2020-05-29

Durst Automatica

Die Durst Automatica war 1960 die erste Kleinbildkamera mit automatischer Einstellung der Verschlusszeit, im Allgemeinen wird das "Zeitautomatik" genannt. Ich würde das bei der Kamera nur mit Abstrichen gelten lassen, denn die Blende konnte nicht wirklich frei gewählt werden, doch dazu gleich noch mehr. Die allererste Kamera mit einer Zeitautomatik war die 1956 erschienene Agfa Automatic 66 für den 120er Rollfilm. Die Technik zur automatischen Zeitsteuerung - ein Luft-pneumatisches Hemmwerk - war allerdings bei beiden Kameras dieselbe und basierte auf dem schon 1952 eingereichten und 1955 erteilten Patent DE923525 von Julius Durst (1909-1964), einem Südtiroler Erfinder und Fotounternehmer. 

Durst Automatica EW, angeblich 1956 vorgestellt. Man
beachte das Objektiv in Prontor SLK Wechselfassung
Angeblich, so liest man auf der offiziellen Durst Homepage, hatte er die Inspiration dafür von Instrumententeilen eines abgestürzten amerikanischen Bombers 1944 bekommen. Die Firma Durst ist in der Fotoszene hautsächlich für ihre Vergrößerungsgeräte bekannt, produzierte aber zwischen 1938 und 1963 auch 4 verschiedene Kameramodelle, meist einfacher Art. Die Automatica war davon die einzige Kamera für den 135er Kleinbildfilm und ist technisch die anspruchsvollste.

Auf der Seite liest man auch, dass die Kamera 1956 vorgestellt wurde und findet ohne weitere Erläuterungen dazu ein Bild eines vermeintlichen Prototypen, das ein paar sehr interessante Details zeigt, die an der späteren Serienversion (sehr wahrscheinlich erst ab 1960 am Markt) nicht mehr zu finden sind. Da ist zuerst der Name "Automatica EW" und zwar so angeordnet, dass ein Fensterchen frei bleibt, welches auf einen Messsucher hindeutet. Und in der Tat findet man beim Öffnen des Serienmodells dieses Fenster noch, allerdings nun vom Namensschild verdeckt (siehe mein Bild unten). Und dann ist da ja noch das Objektiv: Ein ENNA Photavit-Ennit 2.8/50 in der charakteristischen Prontor SLK-Wechselobjektiv-Fassung. Wäre die Kamera so 1956 oder 1957 auf den Markt gekommen, hätte sie sicher ein bisschen Wirbel gemacht. Interessanterweise liest man sonst überhaupt nichts über diesen Prototypen und die Gründe, warum es nicht zu den Premium-Features kam. Vielleicht wurde man sich mit Prontor über die Lizenz zum Bajonett nicht einig, vielleicht war auch hier die technische Umsetzung mit der Pneumatik gescheitert. Oder das ganze Projekt war für die kleine Firma Durst mit sonst einfachen Kameras eine Nummer zu groß bzw. die Kamera zu teuer in der Produktion. Leider wird ja über Misserfolge nicht so viel geschrieben, wie über Erfolge. Und, um ehrlich zu sein: Vielleicht war auch die "EW" ein von Anfang an geplantes zweites Premiummodell, dass dann nie realisiert wurde.

Die tatsächliche Automatica war simpler: Es gab nur ein fest eingebautes Objektiv und mit dem Schneider Radionar ein relativ einfaches, aber dennoch ordentliches Triplet. Der Messsucher ist ein einfacher optischen Durchsichtsucher und als Verschluss wählte man den Prontor SVS mit einer 1/300s als kürzeste Zeit. Das größte Manko der Kamera wird erst auf den zweiten Blick klar: Es fehlt die Entkopplung von Blende und eingestellter Filmempfindlichkeit für die Automatik. Beide sind auf einem einzigen Ring einzustellen. Dies bedeutet, dass bei einem damals üblichen 50ASA/18 DIN Film die Blende konstant auf 8 stehen muss. Damit bekommt man bei etwas trüben Licht schnell verwackelte Aufnahmen, obwohl man eigentlich auch eine Blende 2.8 hätte. Damit ist die Kamera eigentlich keine vollwertige Zeitautomatik mehr, da man in vielen Situation wieder auf den manuellen Modus ausweichen muss. Die Agfa Automatic 66 hat diese Entkopplung übrigens schon 1956 durch elektrische Widerstände (Filmempfindlichkeit) und eine extra Blende vor der Selenzelle (Blendeneinstellung) realisiert. Das war Durst vermutlich zu teuer. Positiv anzumerken ist ein sehr solides Metall-Druckguss-Gehäuse, ein sehr ordentliches und höchst modernes Design mit interessanten Elementen wie versenkbarer Schnellschalthebel und Rückspulkurbel. Und natürlich die Automatik, die wie folgt funktioniert:  
Die Automatik (das pneumatische Hemmwerk) verbirgt sich hinter der Selenzelle (A-C) sowie im und unter dem Drehspulinstrument (D, E). Die Spule E bewegt nicht nur den Zeiger, sondern auch ein kleines transparentes Plastikplättchen F, das wiederum den Lufteintrittschlitz G mehr oder weniger abdeckt. Nach Spannen des Verschlusses befindet sich der Kolben H in der oberen Position, gespannt durch die Feder I. Beim Auslösen öffnet sich nicht nur der Verschluss, sondern auch der Kolben saust nach unten und saugt dabei Luft durch G ein. Diese Bewegung geht um so schneller, je größer die Öffnung ist. An deren Ende wird der Verschluss über den Hebel L wieder geschlossen. Im manuellen Modus der Kamera wird L entkoppelt und das traditionelle Räder-Hemmwerk des Prontor SVS tut seinen Dienst.

Natürlich habe ich schon länger nach der Kamera (bzw. der Agfa Automatik 66) Ausschau gehalten und war dann sehr erfreut, dieses Exemplar hier sehr günstig bekommen zu haben. Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass die Selenzelle tot ist und damit die Automatik nicht mehr funktioniert. Neugierig wie ich bin, habe ich das Ding aufgeschraubt und zu meinem Erstaunen festgestellt, dass wenn man den Zeiger des Drehspulinstruments manuell bewegt, durchaus das pneumatische Hemmwerk noch genau das macht, was es soll. Erstaunlich robust, diese Technik. Auch sonst funktioniert der manuelle Modus (traditionelles Räderhemmwerk) noch einwandfrei, man könnte mit dem Schätzchen also noch fotografieren und sich am satten, dumpfen "Blupp" der pneumatischen Auslösung freuen. 

Man findet einiges im Netz zu der Kamera (siehe Links unten), die meisten schreiben aber leider ungefiltert voneinander ab und es wird immer wieder behauptet, die Kamera wäre von 1956 bis 1963 gebaut worden. Das ist definitiv falsch, denn die Schneider Objektiv-Seriennummern, die auf fast allen Fotos gut lesbar sind, stammen ausnahmslos (!) von 1960. Aus dem Jahr 1960 findet man Werbung und auch Testberichte zur Kamera und ich denke man kann der Durst Homepage schon glauben, wenn sie schreibt, dass die Kameraproduktion im Jahr 1963 beendet wurde. Mit meiner Methode schätze ich auf Basis von 20 Kameras aus dem Netz die Gesamtzahl auf knapp unter 11,000 Exemplaren. 

Automatikkameras gab es schließlich einige am Markt. Die Agfa Automatik 66 mit der (vermutlich lizensierten) Durst Technik an Bord, verkaufte sich 1956/57 nur schleppend (ca. 5000 Exemplare), und Agfa brachte 1958 mit der Optima die erste sehr erfolgreiche nun vollautomatische Kleinbildkamera. Nun allerdings mit der älteren Nadel-Klemm-Technologie, die Julius Durst in seinem Patent als sehr nachteilig verreißt. Diese setzte sich allerdings in der ersten Hälfte der 1960er Jahre durch und behielt ihre Bedeutung bis echte elektronische Hemmwerke kamen. Dazu demnächst hier auch mehr. Das pneumatische Hemmwerk sieht man nach 1963 meines Wissens in keiner anderen Kamera mehr. 

