2019-05-19

Agfa Filmherstellung

Die Zellulose wird durch Salpeter- und Schwefelsäure in Nitrozellulose verwandelt Salpetersäure Schwefelsäure die überschüssige Säure wird entfernt Lösemittel, Alkohole Äther u.a. Die Nitrozellulose wird unter Zusatz von Kampfer zu einer zähflüssigen, durchsichtigen Masse gelöst Die Gießlösung wird gefiltert Vom Sammelbehälter gelangt die Gießlösung auf einen geheizten, drehbaren Zylinder Die flüssige Emulsion wird auf das Celluloidband aufgetragen, erstarrt in der Kälte, trocknet in den Hängen Die Emulsion wird durch dicke Tücher gefiltert Die Brocken werden erwärmt und verflüssigt Die überschüssigen Salze werden aus den Brocken herausgewaschen Die Emulsions-Galerte wird zu Brocken zerkleinert Die flüssige Emulsion erstarrt im Eis zu Gallerte Aus Gelantine, Bromkalium, Silbernitrat und Wasser entsteht unter Erwärmen die empfindliche Emulsion Bromkalium   Gelantine   Wasser Silbernitrat     Wasser
Heute fiel mir dieses alte Agfa-Plakat über (Schwarz-Weiß-) Filmherstellung aus den 1930er Jahren in die Hände. Leider ist die Auflösung nicht so gut, aber ich habe das Bild mit Tooltip Fensterchen angereichert, die beim Überfahren mit der Maus über die unleserlichen Teile erscheinen. Ich hoffe, es funktioniert und der Prozess lässt sich so einigermaßen studieren.

Ich habe keine Ahnung, wer die Zielgruppe für dieses Technologieplakat damals war. Vielleicht waren es Fotohändler, die ihren interessierten Kunden damit die Komplexität der Filmherstellung erklären sollten. Man muss ja auch bedenken, dass damals die meisten Fotografen aber auch Fotoamateure ihre Filme selbst entwickelt haben und somit auch eine gewisse Grundbildung in Fotochemie unerlässlich war.

Agfas Filme wurden übrigens in den 1930er Jahren in der Filmfabrik Wolfen bei Bitterfeld gegossen. Die alten Maschinen und das älteste Gebäude am Standort stehen noch und beherbergen heute das Industrie- und Filmmuseum Wolfen. Ich war selbst vor Jahren schon mal da (und hatte hier berichtet), ein erneuter Besuch wär eigentlich mal wieder fällig.

Der hier verwendete Schichtträger Nitrozellulose ist übrigens nichts anderes als Schießbaumwolle und extrem brandgefährlich und explosiv. Schon seit 1908 gibt es mit dem sog. Sicherheitsfilm (Acetylzellulose) eigentlich Ersatz, es dauerte aber Jahrzehnte, bis dieser sich durchsetzte. Wegen des zweiten Weltkriegs ist dessen zwingende Verwendung erst seit Anfang der 1950er vorgeschrieben. In den 1980er Jahren kam dann mit z.T. sehr dünnen Polyesterfilmen ein drittes Filmträgermaterial auf den Markt.

Wen's interessiert, hier sind noch ein paar Artikel zum Weiterlesen: Hannibal Goodwin, Erfinder des Zelluloidfilms, Agfacolor Neu (Geschichte des Farbfilms), Agfa Isopan Super.  

2019-05-12

Hubert Nerwin


Hubert Nerwin ist einer der wichtigsten Kamerapioniere und -designer des zwanzigsten Jahrhunderts. Leider gibt es über ihn nicht sehr viel zu lesen. Eine gedruckte Biografie gibt es (noch ?) nicht und eine ihm gewidmete Seite auf zeisshistorica.org ist nicht mehr aufrufbar. Ich möchte daher hier kurz zusammenfassen, was man sonst über ihn im Netz finden kann.

Hubert Nerwin wurde wohl am 7. April 1906 in Linz an der Donau geboren, war also gebürtiger Österreicher, besaß spätestens nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich einen deutschen Pass und wurde nach seiner Immigration in die USA Ende der 40er Jahre amerikanischer Staatsbürger. Ein Bild von seiner Ankunft mit seiner Familie in New York habe ich hier gefunden.  


