Öffnungsknopf.
Filmtransport mittels Drehrad auf der "Unterseite", doppelte rote Fenster für Filmrückseiten-Nummerierung  (wie alle 3x4 Kameras)
sonst. Ausstattung 3/8'' Stativgewinde, Ausklappständer für Querformat-Aufnahmen. Trageschlaufe aus Leder.
Maße, Gewicht ca. 108 x 72 x 41/65 (ein-/ausgeklappt), 360 g
Baujahr(e) 1931 - ca.1933, im Verkaufsprogramm bis ca. 1935
Kaufpreis, Wert heute ca. 70 RM (siehe unten), heute ca. 50-100€, seltene Varianten (z.B. mit Macro-Plasmat oder Elmar) deutlich mehr.
Links Camera-wiki, Engel-Art, Kamerasammlung.ch, Collection Appareils, CJ's classic cameras
Bei KniPPsen weiterlesen Meine 3x4-Sammlung, Das plötzliche Verschwinden der 3x4-KamerasBaldina, Jubilette, Korelle 3x4 
Seite aus einem Balda-Prospekt (vermutlich 1934, weil der Compur Rapid erwähnt wird). Man beachte den Stempel "Wird nur noch aus Vorrat verkauft".

Weil der Scan so schlecht ist, hier eine Transkription:

Dieser Knirps von Kamera leistet großartiges! * Infolge seiner geringen Außenmaße leicht in der Westentasche oder Damen-Handtasche unterzubringen * In 1 Sekunde schußbereit * 16 Bilder 3 x 4 cm auf einem 4 x 6,5 Rollfilm, selbstverständlich gestochen scharf zum Vergrößern * Objektive bis zur Lichtstärke f:2.9 gestatten Aufnahmen in allen Lichtverhältnissen.

PREISE einschließlich echtem Nappalederbeutel und Umhängeschnur

Vidanar 4.5 in Orig. Vario    RM 32,--
Trioplan 4.5 " Pronto-S          "    40,--
Xenar     3.5 " Comp. Schneckg. " 75,--
Xenar     2.9 "      "            "         "  83,--
Zeiss Tessar 4.5 in Compur        "  74,--
Zeiss Tessar 3.5 "  Compur        "   77,--
Trioplan 2.9 in Rapid-Compur    " 73,50
                    (mit 1/500 Sekunde)
Zeiss Tessar 3.5 Rapid-Compur    87,--

Zubehör: 
Echte Vollrindledertasche mit Trageriemen ...... RM 7,50

2025-11-23

Korelle 3x4 (späte Version)

Um Platz zu schaffen, bin ich gerade dabei mich von ein paar Kameras aus meiner Sammlung zu trennen. Ich habe vor, ca. 40 Stück auf der diesjährigen Darmstädter Fotobörse am nächsten Sonntag (30.11.2025) anzubieten. Beim Auswahlvorgang fiel mir diese Korelle 3x4 in die Hände und ich habe realisiert, dass ich noch nichts über sie hier im Blog geschrieben habe. Das hole ich hiermit nach, bevor sie hoffentlich nächste Woche einen neuen Besitzer findet. 

Bisher stand sie neben ihrer gleichnamigen Schwester in der Vitrine, die selbst eine meiner ersten 3x4-Kameras war und über die ich schon 2019 geschrieben habe. Meine Beschäftigung mit 3x4-Halbformat-Kameras gipfelte in einem Aufsatz, der sowohl hier im Blog als auch dann später in der Zeitschrift Photodeal (Ausgabe 110, III-2020) erschienen ist. Ich hatte die Korelle damals schon als Archetyp dieser Kameraklasse bezeichnet und sie ist vermutlich (neben der Nagel Vollenda 48) die am häufigsten gebaute 3x4-Knippse. Dieses Exemplar ist etwas einfacher gehalten als mein anderes. Das dreilinsige Victar von Ludwig in Dresden läßt sich als Triplet per Frontlinse fokussieren, die andere Korelle hat einen extra Schneckengang zur Verschiebung des ganzen Objektivs inkl. Verschluss. Außerdem fehlen die Linsen im Aufklappsucher. Interessant sind auch die Seriennummern von sowohl dem Compur als auch dem Objektiv. Beide deuten eher auf 1934 hin und würden die Korelle (ebenfalls neben der Vollenda 48) zu einem Longseller unter den 3x4-Kameras machen.  

Datenblattfrühe Halbformat (3x4 cm) Kamera für den 127er Rollfilm
Objektiv Ludwig Victar 5 cm f/2.9 (Triplet, Serien-Nr. 112694). Auch mit anderen Objektiven erhältlich. Objektivplatte per Balgen versenkbar. 
Verschluss Compur Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-300. Verschluss wird unabhängig vom Filmaufzug gespannt. Auch mit Vario, Pronto-S und anderen Zentralverschlüssen erhältlich. Keine Doppelbelichtungssperre. Compur Seriennummer: 3243234
Fokussierung Manuell am Objektiv (bis 1 m) durch Frontlinsen-Fokus (Triplet)
Suchereinfacher ausklappbarer Durchsicht-Sucher. Bessere Kameraversionen auch mit Linsen.
Filmtransport Mit Drehknopf auf Kameraunterseite, doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat.
sonst. Ausstattung Ausklappbarer Standfuß, Stativgewinde 3/8", Anschluss für Drahtauslöser, Bereitschaftstasche als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 115 x 70 x 37/63 mm (geschlossen, offen), 309 g 
Baujahr(e) 1931 bis vermutlich 1934. Diese hier laut Seriennummern von Compur und Objektiv 1934.
Kaufpreis, Wert heute 87.30 RM (Photo Porst, 1932), andere Objektiv/Verschluss-Varianten von 36RM bis 115 RM. Heutiger Wert je nach Zustand ca. 50-150 €.
externe Quellen und Links KochmannWikipediaCamera-WikiOneTwoSeven.org127er Rollfilm, Collectiblend, Johannstadtarchiv
bei KniPPsen weiterlesenMeine andere Korelle 3x4Das plötzliche Verschwinden der 3x4 KamerasFoth DerbyFerrania Tanit, Gevaert 127er Film, Rollfilm 127, Ising Puck, Reflex-Korelle

