2017-11-05

VEB Pentacon Pentina


Man sieht es ihr nicht an: Weder, dass sie eine Spiegelreflexkamera ist, noch kann man sie mit ihrem speziellen, fast zeitlosen Design historisch oder geografisch einordnen. Das alleine weckte mein Sammlerinteresse und man kann bei genauem Hinsehen noch weitere faszinierende Entdeckungen machen. Sie kam 1961 in der DDR auf den Markt, hatte als einzige DDR-SLR einen Zentralverschluss, war aber ansonsten von ihrem Feature Set auf der Höhe der Zeit (zumindestens in Europa, in Japan war man schon etwas weiter...). Sie war gleichzeitig für ihre Konstrukteure eine technische Herausforderung, für die Kunden eine außergewöhnliche Erscheinung und für ihren Hersteller letztendlich wegen des notwendigen hohen Preises ein wirtschaftlicher Flop. Wer sich für die ganzen Details interessiert, dem seien folgende zwei Websites empfohlen: Dresdener Kameras, oder der unglaubliche Artikel von Marco Kröger mit viel Hintergrundwissen auf zeissikonveb.de.    
Wie so oft schon, war ich beim Erhalt meines Exemplars erstaunt über den guten Zustand der Kamera. Alles funktionierte, sogar der Selen-Belichtungsmesser zeigt einigermaßen vernünftige Werte an. Lediglich die langen Zeiten hängen ein bisschen, ich habe mir aber noch nicht die Mühe gemacht, diese nachzumessen. In der Hand ist die Kamera ein rechter Klotz, auf Fotos wirkt sie zierlicher als sie wirklich ist. Ungewöhnlich und für mich als Rechtshänder und "Rechtsäuger" wirklich störend ist der Auslöser und Schnellschalthebel auf der linken Seite. Der Film läuft also umgekehrt wie in den meisten anderen SLR's. Andere Dinge sind technisch elegant gelöst, wie z.B. die Nachführmessung und der damit verbundenen "Kombisteller" am Objektiv für Verschlusszeit und Blende. Damals wurde das als "Blendenautomatik" beworben.

Angetreten ist diese High-End DDR-Kamera natürlich auch in West-Deutschland, wo sie in den Fotoläden auf die "hiesigen" Zentralverschluss-SLR traf: Kodak Retina Reflex S (klassisches Design, aber ähnliches Feature Set), Contaflex II (nur Vorsatzobjektive), Voigtländer Bessamatic. Vermutlich haben sich nur Designliebhaber oder wohlhabende Ostalgiker für die teure Pentina entschieden.
An dieser Stelle möchte ich noch auf zwei andere Kameras der 1960er hinweisen, die irgendwie mit der Pentina zu tun haben: Zunächst natürlich die Olympus Pen F, ebenfalls eine SLR, der man es nicht ansieht. Und natürlich Nikon's Nikkorex Auto 35, die vielleicht selbst von der Pentina inspiriert war. Letztere steht noch auf meiner Wunschliste und bekommt sicher den Platz neben der Pentina in der Vitrine...

Datenblatt KB-Spiegelreflexkamera mit Wechselobjektiven
Objektiv Pentina Steckbajonett, vier Wechselobjektive verfügbar:  Carl Zeiss Jena Tessar 1:2,8/50 mm, Meyer Lydith 1:3,5/30 mm,
Carl Zeiss Jena Cardinar 1:2,8/85 mm, Meyer Domigor 1:4/135 mm
Verschluss Prestor-00 (Hinterlinsen)-Zentralverschluss 1 s -1/500 s und B mit Kupplung zum Nachführ-Belichtungsmesssystem.
Belichtungsmessung Selenzelle, Nachführzeiger. ISO 9-1600 (6-33 DIN).
Fokussierung Manuell am Objektiv.
Sucher Spiegelreflex, keine weiteren Anzeigen, kein Rückschwingspiegel.
Blitz Synchronbuchse, Hebel zum Umstellen zwischen X und M.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (vorwärtszählend), Rückspulkurbel.
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Zubehörschuh, Merkscheibe für Filmart, Selbstauslöser, Leitzahlrechner, Bajonett für Okularzubehör, Trageösen.
Maße, Gewicht ca. 131x88x60 (81) mm, 688 (806) g (ohne/mit Objektiv)
Batterie keine
Baujahr(e) 1961-1965, ca. 45,000 Exemplare, diese #25998 ca. 1963
Kaufpreis, Wert heute 790 DM (1961), ca. 50 € (eigene Schätzung)
Links Dresdner Kameras, Wikipedia, Bedienungsanleitung, Blende-und-Zeit-Forum, Zeissikonveb.de, Nikkorex Auto 35, Industrieform-DDR.de, Schnittmodell.

