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2026-02-05

Actino U

In einem Beutel mit Fotokrams, den ich neulich geschenkt bekam,  war auch dieser Handbelichtungsmesser aus den 1950ern. Es handelt sich um ein Modell der Firma Weigand aus Erlangen. Karl-Heinrich Weigand hatte seine Firma für elektrische Messinstrumente schon 1938 zusammen mit einem Partner gegründet und das erste einfach ACTINO genannte Modell herausgebracht. Nach dem Krieg hat er die Firma alleine wieder aufgebaut und ab 1948 neue Actino-Modelle produziert.    
Der Actino U wurde in leicht verschiedenen Versionen von 1954 bis zum Ende des Jahrzehnts produziert. Mein Exemplar hier hat entgegen zu den meisten anderen Darstellungen oder Fotos eine schwarze Skala mit weißer Schrift, entspricht aber in der sonstigen Spezifikation dem üblicherweise Version 1 genannten Modell. Er kommt in einem schicken und praktischen roten (Kunst-)Lederetui, und weil das meistens geschlossen ist und somit kein Licht auf die Zelle fällt, funktioniert mein Exemplar tatsächlich noch.

Datenblatt Handbelichtungsmesser
Belichtungsmessung per Selenzelle, Empfindlichkeit 8-26 °/10 DIN, 6-400 ASA, Blenden 1.4 - 22, Zeiten 60s - 1/1000 s
sonst. Ausstattung Cine-Gangzahlen, Aufklappdiffusor
Maße, Gewicht ca. 50 x 70 x 23 mm (ohne Etui, mit jeweils ca. 4 mm dazu), 140 g
Batterie keine notwendig, Selenzelle!
Baujahr(e) 1954-ca. 1959
Kaufpreis, Wert heute 39 DM plus Etui (3,30 DM), 5€
Links Photobutmore, Camera-Wiki, Lightmetermuseum.com (archived)
Der Actino U (hier mit der üblichen hellen Skala) neben einiger seiner direkten Konkurrenten aus dem Photo Porst Katalog 1956. Mit 39 DM gehörte er zu den günstigeren Modellen, auf der Seite vorher waren die Gossen-Modelle Sixtomat etc. ab 69 DM zu bestellen.

2025-09-28

OMBRUX (Photolux)


Belichtungsmessung und Belichtungsautomatik in Kameras beschäftigen mich schon lange. Grundlage dafür ist meist ein fotoelektrischer Belichtungsmesser, viele meine Kameras haben einen eingebaut. Aber ab wann gab es das und wie funktionierten die ersten Exemplare? Wie so oft in der Fotogeschichte gab es neue Funktionen zunächst einmal in Form von externem Zubehör, als sogenannter Handbelichtungsmesser. 

Im Laufe des Jahres 1933 kamen unabhängig voneinander gleich zwei Modelle auf den Markt, von denen heute behauptet wird, sie seien der erste seiner Art gewesen: Der eine kam aus den USA von der Firma Weston (Weston 617), der andere wurde in Erlangen von der Firma Gossen gebaut. Er hieß in einer ersten Version zunächst PHOTOLUX, wurde dann aber noch im selben Jahr in OMBRUX umbenannt und so bis ca. 1938 gebaut und sehr erfolgreich unter die Fotografen gebracht. 

Der Ombrux kostete in den ersten Jahren 26.50 RM plus 2.50 RM für das praktische Lederetui (Preisbindung!) und damit viel weniger als der Weston (US$ 40). Für unter 30 RM bekam man damals auch schon einfache Rollfilmkameras, ambitionierte Amateure oder Profis fotografierten aber mit Leica oder Contax und die kosteten ca. das 10-fache. Bei dem günstigen Preis verkaufte sich der Ombrux wohl sehr gut, Produktionszahlen habe ich allerdings nicht gefunden. Der heutige Gebrauchtmarkt für Sammler ist aber gut bestückt und man bekommt die Dinger in z.T. gutem Zustand mit Zubehör sehr günstig (10- 40 €).
Mein Ombrux kam in erstaunlich guter Verfassung bei mir an. Die Nadel des Drehspulinstruments bewegte sich noch in Abhängigkeit der Helligkeit, allerdings nicht sehr reproduzierbar. Das Bakelit-Gehäuse hat eine kleine Ecke rausgebrochen, und auch die originale lederne Bereitschaftstasche hat eine nette Patina, die von regem Gebrauch zeugt. Aufgeklappt, kommt eine Blenden/Verschlusszeiten Vergleichstabelle auf einem Alu-Blech zum Vorschein. Die Messnadel zeigt nämlich direkt die vorgeschlagene Verschlusszeit bei der (damals üblichen) Arbeitsblende f/9 An, für die ebenfalls übliche Filmempfindlichkeit 15/10 °DIN (23° Scheiner). Für andere Blenden muss man entsprechend in der Tabelle nachschlagen. In der Bereitschaftstasche steckte außerdem die ausführliche Bedienungsanleitung, die ich hier gerne verlinke.

Datenblatt Einer der ersten fotoelektrischen Handbelichtungsmesser
Messprinzip und -bereich Selenzelle mit Sammellinse, 1/10 s bis 1/500 s bei Blende 9 und 15/10°DIN, mit roter Taste Umschaltung auf 30 s bis 1/10s.
sonst. Ausstattung lederne Bereitschaftstasche mit Umrechnungstabelle für andere Blenden/Zeit-Kombinationen, aus Aluminiumblech, auswechselbar für verschiedene Filmempfindlichkeiten.
Maße, Gewicht 60x74x29 mm, 181/254g (ohne/mit Ledertasche)
Batterie keine notwendig.
Baujahr(e) 1933 - ca. 1938. 
Kaufpreis, Wert heute 26,50 RM plus 2,50 RM für Lederetui, ca. 10-40€
Links Umfassende Seite über Belichtungsmesser: Photobutmore!

Seite aus dem Photo Porst Katalog, 1935

2023-11-19

Braun Paxette electromatic II

Die Paxette electromatic II war Braun's klammheimliches Eingeständnis an Agfa, dass die Optima mit ihrer Interpretation von Vollautomatik ein Volltreffer war und die eigene erste electromatic am Kundenwunsch vorbei geplant war. Der Rechtsstreit mit Agfa über die Verwendung des Begriffs vollautomatisch war verloren und auch die Kunden hatten trotz des deutlich höheren Preises sich für die teurere, weil bessere Kamera entschieden. 
Erste "wirklich vollautomatische" Kamera (electromatic, links) 
 neben Braun's erster richtiger vollautomatischer Kamera. Die jüngere
rechts ist bei sonst gleichem Gehäuse ein paar Milimeter höher.   
Auch wenn die Zielgruppe der electromatic (I) die fotografischen Laien waren, so ließen sich diese doch nicht für dumm verkaufen. Ein im Zweifel unscharfes Fixfokus-Objektiv sowie Fehlbelichtungen wegen des nur knapp 5 Lichtwertstufen großen Belichtungsspielraums sind halt starke Argumente gegen die erste Version der electromatic
Bei dieser zweiten Version, die dann 1960 endlich in die Läden kam, machten die Braun-Ingenieure dann alles richtig. Es gab ein lichtstärkeres Objektiv (Rodenstock-Ultralit** 2.8/40), das jetzt auch fokussiert werden wollte, wofür neben den üblichen Meter- und Feet-Skalen noch zwei Symbole (Gruppe, Portrait) vorhanden waren, bei denen es sogar einrastete. Die Entfernung zum Objekt musste allerdings geschätzt werden, immerhin gab es um das Objektiv herum eine gut abzulesende Tiefenschärfeskala. Und, Braun setzte nicht mehr auf die eigene (preiswerte) Implementierung der automatischen Blendensteuerung, sondern kaufte Vollautomatik in Form des Prontormat-S-Verschlusses von Gauthier zu. 

