2018-11-11

Voigtländer Bessamatic


Nach der Contaflex (1953, Zeiss Ikon) und der Retina Reflex (1956, Kodak/Nagel Werke Stuttgart) war Voigtländers Bessamatic 1959 die dritte westdeutsche Spiegelreflex mit Zentralverschluss. Genauer gesagt handelte es sich in allen drei Fällen um den damals neuen Compur Reflex Verschluss der Firma Deckel aus München. Zentralverschluss und einäugige Spiegelreflex, zumal mit Wechselobjektiven, passen eigentlich nicht zueinander. Trotzdem setzte insbesondere die westdeutsche Kameraindustrie darauf. Die Bessamatic als letzte war auch die schwerste und wohl die zuverlässigste und modernste der drei Reihen. Anfangs verkauften sich die Kameras trotz ihres hohen Preises (1959: 575 DM, heutige Kaufkraft ca. 1300€) noch gut, doch im Verlauf der 60er Jahre setzte sich auch bei den europäischen Käufern langsam die Erkenntnis durch, dass aus Japan nicht nur preiswertere, sondern technisch fortschrittlichere und attraktivere Kameras kommen. Hier zum Vergleich die meiner Meinung nach wichtigsten SLR dieser Epoche aus Japan: Nikon F, Topcon RE-Super, Minolta SR2, Pentax Spotmatic


Die Kamera selbst ist wirklich ein solides Werkzeug und mein Exemplar extrem gut erhalten. Ich habe es für nur 12€ (inkl. Objektiv) kaufen können. Es funktioniert alles, sogar der Belichtungsmesser zeigt einigermaßen korrekt an, der Schnellschalthebel geht recht schwergängig, vermutlich verharztes Fett. Auch habe ich mal die Auslöseverzögerung nachgemessen, die ja bei Zentralverschluss-SLR nicht ganz unerheblich war. Bei meinem Exemplar waren es ganze 300 ms (oder 0.3s), nicht ganz unerheblich finde ich. Eigentlich hatte ich kein Interesse an noch einer deutschen Zentralverschluss-SLR, auch wenn ich zugeben muss, dass diese hier schon sehr schön ist. Der eigentliche Grund für den Kauf kommt noch und betrifft ein spezielles Objektiv aus dem Programm. Dazu demnächst hier...

Datenblatt KB-Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluss
Objektiv Wechselobjektive mit (modifiziertem) DKL Bajonett (Deckel Compur Wechselfassung), Auflagemaß 44.7mm, hier mit Color-Skopar X 50 mm f/2.8 (4 Linsen in 3 Gruppen, Tessar-Typ).
Verschluss Synchro-Compur Zentralverschluss (hinter dem Objektiv) mit 1s - 1/500 s und B.
Belichtungsmessung gekoppelter Selenbelichtungsmesser, Nachführmessung (10-3200 ASA)
Fokussierung Manuell am Objektiv, mechanischer Tiefenschärfeanzeiger. Einstellscheibe mit mit Schnittbildindikator.
Sucher Fest eingebauter Pentaprismensucher mit Nadelanzeige für Belichtungsmessung.
Blitz Buchse für Blitzanschluss an der Kameravorderseite, Umschalter für X und M.
Filmtransport Schnellschalthelbel, Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Bildzählwerk (rückwärts), Selbstauslöser (10s), Aufsteck-Zubehörschuh, ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Filmartindikator, Stativgewinde, Standfüßchen
Maße, Gewicht ca. 140/105/83 mm, 810g (960g mit diesem Objektiv)
Batterie keine.
Baujahr(e) 1959-1962 (137.500 Exemplare), dieses #34732 von 1959
Kaufpreis, Wert heute 575 DM oder US$ 235 (1959, mit Skopar), US$ 200 (USA), ca. 30€ (D)
Links Manual (english), Wikipedia, Camera-Wiki, Photoetnography, Rick Oleson DKL-Bajonett, Jürgen Adler, Klinterklater, Ernst Giger, UKCamera, Lippisches Kameramuseum
Data Sheet Leaf Shutter SLR for 135 film
Lens Interchangable lenses with modified DKL mount. Register 44.7 mm, here with Color-Skopar X 50mm f/2.8 (4 elements in 3 gropus, Tessar type).
Shutter Synchro-Compur leaf shutter (behind the lens), 1s - 1/500 s and B.
Metering coupeled Selenium cell, match-needle metering, 10-3200 ASA
Focussing Focussing screen with split-image rangefinder, mechanical indicator for depth of view at the lenses.
Viewfinder SLR, fixed penta prism with metering needles.
Flash Socket at the camera front, switch between X and M
Film advance Advance lever at camera bottom, rewind button.
misc. Features Image counter (backwards), self-timer (10s), attachable accessory shoe, ISO thread for cable release, film type indicator, tripod socket, 3 little standing feet.
Size, Weight ca. 140/105/83 mm, 810g (960g with this lens)
Battery none.
Year(s) of Production 1959-1962 (137,500 copies), this unit #34732 from 1959
Original Price, Today's Value 575 DM or US$ 235 (1959, with standard lens), US$ 200 (USA), ca. 30€ (D)
Links Manual (English), WikipediaCamera-WikiPhotoetnographyRick Oleson DKL-Bajonett, Jürgen AdlerKlinterklaterErnst GigerUKCameraLippisches Kameramuseum 