2025-10-31

Nerasport 3x4

Mein Interesse an 3x4-Halbformatkameras für den 127er Rollfilm ist schon lange bekannt. Die meisten dieser Kameras stammen aus einer sehr kurzen Periode zwischen 1930 und 1932, spätere Modelle sind eher selten, insbesondere solche nach dem 2. Weltkrieg. Bei irgendeiner Recherche begegnete ich dieser Einfachst-Plastikkamera eher zufällig. Die Kombination aus 60er-Jahre-Plastik und 3x4-Format sowie der Schriftzug "made in Spain" erregten meine Aufmerksamkeit.

Folgendes konnte ich inzwischen an Informationen zusammentragen: Die Kamera geht zurück auf ein Design von Dacora (eigentlich Dangelmayer & Co. in Reutlingen), die sie selbst als Digna 44 und für Ilford als Sporti-4 produziert haben. Dies waren allerdings 4x4-Kameras im selben Plastikgehäuse und als Produktionsjahre wird meist ca. 1960-1965 angegeben. Auch die Nerasport gibt es in dieser 4x4-Version, die anderen o.g. Kameras aber nicht für 3x4. Von der Nerasport gibt es 2 Versionen der 3x4-Variante, die sich lediglich in der Form des Auslösers unterscheiden, die eine hat eine Gehäuse-integrierten eckigen Knopf wie alle anderen genannten 4x4-Kameras, die andere den hier gezeigten kleinen Hebel am Objektiv. Außerdem hat die Nerasport zum Blitz-Anschluss einen Mittenkontakt, die anderen (noch) eine PC-Buchse am Objektiv.
Das oben sind die Fakten, jetzt kommen meine Schlussfolgerungen und Vermutungen. Glauben wir mal, dass diese Kamera wirklich in Spanien produziert wurde, dann vermutlich aber mit den alten Presswerkzeugen von Dacora und damit eher nach 1965, was gut zum hot-shoe passen würde. Negra Industrial SA war eigentlich ein Filmhersteller, der natürlich ein Interesse daran hatte, billige Kameras unter die Leute zu bringen. Die Nerasport 3x4 gab es jedenfalls Ende der 60er als Belohnung für das Sammeln von Aufklebern der Schokoladenmarke Loyola. Ob man sie auch im Fotoladen kaufen konnte, habe ich nicht rausfinden können. Wenn das stimmt, wäre sie die letzte 3x4-Kamera, die auf den Markt gekommen ist, und passt so trotz ihrer Einfachheit gut in meine Sammlung.

Datenblatt Einfache Plastikkamera für 127er Rollfilm (3x4 cm)
Objektiv Kronglas-Meniskus, ca. 50 mm, Lochblende mit 2 Einstellungen: Sonne (ca. f/11), Wolken (ca. f/8)
Verschluss Boxkamera-Einfachverschluss, ca. 1/100 s (?)
Fokussierung Fix-Fokus
Sucher einfacher Durchsichtsucher mit Plexiglas
Blitz Zubehörschuh mit Mittenkontakt (Hot-Shoe)
Filmtransport Drehrad, 2 rote Rückseitenfenster für Rückseitenpapiernummern, üblich für 3x4 Format.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4''
Maße, Gewicht 114x88x61 mm, 171 g
Baujahr(e) Ende der 1960er?
Kaufpreis, Wert heute Werbegeschenk, 10 €
Links Cameras Espanyoles, Blog de Muntanya, Borja Jordanfoticoscollection, Dacora Digna 44, Ilford Sporti-4

2025-01-18

Orionwerk Rio 84A

Diese sehr gut erhaltene kleine Rollfilmkamera ist mein dritter "Fang" von der letzten Darmstädter Foto-Börse im Dezember. Ich hielt sie im ersten Augenblick für den mir noch fehlenden Krauss Rollette Typ 1, nach etwas Inspektion habe ich aber die Hersteller-Prägung entdeckt: ORIONWERK Akt.Ges. HANNOVER.

Vom Orionwerk hatte ich schonmal gelesen, eine Kamera von ihnen ist mir in all den Jahren, die ich jetzt schon sammele aber noch nicht untergekommen. Ein erster schneller Internet-Check hat auch nicht viel rausgeworfen. Da habe ich beschlossen, das mal zu ändern und habe (sehr günstig) zugeschlagen. 

Das Orionwerk war eine 1921 gegründete Aktiengesellschaft, die sich in Anzeigen als „ältestes und grösstes Kamerawerk Norddeutschlands“ auf das Gründungsjahr 1893 berief. Vorgängerfirmen waren Bülter & Stammer (1903-1921) sowie davor Glunz & Bülter (1893 - 1903). Hauptanteilseigner und langjähriger Geschäftsführer war seit 1913 Friedrich Augstein, der Vater des später bekannten Journalisten und Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein. 

Das Orionwerk produzierte hauptsächlich die in den 1920er Jahren vorherrschenden Plattenkameras in der üblichen Laufboden-Variante, aber auch verschiedene Rollfilmkameras. Es gab eine fast unübersichtliche Vielzahl an Modellen, die interessanterweise alle "Rio" hießen, gefolgt von einer Modellnummer und einem optionalen Großbuchstaben (A bis E). Die Buchstaben liefern einen Hinweis auf das Film- oder Plattenformat. Bei den Plattenkameras bedeutete B: 6.5x9 cm und C: 9x12 cm, bei den Rollfilmen A: 4x6.5 (127er), B: 5x7.5 (129er), C: 6x9 (120er), D: 6.5x11 (116er), E 8x10.5 (118er). 

