2021-01-17

Pentacon Electra

Eher zufällig bin ich vor zwei Wochen über sie im Netz "gestolpert". Irgendwie konnte ich mich erinnern,  schon mal von ihr gelesen zu haben. Ich habe also nachgeschlagen und war danach noch mehr verwirrt. Es handelt sich um einen frühen Zeitautomaten mit CdS-Zelle, "made in DDR". Und dann stand da auf (fast) allen Seiten, dass sie von 1960 (!) bis ca. 1969 gebaut wurde. 
Blick von hinten ins Innere der Kamera
auf Verschluss und Elektronik
Das ist falsch, da war ich mir sehr sicher, habe aber doch etwas gebraucht, um die Puzzlesteine zum Beweis zusammenzubekommen. Außerdem musste ich mir natürlich eine dieser Pentacon Electras besorgen und habe ein besonders schönes, noch funktionierendes Exemplar im Originalkarton für wenig Geld ergattert. Was will ich mehr. Hier ist also die ganze Geschichte mit Bildern...

Da ist zunächst mal alleine der Name der Kamera. Sie ist ein originales Gewächs des VEB Pentacon und heißt auch so. Pentacon als Firmenname gibt es aber erst seit 1964, davor hieß man 'VEB Kamera und Kinowerke' und Pentacon war lediglich der Name des Contax-SLR Exportmodells. Ähnliches gilt auch für ORWO und die SL-Patrone ('Schnelladekassette'), auch dies wird im Prospekt zur Kamera so erwähnt, aber erst frühestens ab 1964 so vermarktet. 

Aber für mich das Entscheidende ist die Technik: CdS-Fotowiderstände mit entsprechender elektronischer Logik wird für Belichtungsmesser erst ab 1961 in kommerziellen Produkten verwendet. Der erste Belichtungsmesser damit war der berühmte Lunasix von Gossen (1961), 1962 kamen dann schon erste Kameras: Minolta SR-7, Nikon F "Photomic" oder Yashica Lynx-5000, alle noch mit einem externen "Beli-Auge". Während die einen schnell in Richtung TTL dachten (Pentax Spotmatic, Topcon RE Super), war es Yashica, die als erste mit CdS-Zelle und Elektronik einen Verschluss steuern konnten und so die Zeitautomatik auf den Markt brachten. Der Durchbruch dazu kam 1966 in Form der Yashica Electro 35

Mein Exemplar kam im Originalkarton und
mit Rechnung und Anleitung. 
Aber nicht nur in Japan, sondern auch in der alten Kamerametropole Dresden werkelte man Mitte der 1960er an Elektronik. Das zentrale Patent DD44166 wurde schon 1964 angemeldet und ist mir seit meiner Beschäftigung mit der Praktica PL electronic bekannt. Genau, damals hatte ich auch zum ersten Mal  hier über die Pentacon Electra gelesen. Die SLR erhielt "nur" den stufenlosen elektronischen Verschluss, vermutlich weil ein externer CdS-Meter in TTL-Zeiten fast wie ein Rückschritt aussah. Dafür bekam dann die moderne Plastik-Volkskamera Electra die Zeitautomatik spendiert. Die Praktica PL electronic kam 1968 auf den Markt, für die Electra gibt McKweon's in seiner letzten Ausgabe 1967 an. Ich schließe mich hier an. 

Man könnte noch ein paar weitere Argumente für die späten 60er Jahre anführen, z.B. Material und quadratisch-praktisches Design der Plastikkamera. Die dafür notwendige Spritzgusstechnologie hat sich auch erst im Laufe der 1960er Jahre durchgesetzt. Vielleicht wurde die Electra ja auch mit ihrer Vorgängerin Prakti verwechselt, die tatsächlich 1960 vorgestellt wurde, aber noch zeitgemäße Selenzellen-Technologie und ein Metallgehäuse verwendet hat.  

Mein Exemplar ist sehr gut erhalten. Ich habe es natürlich sofort aufgeschraubt, untersucht und gereinigt. Zu meinem Entzücken funktioniert alles (nach Reinigung von etwas eingerosteten elektrischen Kontakten). Mit neuen Batterien (der gewöhnliche AA-Typ!) steuert die Automatik immer noch den Verschluss, und das hinunter bis zu mehreren Sekunden! Leider ist dieser nicht der schnellste, bei 1/125 s ist nach oben hin Schluss. Auch die kleinste Blende ist "nur" 13.5, so dass sich ein maximaler EV von 10 ergibt. Das reicht selbst bei niedrig empfindlichen Filmen nicht mehr für Strand- oder Schneeszenen, die dann vermutlich alle überbelichtet rauskommen. Das ist vielleicht ihre größte Schwäche. Falls doch mal die Batterien ausfallen (oder es gerade im Sozialismus keine zu kaufen gab), löst der Verschluss immerhin mit 1/125 s aus. Das ist mit den vier Blendenstufen für außen noch praktikabel, außerdem kann damit auch geblitzt werden.
Mechanische Blende vor dem CdS-Element

Noch ein Wort zur Elektronik: Ähnlich wie bei der Yashica Electro 35 wird auch bei der Electra das CdS-Element von einer analogen Blende beschattet, bei der Yashica zur Simulation der Filmempfindlichkeit, bei der Pentacon ist es die eigestellte Blende. Für das jeweils andere werden elektrische Widerstände bemüht, beides elektronisch zu regeln funktionierte damals wohl noch nicht.

