2011-10-11

Zeiss Ikon Contaflex II

Zusammen mit der Yashica Lynx-5000  und der Kodak Instamatic 104 habe ich vor ein paar Monaten diesen Kamera gewordenen Ausdruck deutscher Ingeieurskunst auf einem amerikanischen Flohmarkt für (zusammen!) nur 15$ erworben. Immer noch ein Schnäppchen, obwohl lediglich die einfache Instamatic intakt war. Doch für den Preis konnte ich nicht widerstehen. Immerhin funktionierte der Auslöser und die Blende noch, die Kamera ließ sich spannen und auch äußerlich war sie noch ganz ansehnlich. Der Selenbelichtungsmesser zeigte wie so viele seiner 50 Jahre alten Kollegen nichts mehr an, aber das kann man verschmerzen. Was mich wurmte war, dass man durch den Sucher nichts mehr sehen konnte, anscheinend klappte der Spiegel nicht in seine vorgesehene Position. Spuren nach zu urteilen hatte schon vor mir jemand an der Kamera geschraubt, die Entfernungsskala am Objektiv fehlte und noch das eine oder andere Schräubchen. So habe ich mich also im Netz umgeschaut und auch tatsächlich ein Reparaturhandbuch gefunden, was 190 Seiten hat und eigentlich unverständlich ist. Auch findet man Beschreibungen, die einen mehr oder weniger direkt warnen, die Finger Schraubenzieher von dem Ding zu lassen, es wäre einfach zu kompliziert. Das hat mich aber irgendwie noch mehr herausgefordert und ich konnte ja nur gewinnen (habe ich gedacht!). Ich hab mich also an die Arbeit gemacht und das Ding fein säuberlich zerlegt, wie folgendes Bild beweist:
Nach ein paar Stunden habe ich aufgehört, die Teile weiter zu zerlegen. Ich wollte ja am Ende zumindest wieder ein Exemplar für die Vitrine haben. Ich kann nur bestätigen, was ich gelesen hatte: Die Kamera ist vermutlich eine der kompliziertesten und komplexesten mechanischen Konstruktionen, die es auf dem Markt je gegeben hat. Es hat mich einige Zeit gekostet und ich musste mehrfach zwischendurch aufgeben, bis ich sie am Ende wieder mit allen Teilen zusammen hatte. Leider muss ich gestehen, dass ich zwar den Spiegel in seine Sollposition bringen konnte und nun ein heller Sucher erstrahlt, der Auslöser aber nun blockiert ist. Tja, alles kann man halt nicht haben. Vielleicht versuche ich es an einem langweiligen Winterabend nochmal...

Zeiss Ikon brachte 1953 mit der Contaflex I eine kompakte SLR mit festeingebautem Objektiv und Zentralverschluss auf den Markt, die überhaupt erste ihrer Art. Entscheidendes Designmerkmal war der damals neue Compur Reflex Verschluss, um den herum quasi die Kamera konstruiert wurde. Die 1954 folgende Contaflex II war dieselbe Kamera mit zusätzlich eingebautem (ungekuppeltem) Selenbelichtungsmesser. Die Contaflexreihe war für den anspruchsvollen Amateur gedacht und wurde bis 1970 in verschiedenen Varianten angeboten. Bei der Markteinführung 1954 kostete sie 498 DM (in heutigem Geld ca. 1200€) und war trotz des Preises, aber wegen der soliden Verarbeitung und einiger damals herausragender Eigenschaften (die helle Sucherscheibe, das exzellente Tessar, ...) ein Erfolg am Markt. Zeiss Ikon fand einige Nachahmer (Kodak Retina Reflex, Voigtländer Bessamatic, um nur die beiden wichtigsten Konkurrenten zu nennen), allerdings hatte das Konzept mit dem Zentralverschluss entscheidende Nachteile: Nur (Vor-)Satzobjektive, eingeschränkte Lichtstärke, super komplexer Auslösevorgang, kein Rückschwingspiegel, u.a.. Die immer wieder genannten angeblichen Vorteile (Blitzsynchronisation bei allen Zeiten und kompaktere Bauweise) wollen mir nicht wirklich einleuchten. Wenn ich meine Nikon F, die immerhin ab 1959 gebaut wurde, in die Hand nehme, dann weiß ich genau, warum diese Kamera zum Archetyp der modernen Schlitzverschluss-System-SLR wurde (die Vorteile aufzuzählen, spare ich mir hier). Zeiss Ikon hielt auch aus Marketinggründen viel zu lange am komplizierten Zentralverschluss fest und besiegelt damit das Ende der westdeutschen industriellen Kameraproduktion. Frank Mechelhoff hat letzteres detailliert in einem interessanten Artikel beschrieben.

Die Contaflex 126, die ich als Kind schon mal benutzen durfte, hatte übrigends einen Schlitzverschluss. Ein paar Jahre früher als Kleinbildkamera auf dem Markt gebracht, vielleicht hätten die Deutschen den Japanern damit noch etwas länger Paroli bieten können. Die Contaflex-Serie hat sich ihren Namen übrigends von einem berühmten Vorfahren geborgt. Die urprüngliche Contaflex von 1935 war eine zweiäugige Spiegelreflex ("TLR", mit Schlitzverschluss!) und hatte als erste Kamera überhaupt einen eingebauten Belichtungsmesser. Zu ihrer Zeit war sie (auch preislich) quasi der Maybach der Kleinbildkameras, wurde selten verkauft und ist heute als Sammlerstück entsprechend heiß begehrt. Nicht zu vergleichen mit den 5$ für meine defekte Contaflex II... 

Nachtrag: Im Oktober 2012 konnte ich eine funktionierende Contaflex II erwerben...

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