2020-06-28

Yashica TL Electro X


Wieder ein Meilenstein in der Geschichte der Spiegelreflexkameras. Die Yashica TL Electro X war nach der einige Monate vor ihr erschienenen Praktica PL electronic und der nur einen Monat vor ihr in einer Kleinserie produzierten und super teuren Contarex SE zwar nur die dritte SLR mit elektronisch gesteuertem Verschluss. Allerdings war sie bei ihrem Debüt im Oktober 1968 eine komplette und höchst funktionale Kamera. Die Praktika ist eher eine Technologiestudie für den Verschluss, sie hatte keinen Belichtungsmesser! Die Contarex bediente wegen ihres extrem hohen Preises lediglich eine Niche. Die Yashica aber war gerade mit und wegen der Electronic auf den Massenmarkt ausgerichtet und wurde auch kommerziell zu einem großen Erfolg. Yashica baute sie 6 Jahre lang und verkaufte wohl fast 300,000 Exemplare in alle Welt. Die Praktika hingegen wurde nach nur 3400 Exemplaren und wohl vielen Reklamationen nach einigen Monaten wieder eingestellt. Die Contarex SE blieb zwar auch noch bis 1975 im Zeiss Ikon Programm, aber auch von ihr gibt es nur ca. 3100 Exemplare. Welche von den dreien ist nun die signifikante SLR, die der Elektronik den Weg bereitet hat?
1968: Die erste und die erste wichtige Spiegelreflex-Kamera mit elektronisch gesteuertem Verschluss nebeneinander.

Sucher der TL Electro X (späte Version) mit den beiden
Über- und Unter
belichtungs-Warnpfeilen, die gleichzeitig die
Richtung an
geben, in die man das Blenden- oder Zeitenrad 
drehen soll. Sind beide beim Druck auf die Abblendtaste aus,
wird richtig 
belichtet.
Yashica kann man überhaupt als DEN Elektronik-Pionier unter den Kameraherstellern bezeichnen. Mit der Yashica Electro Half hatte man (in Kooperation mit Copal) schon 1965 die erste Halbformatkamera mit einem wirklich elektronisch gesteuerten Verschluss auf dem Markt. Dieser Verschluss machte dann ab 1966 in der Yashica Electro 35 Furore, einer Kamera mit einer Zeitautomatik, die am Ende mehr als 5 Millionen mal verkauft wurde. Die elektronisch gesteuerte Zeitautomatik ist natürlich das i-Tüpfelchen und funktionierte in der Messsucherkamera durch Messung des Lichtes während (!) der Belichtung.

Eine Spiegelreflex musste bei einem Erscheinungsdatum 1968 natürlich TTL-Messung haben, und da funktioniert sowas nicht mehr, weil der Spiegel bei der Aufnahme den Sucher und damit auch den Belichtungsmesser verdunkelt. Yashica konnte daher nicht dieselbe Logik in der SLR wie in der Messsucherkamera verbauen und auch (zunächst) keine Automatik anbieten. Dafür hätte es eines elektronischen Messwertspeichers bedurft, der aber erst später (1971 von Asahi Pentax) erfunden wurde. 
Schaltplan der Kamera. Man kann schön die eigentlich drei verschiedenen Schaltkreise erkennen: Ganz rechts außen mit nur einem Transistor die simple Batterie-Prüf-Schaltung mit grünem Lämpchen. Links neben der Batterie ist der Belichtungsmesser mit den beiden CdS-Zellen. Rechts neben der Batterie der Schaltkreis für die Steuerung des Verschlusses mit dem Elektromagnet und dem Kondensator C1. Mechanisch gekoppelt sind beide Schaltungen durch das Doppel-Drehpotentiometer VR/VR1 (Zeitenwahlrad/Filmempfindlichkeit). 
Elektronische Nachführmessung ohne Drehspulinstrument und Nadel, dafür mit Lämpchen in Pfeilform als Über- bzw. Unterbelichtungswarnung hat Yashica aber realisiert. Zentrales Bauelement dafür ist ein doppelt ausgeführtes Drehpotentiometer unterhalb des Zeitenwahlrads. Das eine von beiden gehört elektronisch zur Steuerung des Verschlusses (mit den anderen üblichen Komponenten eines elektronischen Hemmwerkes), das andere zum Belichtungsmesser. Ganz geschickt wurde auch die Einstellung der Filmempfindlichkeit hier mechanisch angekoppelt.  
Verdrahtungsdiagramm aus der
ausführlichen Reparaturanleitung,
unten: Platine mit Transistoren und
Kondensatoren.