Die Electra bekam dann noch etwas Modellpflege. Die "Electra 2" hatte ein kleines "Verwackel"- Warnlämpchen im Sucher, das Verschlusszeiten unter 1/30 s anzeigte, ansonsten ist es aber dieselbe Kamera. Wann genau dieses zusätzliche Feature kam und auch wie lange diese Kameras insgesamt auf dem Markt waren, kann ich nicht sagen. Ich vermute fast bis hinein in die frühen 1980er Jahre, solange noch SL-Kassetten verfügbar waren. Wenn jemand dazu was weiß, bitte melden!

Datenblatt Kleinbildsucherkamera 24x36 mm für SL-Film mit Zeitautomatik
Objektiv Meyer Domiplan 45 mm f/2.8 (3 Linsen, vergütet), fast kreisrunde Blende mit 12 Lamellen, kleinste Blende 13.5
Verschluss elektro-magnetisch gesteuerter "Priomat" Zentralverschluss hinter dem Objektiv, stufenlos und ausschließlich automatisch gesteuerte Zeiten von mehreren Sekunden (getestet, offiziell 1/2 s) bis 1/125s. Ohne Batterie: 1/125s
Belichtungsmessung mit CdS-Photowiderstand über dem Objektiv, Einstellung von Filmempfindlichkeit von 50 oder 100 ASA per Schalter. Belichtungsmesser steuert Verschluss direkt nach Vorwahl der Blende mittels Wettersymbolen.
Fokussierung am Objektiv (1 m bis unendlich), keine Scharfstellhilfe. Symbole für Landschaft, Gruppenaufnahme und Portrait. 
Sucher einfacher optischer Durchsichtsucher.
Blitz Anschluss über Mittenkontakt, Umschalter für Elektronenblitz (1/125s) oder Blitzbirnen (1/30s).
Filmtransport SL-Patrone, einfaches Drehrad für Vorschub, Zählwerk (rückwärts von 12 bis 1)
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Drahtauslöseranschluss, optionale Bereitschaftstasche aus Kunstleder (14 Mark)
Maße, Gewicht 126 x 77 x 67 mm, 275 g (mit Batterien und Film: 345g)
Batterie 3V, 2x AA (Original DDR: "Heizelemente R6, EAaT")
Baujahr(e) ab 1967 bis ca. 1980 (?)
Kaufpreis, Wert heute 195 Mark (1972, offizielle Preisliste), ca. 10-30 € je nach Zustand.
Links Bedienungsanleitung, Prospekt (1970)IfM-Wolfen, Camera-Wiki, SL-System, Lippisches Kameramuseumfotoapparate-meier.de


2021-01-10

Zeiss Ikon Kolibri (523/18)

So langsam wird es eine kleine Sammlung innerhalb der Sammlung: Das ist schon die achte 3x4-Kamera, die ich hier vorstelle. Die (oder besser Der?) Kolibri aus dem Hause Zeiss Ikon (interne Katalog Nummer 523/18) ist eine sehr eigenwillig aber durchaus elegant und relativ praktisch gestaltete Handtaschenkamera. Gebaut wurde sie aus Blech, das ringsum mit elegantem Leder bezogen war, ihre abgeschrägten Flächen lassen sie schmaler erscheinen als sie wirklich war. Haupt- und Alleinstellungsmerkmal in ihrer sonst von Faltbalgen-Spreizenkameras dominierten Kameraklasse ist der versenkbare und blank verchromte Springtubus für das Objektiv. Mit jeweils einem kleinen Dreh und Federkraft ist es schnell aus- aber auch wieder eingefahren.  
Das Objektiv stammt natürlich aus dem Hause Zeiss und sitzt im damals üblichen Compur 300 Verschluss, es gab eine Einstiegsversion mit einem Novar f/4.5 im Telma-Verschluss. Die meisten Käufer werden wohl aber diese mittlere Ausstattung mit dem Tessar f/3.5 gewählt haben. Die high-end Variante mit dem Biotar f/2, der sogenannte Nacht-Kolibri wurde wohl sehr selten gekauft, und erzielt heute Sammlerpreise weit jenseits der 1000€-Marke.
Die Kamera war wohl relativ erfolgreich, hob sie sich doch erfreulich von den vielen ähnlich ausgestatteten Kameras zumindest vom Design her ab. Interessanterweise hat keiner der Konkurrenten versucht, das Konzept zu kopieren. Aber vielleicht war dazu ja die ganze Kameraklasse viel zu kurz am Markt, wie ich hier schon ausgeführt habe. Sie ist neben der Nagel Pupille die vermutlich am meisten gesuchte und gesammelte 3x4 Kamera und erzielt auch heute noch ganz ordentliche Preise. Ich denke, sie ist gar nicht so selten, dennoch traue ich nicht wirklich an eine Schätzung der Produktionszahlen. Was ich allerdings wetten würde ist, dass der Produktionszeitraum nur von 1930-1932 dauerte. Die meisten anderen Quellen sprechen von einem Zeitraum bis 1935. Ich glaube solange wurden ggf. noch Restbestände in aller Welt verkauft. Die Seriennummern sprechen aber eine recht deutliche Sprache. Mir sind bis jetzt bei über 20 gesichteten Beispielen nur R, S und T Nummern über den Weg gelaufen, und diese sind eindeutig auf 1932 begrenzt.  