Datenblatt Erste KB-Kamera mit Zeitautomatik
Objektiv Schneider-Kreuznach Radionar 45 mm f/2.8 (Triplet)
Verschluss Prontor SVS-Zentralverschluss B-1-2-4-8-15-30-60-125-300 mit zusätzlich optionalem pneumatischem Hemmwerk für die automatische stufenlose Steuerung der Verschlusszeit
Belichtungsmessung Mit Selenzelle zur automatischen Einstellung der Verschlusszeit. Filmempfindlichkeit 6-400 ASA direkt mit Blendeneinstellung gekoppelt (s. Text).
Fokussierung Manuell, ca. 0.8 m bis unendlich. Keine Fokussierhilfe, Fokusring rastet bei 1 m (Schnappschuss) ein. 
Sucher Einfacher optischer Sucher mit Leutrahmen, kein Parallaxenausgleich.
Blitz Per PC-Buchse, umschaltbar X, M
Filmtransport Schnellspannhebel, Rückspulkurbel, Bildzählwerk (vorwärts)
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Stativgewinde ¼'', Drahtauslösergewinde, Selbstauslöser
Maße, Gewicht 142x80x65 mm, 672 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1960-1963, ca. 11,000 Exemplare, diese #69440 von 1960
Kaufpreis, Wert heute ???, heute je nach Zustand (Selenzelle) ca. 80 bis 200 €
Links Camera-WikiAgfa Automatic 66 Gebrauchsanleitung mit guter Beschreibung des Atomatik-Prinzips, Italienische Web-Archiv Seite, Italienischer Artikel (Notariziaro Erca 12_1960), Harisson Photographic, Rangefinderforum

2020-05-15

Fujica Rapid S2 (Teil 4: @Work, die Fotos)

Wie ich im ersten Teil dieser kleinen Serie schon geschrieben habe, bestand meine Hauptmotivation, die schicke Fujica Rapid S2 überhaupt zu kaufen, darin, den Rapid-Film mal selbst auszuprobieren. Mir war natürlich klar, dass man Rapid-Film heute nicht mehr kaufen kann und auch, dass ich meinen unbenutzten und historischen dafür nicht verschwenden will. Aber, man kann ja normalen Kleinbildfilm in 60 cm lange Streifen schneiden und einfach in die Patrone schieben (natürlich im Dunkeln!). Als es dann zur Tat ging, dämmerte mir, dass weitere Konsequenzen damit verbunden sind. Denn kaum ein Labor ist heute mehr daran gewöhnt bzw. überhaupt darauf eingerichtet sowas zu entwickeln. Außerdem wollte ich meine kostbaren Rapid Patronen natürlich nicht irgendeinem unbekannten Labor opfern. Daher ist hier Eigeninitiative gefragt, sprich: selbst Entwickeln! 
Ich habe zu Schüler- und Studentenzeiten 100te Schwarzweiß-Filme selbst entwickelt, allerdings vor meinem letzten Umzug mich vom gesamten Dunkelkammerequipment getrennt (sprich: weggeworfen!), darunter auch diese Entwicklungsdose, eine Trockenpressedieser Vergrößerer und manches mehr. Tja, dumm gelaufen. Jetzt hieß es also neu (bzw. gebraucht) kaufen. Bei e-bay habe ich eine Jobo-1000 Dose für nur 9€ ergattert, die nötigen Chemikalien und S/W-Filme habe ich frisch bei Fotoimpex bestellt. Auf das analoge Abziehen von Papierbildern habe ich allerdings verzichtet, die Negative wurden hiermit eingescannt und digital weiterverarbeitet. Alles in allem ein doch umfangreicheres Experiment als ich zunächst gedacht habe, hat aber Spaß gemacht. 
Das Fotografieren mit der Fujica geht sehr leicht von der Hand. Filmeinlegen hatte ich ja schon in Teil 2 gezeigt, die Belichtungsautomatik tut, was sie tun muss (Teil 3). Nach diesem Film und meiner gründlichen Untersuchung habe ich auch Vertrauen in ihre Funktion. Beim Druck auf den Auslöser sollte man langsam drücken, es muss ja noch einiges passieren dabei. Erst wenn der Auslöser ganz unten ist, macht es leise klick und das Foto ist im Kasten. Für's Scharfstellen muss man die Entfernung schätzen, die Zonenfokus-Symbole helfen einem dabei und wirklich unscharf war keines meiner Bilder. Geärgert habe ich mich eigentlich nur über eine Sache: das Fehlen von Ösen für einen Kameragurt. Die Kamera wiegt mit fast 500g ganz ordentlich und eine Bereitschaftstasche hatte ich nicht, habe mich dann aber mit einer kleineren Gürteltasche beholfen. 
Quadratische Fotos (hier 24x24 mm Negativ) haben einen eigenen Charme, trotzdem merke ich beim Fotografieren, dass man doch arg vom Rechteck geprägt ist.  Auch in Schwarz/Weiß musste ich mich wieder reindenken. Die Entwicklung selbst ging (fast) problemlos, ein paar Bilder sind mir misslungen, weil die Negative in der Entwicklungsdose aneinander gelegen waren. Ansonsten bin ich mit meinem ersten Versuch nach fast 20 Jahren sehr zufrieden und werde mich (weil ich noch Chemie übrig habe) demnächst noch an weiteren Filmen versuchen.
Eine Sache ist mir allerdings aufgefallen: Die Negative haben einen Steg von ca. 4 mm zwischen jeder Aufnahme. Zusammen mit dem ebenfalls großzügig ungenutzten An- und Abspann, hätte man bei etwas besserer Konstruktion durchaus auch 2 Bilder mehr (also 18) auf den 60 cm Filmstreifen bekommen können. Keine Ahnung, ob das für alle Rapid-Kameras ähnlich war. Immerhin war Fuji ja Filmhersteller und hat bei zusätzlichen Bildern pro Film eher einen Nachteil. 
Hier nochmal die Links zu den anderen Teilen dieser Miniserie:

3) Belichtungsautomatik, Lichtwertverschluss


Und für alle, die an Details interessiert sind: Der Film war ein AgfaPhoto APX 100, gekauft bei DM. Entwickelt wurde in Adox F-39 II Feinkorn-Ausgleichsentwickler 1+9, 8 min bei 21°C, Kippen nach Adox-Datenblatt Empfehlung. 

2020-05-10

Fujica Rapid S2 (Teil 3: Der automatische Lichtwertverschluss)


Für diesen Teil 3 der kleinen Serie über die Fujica Rapid S2 habe ich die obere Gehäusekappe abgenommen, um mal einen Blick auf die Belichtungsautomatik zu werfen. Dazu werden einfach zwei Schräubchen links und rechts sowie der Schnellschalthebel abgeschraubt. Der Fotograf muss normalerweise dem A außen auf dem Blendenring blind vertrauen. Es gibt keinerlei Hinweis, ob und wie der Belichtungsmesser wirklich arbeitet und was eingestellt wird. Halt! Doch, es gibt ein kleines rotes Fähnchen im Sucher, wenn Unter- oder Überbelichtung drohen (Auslösen kann man in diesen Fällen trotzdem!). 

Nach Öffnen der Kamera kommt ein Drehspulinstrument zum Vorschein, das auf den Strom reagiert, den die Selenzelle rund um das Objektiv liefert. Beim Runterdrücken des Auslösers drückt der Fotograf gleichzeitig zwei Messingplättchen runter, die wiederum die Messnadel in ihrer jeweiligen Stellung einklemmen. Auf dem Bild rechts habe ich sie mal orange und blau hervorgehoben. Das verdeckte orange ist die sogenannte Steuerkurve für Verschluss und Blende, je heller es ist, desto weiter nach rechts schlägt die Nadel aus und desto tiefer läßt sich die orange Platte runterdrücken. Damit wird direkt der darunter liegende Seikosha-L Lichtwertverschluss gesteuert und ist der eigentliche Kern und erste Teil der Belichtungsautomatik. Das blaue markierte Plättchen davor ist nur für das Warnfähnchen da. Es ist im mittleren Bereich unten gerade. Wenn die Nadel dort ist, passiert sonst weiter nichts. Ist es aber zu dunkel (Nadel ganz links) oder zu hell (Nadel ganz rechts), läßt sich das Plättchen ca. 2 mm weiter runterdrücken und schwenkt dabei das rote Fähnchen in den Sucher (im Bild links unten zu erahnen).