Aber der Reihe nach: Nerwin entdeckt früh seine technische Begabung und macht eine Ingenieursausbildung. Nach seinem Examen 1926 geht es zunächst zu IBM nach Stuttgart, in einer nächsten Station zu Siemens nach Berlin, um dann schließlich 1932 bei Zeiss Ikon in Dresden zu landen, wo er erstmalig mit Kameratechnik in Berührung kommt. Hier stößt er zum Entwicklerteam, was im selben Jahr gerade die Contax I auf den Markt gebracht hatte. Nerwin mach schnell Karriere, zum einen natürlich durch sein außergewöhnliches Talent, zum anderen aber auch weil andere führende Entwickler bei Zeiss Juden waren und die Firma verlassen mussten. 

Während dieser Zeit in Dresden war Nerwin (z.T. maßgeblich) an der Entwicklung und Konstruktion einiger Kameras beteiligt, die wichtigste davon war sicherlich die Contax II, aber auch die Contaflex, die Tenax und Ikoflex Modelle sind bekannt. Auf einer Tenax Werbeanzeige soll er sogar selbst in Lederhose zu sehen sein (s.o.). Der zweite Weltkrieg und die anschließende Teilung Deutschlands ändert dann auch das Schicksal Hubert Nerwins. Mir ist nicht bekannt, ob er als Soldat in der einen oder anderen Form eingezogen wurde. Vermutlich wurde seine Arbeit als Chefentwickler als so wichtig angesehen, dass er davon befreit wurde. Bekannt ist, dass er und seine Familie über seine Heimat Linz dem Bombenhagel in Dresden entfliehen konnten und schließlich wieder in Stuttgart landeten. Dort meldete er sich beim dortigen Zeiss Ikon Contessa-Werk, der Keimzelle der westdeutschen Zeiss Ikon AG. 
In Stuttgart hat er wohl noch an der Weiterentwicklung zur Contax IIa sowie der Entwicklung der Contessa 35 mitgewirkt. Die Dresdener Contax Produktionslinien sind ja bekanntlich 1947 als Reparationsleistung in die Sovietunion umgezogen worden, auf ihnen wurden die nun Kiev genannten Kameras noch bis in die 1980er gebaut. Aber nicht nur die Soviets wollten vom Know-How der einstmals weltweit führenden Kameraschmiede Zeiss-Ikon profitieren. Auch die Amerikaner unterstützten (etwas subtiler) den entsprechenden Technologieabfluss aus Deutschland.

Jedenfalls bekam Hubert Nervin 1947 ein Angebot der Firma Graflex aus Rochester, NY, was er wohl nicht ablehnen konnte. Und, wen wundert's: Die erste Kamera die er dort entwickelte, war ein Auftrag für's amerikanische Militär. 1955 wechselte er dann quasi auf die andere Straßenseite in Rochester: zu Kodak! Dort, bei der Filmfirma, entwickelt er keine High-Tech Kameras mehr, sondern geht in die Geschichte ein mit der Entwicklung der 126er Instamatic Kassette. Das Ding wurde für Kodak eine Goldgrube, wieviel des Gewinns sie Hubert Nerwin abgegeben haben, ist nicht bekannt. Er jedenfalls geht kurz darauf in den Ruhestand, hält hier und da noch Reden auf Treffen der Zeiss Historical Society und stirbt im März 1983 im Alter von fast 77 Jahren. Sein ehemaliger Arbeitgeber Zeiss Ikon in Stuttgart baut übrigens sogar eine Spiegelreflexkamera für die Nerwinsche Kassette. 



2019-05-01

Minox B



 
Eine echte Minox gehört natürlich in jede ernsthafte Kamerasammlung und hier ist sie. Bisher hatte ich nur eine Acmel MD, quasi ein Plastik-Klon für den Minox Film. Und ich besitze natürlich (inzwischen mehrere) Minox 35 Kameras, aber die kommen "nur" von der selben Firma, sind auch klein, verwenden aber den normalen 135er Kleinbildfilm.

