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2023-11-19

Braun Paxette electromatic II

Die Paxette electromatic II war Braun's klammheimliches Eingeständnis an Agfa, dass die Optima mit ihrer Interpretation von Vollautomatik ein Volltreffer war und die eigene erste electromatic am Kundenwunsch vorbei geplant war. Der Rechtsstreit mit Agfa über die Verwendung des Begriffs vollautomatisch war verloren und auch die Kunden hatten trotz des deutlich höheren Preises sich für die teurere, weil bessere Kamera entschieden. 
Erste "wirklich vollautomatische" Kamera (electromatic, links) 
 neben Braun's erster richtiger vollautomatischer Kamera. Die jüngere
rechts ist bei sonst gleichem Gehäuse ein paar Milimeter höher.   
Auch wenn die Zielgruppe der electromatic (I) die fotografischen Laien waren, so ließen sich diese doch nicht für dumm verkaufen. Ein im Zweifel unscharfes Fixfokus-Objektiv sowie Fehlbelichtungen wegen des nur knapp 5 Lichtwertstufen großen Belichtungsspielraums sind halt starke Argumente gegen die erste Version der electromatic
Bei dieser zweiten Version, die dann 1960 endlich in die Läden kam, machten die Braun-Ingenieure dann alles richtig. Es gab ein lichtstärkeres Objektiv (Rodenstock-Ultralit** 2.8/40), das jetzt auch fokussiert werden wollte, wofür neben den üblichen Meter- und Feet-Skalen noch zwei Symbole (Gruppe, Portrait) vorhanden waren, bei denen es sogar einrastete. Die Entfernung zum Objekt musste allerdings geschätzt werden, immerhin gab es um das Objektiv herum eine gut abzulesende Tiefenschärfeskala. Und, Braun setzte nicht mehr auf die eigene (preiswerte) Implementierung der automatischen Blendensteuerung, sondern kaufte Vollautomatik in Form des Prontormat-S-Verschlusses von Gauthier zu. 

Blick durch den Sucher mit Leuchtrahmen und
Parallaxenmarkierung. Ganz oben wird die vom
belichtungsmesser ermittelte Zeit-Blenden-Kombi
eingespiegelt, ändern kann amn daran nichts.
Es handelt sich um einen Lichtwertverschluss, der ein festes Programm von Blenden- und Zeitkombinationen abfährt und mit einem einzigem, dem gemessenen Lichtwert entsprechenden Steuersignal auskommt. Wenn der Verschluss gespannt ist und auf der Wahlstellung "Auto" steht, kann man (mit ein bisschen Augen verrenken) am oberen Rand des sehr großen und hellen Sucherbildes die vom Belichtungsmesser gewählte Zeit-Blendenkombination ablesen. Das Drehspulelement bewegt dazu eine transparente Folie, deren eingeprägte Zahlen entsprechend in den Sucher eingespiegelt werden. 
Die Filmempfindlichkeitseinstellung (10-400 ASA, bzw. 11-27 DIN) gelingt mit einem kleinen Drehrädchen und verstellt das gesamte Drehspulelement, wirklich pfiffig gelöst. Ob jetzt der Verschluss tatsächlich das sinnvoll gestufte Programm dieser festen Zeit-Blenden-Kombinationen benutzt, oder eher der im Diagramm gestrichelten kontinuierlichen Linie folgt, konnte ich an meinem Exemplar nicht zweifellos klären. Ich vermute eher ersteres, da auch beim manuellen Einstellen der Blende  (dazu gleich mehr) diese sich in Stufen verstellt. 

Im Sucher angezeigtes Programm des Prontormat-S
Lichtwertverschlusses. Mit über 10 Lichtwertstufen 
und den gewählten Stufen ist dieser sehr praxistauglich.
Der Verschluss kennt neben der automatischen Lichtwert-Steuerung (Stellung des Drehrings um das Objektiv mittig auf "Auto") noch zwei manuelle Modi. Dreht man den Ring eine Drittel-Drehung nach rechts gelangt man zu "B", dargestellt durch eine grüne Blendenskala von 2.8-22. Dreht man 120° nach links, kommt eine entsprechende rote Blendenskala zum Vorschein, begleitet durch die Blitz-Verschlusszeit, vermutlich 1/30s. 
Damit wird auch klar, dass es zwei Sätze von jeweils 5-Lamellen gibt, die eigentliche Blende liegt dabei direkt hinter den Verschluss-Lamellen. Das ist nicht selbstverständlich, gibt es doch spätere Automatikverschlüsse, die nur einen Satz Lamellen verwenden und jeweils nur bis zur gewünschten Blende öffnen.   
Interessanterweise gibt es bei der Kamera keinen Mittenkontakt (Hot-Shoe) mehr, sondern eine gewöhnliche Blitzbuchse. Ob auch hier Braun den Kunden so viel Innovation nicht zumuten wollte, oder ob die Verlegung des Kabels in die Deck-Kappe einfach technisch zu komplex war? Vielleicht beides.
Die Paxette electromatic II neben der mehr als ein Jahr früher erschienenen Agfa Optima, deren technische Spezifikation sie im Wesentlichen teilt. Die Braun hat den besseren Sucher, ist deutlich kompakter und läßt sich mit einer Hand bedienen, während die Agfa den linken Zeigefinder für die magische Taste und den rechten zum Auslösen braucht. Die Optima erreichte von 1959 bis 1961 und einem Preis von 238 DM ca. eine halbe Million Kunden, während die electromatic II bei 297 DM wohl nur ca. 10-20 tausendmal gekauft wurde. 

Die "II" ist (außer der Luxusversion der "I" mit Krokodilleder) vermutlich die seltenste der gesamten electromatic-Serie. Neben der II gab es parallel noch die ähnlich gut ausgestattete electromatic III, die mit dem Prontormatic-Verschluss (1/30 bis 1/500 s) ausgestattet war, der volle manuelle Einstellung erlaubte und alternativ die automatische Blendensteuerung nach Zeitvorwahl anbot. Ich stütze meine Vermutung auf der Tatsache, dass man heute mehr IIIer als IIer auf dem Gebrauchtmarkt (ebay) zu sehen bekommt. Es gab übrigens noch eine abgespeckte electromatic IIs genannte Version, die das bekannte Fixfokus 5.6/40 mm Objektiv, aber sonst die gleiche Funktionalität wie die II hatte. Was das sollte, bleibt mir schleierhaft, vielleicht mussten die auf Lager liegenden Fixfokus-Objektive weg...? 