Die meisten elektronischen Bauelemente befinden sich auf einer kleinen mit NEC MC-3011 bezeichneten Platine im Boden der Kamera unterhalb der Filmpatrone. Ausnahmen dazu sind die beiden CdS-Elemente, die beidseitig zum Sucherokular sitzen und wie der Fotograf auf die Mattscheiben "blicken" und dort die Helligkeit bei Arbeitsblende messen. Am hinteren Rand der Mattscheibe sitzen auch die beiden kleinen Lämpchen, die jeweils mit einer roten Pfeilblende versehen sind und wie oben zu sehen Unter- oder Überbelichtung anzeigen. Es handelt sich dabei NICHT um LEDs, wie man auf einigen Seiten im Internet fälschlicherweise lesen kann. Die erste Kamera, die für Sucheranzeigen LEDs eingesetzt hat ist die Fujica ST-801 von 1972. Ansonsten gibt es in der Yashica jede Menge bunte Kabel, die die Batterie, die Steuerelemente auf der Oberseite und den Verschluss schließlich mit der Platine verbinden. Das Verdrahtungsdiagramm und das Foto der geöffneten Kamera unten zeigt das deutlich. 

Der Verschluss ist übrigens der damals sehr moderne vertikale Metalllamellenverschluss Copal Square SE, vermutlich von Copal in Kooperaion mit Yashica entwickelt. Der Ablauf des zweiten Verschlussvorhangs wird durch einen Elektromagneten getriggert und nicht mehr durch einmechanisches Hemmwerk. Solche Verschlüsse auch vom Wettbewerber Seiko wurden in der Folge in Japan immer weiter perfektioniert und millionenfach in Kameras vieler Marken verbaut. Aber auch der klassische horizontale Tuchschlitzverschluss ließ sich entsprechend elektronisch steuern und wurde selbst noch in den 1980ern in einigen Kameras verwendet.
  
Mein erstes Exemplar der Kamera habe ich vor zwei Wochen für nur 1€ bei einer Auktion gekauft. Es war allerdings total verdreckt und hatte eine dicke Beule auf der Prismenkappe. Aber das war für mich nur Herausforderung und zu meinem Entzücken konnte ich nach Einlegen einer Batterie feststellen, dass die Elektronik für Verschluss und Belichtungsmesser noch tadellos funktionierten. Ich habe also das Ding zerlegt, gereinigt und etwas ausgebeult und hatte nach dem Zusammenbau wieder eine voll funktionierende Kamera für die Vielzahl der M42-Objektive, die ich noch besitze. 

Auf den meisten Bildern hier ist allerdings das äußerlich viel schönere Exemplar zu sehen, was ich letzte Woche inklusive des Super Carenar Objektivs (Cosina) für nur 10€ spontan noch dazu gekauft habe. Bis auf die fehlende Kappe des Batteriefachs funktioniert auch bei dieser noch alles. Hier habe ich ein echtes Schnäppchen gemacht: Es handelt sich nämlich um ein recht frühes Exemplar vom März 1969 (Yashica kodiert das Herstelldatum in der Seriennummer, siehe Links in der Tabelle unten), das noch ein paar Besonderheiten hatte, die die Mehrzahl der späteren Kameras noch nicht oder nicht mehr haben: 1) eine kleine "Beule" am oberen Rand des Suchereinblicks, äußerer Indikator für die frühe Sucherkonfiguration mit den Lämpchen am oberen Bildrand. Spätere Kameras haben einen etwas größeren Einblick und die Belichtungsmesserpfeile unten; 2) die extra FP-Blitzbuchse fehlt noch. Schon bei den Kameras vom April 1969 kann man dieses Feature dann finden;
Sucher der TL Elctro X (frühe Version bis ca. Mitte 1969)
3) Yashica hat damit Werbung gemacht, dass der elektronische Verschluss kontinuierliche Zeiteinstellung erlaubt, man also auch Zwischenwerte einstellen kann. Bei den späteren Kameras fehlt daher für Verschlusszeiten länger als 1/30 s die Rasterung, bei der frühen Kamera hier war sie aber (noch) vorhanden.
Wichtigster Unterschied allerdings waren die beiden Über- und Unterbelichtungslämpchen im Sucher, die bei der frühen Version als Text oberhalb des Sucherbildes erschienen (siehe Bild rechts, es leuchtet allerdings immer jeweils nur ein Lämpchen, oder keines). Man erkennt schon an diesem Bild hier (Abdunkelung), wie schwierig es war, diese Lämpchen überhaupt zu sehen (geschweige denn zu fotografieren!) und ich habe zunächst geglaubt, dass der Belichtungsmesser dieser Kamera kaputt ist, weil ich sie beim Blick in den Sucher schlicht übersehen hatte. Man muss seine Augen und die Haltung der Kamera wirklich verrenken, um ihrer Ansichtig zu werden, eindeutig eine Fehlkonstruktion. Hier musste Yashica nachbessern und hat es recht zügig getan. 

