2023-04-01

C.P. Goerz Roll-Tenax (4 x 6.5)

Die Firma C.P. Goerz aus Berlin gehörte einmal zu den ganz großen der Fotobranche. Gegründet 1886 von Carl Paul Goerz wuchs die Firma kontinuierlich bis zum Ende des 1. Weltkriegs. Man produzierte fast alles was dazu gehörte: Kameras, Objektive, Filme, Entfernungsmesser, Verschlüsse, und dazu noch die nötigen Maschinen. Fernrohre, Schließzylinder und vieles mehr gehörten dann zu den Dingen, die Goerz im 1.Weltkrieg zum führenden Militär-Equipment Hersteller werden ließen. Der Krieg ging verloren und Goerz geriet durch das Verbot des Versailler Vertrages, weiter Kriegsgerät zu produzieren, in eine gehörige wirtschaftliche Schieflage. Die Zwangsfusion zur Zeiss Ikon (mit ICA, Contessa Nettel, Ernemann und anderen), betrieben durch den eigentlichen Konkurrenten Carl Zeiss rettete 1926 die Fabriken und Arbeitsplätze, der Name Goerz wurde fallengelassen. 
Genau aus der schwierigen Zeit nach dem Weltkrieg und vor der Zeiss Ikon Fusion stammt diese kleine Kamera. Es handelt sich um eine Roll-(Pocket) Tenax für das Format 4 x 6.5 auf 127er Film, angeblich seit 1914 auf dem Markt. Goerz produzierte (wie viele andere Kamerahersteller auch) die Roll-Tenax auch in anderen Größen, sprich für andere Rollfilme. Dies ist die kleinste Variante, die auf dem Markt der Westentaschenkameras mitmischte. Die genaue Datierung meiner Kamera ist kaum möglich, ich tippe anhand der Seriennummern von Objektiv und Verschluss mal auf 1919 oder 1920, weil  es ca. ab 1920 ein etwas verbessertes Design mit großem ledergeprägtem GOERZ-Schriftzug und anderen Laufbodenstreben gab, dieses hier aber noch das alte Design ist. Meine Kamera hat außerdem noch den heute selten anzutreffenden Compound-Verschluss, was auf eher frühe Produktion hindeutet.
Die Laufboden Roll-Tenax eingerahmt von ihren Spreizen-Schwestern Vest Pocket Kodak und Piccolette.

Ansonsten ist an der Kamera nichts außergewöhnliches, sie repräsentiert einen Standard, den man Anfang der 1920er Jahre in Deutschland von einigen Kamera-Manufakturen für die jeweils gängigen Rollfilme kaufen konnte. Die meisten von denen verwendeten Objektive von Carl Zeiss, gerne das vierlinsige Tessar oder ein einfacheres Triplet (nach Cooke), das oft ebenfalls von Zulieferern aus dem Zeiss-Konzern (z.B. die Optische Anstalt Saalfeld) stammte. Goerz gehörte zu den ernstzunehmenden Konkurrenten von Zeiss, was hochwertige Objektive anging. Das Dogmar war 1916 ihre letzte eigenständige Objektivkonstruktion (patentiert 1912, DRP258.495), die wegen ihrer Abbildungsleistung und großen Öffnung von f/4.5 gelobt wurde. Es ähnelt beim Linsenschnitt dem Tessar, wobei hier die beiden rückseitigen Linsen getrennt und nicht verkittet sind. Dogmare für Großformat-Kameras konnten auseinandergenommen werden (sog. Doppelobjektiv), um Front- und Hinterglied als einzelne Objektive (stark abgeblendet!) zu verwenden. Dabei hatte das Frontelement die 1.92-fache und das Rückelement die 1.52-fache Brennweite des kombinierten Objektivs. Goerz musste (so wie Ernemann) die Objektiv-Fertigung nach der Zeiss Ikon Fusion einstellen. 

Meine Kamera ist recht passabel in Schuss, der Verschluss funktioniert, auch wenn ich auf die Zeiten nicht mehr wetten würde. Alles ist etwas schwergängig und ich habe ein paar Tage gebraucht bis ich verstanden habe, wie man die Rückwand öffnet. Dies ist recht eigenwillig gelöst: Das Scharnier (zu sehen auf dem kleinen Bild oben ganz links) ist federgespannt verschiebbar, war aber festkorrodiert. Außerdem ist der Ausklappständer abgebrochen, ich habe ihn für die Bilder durch ein kleines Stückchen schwarzen Plastiks ersetzt.

Datenblatt Laufboden-Rollfilmkamera für Rollfilm 127 (4 x 6.5 cm)
Objektiv Dogmar 7.5 cm f/4.5 (4 einzelne Linsen), #400214
Verschluss F.Deckel Compound Zentralverschluss, T ("Z")-B-1-2-5-10-25-50-100-300, #342938 
Fokussierung keine Scharfstellhilfe, Verschieben von Objektiv und Verschluss auf dem Laufboden, kürzeste Entfernung ca. 80 cm.
Sucher kleiner Brilliantsucher, drehbar für für Hoch- oder Querformat.
Filmtransport mittels kleiner Schlüsselschraube. Rotes Filmfenster in Rückwand
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Drahtauslösergewinde.
Maße, Gewicht ca. 64 x 122 x 25 mm (geschlossen), 340 g
Baujahr(e) 1914-1926 (ab 1920 in etwas modifizierter Ausführung), diese #9248 ca. 1919.
Kaufpreis, Wert heute ??, ca. 40 €
Links Wikipedia, Camera-Wiki (Goerz), Camera-Wiki, Goerz LensesJahrbuch Artikel Dogmar 1914.
bei KniPPsen weiterlesen Rollfilm 127, Piccolette, Vest Pocket Kodak, Rollette, Icarette