2018-10-10

Fujinon Z 43-75 mm f/3.5-4.5


Manchmal muss eben der Zufall helfen: Ich war eigentlich nur auf der Suche nach einem Fujinon (Standard-) Objektiv für das einsame Fujica ST801 Gehäuse, dass ich als kleinen Meilenstein für meine Sammlung erworben hatte. Natürlich hätte ich auch andere M42-Objektive anschrauben können, aber die haben ja nicht die besondere Fujica-Offenblend-Variante. Außerdem wollte ich nicht mehr als 20€ ausgeben und das schränkt die Auswahl an Angeboten schon ein. 5 Monate und einige Versuche hat es dann gedauert, bis ein ebay Händler mein Angebot von 15€ für dieses Schätzchen hier angenommen hat.
Ich ahnte da noch nicht, dass ich hier einen zweiten Meilenstein ergattert habe. Zusammen mit der Fujica AZ-1 war es 1977 nämlich das erste Zoomobjektiv, das als Standardobjektiv mit der Kamera zusammen verkauft wurde. Es ist tatsächlich (zumindest bei 75mm) so kompakt wie ein Normalobjektiv und muss wohl auch optisch eine ganz gute Figur machen. 
Zoomobjektive für KB-SLR gab es Ende der 1970er Jahre schon fast 20 Jahre, angefangen hat es mit dem Voigtländer Zoomar 36-82 mm f/2.8 im Jahr 1959. Dieses war ein ziemliches Monstrum und auch die optischen Qualitäten ließen zu wünschen übrig, so dass es für entsprechende Festbrennweiten eigentlich keine Konkurrenz war. Anfang der 1960 brachten die Kamerasystemhersteller zunächst Telezoomobjektive. Diese waren zumindest ebenso groß und schwer wie entsprechende Festbrennweiten und ihre optischen Leistungen fielen gegenüber dem bisher gewohnten nicht ganz so stark ab. Als erster Hersteller wagte sich dann 1963 Nikon an ein relativ kompaktes Standard-Zoom: Zoom-Nikkor Auto 43-86 mm f/3.5 , zunächst als fest eingebautes Objektiv in der Nikkorex Zoom, dann aber auch als F-Objektiv. 
Von Ken Rockwell ist es als Nikon's optisch schlechtestes Objektiv bezeichnet worden und da ist wohl auch was dran. Nikon selbst hat es dann 1976 komplett neu gerechnet, die zweite Version war dann wohl OK. Mitte der 1970er kamen dann auch die anderen Hersteller mit neuen Standard-Zooms. Canon hat anscheinend mit ihrem FD 35-70 f/2.8-3.5 S.S.C. aus dem Jahr 1973 gezeigt, dass auch sehr gute optische Leistungen möglich sind. TTL-Messung und auch die ersten Zeit- und Blendenautomatiken machten die variierende Anfangsöffnung akzeptabel, höher empfindliche Filme ermöglichten auch recht lichtschwache (3.5-4.5), dafür dann aber kompakte und ordentliche Standardzooms. Warum sich Fuji für 43 mm als Startbrennweite entscheiden hat, bleibt wohl ihr Geheimnis. Aber sie waren die ersten, die sich getraut haben, das Zoom als Standardobjektiv mit der Kamera zu verkaufen. Ein Modell was, wie wir wissen Schule gemacht hat, heute nennt man sowas Kit-Objektiv.  
Das Fujinon (rechts) im Vergleich zum Nikkor 43-86 (links) und dem kompakten Nikkor 35-70 f/3.5-4.5 von ca. 1986. Interessanterweise ist das Fuji-Objektiv am kompaktesten bei 75 mm, während das alte Nikkor eingefahren 43mm Brennweite hat. Das jüngste hier ist bei der mittleren Brennweite von 50mm am kürzesten. 