Keine dieser Rio-Kameras hatte ein technisch herausstehendes Merkmal, noch wurde viel in Marketing und Vertrieb investiert, sonst würden wir heute über diese Kameras viel mehr wissen. In den 1920er Jahren konnte man wohl im allgemeinen Aufschwung mit dieser Geschäftspolitik noch überleben, doch die Weltwirtschaftskrise, die in Deutschland insbesondere das Jahr 1932 betraf, brach Orion das Genick. 1933 wurde Insolvenz angemeldet. Friedrich Augstein hatte das schon kommen sehen und seine Anteile bereits 1928 verkauft und in einen Fotohandel in Hamburg investiert.  
Diese Rio 84A war tatsächlich die kleinste Kamera aus dem Rio-Sortiment und zielte natürlich auf das von der Vest Pocket Kodak begründete Marktsegment, deren Film sie auch verwendet. Die relativ simple Spreizen-Konstruktion wurde von der C.P.Goerz Pocket-Tenax abgeguckt, findet sich aber auch bei anderen Herstellern (z.B. bei der oben erwähnten Krauss Rollette Typ 1). Daher würde ich die Kamera tatsächlich in die frühen 20er Jahre verorten, die einzige Quelle, die ich finden konnte, gibt mir mit 1924 Recht. Mein Exemplar ist für die 100 Jahre extrem gut erhalten und anscheinend voll funktionsfähig. Man findet sie (wie viele andere Rio-Kameras) sehr selten. Eine Schätzung der Produktionsmenge traue ich mir bei dieser Datenlage nicht zu, wer immer Informationen hat, bitte melden. Ich werde weiterhin die Augen offenhalten.

Datenblatt Rollfilm-Spreizenkamera 4x6.5 cm für Rollfilm 127
Objektiv Orionwerk Spezial-Aplanat 7.5 cm f/8, abblendbar auf f/32
Verschluss Alfred Gauthier Pronto Zentralverschluss, selbst-spannend. T-B-25-50-100
Fokussierung Fixfokus
Sucher Brilliant-Sucher (nur hochkannt) und aufklappbarer Rahmensucher mit Kimme.
Filmtransport mittels Filmschlüssel, rotes Rückseitenpapierfenster
sonst. Ausstattung ausklappbarer Standfuß für Hochformat-Aufnahmen, Drahtauslösergewinde. Kein Stativgewinde!
Maße, Gewicht 126 x 70 x ca. 30/80 mm (ein-/aus-geklappt), 360 g
Baujahr(e) ca. 1924, dieses Exemplar hat die Seriennummer #167328
Kaufpreis, Wert heute ??, ca. 100€
Links Camera-wiki, Wikipedia, Collectiblend, Photographica-World (Prospekt 1923)
Bei KniPPsen weiterlesen Vest Pocket Kodak, Picolette, Rolette, Roll Tenax, Rollfilm 127, Rollfilme (Übersicht)

2025-01-01

Nagel Ranca (46/1)

Mit der Nagel Ranca habe ich eine weitere 3x4 Halbformat-Kamera für den 127er Rollfilm meiner Sammlung hinzugefügt. Es ist schon Nummer 15 und die vierte aus dem Hause Nagel. Die Ranca wurde parallel zur Pupille von Ende 1930 bis irgendwann Mitte/Ende 1931 gebaut und ist bei gleichem Grundgehäuse quasi deren Billigversion. Auch wenn es damals sehr üblich war, Kameras in verschiedenen Ausstattungsvarianten bzgl. Verschluss und Objektiv anzubieten, ging Nagel bei der Vermarktung der beiden Schwestern sehr konsequent vor: Die am besten ausgestattete Ranca war immer noch schlechter bestückt (und billiger) als die schlechteste Pupille. Als Objektiv wurde für die Ranca fast ausschließlich der Nagel-Anastigmat 5 cm f/4.5 verbaut, ein Triplett. Bei den Verschlüssen griff man neben einem hauseigenen Nagel-Einfachverschluss zu Gauthier (Pronto oder Ibsor). 

Die Ranca neben der Pupille, mit der sie das Basis-Gehäuse teilte. 
Der teure doppelte Schneckengang der Pupille wurde bei meiner Ranca durch einen fixen Tubus ersetzt. Damit war sie für den Transport nicht mehr so kompakt wie die Pupille, außerdem konnten nur das einfache Triplett als Objektiv eingesetzt werden, bei dem Frontlinsenfokussierung möglich war. Diese Version wird in Sammlerkreisen heute mit ihrer Nagel-Modellnummer als Ranca 46/1 bezeichnet. Man findet aber auch Rancas mit einfachem Schneckengang (Ranca 46 bzw. 46/0), bei denen wenigstens das Objektiv noch eingefahren werden konnte, die Frontlinsenfokussierung bleibt aber auch hier nötig. Ob diese beiden Ranca-Versionen parallel angeboten wurden, oder die Vereinfachung über die Zeit voranschritt und der Schneckengang irgendwann dem letzten Sparstift zum Opfer fiel, ist leider unbekannt. Daher könnte man meinen, dass die einfachere Variante 46/1 die spätere sein sollte. Eine schnelle Seriennummern-Analyse sagt aber was anderes: Die 46/1-Kameras tragen 8x,xxx Nummern, während meine 46/0- Sichtungen zwischen 96,xxx und 105,xxx lagen. 
Komplett interkompatible Filmführungen von
Ranca (links) und Pupille mit sichtbaren Qualitätsunterschieden.