Die Fotos auf dieser Seite entsprechen (zumindest auf meinem Monitor) ungefähr der Originalgröße, d.h. die Kamera verschwindet wirklich in jeder Hosen- oder Handtasche. Und das ist auch ihr Hauptzweck: eine Immerdabei-Kamera für Schnappschüsse und Dokumentation. Denn großartige Bildqualität kann man aufgrund des kleinen Negativformates nicht erwarten. Die ganze Minox-Geschichte oder technische Details zu dieser Minox B werde ich hier nicht wiedergeben, dazu möchte ich auf die Tabelle unten und die dort genannten Links verweisen. 
Mich selbst fasziniert an der Kamera ganz besondere das wirklich zeitlose Design, sie wurde in mehr oder weniger dieser Form von 1936 bis 2012, also über 75 Jahre lang gebaut. Ich glaube viele Leute haben sie auch genau aus diesem Grund gekauft, so wie man auch teure Uhren oder andere Designgegenstände erwirbt. Deshalb ist sie auch heute noch mehr wert als die meisten anderen alten Kameras, auch wenn man eigentlich keinen Film mehr dafür bekommt, oder diesen gar entwickeln lassen kann, vielleicht noch hier...?


Datenblatt Miniaturkamera für Format 8x11 mm
Objektiv Minox Complan 15 mm f/3.5 (4 Linsen, Tessar Typ).
Verschluss Spezieller, mechanischer Metalllamellenverschluss 1/2s - 1/1000 s,  B und T. Verschlussaufzug durch Zusammenschieben des Kameragehäuses.
Belichtungsmessung Eingebauter, gekuppelter Selen-Belichtungsmesser, Nachführen der Belichtungszeit, nur eine Blende 1:3.5. 14-26 DIN.
Fokussierung Manuell per Drehrädchen. Große Tiefenschärfe des Objektivs erlaubt grobe Schätzungen.
Sucher Optischer Durchsichtsucher mit Parallaxenausgleich.
Blitz Synchronbuchse. Kolbenblitze 1/20s, X bis zu 1/500 s
Filmtransport Durch Zusammenschieben der Kamera. Bildzählwerk vorwärtszählend (bis 50). 
sonst. Ausstattung Eingebauter Grün- und Graufilter (x10). Im Lieferumfang: Lederetui und metallene Messkette (60cm) mit Entfernungsmarken bei 20, 24 und 40 cm.
Maße, Gewicht 97x28x16 mm, 92g
Batteriekeine
Baujahr(e) 1958-1972, 384.328 Exemplare. Dieses #721017 von 1962.
Weiteres Zubehör Stativkopf mit Drahtauslösergewinde, Taschenstativ, Feldstecher-Adapter, Blitz-Verbindungsstück, Repro-Stativ, Dunkelkammerzubehör, Dia-Projektor.
Kaufpreis, Wert heute 170 US$ (1958), heute ca. 100€
Links Innenansicht Mechanik, Minox Club, Submin.com, Anleitung (deutsch), Manual (English), Minox GmbH, Wikipedia, Camera-wiki, Minox B repair, BlueMoon Camera and Machine

