2020-01-26

Zeh Goldi 3x4


Und hier noch eine 3x4-Kamera aus den frühen 1930er Jahren: Es ist die andere neben der Welta Gucki, die ich auf der Fotobörse in Groß-Umstadt gekauft habe. Schon auf der Veranstaltung haben der Verkäufer und ich die Kamera nicht genau benennen bzw. zuordnen können, denn es fehlt jeglicher Name oder Aufdruck. Nur Objektiv und Verschluss sind klar bezeichnet, aber diese Kombination konnte in den 1930er Jahren an vielen Kameras angetroffen werden. Später dann zuhause konnte ich zumindest das Design klar der Zeh Goldi zuordnen. Ihr Hersteller, das Paul Zeh Kamerawerk in Dresden, hat diese Kamera selber unter verschiedenen Namen vermarktet (Goldi, Imperial, Bafo, Coloprint), aber auch für andere gebaut. Hier sind zu nennen Ralik/Ralikona (Friedrich Laetsch, Frankfurt) Renox (Herlango, Wien), Weston (Burke&James, Chicago), Rhaco/Racofix (Richard Hennig, Frankfurt). Besonders bekannt ist die Version Ysella für Rodenstock, hier meist mit dem f/2,9 Trinar. Die allermeisten dieser Kameras allerdings ziert ihr Name, geprägt auf das Stückchen Leder oberhalb des Objektivs. Die Zeh eigenen Kameras hatten außerdem ein weißes Zeca-Logo unterhalb des Objektivs auf der Rückseite der geöffneten Kameraklappe. Beides fehlt bei meinem Exemplar!
Und dann gibt es mit der Baby Rosen noch eine japanische Kopie der Zeh Goldi. Und das interessante daran ist, dass genau diese Kombination von Objektiv und Verschluss mit ihr in einer Anzeige von September 1936 erwähnt wird. Jetzt fände ich es natürlich phänomenal, wenn ich genau solch eine japanische Kopie ergattert hätte, beweisen kann ich es nicht. Die Kamera selbst gibt nichts her an möglichen Hinweisen für oder wider. Ich persönlich finde es eher unwahrscheinlich, dass es sich um eine japanische Kopie handelt. Viel wahrscheinlicher ist es für mich, dass es sich bei den in der japanischen Anzeige erwähnten Kameras mit dem Corygon nicht um Kopien, sondern um Importe aus Deutschland handelt. Zeh hätte in einem solchen Szenario um 1935/1936 einen Auslass für Kameras gehabt, die in der Heimat (wegen Retina und Co.) keiner mehr haben wollte. Dass man für den japanischen Markt auf eine Namensprägung verzichtet, ist fast logisch. Einige dieser Kameras mögen dann erst gar nicht den Weg nach Japan gefunden haben. Auch diese Theorie kann ich mit der Kamera alleine nicht beweisen, ich werde ihr aber noch weiter nachgehen. Falls jemand Hinweise hat, bitte unten per Kommentar melden.

Datenblattfrühe Halbformat (3x4 cm) Kamera für den 127er Rollfilm
Objektiv C. Friedrich Corygon-Anastigmat 5cm f/4.5. Auch mit anderen Objektiven erhältlich. Objektiv per Balgen und Spreizenmechanismus unter Frontklappe versenkbar. 
Verschluss Pronto Zentralverschluss (Gauthier), T-B-100-50-25. Auch mit anderen Zentralverschlüssen erhältlich. Keine Doppelbelichtungssperre. 
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab ca. 1m) durch Verschieben der Frontlinse
Sucherausklappbarer optischer Sucher.
BlitzKein Anschluss vorgesehen.
Filmtransport Mit Drehknopf auf Kameraoberseite, doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat.
sonst. Ausstattung Ausklappbarer Standfuß, Stativgewinde 3/8", Anschluss für Drahtauslöser, Selbstauslöser (am Pronto-S)
Maße, Gewicht ca. 115 x 70 x 35/66 mm (geschlossen, offen), 372 g 
Batterie keine
Baujahr(e) ca. 1930-1932, verkauft bis mindestens 1936, siehe Text.
Kaufpreis, Wert heute in dieser Version ca. 40 RM. Heutiger Wert je nach Zustand ca. 50-150 €.
externe Quellen und Links Mike Eckman, Classic Camera CollectionCamera-Wiki127er Rollfilm, Collectiblend, Baby Rosen, Zeh Coloprint (Emtus), AJCCC
bei KniPPsen weiterlesenVerschwinden der 3x4-KamerasFoth DerbyFerrania Tanit, Gevaert 127er Film, Rollfilm 127, Ising Puck, Welta GuckiKorelle 3x4