Wenn auch weitgehend in allen Dimensionen identisch (ich habe es ausprobiert und zwischen Ranca und Pupille getauscht!), hat Nagel auch beim Innenleben soweit es geht gespart. Die Pupille hat ein extra in Nickel gefasstes Bildfenster und Federstahlzungen für bessere Filmführung. Beides fehlt bei meiner Ranca, wie man am Bild links sieht.

Obwohl es eine Billigversion war, ist die Ranca viel weniger erfolgreich gewesen als ihre teurere Schwester Pupille und daher heute viel seltener anzutreffen. Helmut Nagel berichtet in seinem Buch "Zauber der Kamera" (ISBN 3-421-02516-9) von nur insgesamt 2200 Ranca Kameras im Vergleich zu ca. 5000 Pupillen oder gar 43.000 Vollenda 48, die bei ihrem Erscheinen (Mitte 1931, ab Nagel-Seriennummer 115,xxx) die Ranca abgelöst haben dürfte.

Die drei Nagel 3x4-Schwestern: Pupille, Vollenda 48 und Ranca (46/1)
Auch wenn die Ranca selbst keine Erfolgsgeschichte wurde, muss man August Nagel und seiner Firma rückblickend für ihre Modellpolitik gratulieren. Die Pupille war als Premiumprodukt angetreten, der Leica im neu entstehenden Kleinbildmarkt Paroli zu bieten. Nagel hat aber schnell erkannt, dass in der Hochpreisnische bei hohen Produktionskosten nicht genug zu holen ist. Für den Massenmarkt, den er auch später stets im Blick hatte, musste was billigeres her: Das war zunächst die Ranca, die sich mit der Pupille viele Einzelteile teilte. Doch Nagel realisierte, dass die Konkurrenz mit kleinen, einfachen Faltbalgenmodellen (z.B. die Korelle) durchaus am Markt Erfolg hatte. Daher wurde die Vollenda 48 entwickelt und letztlich zum Kassenschlager. Ich glaube, sie war die erfolgreichste 3x4-Kamera. Das hinderte Nagel nicht, sondern spornte ihn eher an, den nächsten konsequenten Schritt zu gehen und damit die gesamte 3x4 Konkurrenz abzuhängen, bzw. in die Aufgabe zu zwingen: Die Entwicklung der Retina inklusive der 135er Patrone


Datenblatt Kompakte 3x4 Einfachkamera (Rollfilm 127)
Objektiv Nagel-Anastigmat 5 cm f/4.5 (Triplett).
Verschluss Gauthier Pronto-S (T-B-25-50-100), auch mit Ibsor oder Nagel-Verschluss
Fokussierung Manuell per Frontlinsenverstellung, manche Modelle mit Zonenfokus-Bezeichnungen
Sucher Aufklappbarer optischer Durchsichtsucher.
Filmtransport per Drehknopf von Rolle zu Rolle, gute Planlage durch spezielle Filmführung, Bildzählung mit doppeltem roten Fester.
sonst. Ausstattung Drahtauslösergewinde, 3/8‘‘ Stativgewinde
Maße, Gewicht ca. 97 x 68 x 62 mm, 294 g
Baujahr(e) 1930-1931, ca. 2200 Exemplare, diese #82641 von 1931
Kaufpreis, Wert heute ca. 70 RM (1931), 100-200€ je nach Zustand.
Links Camera-wikiCollection AppareilsCoeln Cameras
Bei KniPPsen weiterlesen Das plötzliche Verschwinden der 3x4 KamerasAugust Nagel, Meine 3x4 Sammlung, Pupille, Vollenda 48 (1), Vollenda 48 (2),  Nagel VorkriegsproduktionGevaert 127er Rollfilm, Kodak Rollfilm 127, Retina 117

2023-07-09

Baby Minolta

Diese Baby Minolta lief mir schon letzten Sommer über den Weg, ich habe wegen des günstigen Preises zugeschlagen und sie dann erstmal lange im Regal stehen lassen. Sie ist meine erste Vorkriegskamera aus Japan, passt noch einigermaßen in meine 3x4-Kamerasammlung und auch noch zu der einen oder anderen Bakelit-Kamera, die ich schon habe. Ich habe solange mit einem Post hier gezögert, weil ich dachte, mich noch tiefer in die japanische Vorkriegs-Kamerageschichte einlesen und -arbeiten zu können. Dazu bin ich leider bisher nicht gekommen. Über die Baby-Minolta gibt es allerdings einen exzellenten Artikel bei Camera-Wiki, auf den ich an dieser Stelle verweisen möchte.

Die Baby Minolta ist ein Zweiformat-Kamera, 
per einsetzbarer Blechmaske kann von
4x6.5 auf 3x4 umgebaut werden.  

Aber auch diesen Informationen sollte man nicht ungefiltert trauen. Ich wurde beim Objektiv skeptisch, das mit 75-80 mm f/8 abgeschätzt wurde. Nun habe ich ja ein eigenes Exemplar in den Händen und kann nachmessen, was an offiziellen Angaben zum Objektiv fehlt. Ich gehe mal davon aus, dass die Info mit dem verkitteten 2-linisgen Meniskus stimmt, zumindest letzteres ist sehr plausibel wegen der gebogenen Rückwand, die zumindest teilweise (in einer Achse) der gewölbten Bildebene der Einfachoptik folgt. Aber egal ob es nur eine Linse wäre oder eine verkittete Gruppe aus zweien, die Hauptebene läge innerhalb des Glases. Damit kann man mit dem Lineal bis zur Filmebene messen und da komme ich auf ca. 60 mm Brennweite. Ähnlich geht das mit der maximalen Öffnung (gemessen in der B-Stellung: ca. 4-5 mm), damit ergibt sich ca. f/12. Ich habe natürlich auch noch andere Internet-Quellen gesucht und bin bei einer japanischen Seite fündig geworden, der wohl auch selbst nachgemessen hat. 60 mm macht auch für diese Zweiformat-Kamera Sinn, für 4x6.5 wären eigentlich 75 mm "normal", bei 3x4 50 mm, daher ist 60 ein guter Kompromiss.  