Mit meinem Exemplar habe ich ein echtes Schnäppchen gemacht. Während der Recherche zur electromatic (I) lief sie mir über den Weg, ich habe mal 10 € (inkl. Versand!) geboten und den Zuschlag bekommen. Sie war allerdings als defekt beschrieben, der Verschluss klemmte. Ich habe allerdings keine 10 Minuten gebraucht, um das wieder hinzukriegen. Die beiden Frontglieder vom Objektiv lassen sich recht einfach entfernen, mit einem Wattestäbchen und etwas Waschbenzin löste sich der mit den Jahrzehnten verklebte Verschluss schnell. Zu meiner Freude funktioniert der Selenbelichtungsmesser noch sehr passabel, die angezeigten Lichtwert-Kombinationen stimmen. Allerdings habe ich immer noch Zweifel an der richtigen Blendeneinstellung im Automatik-Modus, mal sehen, ob ich mich hier nochmal dranmache. Ansonsten zeigen die Fotos den Top-Erhaltungszustand. Vermutlich hat sie die letzten 50 Jahre meist im Dunkeln und geschützt in einer Bereitschaftstasche zugebracht.

Datenblatt kompakte Kleinbildkamera mit Belichtungsautomatik 
ObjektivRodenstock-Ultralit** 40 mm f/2.8, vergütetes Triplet (?)
Verschluss Prontromat-S von Gauthier, Lichtwert-Zentralverschluss 1/30 -1/300 s, B, Blitzsynchronzeit 1/30s. 
Belichtungsmessung Bertram Selen Belichtungsmesser, Trap-Needle-Lichtwertautomatik LW 8  bis 17.5, Filmempfindlichkeit 10-400 ASA, bzw. 11-27 DIN.
Fokussierung Frontlinsen-verstellung manuell, minimale Entfernung 1 m. Einrastende mit Symbolen markierte Entfernungen für Gruppe und Portrait.
Sucher Großer optischer Sucher mit Leuchtrahmen. Einspiegelung der Zeit-Blenden-Kombination, roter Balken bei zu wenig Licht.
Blitz PC-Buchse, kein Mittenkontakt im Zuberhörschuh.
Filmtransport Schnellschalthebel (Ein Schwung pro Bild), ähnlicher Hebel auch zum Rückspulen. Bildzählwerk (rückwärts)
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Stativgewinde 1/4‘‘, keine Gurtösen, Drahtauslösergewinde, Tiefenschärfeskala am Objektiv
Maße, Gewicht ca. 111x88x60 mm, 671g
Baujahr(e) 1960-1964 ca. 20,000 Exemplare, s. Text. Diese hier #467645 von 1962
Kaufpreis, Wert heute297 DM, heute je nach Zustand 40-60€.
Links Camera-WikiBraun Kameraliste, Collection appareils
Bei KniPPsen weiterlesen Geschichte der Belichtungsautomatik, Geschichte des heißen Schuhs, Agfa OptimaLichtwertverschluss, Braun Paxette Ib, Braun Paxette Automatic Super III, Braun Colorette Super IIL

**Ultralit scheint eine Marke von Braun selbst zu sein. Es gibt neben diesem von Rodenstock auch von Enna und Staeble hergestllte Braun-Objektive dieses Namens als auch später (Projektions)Objektive ohne Herstellerbezeichnung.

2022-07-17

Nagel Vollenda 48 (Version 1 vs. Version 2)

Mein heutiger Post ist die Fortsetzung meines Beitrags vom 14. März 2021. Diesmal geht es um die Unterschiede der beiden Versionen, die es von der Kamera gab und ein paar weitere Kleinigkeiten. 

Anlass war (wie sollte es auch anders sein...) der Fund der Kamera links auf einer bekannten online-Auktionsplattform. Irgendwas stimmte bei diesem Angebot nicht und nach kurzem Überlegen kam ich drauf: Das Objektiv (ein Ysar 5 cm f/3.5, Rodenstock's Tessar Variante) passt nicht zur Kamera. Zunächst glaubte ich an eine seltene und dementsprechend wertvolle Variante, aber kurzes Recherchieren machte diesen Traum schnell wieder zunichte. 

Das Ysar mit 5 cm Brennweite gab es in den späten 1940er Jahren z.B. an der Kodak Retina I (Modell 010) und die Seriennummer des Objektivs (2024049) zeigt klar auf 1945. Auch auf dem Bild sieht man es deutlich: das hell strahlend leuchtende Aluminium der Objektivfassung beißt sich fast mit dem gediegenen Glanz des Vorkriegs-Nickels der restlichen Kamera. Jemand hatte also später das Objektiv getauscht, was ich zum Zweck der besseren Authentizität für die folgenden Aufnahmen wieder rückgängig gemacht habe. Meine Retina I (118, von 1935) hat ihrer Tante Vollenda dafür das Schneider Xenar 5 cm f/3.5 geliehen:
Frühe Version (links) in Einfachausstattung vs. spätere Version (rechts)
mit gehobener Ausstattung und extra Zubehör.

Ich bin besonders froh, dass ich nun mit den beiden Vollendas nicht nur die konstruktiven Änderungen zwischen Version 1 (bis ca. Seriennummer 126xxx) und Version 2 zeigen kann, sondern auch fast das gesamte Ausstattungsspektrum abdecke. Am einfachsten lässt sich die frühe Version am zylindrischen Drehknopf für den Filmtransport (mit der Beschriftung "Dr. August Nagel, Stuttgart") erkennen. Die spätere Version hat an der Stelle einen Drehschlüssel, der mit "Made in Germany" beschriftet ist. Daneben änderte sich noch der Rückwandverschluss, der in der zweiten Variante nun über die gesamte Kamerahöhe geht. Nur im direkten Vergleich nebeneinander erkennt man den breiteren Balgen der späten Version und die Änderung der Form der Metallplatte auf der Verschluss und Objektiv montiert sind. 
Auf diesem Bild sind fast alle Unterschiede und Ausstattungsvarianten gut sichtbar, siehe Text. 
Natürlich fallen die gehobenen Auststattungsmerkmale der späteren Version auf, diese gab es aber z.T. schon an frühen Kameras: 1) Der Compur-Verschluss und einen extra Schneckengang (2) zum Scharfstellen, der das komplette Objektiv samt Verschluss bewegt. (3) Ein optischer Sucher und (4) ein sog. "mechanischer Tiefenschärfer" (rechts obern auf der Kamera).  
 
Meine Kamera trägt die Seriennummer 150638 und läßt sich damit ins Jahr 1932 einsortieren, was auch durch die Seriennummer 2583829 des Compur-Verschlusses bestätigt wird. Sie ist nicht ganz so gut erhalten wie meine ältere Version 1, aber voll funktionstüchtig. Ich hoffe nur, dass das nachträglich eingebaute Ysar auch ordentlich justiert ist, mit Film ausprobiert habe ich es (bisher) nicht. 