Datenblatt Kleinfilmkamera für 3x4 auf Rollfilm 127, mit versenkbarem Springtubus.
Objektiv Carl Zeiss Tessar 5 cm f/3.5. (# 1165599). Die Kamera war auch mit einigen anderen Zeiss Objektiven erhältlich, siehe Porst Anzeige unten.
Verschluss Compur Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-300, #1072786. Die Billigversion der Kamera war auch mit einem Zeiss Telma Verschluss erhältlich.
Fokussierung durch Schneckengang mit Hebel (ganzes Objektiv) und Schärfentiefeanzeige.
Sucher einfacher Newton-Sucher, einklappbar 
Blitz kein Anschluss möglich
Filmtransport mit Drehrad, wie für die Klasse üblich zwei rote Bildnummer Fenster auf der Rückseite
sonst. Ausstattung Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 3/8 Zoll, einschraubbarer Standfuß (fehlt bei meiner)
Maße, Gewicht ca. 120 x 70 x 35 mm, 480g
Baujahr(e) 1930-1932, diese #R73372 von 1930
Kaufpreis, Wert heute in dieser Ausführung 121,50 RM (1932), heute je nach Zustand und Zubehör ca. 100-200€
Links Bedienungsanleitung (english), EarlyPhotography, Sammlung  Kurt Tauber, Camera-Wiki, Pacific Rim Camera, Collectiblend, Zeiss Ikon Cameras (American brochure from 1931)
Bei KniPPsen weiterlesen Das Verschwinden der 3x4 Kameras, Nagel Pupille, Kochmann Korelle 3x4, Welta Gucki 3x4, Zeh Goldi, Foth Derby

Kolibri im Photo Porst Katalog 1932Amerikanische Anzeige 1931

2021-01-01

Vest Pocket Kodak Autographic Special



1901 Brownie No.2, Rollfilm 120
1912 Vest Pocket Kodak, Rollfilm 127
1934 Retina, 135er Patrone
1964 Instamatic 100, 126 Kassette
1972 Pocket Instamatic, 110 Kassette
1982 Kodak Disc 4000, Disc Film
Kodak Meilensteine bei der Einführung neuer Filmtypen
George Eastman hatte seiner Firma Eastman Kodak den griffigen Slogan "You press the button - We do the rest!" verpasst und sich ganz klar auf die fotografischen Laien als Zielgruppe konzentriert. Dabei hat er immer wieder erfolgreich neue (Massen-) Märkte erschlossen und nicht ganz uneigennützig gleichzeitig ein neues Filmformat eingeführt. Denn die von Kodak selbst produzierten, meist einfachen Kameras waren nur Mittel zum Zweck, und das hieß Filme verkaufen und damit den Gewinn machen. Die meisten anderen Meilensteine dieser Art habe ich hier schon vorgestellt, siehe die Liste links. Diesmal geht es also um den Rollfilm 127 und der wurde mit dieser Kamera 1912 eingeführt. 
Erstmalig gab es eine Kamera, die nicht nur einfach zu bedienen war, sondern die man immer dabei haben konnte, weil sie in die Westentasche passte. Und daher bedurfte es keines Kunstnamens, sondern sie hieß einfach Vest Pocket Kodak, der zugehörige nur 46 mm breite Rollfilm für 8 Aufnahmen a 4 x 6.5 cm, wurde entsprechend Vest Pocket Film ("VP") genannt. 
 
Die Kamera besteht im Wesentlichen aus gepresstem und schwarz lackiertem Aluminium-Blech, das eine nur 1 Zoll (2,54 cm) dicke "Dose" formt. Das zunächst sehr einfache Meniskus-Objektiv und der Verschluss sitzen im Zentrum der Frontplatte, die mittels eines Spreizenmechanismus in die Fotografierposition herausgezogen werden kann, dazwischen ein lichtdichter Lederbalgen. Der Filmtransport passiert super simpel mit einer Flügelschraube, kontrolliert durch ein rotes Fensterchen auf der Rückseite, durch das man die Zahlen auf dem Papierträger des Films lesen kann. Garniert wird das Ganze noch durch einen Brilliantsucher und einen Ausklappständer.  Dieses sogenannte "Standardmodell" kommt 1912 für nur US$ 6 auf den Markt und wird sofort ein Erfolg


Aber so wie heute bei den Smartphones kommen schnell Updates, das erste davon war das Autographic feature, etwas was nur Kodak (wg. Patentschutz) bieten konnte und wieder etwas für die Kundenbindung. Ab 1915 kamen dann auch besser ausgestattete Modelle der Kamera. Das hier abgebildete "Special" stammt von ca. 1918 und hat einen schicken (nach 102 Jahren recht abgegriffenen) Lederüberzug und ein deutlich besseres (anastigmatisches) Objektiv. Ein fast genau solches Modell hat auch Ansel Adams als 15-jähriger bei seinem zweiten Besuch im Yosemite National Park benutzt. Es gehört heute dem George Eastman House in Rochester, NY. 

Mit über 1.8 Millionen Exemplaren war die Kamera ein früher Megaseller und passt auch als solcher gut in meine Sammlung (siehe auch die anderen hier und hier). Für alles weitere möchte ich auf die guten Links im Internet unten verweisen. 