2017-10-14

Photo Porst Katalog 1956

Ich besitze schon ewig einen Photo Porst Katalog von 1937 und es ist nicht nur eine tolle Informationsquelle sondern auch recht amüsant sowas heute noch zu lesen. Ich habe mich also auf die Suche nach einem solchen Katalog aus den 50ern gemacht und bin letzte Woche fündig geworden. Dieser hier ist die 49. Auflage (7 Millionen gedruckte Exemplare bis dahin) und stammt aus dem Jahr 1956. Erstaunt war ich zunächst, dass sich in den fast 20 Jahren zwischen beiden Katalogen nicht viel verändert hatte. Die verwendete Sprache war noch fast dieselbe und auch die Form war wohl halt auch typisch Hanns Porst, außerdem muss man wohl auch für den 2. Weltkrieg fast 10 Jahre wirtschaftlichen Stillstand abziehen und dann ab Anfang der 50er alles wieder aufbauen. Aber ihr könnt Euch selbst ein Bild machen und die ersten Seiten des Katalogs "Der Photohelfer" über den Aufstieg und die Geschichte von Hanns Porst und seinem Geschäft selbst lesen (hier auch als ganzes PDF):




2017-10-09

Ferrania Tanit

Quasi ein Beifang beim letzten Flohmarktbesuch, neben der Bilora Boy und der Braun Super Colorette IIL kam auch diese 50er Jahre Einfachstkamera aus Italien in meinen Besitz. Ausgestattet ist sie mit Box-Kamera Technik: einem selbstspannenden Einfachverschluss mit einer kurzen (ca. 1/80s) Zeit und B, nur 1 Blende (ca. 11) und natürlich einem einlinsigen Meniskus, dessen Brennweite nicht mal angegeben wird. Ich schätze diese mal auf ca. 60 mm. Immerhin läßt sich die Entfernung am Objektiv einstellen, interessanterweise in feet (5 feet =1,50 m bis unendlich). 

Belichtet wird im Format 3x4 cm auf Rollfilm 127, der natürlich am Besten von Ferrania selbst stammte. Ferrania war nämlich zunächst einmal "der" italienische Filmhersteller und produzierte diese und andere Einfachkameras als Mittel zum Zweck, nämlich den Absatzmarkt für Filme zu schaffen und zu vergrößern. Kodak und Agfa taten das ja auch. 
Vielmehr gibt es zu dem Ding kaum zu sagen, statt der üblichen Daten-Tabelle, hier lediglich noch zwei nützliche Links: Bedienungsanleitung (italienisch)Wert (Collectiblend)

2017-10-07

Braun Colorette Super II L


Diese Kamera beschäftigt mich schon sehr lange und immer wieder. So um 1983 schenkte mir mein Onkel ein defektes Exemplar, welches ich fein säuberlich zerlegt, aber nie wieder zusammengebaut bekommen habe. Die meisten Einzelteile verschwanden irgendwie und die anderen habe ich dann bewusst weggeworfen, lediglich das Objektiv (hier auf dem Bild) und den Sucher habe ich behalten. Ich hatte schon vor sieben Jahren hier berichtet. Seit ich mit dem Kamerasammeln begonnen habe, habe ich immer wieder nach einem neuen Gehäuse für's Objektiv gesucht und bin dann schließlich letztes Jahr im Sommer bei e-bay fündig geworden. Das könnte es jetzt gewesen sein, aber die Geschichte geht weiter: Vor drei Wochen auf dem Flohmarkt im Nachbardorf konnte ich ein weiteres Exemplar (inklusiv Objektiv und Tasche) dem netten Verkäufer für wenig Geld abkaufen:
Jetzt hab ich also zwei funktionierende, identische Kameras, und die "Neue" ist sogar noch ein bisschen besser in Schuss. Aber wirklich erstaunlich ist die Sache mit den Seriennummern: Die beiden Objektive unterscheiden sich um 474 Zähler (1817886: Flohmarkt, 1817412: Onkel); die beiden Gehäuse gar nur um 367 Zähler (033630: Flohmarkt, 033263: ebay). Alles nur Zufall, oder ist ein Zeichen, wie selten diese Kamera ist. Vermutlich irgendwie eine Kombination aus beidem.

Braun produzierte die (Super) Colorette-Serie von Messucherkameras von 1956 bis ca. 1960, technisch basierten sie auf der Gloriette, lösten aber die Paxette als die hochwertige Messsucherkamera am Ende ab. Die L-Serie war quasi die zweite Generation (gebaut von 1958-1959) mit einem großen Messsucher und eingespiegelten Bildausschnitten. Auch wenn nur Colorette draufsteht, war diese die "Super Colorette II L", das Basismodell ohne eingebautem Belichtungsmesser, aber mit großem Sucher und DKL-Wechselobjektiven. Dieses Bajonett existiert in verschiedenen, nicht unbedingt kompatiblen Nuancen, die Objektive zur Braun waren aber 100%ig mit denen zur Voigtländer Vitessa T austauschbar.
Die Bedienungsanleitung hebt ein paar technische Highlights hervor, wie die Lichtwertskala, den eingebauten Selbstauslöser oder die "grünen B-Verschlusszeiten" auf der Objektivunterseite. Alles ganz nett und neben dem für alle Wechselobjektive gekoppelten Entfernungsmesser auch sehr brauchbar für's Fotografieren. Aber eben nicht genug, um langfristig am Markt erfolgreich sein zu können. Der anspruchsvolle Amateur verlangte bald nach Spiegelreflex und im selben Jahr in dem diese Kamera hier hergestellt wurde, wurde in Japan die Nikon F vorgestellt. Braun stellte schon in den frühen 60er Jahren die Kameraproduktion komplett ein und konzentrierte sich für die kommenden Jahrzehnte auf andere Dinge, z.B. Diaprojektoren.