Datenblatt Faltbalgenkamera für 3x4 cm Negative auf Rollfilm 127.
Zweite Version der Vollenda 48.
Objektiv Kamera war erhältlich mit Schneider Radionar 5 cm f/4.5 oder Radionar f/3.5, beide mit Frontlinsenfokussierung. Gehobene Ausstattung mit Schneckengang: Schneider Xenar f/3.5, oder f/2.9, Leitz Elmar f/3.5 oder Carl Zeiss Tessar f/3.5 oder f/2.8. (Das oben abgebildete Rodenstock Ysar ist von 1945 und wurde nachträglich ausgetauscht).
Verschluss Compur Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 (gehobene Ausstattung, einfache Version mit Pronto-S oder Nagel-Verschluss). Späte Kameras auch mit dem Compur-Rapid.
Fokussierung Mittels Schneckengang und Verschieben des gesamten Objektivs.
Sucher Optischer Aufklappsucher. Einfache Versionen haben einen  Aufklappsucher ohne optische Elemente.
Filmtransport Mittels Drehknopf (früher Version) oder Drehschlüssel (ab ca. Ende 1931), doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', Anschlussgewinde für Drahtauslöser
Maße, Gewicht ca. 33x76x110 mm (zusammengeklappt),  350 g
Baujahr(e) 1931-1933 und 1936,  ab Ende 1932 als Kodak Vollenda 48. Insgesamt ca. 43,000 Exemplare, davon ca. 30,000 im Jahr 1931.
Kaufpreis, Wert heute in dieser Version (Xenar) 88 RM, mit Tessar f/2.8 bis zu 129 RM. Wert heute je nach Zustand und Ausstattung 50-150 €
Links Camera-WikiUKCamera (Archiv), Living Image, Blende und Zeit Forum 
Bei KniPPsen weiterlesen Version 1August Nagel, Nagel/Kodak Vorkriegsproduktion in ZahlenKodak Vollenda 620, 3x4-Kameras von 1931, Nagel Pupille, Compur Seriennummern, 127 Film

2022-06-26

Deutsche Objektivproduktion 1925 bis 1942 in Zahlen

Objektivproduktion (Anzahl) der führenden 7 deutschen Produzenten für hochwertige Optik im Zeitraum von 1925 bis 1942. Daten abgeleitet von Seriennummersequenzen.

Die obige Grafik und die dazugehörige Excel-Tabelle schlummert schon länger auf meinem Computer, sind diese Daten doch ein Nebenprodukt meiner Recherchen zu Seriennummern. Sie finden sich in anderer Form in meinem kleinen Altersbestimmungswerkzeug hier links oben am Rand. Ich habe mich bisher gescheut, sie so zu veröffentlichen, weil die Datenbasis nicht komplett ist. 

Die gezeigten führenden 7 deutschen Objektivhersteller repräsentieren zwar den Großteil der höherwertigen Objektivproduktion im betrachteten Zeitraum. Für ein komplettes Bild fehlen aber mindestens die Firmen E. Ludwig, ENNA, Staeble und C. Friedrich (für die Jahre vor 1925 und nach 1945 wären noch viel mehr Hersteller zu betrachten). Bis jetzt ist es mir aber nicht gelungen mehr Details über diese kleineren Produktionen zusammen zu bekommen. Ich schätze ihren Beitrag zur Gesamtproduktion im obigen Zeitraum auf ca. 1 - 1.5 Millionen Objektive. Unter den Balken oben verbergen sich zum Vergleich 8.5 Millionen. 

Was außerdem fehlt ist Deutschland's größter Kamerahersteller: Das Agfa-Kamerawerk in München, welches inklusive der Vorgängerfirma Rietzschel bis zum 2. Weltkrieg ca. 7 Millionen Kameras mit eigenen Objektiven produziert und verkauft hat. In dieser Zahl sind zum großen Teil einfachste Boxkameras enthalten. Auch von anderen Herstellern gab es solche aus deutscher Produktion. Deren Objektive sind meist nicht extra nummeriert und entziehen sich somit einer getrennten Analyse.

Trotzdem kann man an dieser Stelle mal alles zusammensetzen und kommt größenordnungsmäßig auf ca. 20 Millionen Kameras bzw. Objektive aus Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Verteilung dieser 20 Mio folgt dem Muster der obigen Grafik: ca. 1/4 (5 mio) in den ersten 30 Jahren mit stetigem Wachstum der Industrie, inkl. ein paar schwierigen Jahren im 1. Weltkrieg. Dann die Weltwirtschaftskrise mit dem großen Einbruch im deutschen Krisenjahr 1932. In den späten 1920er Jahren    passiert zusätzlich einiges in der Fotoindustrie, was den Grundstein für den phänomenalen Kameraboom ab 1933 (3/4, also ca. 15 mio in nur 9 Jahren) legt: 1) die wirtschaftliche Konsolidierung, Zeiss Ikon geht aus einigen kleinen und angeschlagenen ehemaligen Konkurrenten hervor, Agfa etabliert sich als DER deutsche Filmhersteller und kauft Rietzschel, Kodak kauft Nagel; 2) Rollfilme werden technisch so gut, dass die bisher marktbeherrschenden Plattenkameras ab 1930 zu Ladenhütern werden, Leitz zeigt der Welt wie Hightech Kleinbild geht; 3) in vielen Fotofirmen kommt eine innovative Generation junger Ingenieure ans Ruder und löst die Gründergeneration aus den 1890ern ab. Sie erfinden und trauen sich an neue Dinge, z.B. Kleinbildkameras, Bakelit, oder billige Boxen für die Jugend. Der Boom der 1930er kommt ja bekanntlich wegen des von Deutschland ausgehenden Weltkriegs zu einem jähen Ende. Fast die gesamte Produktion wird ab 1941 Kriegsgüter herstellen, die Innovationen der 1930er (Farbfilm, Vergütung, Blitz, etc.) werden dann zu einem zweiten, noch größeren Boom in den 1950ern führen, aber das ist eine andere Geschichte…

2022-04-10

Witt Iloca Electric


Hinter ihr war ich schon länger her! Nicht nur weil sie in meine Sammlung von DKL-Kameras passt, sondern weil sie eine Meilensteinkamera ist: Die erste Kleinbildkamera mit elektromotorischem Filmtransport (und Verschlussaufzug). Außerdem stammt sie aus relativ unbekanntem Hause, dessen Geschichte auch nicht ganz uninteressant ist. Natürlich hätte ich sie hier gerne mit ihrem Originalobjektiv präsentiert, aber leider gibt es viel zu viele sogenannte "Sammler", die ganz bewusst die Objektive von den Kameras trennen, einfach weil mit ersteren mehr Geld zu machen ist. Insbesondere, wenn, wie im meinem Fall hier, die Kamera defekt ist und keinen Mucks mehr tut (außer schön auszusehen). Ich habe guten Grund zur Annahme, dass es sich beim Objektiv, mit dem die Kamera ausgeliefert wurde, um ein Rodenstock Iloca-Heligon 50 mm f/1.9 handelt. Mit dem Objektiv zusammen hätte ich mir den Spaß hier allerdings nicht leisten wollen.
Aber vielleicht verirrt sich ja mal das preiswertere Standard-Objektiv Rodenstock Ysarex 50mm f/2.8 zu mir und komplettiert die Kamera. Oder ich modifiziere eines meiner anderen DKL-Objektive bzw. feile an der Kamera die kleine Nase im Bajonett weg, um alle DKL-Objektive ansetzen zu können.