Blick durch den Sucher mit Leuchtrahmen und
Parallaxenmarkierung. Ganz oben wird die vom
belichtungsmesser ermittelte Zeit-Blenden-Kombi
eingespiegelt, ändern kann amn daran nichts.
Es handelt sich um einen Lichtwertverschluss, der ein festes Programm von Blenden- und Zeitkombinationen abfährt und mit einem einzigem, dem gemessenen Lichtwert entsprechenden Steuersignal auskommt. Wenn der Verschluss gespannt ist und auf der Wahlstellung "Auto" steht, kann man (mit ein bisschen Augen verrenken) am oberen Rand des sehr großen und hellen Sucherbildes die vom Belichtungsmesser gewählte Zeit-Blendenkombination ablesen. Das Drehspulelement bewegt dazu eine transparente Folie, deren eingeprägte Zahlen entsprechend in den Sucher eingespiegelt werden. 
Die Filmempfindlichkeitseinstellung (10-400 ASA, bzw. 11-27 DIN) gelingt mit einem kleinen Drehrädchen und verstellt das gesamte Drehspulelement, wirklich pfiffig gelöst. Ob jetzt der Verschluss tatsächlich das sinnvoll gestufte Programm dieser festen Zeit-Blenden-Kombinationen benutzt, oder eher der im Diagramm gestrichelten kontinuierlichen Linie folgt, konnte ich an meinem Exemplar nicht zweifellos klären. Ich vermute eher ersteres, da auch beim manuellen Einstellen der Blende  (dazu gleich mehr) diese sich in Stufen verstellt. 

Im Sucher angezeigtes Programm des Prontormat-S
Lichtwertverschlusses. Mit über 10 Lichtwertstufen 
und den gewählten Stufen ist dieser sehr praxistauglich.
Der Verschluss kennt neben der automatischen Lichtwert-Steuerung (Stellung des Drehrings um das Objektiv mittig auf "Auto") noch zwei manuelle Modi. Dreht man den Ring eine Drittel-Drehung nach rechts gelangt man zu "B", dargestellt durch eine grüne Blendenskala von 2.8-22. Dreht man 120° nach links, kommt eine entsprechende rote Blendenskala zum Vorschein, begleitet durch die Blitz-Verschlusszeit, vermutlich 1/30s. 
Damit wird auch klar, dass es zwei Sätze von jeweils 5-Lamellen gibt, die eigentliche Blende liegt dabei direkt hinter den Verschluss-Lamellen. Das ist nicht selbstverständlich, gibt es doch spätere Automatikverschlüsse, die nur einen Satz Lamellen verwenden und jeweils nur bis zur gewünschten Blende öffnen.   
Interessanterweise gibt es bei der Kamera keinen Mittenkontakt (Hot-Shoe) mehr, sondern eine gewöhnliche Blitzbuchse. Ob auch hier Braun den Kunden so viel Innovation nicht zumuten wollte, oder ob die Verlegung des Kabels in die Deck-Kappe einfach technisch zu komplex war? Vielleicht beides.
Die Paxette electromatic II neben der mehr als ein Jahr früher erschienenen Agfa Optima, deren technische Spezifikation sie im Wesentlichen teilt. Die Braun hat den besseren Sucher, ist deutlich kompakter und läßt sich mit einer Hand bedienen, während die Agfa den linken Zeigefinder für die magische Taste und den rechten zum Auslösen braucht. Die Optima erreichte von 1959 bis 1961 und einem Preis von 238 DM ca. eine halbe Million Kunden, während die electromatic II bei 297 DM wohl nur ca. 10-20 tausendmal gekauft wurde. 

Die "II" ist (außer der Luxusversion der "I" mit Krokodilleder) vermutlich die seltenste der gesamten electromatic-Serie. Neben der II gab es parallel noch die ähnlich gut ausgestattete electromatic III, die mit dem Prontormatic-Verschluss (1/30 bis 1/500 s) ausgestattet war, der volle manuelle Einstellung erlaubte und alternativ die automatische Blendensteuerung nach Zeitvorwahl anbot. Ich stütze meine Vermutung auf der Tatsache, dass man heute mehr IIIer als IIer auf dem Gebrauchtmarkt (ebay) zu sehen bekommt. Es gab übrigens noch eine abgespeckte electromatic IIs genannte Version, die das bekannte Fixfokus 5.6/40 mm Objektiv, aber sonst die gleiche Funktionalität wie die II hatte. Was das sollte, bleibt mir schleierhaft, vielleicht mussten die auf Lager liegenden Fixfokus-Objektive weg...? 


Mit meinem Exemplar habe ich ein echtes Schnäppchen gemacht. Während der Recherche zur electromatic (I) lief sie mir über den Weg, ich habe mal 10 € (inkl. Versand!) geboten und den Zuschlag bekommen. Sie war allerdings als defekt beschrieben, der Verschluss klemmte. Ich habe allerdings keine 10 Minuten gebraucht, um das wieder hinzukriegen. Die beiden Frontglieder vom Objektiv lassen sich recht einfach entfernen, mit einem Wattestäbchen und etwas Waschbenzin löste sich der mit den Jahrzehnten verklebte Verschluss schnell. Zu meiner Freude funktioniert der Selenbelichtungsmesser noch sehr passabel, die angezeigten Lichtwert-Kombinationen stimmen. Allerdings habe ich immer noch Zweifel an der richtigen Blendeneinstellung im Automatik-Modus, mal sehen, ob ich mich hier nochmal dranmache. Ansonsten zeigen die Fotos den Top-Erhaltungszustand. Vermutlich hat sie die letzten 50 Jahre meist im Dunkeln und geschützt in einer Bereitschaftstasche zugebracht.