Erstaunlicherweise findet sich fast nichts zu Zoomobjektiven und deren historische Entwicklung im Netz. Eine kurze und ganz gute Zusammenfassung bietet die englische Wikipedia. Ich werde weiter schauen und mir dieses Kapitel vielleicht mal vornehmen.

2018-10-05

M42 Fujica Variante


Das M42 Objektivgewinde (eigentlich M42x1mm, Auflagemaß: 45.46mm) war lange Zeit DER Standard zum Anschluss von Wechselobjektiven an Spiegelreflexkameras. Eingeführt 1949 für die Contax S sowie spätere Praktica Kameras wurde es lange Zeit auch Praktica-Gewinde genannt. Weltweit populär wurde es auch durch die Verwendung durch Asahi Pentax (damals japanischer Marktführer) und anderen Herstellern, die sich kein umfangreiches eigenes Objektivprogramm leisten konnten oder wollten und gerne auf die riesige Auswahl an verfügbaren Objektiven verwiesen. Mit der Praktica F.X2 kam 1956 die automatische Springblende (zu erkennen am kleinen silbernen Pin). Dieses Update kam wohl noch früh genug, um allgemein auch von allen anderen Herstellern angenommen und damit zum Standard zu werden.    
Was dann nicht mehr geklappt hat, war einen Standard für die Offenblend-Belichtungsmessung abzustimmen. Hier kochte dann jeder Hersteller sein eigenes Süppchen, um der Kamera irgendwie die am Objektiv eingestellte Blende mitzuteilen, ohne vor dem Auslösen abzublenden. Während Pentacon bei der Praktica LLC auf elektrische Kontakte setzte, beruhen alle anderen Lösungen auf mechanischer Übertragung: 1968: Pentacon Super, 1970: ZeissIkon Ikarex TM,  1971: Olympus FTL, Pentax ES, 1972: Fujica ST-801, 1974: Mamiya MSX 1000.
Hier ist also die Fujica-Variante, realisiert durch einen maximal 1mm breiten Mitnehmer am Blendenring des Objektives, der einen Ring rund ums Kameragewinde schiebt, gekuppelt durch einen ebenfalls winzigen Pin. Weil ja beim M42-Gewinde das Objektiv nicht immer gleich fest "angezogen" wird, rastet es bei Fujica nun ein. Zum Abnehmen des Objektivs muss wieder entriegelt werden. Es kommt fast Bajonett-Feeling auf! 


Das Ganze ist abwährtskompatibel, das heißt, andere M42-Objektive können (ohne Offenblendfunktion) an der Fujica-Kamera verwendet werden. Allerdings verhindert der etwas überstehende Blendenmitnehmer die Verwendung von entsprechenden Fujinon-Objektiven an vielen anderen M42-Kameras. Bei meiner Praktica LTL3 jedenfalls ging es nicht.