Die Kamera selbst ist ein echtes Design-Juvel. Der Elektromotor sitzt in der Filmaufwickeltrommel unterhalb des Suchereinblicks (s. Bild links). Die zwei (auch heute noch) handelsüblichen AA-Batterien finden im Kameraboden Platz und sollen angeblich für bis zu 1500 Fotos (also ca. 40 Filme) gereicht haben. Die ganze Kamera wirkt wohl proportioniert, ist aber wegen der Unterbringung von Motor und Batterien für eine Kleinbildkamera recht groß und auch schwer geraten. Sie hat ungefähr die Dimensionen einer Agfa Isolette, und die macht immerhin 6x6 cm große Negative. 

Aber ansonsten hat die Iloca Electric (bzw. ihr US-Exportmodell Graflex Graphic 35 Electric) alles, was sich der Fotoamateur im Jahre 1959 wünschen konnte: einen hellen Messsucher für ein 35 mm Objektiv mit eingespiegelten Leuchtrahmen für 50 mm und 135 mm. Hochwertige Wechselobjektive von Rodenstock oder Steinheil und einen eingebauten Selen-Belichtungsmesser, kombiniert mit einer elegant gelösten Nachführ-"Automatik". Damit und mit ihrem Alleinstellungsmerkmal Elektromotor zielte sie auf die Spitze des Marktsegmentes Kleinbild-Sucherkameras und rief entsprechende Preise auf (einen Preisvergleich mit anderen Top-Kameras findet sich hier). 


Ob man jetzt tatsächlich einen Elektromotor, der 1 Bild pro Sekunde schafft, braucht oder nicht, ist sicherlich Geschmackssache. 1959 allerdings kam jede Menge Innovation in die (Kleinbild-) Kameras (z.B. das Zoom) und Elektr(on)ik war ebenfalls en vogue. Ich habe hier ja schon die andere exotische DKL-Kamera von 1959 vorgestellt, die sich auch der Elektrik verschrieben hatte: Wirgin Edixa Electronica. Aber bei dieser ging es um eine echte Belichtungsvollautomatik, die mit der Agfa Optima ebenfalls 1959 auf dem Markt erschien. Und interessanterweise ist mit solch einer Automatik das Ende der Firma Witt verbunden, so dass die Iloca Electric ihr letztes Modell bleiben sollte...

Aber der Reihe nach: Das Iloca Camerawerk wurde ca. 1947 von A. Walter Illing in Hamburg als technische Werkstatt gegründet. Die erste Kamera hieß entsprechend Ilca ("Illing Camera"), was aber vermutlich zu Nahe an ICA war, so dass Zeiss Ikon entsprechend erfolgreich einsprach. Ab ca. 1950 hießen die Kameras dann Iloca, in diesem Jahr übernahm auch der Hamburger Kaufmann Wilhelm Witt die Firma und es folgte ein Jahrzehnt eines sehr steilen wirtschaftlichen und insbesondere technologischen Aufstiegs. War die Iloca I von 1950 noch eine sehr einfache Kamera, so spielte man am Ende des Jahrzehnts schon in der ersten Liga mit (eben mit der Electric hier). Schlüssel des Erfolgs war natürlich immer neue Innovation (Schnellschalthebel, eingebaute Belichtungsmesser, etc.), aber auch einen guten Draht zum Exportmarkt USA. Obwohl die Firma nie besonders groß war (200 Angestellte am Ende), war man stolz die wesentlichen Schlüsseltechnologien zum Kamerabau im eigenen Hause zu haben und damit relativ unabhängig von Zulieferern zu sein und wesentliche Teile der Wertschöpfung selbst zu machen. Aber ganz unabhängig war man als kleiner Spieler eben nicht. Bei den Objektiven kooperierte man mit ISCO und später Steinheil, die hochwertigen Verschlüsse bezog man ab Mitte der 1950er ausschließlich von Fr. Deckel (Compur) und das sollte sich letztendlich als fatal erweisen.

Der nächste Technologieschritt war im Jahr 1959 schon fertig entwickelt und fest eingeplant in die Produktion. Die Kamera sollte Iloca auto-electric heißen (hier ein Foto des Prototypen von einer Auktion), basierte auf der Electric (eingebauter Motor), hatte aber ein fest eingebautes Objektiv und eine Trap-Needle Blendenautomatik. Zentrales Bauelement war der Compur-automat Verschluss, von dem Iloca bei Deckel am 22. Mai 1959 3200 Stück zum Einzelpreis von 16,50 DM bestellte (eintreffend im August und September). Aber es passierte: Nichts! Sprich: Deckel lieferte einfach nicht und riss das Iloca Camerawerk damit in die Insolvenz, die Anfang April 1960 vollzogen wurde. Witt hatte alles auf eine Karte gesetzt und die Produktion nicht-motorisierter Kameras auslaufen lassen. In Q4-1959 und in den ersten Monaten von 1960 wurden noch wenige Tausend Electric produziert (siehe unten), aber deren Markt war wegen des hohen Preises gedeckelt, und die vorhandenen Teile dafür endlich. 

Witt zeigte Deckel und deren Mutterkonzern Carl Zeiss wegen Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung an, letztendlich zu spät für die Firma. Ob es eine Entscheidung dazu gab und später eine gewisse Entschädigung gezahlt wurde, konnte ich nicht rausfinden. Aber es macht Sinn: Iloca muss als kleiner David mit seinem Vorstoß in die technologische Elite die Großen der Branche (insbesondere Zeiss Ikon) gehörig geärgert haben. Zeiss hatte im Jahr 1958 nicht nur die volle Kontrolle über Friedrich Deckel übernommen, sondern seit 1956 auch bei Voigtländer das Sagen. Vielleicht hatte man ja der Familie Witt auch ein Übernahmeangebot gemacht, was abgelehnt wurde? Nun, alles Spekulation. Jedenfalls hat Witt nach der Insolvenz die fertig entwickelte auto-electric an Agfa verkauft, die sie nach Agfa-Anpassungen als Selecta-m 1962 auf den Markt brachten. Manche schreiben, Agfa hätte die Firma von der Familie Witt übernommen, was vermutlich falsch ist. Die 200 Angestellten und Arbeiter in Hamburg wurden schon Anfang April 1960 endgültig nach Hause geschickt (siehe der Zeit-Artikel vom 8.4.1960). Agfa hat lediglich Verschiedenes aus der Konkursmasse übernommen, insbesondere die Konstruktionszeichnungen, speziellen Werkzeuge und Elemente für die auto-electric.