Datenblatt erste "Westentaschen"-Kamera für den 127er Rollfilm,
diese hier die "Autographic Special" Version, mit Lederbezug und Autographic Feature
Objektiv Kodak Anastigmat F/7.7 (ca. 87 mm Brennweite, vermutlich Dreilinser von Typ Cooke Triplet), andere Objektive waren auch erhältlich. 
Verschluss "Kodak Ball Bearing Shutter", selbstspannender Einfachverschluss, T-B-25-50 1/s. Dies war  die häufigste Ausführung, andere Verschlüsse wurden auch verbaut.
Filmtyp, Bildgröße 127er Rollfilm (mit oder ohne Autographic), 1 5/8'' x 2 1/2 '' (4x6 cm)
Fokussierung   Fixfokus in dieser Version. Andere Objektive waren auch in Grenzen fokussierbar.
Sucher schwenkbarer Brilliantsucher für Hoch- und Querformataufnahmen 
Filmtransport mit einfacher Flügelschraube, Bildzähler auf Filmträgerrückseite, Ansicht durch rotes Fenster.
sonst. Ausstattung einklappbarer Standfuß (auf der Rückseite ist die Kamera-Seriennummer 128420), Gewinde für Selbstauslöser, Autographic-Klappe und Stylus für Notizen auf dem Negativsteg zwischen den Bildern.
Maße, Gewicht 1'' x 2 3/8'' x 4 3/4'', 9 ounces (laut Prospekt), ca. 26 x 63 x 123 mm, 312 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1912-1915 ursprüngliche Standardversion,
1915-1926 Autographic Version,
1915-1926 Autographic Special mit Belederung und besseren Objektiven. Insgesamt mehr als 1,8 Millionen Kameras, diese hier von ca. 1918.
Kaufpreis, Wert heute diese Version 1918: US$ 13.50, Standardversion ab US$ 7.50.  Heutiger Wert je nach Version und Zustand ca. 30-100€. 
Links The Vest Pocket Kodak, Camera-Wiki, Mischa Koning's Kodak SiteCamera Manual
Auf KniPPsen weiterlesen George Eastman, Rollfilm 127, Gevaert G27, Instamatic 100, Kodak Disc 4000, Autographic Film 116, Kodak Junior 1A

2020-12-24

Bentzin Primarette mit Meyer Makro Plasmat


Manchmal erstaunen mich Dinge so sehr, dass ich es nicht lassen kann, darüber zu schreiben. Wie zum Beispiel extreme Preise, die bei Kamera-Auktionen erzielt werden. Ich hatte hier schon mal eine Nikon F, die nur wegen ihrer niedrigen Seriennummer plötzlich für ein Vielfaches ihres "normalen" Wertes verkauft wurde. Bei dieser Primarette des eher unbekannten Kamerahersteller Bentzin war mir erst nicht klar, was (in diesem Fall) mehrere Bieter dazu bewegt, ein gutes Brutto-Monatsgehalt für eine seltsame, ca. 85 Jahre alte Kamera zu bieten. 
Zugegeben, die Kamera selbst ist schon etwas Besonderes mit ihrem extra Sucherobjektiv, das ein umgekehrtes Bild auf eine Mattscheibe projiziert. Damit ließ sich sicher besonders präzise scharf stellen, fast wie bei einer zwei-äugigen Spiegelreflex (TLR), die sie aber nicht war.  
Nach etwas recherchieren ist mir jetzt aber klar, was hier den Preis nach oben getrieben hat: Es ist das Objektiv! Mit anderen Objektiven (z.B. einem Zeiss Tessar oder einem Meyer Trioplan) liegt das normale Preisniveau für die Kamera so um die 1000€, immer noch viel für eine eher unbekannte Marke der 1930er. 

Das Objektiv aber scheint unter einigen Photographica Sammlern einen gewissen Kultstatus zu besitzen und hatte wohl schon in den 1930ern den Ruf, eines der besten, wenn nicht DAS beste Objektiv auf dem Markt zu sein. Von Meyer wird es in einer Broschüre recht unbescheiden als "absolut frei von Verzeichnung und anderen optischen Defekten" bezeichnet. Es wurde in seiner späten Zeit bei Meyer Optik in Görlitz vom ehemaligen Zeiss-Forscher Dr. Paul Rudolph entwickelt, dem "Vater" von u.a. Tessar und Planar. Weil es vermutlich damals schon vergleichsweise teuer war, ist es heute eher selten anzutreffen, und sowas treibt natürlich Sammlerpreise nach oben. 
Trotzdem ist es mir schleierhaft, warum das Objektiv heute in relativ aktuellen Fassungen (z.B. Leica M) als Umbau angeboten wird und dafür 4 bis 5-stellige Summen verlangt werden. Man muss bedenken, die Linsen sind nicht vergütet und können wohl trotz der damaligen Leistungsdaten mit heutigen Spitzenobjektiven nicht mehr mithalten! Ich möchte jeden einladen, mal bei ebay "Plasmat 2.7" zu suchen und zu staunen, welche Preise für so alte Objektive noch aufgerufen werden. Ich werde jedenfalls am Thema nochmal dranbleiben und hoffe, dass mir der Verkäufer der Kamera verzeiht, dass ich seine Fotos für diesen Beitrag "geklaut" habe.