Datenblatt KB-Messsucherkamera mit Wechselobjektiven
Objektiv DKL-Wechselbajonett, Objektive von Steinheil, Rodenstock, oder Schneider. Hier: Steinheil Cassarit 50 mm f/2.8.
Verschluss Synchro Compur Zentralverschluss 1 s -1/500 s und B mit Lichtwertkupplung zur Blende.
Belichtungsmessung -
Fokussierung Manuell am Objektiv, gekoppelter Entfernungsmesser im Sucher.
Sucher Heller und großer Messsucher, entspricht 35 mm Brennweite, mit eingespiegelten Leuchtrahmen für 50, 90 und 135 mm.
Blitz Synchronbuchse, Hebel zum Umstellen zwischen X und M.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (rückwärtszählend), Rückspulrad.
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Zubehörschuh, Merkscheibe für Filmart, Selbstauslöser, Vorschläge für lange Verschlusszeiten bei B.
Maße, Gewicht ca. 127x89x55 (72) mm, 620 (733) g (ohne/mit Objektiv)
Batterie keine
Baujahr(e) 1958-1959, ca. 10,000 Exemplare, diese #033630 bzw. #033263
Kaufpreis, Wert heute ca. 250 DM (1959), ca. 50 € (eigene Schätzung)
Links CJS Classic Cameras, Braun (Wikipedia), Bedienungsanleitung, Camera-wiki, Bleckedemoor

2017-10-02

Bilora Boy

Diese schicke Boxkamera hab ich vor ein paar Wochen auf einem Flohmarkt gefunden und für ein paar Euro erstanden. Die Firma Bilora war mir durchaus ein Begriff, ich verband sie bis dahin aber eher mit Fotozubehör (z.B. Stative). Dass sie auch Kameras produzierten habe ich erst durch diese Recherche hier erfahren. Der Name BILORA kommt von KürBI & NiggeLOh, Radevormwald, ein Ort im Bergischen Land, in dem ich selbst 2 Jahre meiner Kindheit zugebracht habe. Die Geschichte zur Kamera und ihrem Hersteller kann man bei Spuer-sinn.net und bei boxkamera.de nachlesen, ich möchte nicht alles wiederholen.
Die Bilora Boy ist wie alle Boxkameras höchst simpel gehalten, mit ihrem zweiteiligen Bakelit-Gehäuse besteht sie lediglich aus ca. 30 Einzelteilen und konnte so günstig produziert und für nur 9,90 DM (1950) verkauft werden. Fotografiert wird auf 127er Rollfilm (8 Bilder a 4 x 6.5 cm), der um die Unzulänglichkeiten des einlinsigen Meniskusobjektivs etwas auszugleichen gebogen geführt wird. Dessen Brennweite ist wohl ca. 65 mm bei f/11 als einziger Blende. Es gibt auch nur eine Verschlusszeit (wohl ca. 1/30 s) und Zeitbelichtung ("T" bzw. eigentlich B). 

Dieser Einfachverschluss hat bei meiner Kamera gehakt. Ich habe ihn daher gereinigt und etwas geölt und jetzt geht wieder alles. Für mich eine gute Gelegenheit des Funktionsweise mal genauer zu dokumentieren (siehe unten). Ich denke, viele Einfachverschlüsse funktionieren sehr ähnlich und die Bilora-Leute haben hier nichts wirklich spektakuläres gebaut:


Funktionsweise des Einfachverschlusses in sechs Stufen:

(1) Ausgangsposition: Der Hebel (H) wird durch die Feder (A) in seiner Position gehalten. Auf der einen Seite des Hebels ist der Auslöser (S) über ein Gestänge befestigt, auf der anderen Seite ist das Verschlussblatt (V) über die verdeckte Feder (B) so am Hebel befestigt, dass (V) auf der rechten Seite am Anschlag gehalten wird.
(2) Druck auf den Auslöser (S) schiebt den Hebel an den Anschlag rechts oben. Dabei wird Feder (A) gespannt, der untere Teil des Hebels schwingt über das Lager von (V) nach links und (B) zieht (V) plötzlich nach links.
(3) (V) setzt sich durch den Zug der Feder (B) jetzt nach links in Bewegung und gibt das Objektiv zur Aufnahme frei (gelb). Falls der Anschlag (M/T) auf Stellung T (Zeitaufnahme) steht, bleibt (V) in dieser Position und gibt das Objektiv solange frei, wie der Auslöser gedrückt bleibt.
4) Falls der Anschlag auf Stellung M steht, schwingt (V) nach ganz links durch und überstreicht so die Objektivöffnung nur kurzzeitig (vermutlich ca. 1/30 s).
5) Der Auslöser (S) wird losgelassen, Feder (A) zieht den Hebel (H) wieder in seine Ausgangsposition am linken oberen Anschlag. Dabei wird jetzt die Feder (B) zum Rückholen von (V) wieder gespannt.
6) Das Verschlussblatt (V) schwingt durch (B) gezogen wieder in seine Ausgangsposition nach rechts zurück. Dabei gibt es selbst kurzzeitig das Objektiv frei, das jetzt aber durch den Hebel (H) verdeckt ist! Damit ist der Kreis geschlossen und der Verschluss sofort (ohne extra Spannen) wieder auslösebereit!

2017-09-24

Pearl River S-201 Geschichte

 Erster Prototyp der Kamera, noch beschriftet mit "Gut und Mehr"
Ich habe ihn doch noch gefunden, den langen chinesisch-sprachigen Originalbeitrag, dessen grausige Maschinenübersetzung kaum verständlich war. Ich hab ihn also nochmal per Google Translate und auch Baidu Translate zunächst ins Englische übersetzt (etwas besser), dann mit Hilfe von Hintergrundrecherche (u.a. Wikipedia) und im Zweifel einem chinesischen Kollegen mich an eine deutsche Übersetzung gemacht. Ich habe versucht, so nah wie möglich am Text zu bleiben, konnte aber nicht immer ohne eigene Interpretation oder Umstellungen auskommen. Manchmal habe ich Erläuterungen in eckigen Klammern eingefügt. Wer will kann ja selbst im Original nachsehen ;-).