Datenblatt Erste Kleinbildkamera mit elektromotorischem Filmtransport
Objektiv DKL-Wechselfassung (Typ Iloca). Standard-Objektiv Rodenstock-Iloca-Ysarex 50 mm f/2.8 oder Rodenstock-Iloca-Heligon 50 mm f/1.9. Weitere Objektive von 35 bis 135 mm erhältlich von Rodenstock und Steinheil. DKL-Objektive anderer Typen nach Anpassung verwendbar. 
Verschluss Compur-Rapid Hinterlinsen-Zentralverschluss. B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500 1/s. 
Belichtungsmessung Mittels Selenzelle, Blendennachführung nach Verschlussvorwahl mittels Drehrad unter dem Objektiv. Zeiger auf dem Kameradeckel und im Sucher ablesbar.  DIN/ASA-Einstellung 10-5000 ASA.  
Fokussierung Manuell am Objektiv. Gekuppelter Messsucher mit Parallaxenausgleich.
Sucher Heller optischer Sucher (35 mm Feld) mit eingespiegelten Leuchtrahmen für 50 und 135 mm. Zeiger des Belichtungsmessers am oberen Bildrand sichtbar.
Blitz Anschluss über PC-Buchse, umschaltbar X und M. 
Filmtransport Mittels eingebautem Elektromotor, ca. 1 Bild/sec. Serienaufnahmen möglich. Rückspulen mit Handkurbel. Bildzählwerk (rückwärts).
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (kalt), 1/4'' Stativgewinde. (Tragriehmenösen fehlen!)
Maße, Gewicht ca. 93 x 130 x 62 mm, 753g (nur Gehäuse), ca. 1100 g mit Objektiv und Batterien.
Batterie 2 x AA (3 V). 
Baujahr(e) Q2-1959 bis Q1-1960, < 5000 Exemplare (inkl. Graflex Graphic 35 Electric), diese # 80 0085 259 ca. April 1959.
Kaufpreis, Wert heute ca. 600 DM (mit 1.9/50, 1959, entspr. ca. 1500€ heute), >500 € für funktionierende Kamera mit Objektiv, ca. 100-200€ für defekte Kamera.
Links Camera-Wiki, Bedienungsanleitung (english)CJS Classic Cameras, Iloca.weebly.com, Bleckedermoor.de, Collection-Appareils.fr, Graflex-Journal, Electric Innenleben und Umbau (Flickr Stream), Zeit-Online Artikel über Witt's Insolvenz
Bei KniPPsen weiterlesen DKL-Bajonett (und alle Links dort), Konica FS-1 (eine andere erste Motorkamera), 111 Jahre Compur, Durst Automatica (ähnliche Zeit, ähnlicher Fall), Robot (Motorisierung mit Federmotor), Agfa Selecta-m

Einige Bemerkungen zu den Seriennummern, die ich mir natürlich genau angeschaut habe. Zum Glück gab es da schon bei CJ's classic cameras eine solide Vorarbeit. Die Seriennummern bestehen aus drei Blöcken, wobei der erste Block bei der Electric stets "80" ist. Dann folgt im zweiten Block eine 4-stellige fortlaufende Zahl, die eigentliche Seriennummer, und als letzter Block ein Zeitstempel im Format QJJ. Im Netz gefunden habe ich folgende Nummern: 80 0054 259, 80 0085 259 (diese hier), 80 0236 259, 80 0701 359, 80 3213 459, 80 3414 459 (alle bisher als Iloca Electric), dann als Graphic 35 Electric: 80 1743 459, 80 2116 459, 80 2293 459, 80 2436 459, 80 2532 459, und 80 4615 160. Ich folgere also (vielleicht voreilig), dass die ersten ca. 1000 Exemplare im (späten?) Q2 und frühen Q3-1959 gebaut wurden und allesamt als Iloca gelabelt wurden, dann sehe ich eine "Sommerpause", was ganz gut zur Misere mit der auto-electric passt. In Q4-1959 wurde dann der Großteil (ca. 2500) der Kameras gebaut und zwar sowohl für die USA als auch für den hiesigen Markt. Vielleicht noch 1000 wurden dann noch im Q1-1960 gebaut, Schluss war ja am 1.4.1960. Wer noch weitere Nummern beisteuern kann, bitte hier unten als Kommentar oder per e-mail an KniPPsen (at) icloud.com. 


2021-04-15

Beira

Eine frühe Kleinbildkamera für 35 mm Film gehört ab sofort zu meiner wachsenden Sammlung auf diesem speziellen Gebiet. Die Beira von der Kamerafabrik Woldemar Beier in Freital/Sachsen ist technisch gesehen ein interessanter Zwitter zwischen verschiedenen Konzepten und zeigt an ihrer eigenen Entwicklung innerhalb weniger Jahre sehr schön, wohin die Reise ging: letztlich zur Kleinbildkamera für die 135er Patrone, wie wir sie alle kennen.
Die Beira wurde als günstigere Alternative zur Leica auf der Frühjahrsmesse 1931 vorgestellt. Viele Kamerahersteller hatten deren Erfolg am Markt zum Anlass genommen, eigene Kleinbildkameras zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Die meisten waren Faltbalgenkameras für das Format 3x4 cm auf 127er Rollfilm (darüber habe hier ich schon einiges geschrieben). Die Beira gehörte allerdings zu den wenigen, die sich an den 35 mm Film und das kompliziertere Handling ohne Rückseitenpapier trauten. Allerdings belichtete auch die Beira 3x4 cm (exakt nachgemessen: 30 x 38.5 mm) auf (natürlich dann:) unperforierten 35 mm Film. Den konnte man damals als Meterware in geschlossenen Blechdosen erwerben und ihn selbst (in der "Dunkelkammer") konfektionieren (1,60m ergeben 36 Aufnahmen) und in die (nicht lichtdichte!) Patrone füllen, oder das Ganze den Fotohändler machen lassen. 
Der Blick in die offene Kamera lässt einen noch rückblickend mit dem Kopf schütteln. Der Film wurde ausgehend von der kernlosen Vorratspatrone über eine Gummiwalze geführt, die bei meinem Modell nach 90 Jahren arg brüchig, ausgetrocknet und damit funktionslos ist. Auf der linken Seite der Kamera wird aufgespult. Hierfür soll es statt der einfachen, offenen Spule auch aufnehmende Kassetten gegeben haben. Vorgespult wird nach jeder Aufnahme mit dem Drehknopf links oben, dabei dreht sich die Gummiwalze und mit ihr der kleine Zeiger des Bildzählwerks. Wenn der wieder auf das Zählwerk zeigt, heißt es aufhören zu drehen. 
Eine mechanische Sperre für den korrekten Filmvorschub gibt es genauso wenig wie gleichzeitiges Spannen des Verschlusses oder eine Doppelbelichtungssperre. Da war die Leica schon viel weiter, allerdings auch deutlich teurer!  Auch eine Rückspulmöglichkeit gibt es nicht, der Film muss also im Dunkeln direkt in die Entwicklerdose. Wirklich benutzerfreundlich war das nicht. Allerdings gab es sogenannte Tageslichtkapseln, siehe die Porst-Katalogseite unten. Das Filmhandling und die Verwendung des unperforierten 35mm Films ist das eigentlich Spezielle an diesem Kleinbildpionier. Alles andere war damals Standard und die Beira unterscheidet sich nicht sehr von ihren vielen 3x4 Wettbewerbern: Verschlüsse waren entweder der einfache Pronto oder ein Compur, die 5 cm Objektive kamen meist von Meyer in Görlitz oder Rodenstock. Die federgespannte Spreizenkonstruktion poppte auf Knopfdruck das Objektiv in die Fotoposition, sanfter Druck ließ es wieder fast komplett im Gehäuse verschwinden. 