Datenblatt kompakte Kleinbildkamera mit Belichtungsautomatik 
ObjektivRodenstock-Ultralit** 40 mm f/2.8, vergütetes Triplet (?)
Verschluss Prontromat-S von Gauthier, Lichtwert-Zentralverschluss 1/30 -1/300 s, B, Blitzsynchronzeit 1/30s. 
Belichtungsmessung Bertram Selen Belichtungsmesser, Trap-Needle-Lichtwertautomatik LW 8  bis 17.5, Filmempfindlichkeit 10-400 ASA, bzw. 11-27 DIN.
Fokussierung Frontlinsen-verstellung manuell, minimale Entfernung 1 m. Einrastende mit Symbolen markierte Entfernungen für Gruppe und Portrait.
Sucher Großer optischer Sucher mit Leuchtrahmen. Einspiegelung der Zeit-Blenden-Kombination, roter Balken bei zu wenig Licht.
Blitz PC-Buchse, kein Mittenkontakt im Zuberhörschuh.
Filmtransport Schnellschalthebel (Ein Schwung pro Bild), ähnlicher Hebel auch zum Rückspulen. Bildzählwerk (rückwärts)
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Stativgewinde 1/4‘‘, keine Gurtösen, Drahtauslösergewinde, Tiefenschärfeskala am Objektiv
Maße, Gewicht ca. 111x88x60 mm, 671g
Baujahr(e) 1960-1964 ca. 20,000 Exemplare, s. Text. Diese hier #467645 von 1962
Kaufpreis, Wert heute297 DM, heute je nach Zustand 40-60€.
Links Camera-WikiBraun Kameraliste, Collection appareils
Bei KniPPsen weiterlesen Geschichte der Belichtungsautomatik, Geschichte des heißen Schuhs, Agfa OptimaLichtwertverschluss, Braun Paxette Ib, Braun Paxette Automatic Super III, Braun Colorette Super IIL

**Ultralit scheint eine Marke von Braun selbst zu sein. Es gibt neben diesem von Rodenstock auch von Enna und Staeble hergestllte Braun-Objektive dieses Namens als auch später (Projektions)Objektive ohne Herstellerbezeichnung.

2022-11-20

Revue Auto-Reflex (Konica Auto-Reflex)

Um meine Sammlung zur Geschichte der Belichtungsautomatik abzurunden, fehlte noch dieser Meilenstein: Die Konica Auto-Reflex, hier unter dem Namen von Konica's deutschen Vertriebspartners Foto Quelle als Revue Auto-Reflex. Ihre kleine Schwester Revue SP (Konica Auto-Reflex P) habe ich vor kurzem auch schon vorgestellt. Mit ihr teilt sie das in der SLR-Geschichte ansonsten einmalige Feature mit der Formatumschaltung zwischen 18x24 (Halbformat) und 24x36 mm. Aber dazu habe ich mich dort schon ausgelassen und werde es hier nicht wiederholen.
Die Auto-Reflex neben ihrer automatiklosen Schwester Revue SP (Auto-Reflex P)
Von der Auto-Reflex wird oft behauptet, sie wäre die erste SLR mit einer Belichtungsautomatik gewesen. Das ist falsch, es gab in den Jahren vor ihr schon einige andere, wie man in meinem Beitrag dazu nachlesen kann. Alle automatischen SLR vor ihr hatten einen Zentralverschluss, sie war lediglich die erste aus heutiger Sicht moderne SLR mit einem Schlitzverschluss. Ihr fehlte sogar noch TTL-Messung, das kam erst mit ihrer Nachfolgering Autoreflex T im Jahr 1968. 

Schema des Seilzugverlaufs in
Konica's Trap-Needle Implementierung.
Hier am Beispiel der Autoreflex T3.
Ich habe irgendwie immer Belichtungsautomatik mit dem Aufkommen der Elektronik gedanklich verbunden. Das stimmt auch im Falle der Zeitautomatik, bei Blendenautomatiken aber erst seit der Canon AE-1 (1976). Die Auto-Reflex und auch alle ihre Nachfolger bis hinein in die 1980er nutzen eine mehr oder weniger raffinierte sehr mechanische Implementierung des alten Kodak'schen Trap-Needle Prinzips von 1938.
Zentrales, und charakteristisches Bauteil ist ein sehr komplex geführtes und federgespanntes Drahtseil, das quer durch die Kamera verläuft. Seine Aufgabe ist es, das Drehspulinstrument des Belichtungsmessers so zu drehen, das es zu den Einstellungen der Kamera passt. Dazu ist das obere Ende des Seils mit dem Einstellrad für die Verschlusszeit verbunden, die eleganterweise mit der Filmempfindlichkeitseinstellung kombiniert ist. Wird dieses Rad um einen Lichtwert gedreht (oder die Empfindlichkeit entsprechend verstellt), so dreht sich das komplette Drehspulinstrument um eine Blende. Somit wird gewährleistet, dass die Nadel, die zum Beispiel bei 1/125 s auf Blende 8 zeigt, bei 1/60 s auf Blende 11 gerichtet wird. Das andere Ende des Seils reicht in den Fußraum des Spiegelkastens und "liest" dort quasi die maximale Öffnung des angesetzten Objektivs ab. Die sonstige Trap-Needle Konstruktion ist fest verbaut und wird über den Verschlussaufzug federgespannt. Ist der Blendenring am Objektiv auf EE ("Electric Eye", frühe Objektive) oder AE ("Automatic Exposure", spätere Objektive) gestellt, wird das Objektiv beim Auslösen nur bis zur im Sucher von der Nadel angezeigten Blende abgeblendet. Fertig ist die Blendenautomatik; die Batterie wird nur für den Belichtungsmesser gebraucht.
 
Mein Exemplar habe ich nach langer Suche doch sehr günstig bekommen können. Es ist allerdings auch defekt, löst nicht mehr aus und hat auch so die eine oder andere Macke. Für meine Zwecke (Vitrine) reicht es. Vielleicht traue ich mich mal an einem langen Winterwochenende ran und versuche mal den Seilzug freizulegen und den Verschluss wieder zum Laufen zu bekommen. Bei eingelegter Batterie zeigt die Nadel immerhin vernünftige Werte an.  