2018-09-30

Fujica ST801


Wieder mal ein (kleiner) Meilenstein in der Geschichte der Kleinbild-Spiegelreflexkameras. Die Fujica ST801 war bei ihrem Erscheinen 1972 die erste SLR mit Leuchtdioden (LEDs) anstatt eines Drehspulinstruments mit Nadel. Jetzt kann man berechtigterweise fragen, wo der wirkliche Vorteil für den Fotografen liegt, vielleicht mal von ein paar wenigen Situationen bei schlechtem Licht abgesehen. 

Trotzdem war die Sache mit den LED's ein sichtbares Zeichen des Fortschritts, der sich allerdings eher im Verborgenen abspielte. Die Kamera hatte nämlich (wie ihre ein Jahr frühere Schwester ST701, noch mit Nadel) Silizium Photodioden anstatt CdS-Photowiderständen als Messelemente eingebaut, das ganze mit einer integrierten Schaltung, also echte Elektronik, keine langsamen halb-analogen Belichtungsmesser mehr. Bei der ST801 war das jetzt auch noch gepaart mit einer Offenblendvariante für M42 (mehr dazu demnächst), sowie einem schnellen Verschluss bis1/2000 s. Das Ganze in einem relativ kompakten Gehäuse und garniert mit einem damals noch seltenen Hot-Shoe (Blitz-Mittenkontakt im Zuberhörschuh). 



Elektronik war Anfang der 1970er einfach schwer angesagt und schickte sich an, auch in der Kameratechnik immer mehr Bereiche zu übernehmen. Zunächst wurden die elektrisch-analogen Belichtungsmesser durch präzisere und schnellere elektronische Varianten ersetzt. Wie eben hier in der ST801. Der nächste Schritt war die elektronische Verschluss-Steuerung, die dann in Fuji's nächstem Modell ST901 gleich zusammen mit einer Zeitautomatik realisiert wurde. Pionier dafür war keine japanische Kameraschmiede sondern 1968 der VEB Pentacon mit der Praktica PL electronic. Diese war aber eher ein technischer Pilotstudie, das Prinzip hat Pentacon erst mit der Praktica EE2 im Jahr erst 1977 wirklich umgesetzt. Da waren die japanischen Hersteller alle schneller und brachten Anfang der 70er alle "Elektronic"-Kameras mit Automatikfunktionen. Das kann man zum Beispiel in der Juni-Ausgabe von Popular Science von 1973 nachlesen. Auf Seite 80 gibt es dort ein anschauliches Schema über die Elektronic in der ST801 (siehe Bild). 
Fujifilm, oder wie sie früher hieß: Fuji Photo Film Co., ist eine bedeutende Firma, die nicht nur einer der drei großen Filmhersteller der Welt war, sondern immer schon auf verwandten Gebieten aktiv war. Im Gegensatz zu Agfa, die ja bekanntlich pleite und untergegangen sind, und auch Kodak, die zwar nach vorübergehender Insolvenz noch existieren, aber nur noch ein Schatten ihrer ehemaligen Größe und Bedeutung besitzen, ist Fuji immer noch da und auch heute (wieder) im Kamerabau aktiv. Respekt! Als Kamerahersteller gehörten sie nie zu den ganz großen, mit solch innovativen Kameras wie der ST801 haben sie der Industrie aber immer wieder Impulse gegeben. 