Das hier vorgestellte Urmodell wurde in dieser Form wohl nur 1931-1932 produziert. Nach Kadlubek sollte es erst Beika heißen, wurde dann aber (vermutlich wegen der Nähe zu Leica?) in Beira umbenannt. Trotz intensiver Suche im Internet ist es mir aber nicht gelungen, irgendwelche Belege dafür zu finden. Weder gibt es ein Bild oder Foto, noch eine Anzeige oder sonstige Broschüre von bzw. mit Beika. Wer derartiges hat, bitte melden! Ich bin daher geneigt zu glauben, dass es nur eine Ankündigung war oder vielleicht sogar eine Fehlinformation ist. Keine Beika Kamera dürfte in irgeneiner Sammlervitrine stehen, sonst wäre die Szene schon durchgedreht.
Ab ca. 1933 gab es dann Modellpflege und ein Upgrade erschien in Form der Beira Ia. Bei dieser wurde die Gummiwalze durch die bekannte Zahnradwelle für (jetzt) perforierten 35 mm Film ersetzt und natürlich das Bildformat auf 24x36 mm reduziert. Die Kamera akzeptierte nun die auch für andere Kameras verwendeten 35 mm Kassetten, auch wenn diese noch nicht der 135er Norm entsprachen (die kam erst mit der Kodak Retina 1934). Außerdem hat die Ia nun einen fest montierten optischen Fernrohrsucher, an dem sie sich leicht erkennen läßt. 
Auf dieser Basis kam 1935 dann das Spitzenmodell Beira II, oder auch Beira Okula genannt. Diese hatte neben dem normalen Sucher einen gekoppelten Entfernungsmesser mit Prisma an Bord, beides zusammen in einem Gehäuse auf der Oberseite der Kamera, das ihr fast die Anmutung einer SLR mitgibt. Die Okula gab es auch mit dem Compur Rapid und in der Topausstattung mit einem Schneider Xenon 4.5 cm f/2. Sammler zahlen für sowas in gutem Zustand mehr als 1000 €. Ich bin allerdings froh, hier ein sehr frühes Basismodell von 1931 relativ günstig ergattert zu haben. Ich weiß noch nicht, ob ich es in der Vitrine zu den 3x4 Kameras oder zu den anderen frühen Kleinbildkameras (Leica, Contax, Retina, Dollina, Welti, ...) stellen soll...?

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera für unperforierten 35mm Film (Bildformat 3x4 cm)
Objektiv Rodenstock Trinar 5cm f/4.5 (Triplet). Kamera war auch mit Meyer Trioplan (bis f/2.9) oder Schneider Xenar f/3.5 erhältlich.
Verschluss Pronto, T-B-100-50-25, auch mit Compur T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 erhältlich.
Fokussierung Per Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung 0.5 m
Sucher großer optischer Aufklappsucher. 
 Filmtransport mit Drehknopf, drehender Metallpfeil am Bildzählwerk dient zur einzigen Orientierung. Rückspulen nicht vorgesehen. 
sonst. Ausstattung Selbstauslöser und Drahtauslöser-Gewinde am Pronto. Stativgewinde 3/8‘‘
Maße, Gewicht 130 x 62 x 40/60 (geschl./offen), 393 g (inkl. Patrone)
Baujahr(e) 1931-1933, diese hier laut Objektiv-Seriennummer (470356) von 1931. Vermutlich nur wenige tausend Exemplare. 
Kaufpreis, Wert heute je nach Objektiv und Verschluss 48 bis 110 RM (1932), heutiger Wert je nach Zustand 200-400 € (siehe auch Collectiblend.com)
Links CJ‘s Classic Camera Collection, Camera-Wiki, Kamerafarbik Woldemar Beier (Wikipedia), Corsopolaris (frühe 24x36 Kameras), Thomas Knorre‘s Beier-Seite

2020-03-18

DKL - das uneinheitliche westdeutsche Einheitsbajonett

Meine bisherige Kollektion von DKL-Kameras und Objektiven
Zoomar 2.8/36-82mm Edixa Electronica Voigtländer Bessamatic Voigtländer Vitessa T Schneider Curtagon 4/28 mm Steinheil Cassarit 2.8/50 mm Braun Colorette Super 2L Braun Colorette Super 2L Kodak Instamatic Reflex Kodak Retina Reflex S
Die westdeutsche Kameraindustrie setzte seit dem Erscheinen der Contaflex im Jahr 1953 auch für Spiegelreflexkameras auf den lange bewährten Zentralverschluss, auch wenn das technisch nicht die naheliegende Lösung war. Die Firma Deckel in München hatte allerdings mit ihrem neuen Reflex-Compur Verschluss ein technisches Meisterwerk am Markt, das die Schwierigkeit mit dem komplexen Verschlussablauf scheinbar mühelos meisterte. Die Contaflex hatte noch ein fest eingebautes Tessar (für das es sog. Satzobjektive als Aufsatz gab), aber der Trend ging klar zu Wechselobjektiven. Deckel bot seinen Kamerahersteller-Kunden daher auch das an und konnte Verschluss plus Bajonett-System inklusive einer sehr praxistauglichen Lichtwert/Blendensteuerung sogar am Ende an einige Hersteller verkaufen. Als erstes kam 1956 die Voigtländer Vitessa T mit dem (später) DKL genannten Bajonett auf den Markt, die Braun Colorette Super II (B)L folgte kurz darauf. Beides sind Messsucherkameras und verwenden exakt dieselbe Bajonett-Variante.