2019-04-26

Minolta XG-M


Meine Sammlung von Kameras mit dem SR-Bajonett und natürlich von Minolta selbst wächst! Diese Minolta XG-M bekam ich samt einigen Objektiven und Zubehör nun von meinem Vater geschenkt. Es war nach der EXA II seine zweite SLR, welch ein Technologiesprung! Während die EXA keinerlei Batterien braucht, geht ohne solche bei der Minolta nichts. Interessanterweise haben beide Kameras aber einen horizontalen Tuchschlitzverschluss, dazu weiter unten mehr.
Wohl inspiriert durch den Kauf meiner ersten SLR (Nikon EM) im Frühjahr 1982, hatte mein Vater selbst eingesehen, dass ein entsprechendes Upgrade seiner Fotoausrüstung noch vor den Sommerferien nötig ist. Damals, Anfang der 80er, war die Hochzeit der Kleinbildspiegelreflex, im Jahr zuvor (1981) wurden ca. 9,5 Millionen Stück in alle Welt verkauft, fast alle davon kamen aus Japan. Auch in Deutschland kauften sich viele Menschen eine SLR, die bisher mit eher einfacheren Kameras fotografiert hatten.
Mit zu dieser Entwicklung beigetragen haben sicherlich die vergleichsweise günstigen Preise, möglich gemacht durch den vermehrten Einsatz von Plastik und Elektronik statt Metall und Mechanik. Auch die Automatisierung der Produktion sowie hohe Stückzahlen tun ihr übriges. Aber auch die endlich in diesem Segment verfügbaren Automatikfunktionen machten solche Einstiegs-SLR für fotografische Laien attraktiv.
Minolta hat zu dieser Entwicklung gerade mit ihrer XG-Kameraserie, die 1977 auf den Markt kam, entscheidend beigetragen. Sie waren 1981 mit fast 1 mio SLR pro Jahr nach Canon die Nummer 2 am SLR-Markt, noch vor Nikon und Pentax, um nur die großen vier zu nennen (Produktionszahlen gibt's unter den Links...). Kurz gesagt: Ende der 70er war die Geburtsstunde der Einsteiger-SLR, die eben nicht mehr durch den Verzicht von Funktionen gekennzeichnet war, sondern durch ein exzellentes Preis/Leistungsverhältnis. Verzichtet wurde dafür auf Langlebigkeit und Robustheit; beides ist nicht wichtig, wenn man im Jahr maximal 3-4 Filme verknippst, wie mein Vater es gemacht hat.
Minolta hat seit dem Erscheinen der SR-2 immer wieder durch Innovation und gutes Industriedesign auf sich aufmerksam gemacht und sich dadurch einen sehr guten Ruf am Markt erworben. Trotzdem ist es ihnen nicht gelungen, im professionellen Lager richtig Fuß zu fassen. Der halbherzige Versuch mit der X-1/XM/XK verlief im Sande. Minolta hat sich dadurch aber nicht unterkriegen lassen, sondern sich im Gegenteil auf ihre Stärken besonnen. Und die hießen eben, gute und preiswerte Kameras für die Massen bauen.
Bei der XG-Serie ist man (um Kosten zu sparen) sogar technologisch im Vergleich zur XE und XD-Serie wieder ein bis zwei Schritte zurückgetreten. Die Kameras haben (wieder) einen horizontalen Tuchschlitzverschluss, diesmal nur elektronisch gesteuert, eine mechanische Zeit fehlt! Undenkbar noch ein paar Jahre zuvor. Auch kamen wieder CdS-Zellen statt der besseren Si-Photodioden zum Einsatz. Und die Belichtungsmessung funktionierte bei den ersten Modellen der Serie nur im (Zeit-)Automatikmodus. Alle potentiellen Kunden, die auf bessere Features wert legten, konnten ja die XD7 kaufen (und haben es getan!).  
Die XG-M war das finale und am besten ausgestattete Modell der Serie. Bei ihr funktionierte z.B. auch der Belichtungsmesser im "manuellen" Modus. Sie kam im neuen Design, mit neuem Minolta-Logo, und bereitete quasi den Boden für Minoltas erfolgreichste SLR, der X-700. Diese beerbte allerdings mittelfristig die XD7, als XG-Nachfolger kam die X-500. Dies alles geschah Anfang der 80er im MF-Universum des SR-Bajonetts von 1958. In Minoltas Entwicklungslaboren werkelte man zu der Zeit aber schon an der ultimativen SLR, die den gesamten Markt aufrollen sollte und Minolta an die Spitze spülte. Aber das ist eine andere Geschichte...