Also hier ist der Beitrag, im Original verfasst von 张雪松 (Zhang Xuesong) am 30.09.2009. Die Fotos habe ich auch von der Seite geklaut und hier neu gepostet.

Wu Anlu, stellvertretender Chefingenieur
der heutigen Mingguang Photoelectric
Company
Unter den chinesischen Kameras sticht die Pearl River S-201 heraus. Sie ist die bedeutendste SLR des Landes, war in vielen Aspekten die erste ihrer Art und trägt zur ruhmreichen Vergangenheit der chinesischen Kameraindustrie viel bei. Aber gerade die Marke "Pearl River" hat in mehr als zwanzig Jahren Höhen und Tiefen, Verstrickungen, Streit und Neid gesehen. So ist es sehr interessant sich mit der Geschichte dieser Kamera näher zu beschäftigen. 
Geht man durch die Straßen von Chongqing und fragt nach der "Pearl River Photoelectric Company" schütteln die meisten Passanten den Kopf. Aber fragt man nach einer früheren Dritten-Front Fabrik Nr. 338 namens Mingguang (Helles Licht), weisen viele auf einen Ort im Nanping, sechster Distrikt. So habe ich den Weg zur Fabrik der Pearl River S-201 gefunden. Dort traf ich Wu Anlu, den stellvertretenden Chefingenieur der Firma, der mir zunächst eine Ausstellungsvitrine zeigte. Dort steht in relativ bescheidenen Zustand ein früher Prototyp der S-201, noch beschriftet mit "美多" ("Gut und Mehr") sowie eine nicht viel anders aussehende Pearl River S-201.

Die Frage nach der Pearl River Kamera lenkte Wu Anlu's Gedanken zurück zu den frühen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Er erzählte mir, dass der Staat [China] mit der Dritten-Front-Bewegung [Industrialisierung des zentralen Südwestens] in der Sichuan Provinz eine ganze Reihe verteilter und in den Bergen versteckter Rüstungsfirmen gründete. Einige davon sollten anspruchsvolle Instrumente produzieren und wurden die fünf "Licht" (光, guang) Unternehmen genannt: Mingguang, Huaguang, Jinguang, Yongguang und Xingguang ["Helles Licht", "China Licht", "Goldenes Licht", "Ewiges Licht" und "Wohlstand Licht"]. Sie alle gehörten zur ursprünglich "Fünf Maschinen" Abteilung und wurden dann dem Rüstungsministerium zugeordnet, dort zum Südwest Artillerie Büro in Chongqing. Mit der Produktion von Gewehren, Munition, Zielfernrohren, Flugabwehrraketen etc. leisteten diese Fabriken einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der chinesischen Rüstungsindustrie. Wu Anlu erinnert sich noch gut an einen frühen Selbstverteidigungskrieg, in dem die Vietnamesische Armee eine nicht kleine Menge chinesischer Scharfschützengewehre geliefert bekam. Diese wurden von Mingguang Technikern innerhalb kürzester Zeit durch erfolgreiches Kopieren sowjetischer SVD Gewehre hergestellt. Dies zeigt gut, wie wichtig der militärische Beitrag dieser Firmen war.

Panorama aus den 1970ern, aufgenommen in den Huaying Bergen in der Gegend der alten Mingguang Fabrik
Eingang zur ursprünglichen Mingguang Fabrik
in den 1970ern
Aber wie und warum wurden diese Fabriken zu Kameraproduzenten? Wu Anlu erzählte mir, dass ab 1972 die Rüstungsaufträge an diese Unternehmen signifikant zurückgingen [China's Beziehungen zu den USA verbesserten sich erheblich nach dem Besuch Nixons]. Und so bestand die Antwort der nationalen "Armee zur Veränderung des Volkes" in einem Aufruf zur Entwicklung und Produktion ziviler Güter. Und die Mingguang Fabrik begann als erstes mit Kameras. 

Nach einiger Recherche über die Geschichte der Dritten-Front-Bewegung habe ich folgenden Textabschnitt gefunden: Am 14. Februar 1973 traf sich die frühere "Fünf-Maschinen" Abteilung zu einer Besprechung in Beijing, wo festgelegt wurde, dass einige optische Fabriken in der Huaying Gegend der Sichuan Provinz zusammen eine Kamera entwickeln und produzieren sollen. In einer weiteren Kamera Kooperationsbesprechung im März des selben Jahres in Beijing wurde dem Vorschlag zugestimmt, die Shanghai Seagull DF-Kamera [Minolta Lizenz] als technische Basis zu verwenden, aber zusätzlich zehn vorteilhafte Merkmale der japanischen Nikon F Kamera zu verwenden. Außerdem wurde eine der Dritten-Front Fabriken zum Entwicklungszentrum dieser modifizierten Kamera bestimmt.