Datenblatt Erste SLR mit elektronisch gesteuertem Verschluss und TTL-Belichtungsmessung
Objektiv M42-Gewinde, Standard-Objektiv war Auto-Yashinon DX 50mm f/1.7 oder f/1.4
Verschluss Elektronisch gesteuerter, vertikaler Metalllamellenverschluss (Copal Square SE), kontinuierlich 2s bis 1/1000 s und B.
Belichtungsmessung TTL-Messung bei Arbeitsblende beim Druck auf die Abblendtaste. 2 CdS-Zellen, Nachführmessung mit 2 Lämpchen (Pfeile) im Sucher. Empfindlichkeitsbereich 25-800 ASA.
Fokussierung Manuell am Objektiv, Mikroprismen als Scharfstellhilfe
Sucher SLR, Mikroprismen im Zentrum, Anzeige des Belichtungsmessers am unteren Bildrand. Wenn keiner beiden Warnpfeile leuchtet, ist richtig belichtet.
Blitz X und FP-Buchse (ab 04/1969), X-Mittenkontakt in Zuberhörschuh, Synchronzeit ca. 1/90s.
Filmtransport Schnellschalthebel, Rückspulkurbel, Zählwerk (vorwärts).
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Batterietest, Spiegel-Arretierung, Selbstauslöser (10s), Iso-Drahtauslöser, Stativgewinde ¼ ''
Maße, Gewicht ca.  151 x 96 x 51 mm, 731g (ohne Objektiv, Batterie und Film)
Batterie 6V, PX28 (oder Alternative)
Baujahr(e) 10/1968-12/1974, ca. 300.000 Exemplare, diese hier von 03-1969 und 10-1970. Spätere schwarze Version hieß TL Electro X ITS.
Kaufpreis, Wert heute 245 US$ (mit 1.7/50, 1969), 598 DM (1975), heute je nach Zustand 20-50€
Links Camera-WikiRepair Manual, Instruction Manual, Yashicasailorboy (1), Yashicasailorboy (2), Yashicasailorboy (3)Sammlung Tauber, Wikipedia, Werbung, Werbung 1969, Testbericht von 1969

2020-06-07

Yashica Electro 35

Irgendwie habe ich sie bisher übersehen und jetzt während der Beschäftigung mit frühen Belichtungsautomatiken für mich entdeckt. Die Yashica Electro 35 ist ein Meilenstein im Kamerabau und die erste (und super erfolgreiche) Kleinbildkamera für 24x36, die 1966 die damals sehr moderne Transistor-Elektronik für einen elektronisch gesteuerten Verschluss kombiniert mit einer Zeitautomatik genutzt hat. Yashica hatte allerdings schon ein Jahr zuvor (1965) diesen Verschluss in ihrer sehr seltenen Halbformatkamera Electro Half vorgestellt. Mal sehen, ob ich eine solche mal irgendwann ergattern kann. Kein Wunder, dass Yashica auch bei den SLR zu den ersten gehörten, die echte Elektonik einbauten. Ihre TL-Electro X kam im selben Jahr auf den Markt wie die Praktica PL electronic (1968), die vermutlich ein paar Monate früher dran war. Während die Technik beim VEB Pentacon schnell wieder in der Schublade verschwand, legte Yashica erst richtig los und baute Millionen von Elektro(nik)-Kameras. Nun aber zur Technik:  
Dieser Schaltplan ist aus der exzellenten Reparaturanleitung. Die dicken Linien entsprechen in der Kamera verlegten Kabeln, der Rest der Schaltung ist auf einer kompakten Platine vereint hinter dem CdS-Element untergebracht. In der frühen Version der Kamera sind die Transistoren etc. in einem Epoxyblock eingegossen, der in späteren Versionen von einem IC-Element (integriertes Schaltung) ersetzt wurde. Zentrale Elemente habe ich mal farbig hervorgehoben: Komplexer Mehrfach-Schalter im Auslösergestänge (gelb), Elektromagnet für die Verschluss-Steuerung (grün), Kondensator C1 (rot), der sich abhängig vom gemessenen Licht (CdS-Widerstand, blau) schnell (hell) oder langsam (dunkel) auflädt, um dann bei voller Ladung, dem Magneten wieder den Saft zu entziehen, was den Verschluss schließt. Auf den Seiten 59-64 der Anleitung werden verschiedene Schaltzustände und Abläufe sehr schön erklärt.
Copal ELEC - mit gut sichtbarem Elektromagneten, der den
Verschluss solange aufläßt, wie ein Kondensator lädt, was
wiederum am vorhandenen Licht hängt... 
Zentrales Element der Kamera ist der Copal ELEC-Verschluss, der ein elektronisches Hemmwerk besitzt und seine Zeiten über die Ladegeschwindigkeit eines Kondensators steuert und schließlich per Elektromagnet im Verschluss selbst schaltet. Die Ladegeschwindigkeit hängt am elektrischen Widerstand, den man bevorzugt durch einen CdS-Photowiderstand realisiert. Wenn man dann noch die Blende über in Reihe geschaltete zusätzliche Widerstände simuliert, hat man die Zeitautomatik beisammen!