Mein Exemplar ist nicht besonders gut erhalten, wie man an den Bildern sieht. An einer Ecke fehlt etwas Bakelit, der (Kunst-)Lederbezug blättert zum Teil ab und eines der beiden roten Fensterchen auf der Rückseite fehlt. Reste eines Klebestreifen lassen sich leider nicht ohne weiteren Schaden entfernen. Filmtransport und auch der Verschluss funktionieren anscheinend tadellos und auch der Objektivtubus lässt sich rausziehen und rastet per Drehung ein. Mit ein bisschen Improvisieren könnte ich also ggf. einen Film riskieren (wenn der nich so schwierig zu bekommen wäre). Vielleicht ergattere ich ja irgendwann eine andere japanische Vorkriegskamera, dann nehme ich den Faden hier wieder auf...

Datenblatt einfache japanische Vorkriegskamera aus Bakelit für 3x4 und 4x6.5 auf 127er Film
Objektiv 2-linsiger verkitteter Meniskus, ohne nähere Angaben. Vermutlich (siehe Text) 60 mm f/12.
Verschluss Selbstspann-Zentralverschluss B-100-50-25
Fokussierung Fix-Fokus. Rückwand und Filmführung sind gekrümmt
Sucher Einfacher Aufklapp-Rahmensucher (4x6.5) mit senkrechten Streben als 3x4 Markierung
Filmtransport Mittels Drehrad auf der Kameraoberseite, zwei rote Rückseitenfenster für Bildnummern auf dem Rückseitenpapier.
sonst. Ausstattung herausnehmbare Blechmaske für 3x4, versenkbares Objektiv, Stativgewinde 1/4'', Zubehör: Kameratasche.
Maße, Gewicht ca. 54x72x120 mm (Objektiv eingeschoben), 297 g.
Baujahr(e) 1935-1940, dieses 2. Modell ca. 1936, insgesamt 30,000 bis 50,000 Exemplare.
Kaufpreis, Wert heute ¥9.50 (1936) + ¥2.00 für die Tasche, heute je nach Zustand 50-150€
Links Camera-Wiki, Collectiblend, Subclub, Ranzosha

2023-04-01

C.P. Goerz Roll-Tenax (4 x 6.5)

Die Firma C.P. Goerz aus Berlin gehörte einmal zu den ganz großen der Fotobranche. Gegründet 1886 von Carl Paul Goerz wuchs die Firma kontinuierlich bis zum Ende des 1. Weltkriegs. Man produzierte fast alles was dazu gehörte: Kameras, Objektive, Filme, Entfernungsmesser, Verschlüsse, und dazu noch die nötigen Maschinen. Fernrohre, Schließzylinder und vieles mehr gehörten dann zu den Dingen, die Goerz im 1.Weltkrieg zum führenden Militär-Equipment Hersteller werden ließen. Der Krieg ging verloren und Goerz geriet durch das Verbot des Versailler Vertrages, weiter Kriegsgerät zu produzieren, in eine gehörige wirtschaftliche Schieflage. Die Zwangsfusion zur Zeiss Ikon (mit ICA, Contessa Nettel, Ernemann und anderen), betrieben durch den eigentlichen Konkurrenten Carl Zeiss rettete 1926 die Fabriken und Arbeitsplätze, der Name Goerz wurde fallengelassen. 
Genau aus der schwierigen Zeit nach dem Weltkrieg und vor der Zeiss Ikon Fusion stammt diese kleine Kamera. Es handelt sich um eine Roll-(Pocket) Tenax für das Format 4 x 6.5 auf 127er Film, angeblich seit 1914 auf dem Markt. Goerz produzierte (wie viele andere Kamerahersteller auch) die Roll-Tenax auch in anderen Größen, sprich für andere Rollfilme. Dies ist die kleinste Variante, die auf dem Markt der Westentaschenkameras mitmischte. Die genaue Datierung meiner Kamera ist kaum möglich, ich tippe anhand der Seriennummern von Objektiv und Verschluss mal auf 1919 oder 1920, weil  es ca. ab 1920 ein etwas verbessertes Design mit großem ledergeprägtem GOERZ-Schriftzug und anderen Laufbodenstreben gab, dieses hier aber noch das alte Design ist. Meine Kamera hat außerdem noch den heute selten anzutreffenden Compound-Verschluss, was auf eher frühe Produktion hindeutet.
Die Laufboden Roll-Tenax eingerahmt von ihren Spreizen-Schwestern Vest Pocket Kodak und Piccolette.

Ansonsten ist an der Kamera nichts außergewöhnliches, sie repräsentiert einen Standard, den man Anfang der 1920er Jahre in Deutschland von einigen Kamera-Manufakturen für die jeweils gängigen Rollfilme kaufen konnte. Die meisten von denen verwendeten Objektive von Carl Zeiss, gerne das vierlinsige Tessar oder ein einfacheres Triplet (nach Cooke), das oft ebenfalls von Zulieferern aus dem Zeiss-Konzern (z.B. die Optische Anstalt Saalfeld) stammte. Goerz gehörte zu den ernstzunehmenden Konkurrenten von Zeiss, was hochwertige Objektive anging. Das Dogmar war 1916 ihre letzte eigenständige Objektivkonstruktion (patentiert 1912, DRP258.495), die wegen ihrer Abbildungsleistung und großen Öffnung von f/4.5 gelobt wurde. Es ähnelt beim Linsenschnitt dem Tessar, wobei hier die beiden rückseitigen Linsen getrennt und nicht verkittet sind. Dogmare für Großformat-Kameras konnten auseinandergenommen werden (sog. Doppelobjektiv), um Front- und Hinterglied als einzelne Objektive (stark abgeblendet!) zu verwenden. Dabei hatte das Frontelement die 1.92-fache und das Rückelement die 1.52-fache Brennweite des kombinierten Objektivs. Goerz musste (so wie Ernemann) die Objektiv-Fertigung nach der Zeiss Ikon Fusion einstellen. 