Der zweite Teil der Belichtungsautomatik ist natürlich der sogenannte Lichtwertverschluss Seikosha-L. Eigentlich ist es ein relativ einfacher Zentralverschluss (1/30s bis 1/250s) mit direkt dahinter liegenden Blendenlamellen (2.8 bis 22). Beides ist aber so miteinander (mechanisch) verschaltet, dass man mit einem einzigen Steuerhebel auskommt. Dieser stellt den entsprechenden Lichtwert ein, und zwar analog des rechts abgebildeten linearen Zusammenhangs. Bei LW=8 (z.B. Innenräume) ist das 1/30s und f/2.8, das andere extrem ist LW=17 (am sonnigen Strand) und bedeutet 1/250 bei f/22 (Werte jeweils für 100 ASA Film). Dazwischen werden linear alle möglichen Zwischenwerte verwendet, LW 12 (wolkiger Himmel draußen) ist z.B. 1/80s bei Blende 7.1. Der eben erwähnte Steuerhebel ist für den Fotografen nicht direkt zugänglich, das erledigt die Belichtungsautomatik mit der oben von mir orange markierten Steuerkurve. Man kann allerdings für die Blitzfotografie zumindest die Blenden manuell anwählen. Ob dann der Verschluss immer mit 1/30s läuft, oder auch entsprechend der oben gezeigten Automatiklinie, konnte ich nicht herausbekommen. Ich vermute letzteres, da einfacher zu realisieren. Außerdem ist bei einem Zentralverschluss die Verschlusszeit beim Blitzen (fast) irrelevant.

Sucher mit Beli-Infos aus der
Fujica Half.
Diese Art von Belichtungs-Vollautomatik war bei einigen besseren Sucherkameras in den 60ern und insbesondere in den 70ern sehr populär. Die erste Kamera mit einer solchen war die Agfa Optima von 1959. Die meisten dieser Point-And-Shoot Kameras kamen wohl aus Japan und hatten oft genau diesen Seikosha-L Verschluss an Bord. Neben den Fujica Kameras sind insbesondere die Canon Demi (Halbformat) oder Canonet Serien zu nennen. Olympus verbaute etwas ähnliches in seine populäre PEN-Serie und die millionenfach verkaufte Olympus Trip 35.
Meine Kenntnisse zum Lichtwertverschluss Seikosha-L habe ich mir aus mehreren Anleitungen zu diesen Kameras zusammengesucht. Die Abbildung rechts stammt aus derjenigen der Fujica Half, einer Halbformatkamera für den 135-er Kleinbildfilm mit exakt derselben Objektiv/Verschluss-Kombination. Eine entsprechende Anleitung zu meiner Rapid S2 konnte ich bisher im Netz nicht finden. Die Anleitung zur Konica L enthält im Prinzip obiges Lichtwertdiagramm.

Drehspulinstrument und einklemmende Steuerkurve
für den Copal B mat Verschluss der Konica C35 Serie.
Das Prinzip des Lichtwertverschlusses wurde auch von anderen (meist) für automatische Zentralverschlüsse übernommen und verbaut. Auch als die Selenzelle vom CdS-Fotowiderstand plus Batterie abgelöst wurde, lebte das Prinzip weiter. Ich habe mal meine Konica C35V (1971-1976) aufgeschraubt, und siehe da: auch hier intern ein Drehspulinstrument und der Abgriff des Lichtwertes per Steuerkurve beim Runterdrücken des Auslösers. Ich muss hier wirklich meinen früheren Beitrag korrigieren, es ist mitnichten ein elektronischer Verschluss, dieser "Copal B mat" (diesmal 1/30s f/2.8 bis 1/650 s f/14), der auch in sehr vielen anderen automatischen Sucherkameras der Zeit seinen Dienst tat (s.u.). Ich habe mal einen Fotokatalog von 1975 durchgesehen und von fast jedem mehr oder weniger renommierten Hersteller findet sich eine solche Vollautomatik-Kamera. Und ich würde mich nicht wundern, dieses Prinzip bis in die 80er Jahre hinein in einfacheren Automatik-Knippsen zu finden. Erst ab Mitte der 80er werden die allermeisten Kameras wirklich elektronisch.
Aber nicht nur in Japan gab es solche Lichtwertverschlüsse. In Deutschland kamen Anfang der 1960er (nach dem großen Erfolg der Optima) auch viele andere vollautomatische Kameras auf den Markt. Viele davon hatten einen Prontormator oder Prontormat-S Verschluss von Gauthier mit fast derselben Spezifikation wie mein Seikosha-L hier.  Hier nun, ohne Anspruch auf Vollständigkeit eine kleine Liste vollautomatischer Kameras der 60er und 70er Jahre mit den entsprechenden Lichtwertverschlüssen:

Verschluss Liste der vollautomatischen Kameras mit Lichtwertverschluss
(ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
Prontormator,
Prontormat-S, u.ä.
(Gauthier)
Agfa Optima II (1960) und spätere Nachfolger,  Kodak Retina automatic I , Voigtländer Dynamatic, Rollei Magic (TLR), Braun Paxette Electromatic III, Zeiss Ikon Tenax Automatic, Adox Polomatic III, Rollei A26 (Instamatic, 1972), Rollei A110 (1975)
Seikosha-L Konica L, Canonet Junior, Fujica Half 2.8, Fujica Rapid S2 und D1, Canon Demi
Olympus Eigenentwicklung Olympus Trip 35, Olympus PEN EE Serie (Halbformat), 
Copal B mat Canon Canonet 28, Konica C35 (1968) und ihre Klone und Nachfolger: Cosina compact 35eYashica 35-MFVoigtländer VF 135Porst 135 SEdixa compact 35ERevue 700 SELBeroflex quick spot 135EERollei XF 35Revue electronic CVivitar 35EEChinon 35 EEGAF Memo 35 ETMinolta Hi-Matic G
Citizen UNI-E Minolta Hi-Matic, Ansco Autoset,
unbekannt Canon A35F (1978), Minolta AF-C (1983)

2020-05-05

Fujica Rapid S2 (Teil 2: Rapid-Film)

Hier also Teil 2 meiner kleinen Serie zur Fujica Rapid S2, Thema heute ist der Rapid Film selbst und natürlich seine Patrone. Aber als erstes möchte ich einmal kurz zeigen, wie Rapid-Film eingelegt wird, dazu links dies kurze Video. Es ist tatsächlich so einfach: Man legt links eine leere Patrone (übrig geblieben vom letzten Film) und ins rechte Fach diejenige mit frischen Film. Die herausschauende Filmlasche liegt irgendwie automatisch auf dem Transportzahnrad auf. Nun die Rückwand schließen und drei mal Spannen. Dabei schiebt das Transportzahnrad den Filmstreifen in die leere Patrone. Fertig! Beim anschließenden Fotografieren schiebt man einfach weiter Foto für Foto von rechts nach links. 16 Fotos später ist der gesamte Filmstreifen in der linken Patrone. Rückwand auf, volle Patrone raus und ab zum Entwicklen. Die rechte ist leer und kann später links wiederverwendet werden. Kein lästiges Einfädeln und kein Rückspulen! Wenn irgendwann mal aus Versehen die Rückwand geöffnet wird, ist nur der freiliegende Teil des Films ruiniert!