Chronik der Mingguang Fabrik,
eine wichtige Quelle meiner Recherchen
Zu dieser Zeit war die Seagull DF Kamera Produktion in Shanghai China's Technologieführer und die Mingguang Fabrik schickte Ingenieure zur Ausbildung nach Shanghai. Zwischen März und Juni 1973 arbeiteten die Ingnieure  und Techniker Tag und Nacht, kombinierten die Designelemente von Seagull DF mit der Nikon F und entwarfen die Pläne von über 3000 Einzelteilen in weniger als drei Monaten. Um Zeit zu sparen, arbeiteten dann zwei Entwicklungsgruppen parallel daran, die mechanischen und manuellen Prozessschritte zu definieren und die Maschinen zu bauen, um tausende verschieden große Teile aus einer Aluminiumlegierung zu produzieren. Am 25. Dezember 1973 präsentierte die Mingguang Fabrik den ersten Prototyp der Kamera und nannte ihn "美多" ("Gut und Mehr"). 

Wu sagte, dass zur schnellen und reibungslosen Entwicklung der Kamera im Wesentlichen zwei Faktoren beigetragen haben. Zum einen die starke Unterstützung des Kamerawerkes in Shanghai. Im planwirtschaftlichen System gibt es natürlicherweise einen großartigen Kooperationsgeist und die Hilfe aus Shanghai war wirklich selbstlos. Zum anderen und wichtiger war, dass das Design nicht bei den Plänen der Seagull DF halt machte, sondern deutlich darüber hinausging, um die großartigen Elemente der Nikon F zu realisieren, wie Wechselsucher, horizontaler Tuchschlitzverschluss bis 1/1000 s, X/FP-Blitzsynchronisation etc. Auch die Oberflächengüte der neuen schwarzen Verchromungstechnologie und anderes waren viel besser als bei ähnlichen anderen Produkten aus China. Anfangs passierte allerdings nicht viel, lediglich einige Prototypen wurden produziert. Erst 3 Monate nach dem ersten Prototypen wird die Kamera am 19.3.1974 offiziell von "Gut und Mehr" in "Pearl River S-201" umbenannt.

Dieser Namenswechsel verwirrt viele Kamerasammler, denn Pearl River ist eigentlich eine Marke der Guangzhou Kamerafabrik [im Süden Chinas, wo der Zhujiang, der Perlfluss ins Meer mündet], die in den 1960er Jahren begannen ihre 120er Rollfilmkameras so zu nennen (z.B. die Pearl River 60-I, und 60-II, 1967: Pearl River 4, 1970er Jahre: Pearl River 7) und wurden damit bekannt. Wie auch immer kamen jetzt die Mingguang Fabrik und die anderen kleinen Rüstungsfirmen aus China's südwestlicher Bergregion [ca. 1400 entfernt vom Perlfluss] auf die Idee, ihre KB-Spiegelreflex genau so zu nennen?

Die Antwort fand ich in der offiziellen Firmenchronik auf Seite 79. Dort steht: Am 19. März 1974 wurde für die Huaying Produktionsregion in Fabrik 33 eine Kameraproduktions-Versammlung abgehalten. Beteiligt waren die fünf beteiligten Unternehmen, das Außenhandelsministerium, die Leichtindustrie-Import und Export Vereinigung, die Guangzhou Import und Export Vereinigung, sowie weitere betroffene Verwaltungseinheiten. Es wurde festgestellt, dass der vorläufige Markenname "Gut und Mehr" nicht zur in Technik und Style herausragenden Kamera passt und damit kein Export möglich ist, um die nationalen Exporterlöse zu steigern. Außerdem fielen bei der Anmeldung einer neuen Exportmarke weitere Gebühren an. Daher wurde entschieden, sich für die Vermarktung den bekannten und registrierten Markennamen "Pearl River" auszuleihen, und diese 135-SLR Pearl River S-201 zu nennen. 

Um die Anmeldung einer zweiten Marke für den Export zu vermeiden wurden die beiden Kamerahersteller also in einen Topf geworfen - eine so einfache aber doch irgendwie verwirrende Erklärung. Um das zu verstehen, muss man die Logik der Planwirtschaft bemühen. In diesem System hatten die Unternehmen eigentlich überhaupt kein Verständnis für das Konzept "Marke", innerhalb der Planwirtschaft gab es formal keine Konkurrenz zwischen den Firmen und ein Markenname hatte an sich keinen Wert. 

Mit dieser durchaus wichtigen Mitgift der damaligen Situation begann also die Kommerzialisierung der Pearl River SLR Kamera. Doch der Ertrag der ersten Jahre ist nicht groß. In der Chronik fand ich folgende Produktionszahlen: 1975 bis 1976 (Versuchsproduktionsphase) verlassen nur ca. 50 Kameras das Werk, viele mit improvisierten und manuell hergestellten Teilen. Erst 1977 ist die ganze Produktionskette komplett und Massenproduktion erreicht 705 Kameras (Der Industrialisierungsgrad kann nicht sehr hoch gewesen sein). Übrigens, die Chronik der Fabrik Nr. 338 nennt 1974 als Start der Produktion, daher sollte das "Jahrbuch Chinesischer Kameras" geändert werden, das 1972 als Geburtsjahr der Kamera ausweist. 