Die Filmempfindlichkeit wird interessanterweise nicht über einen entsprechenden variablen elektrischen Widerstand eingestellt (wie bei späteren Kameras üblich). Stattdessen haben sich die Yashica Ingenieure für eine mechanische Blende vor der CdS-Zelle entschieden.

Wichtig zu erwähnen ist, dass der Verschluss nur automatisch gesteuert wird, eine manuelle Zeitenwahl gibt es bis auf B und X(1/30s) nicht. Auch diese beiden Zeiten werden elektronisch gesteuert und stehen ohne Batterie nicht zur Verfügung. In einem solchen Fall läuft der Verschluss immer mit 1/500s ab. Natürlich gibt es mindestens zwei Bastler, die erfolgreich der Kamera auch ein Zeitenwahlrad verpasst haben (siehe hier und hier).

Die Schaltung selbst kann noch mehr als den Verschluss während der Belichtung steuern: Und zwar über drei Lämpchen Warnungen und Hinweise auch schon vor dem Verschlussablauf geben. Zunächst ist da eine grüne Batterie-Kontrollleuchte, ganz wichtig ab dieser Kamerageneration, die ohne Stromquelle nicht mehr fotografieren kann. Dann existieren eine rote Warnleuchte für Überbelichtungen, sowie eine gelbe, die anzeigt, wenn die vermutliche Verschlusszeit länger als eine 1/30 s ist. Beide werden sowohl oben auf der Kamera angezeigt als auch in den Sucher eingeblendet.

Ich bin super glücklich ein sehr frühes Exemplar von Juli 1966 ergattert zu haben, die Kamera selbst ist 11 Jahre lang in über 5 Millionen Einheiten gebaut worden (dazu demnächst mal mehr). Es gab über die Zeit eine eher moderate Modellpflege, die späteren Varianten hatten die Namenszusätze G, GS, GT, GSN und GTN. Die genauen Unterschiede kann man auf verschiedenen Seiten im Netz nachlesen, im Prinzip handelt es sich aber um ein und dieselbe Kamera.
Die Elektronik ist in einem Block hinter der CdS-Zelle
untergebracht. Kabel führen von dort zu den Schaltern im
Auslösergestänge darunter und natürlich im Objektiv.
Alle diese Varianten vereint ein Problem, möchte man sie nicht nur in die Vitrine stellen, sondern noch damit fotografieren wollen:  Das "Pad of Death". Es handelt sich um ein unscheinbares Stückchen Gummi, eingesetzt als Dämpfung im Auslösergestänge der Kamera. Das Material des originalen Pads war nicht für mehr als 15 oder 20 Jahre gemacht, wurde mit der Zeit spröde und hat sich im wahrsten Sinne des Wortes verkrümelt. Ohne das mindestens 2mm dicke Pad steht der komplexe-Auslöse-Schalter aber nicht mehr an der richtigen Schaltstellung der Elektronik und somit wird die ganze Kamera unbrauchbar.