2020-12-20

Certo Dollina (Ur-Modell)




Was für ein Schnäppchen habe ich da neulich mit dieser Kamera gemacht! Wer meinen Blog hier verfolgt weiß, dass es mir die Kleinbildkameras der 1930er Jahre besonders angetan haben. Also habe ich fast automatisch beim Stöbern durch die ebay Auktionen diese Kamera auf die Beobachtungsliste gesetzt und dann erst nach und nach realisiert, was ich schließlich recht günstig ersteigern konnte. 
Es handelt sich um das Ur-Modell der Certo Dollina von 1935, zu erkennen an der noch offen liegenden Mechanik zum Film-Entsperren und zum Ausklappen des Objektives, oberhalb desselben. Beim später Dollina I genannten, aber fast baugleichen Modell verschwand beides hinter einer Blende. Meine Kamera ziert im Inneren die Seriennummer 387 (!), nur ein einziges Foto einer identisch aussehenden Kamera konnte ich im Internet finden, diese mit der Seriennummer 874. Außerdem sehr ungewöhnlich und an einer Dollina I wohl nicht (mehr) zu finden, ist der Compur-Rapid Verschluss (bis 1/500s). In der einschlägigen Sammlerliteratur wird die Kamera stets mit dem Compur Verschluss (bis 1/300s) beschrieben. Zunächst habe ich an einen späteren Umbau gedacht, allerdings stammen sowohl Objektiv (von 1934) als auch Verschluss (Anfang 1935) aus der Anfangszeit der Certo Dollina Produktion.  


Der Compur-Rapid Verschluss war damals noch sehr neu auf dem Markt und Dollina's wichtigste Konkurrentin Kodak Retina hatte ihn serienmäßig. Daher vermute ich, dass es ein paar Ur-Modelle mit dem Rapid Verschluss gab, Certo aber ab ca. 1936 mit Einführung der anderen Modellvarianten Dollina 0 (unteres Segment mit Einfachverschlüssen und 3-linsigen Objektiven)  und Dollina II (mit gekuppeltem Entfernungsmesser, oberes Segment) den Rapid-Verschluss nur noch am Top-Modell angeboten hat. Die ansonsten baugleiche Dollina I (mittleres Segment) musste danach mit dem Compur vorlieb nehmen. Weitere Details auch zu späteren Dollina Modellen kann man am Besten hier nachlesen
Meine Kamera hat für ihre 85 Jahre einen sehr guten Erhaltungszustand, vermutlich wurde sie stets in der ledernen Bereitschaftstasche getragen und sorgfältig behandelt oder/und wenig benutzt. Lediglich der Filmtransport ist sehr schwergängig, funktioniert aber noch! Wie bei vielen Zentralverschlusskameras der Zeit waren Auslöser und Filmtransport noch nicht miteinander gekoppelt, d.h. Doppelbelichtungen oder gar leere Negative musste der Fotograf selbst verantworten. Bei der Dollina muss der Filmtransport erst durch einen Knopf entriegelt werden, der dann aber nach ca. 40 mm Filmvorschub wieder einrastet. Dabei zählt immerhin der Bildzähler automatisch eins hoch. Wer genau wissen will, wie das oder auch das Rückspulen geht, kann das in der Bedienungsanleitung nachlesen, die (leicht zerfleddert) dabei war und die ich hier als Scan gerne zur Verfügung stelle. 
Certo war mit der gesamten Dollina-Serie recht erfolgreich, insbesondere mit den späteren Super-Dollina Modellen, die sogar bis zum Anfang der 1970er Jahre in Dresden produziert wurden. Certo hatte lange trotz der sozialistischen Planwirtschaft eine gewisse Selbständigkeit und wurde erst 1980 in den VEB Pentacon eingegliedert.   

Datenblatt frühe Kleinbildkamera 24x36 für 135er Standard-Kassetten
Objektiv Carl Zeiss Jena Tessar 5cm f/2.8 (#1515140), auch erhältlich mit Schneider Xenar oder Radionar, Meyer Trioplan, Steinheil Cassar. Einfahrbar per Spreizenmechanismus und Balgen, verschwindet hinter belederter Frontkappe.
Verschluss Compur-Rapid (#5059923), T-B-1-2-5-10-25-50-100-250-500. Kamera wurde allerdings meist mit dem Compur ausgeliefert ( bis 1/300s) 
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Gehäusefokussierung per Drehknopf auf Kameraoberseite (bis <0,7m)
Sucher im Gehäuse integrierter optischer Durchsichtsucher
Blitz keine Synchronisation vorgesehen
Filmtransport per Drehrad, manuelle Entriegelung per Knopf, nicht mit dem Auslöser am Objektiv gekoppelt. Automatischer Bildzähler (vorwärts), Rückspulrad. 
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (z.B. für Entfernungsmesser), Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 3/8'', Kameragurtösen, ausklappbarer Hilfsständer für geöffnete Kamera, Tiefenschärfetabelle auf Kamerarückseite. Lederne Bereitschaftstasche, Gelbfilter und Sonnenblende (aufsteckbar) als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 121 x 83 x 38 mm (eingeklappt), 525g
Batterie keine
Baujahr(e) 1935 (Ur-Modell), 1936-1937 als Dollina I, ca. 40,000 Exemplare
Kaufpreis, Wert heute ca. 80-100 RM (1935), ca. 200 € (Ur-Modell), 50-100 € Dollina I
Links Compur History, Wikipedia, Camera-Wiki, Dresdner Kameras, Earlyphotography.co.uk, The Living Image
Bei KniPPsen weiterlesen      Kodak Retina 118, Kodak Retina 126, Kodak Retina I, Agfa Karat 6.3, Welta Welti, Baldina, 3x4-Kleinfilmkameras,  Bedienungsanleitung