2020-01-15

Welta Gucki 3x4


Das Glück war mir hold beim Besuch der diesjährigen Fotobörse in Groß-Umstadt. Neben netten Gesprächen mit anderen Sammlern habe ich drei frühe 3x4-Kameras in der Hand gehabt und natürlich zwei davon gekauft. Die dritte war mir wegen ihrer Originalverpackung einfach zu teuer. Hier ist also die erste davon, eine Welta Gucki in einer "Basis-Version" mit einem Gauthier Vario Verschluss und einem Weltar-Anastigmaten 4.5/5 cm. Damit sollte sie 1931 oder '32 knapp unter 40 Reichsmark gekostet haben, wie man durch den Vergleich ähnlich ausgestatteter Kameras beim Photo-Porst Katolog ermitteln kann. Bei Porst war sie selbst nicht zu bekommen. Wie die meisten Kameras damals konnte man auch sie mit anderen Verschlüssen und Objektiven kaufen. Das andere Ende der Fahnenstange war bei ihr sogar das Schneider Xenon 2.0 im Compur (siehe Photographica Cabinett 23, 2001).  
Grundsätzlich ist sie der Kochmann Korelle 3x4 sehr ähnlich, beide haben einen seitlichen Spreizenmechanismus und den Filmaufzugknopf auf der Unterseite rechts. "Schussbereitschaft" war ihr beworbenes Merkmal, was sie von vielen anderen Konkurentinnen abhob: Durch Druck auf den einzigen Knopf auf der Kameraoberseite sprang gleichzeitig das Objektiv raus und entfaltete sich der Klappsucher. Bei der Welta ist dieser sogar mit Glas und eingeritztem Fadenkreuz. Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal der Welta ist aber ihre Kompaktheit. Sie ist im Vergleich zur Korelle in der Höhe 5 mm und in der Breite 11 mm kürzer, und damit sogar kompakter als alle später kommenden 135er Faltbalgenkameras alá Retina...
Mein Exemplar ist voll funktionstüchtig. Hier und da ist der Lack ab, das Leder scheint bräunlich durch und am Verschluss muss man wissen, wo welche Zeit eingestellt wird, lesen kann man so gut wie nichts mehr. Insgesamt für eine fast 90-jährige Kamera eine interessante Patina! Besonders beeindruckt bin ich von der Kraft, den die Federn des Spreizenmechanismus und des Aufklappsuchers noch haben. 

Datenblattfrühe Halbformat (3x4 cm) Kamera für den 127er Rollfilm
Objektiv Weltar Anastigmat 5 cm f/4.5. Auch mit anderen Objektiven erhältlich. Objektivplatte per Balgen und Spreizenmechanismus versenkbar. 
Verschluss Vario Zentralverschluss (Gauthier), T-B-100-50-25. Auch mit anderen Zentralverschlüssen erhältlich. Keine Doppelbelichtungssperre. 
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab ca. 1m) durch Verschieben des gesamten Objektivs.
Sucherausklappbarer optischer Sucher mit Fadenkreuz. Klappt zusammen mit dem Objektiv aus.
BlitzKein Anschluss vorgesehen.
Filmtransport Mit Drehknopf auf Kameraunterseite, doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat.
sonst. Ausstattung Ausklappbarer Standfuß, Stativgewinde 3/8", Anschluss für Drahtauslöser.
Maße, Gewicht ca. 104 x 60 x 40/62 mm (geschlossen, offen), 330 g 
Batterie keine
Baujahr(e) ca. 1931-1932, verkauft bis mindestens 1936.
Kaufpreis, Wert heute in dieser Version ca. 40 RM. Heutiger Wert je nach Zustand ca. 50-150 €.
externe Quellen und Links WeltaWikipediaCamera-Wiki127er Rollfilm, Collectiblend
bei KniPPsen weiterlesenVerschwinden der 3x4-KamerasFoth DerbyFerrania Tanit, Gevaert 127er Film, Rollfilm 127, Ising Puck, Welta WeltiKorelle 3x4