Datenblatt Consumer SLR mit Zeitautomatik
Objektiv Wechselobjektive mit Minolta MD-Bajonett (eingeschränkt abwärtskompatibel). Hier mitgeliefertes Normalobjektiv MD-Rokkor 50 mm f/1.4 (7 Linsen in 6 Gruppen, MD-II Typ 1979-1982
Verschluss Elektronisch gesteuerter, horizontaler Tuchschlitzverschluss. 1s - 1/1000 s und B. Blitzsynchronisation bei 1/60s. Stufenlos bei Zeitautomatik. Keine manuelle Zeit!
Belichtungsmessung TTL, mittenbetont integral, CdS-Photozellen. 25-1600 ASA. 
Belichtungsautomatik Zeitautomatik (A), sowie manuelle Nachführmessung.
Fokussierung Manuell am Objektiv, Einstellscheibe mit Schnittbildindikator und Mikroprismenring.
Sucher Fest eingebauter Pentaprismensucher (zeigt 93% des Bildes) mit LED-Anzeige für Belichtungsmessung. Einspiegelung der gewählten Blende.
Blitz Zubehörschuh mit Mittenkontakt und Extrafunktion bei Minolta-Blitzen (Blitzbereitschaftsanzeige im Sucher, Synchronzeit), zusätzliche Blitzbuchse.
Filmtransport Schnellschalthelbel, Rückspulknopf, Bildzählwerk (vorwärts zählend)
sonst. Ausstattung elektronischer Selbstauslöser (10s), Abblendtaste, ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Filmlaschenhalter, Stativgewinde, Anschluss für Motorantrieb (bis 3.5 B/s), Belichtungskorrektur (+/-2 Stufen) bei Automatik, Möglichkeit zum Anschluss einer Datenrückwand.
Maße, Gewicht ca. 138/89/52 mm, 515g (ohne Objektiv)
Batterie3V, entweder 2x LR44 (Alkali), 2x SR44 (Silberoxid) oder 1x CR-1 (Lithium)
Baujahr(e) 1981-1983, ca. 500.000 Einheiten, dieses #2120850 von 1982
Kaufpreis, Wert heute ca. 600 DM (1982, mit Normalobjektiv), ca. 30-100 € je nach Zustand und Objektiv.
Links Camera-wikiWikipediaA. Freihöfer SR-KamerasMinolta SR lens indexRokkorfilesManual (english)Bedienungsanleutung (deutsch)

2019-03-10

Asahi Pentax ES


Und wieder ein Meilenstein: Die erste SLR mit Zeitautomatik und dem entsprechend dazu gehörigen elektronischen Schlitzverschluss hieß Pentax ES. Eigentlich hieß die erste Serie der Kamera noch "Elektro Spotmatik" und war 1971 nur auf dem japanischen Markt zu haben (Seriennummern 55xxxxx, ca. 60.000 Exemplare). Im Netz gibt es die Vermutung, dass zunächst noch eine nicht so robuste elektronische Platine an Bord war, was ihr einen gewissen Ruf bzgl. mangelnder Zuverlässigkeit einbrachte. Ab Ende 1971 hieß die Kamera für den Weltmarkt dann Pentax ES und hatte eine in Massenfertigung erstellte und bessere Platine an Bord. Die Seriennummern lauteten nun 65xxxxx und es wurden nochmal ca. 60.000 Exemplare gebaut. Meines ist vom Anfang dieser zweiten Serie. Ansonsten waren die Kameras aber identisch und basierten auf dem bewährten Spotmatik Gehäuse.

Um die Elektronik unterzubringen, haben die Ingenieure die Bodenkappe auf 9 mm verbreitert, die Kamera selbst wird dadurch 5 mm höher und kippt mit angesetztem Objektiv mal gern nach vorne. Der Selbstauslöser und (vermutlich) das Langzeitenwerk des mechanischen Verschlusses mussten der Batterie weichen. Die Standardfarbe der ES war nun schwarz, Chrome war die Sonderausführung. Außerdem gab es den nun standardmäßigen Zubehörschuh mit Mittenkontakt.
Dass man einen Schlitzverschluss mittels elektronischem Hemmwerk steuern kann, hatten die Ingenieure vom VEB Pentacon in der DDR schon an der Praktica PL Electronic im Jahr 1968 gezeigt. Allerdings war diese Kamera noch nicht wirklich ausgereift und hatte noch einige Schwächen. Im dazugehörigen Patent wird auch schon die Möglichkeit zur automatischen Verschluss-Steuerung durch den Belichtungsmesser erwähnt, aber eben nicht realisiert. Das haben die Asahi Ingenieure nun erledigt. Aber auch bei Pentax hat man sich nicht mit einer reinen Elektronik-Kamera auf den Markt getraut, zu groß war die Skepsis gegenüber der Zuverlässigkeit der Elektronik, bzw. der Batterie. Es gab also noch mechanische Zeiten, mit denen man auch ohne Batterie und Elektronik fotografieren konnte. 