Meine Kamera ist recht passabel in Schuss, der Verschluss funktioniert, auch wenn ich auf die Zeiten nicht mehr wetten würde. Alles ist etwas schwergängig und ich habe ein paar Tage gebraucht bis ich verstanden habe, wie man die Rückwand öffnet. Dies ist recht eigenwillig gelöst: Das Scharnier (zu sehen auf dem kleinen Bild oben ganz links) ist federgespannt verschiebbar, war aber festkorrodiert. Außerdem ist der Ausklappständer abgebrochen, ich habe ihn für die Bilder durch ein kleines Stückchen schwarzen Plastiks ersetzt.

Datenblatt Laufboden-Rollfilmkamera für Rollfilm 127 (4 x 6.5 cm)
Objektiv Dogmar 7.5 cm f/4.5 (4 einzelne Linsen), #400214
Verschluss F.Deckel Compound Zentralverschluss, T ("Z")-B-1-2-5-10-25-50-100-300, #342938 
Fokussierung keine Scharfstellhilfe, Verschieben von Objektiv und Verschluss auf dem Laufboden, kürzeste Entfernung ca. 80 cm.
Sucher kleiner Brilliantsucher, drehbar für für Hoch- oder Querformat.
Filmtransport mittels kleiner Schlüsselschraube. Rotes Filmfenster in Rückwand
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Drahtauslösergewinde.
Maße, Gewicht ca. 64 x 122 x 25 mm (geschlossen), 340 g
Baujahr(e) 1914-1926 (ab 1920 in etwas modifizierter Ausführung), diese #9248 ca. 1919.
Kaufpreis, Wert heute ??, ca. 40 €
Links Wikipedia, Camera-Wiki (Goerz), Camera-Wiki, Goerz LensesJahrbuch Artikel Dogmar 1914.
bei KniPPsen weiterlesen Rollfilm 127, Piccolette, Vest Pocket Kodak, Rollette, Icarette

2023-02-23

Rollfilm 129

Der Rollfilm 129 (Kodak Bezeichnung) wurde 1912 für die britische Ensignette No.2 eingeführt und ist der einzige Rollfilm für den Kodak selbst keine Kamera gebaut hat. Es ist ein Zwischenformat zwischen den beiden einzigen heute noch existierenden Rollfilmformaten 120 und 127 (auch wenn letzterer arg vom Aussterben bedroht ist…). Auch wenn seine Wurzeln in England liegen hatte er gerade unter deutschen Kameraherstellern in den 1920er und frühen 1930er Jahren seine beste Zeit, stand aber auch damals im Schatten der beiden anderen Rollfilmformate. Die erste (1923) und wohl erfolgreichste deutsche Kamera war die Krauss Rollette

Die Spule war wie die seines kleinen Bruders 127 ganz aus Metall. Der Kern ragte auf beiden Seiten etwas über den Kragen hinaus, war aber im Gegensatz zum 127 nur auf einer Seite eingekerbt, damit dort der Transportschlüssel der Kamera greifen konnte. Den 129er gab es nur in einer Länge mit lediglich 6 Aufnahmen pro Film, was sicherlich ein Grund für das kurze Leben auf dem Fotomarkt war. Hier mal meine Rollfilmspulensammlung im Vergleich mit ein paar technischen Daten in der Tabelle inklusive Links zu wichtigen Rollfilmkameras.
Rollfilm... 116 117 120 620 129 127
Bildformat (Anzahl Bilder) 6.5x11 (8) 6x6 (6) 6x9 (8)
6x6 (12)
6x4.5 (16)
6x9 (8)
6x6 (12)
6x4.5 (16)
5x8 (6)3x4 (16)
4x4 (12)
4x6.5 (8)
Filmbreite 70 mm61 mm61 mm61 mm52 mm46 mm
nutzbare Bildbreite 64 mm56 mm56 mm56 mm48 mm41 mm
Kernlänge 73 mm65 mm65 mm64 mm57.5 mm54.5 mm
Kerndurchmesser 12 mm11.9 mm11.9 mm7.1 mm6.2 mm4.6 mm
Kragendurchmesser 32 mm22.2 mm25.2 mm23 mm19.5 mm18.8 mm
Agfa Bezeichnung D-6B1B2-8PB20N-6A-8
auf dem Markt (von-bis) 1899-19841900-195?1901-…1932-19951912-19511912-…

Ich bin stolzer Besitzer von Photo-Porst Katalogen aus den Jahren 1932, 1935 und 1938. Was dort über die verfügbaren Rollfilme und ihre Preise steht, ist sehr interessant, siehe die drei Scans unten. Es scheint Hersteller übergreifende Einheitspreise gegeben zu haben, wobei der 129er Rollfilm (5x8) ca. 15-20% teurer war, als die jeweils nächst kleinere (127) oder größere Variante (120). Auch war ab 1935 die Auswahl für den 129er sehr beschränkt. Natürlich ist das nur das Angebot des größten Fotoversandhändlers, und es kann durchaus sein, dass es bei anderen Händlern etwas anders aussah.
   