Genau das war bei meinem alten Schätzchen auch der Fall, das ich natürlich aufgeschraubt habe. Zum Glück gibt es im Netz einige Anleitungen, wie man dies reparieren kann (siehe Links unten). Wenn man länger sucht findet man sogar Leute, die sowas professional für einen erledigen. Ich hab's natürlich selbst versucht und zwar die minimal-invasive Variante durch den kleinen Schlitz, den man oben auf dem Foto sieht. Danach leuchteten zumindest wieder die Warnlämpchen, wie man am Bildchen oben sehen kann, trotzdem habe ich immer noch kein echtes Vertrauen in die volle Funktionsfähigkeit der Kamera. Ich habe aber keinen Nerv, sie komplett zu zerlegen um noch weitere Kleinigkeiten zu richten. 

Das zweite Problem der Kamera ist die Batterie, die es in der ursprünglich vorgesehenen Quecksilbervariante schon lange nicht mehr gibt. Zum Glück gibt es auch hier eine Lösung, entweder per käuflich zu erwerbendem Adapter, oder wieder durch Basteln. Die Kamera verträgt glücklicherweise statt 5.6V auch 6V, so dass man mit 4 LR44 Knopfzellen, einer abgesägten Filzstifthülle und einer Schraube sich selbst was basteln kann. So hab ich's gemacht, ansosnten siehe Links unten.  


Bis auf die beiden Problemchen wird die Kamera als sehr zuverlässig beschrieben und hat jede Menge Fans, die geradezu euphorisch über die Qualität ihrer Bilder berichten. Die Fähigkeit für Nachtaufnahmen mittels automatischer Langzeitbelichtungen wird immer wieder genannt, dafür gab es sogar ein schickes Taschenstativ als spezielles Zubehör. Mit ihrer Zuverlässigkeit und Belichtungspräzision hat sie sicher auch dazu beigetragen, dass die Abhängigkeit vom Batteriestrom mehr und mehr Akzeptanz unter den Fotografen fand. Ich denke kaum einer hat eine manuelle Verschlusszeitenwahl wirklich vermisst.  In den 1970ern ging der Trend immer mehr zu automatisierten SLRs, aber es gab auch einen durchaus interessanten Markt für hochwertige Messsucherkameras wie diese. Ihre größten Konkurrenten waren die Olympus-35 SP, Canonet G3 QL17, Minolta Hi-matic E und natürlich die Konica Auto S3. Die hatten alle ähnlich leistungsfähige Objektive und eine Belichtungsautomatik eingebaut, allerdings war die Electro 35 die einzige mit einer Zeitautomatik. Davon gibt es wohl sonst auch nich so viele, mir fallen aus meiner Sammlung nur die Olympus XA und die Contessa S310 ein. Auch möchte ich an dieser Stelle nochmal auf zwei andere interessante Yashica's hinweisen, die ich eher zufällig in meiner Sammlung habe, aber ebenfalls die Innovations- und Design-Qualitäten der Firma zeigen: Yashica Lynx-5000 und EZ-matic 4

Datenblatt Erste Kleinbildkamera mit elektronisch gesteuertem Verschluss und Zeitautomatik
Objektiv Yashinon-DX 45 mm f/1.7 (Gauß-Typ 6 Linsen, 4 Gruppen)
Verschluss Copal-ELEC, stufenlos elektronisch gesteuert 30s bis 1/500s, B
Belichtungsmessung eingebauter CdS-Photowiderstand mit Vorschaltblende für die Simulation der Filmempfindlichkeit (12-400 ASA). Direkte Steuerung der Belichtungszeit abhängig von der eingestellten Kamerablende, auch noch während der Aufnahme.
FokussierungManuell am Objektiv, Naheinstellgrenze 80 cm.
Sucher Messsucher mit Leuchtrahmen und automatischem Parallaxenausgleich. Anzeige der Warnlämpchen bzgl. Überbelichtung (rot) und Verwacklungsgefahr (gelb)
Blitz X-Synchronisation bei allen Verschlusszeiten, Wählbar: 1/30s, Anschluss mit Kabel über PC-Buchse.
Filmtransport Schnellschalthebel, Bildzählwerk (vorwärts), Rückspulkurbel.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (ohne Blitzkontakt), Auslöser-Lock, Filtergewinde 55mm, Stativgewinde ¼ '', Selbstauslöser
Maße, Gewicht ca. 140x90x75 mm, 750g (ohne Batterie und Film)
Batterie PX32, 5.6V oder Alternativen mit Adapter.
Baujahr(e) 1966-1968, ca. 250.000 Exemplare. Dieses Exemplar # 6070854 von Juli 1966. Die ganze Serie G, GS, GT, GSN, GSN (gleiche Funktionen und Gehäuse) bis 1977, angeblich mehr als 5 Millionen Exemplare.
Kaufpreis, Wert heute21,400 Yen (1966, ca. 60 US$ oder 240 DM), heute je nach Zustand 30-100 €. Nachfolger GTN kostete in Deutschland 1975 ca. 398 DM
Links Camera-WikiInstruction ManualWikipediaYashica Guy, Mike Eckman, Karen Nakamura, Eric FissRepair Manual, Matt's classic Cameras, Ken Rockwell, Flickr GroupPad of death Reparatur, Batterie Adapter für PX32, 5 Million GTN, Yashica Electro Half (1965), Asahi.net