Der rote Pfeil weist auf die Abtastvorrichtung,
die in den besseren Rapid-Kameras die Empfindlichkeit
des Films automatisch berücksichtigt

Soviel zu den Vorteilen gegenüber der allseits bekannten Kleinbildpatrone 135, die im Übrigen exakt den selben beidseitig perforierten Normalfilm verwendet. Warum hat sich das Ding dann nicht schon in den 1930er Jahren (als Karat-Patrone) durchgesetzt? Der einzige große, aber entscheidende Nachteil ist die Kapazität der Patrone, die dadurch beschränkt ist, dass geschoben und nicht gezogen und stramm gewickelt wird wie bei der 135er. Während ein normaler Kleinbildfilm dadurch bis zu 1,70 m (bei 36 Aufnahmen 24x36 mm) lang ist, funktioniert die Rapid-Technik maximal mit ca. 60 cm langen Filmstreifen. Darüber hinaus würde irgendwann der Kraftaufwand zu groß, den Film in die aufnehmende Patrone zu schieben, die Perforation reißen, usw. Bei der Fujica mit ihrem quadratischen 24x24 Negativen entsprechen 60 cm Film (inkl. ca. 18 cm Vor-und Nachspann) 16 Aufnahmen, andere Kameras machen bis zu 24 Halbformat- (18x24) oder eben nur 12 normale 24x36 mm Bilder. 

Drei Rapid-Patronen für die Filmempfindlichkeiten
C = 17 DIN, E =18 DIN (50ASA), und G = 21 DIN
(100 ASA).  Es gab noch B = 15 DIN (25 ASA)
Als Agfa die alte Karat-Patrone 1964 wieder aus der Schublade holte, haben die Ingenieure ihr ein neues Feature spendiert und natürlich patentiert. Es handelt sich um eine automatische Filmempfindlichkeitserkennung, realisiert durch T-förmige sogenannte Nocken an der Patrone, deren Mittelsteg eine je nach Filmempfindlichkeit unterschiedlichen Länge hat und von einer entsprechenden Abtastvorrichtung in der Kamera gelesen wird (siehe Fotos). Das ist ein Feature, das bei der Kleinbildpatrone erst 1983 mit der DX-Codierung (wieder) eingeführt wurde. Auf dem Mittelsteg sind kleine Buchstaben aufgeprägt, die neben der Steglänge die Empfindlichkeit des Films kodieren. Leider konnte ich nur Bruchstücke einer Dokumentation dazu finden. Ich vermute, dass die Buchstaben bei A (15 DIN, 25 ASA) beginnen über das wohl gebräuchlichste G (21 DIN, 100 ASA) gehen und bis M (27 DIN, 400 ASA) reichen, allerdings gibt es hier durchaus widersprüchliche bzw. fehlerhafte Informationen zu finden. Wer mehr dazu weiß bitte unten kommentieren, ich werde das dann hier ergänzen. Ich bin in der glücklichen Position selbst drei verschiedene leere Patronen zu besitzen, siehe Bild. Außerdem habe ich seit meinem Antiquitätenshop Fund in Oregon einen unbenutzten Film:


Man sollte hier erwähnen, dass es noch eine dritte Variante dieser Patrone gibt, und zwar natürlich auch sie in der Agfa Karat Tradition (und vollständig dazu kompatibel). Natürlich handelt es sich um die ostdeutsche Variante des ehemaligen Agfa Stammwerks in Wolfen, 1964 in ORWO umbenannt. Sie kam sogar schon 1958 mit der Welta Penti (wieder) auf den Markt, allerdings wurde sie auch in der DDR erst nach dem Instamatic Schock 1964 verstärkt "vermarktet" und SL-Patrone genannt. Im Gegensatz zur Rapid- und Karat-Patrone (Blech) war sie aus Kunststoff und hatte keine Nocken zur Filmempfindlichkeitsabtastung.  Man kann aber durchaus diese Patronen zumindest als aufnehmende Patrone in jeder Rapid- oder Karat-Kamera verwenden.

Gestern habe ich einen normalen Kleinbildfilm im Dunkeln in 60 cm lange Streifen geschnitten und damit zwei Rapid-Kassetten befüllt, um mit der Fujica zu fotografieren. Die Ergebnisse werde ich ich hier natürlich im 4. Teil meiner kleinen Serie zeigen.

2020-05-01

Fujica Rapid S2 (Teil 1: die Kamera)

Über Agfa's Antwort auf die Kodak Instamatic Kassette 126 habe ich schon vor längerer Zeit berichtet. Auch über das alte Karat-Konzept, auf dem die Rapid-Patrone basiert. Die Instamatic Kassette hatte ja dieses Rennen gewonnen, auch wegen der Tatsache, dass es Kameras von vielen anderen Herstellern gab (am Ende sogar von Agfa). Selbst 5 verschiedene Spiegelreflexkameras gab es! Aber auch Agfa konnte andere Kamerahersteller überzeugen,  auf die Rapid-Patrone zu setzen. Hier gab es ein paar schicke Kameras, insbesondere von japanischen Herstellern (wenn auch keine SLR!), und eine der hübschesten ist diese Fujica Rapid S2. 
Besonders bemerkenswert ist, dass Fujiphoto ja selbst Filmhersteller war und auch eigene Filme in der Patrone angeboten hat, ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das auch für Europa zutrifft. Jedenfalls war und ist mein Plan, mit einer Rapidkamera zu fotografieren, und das will ich nicht mit einer Einfachstkamera a la Isoflash tun. Daher habe ich mich schon länger umgeschaut und bin immer wieder an dieser schicken Fujica S2 hängengeblieben. Außerdem hat sie eine frühe Belichtungsvollautomatik nach Agfa Optima Vorbild an Bord. Dies und den dazugehörigen Lichtwertverschluss Seikosha-L will ich mir genauer anschauen. Es wird also vermutlich neben diesem Teil 1 (über die Kamera selbst), einen Teil 2 (Rapid-Film und Handling), einen Teil 3 (Verschluss und Belichtungsautomatik), sowie als Abschluss: Teil 4 (Fotos von und mit der Kamera) geben.

Meine Kamera hier ist für ihre 55 Jahre extrem gut erhalten und (vermutlich) voll funktionsfähig. Viel scheint auch nicht kaputtgehen zu können. Fast alles ist aus Metall und super solide gebaut. Sogar der Selen-Belichtungsmesser funktioniert noch. Wie genau er allerdings misst, werde ich beim Teil 4 (meine Fotos) feststellen. Dies und der ansonsten recht tadellose äußere Zustand sind allerdings auch ein Zeichen dafür, dass sie die meiste Zeit ihres Kameralebens im Dunkeln verbracht hat.  

Fuji hat diese Kamera zusammen mit ihrer viel einfacher gehaltenen kleinen Schwester Rapid S wohl nur 1965 gebaut, beide wurden schon 1966 von der Rapid D1 und der Rapid SF abgelöst. Die S und die S2 waren Fuji's einzige Kameras für das quadratische 24x24 Format, ihre Nachfolger für die Rapid-Patrone knipsten dann (schon wieder) im zumindest in Japan recht populären Halbformat 18x24 mm. Es war ein insgesamt kurzer Rapid-Ausflug von Fuji, davor und danach gibt es einige zum Teil sehr ähnliche einfache oder auch automatische Kameras für den normalen Kleinbildfilm. Fuji hat aber im Gegensatz zu Agfa und vielen anderen nie Kameras für die 126er Instamatic Kassette gebaut (wohl aber Film dafür produziert).
Viel mehr gibt es über die Kamera selbst nicht zu sagen. Neben ihrem recht schicken Design ist sie erstaunlich unspektakulär und arm an Schnickschnack, wenn man das so sagen kann. Es gibt sehr wenige Einstellmöglichkeiten, die Belichtungsautomatik und der Zonenfokus sollen wohl das meiste regeln. Für das relative kleine Negativformat von 24x24 mm ist sie allerdings recht groß (insbesondere breit) geraten und mit fast 500 g auch recht schwer. Ich habe bereits angefangen damit zu fotografieren und Ösen für einen Kameragurt vermisst. Vermutlich gab es statt dessen eine Bereitschaftstasche, allerdings hab ich diese nicht.