Wenn wir nun die Entwicklung der Pearl River Kamera weiter verfolgen, finden wir durchaus ein durchdachtes Produktionsnetzwerk. Die Mingguang Fabrik (Nr. 338) war die Entwicklungszentrale, produzierte ein paar Teile rund ums Filmhandling und besorgte die Endmontage. Die anderen der fünf Brüderfirmen in der Huaying Region waren folgendermaßen spezialisiert: Huaguang (Nr. 308) war für Objektivproduktion zuständig, Xingguang (Nr. 598) besorgte den Spritzguss des Gehäuses und presste die Blechteile wie Rückwand, Kappe und Teile des Suchers. Die Jinguang Fabrik (Nr. 268) war für Feinmechanik zuständig und produzierte Verschlüsse, Selbstauslöser und alle Getriebe. Die letzte der fünf, Yongguang machte Endmontage, wie das auch bei Jinguang der Fall war. Es ist nicht schwierig zu unterscheiden, welche der Fabriken die Endmontage einer Kamera vorgenommen hat, denn es wurde ein Hinweis hinterlassen. Die Seriennummer startet jeweils mit dem ersten Buchstaben des phonetischen Alphabets: M für Mingguang, J für Jinguang und Y für Yongguang.

In der Geschichte der chinesischen Kameraproduktion ist so ein komplexes Produktionsnetzwerk mit entsprechender Arbeitsteilung einzigartig und konnte nur mit dem hohen Grad von Einigkeit, der individuellen technischen Stärke sowie einem relativ strengen militärischen System erreicht werden. Wu Anlu sagte, dass all das in den Huaying Bergen und den dort ansässigen Präzisionsinstrumentfabriken  zu finden war. Die Kenntnisse von optischen Prozessen bis zur feinmechanischen Montage konnten von Militärtechnik auf die Kameraproduktion übertragen werden; ein Riesenvorteil, der hervorgehoben werden muss. Und in der Tat hat die Pearl River S-201 davon enorm profitiert und einige Rekorde eingefahren: Zum Beispiel ist die optische Auflösung ein zentraler Indikator für die Leistungsfähigkeit der Kamera. Nach den Vorgaben der chinesischen Kameraindustrie (Standard 65) sollte das Auflösungsvermögen im Bildzentrum mindestens 37 Linienpaare betragen, die Pearl River Kamera erreichte [mit ihrem Standardobjektiv] 59 und mehr, also deutlich mehr als ein Standardprodukt.  Sie hat außerdem einen aus Plastik gefertigten Mikroprismenring, welcher wesentlich die Einstellung der Schärfe vereinfacht. Solche Features hatten bisherige chinesische Kameras nicht. Auch das Objektivprogramm zur S-201 war einzigartig: Es gab neben einer Reihe von Festbrennweiten auch vier verschiedene Zoomobjektive und ist damit das kompletteste Programm was es jemals für eine chinesische Kamera gab. Damit ist die S-201 China's erste wirkliche KB-Systemkamera.

In den 70er Jahren war China immer noch relativ abgeschottet. Es gab keinerlei ausländische Produkte zu kaufen und jedes der 1300 Einzelteile der Pearl River S-201 stammt von eigenen, lokalen Produktionslinien. Diesen Umstand kann man nicht genug wertschätzen. Und es erstaunte auch die ausländische Kameraindustrie. Der Japaner Takahashi Saburo schrieb in seinem Buch "Chinese Classical Camera Story"einen Abschnitt voll des Lobs für diese Kamera: Für ihn ist die S-201 die berühmteste Chinesische SLR. Sie ist sehr ähnlich zur japanischen Nikon F von 1959 und hat ebenso einen austauschbaren Sucher, außerdem sind eine ganze Reihe Wechselobjektive erhältlich. Es kann gesagt werden, dass sie in China die kompletteste aller Systemkameras ist.
Preise, die die Kamera ab 1980
sammeln konnte

Wu Anlu erzählte mir auch folgende Anekdote. In einem Jahr gewann die Kamera einen nationalen Qualitätspreis, aber die entsprechende Urkunde kam und kam nicht. Angeblich, weil die Auszeichnung vom Ministerium für Maschinenbau verliehen wurde, wurde der Preis zurückgehalten, da die Rüstungsindustrie es sich zu sehr zu Herzen nehmen könnte. Erst zwei Jahre später kam der Preis bei der Mingguang Fabrik an. Ich denke diese Geschichte kann sehr wahr sein, denn in jenem Jahr wurde die Kameraproduktion von der eigentlichen Rüstungsindustrie immer noch als lästige Einmischung empfunden. Jedenfalls, mit der Pearl River S-201 und vielen positiven Rezensionen verstummten solche Stimmen mit der Zeit. Von 1980 bis 1984 gewann sie fünfmal hintereinander sowohl nationale als auch Provinz- Qualitätspreise. Mit der Anerkennung für diese Kamera gewann auch die Marke Pearl River bisher nie dagewesene Reputation.

Nach 1980 steigerten sich die Produktionszahlen der S-201 Jahr für Jahr. 1985 waren es 8028 Einheiten und 1986 wurde erstmals die Marke von 10000 Stück überschritten. Sie wurde vornehmlich nach China, Hongkong, Singapur und Südostasien verkauft. In diesem Jahr [1986] erhielten die fünf Bruderfirmen in den Bergen von Huayin die komplette Pentax K-1000 Produktionslinie aus Japan [oder Hongkong?], mit der sie [nicht nur Lohnproduktion für Pentax, sondern auch] eine zweite einfachere SLR Kamera ("Pearl River S-207") produzierten. Zu dieser Zeit war "Pearl River" die berühmteste Chinesische Kameramarke, viele Fotoamateure und Profis waren fasziniert und eine Kamera kostete bis zu 800 Yuan, ungefähr ein Jahresgehalt.