2020-05-29

Durst Automatica

Die Durst Automatica war 1960 die erste Kleinbildkamera mit automatischer Einstellung der Verschlusszeit, im Allgemeinen wird das "Zeitautomatik" genannt. Ich würde das bei der Kamera nur mit Abstrichen gelten lassen, denn die Blende konnte nicht wirklich frei gewählt werden, doch dazu gleich noch mehr. Die allererste Kamera mit einer Zeitautomatik war die 1956 erschienene Agfa Automatic 66 für den 120er Rollfilm. Die Technik zur automatischen Zeitsteuerung - ein Luft-pneumatisches Hemmwerk - war allerdings bei beiden Kameras dieselbe und basierte auf dem schon 1952 eingereichten und 1955 erteilten Patent DE923525 von Julius Durst (1909-1964), einem Südtiroler Erfinder und Fotounternehmer. 

Durst Automatica EW, angeblich 1956 vorgestellt. Man
beachte das Objektiv in Prontor SLK Wechselfassung
Angeblich, so liest man auf der offiziellen Durst Homepage, hatte er die Inspiration dafür von Instrumententeilen eines abgestürzten amerikanischen Bombers 1944 bekommen. Die Firma Durst ist in der Fotoszene hautsächlich für ihre Vergrößerungsgeräte bekannt, produzierte aber zwischen 1938 und 1963 auch 4 verschiedene Kameramodelle, meist einfacher Art. Die Automatica war davon die einzige Kamera für den 135er Kleinbildfilm und ist technisch die anspruchsvollste.

Auf der Seite liest man auch, dass die Kamera 1956 vorgestellt wurde und findet ohne weitere Erläuterungen dazu ein Bild eines vermeintlichen Prototypen, das ein paar sehr interessante Details zeigt, die an der späteren Serienversion (sehr wahrscheinlich erst ab 1960 am Markt) nicht mehr zu finden sind. Da ist zuerst der Name "Automatica EW" und zwar so angeordnet, dass ein Fensterchen frei bleibt, welches auf einen Messsucher hindeutet. Und in der Tat findet man beim Öffnen des Serienmodells dieses Fenster noch, allerdings nun vom Namensschild verdeckt (siehe mein Bild unten). Und dann ist da ja noch das Objektiv: Ein ENNA Photavit-Ennit 2.8/50 in der charakteristischen Prontor SLK-Wechselobjektiv-Fassung. Wäre die Kamera so 1956 oder 1957 auf den Markt gekommen, hätte sie sicher ein bisschen Wirbel gemacht. Interessanterweise liest man sonst überhaupt nichts über diesen Prototypen und die Gründe, warum es nicht zu den Premium-Features kam. Vielleicht wurde man sich mit Prontor über die Lizenz zum Bajonett nicht einig, vielleicht war auch hier die technische Umsetzung mit der Pneumatik gescheitert. Oder das ganze Projekt war für die kleine Firma Durst mit sonst einfachen Kameras eine Nummer zu groß bzw. die Kamera zu teuer in der Produktion. Leider wird ja über Misserfolge nicht so viel geschrieben, wie über Erfolge. Und, um ehrlich zu sein: Vielleicht war auch die "EW" ein von Anfang an geplantes zweites Premiummodell, dass dann nie realisiert wurde.