Datenblatt Erste KB-Spiegelreflexkamera mit LED-Anzeige
Objektiv M42 Schraubgewinde mit Fujica Offenblend-Variante. 
Verschluss Mechanischer, horizontaler Tuchschlitzverschluss 1s bis 1/2000 s und B.
Belichtungsmessung Si-Photodioden, TTL-Nachführmessung bei offener Blende, Fujinon-Objektive vorausgesetzt. Anzeige durch 7 LED's im Sucher. 25-3200 ASA (15-36 DIN)
Fokussierung Manuell am Objektiv, Mikorprismen und Schnittbildindikator als Scharfstellhilfen.
Sucher Spiegelreflex, Anzeige der eingestellten Verschlusszeit und LED's des Nachführbelichtungsmessers.
Blitz Mittenkontakt im Zuberhörschuh, FP und X Buchsen, Synchronzeit 1/60 s.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (vorwärtszählend), Rückspulkurbel. Hilfe beim Filmeinfädeln.
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Trageösen, Aufschraub-Okular für Zubehör, Zubehörschuh, Selbstauslöser, Arretierung für den Auslöser, Abblendtaste.
Maße, Gewicht ca. 133x91x50 mm, 635g (mit Batterie), 840g (mit Objektiv)
Batterie PX-28 (6V, Silberoxid), 4xLR44 möglich.
Baujahr(e) 1972-1978, ca. 200,000? Exemplare, diese #3050869  
Kaufpreis, Wert heute 125 £ (1974), heute ca. 50€ mit Objektiv
Links Camera ProtraitsInstruction ManualThe Camera SiteCamera-Wiki


2018-09-09

Zeiss Ikon Contessa (10.0632)


Diese interessante Kamera fiel mir gestern auf einem Flohmarkt in die Hände. Äußerlich extrem gut erhalten, der Belichtungsmesser funktionierte, nur leider ließ sie sich weder auslösen noch spannen. Für mich die Gelegenheit den Preis auf 5€ zu drücken. Zuhause habe ich kurzentschlossen den Schraubenzieher in die Hand genommen und hatte in wenigen Minuten das Ding wieder vollständig funktionstüchtig. Lediglich ein Häkchen des Verschlussaufzugs war aus seiner Nut gerutscht.

Contessa ist ein berühmter Kameraname. So hieß zunächst im Jahr 1908 ein 9x12-Modell der Kamerawerke Drexler&Nagel, das später sogar der Firma ihren Namen gab. Diese Firma wurde in den 20er Jahren zur Fusion zum Kameragiganten Zeiss Ikon gezwungen, der nicht nur die Produktionsstätte in Stuttgart, sondern natürlich auch den Namen Contessa übernahm. Ihr Gründer August Nagel wurde später Direktor und Chefentwickler der deutschen Kodak, der mit den Retina Kameras einer der größten Konkurrenten von Zeiss Ikon wurde.


Nach dem zweiten Weltkrieg erinnerte sich Zeiss Ikon wieder seiner Marke und brachte 1950 mit der Contessa 35 (interne Modellnummer 533/24) eine hochwertige Messsucher-Faltbalgenkamera für den Kleinbildfilm. Nach einem kleineren Upgrade 1953 (Synchro-Compur, MX) wurde deren Produktion aber schon 1955 wieder eingestellt. Zu groß war die Konkurrenz am Markt, insbesondere Kodak Retina und auch Voigtländer Vitessa boten z.T. mehr zu kleinerem Preis.  Auch griff, wer sich die super-teure Contessa leisten konnte, ggf. lieber zur Contax oder Leica. Zeiss Ikon war (mal wieder) zu kompliziert und teuer. 

Erfolg hatte man allerdings mit den einfacheren Contina Modellen. Ab 1960 gab es dann wieder eine zeitgemäße, einfachere, aber doch gut ausgestattete Kameraserie unter dem Namen Contessa. Diese Kamera hier machte den Anfang. Spätere Kameras der Serie trugen auch Bezeichnungen wie Contessamat oder Contessamatik, auch wurden Buchstabenkürzel verwendet, um die Modelle untereinander abzugrenzen. Diese hier wurde aber noch schlicht Contessa genannt, selbst auf das 35 verzichtete man.

Diese Kameras waren am Anfang der 60er Jahre wohl noch recht erfolgreich. Aber schon während dieses Jahrzehnts zeigte sich auch in Deutschland, was die Japaner zu produzieren im Stande waren, und das meist preiswerter als die heimischen Produkte. Anfang der 1970er dann kam mit der S310 die letzte Contessa-Generation auf den Markt. Es war ein fast schon verzweifelter Versuch von Zeiss Ikon mit einem von Voigtländer entwickelten Modell der japanischen Marktmacht noch etwas entgegen zu setzen. Aber darüber habe ich ja schon geschrieben.