2020-12-14

Compur serial numbers - Compur Seriennummern


One of my sources:
a French booklet
from 1994 with information
covering up to ca 1991
ISBN 2-906840-06-8
Eine meiner Quellen:
ein franz. Büchlein
von 1994 mit Informationen
gültig bis ca. 1991.
ISBN 2-906840-06-8
Seriennummern sind eine tolle Möglichkeit, das Alter von Kameras und Objektiven zu bestimmen. Vorausgesetzt, man hat eine verlässliche Referenzliste. Nur in einigen Ausnahmen existieren tatsächliche Werkslisten, in den allermeisten Fällen tragen Sammler Informationen zusammen und veröffentlichen die entsprechenden Korrelationen zwischen Seriennummer und Produktionsjahr. Für die Compur und Compur-Rapid Zentralverschlüsse existiert eine solche Liste, zu finden im Netz z.B. bei Camera-Wiki.org, die sich wiederum auf ein dort referenziertes Sammlerwerk von 2001(Wilkinson, M, and C Glanfield. 2001.  A Lens Collector's Vade Mecum) beruft. Aber auch andere veröffentlichten diese Liste als ihre eigene (z.B. hier), und auch in einem Büchlein von 1994 (siehe Bild rechts) findet sich exakt dieselbe Liste von Compur-Seriennummern und Jahrezahlen. Ich würde mal sagen, hier wird mangels besseren Wissens fröhlich voneinander abgeschrieben, die eigentliche Quelle und Angaben zu ihrer Genauigkeit aber leider weggelassen. Jetzt gibt es aber gerade bei den Compur-Verschlüssen eine Möglichkeit die Richtigkeit der ermittelten Jahresangabe zu validieren. Meistens existiert nämlich noch die extra Seriennummer des verbauten Objektivs und manchmal auch noch zusätzlich diejenige der Kamera. Die zwei bis drei ermittelten Jahreszahlen sollten zueinander passen und sagen wir mal maximal 1 Jahr voneinander abweichen. 
Serial numbers are a great way to tell the age of cameras and lenses, provided there is a reliable reference list. Actual manufacturer's lists only exist in a few exceptions. Mostly, collectors compile information and publish the corresponding correlations between serial number and year of production. There is such a list for the Compur and Compur-Rapid leaf shutters, which can be found on the Internet, for example at Camera-Wiki.org, which in turn refers to a publication from 2001 (Wilkinson, M, and C Glanfield. 2001. A Lens Collector's Vade Mecum). But others also published this list as their own (e.g. here), and in a booklet from 1994 (see picture on the right) there is exactly the same list of Compur serial numbers and years. I assume, due to a lack of better knowledge, there is a lot of copy and paste. Unfortunately, the actual source and information about its accuracy were omitted. But now there is a possibility, especially with the Compur shutters, to validate the correctness of the determined year. Most of the time, there is also the extra serial number of the built-in lens and sometimes also that of the camera. The two or three respective production years should match and, let's say, differ from one another by a maximum of 1 year.
RIM-Compur mit halb
verdeckter Seriennummer
(Korelle 3x4, 1931)
RIM-Compur with partially
hidden serial number
(Korelle 3x4, 1931)
Und genau das taten sie bei mir in mehreren Fällen nicht, und zwar meist bei Kameras aus den frühen 1930er Jahren. Daher bin ich der Sache nochmal nachgegangen und habe mir alle eigenen Kameras (immerhin 13 Stück von 1930 bis 1952), aber auch viele Beispiele aus dem Netz (wo entsprechende verlässliche Angaben vorlagen, ganz viele davon bei EarlyPhotography) nochmal genau angeschaut und analysiert. Das Ergebnis seht ihr oben in Form einer Excel-Grafik. Insbesondere zwei Dinge sind falsch an der allgemein akzeptierten Liste (blaue Linie): 

1) Die Produktionszahlen zum Compur werden wohl insbesondere in den späten 1920er Jahren unterschätzt. Wohl schon um 1930 wird die 2-Millionen Marke überschritten und nicht erst 1933. Ein Grund dafür dürfte der neue "RIM"-Compur im Jahr 1928 sein. Bei diesem wird die Verschlusszeit durch Drehen des äußeren Rands eingestellt, im Vergleich zum älteren "Dial-Set" Compur mit separatem Einstellrad). Diese modernere Designvariante passte gut zum einsetzenden Trend hin zu kleineren (Roll-)Filmkameras, die sich anschickten, die umständlichen Fotoplatten innerhalb weniger Jahre abzulösen. Einen Dämpfer bekam dieser Boom durch die Weltwirtschaftskrise, die sich in Deutschland hauptsächlich im Jahr 1932 durch einem enormen Einbruch der Industrieproduktion manifestiert. Auch dies zeigen meine Beispiele und die angepasste rote Kurve schön.

2) Deckel führte 1934 den Compur-Rapid Verschluss (bis 1/500 s bei Größe 00, bzw. 1/400s bei Größe 0) ein und versah ihn mit Seriennummern, die mit 5 Millionen starteten. Gleichzeitig wurden aber noch bis 1939 die normalen Compur-Verschlüsse weiter produziert, die wohl so bei 4,500,000 aufhören. Bei meiner Recherche habe ich allerdings auch Rapid-Verschlüsse in diesem Bereich gefunden. Diese stammen alle von Zeiss Ikon Kameras, während andere Kameramarken die 5,xxx,xxx Nummern tragen.
And that's exactly what they didn't with some of my cameras, mostly with those from the early 1930s. So, I looked into the matter again and carefully assessed and analyzed all of my own cameras with Compur shutters (at least 13 from 1930 to 1952), but also many examples from the Internet (where relevant reliable information was available, many of them at EarlyPhotography). You can see the result above in the form of an Excel chart. Two things in particular are wrong with the generally accepted correlation (blue line): 
1) The production numbers for the Compur shutter were probably underestimated, especially in the late 1920s. The 2 million mark was surpassed as early as 1930 and not just 1933. One reason might be the new RIM-shutter introduced in 1928. with this shutter the speed is set by turning the outer rim, compared to the older Dial-Set shutter where this is done by a separate dial. The more modern design went well with the emerging trend towards smaller (roll-) film cameras, which were going to replace the cumbersome photo plates within a few years. This boom was dampened by the global economic crisis, which hit Germany mainly in 1932 with an enormous slump in industrial production. My examples and the adapted red curve also reflects this nicely. 
2) In 1934, Deckel introduced the Compur-Rapid shutter (up to 1/500 s for size 00, or 1/400s for size 0) and shipped it with 7 digit serial numbers starting with a "5". At the same time, however, the normal Compur shutters continued to be produced until 1939. They which probably stopped counting below 4,500,000. Interestingly however, I also found Rapid shutters in this number range. These were all from Zeiss Ikon cameras, while other camera brands carry the 5, xxx, xxx numbers. This is subject of further investigation, though.
Compur Rapid an einer
Kodak Retina (118) 
#5007138 (1934)
Compur Rapid at a
Kodak Retina (118) 
#5007138 (1934)