Auf dem Höhepunkt des Ruhms 1986, wendete sich plötzlich das Schicksal der Kamera. China begann über Markenrecht nachzudenken und erste Gesetze dazu zu erlassen. Die Militärfabriken in den Bergen von Huayin bekamen also die Mitteilung, dass das Kamerawerk in Guangzhou die Marke "Pearl River" für sich hat registrieren lassen. Abseits des Hauptgeschehens und noch immer verhaftet in den alten militärischen und planwirtschaftlichen Strukturen, nahm man die Sache erst nicht ernst, verstand sie nicht, und kämpfte daher auch nicht gegen die letztendliche Konsequenz: Man hatte die Marke "Pearl River" verloren. Sogar heute noch verstehen einige alte Kollegen diesen Umstand nicht.

Faktisch hatten die beiden Kameraproduktionen in Chongquin und Guangzhou außer der gemeinsam genutzten Marke nichts miteinander zu tun. Zu Zeiten der Planwirtschaft erfüllten die Firmen den ihnen von der Regierung gegebenen Produktionsauftrag. Es gibt keine Konkurrenz und man hat kein Verständnis vom Wert einer Marke. In Guangzhou wurden einfachere Rollfirmkameras produziert und in Chongquin konzentrierte man sich auf die Kleinbild-SLR. Über mehr als eine Dekade kam man sich nicht ins Gehege. Aber ab Mitte der 80er öffnete sich China auch im Inneren der Marktwirtschaft und Konzepte wie Markennamen, Patente und geistiges Eigentum gewannen an Bedeutung und konnten nicht mehr ignoriert werden. Auch wenn die Führung der Huayin Kamerawerke sicher stolz auf den Ruhm ihrer Marke war, so verpassten sie die Gelegenheit auch formal die Schritte zu unternehmen, die Marke für sich anzumelden oder gar um sie zu kämpfen. Am Ende mussten sie klein beigeben und die Marke offiziell zum Ende 1986 aufgeben. Man änderte den Namen zu Ming Jia S-201M, die Exportkameras wurden mit "Mingca" beschriftet.  Man stellte aber auch schnell fest, dass es gar nicht so leicht ist, mit einem neuen Namen den Markt wieder zu gewinnen [die Mingca MCK-1000 mit Pentax K-Bajonett wurde bald die bedeutendere Kamera].

Die Geschichte geht natürlich weiter in den 90er Jahren. Die meisten Dritte-Front-Firmen verließen ihre Standorte in den Bergen und zogen in die Städte. Auch bei den fünf Brüderfirmen aus den Huaying Bergen trennten sich teilweise die Wege. Die Mingguang Fabrik zog nach Chongqing Nanping und änderte ihren Namen in "Chongqing Mingjia Photoelectric Instrument factory"; Huaguang fand eine neue Bleibe in Chonqing Beibei und nennt sich heute "Chongqing Huaguang Instrument Factory"; Yongguang Fabrik zog nach Sichuan Pixian, und änderte ihren Namen in "Chengdu Huaxi Optical Electronic Instrument Factory"; der Umzug von Jinguang führte nach Sichuan Xindu unter dem neuen Namen "Sichuan Jindu Optoelectronic Instrument Factory"; auch Xingguang findet sich heute in Sichuan Pixian unter "Chengdu Xingguang Machinery Factory".

Der Verlust der gemeinsamen Marke und dann auch noch der räumliche Umzug trennte die fünf Firmen endgültig und jede machte ihr Ding: Mingjia Photoelectric (früher Mingguang) brachte die Ming Jia MCK1000, eine Kamera mit TTL-Belichtungsmessung, die 1990 auf der Hightec Exportschau der Nationalarmee eine Silbermedallie gewann; Chengdu Huaxi (früher Yongguang) entwickelte und produzierte die Huaxi S-80 und S-90 Kameras [ein Nikon FG-20 Klon mit PK-Bajonett]; Sichuan Jindu (früher Jinguang) produzierten goldene S-207M und S-207T Kameras und gewannen damit 1991 auf der nationalen Kameramesse den "Star Award". Aber schlussendlich war keinem dieser Pearl River S-201 Abkömmlinge ein langes Produktleben beschert und das Ende der Spiegelreflexproduktion in dieser Region des Landes folgte bald. [Einige der genannten Firmen existieren heute noch, ob sie noch Kameras oder Teile dafür herstellen lässt sich leider aus der Ferne nicht sagen.]
Auswahl von frühen (70er) und späten (90er) Kameras, die in alle in der Tradition der S-201 stehen 

2017-09-20

Zhujiang (Pearl River) S-201

Hier wieder mal ein Exot für meine Sammlung. Diese Kamera ist sicher kein technischer Meilenstein, aber doch wegen ihrer Herkunft sehr interessant und ich bin echt froh, eine solche ergattert zu haben. Es handelt sich um die wohl anspruchsvollste chinesische KB-Spiegelreflex und ist eine Kombination aus Basistechnik aus dem Hause Minolta und Elementen der Nikon F. Die meisten anderen chinesischen SLR sind mehr oder weniger direkte Kopien oder Klone ihrer jeweiligen Vorbilder. Zunächst waren es russische oder deutsche Vorbilder, später dann Minolta (SR) und Pentax (K-1000). In meinem letzten Post habe ich ja schon darüber geschrieben. Bei der Pearl River S-201 ging man aber über das reine Kopieren hinaus und entwickelte wegen der Kombination verschiedener Elemente eine fast eigenständige Kamera. 