Datenblatt Erste moderne SLR mit Schlitzverschluss und Blendenautomatik.
Einzige KB-SLR mit umschaltbarem Format 24x36 und 18x24 (zusammen mit der kleinen Schwester Auto-Reflex P, ohne Automatik im selben Gehäuse)
Objektiv Konica AR Bajonett, hier mit Hexanon 52 mm f/1.8 (Gauß-Typ, 6 Linsen in 5 Gruppen, #4560392)
Verschluss vertikaler, mechanischer Metall-Schlitzverschluss (Copal Square), B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500-1000 1/s. 
Belichtungsmessung CdS-Belichtungsmesser (extern, kein TTL), damit realisierte Trap-Needle Blendenautomatik. 
Fokussierung Mattscheibe mit Mikroprismen im Zentrum.
Sucher Spiegelreflex mit Rückschwingspiegel. Halbformatmarkierungen. Nadelanzeige der verwendeten Blende.
Blitz M und X Buchse. X-Synchronzeit 1/125 s.
Filmtransport mit Schnellschalthebel, Rückspulkurbel. Bildzählwerk (vorwärts) zählt im Halbformatmodus nur jedes zweite mal hoch.
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Stativgewinde 1/4‘‘, Drahtauslöseranschluss, als Zubehör: Zubehörschuh zum Aufstecken
Maße, Gewicht ca. 142x94x46, 719 g (ohne Objektiv), 942g (mit 1.8/52)
Batterie PX625 (1.35V Hg), oder Alternative.
Baujahr(e) 1965-1968, #851617
Kaufpreis, Wert heute ca. 250 US$ (1966), 569 DM (1968 bei Foto Quelle), ca. 150 €
Links Konicafilesbuhla.de, Camera-Wiki, Wikipedia, Bedienungsanleitung (Auto-Reflex, mehrsprachig), Mike Eckman, Konica-collector.org
Bei KniPPsen weiterlesen Konica Autoreflex TCKonica TC-X, Konica FS-1, Konica C35V, Konica C35AF

2022-09-12

Geschichte der Belichtungsautomatik in 16 Beispielen

Die wichtigste Automatisierung in der Kamerageschichte ist die Belichtungsautomatik, die ich hier anhand vieler Beispiele aus meiner Sammlung nachzeichnen möchte. Viele Details zu diesen Kameras und den jeweiligen technischen Automatik-Implementierung findet man in den früheren Beiträgen. Die kleinen Bilder hier sind mit den jeweiligen Artikeln verlinkt. Also munter klicken!

Zunächst ein paar Begriffe: Um automatisch eine zur aktuellen Beleuchtungssituation richtige Kameraeinstellung zu finden, gibt es drei Parameter bzw. Variablen zu beachten: Die Empfindlichkeit des Films (oder Sensors), die Belichtungszeit und die Blende. Erstere ist bei analogem Film nicht verstellbar, muss aber mit bedacht, bzw. der Kamera/Belichtungsmesser mitgeteilt werden. Die anderen beiden können dann nacheinander so bestimmt werden, dass entweder die passende Verschlusszeit zur frei gewählten Blende ermittelt wird (Zeitautomatik, auf Englisch: Aperture priority, Kürzel: A), oder die passende Blende zur voreingestellten Verschlusszeit (Blendenautomatik, auf Englisch: Shutter priority, Kürzel: S). Es gibt aber auch automatische Kameras, die nach einem fest eingebauten Programm jeweilige Blende/Zeit-Kombinationen, definiert über ihren Lichtwert ansteuern. So was nennt man Lichtwert-, Voll- oder Programmautomatik (Kürzel: P). Späte elektronische Kameras ließen auch variable Programme zu. 

Nun noch etwas Technik: Zentrale Aufgabe einer Belichtungsautomatik ist es das Signal des eingebauten Lichtsensors zu nutzen und damit Zeit und/oder Blende bzw. beides bzgl. der eingestellten Filmempfindlichkeit richtig zu wählen. Als Lichtsensor dienten zunächst Selenzellen, die selbst einen kleinen Strom erzeugen und daher ohne Batterie auskommen. Später wurden Fotowiderstände (meist aus Cadmiumsulfid, CdS) oder Fotodioden (z.B. Si) verwendet, die beide eine Batterie zum Betrieb brauchen. 

Jetzt gab es für die Erfinder der automatischen Belichtungseinstellung ein zentrales Problem zu lösen: Die elektrischen Strömchen des Lichtsensors reichten geradeso aus, die Nadel am Drehspulinstrument zu bewegen, keinesfalls aber um Blende oder Zeit an der Kamera ohne das Zutun des Fotografen zu verstellen. Dazu wurden drei grundsätzliche Lösungen gefunden:

1) Das Trap-Needle Prinzip: Die Nadel des Belichtungsmessers darf sich zunächst frei bewegen. Beim Druck auf den Auslöser wird sie aber in ihrer jeweiligen Position durch eine speziellen Mechanismus eingeklemmt. Die sogenannte Steuerkurve (orange im Bild rechts) bestimmt, wie weit bestimmte Bewegungen innerhalb der Kameramechanik gehen dürfen. Damit lässt sich dann entweder durch die Fingerkraft des Fotografen auf dem Auslöser oder einen vorgespannten Federmechanismus die Blende und/oder Zeit so verstellen, dass es zum Zeigerausschlag passt. Das war nicht nur die erste Lösung, die gefunden wurde, sondern auch die in den meisten Kameras eingesetzte (bis hinein in die 1980er!). Meistens wurden Blendenautomatiken damit realisiert, aber auch Vollautomatiken bei oft einfachen Sucherkameras. 

2) Die Luft-Pneumatik: Wohl inspiriert vom alten Deckel‘schen Compound-Verschluss, der einen Luft gefüllten Zylinder als Hemmwerk verwendet hat. Diesmal wird statt der Nadel eine sehr dünne Plastikscheibe vom Drehspulinstrument bewegt. Diese verdeckt mehr oder weniger die Öffnung eines per Feder vorgespannten Luftzylinders. Nach dem Auslösen strömt die Luft proportional zur Öffnung schnell in den Zylinder und steuert damit die Zeit, die der Verschluss offen bleibt. Wurde zur Realisierung der ersten Zeitautomaten genutzt, war aber verglichen mit (1) nicht besonders akkurat und auch nicht erfolgreich.
3) Elektronik: Ab Mitte der 60er Jahren waren endlich Transistoren und andere elektronische Bauteile verfügbar, mit denen man ein elektronisches Hemmwerk für die Zeitsteuerung des Verschlusses bauen konnte. Die Geschwindigkeit der Auf- oder Entladung eines Kondensators hing am eingestellten Widerstand im Stromkreis, fast genauso wie die Größe des Lochs im Zylinder das Aus- oder Einströmen der Luft bestimmt. Ersetzt man nun den festen Widerstand durch einen Fotowiderstand, hat man den elektronischen Zeitautomaten zusammen.   Einziger Nachteil zur Trap-Needle Variante: während die eingeklemmte Nadel den Beleuchtungszustand bei der Auslösung festhielt, fehlte es der einfachen Elektronik anfangs an einem Messwertspeicher. Das verhinderte zunächst SLR-Zeitautomaten mit TTL-Messung, da es beim Auslösen auf dem CdS-Widerstand erst mal dunkel wurde. Erst komplexere elektronische Elemente in Form integrierter Schaltkreise erlaubten ab 1971 den Siegeszug der Automatisierung über Elektronik. 