2020-01-03

Das plötzliche Verschwinden der 3x4 Kameras


Vier der 18 im Jahr 1932 erhältlichen 3x4-Kameras. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932.
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Die 3x4-Kleinbildkameras für den 127er Rollfilm haben es mir derzeit angetan, wie man an meinen letzten Beiträgen zur Korelle 3x4 und Foth Derby schon sehen konnte. Daher war ich sehr erfreut als ich letzte Woche in der jüngsten Ausgabe des PhotoDeal einen Artikel von Volkmar Kleinfeld zum Thema fand. Der Titel „3x4-Kameras und ihr kurzes Leben“ las sich sehr vielversprechend, die entscheidende Frage wird aber weder richtig diskutiert noch beantwortet: Warum sind diese Kameras nach so kurzer Zeit am Markt so schnell wieder verschwunden? Ich möchte hier eine Antwort versuchen, auch wenn es ein kleines bisschen spekulativ ist. Wir sind halt alle nicht vor 90 Jahren dabei gewesen...
Für eine Antwort muss man aber etwas weiter ausholen und mehr Aspekte betrachten, als dies meist in den sehr Technik- und Detail-verliebten Sammlerkreisen geschieht. Insbesondere das Marktumfeld scheint mir sehr wichtig für diese Warum-Frage, und zwar sowohl die „fotografische Gesamtsituation“ als auch die wirtschaftliche Lage der Kameraproduzenten und potenziellen Käuferschichten. Und beides war am Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre sehr speziell. 

Aber eins nach dem anderen: Laut Hans Porst und seinem Photohelfer von 1932 (dort S. 33), erzielte er im Jahre 1931 noch 2/3 seiner Kameraumsätze mit Plattenkameras, nur 33% mit Rollfilmkameras (darunter auch die paar Kleinbildkameras). Das heißt, auch wenn es Rollfilme schon mehr als 20 Jahre gab, griff der Profi wie auch der ambitionierte Amateur meist immer noch zur traditionellen Glasplatte oder alternativ zum entsprechenden Filmpack mit einzelnen Planfilmnegativen. Die Bilder wurden einzeln entwickelt und per Kontaktkopie abgezogen. Vergrößerungsgeräte waren vermutlich sehr selten - keine guten Voraussetzungen für Kleinbildnegative, seien sie nun 24x36 oder 30x40 mm groß. Wie Volkmar Kleinfeld schon schreibt: Viele der winzigen Negative wurden daher ebenfalls nur per Kontaktabzug ins Positiv verwandelt und ins Briefmarkenalbum geklebt. Ich denke, dass die Leute das nicht freiwillig getan haben, hätte es preiswerte und überall verfügbare Vergrößerungsmöglichkeiten (und -Services) gegeben. 

Trotzdem, und das wissen wir aus dem Rückblick, gab es dieses Bedürfnis nach kompakteren und einfach zu bedienenden Immerdabei-Kameras. Und, es gab immer besser werdendes Filmmaterial, feinkörniger und empfindlicher. Seit 1925 war mit der Leica ein relativ radikales Konzept auf dem Markt, das die Traditionalisten unter den Fotografen als spinnerte Idee abtaten, gleichzeitig aber ganz neue Kreise ansprach, die sie tatsächlich kauften und plötzlich ganz anders (und gut!) fotografierten. 
Ich fühle mich etwas an die letzte Jahrtausendwende erinnert, als die Digitalfotografie alle elektrisiert hat, sich aber keiner wirklich vorstellen konnte, dass schon 2004 die letzten analogen Kameras zu Ladenhütern wurden. Genauso war es in den 1930er Jahren mit der Platten- und Planfilmkameras, am Ende des Jahrzehnts hieß es Roll- und Kleinbildfilm, inkl. den nun überall verfügbaren Vergrößerern. 

Wirtschaftliche Situation in Deutschland
während der Weltwirtschaftskrise. Quelle: Wikipedia
Jetzt aber noch kurz zur gesamtwirtschaft-lichen Situation: Die Weltwirtschaftskrise erlebte ausgehend vom Wallstreet-Crash im Oktober 1929 am Anfang der 1930er ihren Höhepunkt. In Deutschland gilt insbesondere 1932 als das Krisenjahr, die Industrie-produktion brach (nochmal !) um ca. 40% im Vergleich zum Vorjahr ein, die Arbeitslosigkeit erreichte ungekannte Ausmaße. Das traf natürlich alle, sowohl die potentiellen Käufer der Kameras als auch ihre Produzenten! 