Datenblatt Solide automatische Sucherkamera für den Rapid-Film (24x24)
Objektiv Fujinar-K 2.8 cm f/2.8 (Triplet, vergütet), entspricht vom Bildwinkel ca. 35 mm bei 24x36. Manuelle Blende 2.8 - 22 nur für Blitzfotografie bei ca. 1/30s.
Verschluss Seikosha-L Zentralverschluss, automatisch gesteuert ("Electric Eye") per Lichtwert (8-17), entspricht 1/30s f/2.8 - 1/250 s f/22, sowie kontinuierlich die Werte dazwischen.  
Belichtungsmessung Selenzelle rund um's Objektiv, steuert Verschluss automatisch. Rote Fahne im Sucher, wenn Beleuchtung nicht ausreichend.
Fokussierung Manuell am Objektiv, 0.8 m bis unendlich, Symbole für Zonenfokus, bei den Symbolen einrastend.
Sucher Durchsichtsucher mit Leuchtrahmen, keine Parallaxenkorrektur
Blitz über Buchse, Zubehörschuh ohne Mittenkontakt.
Filmtransport Schnellschalthebel, direkt von rechter in linke Rapid-Patrone, Bildzählwerk (rückwärts 16-0), nach Filmeinlegen drei Leerschwünge zum Filmeinfädeln.
sonst. Ausstattung Stativgewinde ¼'', Drahtauslöser-Gewinde.
Maße, Gewichtca. 61x130x57 mm, 480g
Batterie keine
Baujahr(e) 1965, ca. 36,000 Exemplare (eigene Schätzung)
Kaufpreis, Wert heute ?, heute je nach Zustand 30-50 €
Links Fotomuseum Tauber, Camera-Wiki, Kanskamera,

2020-04-22

Nikkorex 35 Zoom und die Geschichte der Zoomkameras

1963-1965, die erste Zoomkamera der Welt.
Ich habe es bei meinem Beitrag über die Nikkorex 35 Zoom schon erwähnt: Sie ist als allererste Kamera mit fest eingebautem Zoom-Objektiv ein Meilenstein. Allerdings ein seltsamer Meilenstein, weil sie selbst ab 1963 nur ca. 2 Jahre am Markt war und erst mal ohne Nachahmer wieder verschwand und es dann fast 25 Jahre dauerte bis das Prinzip Zoomkamera (fest eingebautes Zoomobjektiv) sich langsam durchsetzte und danach zum Standard wurde.

Das ist natürlich eng verbunden mit der technischen Entwicklung des Zooms und die steckte seit dem ersten Voigtländer Zoomar (1959) 1963 noch in den Anfängen. Die allermeisten Hertsteller brachten zunächst Telezooms (so auch Nikon), weil diese wohl einfacher zu realisieren waren, außerdem spielte bei diesen die zusätzlich benötigte Größe im Vergleich zur Festbrennweite keine so große Rolle. Auch die Nikon-Ingenieure  mussten erst die Erfahrung machen, dass ein Standard-Zoom bei der Konzentration auf die optischen Qualitäten schnell größen-, gewichts- und kostenmäßig aus dem Ruder laufen kann. So geschehen beim geplanten und später nicht realisierten 35-85 f/2.8-3.5. Man musste also weitere Kompromisse machen und die Branche lernte dies im darauf folgenden Jahrzehnt. Auch das 43-86 war ein solcher Kompromiss, aber ein fauler. Der Brennweitenbereich und die optischen Leistungen waren nicht da, wo sie eigentlich sein sollten, trotzdem war das Ding immer noch groß und teuer. Das war der Grund, warum die Nikkorex und mit ihr das Konzept Zoomkamera 1965 erstmal wieder in der Versenkung verschwanden.

1977: Das erste Zoom, was als Standardobjektiv
mit einer SLR zusammen verkauft wird. 
Erst ca. 10 Jahre später kam wieder Fahrt in die Sache und ab ca. 1973 kamen die ersten wirklich brauchbaren Standard-Zooms auf den Markt. Als erstes optisch fast ebenbürtiges Standardzoom gilt das Canon FD 35-70 f/2.8-3.5, aber auch das war noch groß und teuer. Fast alle wichtigen Objektivhersteller brachten innerhalb der folgenden Jahre akzeptable und immer kompakter werdende Modelle. Unterstützt wurde das von der Tatsache, dass die Kameras inzwischen TTL-Messung beherrschten und die Zooms daher auch in ihrer Anfangsöffnung variieren konnten. Ein entscheidender Freiheitsgrad mehr für die Ingenieure. Es war dann Fuji, die sich als erste trauten, ein Zoom (Fujinon-Z 43-75 f/3.5-4.5) als Standardobjektiv mit einer SLR zu verkaufen. Von hier aus -sollte man meinen- wäre der Weg zu einer zweiten Zoomkamera nicht mehr weit gewesen. Aber beim allseits beliebten 35mm Film tat sich auch die nächsten 10 Jahre nichts.

1976-1979: Die zweite Zoomkamera ist
eine SLRfür die Pocketkassette 110
In der Zwischenzeit (1976) betrat allerdings die zweite Zoomkamera der Welt die Bühne. Sie war ebenfalls eine SLR, allerdings für die 110er Kassette: Die Minolta 110 Zoom wurde sogar sehr konsequent als Zoom-SLR für den Massenmarkt vermarktet und fiel durch ihr sehr ungewöhnliches Äußeres auf. Das schreckte aber wohl die potentiellen Käufer eher ab, sodass sie von Minolta ab 1979 durch eine zweite eher konventionell als SLR gestylete Version ersetzt wurde. Ihr Zoom ist angeblich eines der besten überhaupt für den Pocketfilm 110 erhältlichen Objektive. Man muss aber erwähnen, dass bei beiden Kameras der Zoombereich erst bei KB-äquivalenten 50mm startete, sie streng genommen also keine echten Standardzooms, sondern leichte Telezooms waren. Aber auch diese beiden Versuche von Minolta waren nicht lange am Markt und verschwanden schnell wieder und es kamen einige Jahre, in denen man keine Zoomkamera kaufen konnte.
Pentax Zoom 70 (IQ Zoom) war ab 1987 die
erste kompakte Zoomkamera (35-70 f/3.5-6.7) 
So gab es Anfang der 1980er wieder keine Kamera mit fest eingebautem Zoom am Markt. Es war die Zeit der Automatisierung. Fast alle Kameras hatten inzwischen irgendeine Art von Belichtungsautomatik an Bord, viele einen Elektronenblitz eingebaut, fast überall Elektronik und natürlich eine Batterie an Bord. Autofokus gab es bei den Kompakten seit der Konica 35 AF (1977) und bei den Kleinbild-SLR's seit 1981 (Pentax ME-F). Das einzige dazu verfügbare AF-Objektiv war (natürlich) ein Standardzoom, aber eben nicht fest eingebaut. Den umfassendsten Automatisierungsgrad erreichte dann 1985 die SLR-Königin Minolta 7000 AF. Gerade an ihr erkennt man einen anderen Trend in der Kameraproduktion: der Einzug von Kunststoff und Plastik als Hauptmaterial der Kameras (sogar bei SLR's). Kunststoff, die Verwendung von Elektronik und weitere Fortschritte beim (Zoom-) Objektivdesign ermöglichten dann den dritten und letztendlich nachhaltigen Versuch der Einführung von Zoomkameras. Angekündigt schon 1986 erschien dann ein Jahr später die Pentax Zoom 70 (in anderen Märkten auch Pentax IQZoom). Allerdings muss man der Fairness halber erwähnen, dass es schon einige meist "TW" (Tele/Wide, TWin-Focal) genannte Kameras in dieser Klasse gab (z.B. Fuji TW-300, Nikon TW2, Vivitar TW35 u.a.) , allerdings eben keine echte Zooms. Aber der Pentax Zoom folgten bald fast alle anderen Kamerahersteller und diese Kamerklasse war spätestens ab Mitte der 1990er Jahre in den meisten Haushalten zu finden.  Auch ich habe irgendwann eine solche sehr preiswert bei Aldi erworben.     
Yashica Samurai X3.0: der dritte Versuch eine
Zoom-SLR Kameraklasse am Markt zu etablieren

Und was ist mit SLR? Auch hier kam 1987 eine recht außergewöhliche Kamera auf den Markt: Yashica Samurai X3.0, eine vollautomatische SLR mit eingebautem Dreifachzoom 25-75 mm f/3.5-4.3 für das Halbformat 18x24 mm auf Kleinbildfilm 135. Zusammen mit den 1988 erschienenen Ricoh Mirai und Chinon Genesis (beide für 24x36 mm) begründete sie die neue Klasse der sogenannten Bridge-Kameras, Olympus bezeichnete seine entsprechenden Kameras als ZLR (Zoom Lens Reflex). Diese Klasse hat sich am Ende sogar irgendwie ins digitale Zeitalter gerettet: Heute bezeichnet man als "Bridge" solche Kameras mit relativ großen Sensoren, aber simpler und vollautomatischer Bedienung. Und natürlich mit fest-eingebautem Zoomobjektiv, das vom Weitwinkel in den Telebereich reicht. Danke Nikon, für die frühe Studie dazu von vor 57 Jahren! 