Datenblatt KB-Sucherkamera
Objektiv 50 mm f/2.8 Carl Zeiss Tessar (4 Linsen in 3 Gruppen).
Verschluss Pronto Zentralverschluss, B-30-60-125-250
Belichtungsmessung eingebauter, ungekuppelter Selenbelichtungsmesser, 9-33 DIN
Fokussierung Manuell am Objektiv, keine Scharfstellhilfe.
SucherGroßer, optischer Sucher mit eingespiegeltem Leuchtrahmen
Blitz Synchronbuchse.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (rückwärtszählend), Rückspulkurbel im Boden der Kamera.
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Zubehörschuh.
Keine (!) Trageösen, Bereitschaftstasche notwendig (s. Bild).
Maße, Gewicht ca. 117x84x70 mm, 559 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1960-1961 (andere Quelle: 1963?). Diese Y71457 ca. 1960
Kaufpreis, Wert heute ca. 250 DM (1960), heute ca. 40 €.
Links Collection Appareils,  Camera-Wiki

2018-08-29

Minolta SRT-101 @work


Seit langem mal wieder hier ein analoges Foto, aufgenommen mit der Minolta SRT-101 und dem W.Rokkor-HG 35mm f/2.8. Meine Tochter hat vor einiger Zeit sich die Kamera und Objektiv "ausgeliehen" und will sie gar nicht mehr hergeben. Sie hat schon einige Filme damit verschossen, viele schöne Aufnahmen sind entstanden. Dieses hier von unserem Hund Louis ist wirklich klasse geworden und zeigt ein wirklich schönes Spiel mit der Tiefenschärfe, wie es nur das Vollformat und Film liefern.

Das Objektiv ist übrigens eine Retrofokus-Konstruktion a lá Flektogon, wie viele andere erfolgreiche Weitwinkelobjektive ab den 1960er Jahren: 

W.Rokkor-HG 35mm f/2.8

2018-08-05

Retrofocus vs. Flektogon, Piere Angénieux und Harry Zöllner


Piere Angénieux, *14.07.1907 +26.06.1998Harry Zöllner, *29.01.1912 +30.12.2007

35 mm f/2.5 R1 Retrofocus
(Patent US 2,649,022
eingereicht am 29. Juli 1950)
Flektogon 35 mm f/2.8
(Patent DD10604A1 vom 8.3.1953 bzw.
Patent DE953471C vom 20.12.1953)
Nach längerer Zeit endlich wieder ein Beitrag über Photopioniere. Diesmal ist es ein Doppelportrait, allerdings nicht von sich gegenseitig inspirierenden Kollegen, die gemeinsame Sache machen (so wie bei Godowsky/Mannes oder Willmanns/Schneider), sondern zwei Konkurrenten, die quasi gleichzeitig und unabhängig voneinander dieselbe Erfindung machen und auch -natürlich mit Hilfe anderer- umsetzen.
Die Erfindung, das ist ein Weitwinkelobjektiv mit längerer Schnitt- als Brennweite für die Verwendung an den immer populärer werdenden Spiegelreflexkameras, denn der Spiegel brauchte ca. 38 mm Extraplatz im Strahlengang. Bis 1953 mussten sich SLR-Fotografen mit 40 mm Weitwinkel bescheiden. Realisiert werden konnte das mit Hilfe einer (oder mehrerer) relativ großen Zerstreuungslinse(n) vor dem 5-6 linsigem Basisobjektiv. Damit kommt die optische Hauptebene hinter der letzten Linse zu liegen. 
Beide Erfinder arbeiteten zunächst an der bei Messsucherkameras sehr populären Brennweite 35 mm. Dies geschah in den Jahren 1950 bis 1953, der Franzose war nach den Daten auf den Patenten etwas früher dran, dafür gab es vom Flektogon 1950 eine erste Kleinserie. Kaufen konnte man beide Objektive  von Mitte/Ende 1953 an. Man kann eigentlich davon ausgehen, dass sie zunächst selbst nichts von der jeweiligen Arbeit des anderen gewusst haben, Angéniuex's Patent wurde erst nach Einreichen desjenigen von Zöllner veröffentlicht.   