Aber zurück zu den 3 × 4 Kameras. Die deutschen Kamerahersteller zu der Zeit hatten natürlich bemerkt, welchen Erfolg die Firma Leitz mit ihrer Leica hatte. Insbesondere inspirierte die Tatsache, dass man neue Käuferschichten ansprach. Nicht nur Zeiss Ikon (Contax, Ikonta, Kolibri) sondern auch viele andere kleinere Hersteller wollten einen Teil dieses neuen Marktes abhaben. An den Kinofilm wagten sich (auf die Schnelle) nur wenige, insbesondere wegen der relativ komplizierten Mechanik für den Filmtransport. Hier war Rollfilm Handling viel simpler zu realisieren. Die meisten Hersteller hatten schon Klappbalgenkameras für 6 × 9 oder 4,5 × 6 cm im Programm. Da war es relativ naheliegend, auch noch kleinere Kameras in entsprechendem Design auf den Markt zu werfen. 

Weitere der im Jahr 1932 erhältlichen 3x4-Kameras. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932. 
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Und das machten sie alle fast gleichzeitig. Wenn man genau hinschaut, lassen sich insgesamt 18 verschiedene, relativ anspruchsvolle 3x4 Kameras zählen, die alle zwischen 1930 und 1932 auf den Markt kamen. Ich habe hier auf der Seite die acht abgebildet, die bei Photo Porst 1932 zu bestellen waren. Die restlichen zehn sind: Nagel/Kodak Pupille und ihre einfachere Schwester Ranca, Certo Dolly, Welta Gucki, Merkel Metharette (auch als Meyer Megor), Ihagee Parvola bzw. Ultrix, Mentor Dreivier, Lumiere Elax, Glunz Ingo (auch als Rodinette), Lucht Nikette und Zeh Goldi (auch als Ysella). Es gab noch ein paar mehr, die erst Ende der Dreißiger oder dann erst Ende der 40er/Anfang der 50er als Einfachkameras kamen. Auch ein paar Boxen habe ich nicht mitgezählt.


Die vier im Jahr 1932 erhältlichen Kameras für den 35 mm Kinofilm. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932.
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Zu den 18 3x4 Kameras kommen 1931/1932 mit der Krauss Peggy, der Contax und der Beira noch drei Neue für den Kinofilm. Man darf auch nicht vergessen, dass Leica zu diesem Zeitpunkt nur circa 20.000 Kameras pro Jahr verkaufte (und das weltweit!). Der Gesamtmarkt war also interessant, aber nicht groß genug für 18 plus 3 verschiedene Kameramodelle, viele davon ähnlich und ohne wirkliches Alleinstellungsmerkmal. Hinzukommt die wirtschaftliche Situation 1932. Viele Hersteller mussten sicher Angestellte und Arbeiter nach Hause schicken um über die Runden zu kommen. Ich denke, dass die Produktion der meisten dieser 18 Kameras im Jahr 1932 wieder eingestellt wurde und man erst mal die Lagerbestände von 1930 und 1931 abverkaufte. Als es dann 1933 langsam wieder Bergauf ging, hatten die erfolgreicheren der Hersteller (allen voran Nagel/Kodak) das Konzept für die Kleinbild-Kamera auf Kinofilmbasis inklusive der 135er Kassette schon fertig entwickelt. 1934 kam damit die Retina und bald danach ihre Klone (Welti, Baldina, etc.). 


Kodak Retina (hier meine 118er) und ihre
Klone machten 3x4 Kameras endgültig
unattraktiv für den Markt.
Am Markt war spätestens dann kein Platz mehr für die meisten der 3×4 Kameras. Lediglich diejenigen mit einem Alleinstellungsmerkmal wie zum Beispiel die Foth Derby (Schlitzverschluss) oder KW Pilot (TLR) (und evtl. diejenigen mit internationalen Vertriebskanälen) konnten sich noch ein paar Jahre halten. Aber das Konzept 3x4 hatte sich überholt, die 135er Patrone mit ihrem perforierten Kinofilm und 36 Bildern endgültig das Rennen gewonnen. Ich persönlich glaube, dass die Universalität der 135er Patrone (passte in Leica, Contax und Retina, etc.) der entscheidende Durchbruch für den Kleinbildfilm war, wie wir ihn heute kennen. Wäre weiterhin jede neue Kamera mit ihrem eigenen System gekommen, und hätte die 127er Rolle ein paar Bildchen mehr geliefert, wer weiß, vielleicht wäre die Geschichte anders verlaufen...

Um noch einmal das Warum zusammenzufassen: Um 1931 kommen fast gleichzeitig 18 3x4-Kameras mit sehr ähnlichen Leistungsdaten auf den Markt, der im Prinzip attraktiv und langfristig wachsend ist, aber zu diesem Zeitpunkt noch recht klein und schon mit der attraktiven Leica besetzt. Das konnte schon so kaum gutgehen. Nun trifft dies alles aber zusammen mit einer schweren Wirtschaftskrise, in der fast 30% arbeitslos werden und sich Luxus schon gar nicht mehr leisten können. Der Todesstoß für diese kleinste Rollfilmklasse kommt in Form der universellen 135er Kleinbildpatrone, die zusammen mit der Kodak Retina den Markt aufrollt, als es wirtschaftlich wieder bergauf geht. Danach spielen 3x4 Rollfilmkameras als Einfachknippsen nur noch eine Nischenrolle.  