2020-04-17

Nikkorex 35 Zoom

Mal wieder eine Meilensteinkamera für meine Sammlung, sie stand schon lange auf meiner Will-Haben-Liste. Warum Meilenstein? Sie ist die erste Spiegelreflexkamera mit einem fest eingebauten Zoom-Objektiv, sie ist sogar die erste Kamera überhaupt, für die das gilt. Das interessante ist aber, dass die Nikkorex 35 Zoom schon 1963 in der Anfangszeit der Zoom-Objektive auf den Markt kam und dann relativ schnell wieder verschwand. Es dauerte dann mit einer einzigen Ausnahme fast ein Vierteljahrhundert, bis fest eingebaute Zoomobjektive wieder auftauchten und sich in den 1990er Jahren endgültig am Massenmarkt etablierten. Dazu demnächst mehr, erstmal der Reihe nach und zur Kamera und dem Objektiv selbst.

Nippon Kogaku (später Nikon) war in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts "lediglich" ein renomierter japanischer Optik- und Objektivhersteller. Mit dem Bau von Kameras hat man erst nach dem zweiten Weltkrieg begonnen und mit der legendären Nikon Messsucherkameraserie einen ernormen Erfolg insbesondere in den USA gehabt. Gekrönt wurde dieser 1959 mit der Nikon F Spiegelreflex, die sich schnell zum Profi-Standard etablierte, auch und wegen der exzellenten Objektive. Spätestens ab dann hatte man auch die deutschen Vorbilder Zeiss und Leitz hinter sich gelassen und spielte ganz oben in der ersten Liga der Kamera- und Objektivhersteller. Nur ein solcher war damals in der Lage und mutig genug, sich an die komplexe Herausforderung Zoom-Objektiv zu wagen. 

Nikon's amerikanischer Distributor Joseph Ehrenreich war wohl maßgeblich daran beiteiligt, Nikon zu überzeugen, auch den Amateurmarkt mit einfacheren (Speigelreflex) Kameras zu versorgen. So entstand ab 1960 die Nikkorex-Serie, wegen mangelnder eigener Produktionskapazitäten bei Mamiya im Lohn gefertigt. Vom Konzept her war die erste Nikkorex 35 nichts besonderes mehr: Fest eigebautes Standardobjektiv, Porro- statt Prismensucher, eigebauter Selenbelichtungsmesser und Zentralverschluss. Sowas kannte man seit der Zeiss Ikon Contaflex und auch von einigen anderen Herstellern. Der Nikkorex Anfang war holprig, schnell kam ein zweites Modell Nikkorex 35/2, bei dem ein paar Kinderkrankheiten ausgemerzt und optische Korrekturen angebracht wurden.  Mit der Nikkorex F bekamen die Amateure 1962 endlich, was sie eigentlich suchten: eine preiswertere Kamera mit Anschluss an Nikon's F-Objektive.


Aber Nippon Kogaku arbeitete seit spätestens 1960 auch an Zoom-Objektiven und eines davon sollte auch in einer Nikkorex 35 Zoom als fest eingebautes Objektiv zum Einsatz kommen, sowas hatte sonst kein anderer Hersteller auf der Welt. Wem außer Nikon hätte man es auch zugetraut? Ihr Objektivdesigner Takahashi Higuchi bekam also auch einen Auftrag für ein Standardzoom, und tatsächlich kündigte man 1961 stolz ein 35-85 f/2.8-4 an und zeigte sogar mindestens einen Prototypen. Allerdings war dieses Objektiv im wahrsten Sinne ein dickes Ding: über 1.1 kg schwer, mit einem Filtergewinde von 82 mm und damit nicht geeignet für den Einbau in die Nikkorex. Außerdem war es für den Zweck zu teuer und hatte darüberhinaus keine konstante Öffnung über den Brennweitenbereich. Das ist blöd, wenn man keine TTL-Messung hat.  

Und so musste Higuchi-San mit seinem Team nochmal ran und ein Objektiv konstruieren, das einfacher, billiger und kleiner war und außerdem eine konstante Öffnung hatte. Die Anfangs- und Endbrennweite wurden dem untergeordnet und so kam damals als bester zu realisierender Kompromiss eben dieses seltsame 43-86 mm f/3.5 heraus. Interessanterweise kam dann auch das Objektiv mit dem F-Bajonett mit der selben optischen Konstruktion auf den Markt und wurde trotz seiner relativ bescheidenen optischen Qualitäten ein Longseller für Nikon. Vom frühen 35-85 war erstmal keine Rede mehr und die Nikon Gemeinde musste sogar bis 1977 auf das Nikkor 35-70 f/3.5 Standardzoom warten.



Die Nikkorex 35 Zoom wurde dann ab Frühjahr 1963 hauptsächlich in den USA vermarktet, ob es tatsächlich Versuche auf dem deutschen oder europäischen Markt gab, bleibt unklar. Angeblich hatte die Fa. Varimex (Frankfurt) sie unter dem Namen Nikkor 35 Zoom im Programm, davon findet sich aber heute kein Bild oder sonstige Hinweise im Netz.  Sie war mit 1246 g ein ganz schöner Klotz und mit knapp unter 250 US$ auch nicht gerade billig. Insgesamt wurden deshalb wohl nur ca. 15.000 Exemplare produziert und schon in der offiziellen US-Preisliste vom September 1965 finden sich keine Spuren mehr von ihr. Da war mit der Nikkormat FT endlich die eigentliche Amateurkamera für die tollen F-Objektive am Markt und Nikon beendete das Nikkorex-Kapitel. Das Zoom allerdings wurde als F-Objektiv ein Longseller für Nikon, fast eine Viertelmillion davon wurden in 4 Versionen verkauft. Das kurze Leben der Kamera am Markt hat sicher dazu beigetragen, dass es erstmal keine Nachahmer gab und der Meilenstein als allererste ZLR (Zoom Lens Reflex, ein Begriff von Olympus aus den 1990ern) nicht wirklich Beachtung fand. Doch dazu in Kürze mehr...  