Die tatsächliche Automatica war simpler: Es gab nur ein fest eingebautes Objektiv und mit dem Schneider Radionar ein relativ einfaches, aber dennoch ordentliches Triplet. Der Messsucher ist ein einfacher optischen Durchsichtsucher und als Verschluss wählte man den Prontor SVS mit einer 1/300s als kürzeste Zeit. Das größte Manko der Kamera wird erst auf den zweiten Blick klar: Es fehlt die Entkopplung von Blende und eingestellter Filmempfindlichkeit für die Automatik. Beide sind auf einem einzigen Ring einzustellen. Dies bedeutet, dass bei einem damals üblichen 50ASA/18 DIN Film die Blende konstant auf 8 stehen muss. Damit bekommt man bei etwas trüben Licht schnell verwackelte Aufnahmen, obwohl man eigentlich auch eine Blende 2.8 hätte. Damit ist die Kamera eigentlich keine vollwertige Zeitautomatik mehr, da man in vielen Situation wieder auf den manuellen Modus ausweichen muss. Die Agfa Automatic 66 hat diese Entkopplung übrigens schon 1956 durch elektrische Widerstände (Filmempfindlichkeit) und eine extra Blende vor der Selenzelle (Blendeneinstellung) realisiert. Das war Durst vermutlich zu teuer. Positiv anzumerken ist ein sehr solides Metall-Druckguss-Gehäuse, ein sehr ordentliches und höchst modernes Design mit interessanten Elementen wie versenkbarer Schnellschalthebel und Rückspulkurbel. Und natürlich die Automatik, die wie folgt funktioniert:  
Die Automatik (das pneumatische Hemmwerk) verbirgt sich hinter der Selenzelle (A-C) sowie im und unter dem Drehspulinstrument (D, E). Die Spule E bewegt nicht nur den Zeiger, sondern auch ein kleines transparentes Plastikplättchen F, das wiederum den Lufteintrittschlitz G mehr oder weniger abdeckt. Nach Spannen des Verschlusses befindet sich der Kolben H in der oberen Position, gespannt durch die Feder I. Beim Auslösen öffnet sich nicht nur der Verschluss, sondern auch der Kolben saust nach unten und saugt dabei Luft durch G ein. Diese Bewegung geht um so schneller, je größer die Öffnung ist. An deren Ende wird der Verschluss über den Hebel L wieder geschlossen. Im manuellen Modus der Kamera wird L entkoppelt und das traditionelle Räder-Hemmwerk des Prontor SVS tut seinen Dienst.

Natürlich habe ich schon länger nach der Kamera (bzw. der Agfa Automatik 66) Ausschau gehalten und war dann sehr erfreut, dieses Exemplar hier sehr günstig bekommen zu haben. Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass die Selenzelle tot ist und damit die Automatik nicht mehr funktioniert. Neugierig wie ich bin, habe ich das Ding aufgeschraubt und zu meinem Erstaunen festgestellt, dass wenn man den Zeiger des Drehspulinstruments manuell bewegt, durchaus das pneumatische Hemmwerk noch genau das macht, was es soll. Erstaunlich robust, diese Technik. Auch sonst funktioniert der manuelle Modus (traditionelles Räderhemmwerk) noch einwandfrei, man könnte mit dem Schätzchen also noch fotografieren und sich am satten, dumpfen "Blupp" der pneumatischen Auslösung freuen. 

Man findet einiges im Netz zu der Kamera (siehe Links unten), die meisten schreiben aber leider ungefiltert voneinander ab und es wird immer wieder behauptet, die Kamera wäre von 1956 bis 1963 gebaut worden. Das ist definitiv falsch, denn die Schneider Objektiv-Seriennummern, die auf fast allen Fotos gut lesbar sind, stammen ausnahmslos (!) von 1960. Aus dem Jahr 1960 findet man Werbung und auch Testberichte zur Kamera und ich denke man kann der Durst Homepage schon glauben, wenn sie schreibt, dass die Kameraproduktion im Jahr 1963 beendet wurde. Mit meiner Methode schätze ich auf Basis von 20 Kameras aus dem Netz die Gesamtzahl auf knapp unter 11,000 Exemplaren. 

Automatikkameras gab es schließlich einige am Markt. Die Agfa Automatik 66 mit der (vermutlich lizensierten) Durst Technik an Bord, verkaufte sich 1956/57 nur schleppend (ca. 5000 Exemplare), und Agfa brachte 1958 mit der Optima die erste sehr erfolgreiche nun vollautomatische Kleinbildkamera. Nun allerdings mit der älteren Nadel-Klemm-Technologie, die Julius Durst in seinem Patent als sehr nachteilig verreißt. Diese setzte sich allerdings in der ersten Hälfte der 1960er Jahre durch und behielt ihre Bedeutung bis echte elektronische Hemmwerke kamen. Dazu demnächst hier auch mehr. Das pneumatische Hemmwerk sieht man nach 1963 meines Wissens in keiner anderen Kamera mehr. 