2019-12-21

Korelle 3x4


Und noch eine historische Halbformat (3x4) Kamera für den 127er Rollfilm. Im Gegensatz zur Foth Derby - mit ihrem Tuchschlitzverschluss eher die Spezialität in ihrer Klasse - war Kochmann's Korelle für dieses Format quasi der Archetyp. Solche Kameras hatten einen ausklappbarem Balgen, (jeweils wählbar) Zentralverschluss sowie Standardobjektiv, und auch sonst eine sehr ähnliche Ausstattung und Größe. Am Ende dieses Beitrags stelle ich die 1932 bei Photo Porst erhältlichen anderen Kameras dieser Klasse kurz vor, es gab im Laufe der Zeit noch ein paar mehr davon.  

Beworben wurde die Kamera insbesondere über ihre schnelle "Schussbereitschaft", erreicht durch den Druck auf den einzigen Knopf auf der Kameraoberseite, der sowohl das Objektiv ausfahren lässt als auch gleichzeitig den Sucher aufklappt. Schussbereit ist man natürlich nur, wenn man vorher den Verschluss gespannt hatte, und Verschlusszeit, Blende und Entfernung richtig geschätzt und eingestellt hatte. Der Filmtransport per Drehrad auf der Unterseite war gänzlich entkoppelt vom Verschluss, weder gab es eine Doppelbelichtungssperre, noch die Erinnerung daran, dass man schon transportiert hatte.

Mein Exemplar ist für sein Alter recht gut erhalten und hat lediglich die üblichen Gebrauchspuren. Dem Federmechanismus im Aufklappsucher fehlt die Spannkraft, die Blenden- und Entfernungs-Skalen sind nur noch schwer abzulesen. Der Verschluss läuft, allerdings wohl nicht mehr präzise, manchmal bleibt er einfach offen stehen. Fotografieren kann man also nicht mehr verlässlich damit. Trotzdem ein schönes Stück für die Vitrine. Eine Altersbestimmung per Seriennummern lässt einen etwas ratlos zurück: Die Kamera selbst trägt keine eigene Seriennummer, allerdings jeweils der Compur-Verschluss (2306954) und das Schneider Obkjektiv (398798). Obwohl die jeweiligen Quellen als einigermaßen gesichert gelten, erhält man für das Objektiv das Baujahr 1931, der Verschluss stammt aber von 1933. Die meisten Quellen über die Kamera sprechen von ca. 1931 als Baujahr der Kamera, wobei sie im Photo Porst Katalog von 1932 zum Verkauf angeboten wird.


Wie diese Werbeanzeige aus dem Jahr 1934 zeigt, war die 3x4 Korelle zu dem Zeitpunkt nicht mehr im Programm. Ich kann mir vorstellen, dass sie zugunsten der innovativeren Korelle K (18x24 mm auf Kinofilm) eingestellt wurde. Diese wurde 1932 vorgestellt. Ich bleibe dran und freuen mich über weitere Hinweise (z.B. unten per Kommentar..)

Datenblattfrühe Halbformat (3x4 cm) Kamera für den 127er Rollfilm
Objektiv Schneider Xenar 5 cm f/3.5. Auch mit Trioplan 5/4.5, Rodenstock Trinar 5/2.9, Schneider Xenar 5/2.9, Zeiss Tessar 5/3.5 und anderen Objektiven erhältlich. Objektivplatte per Balgen versenkbar. 
Verschluss Compur Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-300. Verschluss wird unabhängig vom Filmaufzug gespannt. Auch mit Vario, Pronto-S und anderen Zentralverschlüssen erhältlich. Keine Doppelbelichtungssperre. Compur Seriennummer: 2306954
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab ca. 75 cm) durch Verschieben des gesamten Objektivs.
Sucherausklappbarer optischer Sucher. Einfachere Kameraversionen auch ohne Linsen.
BlitzKein Anschluss vorgesehen.
Filmtransport Mit Drehknopf auf Kameraunterseite, doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat.
sonst. Ausstattung Ausklappbarer Standfuß, Stativgewinde 3/8", Anschluss für Drahtauslöser, Bereitschaftstasche als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 115 x 70 x 37/63 mm (geschlossen, offen), 364 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1931 bis vermutlich 1932 oder 1933.
Kaufpreis, Wert heute 87.30 RM (Photo Porst, 1932), andere Objektiv/Verschluss-Varianten von 36RM bis 115 RM. Heutiger Wert je nach Zustand ca. 50-150 €.
externe Quellen und Links KochmannWikipediaCamera-WikiOneTwoSeven.org127er Rollfilm, Collectiblend, Johannstadtarchiv
bei KniPPsen weiterlesenFoth DerbyFerrania Tanit, Gevaert 127er Film, Rollfilm 127, Ising Puck, Reflex-Korelle