Ab 1958 folgten dann relativ schnell hintereinander die Kodak Retina IIIS (Messsucher), Kodak Retina Reflex S, Voigtländer Bessamatic und Braun Paxette Reflex Automatic. Alle 3 Spiegelreflexkameras hatten ein nahezu identisches Featureset, kein Wunder, wenn die entscheidende Technik im zugekauften Compur Verschluss plus DKL-Bajonett sitzt. Der eingebaute Selenbelichtungsmesser wurde (jeweils etwas anders) mit dem Lichtwert-System des Verschlusses gekoppelt. Dazu wurde allerdings von Deckel eine (im Vergleich zur ersten Version) entscheidende Änderung vorgenommen:  
Zwei grundsätzlich verschiedene Versionen des DKL-Bajonetts. Rechts die erste Variante mit dem Lichtwert- bzw. Blendenring am Objektiv. Die linke Variante hat keinen Blendenring, sondern dieser befindet sich fest an der Kamera. 
Der Blendenring war ab den neuen Modellen Bestandteil der jeweiligen Kamera und nicht mehr des Objektivs. Fast alles andere am Bajonett blieb gleich, Auflagemaß (44.7 mm), Verriegelung, sonstige Maße und Anordnung der Bajonett-Zungen. Aber auch nur fast! Deckel verkaufte jedem der Kamerahersteller seine eigene Version, in dem es kameraseitig zusätzliche "Nasen" einfügte, die natürlich objektivseitig entsprechende Aussparungen erforderlich machten. Und so existieren heute 7 untereinander inkompatible Varianten dieses von irgendwem mal "Einheitsbajonett" genannten Objektivanschlusses. Die ursprüngliche Variante (ohne Nasen) nimmt tatsächlich alle jemals gebauten DKL-Objektive auf. Richtig verwenden kann man allerdings nur die tatsächlich dafür gedachten, weil den späteren Objektiven ja der eigene Blendenring fehlt.  

6 der insgesamt 7 Varianten des DKL-Bajonettes mit hervorgehobenen Nasen. Fehlt: Baldamatic III

Alle anderen Kameras brauchen wegen der Nasen ihre jeweils eigenen Objektive. Wenn man feinmechanisch geschickt ist und entsprechendes Werkzeug besitzt, kann man aber Kompatibilität ohne Einschränkungen herstellen. Am einfachsten ist es, die Nasen kameraseitig wegzufeilen/fräsen. Dann kann man jedes der Objektive ansetzen. Man kann natürlich auch die Objektive entsprechend modifizieren, am Ende ist das aber eher mehr Aufwand. 
Wer sich das Ganze mit den untereinander inkompatiblen, aber ansonsten identischen Bajonetten ausgedacht hat, bleibt im Nachhinein unklar. War es die Firma Deckel, die jedem der Kamerahersteller ihr eigenes Angebot machen wollte? Oder waren es eher die Kamerafirmen selbst, die sich eine gewisse Marge aus dem Sekundärgeschäft mit den Objektiven sichern wollten?
Wenn man etwas in der Historie der Firma Deckel gräbt, und auch andere Quellen hinzuzieht (siehe Links unten), dann kommt für mich eigentlich nur folgender Grund in Frage: Voigtländer ist der einzige der beteiligten Kamerahersteller, der auch eine eigene Objektivproduktion hatte. Sie hatten also ein begründetes Interesse, dass keine Fremdobjektive zu den Kameras nachgekauft wurden. Jetzt muss man wissen, dass Voigtländer 1956 von Carl Zeiss übernommen wurde. Zeiss wiederum war schon seit Jahrzehnten (unter anderen) Gesellschafter der Firma Deckel und besaß sogar das zentrale Compur Patent. Wenn ein Großer (in diesem Fall Zeiss) das Geschehen kontrolliert, kommt halt sowas raus...
Für die Voigtländer Kameras Bessamatic und die spätere Ultramatic gab es also nur original Voigtländer-Objektive, rechnet man das im Lohn bei Kilfit gefertigten Zoomar dazu. Ansonsten war Schneider-Kreuznach der Hersteller mit den meisten Objektiven und man fertigte für alle Varianten (bis auf Voigtländer und die Iloca Electric). Rodenstock und Steinheil sind noch gut vertreten, ENNA und Staeble fertigten nur für die Braun Paxette Reflex automatic. Die meisten Objektive gab es wohl mit der Retina-Bajonettvariante, einfach weil Kodak sowohl mit den Reflex- als auch den Messsucher-Kameras die meisten Modelle auf dem Markt hatte. Allerdings muss man erwähnen, dass nicht alle Retina-DKL-Objektive die für die Messsucherkameras benötigte Steuerkurve hatten. 

Datenblatt DKL-Bajonett (Fr. Deckel GmbH, München)
Bajonett-Parameter Auflagemaß: 44.7 mm, maximaler Verschluss-Durchmesser: 22.5 mm, Innendurchmesser Blendenring an Kamera: 47mm
   
Bajonett-Variante, Kamera
angebotene Objektive (fett: häufigstes Standard-Objektiv, rot: in meiner Sammlung)
Voigtländer Vitessa-T, Braun Super Colorette 2(B)L Voigtländer: Skoparet 3,4/35, Color-Skopar 2,8/50, Dynaret 4,8/100, Super Dynaret 4/135.
Steinheil: Culmigon 4,5/35, Culminar 2,8/50, Cassarit 2,8/50.
Rodenstock: Eurygon 4/35, Ysarex 2,8/50, Rotelar 4/85 und 4/135.
Schneider: Radiogon 4/35, Xenar 2,8/50, Tele-Arton 4/85
Voigtländer Bessamatic, Ultramatic, Ultramatic CS Voigtländer: Skoparex 3.4/35mm, Skopagon 2/40mm, Color-Skopar X 2.8/50, Color-Lanthar 2.8 /50, Septon 2/50, Dynarex 3.4/90 und 4.8/100, Super-Dynarex 4/135, 4/200mm und 5.6/350, Zoomar 2.8/36-82mm.
Kodak Retina Reflex S, III, IV, Instamatic, Retina IIIS Rodenstock: Eurygon 2,8/30 und 4/35, Heligon 1,9/50,  Ysarex 2,8/50, Rotelar R 4/85 und 4/135.Schneider: Curtagon 4/28 und 2,8/35, Xenon 1,9/50,  Xenar 2,8/45 (Instamatic), Xenar 2,8/50, Tele-Arton 4/85, Tele-Xenar 4/135 und 4,8/200.
Steinheil: Culminar 2,8/50.
Braun Paxette Reflex automatic Schneider: Xenar 2,8/50; Staeble/ENNA: Ultralit 2,8/50; ENNA: Lithagon 3,5/35,  Steinheil: Culmigon 4,5/35, Quinon 1,9/50; Rodenstock: Rotelar R 4/135
Edixa Electronica Schneider: Curtagon 4/28, Curtagon 2,8/35, Xenon 1,9/50, Xenar 2,8/50, Tele-Xenar 4/135.
Steinheil: Culminar 2,8/50, Quinon 1,9/50.
Witt Iloca Electric,  Rodenstock: Eurygon 4/35, Iloca-Heligon 1,9/50, Ysarex 2,8/50, Rotelar 4/135.
Steinheil: Culmigon 4.5/35, Quinon 1.9/50, Culminar 2,8/50.
Balda Baldamatic III Schneider: Curtagon 2,8/35, Xenon 1,9/50, Xenar 2,8/50, Tele-Xenar 4/135
  