Auf die eher noch als analog zu bezeichnen Elektronik aus den 60er und frühen 70er Jahren setzte fast nahtlos die Digitalisierung auf. Viele vorher mechanische Elemente wurden durch elektronische ersetzt, z.B. die Nadelanzeigen oder Suchereinspiegelungen durch LED oder gar LCD Displays. Oder das ehemalige Uhrwerk eines Selbstauslösers durch eine elektronische Variante mit immer schneller blinkender LED. Kamerakonstruktionen wurden dadurch modular und viel flexibler, da man Kabel eben einfacher ver- und umlegen kann als mechanische Verbindungen wie Zahnräder oder Seilzüge. Am Ende zogen echte Computer in die Kameras ein und die komplexe Beleuchtungssituation wurde mit gespeicherten Daten verglichen, um die richtige Belichtungzeit und Blende noch genauer zu bestimmen. 

1938 - Kodak Super Six-20

Sie war tatsächlich schon 1938 die erste Kamera überhaupt mit einer Belichtungsautomatik („Electric Eye“) und teilte mit vielen anderen bahnbrechenden Innovationen ein Schicksal: Es gab ein Basispatent, was es zwanzig Jahre lang allen anderen Herstellern verbot, das Trap-Needle Prinzip für eine Blendenautomatik zu nutzen. Damit fehlte der weitere Innovation fördernde und den Marktpreis senkende Wettbewerb. Viel gravierendere Gründe für ihren sehr geringen Markterfolg aber waren zwei Dinge: Sie war mit 225 US$ sehr teuer, dafür bekam man 1938 in den USA einen halben Kleinwagen. Außerdem war sie wohl nicht sehr verlässlich und oft defekt. Daher wurden nur 719 Exemplare je produziert und verkauft. Eine solche für die Sammlung zu bekommen ist nahezu unmöglich, aber man kann sie sich im Museum anschauen, z.b. hier.

1956 - Agfa Automatic 66 und 1960 - Durst Automatica 

Die zweite Automatikkamera basierte nicht auf Kodak‘s Trap-needle Prinzip sondern auf der Erfindung von Julius Durst und war ein Zeitautomat nach dem Luft-Pneumatik Prinzip.  Durst hatte wohl zunächst nicht die finanziellen und technischen Möglichkeiten, seine Erfindung selbst umzusetzen und lizensierte das Ding an Agfa, Europas größtem Kamerahersteller. Die Agfa Automatic 66 kam 1956 auf den Markt und teilte in manchen Aspekten ein ähnliches Schicksal wie die Super Six-20. Auch sie war mit 498 DM sehr teuer und fand wohl weniger als 5000 Abnehmer. Die Kunden wollten inzwischen Kleinbild und keine überteuerte Rollfilm-Faltbalgenkamera mehr, die an alte Zeiten erinnerte.  
Eine solche brachte die Firma Durst dann endlich 1960 mit dem selben Prinzip. Sie ist ganz schick, aber leider nicht ganz zu Ende gedacht (es fehlte die korrekte Implementierung der Filmempfindlichkeits-Einstellung). Mit über 10.000 Exemplaren ist sie aber im Gegensatz zur Agfa für Sammler heute erschwinglich. Auch ich habe ein Exemplar, mehr Info's zur Kamera und zur Luft-Pneumatik siehe dort.

1959 - das Jahr der automatischen Einfachkameras

1959 kam Bewegung in die Szene, vermutlich waren Selenzellen endlich zu einem vernünftigen Preis und in ausreichender Anzahl verfügbar. Die genaue zeitliche Abfolge des Erscheinens kann heute nicht mehr rekonstruiert werden, aber innerhalb dieses Jahres gab es plötzlich einige einigermaßen erschwingliche Kameras mit dem "Electric Eye" zu kaufen, die meisten ansonsten relativ einfach gehalten, was z.B. Objektiv oder Verschluss anging. Sie alle steuerten die Blende mit der Selenzelle. Diese waren: Braun Paxette Electromatic,  Kodak Automatic 35,  Bell & Howell Electric Eye 127Kodak Brownie Starmatic und die Revere Eye-Matic EE 127

1959 - Agfa Optima 

Der Star aber dieser "Klasse von 1959" war die Agfa Optima. Auch sie war eine Volks- und keine Eliten-Kamera und hatte als erste eine Vollautomatik an Bord. Der Druck auf die "Magische Taste" klemmte die Nadel ein und steuerte damit Verschlusszeit und Blende (in dieser Reihenfolge). Mehr Details in meinem Beitrag. Sie war mit ca. 500.000 Exemplaren selbst super erfolgreich und begründete eine ganze Serie von Agfa-Optima Nachfolgern. Eine davon war (1961) die Agfa Optima Reflex, eine zweiäugige Spiegelreflex, die erste mit Belichtungsautomatik, versteht sich. Natürlich inspirierte der Optima Erfolg auch die Konkurrenz, das Kodak'sche Trap-Needle Patent war ja gerade ausgelaufen. 

1960 - Royer Savoyflex

Sie wird gerne übersehen, weil sie die einzig signifikante französische SLR war und auch nur in Frankreich nennenswerte Verbreitung fand. Aber sie ist tatsächlich die weltweit erste SLR mit einer Belichtungsautomatik (Trap-Needle Blendenautomatik, natürlich). Sie hat ein fest eingebautes Objektiv und eine simple Implementierung der Filmempfindlichkeits-Einstellung per Plastik-Steckblende vor der Selenzelle, die ihr ein charakteristisches Aussehen verleiht.

1961- Voigtländer Ultramatic

Auch sie wird öfters übersehen, wenn es um die erste SLR mit Wechselobjektiven (DKL-Bajonett) und Blendenautomatik geht. Im Gegensatz zu den anderen DKL-Spiegelreflexen hatte sie sogar einen Rückschwingspiegel. Ab 1965 gab es ihre direkte Nachfolgering Ultramatic CS mit CdS-Fotowiderstand und TTL-Messung (allerdings nach der Tocon Uni, s.u.)

1962 - Wirgin Edixa Electronica

Ebenfalls eine deutsche DKL-SLR und ein teurer Designflopp, der am Ende die Firma Wirgin mit in die Pleite zog. Heinz Waaske entwicklete nicht mehr und nicht weniger als die erste SLR-Vollautomatik mit Wechselobjektiven, realisiert als Trap-Needle-Kontstruktion mit elektromotorischer Verstellung des Lichtwertes.  
1963 - Seikosha SLV-Automaten aus Japan 

Aus Japan kommen ab 1963 einige SLR auf den Markt. Mit fest eingebauten Objektiven und Trap-Needle Belichtungssteuerung rund um den Seikosha SLV Zentralverschluss waren sie einfach zu bedienende Spiegelreflexe und keine technische Meilensteine mehr. Sie holten (wie die Agfa Optima) die Belichtungsautomatik aus der Hochpreisecke. Hier die ggf. unvollständige Liste: Minolta ER, Fujicarex, Nikkorex auto 35, Ricoh 35 Flex, Mamiya Auto-Lux 35
1964 - Topcon Uni 

Ebenfalls eine Zentralverschlusskamera, aber mit Wechselobjektiven und der damals brandheißen TTL-Messung. Mit dieser Kombination und natürlich einer Trap-Needle Blendenautomatik war sie die weltweit erste ihrer Art und wirkt heute noch recht modern. Schon im Jahr darauf wirkten die Selenzellen-Wabenfenster wie von gestern. Leider hatte Topcon nicht den Erfolg am Markt, den sie mit ihren Innovationen bis dahin verdient hätten. 