Basierend auf fast 50 eigenen und fremden Beispielen habe ich zwei neuen Zuordnungen (eine davon für die >5 mio Rapids) gemacht, die in der Grafik von der roten und grünen Linie repräsentiert werden. Natürlich liegen nicht alle Beispielpunkte auf den neuen Linien, deren zeitliche Zuordnung basierte ja wiederum auf Seriennummernlisten von Objektiv und/oder Kamera. Von einer Ungenauigkeit von +/- 1 Jahr muss man in den meisten Fällen ausgehen. Insbesondere sollten Punkte rechts von oder unter der Linie keine Probleme machen, da ja durchaus ein schon älterer Verschluss beim Zusammenbau der Kamera verwendet worden sein könnte. Natürlich habe ich die neue Korrelation in mein kleines Kamera-Dating-Tool oben links auf der Seite schon eingebaut.

Ich bin natürlich auf Kommentare und Kritik gespannt, wackele ich doch etwas an Jahrzehnte alten Sammlerparadigmen. Außerdem möchte ich alle einladen, mir ihre Beispiele (Kombinationen von Compur- mit anderen Seriennummern zuzusenden). Bitte alles hier unten im Kommentar posten, oder gleich per e-mail an knippsen@icloud.com.  
Based on almost 50 own and third-party examples, I made two new assignments (one of them for the Rapid shutters with 5 mio numbers), which are represented in the chart above by the red and green lines. Of course, not all sample points are on the new lines, their temporal assignment was based on the serial number correlation lists of the lens and / or camera. In most cases, you have to assume an inaccuracy of +/- 1 year. In particular, points to the right of or below the line should not cause any problems, as an older shutter could have been used when assembling the camera. Of course, I've already built the new correlation into my little camera dating tool at the top left of the page. I'm looking forward to your comments and criticism, of course, as I shake a bit decades-old collector's paradigms. I would also like to invite everyone to send me their examples (combinations of Compur numbers with other serial numbers). Please post everything below in the comment, or send an e-mail to knippsen@icloud.com. 
 
Für alle, die die Zuordnung eher in Tabellenform sehen wollen, hier ist sie: 
For all, who want to see the correllation in form of a table, here it is: 

 Year old assignment new assignment


Compur Compur-Rapid
1912 214.000 214.000
1914 250.000 250.000
1920 450.000 600.000
1922 500.000 700.000
1925 600.000 850.000
1926 750.000 920.000
1927 850.000 1.070.000
1928 950.000 1.250.000
1929 1.000.000 1.500.000
1930 1.150.000 2.000.000
1931 1.500.000 2.450.000
1932 1.800.000 2.500.000
1933 2.250.000 2.700.000
1934 2.700.000 3.000.000 5.000.000
1935 3.200.000 3.250.000 5.050.000
1936 3.750.000 3.950.000 5.250.000
1937 4.250.000 4.200.000 5.500.000
1938 4.850.000 4.350.000 5.800.000
1939 5.400.000 4.450.000 6.050.000
1947 6.000.000
6.100.000
1948 6.200.000
6.200.000
1949 6.500.000
6.500.000
1950 7.000.000
7.000.000
1951 7.700.000
7.700.000
1952 8.500.000
8.500.000

2020-12-06

Nagel Pupille



Die Königin unter den 3x4 Kameras, so hat sie Volkmar Kleinfeld in seinem Beitrag im PhotoDeal 108 (1/2020) bezeichnet. "Aufwendig und ideenreich konstruiert, präzise gefertigt". Jetzt, wo ich nach längerer Suche selbst eine besitze, kann ich nur zustimmen. Sie ist verglichen mit meinen anderen 3x4 Kameras die kompakteste, aber auch die solideste und diejenige, die sich am wertigsten anfühlt.

Wirklich beeindruckend ist ihre Kompaktheit, sie ist weniger als 10 cm breit und 7 cm hoch. Ich hoffe das kommt auf diesem Bild neben der Retina 1 gut raus. Die Retina ist eine eigentlich schon sehr kompakte Kleinbildkamera für die 135er Kleinbildpatrone, die Pupille aber trotz des größeren Negativformats fast nur halb so groß! Am auffälligsten an ihrer Erscheinung ist der im Vergleich klobige doppelte Schneckengang rund ums Objektiv. Mit dem ersten davon wird Optik und Verschluss ein- oder ausgefahren, der zweite gut sichtbare mit kleinteiliger, aber groß geschriebener Meterskala ist für das Fokussieren da. Die allermeisten Kameras aus der Zeit verwenden Faltbalgen und Spreizenmechanismus, was ihnen eine gewisse Verwundbarkeit verleiht. Nicht so die Pupille, sie mutet eher wie ein unkaputtbarer Taschenrevolver an. 