Die S-201  wurde von drei Kamerafabriken produziert und bediente sich hauptsächlich Minolta's SR Technologie, die wie man munkelt das kommunistische China in Lizenz erworben und an einige Kamerafabriken weitergegeben hatte. Die Technologie war über 10 Jahre alt, in Japan wurden Mitte der 70er schon ganz andere Kameras geplant und gebaut! Neben dem SR-Bajonett hat die S-201 fast identische Ausmaße wie die gute alte SR-Serie, dann wurde aber auch noch ein gutes Stückchen Nikon F "eingekreuzt", was sich Wechselsucher, der Position der Objektiventriegelung oder dem Aufsteckblitzschuh für die Rückspulkurbel sehen läßt. Leider hat mein Exemplar nur den Lichtschachsucher, wenn man Bilder mit dem Prismensucher sich anschaut, erkennt der Fan sofort die Ähnlichkeit mit der Nikon F. 
Auch das Objektiv ist im damaligen Nikon Design gehalten, auch wenn es sich optisch um eine chinesische (vermutlich 1:1) Kopie des russichen Helios-44 handelt, welches wiederum eine Zeiss Biotar 58 mm f/2 Kopie war, ein Objektiv, das 1936 auf den Markt kam!

Pearl River S-201 von 1974 mit ihren beiden Technik und Ideenspendern, die beide 1959 in Japan auf den Markt kamen
Die drei Fabriken waren die Mingguang Machinery Factory ("M"), Jinguang Instrument Factory ("J") und Yonggunag Instrument Factory ("Y"),  alle drei in der Provinz Sichuan irgendwo in und bei Chongqin bzw. Chengdu. Diese Basisinformation find man im Verzeichnis von Chinesecamera.org, leider gibt es nicht viel mehr her. Allerdings gibt es einen sehr langen Forumseintrag von 2009 von einem Nutzer namens LeeSobing, der aber eine recht unverständliche englische Maschinenübersetzung von einem anderen chinesischen Forumsbeitrags gepostet hat. Letzterer ist leider heute nicht mehr auffindbar, um ihn erneut über eine bessere Maschine zu jagen oder gar von einem chinesischen Kollegen übersetzen zu lassen, zu schade! Hier ist kurz auf deutsch, was ich da rausgelesen und interpretiert habe: 
1972 entspannte sich Chinas außenpolitische Situation, insbesondere durch diplomatische Annäherung zu den USA. Daher ging der Bedarf an feinmechanischen Rüstungsgütern (Gewehre, Zielfernrohre, etc.) zurück und die Führung erlaubte oder befahl den Fabriken im Februar 1973 auf zivile Güter umzustellen. Für fünf Fabriken in der Sichuan Provinz wurde diese Kamera auserkoren, die auf Basis des "Shanghai Seagull DF-Typs" (Minolta SR Lizenz) entstehen sollte, allerdings modifiziert mit 10 Ideen inspiriert von der Nikon F. Die Mingguang Fabrik begann 1974 mit Hilfe und freimütiger Unterstützung der Seagullfabrik(en) in Shanghai die Kamera zu entwickeln. 1975 und 1976 wurden ca. 50 Prototypen sowie Werkzeuge für Komponenten gebaut, 1977 ging endlich die Massenfertigung los. In diesem Jahr wurden die ersten 705 Exemplare gebaut. Die drei genannten Fabriken besorgten die Endmontage, die anderen lieferten Komponenten. Als Marke hatte man sich schon früh auf Pearl River (Zhujiang oder Zhe Jiang) geeinigt, einfach weil es eine bekannte Kameramarke war. Eine Fabrik in Guangzhou (Kanton) produzierte schon seit Jahrzehnten Rollfirmkameras unter diesem Namen. Und man hatte von Beginn an den Export dieser Kamera zwecks Deviseneinnahmen im Auge, wie die zweisprachige Bedienungsanleitung beweist. Ab 1986 kam es dann doch zum Zwist bezüglich der Marke Pearl River und langsam wurde Markenrecht auch in China eingeführt. Man musste "Pearl River" dem älteren Rechteinhaber in Guangzhou überlassen und die S-201 wurde wohl ab Anfang der 90er unter der neuen Marke Mingca (Mingguang Camera) verkauft. Die einzelnen Fabriken mussten auch zwischenzeitlich umziehen und wurden umbenannt. 
Der Seriennummer kann man ansehen, in welcher Fabrik endmontiert wurde (bei meiner ein J, also Jinguang). Ich glaube, dass die zwei Ziffern hinter diesem führenden Buchstaben das x-te Jahr der Produktion angeben, bei mir also 12 = ca. 1986?  

Auf eine Sache bin ich beim Studium der Bedienungsanleitung aufmerksam geworden. Auf den Seiten 5 und 6 wird auf eine Spiegelarretierung und die Abblendtaste hingewiesen, beides fehlt bei meiner Kamera, ist aber durchaus auf Fotos anderer Kameras im Internet zu sehen. Ich kann hier nur spekulieren, dass diese Features irgendwann während des Produktionszeitraums weggelassen wurden. Auch das Objektivangebot, was auf der letzten Seite beschrieben wird kann sich von Anfang an sehen lassen. Neben einem 45-90 f/3.5 Zoom im Stil des Nikkor 43-86 gab es ein 105 mm f/2.5 und ein 35 mm f/2.3. In späteren Bildern sieht man noch mehr Objektive, das Minolta Bajonett wurde ja in China auch bei den Seagull Kameras benutzt, die Auswahl war also da.