Ich besitze einen Photo Porst "Photohelfer" von 1932. Ab Seite 161 und bis Seite 193 geht es darin über Kleinbild-Kameras. Damals waren damit nicht nur die (sehr wenigen) Kameras für den 35mm Kinofilm (Leica, Contax und Co.) gemeint, sondern insbesondere die 3x4-Kameras für den 127er (Vest Pocket, "VP") Rollfilm. Diese verwendeten dieselben Standardobjektive mit 50 mm Brennweite und auch dieselben Zentralverschlüsse. Mit einklappbarem Objektiv waren die Kameras insgesamt sehr kompakt und passten bequem in die Jacken-, Hosen- oder die Damenhandtasche. Was sonst noch zu den Kameras im Katalog stand, kann durch einfachen Klick auf die Bilder hier angeschaut werden. Viel Spaß bei der Lektüre!
Nagel Vollenda 3x4
Plaubel Makinette 3x4
Voigtländer Perkeo 3x4
Zeiss Ikon ("Baby") Ikonta 3x4

2019-11-17

Foth Derby (Typ 2a)


Zwei Dinge haben mich auf diese Kamera aufmerksam werden lassen. Zum einen natürlich mein Zufallsfang Ising Puck, die eigentümlicher Weise nicht aus den 30ern, sondern aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg stammt. Zum anderen ein (weiterer) Photo Porst "Photohelfer", diesmal aus dem Jahr 1932, den ich vor ein paar Wochen auf einem lokalen Flohmarkt entdeckt (und erworben) habe. Darin gibt es ein ganzes Kapitel über Kleinbild-Kameras. Damit waren Anfang der 1930er keineswegs nur Leica, Contax und Co. gemeint, die ihre 24x36 mm großen Aufnahmen auf dem perforierten 35 mm Kinofilm machten, sondern auch alle anderen mehr oder weniger kompakten Kameras für Negativformate kleiner als 6x6 cm. Eben solche, wo man nicht mehr mit Kontaktabzügen auskam, sondern Vergrößerungen im Labor machte oder machen ließ. 1932 gab es viel mehr Kameras für das 127er (V.P., Vest Pocket) Halbformat 3x4 cm als für 24x36 mm! Im Photohelfer von 1932 steht es 8 zu 3. Das ändert sich relativ rasch bis 1937. In meinen 37er Photohelfer werden 17 "Kleinkameras" für den perforierten Kinofilm angeboten und keine einzige mehr für 3x4.   
Die interessanteste der frühen 3x4 Kameras ist sicherlich die Derby, die in Berlin von C.F. Foth & Co. hergestellt wurde. Die Firma selbst ist wegen ihrer nur ca. 15-jährigen Existenz heute relativ unbekannt, war mit ihren Produkten, Kameras, Ferngläser und optisches Zubehör aber "weltweit" am Markt aktiv und auch in den 1930er Jahren recht erfolgreich. Im Gegensatz zu den meisten anderen Herstellern, die Objektiv und (Zentral-)Verschluss von wenigen namenhaften Spezialisten zukauften (und sogar den Kunden die verschiedenen Optionen boten), machte man bei Foth alles selbst. Als Objektiv gab es entweder 3- oder 4-linsige Anastigmaten, also sehr ordentlich korrigierte Optiken in Triplet oder Tessar-Bauweise. Und, einzigartig bei den 3x4-Kameras: Es gab einen Tuchschlitzverschluss bis 1/500 s. Damit stand man der Leica in nicht viel nach, war aber mit nur 65 RM viel billiger als die 240 RM, die für die Leica aufgerufen wurde. OK, die Leica hatte einen Entfernungsmesser und Wechselobjektive, dafür war die Derby etwas kompakter und auch leichter und belichtete bei gleicher Brennweite ca. 39% mehr Negativfläche.