Die ES war nicht nur Pentax' erste SLR mit Zeitautomatik, sondern mit ihr führte man auch die neue Offenblend-Variante für M42 ein. Endlich, Pentax! Man erkennt es am innerhalb des Gewindes und unterhalb des Pentax Schriftzugs liegenden Hebels (kleines Bild rechts). Über einige andere M42-Varianten habe ich ja schon geschrieben (Praktica, Fujica). Trotz des Fortschritts hier blieb der M42-Anschluss der schwächste Punkt dieser ansonsten so fortschrittlichen Kamera. Asahi brachte schon 1974 mit der ES-II einen fast baugleichen Nachfolger, neben internen Verbesserungen an der Elektronik kam der Selbstauslöser zurück, indem man einen neuen Platz für die Batterien fand. Parallel arbeitete man aber schon am K-Bajonett, dass dann schon 1975 Premiere feierte. Die erste Kamera damit war die Pentax K2, ebenfalls ein Zeitautomat, allerdings nun mit einem vertikalen Metalllamellenverschluss.


Datenblatt Erste SLR mit Zeitautomatik
Objektiv Wechselobjektive mit M42 Schraubgewinde (Offenblendvariante Pentax). Hier mit SMC Takumar 105 mm f/2.8 (5 Linsen in 4 Gruppen). 
Verschluss Elektronisch sowie mechanisch gesteuerter,  horizontaler Tuchverschluss. Automatisch und stufenlos gesteuert zwischen 8 s - 1/1000 s. Mechanische Zeiten 1/60 - 1/1000s und B. Blitzsynchronisation bei 1/60s.
Belichtungsmessung TTL, wählbar zwischen offener oder Arbeitsblende, CdS-Zelle. 20-1600 ASA. 
Belichtungsautomatik Erste SLR mit Zeitautomatik durch elektronisch gesteuerten stufenlosen Verschluss.
Fokussierung Manuell am Objektiv, Einstellscheibe mit Mikroprismenzentrum.
Sucher Fest eingebauter Pentaprismensucher mit Nadel-Anzeige für Belichtungszeit. 
Blitz Zubehörschuh mit Mittenkontakt (X) sowie separate Blitzbuchsen für X und FP.
Filmtransport Schnellschalthelbel, Rückspulknopf, Bildzählwerk (vorwärts zählend)
sonst. Ausstattung Abblendhebel (aktiviert Arbeitsblenden Messung), ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Stativgewinde, Belichtungskorrektur (+2/-1 Stufen) bei Automatik, Filmtyp-Merkschieber, Batterietest-Taste.
Maße, Gewicht ca. 143x98x91 mm, 678 g (Gehäuse inkl. Batterien), 960g mit Objektiv.
Batterie6V PX28, 4LR44, Eveready #544, oder 4x LR44 bzw. SR44.
Baujahr(e) 1971-1973, ca. 130.000 Einheiten, dieses #6502640 von 1971
Kaufpreis, Wert heute ca. US$320 (mit 55mm f/1.8), heute ca. 30 €(Gehäuse), 100€ inkl. Objektiv.
Links Camera Manual (english), Camera-Wiki, Simon Hawkett, Pentax-SLR.com, Chemicalcameras, Pentax Forum, Kleinbildkamera.ch,
Meine anderen Pentax-SLR Posts: Spotmatic, Spotmatic F, K-1000, ME-F, SLR production, Super-Takumar 55 f/2, SMC-Pentax A 50 f/1.7, Pentax Auto-110

2019-03-04

3F - Deutsches Museum für Foto-, Film- und Fernsehtechnik Deidesheim


Eher per Zufall bin ich gestern im Deidesheimer (Pfalz) 3F Museum gelandet. Schön gemacht! In alten Weinkellern sind jede Menge alter Film und Fernsehkameras sowie Projektoren zu bewundern und kurz und knapp erklärt. Im Obergeschoss dann die Foto-Kamerasammlung. Es ist nicht die größte, die ich bisher gesehen habe, aber der Fokus liegt hier auf der Technik, was mir sehr gefällt. Die wesentlichen Kameras sind alle da und meist nach Hersteller in Vitrinen gruppiert. Die Japaner kommen etwas zu kurz, insbesondere bei älteren Kameras überwiegen deutsche Exemplare.  


Das Museum ist Donnerstag bis Sonntag und an Feiertagen zu besichtigen, genaues lässt sich auch auf der Website https://3f-museum.de/ erfahren. Der Besuch lohnt sich!