Bei KniPPsen weiterlesen Zoomar, Curtagon 4/28, Cassarit 2.8/50, Kodak Retina Reflex S, Braun Super Colorette 2L, Kodak Instamatic ReflexVoigtlander Bessamatic, Voigtländer Vitessa T, Edixa Electronica, SKL-Bajonett (Braun Paxette Super III), Iloca Electric, Nasen wegfräsen
Links Camera-WikiDKL bei PhotobutmoreCompur bei Bleckedermoor.deRiess Fotohistoricum (Compur)Wikipedia (Deckel)

Die wichtigsten Objektive des Voigtländer-Programms für die Bessamatic und Ultramatic

Das DKL Bajonett war nicht das einzige Bajonett für Zentralverschlusskameras aus der Zeit. Insbesondere das SLK-Bajonett des Deckel Konkurrenten Gauthier ("Prontor") ist hier zu nennen. Allerdings gab es mit diesem Anschluss "nur" sehr wenige Messsucherkameras (z.B. Braun Paxette Super 3, Photavit 36, Regula Super automatic). Auch aus dem fernen Japan und der Zeit habe ich ein Beispiel in meiner Sammlung: Aires 35-V, natürlich mit eigenem Bajonett und einem Seikosha Verschluss. Aber es gab dort noch andere: Minolta Super A und Olympus Ace (beides Messsucher), und später die Kowa SER (SLR).

2019-09-08

Ising Puck



Über diese recht seltene Kamera bin ich neulich gestolpert, sie war bei e-bay gelistet und nur laienhaft beschrieben. Ich habe nach ein wenig Recherchieren das Mindestgebot von 15€ abgegeben und den Zuschlag bekommen. Ich selbst hätte die Kamera nach ihrer Spezifikation (3x4 cm Halbformat auf 127er Rollfilm) eher in die 1930er Jahre eingeordnet, sie stammt allerdings aus den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg, als es wieder möglich wurde Kameras zu produzieren (ab 1948).  Gebaut wurde sie vom relativ unbekannten Kamera- und Fotozubehörproduzenten Ising (Eugen Ising Metallwarenfabrik in Bergneustadt, Rheinland, heute NRW). Dieser hatte insgesamt nur 3 Kameramodelle (in wenigen Varianten) auf den Markt gebracht, die erfolgreichste davon war die Pucky, eine 6x6 Pseudo-TLR Boxkamera. 
Die (oder der?) Ising Puck war im Sinne der 1930er Jahre eine KLEINBILDKAMERA, denn so wurden eigentlich alle Kameras genannt, deren Negative zum endgültigen Betrachten vergrößert werden mussten, also alles bis ca. 6x6 cm. Ab 6x9 cm konnte man mit Kontaktabzügen schon leben. Erst ab den späten 30er Jahren, als die 135er Patrone ihren Siegeszug begann, wurde der Begriff Kleinbild immer mehr zum Synonym für das 24x36 mm Format auf perforiertem Cinefilm. 
Davor war der 127er Rollfilm (bei Agfa A8 genannt) mit seinen nur 46 mm Breite prädestiniert für kompakte Kameras. Seine Standardformate waren  4 x 6,5 cm (8 Aufnahmen pro Film), oder 4 x 4 cm (12 Aufnahmen, z.B. Baby-Rollei oder Yashica 44). Entsprechende Bildnummern waren auf der Rückseite des Trägerpapiers aufgedruckt und konnten durch die roten Fensterchen beim Filmtransport abgelesen werden.
Aber es gab (wie auch beim 135er) ein Halbformat, was meist hochkannt realisiert wurde, und zwar 3 x 4 cm. Exakt waren es eigentlich  1 5/8 x 1 1/4 Zoll, also 41,3 x 31,7 mm. Frühe Kameras für dieses Halbformat waren z.B. die Foth Derby und die Nagel Pupille, ich habe inzwischen die Geschichte dieser Kameraklasse aufgearbeitet und auch eine erkleckliche Anzahl von denen in meiner Sammlung.
Die Puck war Ising's anspruchsvollste Kamera und steht ganz in der Tradition dieser Vorkriegsmodelle. Der Vorteil vom Rollfilm ist, dass der Transport einfach ist und nur in eine Richtung passiert, außerdem ist das Bildzählwerk per Rückseitenaufdruck schon dabei. Alle Halbformatkameras behelfen sich dabei mit zwei Fensterchen auf der Rückseite, wobei man die Zahl (z.B. 1) für's Vollformat zuerst im rechten und dann nochmal im linken Fensterchen sieht (ergibt Halbformat-Bilder 1 und 2), usw.
Das Komplizierte an der Kamera, Verschluss und Objektiv wird von Spezialisten dazugekauft. Hier hat Ising (wie damals üblich) verschiedene Varianten angeboten. Man griff dabei auf eigentlich für 24x36 mm gerechnete Objektive zurück (Meine Puck hat 45 mm Brennweite!), daher wurde die Bildmaske auf 28 x 37 gestutzt und damit fast 20% Filmfläche verschenkt.  
Mein Exemplar ist in einem recht gebrauchten Zustand, aber es funktioniert. An einigen Stellen fehlt das Leder, was mit schwarzer Farbe kaschiert wurde. Der Selbstauslöser hakt und die Rückwand klemmt ein wenig. Vielleicht komme ich zu einer sanften Renovierung, aber auch so ist sie ein nettes Stück für die Vitrine. 

Datenblatt kompakte Halbformat (3x4) Kamera für den 127er Rollfilm
Objektiv Rodenstock-Trinar 4,5 cm f/3.5. Auch mit Steinheil Cassar 5cm f/2.9, oder Staeble Kata 50mm f/2.8. Objektiv mit Tubus versenkbar.
Verschluss Prontor II Zentralverschluss, B-1-2-5-10-25-50-100-250. Auch mit Compur-Rapid (bis 1/500 s) oder Vario (B-25-75-200).
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab 1 m) durch Verstellen der Frontlinse, keine Scharfstellhilfe.
Suchereinfacher, sehr kleiner Fernrohrsucher.
Blitz Buchse am Verschluss.
Filmtransport Mit Drehknopf, doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat (s.o.), verschließbar.
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Tiefenschärfe-Drehknopf auf der Oberseite, (Zubehörschuh an späten Versionen), Stativgewinde 1/4", Standfuß ausklappbar, Bereitschaftstasche als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 100x70x47 mm,  360 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1948-1950 (?), diese hier (#5585) eher früh, insgesamt wohl weniger als 10,000 Exemplare.
Kaufpreis, Wert heute ?, heute ca. 50 €.
externe Quellen und Links Classic Camera Collection, Cameras Sin Fronteras, 127er Rollfilm, Collectiblend
bei KniPPsen weiterlesenDiese Kamera neu beledert127er Halbformatkameras in meiner SammlungGevaert 127er Film, Rollfilm 127, das plötzliche Verschwinden der 3x4-Kameraklasse