1965 - Konica Auto-Reflex

Die Konica Auto-Reflex wird oft als die erste SLR mit Belichtungsautomatik genannt, aber das stimmt natürlich nicht, siehe oben. Aber sie war die erste "moderne" SLR mit diesem Feature, sprich: sie hatte einen Schlitzverschluss und Wechselobjektive mit modernem Bajonett. Ansonsten war alles beim alten: eine Trap-Needle Blendenautomatik, allerdings konsequent zu Ende gedacht und  implementiert. Lediglich der CdS-Sensor war zwar eingebaut, aber nicht TTL, das kam erst 1968 mit der nächsten Generation Autoreflex T. 

1965 - Yashica Electro half und 1966 - Yashica Electro 35

Yashica kann man als den Elektronik-Pionier im Kamerabau bezeichnen. Zunächst kam 1965 in kleiner Serie eine Halbformatkamera als erste Zeitautomatik mit elektronischem Hemmwerk. Richtig zum Durchbruch gelangte die Technik aber ab 1966 mit der super erfolgreichen Electro 35-Serie, die über 5 Millionen mal gebaut und verkauft wurde. Der CdS-Sensor maß das Licht extern während der Belichtung und konnte Verschlusszeiten bis zu ca. 30 Sekunden stufenlos steuern.

1971 - Pentax ES

Die erste Zeitautomatik-SLR ließ noch lange fünf Jahre auf sich warten und hieß Pentax ES. Das lag an einem erst spät gelösten technischen Problem. Während man bei der Trap-Needle Blendenautomatik mit dem Einklemmen der Messnadel den Belichtungswert fixierte und für den weiteren Verschlussablauf merkte, gab es sowas bei der zunächst archaischen Elektronik nicht. Das war aber wegen des zwischenzeitlich sich verdunkelnden Sucherbildes nötig. Die Asahi Pentax Elektroniker waren die ersten, die es lösten, viele andere SLR Hersteller folgten aber schnell. Mitte der 1970er gab es mehr Zeit- als Blendenautomatik SLR-Modelle und für die nächsten fast 30 Jahre ein fast religiös anmutendes Automatik-Schisma

1976 - Canon AE-1

Die Elektronik entwickelte sich rasant und erlaubte es bald, viele bisher mechanische Komponenten im Kamerabau durch entsprechende elektronische zu ersetzen. Die Canon AE-1 war 1976 die erste, die dies sehr erfolgreich umsetzte. Genau: Sie war die erste Blendenautomatik, die NICHT auf dem Trap-Needle Prinzip beruhte. Dem Fotografen war das egal, er schaute im Sucher auf keine Nadel mehr, sondern ihn blinkten LED's an. 
1977 - Minolta XD7

Mit modularer Elektronik sind die Entwicklungszyklen kürzer als mit komplexer Mechanik. So ging es am Ende der 1970er Schlag-auf-Schlag. Schon 1977 brachte Minolta mit der XD7 die erste SLR die beide Automatikvarianten beherrschte. Heimlich, am jeweiligen Bereichsende, konnte sie sogar vollautomatisch die Belichtung steuern, hat aber mit Blick auf die Zielgruppe des ambitionierten Amateurs darauf verzichtet, einen Programmautomatik-Modus anzubieten. 

1978 - Canon A-1

Schon 1978 kam der Gegenschlag von Canon. Die A-1 hatte frei wählbar fünf Automatik-Modi, neben Blenden- und Zeitautomatik waren das die nun auch so genannte Programmautomatik, die manuelle Einstellung sowie eine Zeitautomatik bei Arbeitsblende. Viele nachfolgende Kameramodelle benutzen diese "PASM"-Wahlmodi bis in die heutige Digitalzeit.

1983 - Nikon FA

Damit schien auf dem Feld der Belichtungsautomatik zunächst einmal alles erfunden zu sein. Einiges habe ich hier bisher nicht erwähnt. Es gab natürlich auch noch die automatische Blitzsteuerung durch die Kameraelektronik, aber auch die Frage nach dem (TTL-)Messmodus (Spot- vs. mittenbetont). Da überraschte 1983 Nikon die SLR-Welt mit der sog. Matrix- oder Mehrfeldmessung. Hierbei erkennt die Kamera quasi automatisch knifflige Beleuchtungssituationen (durch Vergleich der Lichtverteilung im Sucherbild mit einer internen Datenbank) und ermittelt daraus die richtige Zeit/Blenden-Kombination.  

Damit ist die Geschichte der Belichtungsautomatik tatsächlich abgeschlossen. Die Kameragenerationen danach brachten mit dem Autofokus die andere wichtige Automatik. Bei den heutigen Digitalkameras ist natürlich kein extra Belichtungsmesser mehr eingebaut, das Signal kommt vom Bildsensor selbst, aber die damals entwickelten Logiken gibt es immer noch: Die meisten Kameras heute bieten die Wahl zwischen Zeit- Blenden- oder Programmautomatik, aber auch mittenbetonter, Spot- oder Mehrfeld-Messung. Drehspulelemente oder eingeklemmte Messnadeln gibt es natürlich nicht mehr und manchmal ist auch heute noch der Fotograf die bessere Automatik. 