2019-02-24

Minolta XD7 (XD11, XD)



Beim der diesjährigen Foto-Börse in Groß-Umstadt hatte ich Glück, gleich zwei Meilensteinkameras zu ergattern. Die bedeutendere und auch bekanntere ist diese Minolta XD7, die erste Spiegelreflex auf dem Markt, die sowohl Zeitautomatik ("A", aperture priority) als auch Blendenautomatik ("S", shutter priority) bot. Die Kamera kann tatsächlich auch Blende und Zeit gleichzeitig steuern, und zwar immer dann, wenn man bei einem gewählten Automatikmodus an den jeweiligen Einstellbereichsrand (z.B. bei Blendenautomatik, kleinste mögliche Blende) gelangt, wird das jeweils andere nachkorrigiert. Manche nennen das einen versteckten Programmautomatik-Modus, und ich bin geneigt zuzustimmen. Minolta's Zielgruppe war der gehobene Amateur, dem man wohl einen Anspruch nach gewisser Bildkontrolle zuschreiben konnte. Programm- bzw. Vollautomatik war damals eher mit einfachen Kameras für die Masse verbunden und daher mied Minolta den Begriff. In der Bedienungsanleitung wird aber sehr ausführlich erklärt, was alles mit der Belichtungsautomatik möglich ist. 

Erst die legendäre Canon A-1, die ein Jahr später am Markt erschien, führte den Begriff Programmautomatik in die SLR-Fotografie ein und hatte das bis heute übliche Automatikangebot "PASM". Ansonsten sind die A-1 und die XD7 ebenbürtige Konkurrenten, die die Spitze des Amateurmarktes am Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre bedienten. Die anderen Mitbewerber am Markt taten sich schwer, Nikon und Pentax hatten beide erst 1983 mit der Nikon FA und der Pentax Super A entsprechende Modelle am Markt.

Eine weitere Kamera für dieses Segment war die Leica R4. Diese kam (erst) 1980, also 3 Jahre nach der Minolta, auf den Markt und war quasi eine Stiefschwester der XD7. Beide gingen aus der Leitz-Minolta Kooperation hervor, die seit 1972 bestand. Wie schon bei der Generation vorher (Minolta XE-1 und Leica R3) kooperierten beide Firmen bei den wesentlichen Komponenten und Technologien. Allerdings gab es nicht nur beim äußeren Design und beim Bajonett Unterschiede, sondern auch intern ist nicht alles gleich. Die Leica hatte einen anderen Spiegelkasten und zusätzlich Spotmessung an Bord.   

Beim eingebauten Verschluss allerdings handelt es sich in beiden Fällen um Seiko's MFC-E, ein super kompakter und gleichzeitig leistungsfähiger Schlitzverschluss, der damals den Weg in sehr viele automatische Spiegelreflexkameras fand. Manchmal findet man im Netz die Behauptung der Verschluss sei eine Weiterentwicklung des Copal Leitz Shutter gewesen, der in der R3 bzw. XE-1 zum Einsatz kam. Ich denke, das ist Wunschdenken aus der Leica-Gemeinde, die immer etwas Besonderes brauchen und nicht akzeptieren wollen, dass derselbe Verschluss auch in der Einstiegs-SLR Nikon EM werkelte.

Was allerdings stimmt, ist das samtweiche und leise Auslösegeräusch der XD7. Aus meiner Sammlung war es bisher die Olympus OM-1, die in dieser Disziplin vorne lag, diese allerdings mit einem horizontalen und mechanischen Tuchschlitzverschluss. Es liegt also nicht am Verschluss, wie weich oder leise eine SLR auslöst, sondern am Spiegel und dessen Dämpfung. Außerdem verwendet die XD7 einen kleinen Trick, der ihr beim samtigen Ablauf hilft. Bei anderen SLR laufen die Dinge beim Auslösen (fast) gleichzeitig ab, bei der XD7 aber schön nacheinander: 1) Abblenden des Objektivs, 2) Spiegel klappt nach oben, 3) Verschluss löst aus, 4) Spiegel klappt wieder runter und Objektiv wird wieder aufgeblendet. Während 2-4 sofort hintereinander ablaufen, wird nach 1) eine künstliche, sehr kurze, aber doch merkliche Pause eingelegt. Die XD7 misst nämlich nochmal die Belichtung bei Arbeitsblende, einfach um sicherzugehen, dass z.B. die Blendenautomatik bei der Übertragung ans Objektiv auch so funktioniert hat wie gedacht. Wenn nicht, dann wird die Verschlusszeit entsprechend korrigiert. Das Ganze wird in der Bedienungsanleitung als Vorteil verkauft. Dass es eine Schwäche der Blendensteuerung kompensiert und gleichzeitig die Auslöseverzögerung deutlich vergrößert, wird verschwiegen. Das damit einhergehende samtig weiche Auslösen kann man aber selbst genießen.