Britisches Patent GB 355 452 von 1930.
Erfinder ist Horrace William Lee von Kapella Ltd.
Gewusst aber haben beide sicherlich vom damals schon 20 Jahre alten Patent des Briten Lee. Dieser hatte die eigentliche Idee schon beschrieben. Zweck der Erfindung damals waren allerdings Kinoobjektive für Farbkameras mit Strahlenteilerprisma. Auch diese benötigen wie die späteren Reflexspiegel mehr Platz im Strahlengang als mit klassischer (symmetrischer) Objektivkonstruktion zur Verfügung steht.
Angénieux und Zöllner haben aber keineswegs abgeschrieben. Die Technologie war Anfang der 50er Jahre natürlich weiter, es gab neue und andere Glassorten und auch die Antireflex-Beschichtung (Vergütung) war endlich erfunden und erlaubte andere Freiheitsgrade bei der Konstruktion. Beide hatten ernorme Mengen von Formeln zu kalkulieren, damals alles per Hand und mit Hilfe von Logarithmentafeln und Rechenschieber. Auch hatten sie Hilfe von Rechnern, damals ein Beruf und noch keine Maschine. Interessanterweise waren diese Retrofokus-Weitwinkel die letzte Klasse von Objektiven, die noch ohne Computerhilfe designed wurden. Schon ab 1954 hatte Harry Zöllner und sein Team bei Carl Zeiss Jena die OPREMA (OPtik REchen MAschine) zur Verfügung, der erste arbeitsfähige in der DDR gebaute Computer. Auch Pierre Angénieux hat sicherlich später Computer benutzt, ansonsten wären seine Pionierleistungen zu Zoomobjektiven nicht möglich gewesen. 
Die Biographien der beiden ähneln sich. Der Franzose ist 5 Jahre älter, beide waren aber jung genug, um nicht als Soldaten im ersten Weltkrieg gegeneinander kämpfen zu müssen. Interessanterweise waren beide auch im 2. Weltkrieg nicht Soldat, sondern haben während der Kriegsjahre schon Objektive gerechnet. Zumindest bei Zöllner weiß man, dass er wegen dieser auch für die Rüstung wichtigen Aufgabe nicht selbst Soldat werden musste. Details zu ihren Lebensläufen können hier nachgelesen werden: Zöllner, Angénieux. Trotz der sehr ähnlichen Ausbildung und sicherlich auch Begabung, hört es mit den Parallelen irgendwann systembedingt auf. Angénieux macht sich schon 1935 selbständig, und weil die Firma irgendwann seinen Namen trägt, ist er heute der bekanntere der beiden. Er wurde als Anerkennung seiner Leistungen Mitglied der Ehrenlegion und bekam sogar zwei Oskars. Aber auch Harry Zöllner, der zeit seines Lebens Angestellter blieb und schließlich sogar bei seinem ersten Arbeitgeber 1977 auch in Rente ging, erhielt einige Ehrungen. 
Ob sie sich beide je persönlich getroffen haben, konnte ich nicht rausbekommen. Es ist vermutlich unwahrscheinlich, obwohl nach dem Mauerfall noch ein paar Jahre Gelegenheit gewesen wäre. Auf jeden Fall hat ihre Erfindung von 1950 die Entwicklung der Spiegelreflex-Systeme enorm vorangebracht. Schnell hatten auch andere Hersteller Retrofocus Weitwinkel im Programm. Beide Firmen hatten zunächst natürlich die Nase vorn und entwickelten erfolgreich weitere 28mm, 24/25mm und sogar 20mm Typen. Der Begriff Retrofocus wurde von Angenieux zunächst als seine Marke gebraucht, leider hatte er sich diese nicht schützen lassen, etwas was er zeitlebens bereut hat.