2022-09-10

Nikon FA

Normalerweise poste ich hier nur Kameras, die ich selber besitze, diesmal ist es anders. Ich habe schon einige Auktionen verfolgt und auch das eine oder andere Mal mitgeboten, bisher erfolglos. Das liegt natürlich daran, dass ich in diesem Fall unbedingt eine funktionierende Kamera bräuchte, einfach um ihre Belichtungsautomatik zu testen und zu würdigen. Solche Kameras werden natürlich von anderen Interessenten zum Fotografieren gesucht und daher sind die Preise außerhalb meines Sammelbudgets. Dafür besitze ich schon seit den Zeiten ihres Erscheinens (1983) den deutschen Kameraprospekt, dessen Scan ich hier gerne verlinke. Auch die beiden Bilder hier sind daher.  
Nikon hat sich lange Jahre bei Innovationen zur Belichtungsautomatik zurückgehalten und immer so ein Jahr nach der Konkurrenz entsprechende Dinge (dann aber sorgfältig) implementiert. Seit der Nikkormat EL (1972) gehörte Nikon zur Zeitautomatik-Fraktion, eine Programmautomatik gab es ab 1982 in der Consumer-SLR Nikon FG. Erst 1983 kam mit der Nikon FA der Multi-Automat, der Canon A-1 und Minolta XD7 das Fürchten lehren sollte. Neben der wohl ergonomischsten Automatik-Implementierung dieser drei hatte sie als tatsächlich letzte Belichtungsautomatik-Innovation die Matrixmessung (von Nikon AMP-Prozess genannt) eingeführt. 
Wer möchte, kann sich Nikon's detaillierte Erklärung auf obiger Doppelseite durchlesen. Kurz zusammengefasst: Das Bild wird in 5 Segmente aufgeteilt, deren Belichtung gemessen wird. Das entsprechende Muster wird nun vom Kameracomputer mit einer internen Datenbank ähnlicher Belichtungssituationen verglichen und der entsprechende und ggf. vom üblichen (mittenbetonten) Messwert abweichende Datenbank-Lichtwert zurückgegeben. 
Die FA war bzw. ist eine tolle Kamera, war aber nicht sonderlich erfolgreich. "Nur" ca. 350.000 Exemplare wurden in ca. 6 Jahren verkauft, das war in der Hochphase der analogen SLR nicht genug um wirklich zu den Bestsellern zu gehören.  Ich verzichte hier mal auf weitere technische Daten, die gibt es sogar bei Wikipedia.  Matrix- bzw. Mehrfeldmessung gab es danach in weiteren Nikon- später auch in vielen anderen Kameras und ist heute in Digitalkameras meist eine Option unter anderen.

2022-04-10

Witt Iloca Electric


Hinter ihr war ich schon länger her! Nicht nur weil sie in meine Sammlung von DKL-Kameras passt, sondern weil sie eine Meilensteinkamera ist: Die erste Kleinbildkamera mit elektromotorischem Filmtransport (und Verschlussaufzug). Außerdem stammt sie aus relativ unbekanntem Hause, dessen Geschichte auch nicht ganz uninteressant ist. Natürlich hätte ich sie hier gerne mit ihrem Originalobjektiv präsentiert, aber leider gibt es viel zu viele sogenannte "Sammler", die ganz bewusst die Objektive von den Kameras trennen, einfach weil mit ersteren mehr Geld zu machen ist. Insbesondere, wenn, wie im meinem Fall hier, die Kamera defekt ist und keinen Mucks mehr tut (außer schön auszusehen). Ich habe guten Grund zur Annahme, dass es sich beim Objektiv, mit dem die Kamera ausgeliefert wurde, um ein Rodenstock Iloca-Heligon 50 mm f/1.9 handelt. Mit dem Objektiv zusammen hätte ich mir den Spaß hier allerdings nicht leisten wollen.
Aber vielleicht verirrt sich ja mal das preiswertere Standard-Objektiv Rodenstock Ysarex 50mm f/2.8 zu mir und komplettiert die Kamera. Oder ich modifiziere eines meiner anderen DKL-Objektive bzw. feile an der Kamera die kleine Nase im Bajonett weg, um alle DKL-Objektive ansetzen zu können.

Die Kamera selbst ist ein echtes Design-Juvel. Der Elektromotor sitzt in der Filmaufwickeltrommel unterhalb des Suchereinblicks (s. Bild links). Die zwei (auch heute noch) handelsüblichen AA-Batterien finden im Kameraboden Platz und sollen angeblich für bis zu 1500 Fotos (also ca. 40 Filme) gereicht haben. Die ganze Kamera wirkt wohl proportioniert, ist aber wegen der Unterbringung von Motor und Batterien für eine Kleinbildkamera recht groß und auch schwer geraten. Sie hat ungefähr die Dimensionen einer Agfa Isolette, und die macht immerhin 6x6 cm große Negative. 

Aber ansonsten hat die Iloca Electric (bzw. ihr US-Exportmodell Graflex Graphic 35 Electric) alles, was sich der Fotoamateur im Jahre 1959 wünschen konnte: einen hellen Messsucher für ein 35 mm Objektiv mit eingespiegelten Leuchtrahmen für 50 mm und 135 mm. Hochwertige Wechselobjektive von Rodenstock oder Steinheil und einen eingebauten Selen-Belichtungsmesser, kombiniert mit einer elegant gelösten Nachführ-"Automatik". Damit und mit ihrem Alleinstellungsmerkmal Elektromotor zielte sie auf die Spitze des Marktsegmentes Kleinbild-Sucherkameras und rief entsprechende Preise auf (einen Preisvergleich mit anderen Top-Kameras findet sich hier). 


Ob man jetzt tatsächlich einen Elektromotor, der 1 Bild pro Sekunde schafft, braucht oder nicht, ist sicherlich Geschmackssache. 1959 allerdings kam jede Menge Innovation in die (Kleinbild-) Kameras (z.B. das Zoom) und Elektr(on)ik war ebenfalls en vogue. Ich habe hier ja schon die andere exotische DKL-Kamera von 1959 vorgestellt, die sich auch der Elektrik verschrieben hatte: Wirgin Edixa Electronica. Aber bei dieser ging es um eine echte Belichtungsvollautomatik, die mit der Agfa Optima ebenfalls 1959 auf dem Markt erschien. Und interessanterweise ist mit solch einer Automatik das Ende der Firma Witt verbunden, so dass die Iloca Electric ihr letztes Modell bleiben sollte...

Aber der Reihe nach: Das Iloca Camerawerk wurde ca. 1947 von A. Walter Illing in Hamburg als technische Werkstatt gegründet. Die erste Kamera hieß entsprechend Ilca ("Illing Camera"), was aber vermutlich zu Nahe an ICA war, so dass Zeiss Ikon entsprechend erfolgreich einsprach. Ab ca. 1950 hießen die Kameras dann Iloca, in diesem Jahr übernahm auch der Hamburger Kaufmann Wilhelm Witt die Firma und es folgte ein Jahrzehnt eines sehr steilen wirtschaftlichen und insbesondere technologischen Aufstiegs. War die Iloca I von 1950 noch eine sehr einfache Kamera, so spielte man am Ende des Jahrzehnts schon in der ersten Liga mit (eben mit der Electric hier). Schlüssel des Erfolgs war natürlich immer neue Innovation (Schnellschalthebel, eingebaute Belichtungsmesser, etc.), aber auch einen guten Draht zum Exportmarkt USA. Obwohl die Firma nie besonders groß war (200 Angestellte am Ende), war man stolz die wesentlichen Schlüsseltechnologien zum Kamerabau im eigenen Hause zu haben und damit relativ unabhängig von Zulieferern zu sein und wesentliche Teile der Wertschöpfung selbst zu machen. Aber ganz unabhängig war man als kleiner Spieler eben nicht. Bei den Objektiven kooperierte man mit ISCO und später Steinheil, die hochwertigen Verschlüsse bezog man ab Mitte der 1950er ausschließlich von Fr. Deckel (Compur) und das sollte sich letztendlich als fatal erweisen.