Mein Exemplar ist aus dem ersten Jahr der Produktion (es gab spätere leicht geänderte Varianten, siehe Links unten) und bis auf eine leichte Delle im Objektiv-Filtergewinde noch ganz gut in Schuss und vollständig funktionstüchtig. Minolta hat damals für die Belederung allerdings ein sehr weiches Leder gewählt, was sich mit der Zeit zusammenzieht. Auch mein Exemplar ist in dieser Beziehung nicht mehr ganz so schön, wie man an den Bildern sehen kann. Ich mag es allerdings lieber so authentisch, im Vergleich zu mancher nachträglicher Neubelederung mit Krokodil- oder farbigem Leder. Eine tolle Kamera und ein Muss für jede SLR-Sammlung!


Datenblatt Erste SLR mit sowohl Zeit- als auch Blendenautomatik
Objektiv Wechselobjektive mit Minolta MD-Bajonett (eingeschränkt abwärtskompatibel). Hier mitgeliefertes Normalobjektiv MD-Rokkor 50 mm f/1.7 (6 Linsen in 5 Gruppen) 
Verschluss Elektronisch gesteuerter, vertikaler Metalllamellenverschluss (Seiko MFC-E). 1s - 1/1000 s und B. Blitzsynchronisation bei 1/100s. Stufenlos bei Zeitautomatik. Manuelle Zeit 1/100 s. Samtweiche und sehr leises Auslösegeräusch.
Belichtungsmessung TTL, mittenbetont integral, Si-Photodioden. 12-3200 ASA. 
Belichtungsautomatik Sowohl Zeitautomatik (A), Blendenautomatik (S), sowie manuelle (Nachführmessung, M) wählbar. Versteckte Programmautomatik, da beim Verlassen des einstellbaren Bereichs die jeweils voreingestellte Zeit oder Blende der Belichtungssituation angepasst wird.
Fokussierung Manuell am Objektiv, Einstellscheibe mit Schnittbildindikator und Mikroprismenring.
Sucher Fest eingebauter Pentaprismensucher mit LED-Anzeige für Belichtungsmessung. Je nach Automatikmodus werden Zeiten oder Blenden angezeigt. Zusätzlich Einspiegelung der gewählten Blende und Verschlusszeit.
Blitz Zubehörschuh mit Mittenkontakt und Extrafunktion bei Minolta-Blitzen (Blitzbereitschaftsanzeige im Sucher, Synchronzeit), zusätzliche Blitzbuchse.
Filmtransport Schnellschalthelbel, Rückspulknopf, Bildzählwerk (vorwärts zählend)
sonst. Ausstattung Selbstauslöser (10s), Abblendtaste, ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Filmlaschenhalter, Stativgewinde, Anschluss für Motorantrieb, Belichtungskorrektur (+/-2 Stufen) bei Automatik, Okularverschluss
Maße, Gewicht ca. 136/86/51 mm, 560g (ohne Objektiv)
Batterie3V, entweder 2x LR44 (Alkali), 2x SR44 (Silberoxid) oder 1x CR-1 (Lithium)
Baujahr(e) 1977-1984, ca. 600.000 Einheiten, dieses #1030016 von 1977
Kaufpreis, Wert heute ca. 1200 DM (1977, mit Normalobjektiv), ca. 50-100 € je nach Zustand.
Links Camera-wikiWikipediaPeter LauschEric FissWebersohnRokkorfilesXD-7 restaurierenMischlichtManual (XD-11, english)Bedienungsanleutung (XD-7 deutsch)Ernst GigerUnterschiede der Versionen,