Datenblatt Erste Kamera mit fest eingebautem Zoomobjektiv 
Objektiv Zoom-Nikkor 43-86 mm f/3.5 (9 Linsen in 7 Gruppen)
Verschluss Seikosha SLV Zentralverschluss (B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500)
Belichtungsmessung Selenzelle, Nachführmessung, gekoppelt. Zeiger auf Kameraoberseite und im Sucher (ASA 10-1600)
Fokussierung Manuell, Spiegelreflex mit Fresnellinse und Schnittbildindikator.
Sucher Porroprismensucher, eingespiegelte Anzeige des Belichtungsmessers
Blitz Buchse, umschaltbar M/X
Filmtransport Schnellschalthebel, Rückspulkurbel, Bildzählwerk (aufwärtszählend).
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, 2x Stativgewinde ¼ '', ISO-Drahtauslöser, Filtergewinde 52mm
Maße, Gewicht 138x99x123 mm, 1246 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1963-1965, ca. 15000 Exemplare, diese #278354 von 1964
Kaufpreis, Wert heute ca. 240 $US (1963), 100-200€ je nach Zustand.
Links Nikon's history pagesCamera-wiki.org, Nico van Dijk, Manual (Nikkorex 35/2), US Anzeige, Peter Lausch, Wikipedia


2020-04-05

Braun Paxette Automatic Super III

Das DKL-Bajonett war (wie ich in meinem Beitrag dazu schon erwähnt habe) nicht das einzige seiner Art. Ab 1956 verkaufte auch Deckels größter Konkurrent Alfred Gauthier als Zentralverschluss-Zulieferer seinen Kunden den sogenannten Prontor SLK-Verschluss zusammen mit einem Wechselbajonett. Allerdings weit weniger erfolgreich. Waren es beim DKL mindestens 14 verschiedene Kameras (plus ein paar Varianten davon), sind vom SLK nur drei Kameras (ebenfalls mit wenigen Varianten) bekannt. Es handelt sich um King Regula IIIc/d, Bolta Photavit 36 (3 Varianten) und als letzte im Bunde diese Braun Paxette Automatic Super III. Aber auch beim SLK gilt das gleiche wie beim DKL: die Objektive können wegen minimaler Unterschiede beim Bajonett zwischen den drei Herstellern nicht ausgetauscht werden.

Diese Braun Paxette war wohl die erfolgreichste der drei SLK Kameras, jedenfalls findet man heute davon auf den gängigen Plattformen die meisten. Meine habe ich in sehr gutem und voll funktionsfähigen Zustand (auch der Beli!) für nur 18 Euro (inkl. Versand) ergattert. Interessanterweise hatte Braun ab 1958 mit dieser Kamera und der Super Colorette 2 zwei Messsucherkameras mit unterschiedlichem Wechselobjektiv-Bajonett und außerdem noch die (Super) Paxette II-Modelle mit M39 Gewinde gleichzeitig im Programm. Überhaupt ist die Modellvielfalt aller deutschen Hersteller in dieser Zeit enorm, vielleicht irgendwann davon mal mehr. 
Die Paxette Automatic Super III jedenfalls ist eine Kamera, die an damals verfügbaren technischen Features fast alles hat. Als Messsucherkamera mit gekuppeltem Entfernungsmesser hat sie ein großes und helles Sucherbild, das einem 35mm Weitwinkel entspricht, eingespiegelt werden Leuchtrahmen für 50, 90 und 135 mm. Dies entspricht ungefähr dem verfügbaren Objektivprogramm, das im wesentlichen vom Enna-Werk in München stammt. Auch der eingebaute Selenbelichtungsmesser ist gekuppelt mit Verschlusszeit (Prontor bis 1/300s) und Blende, beide in gegenläufigen konzentrischen Ringen ums Objektiv, sodass lichtwertgleiche Kombinationen mit einem Handgriff gewechselt werden können. Das Schmuckstück mit dem 2.8er Normalobjektiv kostete 1958 laut einer Anzeige 348 DM (siehe unten), damals fast ein durchschnittliches Monatsgehalt, allerdings weniger als halb so viel wie eine Leica M3, und die hatte keinen eingebauten Belichtungsmesser! 
In meiner Kamera ist inzwischen ein Film eingelegt und die ersten Fotos sind gemacht. Sie ist erstaunlich gut zu bedienen, das Konzept mit dem eingebauten Belichtungsmesser stimmt und auch der Messsucher ist gut abzulesen. Mich stört eigentlich nur der zu große Mindestabstand von 1m (verwöhnt durchs Handy!) und das Fehlen von Ösen für einen Kameragurt. Ich musste dafür die Bereitschaftstasche anlegen, trotzdem kippt die Kamera dabei wegen des schweren Objektivs stets nach vorn. Der Schnellschalthebel ist nicht wirklich schnell, man muss ca. 1,8 mal den kompletten Weg spannen. Dafür gibt es einen entsprechenden "Schnellschalt"-Hebel auch zum Rückspulen des Films, mir ist sowas bisher noch bei keiner anderen Kamera vorgekommen.

Datenblatt Messsucherkamera mit Wechselobjektiven und gekuppeltem Selen-Belichtungsmesser
Objektiv SLK-Wechselbajonett in Braun-Variante. Normalobjektiv ENNA Ennit 50 mm f/2.8, weitere Objektive von 35mm bis 200 mm Brennweite von ENNA, ISCO und Steinheil. 
Verschluss Prontor SLK Zentralverschluss hinter dem Objektiv, B-1-2-4-8-15-30-60-125-300.
Belichtungsmessung gekuppelter eingebauter Selen-Belichtungsmesser mit Nachführanzeige auf der Kameraoberseite.
Fokussierung Manuell am Objektiv, gekuppelter Messsucher als Einstellhilfe. 
Sucher heller Durchsichtsucher (entspr. 35 mm), mit Leuchtrahmen für 50, 90 und 135 mm 
Blitz Buchse, umschaltbar M und X.
Filmtransport Schnellschalthebel (ein Bild erfordert ca. 1,8 Züge, bzw. viele kurze), Bildzählwerk (rückwärts zählend), Rückspulhebel (wie Filmvorschub).
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, ISO-Drahtauslöseranschluss, Selbstauslöser (ca. 10s), Stativgewinde 1/4 '', optinale Bereitschaftstasche.
Maße, Gewicht 120x90x90 mm (inkl. Objektiv), 760 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1958-1961(?), ca. 33.000 Exemplare, die hier Serien-Nr. 014782, ca. 1959.
Kaufpreis, Wert heute 348 DM oder 149.50 $US (1958), 30 €
Links UK-Camera (fehlerhaft)Mike Eckmancjs-classic-cameras, Manual (english), Wikipedia, Camera-Wiki.org

2020-03-18

DKL - das uneinheitliche westdeutsche Einheitsbajonett

Meine bisherige Kollektion von DKL-Kameras und Objektiven
Zoomar 2.8/36-82mm Edixa Electronica Voigtländer Bessamatic Voigtländer Vitessa T Schneider Curtagon 4/28 mm Steinheil Cassarit 2.8/50 mm Braun Colorette Super 2L Braun Colorette Super 2L Kodak Instamatic Reflex Kodak Retina Reflex S
Die westdeutsche Kameraindustrie setzte seit dem Erscheinen der Contaflex im Jahr 1953 auch für Spiegelreflexkameras auf den lange bewährten Zentralverschluss, auch wenn das technisch nicht die naheliegende Lösung war. Die Firma Deckel in München hatte allerdings mit ihrem neuen Reflex-Compur Verschluss ein technisches Meisterwerk am Markt, das die Schwierigkeit mit dem komplexen Verschlussablauf scheinbar mühelos meisterte. Die Contaflex hatte noch ein fest eingebautes Tessar (für das es sog. Satzobjektive als Aufsatz gab), aber der Trend ging klar zu Wechselobjektiven. Deckel bot seinen Kamerahersteller-Kunden daher auch das an und konnte Verschluss plus Bajonett-System inklusive einer sehr praxistauglichen Lichtwert/Blendensteuerung sogar am Ende an einige Hersteller verkaufen. Als erstes kam 1956 die Voigtländer Vitessa T mit dem (später) DKL genannten Bajonett auf den Markt, die Braun Colorette Super II (B)L folgte kurz darauf. Beides sind Messsucherkameras und verwenden exakt dieselbe Bajonett-Variante.