Der nächste Technologieschritt war im Jahr 1959 schon fertig entwickelt und fest eingeplant in die Produktion. Die Kamera sollte Iloca auto-electric heißen (hier ein Foto des Prototypen von einer Auktion), basierte auf der Electric (eingebauter Motor), hatte aber ein fest eingebautes Objektiv und eine Trap-Needle Blendenautomatik. Zentrales Bauelement war der Compur-automat Verschluss, von dem Iloca bei Deckel am 22. Mai 1959 3200 Stück zum Einzelpreis von 16,50 DM bestellte (eintreffend im August und September). Aber es passierte: Nichts! Sprich: Deckel lieferte einfach nicht und riss das Iloca Camerawerk damit in die Insolvenz, die Anfang April 1960 vollzogen wurde. Witt hatte alles auf eine Karte gesetzt und die Produktion nicht-motorisierter Kameras auslaufen lassen. In Q4-1959 und in den ersten Monaten von 1960 wurden noch wenige Tausend Electric produziert (siehe unten), aber deren Markt war wegen des hohen Preises gedeckelt, und die vorhandenen Teile dafür endlich. 

Witt zeigte Deckel und deren Mutterkonzern Carl Zeiss wegen Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung an, letztendlich zu spät für die Firma. Ob es eine Entscheidung dazu gab und später eine gewisse Entschädigung gezahlt wurde, konnte ich nicht rausfinden. Aber es macht Sinn: Iloca muss als kleiner David mit seinem Vorstoß in die technologische Elite die Großen der Branche (insbesondere Zeiss Ikon) gehörig geärgert haben. Zeiss hatte im Jahr 1958 nicht nur die volle Kontrolle über Friedrich Deckel übernommen, sondern seit 1956 auch bei Voigtländer das Sagen. Vielleicht hatte man ja der Familie Witt auch ein Übernahmeangebot gemacht, was abgelehnt wurde? Nun, alles Spekulation. Jedenfalls hat Witt nach der Insolvenz die fertig entwickelte auto-electric an Agfa verkauft, die sie nach Agfa-Anpassungen als Selecta-m 1962 auf den Markt brachten. Manche schreiben, Agfa hätte die Firma von der Familie Witt übernommen, was vermutlich falsch ist. Die 200 Angestellten und Arbeiter in Hamburg wurden schon Anfang April 1960 endgültig nach Hause geschickt (siehe der Zeit-Artikel vom 8.4.1960). Agfa hat lediglich Verschiedenes aus der Konkursmasse übernommen, insbesondere die Konstruktionszeichnungen, speziellen Werkzeuge und Elemente für die auto-electric.

Datenblatt Erste Kleinbildkamera mit elektromotorischem Filmtransport
Objektiv DKL-Wechselfassung (Typ Iloca). Standard-Objektiv Rodenstock-Iloca-Ysarex 50 mm f/2.8 oder Rodenstock-Iloca-Heligon 50 mm f/1.9. Weitere Objektive von 35 bis 135 mm erhältlich von Rodenstock und Steinheil. DKL-Objektive anderer Typen nach Anpassung verwendbar. 
Verschluss Compur-Rapid Hinterlinsen-Zentralverschluss. B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500 1/s. 
Belichtungsmessung Mittels Selenzelle, Blendennachführung nach Verschlussvorwahl mittels Drehrad unter dem Objektiv. Zeiger auf dem Kameradeckel und im Sucher ablesbar.  DIN/ASA-Einstellung 10-5000 ASA.  
Fokussierung Manuell am Objektiv. Gekuppelter Messsucher mit Parallaxenausgleich.
Sucher Heller optischer Sucher (35 mm Feld) mit eingespiegelten Leuchtrahmen für 50 und 135 mm. Zeiger des Belichtungsmessers am oberen Bildrand sichtbar.
Blitz Anschluss über PC-Buchse, umschaltbar X und M. 
Filmtransport Mittels eingebautem Elektromotor, ca. 1 Bild/sec. Serienaufnahmen möglich. Rückspulen mit Handkurbel. Bildzählwerk (rückwärts).
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (kalt), 1/4'' Stativgewinde. (Tragriehmenösen fehlen!)
Maße, Gewicht ca. 93 x 130 x 62 mm, 753g (nur Gehäuse), ca. 1100 g mit Objektiv und Batterien.
Batterie 2 x AA (3 V). 
Baujahr(e) Q2-1959 bis Q1-1960, < 5000 Exemplare (inkl. Graflex Graphic 35 Electric), diese # 80 0085 259 ca. April 1959.
Kaufpreis, Wert heute ca. 600 DM (mit 1.9/50, 1959, entspr. ca. 1500€ heute), >500 € für funktionierende Kamera mit Objektiv, ca. 100-200€ für defekte Kamera.
Links Camera-Wiki, Bedienungsanleitung (english)CJS Classic Cameras, Iloca.weebly.com, Bleckedermoor.de, Collection-Appareils.fr, Graflex-Journal, Electric Innenleben und Umbau (Flickr Stream), Zeit-Online Artikel über Witt's Insolvenz
Bei KniPPsen weiterlesen DKL-Bajonett (und alle Links dort), Konica FS-1 (eine andere erste Motorkamera), 111 Jahre Compur, Durst Automatica (ähnliche Zeit, ähnlicher Fall), Robot (Motorisierung mit Federmotor), Agfa Selecta-m

Einige Bemerkungen zu den Seriennummern, die ich mir natürlich genau angeschaut habe. Zum Glück gab es da schon bei CJ's classic cameras eine solide Vorarbeit. Die Seriennummern bestehen aus drei Blöcken, wobei der erste Block bei der Electric stets "80" ist. Dann folgt im zweiten Block eine 4-stellige fortlaufende Zahl, die eigentliche Seriennummer, und als letzter Block ein Zeitstempel im Format QJJ. Im Netz gefunden habe ich folgende Nummern: 80 0054 259, 80 0085 259 (diese hier), 80 0236 259, 80 0701 359, 80 3213 459, 80 3414 459 (alle bisher als Iloca Electric), dann als Graphic 35 Electric: 80 1743 459, 80 2116 459, 80 2293 459, 80 2436 459, 80 2532 459, und 80 4615 160. Ich folgere also (vielleicht voreilig), dass die ersten ca. 1000 Exemplare im (späten?) Q2 und frühen Q3-1959 gebaut wurden und allesamt als Iloca gelabelt wurden, dann sehe ich eine "Sommerpause", was ganz gut zur Misere mit der auto-electric passt. In Q4-1959 wurde dann der Großteil (ca. 2500) der Kameras gebaut und zwar sowohl für die USA als auch für den hiesigen Markt. Vielleicht noch 1000 wurden dann noch im Q1-1960 gebaut, Schluss war ja am 1.4.1960. Wer noch weitere Nummern beisteuern kann, bitte hier unten als Kommentar oder per e-mail an KniPPsen (at) icloud.com.