Über die Geschichte von August Nagel und seines Kamerawerkes in Stuttgart haben ich und z.B. das Foto-Museum Uhingen schon geschrieben. Wenn auch erst 1928 gegründet spielte man gleich in der ersten Liga der Kameraproduzenten mit. Neben der Pupille wurden noch einige andere Rollfilmkameras produziert, interessanterweise mit der Vollenda 48 noch eine 3x4 Halbformatkamera. Diese hatte den klassischen Faltbalgen und kostete nur die Hälfte der Pupille. Außerdem gab es mit der Ranca noch eine Billigversion der Pupille. Auf diese Nagelkameras trifft natürlich meine Analyse über das
Verschwinden der 3x4 Kameras in besonderen Maße zu. In dieser Fabrik sollte ab 1934 die Retina vom Band laufen, die Kamera, die den Todesstoß für 3x4 Kameraklasse bedeutete. Daher bin ich fest davon überzeugt, dass die Pupille nur für eine recht kurze Zeit gebaut wurde und zwar von 1931 (ggf. Ende 1930?) bis (längstens) 1933. Die allermeisten davon dürften im Laufe des Jahres 1931 entstanden sein. Ich stütze mich dabei auf Seriennummern der Objektive, die meist gut auf allen Fotos im Netz zu erkennen sind. Alle die ich bisher gesichtet habe, zeigen folgende Zahlen: Schneider-Objektive (Xenar bzw. Xenon) größer als 378xxx, angeblich hatte Schneider im April 1931 die 400xxx erreicht; beim Leitz Elmar waren die Nummern zwischen 101xxx und 110xxx, Leitz hatte erst 1931 begonnen, seine Objektive extra mit Seriennummern auszustatten und dort bei 100xxx gestartet. Die Kameras selbst haben fünfstellige Seriennummern im Inneren, diese sind leider nicht so oft und gut dokumentiert. Gefunden habe ich Nummern zwischen 82135 und 94656, woraus ich vorsichtig eine Gesamtzahl von ca. 15.000 Exemplaren ableite. Etwas seltsam in dem Zusammenhang ist die Sache mit der Seriennummer des Compur-Verschlusses, die auch oft zur Altersbestimmung herangezogen wird. Meine Kamera hat einen Verschluss mit #2302048, und damit von 1933. Allerdings hatte ich genau das schonmal und bei den anderen gesichteten Pupillen ebenfalls, so dass ich inzwischen davon überzeugt bin, dass die bisher verwendete Zuordnungs-Tabelle zumindest für die späten 20er/frühen 30er Jahre falsch ist, dazu demnächst hier mehr.
Meine Kamera kam übrigens in einem ebenfalls sehr gut erhaltenen Lederetui, mit etwas Zubehör, wie auf den Bilder zu erkennen. Auch eine Anleitung war dabei, die ich für den interessierten Leser hier gerne zur Verfügung stelle. Außerdem empfehle ich zur weiteren Primärliteratur-Lektüre die schöne Kodak-Broschüre "Warum Kleinfilm" von 1932 und eine zur Pupille als Spiegelreflexkamera. Viel Spaß damit!

Datenblatt Kompakte Kleinfilmkamera 3x4 (Rollfilm 127)
Objektiv Leitz Elmar 50mm f/3.5 (4 Linsen in 3 Gruppen), auch erhältlich mit Schneider Xenar 50 mm f/3.5 und f/2.9, Schneider Xenon 45 mm f/2, Cooke Anastigmat 2inch f/3.5, Zeiss Tessar f/3.5
Verschluss Fr. Deckel Compur, T-B-1-2-5-10-25-50-100-300, diese #2302048
Belichtungsmessung keine
Fokussierung mit großem Schneckengang, bis 70 cm Naheinstellgrenze, Aufsteck-Entfernungsmesser von Leitz als Zubehör
Sucher Aufklappbarer optischer Durchsichtsucher. Spiegelreflex-Aufstecksucher optional erhältlich. 
Blitz Keine Anschlussmöglichkeit.
Filmtransport per Drehknopf von Rolle zu Rolle, gute Planlage durch spezielle Filmführung, Bildzählung mit doppeltem roten Fester.
sonst. Ausstattung Drahtauslösergewinde, Tiefenschärfe-Drehskala, 3/8‘‘ Stativgewinde, mitgeliefertes Zubehör: Objektivdeckel, Gelbfilter, Standhilfe zum Aufstecken.
Maße, Gewicht ca. 97 x 68 x 49 (60/65) mm (eingef. /unendl./0.7m), 397g
Batterie keine
Baujahr(e) 1931-1933 (ggf. bis 1935), ca. 15.000 Exemplare, diese #90563 von 1931
Kaufpreis, Wert heute ca. 200 RM (1931), 180-400€ je nach Zustand und Objektiv.
Links Camera-Wiki, Classic-Camera-CollectionAnzeigen (engl.), Foto-Museum Uhingen
Bei KniPPsen weiterlesen Das plötzliche Verschwinden der 3x4 KamerasAugust Nagel, Korelle 3x4, Foth Derby, Zeh Goldi, Welta Gucki, Ising Puck, Gevaert 127er Rollfilm, Kodak Rollfilm 127