Interessanterweise, hatte das allererste Derby Modell aus dem Jahr 1930 auch 24x36 mm Bildfläche, etwas, was schnell geändert wurde. Die Kamera ist auch heute noch relativ häufig auf den gängigen Auktionsportalen zu finden. Exemplare mit starken Gebrauchspuren, so wie meines hier, sind relativ günstig zu bekommen. Hier gibt es keine "Mondpreise" wie bei den gern gesammelten Leicas. Auf Camera-Wiki.org gibt es einen recht umfassenden Artikel über alle Varianten. Mein Exemplar gehört zum Typ 2a, hat also schon einen Selbstauslöser und den quadratischen Fernrohrsucher, aber keine Seriennummer am Objektiv und auch keine Prägung "Germany". Allerdings hat es geprägtes Leder auf der Frontplatte. Ewtas, was eigentlich erst den späteren Modellen vorbehalten war...? Wie auch immer, ich bin froh über diese neue Erwerbung für meine Sammlung. Ich werde am Thema 30er-Jahre Kleinbildkameras weiter dranbleiben...


Datenblattfrühe Halbformat (3x4) Kamera für den 127er Rollfilm
Objektiv Foth Anastigmat 50 mm f/3.5 (Triplet). Alternativ auch mit Foth Anastigmat 50 mm f/2.5 (4-Linser, Tessar Typ). Objektiv per Balgen versenkbar.
Verschluss Tuchschlitzverschluss für 3x4 cm Bildfeld, B-25-50-75-100-200-500. Verschluss wird unabhängig vom Filmaufzug gespannt. Keine Doppelbelichtungssperre.
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab ca. 80 cm) durch Verschieben des gesamten Objektivs.
Suchereinfacher, sehr kleiner, quadratischer Fernrohrsucher zum hochklappen.
BlitzKein Anschluss vorgesehen.
Filmtransport Mit Drehknopf, doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat.
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Stativgewinde 1/4", Anschluss für Drahtauslöser, Bereitschaftstasche als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 120 x 71 x 37/63 mm (geschlossen, offen), 444 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1931-1935 (Typ 2), diese hier ca. 1932. Andere Modelle insgesamt von 1930 bis ca. 1940. Insgesamt wohl mehr als 80,000 Exemplare.
Kaufpreis, Wert heute 65 RM (1932), heute ca. 50 €.
externe Quellen und Links Mike EckmanWikipediaCamera-WikiClassic Camera CollectionUS BrochureManual127er Rollfilm, Collectiblend
bei KniPPsen weiterlesenFerrania Tanit, Gevaert 127er Film, Rollfilm 127, Ising Puck

Seite 179 aus dem Photo Porst Phtohelfer von 1932

2019-11-10

Kameraleder erneuern - Ising Puck

Vor Kurzem habe ich über diese kleine und interessante Kamera berichtet. Mein Exemplar hatte noch das ursprüngliche Leder, aber leider nicht mehr überall. An einigen Stellen wurde es mit einem nicht originalen Kleber wieder angeklebt, an anderen fehlte es ganz oder wurde einfach durch schwarze Farbe ersetzt. Für mich der perfekte Kandidat für ein Belederungsprojekt. 

Ein paar Anbauteile abschrauben und
komplett nackig machen...
Mit dem Gedanken, eine Kamera neu zu beledern, trage ich mich schon länger. Man kann ja im Netz schon fertig zugeschnittene Belederungs-Sätze kaufen, auch in poppigen Farben oder in Krokodil-Leder-Optik (z.B. hier, oder hier).  Aber das ist nichts für mich. Zum einen halte ich es mehr mit möglichst originalgetreuer Restaurierung, zum anderen gibt es die fertig geschnittenen Sätze nur für recht gängige Kameras. Die alten oder seltenen Schätzchen, an die ich denke, sind garantiert nicht dabei.  

Dann stolperte ich vor einiger Zeit über einen kurzen Beitrag über das Thema in einem Forum. Die Idee mit dem Schneidplotter hat mich sehr schnell überzeugt. Ein solcher stand auch schon länger auf der "Will-Haben"-Liste meiner Frau und so konnte ich ihr eine große Freude damit machen, einen solchen mir zum Geburtstag von ihr zu wünschen. 

Es wurde am Ende sogar der Silhouette Portrait, der im Artikel oben verwendet und empfohlen wurde. Dieser kommt mit einer recht simplen aber für den Zweck ausreichenden CAD-Software, mit der man sich seine Schnittmuster selbst erstellen kann. Hier nun also eine kurze Beschreibung, wie ich bei meinem kleinen Projekt vorgegangen bin.