1932 1935 1938

2023-02-06

G.A. Krauss Rollette

Kompakte Rollfilmkameras aus den 1920ern, gerne auch als Westentaschenkameras bezeichnet, werden langsam zu einem neuen Sammelschwerpunkt von mir (hier ihre Übersicht). Diese Rollette ist aus heutiger Sicht besonders, verwendete sie doch als erste deutsche Kamera den Rollfilm (Kodak) 129 (Agfa N6). Dieser ist eine Zwischengröße zwischen dem 120er und dem 127er und die Rollette ist tatsächlich fast genauso groß wie die Vest Pocket Kodak, bietet aber 40% mehr Bildfläche. Der Filmstreifen ist 52 mm breit, das Bildformat ist 5x7.5 cm (2''x3'') und wird gerne auch mal auf 5x8 aufgerundet. Das exakte Bildmaß bei der Rollette ist 48x74 mm. Die Bilddiagonale und damit die Brennweite für ein Normalobjektiv ergibt sich somit zu 9 cm.

Viele Rollfilmkameras ihrer Zeit wurden für unterschiedliche Rollfilme (127, 129, 120, 116) und damit in unterschiedlichen Größen angeboten, zum Beispiel die ebenfalls in Stuttgart gebauten Nagel Vollendas. Für die Rollette trifft das allerdings nicht zu, sie gab es in nur einer Gehäusegröße für den Rollfilm 129 und das Format 5x7.5. Im Netz und auch sogar bei Camera-Wiki wird behauptet, es hätte sie auch für den Rollfilm 127 (4x6.5) gegeben. Das ist irreführend, aber nicht komplett falsch. Ich habe mir große Mühe gemacht, ein Bild oder Prospekt einer solchen entsprechend kleineren 127er Variante im Netz aufzuspüren: Fehlanzeige! Allerdings habe ich zwei Kameras aufgestöbert, die den 127 Film in der 129er Kamera nutzten. Dazu unten mehr.

Bei meiner Recherche bin ich allerdings verschiedenen Varianten bzw. Bauformen über den Weg gelaufen, die ich im Folgenden kurz dokumentieren möchte. Ich meine damit nicht verschiedenen Objektive oder Verschlüsse, die gab es auch (siehe z.B.  Rollette Prospekt). Nein, ich meine, die folgenden Veränderungen der Bauform erfolgten nacheinander im Laufe der Zeit:
    Typ 3 (1927)
Typ 1: Rollette mit Spreizenmechanismus, den sie wohl mit der Krauss Plattenkamera Knirps/Nanos gemeinsam hatte. Die verlinkte Kamera hat als Seriennummer die 2342 und keine Belederung. Es ist die einzige dieser Art, die ich finden konnte und vermutlich nicht oft gebaut worden.

Typ 2: Rollette mit Laufboden, so wie meine hier dokumentierte Kamera. Charakteristisch ist der rechteckige Aufklappständer und die einteiligen Streben, die den Laufboden stabilisieren und beim Einklappen in Richtung Kamerarand einschwenken. Die zugeklappte Kamera ziert der gezeigte "Rollette" Schriftzug, entweder in Leder geprägt oder (bei frühen unbelederten Kameras) weiß graviert im schwarzen Hammerschlaglack. Der geöffnete Laufboden zeigt das kreisrunde "GKAS"-Symbol (für G.A. Krauss, Stuttgart). Meine Kamera hat die Seriennummer 5141, eine andere unbelederte habe ich mit 4302 gefunden. Ich ordne den Typ 2 mal den Baujahren 1924-1926 zu.

Typ 3: Rollette mit Laufboden, wie im Prospekt von 1927 gbgebildet. Die Streben sind nun zweigeteilt mit Scharnier und schwenken beim Einklappen Richtung Kameramitte. Ob mit dieser Änderung auch ein federgespanntes Selbst-Aufrichten des Laufbodens auf Knopfdruck einherging, konnte ich in Ermangelung eines solchen Exemplars nicht ergründen, scheint aber sinnvoll. Dieser Typ und alle vorherigen haben ein ca. 10-cent-Stück großes Drehrad mit den Buchstaben Z und A als Verriegelung der Gehäusehülle. Dieser Typ ist relativ selten zu finden, weil wohl nur im Jahr 1927 produziert. Ich habe ein Exemplar mit der Seriennummer 17489 gesehen.

Typ 5, von einer Gebrauchs-
Anweisung von 1928
Typ 4: Ab Variante 4 gibt es einen "Elefantenfuß"-Ständer mit eingraviertem Rollette Schriftzug darauf und ein in Leder geprägtes "Krauss" oberhalb des Objektivs. Die Verriegelung ist nun mit einem kleineren Schieber realisiert. Das runde GKAS-Symbol wurde durch einen einfachen "Krauss - Stuttgart" Schriftzug ersetzt. Alle Kameras mit RIM-Compur gehören zu dieser oder (meist) zur nächsten Variante. Dieser kam ja erst 1928 auf den Markt, was als Anhaltspunkt für die zeitliche Einordnung dienen kann. Variante 4 gab es wohl einige Zeit parallel zu 5 als einfache Version: Pronto Verschluss, einfaches f/6.3 Rollar, kein Rahmensucher. Seriennummern dazu, z. B. 30962, 38792.