Ab 1958 folgten dann relativ schnell hintereinander die Kodak Retina IIIS (Messsucher), Kodak Retina Reflex S, Voigtländer Bessamatic und Braun Paxette Reflex Automatic. Alle 3 Spiegelreflexkameras hatten ein nahezu identisches Featureset, kein Wunder, wenn die entscheidende Technik im zugekauften Compur Verschluss plus DKL-Bajonett sitzt. Der eingebaute Selenbelichtungsmesser wurde (jeweils etwas anders) mit dem Lichtwert-System des Verschlusses gekoppelt. Dazu wurde allerdings von Deckel eine (im Vergleich zur ersten Version) entscheidende Änderung vorgenommen:  
Zwei grundsätzlich verschiedene Versionen des DKL-Bajonetts. Rechts die erste Variante mit dem Lichtwert- bzw. Blendenring am Objektiv. Die linke Variante hat keinen Blendenring, sondern dieser befindet sich fest an der Kamera. 
Der Blendenring war ab den neuen Modellen Bestandteil der jeweiligen Kamera und nicht mehr des Objektivs. Fast alles andere am Bajonett blieb gleich, Auflagemaß (44.7 mm), Verriegelung, sonstige Maße und Anordnung der Bajonett-Zungen. Aber auch nur fast! Deckel verkaufte jedem der Kamerahersteller seine eigene Version, in dem es kameraseitig zusätzliche "Nasen" einfügte, die natürlich objektivseitig entsprechende Aussparungen erforderlich machten. Und so existieren heute 7 untereinander inkompatible Varianten dieses von irgendwem mal "Einheitsbajonett" genannten Objektivanschlusses. Die ursprüngliche Variante (ohne Nasen) nimmt tatsächlich alle jemals gebauten DKL-Objektive auf. Richtig verwenden kann man allerdings nur die tatsächlich dafür gedachten, weil den späteren Objektiven ja der eigene Blendenring fehlt.  

4 der insgesamt 7 Varianten des DKL-Bajonettes mit hervorgehobenen Nasen

Alle anderen Kameras brauchen wegen der Nasen ihre jeweils eigenen Objektive. Wenn man feinmechanisch geschickt ist und entsprechendes Werkzeug besitzt, kann man aber Kompatibilität ohne Einschränkungen herstellen. Am einfachsten ist es, die Nasen kameraseitig wegzufeilen/fräsen. Dann kann man jedes der Objektive ansetzen. Man kann natürlich auch die Objektive entsprechend modifizieren, am Ende ist das aber eher mehr Aufwand. 
Wer sich das Ganze mit den untereinander inkompatiblen, aber ansonsten identischen Bajonetten ausgedacht hat, bleibt im Nachhinein unklar. War es die Firma Deckel, die jedem der Kamerahersteller ihr eigenes Angebot machen wollte? Oder waren es eher die Kamerafirmen selbst, die sich eine gewisse Marge aus dem Sekundärgeschäft mit den Objektiven sichern wollten?
Wenn man etwas in der Historie der Firma Deckel gräbt, und auch andere Quellen hinzuzieht (siehe Links unten), dann kommt für mich eigentlich nur folgender Grund in Frage: Voigtländer ist der einzige der beteiligten Kamerahersteller, der auch eine eigene Objektivproduktion hatte. Sie hatten also ein begründetes Interesse, dass keine Fremdobjektive zu den Kameras nachgekauft wurden. Jetzt muss man wissen, dass Voigtländer 1956 von Carl Zeiss übernommen wurde. Zeiss wiederum war schon seit Jahrzehnten (unter anderen) Gesellschafter der Firma Deckel und besaß sogar das zentrale Compur Patent. Wenn ein Großer (in diesem Fall Zeiss) das Geschehen kontrolliert, kommt halt sowas raus...
Für die Voigtländer Kameras Bessamatic und die spätere Ultramatic gab es also nur original Voigtländer-Objektive, rechnet man das im Lohn bei Kilfit gefertigten Zoomar dazu. Ansonsten war Schneider-Kreuznach der Hersteller mit den meisten Objektiven und man fertigte für alle Varianten (bis auf Voigtländer und die Iloca Electric). Rodenstock und Steinheil sind noch gut vertreten, ENNA und Staeble fertigten nur für die Braun Paxette Reflex automatic. Die meisten Objektive gab es wohl mit der Retina-Bajonettvariante, einfach weil Kodak sowohl mit den Reflex- als auch den Messsucher-Kameras die meisten Modelle auf dem Markt hatte. Allerdings muss man erwähnen, dass nicht alle Retina-DKL-Objektive die für die Messsucherkameras benötigte Steuerkurve hatten. 

Datenblatt DKL-Bajonett (Fr. Deckel GmbH, München)
Bajonett-Parameter Auflagemaß: 44.7 mm, maximaler Verschluss-Durchmesser: 22.5 mm, Innendurchmesser Blendenring an Kamera: 47mm
   
Bajonett-Variante, Kamera
angebotene Objektive (fett: häufigstes Standard-Objektiv, rot: in meiner Sammlung)
Voigtländer Vitessa-T, Braun Super Colorette 2(B)L Voigtländer: Skoparet 3,4/35, Color-Skopar 2,8/50, Dynaret 4,8/100, Super Dynaret 4/135.
Steinheil: Culmigon 4,5/35, Culminar 2,8/50, Cassarit 2,8/50.
Rodenstock: Eurygon 4/35, Ysarex 2,8/50, Rotelar 4/85 und 4/135.
Schneider: Radiogon 4/35, Xenar 2,8/50, Tele-Arton 4/85
Voigtländer Bessamatic, Ultramatic, Ultramatic CS Voigtländer: Skoparex 3.4/35mm, Skopagon 2/40mm, Color-Skopar X 2.8/50, Color-Lanthar 2.8 /50, Septon 2/50, Dynarex 3.4/90 und 4.8/100, Super-Dynarex 4/135, 4/200mm und 5.6/350, Zoomar 2.8/36-82mm.
Kodak Retina Reflex S, III, IV, Instamatic, Retina IIIS Rodenstock: Eurygon 2,8/30 und 4/35, Heligon 1,9/50,  Ysarex 2,8/50, Rotelar R 4/85 und 4/135.Schneider: Curtagon 4/28 und 2,8/35, Xenon 1,9/50,  Xenar 2,8/45 (Instamatic), Xenar 2,8/50, Tele-Arton 4/85, Tele-Xenar 4/135 und 4,8/200.
Steinheil: Culminar 2,8/50.
Braun Paxette Reflex automatic Schneider: Xenar 2,8/50; Staeble/ENNA: Ultralit 2,8/50; ENNA: Lithagon 3,5/35,  Steinheil: Culmigon 4,5/35, Quinon 1,9/50; Rodenstock: Rotelar R 4/135
Edixa Electronica Schneider: Curtagon 4/28, Curtagon 2,8/35, Xenon 1,9/50, Xenar 2,8/50, Tele-Xenar 4/135.
Steinheil: Culminar 2,8/50, Quinon 1,9/50.
Witt Iloca Electric,  Rodenstock: Eurygon 4/35, Iloca-Heligon 1,9/50, Ysarex 2,8/50, Rotelar 4/135.
Steinheil: Culmigon 4.5/35, Quinon 1.9/50, Culminar 2,8/50.
Balda Baldamatic III Schneider: Curtagon 2,8/35, Xenon 1,9/50, Xenar 2,8/50, Tele-Xenar 4/135
  
Bei KniPPsen weiterlesen Zoomar, Curtagon 4/28, Cassarit 2.8/50, Kodak Retina Reflex S, Braun Super Colorette 2L, Kodak Instamatic ReflexVoigtlander Bessamatic, Voigtländer Vitessa T, Edixa Electronica
Links DKL bei PhotobutmoreCompur bei Bleckedermoor.deRiess Fotohistoricum (Compur)Wikipedia (Deckel)

Die wichtigsten Objektive des Voigtländer-Programms für die Bessamatic und Ultramatic

Das DKL Bajonett war nicht das einzige Bajonett für Zentralverschlusskameras aus der Zeit. Insbesondere das SLK-Bajonett des Deckel Konkurrenten Gauthier ("Prontor") ist hier zu nennen. Allerdings gab es mit diesem Anschluss "nur" sehr wenige Messsucherkameras (z.B. Braun Paxette Super 3, Photavit 36, Regula Super automatic). Auch aus dem fernen Japan und der Zeit habe ich ein Beispiel in meiner Sammlung: Aires 35-V, natürlich mit eigenem Bajonett und einem Seikosha Verschluss. Aber es gab dort noch andere: Minolta Super A und Olympus Ace (beides Messsucher), und später die Kowa SER (SLR).