Schnittmusterbogen, erstellt mit Silhouette Studio 4.2
Als erstes heißt es natürlich, das alte Leder von der Kamera zu entfernen. Bei vielen Kameras muss man dafür noch ein paar Anbauteile abschrauben, so auch bei der Ising Puck. Wie ich schon geschrieben habe, fehlte schon einiges an Leder und auch das andere war schnell abgezogen. Ich habe schon viel fester verklebtes Leder an anderen Kameras erlebt. Früher wurde oft Schellack als Klebstoff verwendet, zu erkennen an der rot-braunen Farbe. Wenn man auf solche Verklebungen stößt, hilft oft Einweichen mit Brennspiritus (Ethanol), darin ist Schellack nämlich löslich. Zum Glück war das bei mir nicht nötig. 

Plotter mit dickerem Papier testen und anprobieren...
Im nächsten Schritt habe ich den Schnittmusterbogen erstellt, eigentlich die Anweisungsdatei für den Plotter, wie er zu schneiden hat. Dazu habe ich die originalen Lederteile glatt gepresst, mit Tesafilm auf ein Stück Papier geklebt und eingescannt. Die Software Silhouette Studio 4.2 kann nämlich Bild-Dateien lesen und auch kontrastreiche Kanten selbstständig erkennen und in Schnitt-Linien übersetzen.  

Allerdings muss man trotzdem noch selbst Hand anlegen, um die von der Software gefundenen Schnittlinien zu glätten, bzw. Kreise wirklich rund und Linien wirklich gerade zu machen. Das nimmt seine Zeit in Anspruch, man findet sich in der Software mit der Zeit aber immer besser zurecht. Vorteil der Methode mit dem Scannen ist allerdings, dass man nicht alle Maße mit Lineal oder Maßband an der Kamera selbst abnehmen braucht. 

Fertig geschnittenes Leder mit Kleberücken
einfach anbringen und festdrücken.
Wenn man mit dem Schnittmuster fertig ist, empfehle ich Testplot(s) auf dickeres Papier (o.ä.) zu machen, um das neue Lederkleid vorab an der Kamera anzuprobieren. Ich selbst habe noch drei Runden gebraucht, bis es letztendlich alles passte.  Dann erst habe ich den Bogen Leder eingespannt und beim Plotter die Schneideparameter auf das neue Material eingestellt. Hier muss man wohl je nach Leder etwas rumprobieren. Bei mir ging das ganz schnell: Ich habe bei der Materialauswahl "Leatherette" (Kunstleder) gewählt, einen kleinen Schneidtest durchgeführt, und die Einstellungen so gelassen. Dann Schnittmuster an den Plotter senden und nach ca. 3 Minuten war bei mir alles fein säuberlich ausgeschnitten.

Das Leder habe ich bei Aki-Asahi in Japan bestellt (black uncut crinkled emboss, 220x320 mm). Auch wenn sich das erstmal verrückt anhört, kann ich das nur empfehlen. Der Service dieses Ladens ist klasse, Bezahlung per Paypal, sofortige email Bestellbestätigung, weltweiter Versand für nur 4 US$ und das innerhalb von ca. 10 Tagen. Das Leder kommt in exzellenter Qualität mit selbstklebender Rückseite, man muss also nicht mit Kleber hantieren. 

Schneidplotter bei der Arbeit
Das eigentliche Beledern selbst geht recht flott von der Hand. Natürlich muss man auch hier präzise arbeiten und genau ansetzen, aber man kann auch noch vorsichtig die eine oder andere einfache Korrektur anbringen. 

Mein Ergebnis kann sich sehen lassen und ich bin sehr zufrieden. Unbedarfte Kamera-Laien würden nicht merken, dass es sich um ein Do-It-Yourself Projekt handelt. Alle Schnitte sind super präzise, so was schafft man per Hand nicht. Allerdings ist das Leder von seinem Stil her eher "70er oder 80er Jahre Japan" als "30er oder 50er Jahre Deutschland". Es ist einen Ticken dicker als das originale Leder und natürlich auch anders gemustert. Die beiden Bilder auf dieser Seite zeigen das fertige Stück, das jetzt in der Vitrine steht. Bei mir wartet bereits die nächste Kamera auf ihr neues Lederkleid. Allerdings will ich hier auch noch mehr Restaurationsarbeit leisten und mir fehlt derzeit die Zeit dazu. Wer selbst noch Fragen oder Anregungen zum Thema hat, bitte unten in die Kommentare posten oder e-mail an knippsen(at)icloud.com.