Typ 5: Wie Variante 4 und parallel zu dieser, aber mit zusätzlicher Feinfokussierung per extra Hebelchen auf der rechten Seite. Bei früheren Versionen rastete der Laufboden in Unendlich Stellung ein und musste zum Fokussieren per Finger entriegelt und das ganze Objektiv auf dem Laufboden händisch verschoben werden. Dafür gab es auf der linken Seite eine kleine Skala (siehe Foto unten). Mit der Feinfokussierung gab es auch noch ein zweites Stativgewinde im Laufboden selbst. Diese Variante ist heute auf dem Sammlermarkt am häufigsten zu finden, Seriennummern reichen von ca. 20000 (z.B. eine Luxus mit einem Tessar von 1928: 22381) bis rauf zur 44448 und können den Jahren 1928-1931 zugeordnet werden.
Typ 6

Typen 3-5 Luxus: Von den Bauvarianten 3-5 und wohl am häufigsten von der Variante 5 gab es sogenannte Luxus-Versionen mit gelbem oder hellbraunem Leder und glänzend polierten Kanten. Solche Kameras wurden häufig dann auch mit Carl Zeiss Tessar 9cm/4.9, 8cm/4.5 oder gar 7.5cm/4.5 gekauft. 

Typ 6: Neben Typ 1 existiert wohl noch eine exotische, diesmal späte Variante, die ich auf Grund des verwendeten RIM-Compur und der Tessar Seriennummer in das Jahr 1931 stecke. Mir ist sie nur einmal untergekommen. Sie hat einen komplexen Spreizenmechanismus (siehe Bild), der eine Fokussierung per Drehknopf am Gehäuse realisiert. Außerdem wurde der bisherige Rahmensucher durch einen Aufklapp-Durchsichtsucher ersetzt. Ich schätze, es hat nicht viele davon gegeben und G.A. Krauss hat sich ab 1932 dann auf die Peggy konzentriert.  

Varianten für den 127er Film: Bleibt die Frage nach der Verwendung von 127er Film. Hier habe ich zwei Varianten entdeckt, beide vom Typ 5, und ich weiß nicht, ob die Firma Krauss selbst daran beteiligt war. Für mich ist jedenfalls klar, dass es keine prinzipiell kleinere Rollette-Variante für den 127er Film gegeben hat.
129er Rollette mit 127er-Adapter Modifizierte Rollette für 127er Film
mit 6.5x4 cm Maske
Ansonsten ist die Firma G. A. Krauss in Stuttgart ein interessanter Kamerahersteller. Einfach aus dem Grund, dass sie zwischen 1920 und 1936 lediglich vier Kamerakonstruktionen (in mehreren Varianten) gebaut haben, die letzte davon war die Peggy, eine der wenigen Leica Konkurrentinnen der frühen Kleinbild-Ära. Laut Hartmut Thiele's "Wer war Wer - Die Deutsche Photoindustrie" wurde das Fotohandelsgeschäft 1895 von Gustav Adolf Krauss in Stuttgart gegründet und erst 1920 durch eine eigene Kameraproduktion erweitert. Das erste Produkt war die Stereoplast, gefolgt von der kompakten Spreizenkamera Nanos/Knirps für 4,5x6 cm Platten. Im Netz gibt es widersprüchliche Angaben, welcher der beiden Namen für diese Kamera zuerst verwendet wurde. Wie dem auch sei, angeblich wurde die Rollette 1923 vorgestellt und bis zum Start der Peggy 1931/1932 gebaut, siehe oben. Die Kameraproduktion wurde 1936 verkauft (an wen?). Das Fotogeschäft in Stuttgart gab es noch bis 1991 bis es an Photo Porst verkauft wurde.

 
Ich denke, die Rollette war Krauss' erfolgreichste Kamera, ansonsten hätte es nicht so viele Verbesserungen über die Jahre gegeben. Mit weniger als 50-Tausend Kameras in 12 Jahren, davon die Hälfte in den letzten ca. 3 Jahren 1928-1930, gehörte Krauss am Ende nicht zu den großen Kameraherstellern, aber Mitte der 1920er sicherlich zu den Pionieren der Rollfilm-Ära. Als am Ende des Jahrzehnts sich Zeiss Ikon formierte, Agfa mit dem Kamerawerk in München durchstartete, Voigtländer den Rollfilm für sich entdeckte und August Nagel das spätere Kodak-Nagelwerk etablierte, da konnte Krauss nicht mehr mithalten und fokussierte sich ein paar Jahre lang noch auf den neuen Kleinbildfilm. Aber auch das blieb eine Episode. 

Datenblatt Kompakte Laufboden-Rollfilmkamera, 5x8 auf Rollfilm 129
Objektiv Rollar-Anastigmat 9cm f/6.3 (Triplet), andere Lichtstärken bis f/4.5 sowie Zeiss Tessar f/6.3, f/4.9 oder f/4.5 optional erhältlich.
Verschluss Compur Zentralverschluss, B-1-2-5-10-25-50-100-300, oder Pronto B-25-50-100 1/s. Ab 1928 auch mit RIM-Compur.
Fokussierung durch verschieben des Objektivs auf dem Laufboden, Einrasten bei Unendlich, kleine Skala. Typ 5 ab 1928 mit Feinfokussierungshebel. Keine Scharstellhilfe.
Sucher drehbarer Brilliant- und aufklappbarer Draht-Rahmensucher.
Filmtransport Drehrad, rotes Fenster für Rückseitenpapierkontrolle.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8‘‘, Drahtauslösergewinde, ausklappbarer Standfuß.
Maße, Gewicht ca. 128x65x25 mm, 290 g
Baujahr(e) 1923/24 bis 1931, ca. 40000 Exemplare, dieses #5141 ca.1926.
Kaufpreis, Wert heute 117 sFr (diese Ausführung, 1927), ca. 40 €
Links Rollette Prospekt, Engel-ArtCamera-Wiki, Earlyphotography, BlendeundZeit, Collection Appareils, List of photgraphic films
Bei KniPPsen weiterlesen Rollette Fortsetzung (Vergleich Typ 2 und Typ 5), Peggy (Typ Norm)