Datenblatt Erste KB-Kamera mit Zeitautomatik
Objektiv Schneider-Kreuznach Radionar 45 mm f/2.8 (Triplet)
Verschluss Prontor SVS-Zentralverschluss B-1-2-4-8-15-30-60-125-300 mit zusätzlich optionalem pneumatischem Hemmwerk für die automatische stufenlose Steuerung der Verschlusszeit
Belichtungsmessung Mit Selenzelle zur automatischen Einstellung der Verschlusszeit. Filmempfindlichkeit 6-400 ASA direkt mit Blendeneinstellung gekoppelt (s. Text).
Fokussierung Manuell, ca. 0.8 m bis unendlich. Keine Fokussierhilfe, Fokusring rastet bei 1 m (Schnappschuss) ein. 
Sucher Einfacher optischer Sucher mit Leutrahmen, kein Parallaxenausgleich.
Blitz Per PC-Buchse, umschaltbar X, M
Filmtransport Schnellspannhebel, Rückspulkurbel, Bildzählwerk (vorwärts)
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Stativgewinde ¼'', Drahtauslösergewinde, Selbstauslöser
Maße, Gewicht 142x80x65 mm, 672 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1960-1963, ca. 11,000 Exemplare, diese #69440 von 1960
Kaufpreis, Wert heute ???, heute je nach Zustand (Selenzelle) ca. 80 bis 200 €
Links Camera-WikiAgfa Automatic 66 Gebrauchsanleitung mit guter Beschreibung des Atomatik-Prinzips, Italienische Web-Archiv Seite, Italienischer Artikel (Notariziaro Erca 12_1960), Harisson Photographic, Rangefinderforum

2020-05-15

Fujica Rapid S2 (Teil 4: @Work, die Fotos)

Wie ich im ersten Teil dieser kleinen Serie schon geschrieben habe, bestand meine Hauptmotivation, die schicke Fujica Rapid S2 überhaupt zu kaufen, darin, den Rapid-Film mal selbst auszuprobieren. Mir war natürlich klar, dass man Rapid-Film heute nicht mehr kaufen kann und auch, dass ich meinen unbenutzten und historischen dafür nicht verschwenden will. Aber, man kann ja normalen Kleinbildfilm in 60 cm lange Streifen schneiden und einfach in die Patrone schieben (natürlich im Dunkeln!). Als es dann zur Tat ging, dämmerte mir, dass weitere Konsequenzen damit verbunden sind. Denn kaum ein Labor ist heute mehr daran gewöhnt bzw. überhaupt darauf eingerichtet sowas zu entwickeln. Außerdem wollte ich meine kostbaren Rapid Patronen natürlich nicht irgendeinem unbekannten Labor opfern. Daher ist hier Eigeninitiative gefragt, sprich: selbst Entwickeln! 
Ich habe zu Schüler- und Studentenzeiten 100te Schwarzweiß-Filme selbst entwickelt, allerdings vor meinem letzten Umzug mich vom gesamten Dunkelkammerequipment getrennt (sprich: weggeworfen!), darunter auch diese Entwicklungsdose, eine Trockenpressedieser Vergrößerer und manches mehr. Tja, dumm gelaufen. Jetzt hieß es also neu (bzw. gebraucht) kaufen. Bei e-bay habe ich eine Jobo-1000 Dose für nur 9€ ergattert, die nötigen Chemikalien und S/W-Filme habe ich frisch bei Fotoimpex bestellt. Auf das analoge Abziehen von Papierbildern habe ich allerdings verzichtet, die Negative wurden hiermit eingescannt und digital weiterverarbeitet. Alles in allem ein doch umfangreicheres Experiment als ich zunächst gedacht habe, hat aber Spaß gemacht. 
Das Fotografieren mit der Fujica geht sehr leicht von der Hand. Filmeinlegen hatte ich ja schon in Teil 2 gezeigt, die Belichtungsautomatik tut, was sie tun muss (Teil 3). Nach diesem Film und meiner gründlichen Untersuchung habe ich auch Vertrauen in ihre Funktion. Beim Druck auf den Auslöser sollte man langsam drücken, es muss ja noch einiges passieren dabei. Erst wenn der Auslöser ganz unten ist, macht es leise klick und das Foto ist im Kasten. Für's Scharfstellen muss man die Entfernung schätzen, die Zonenfokus-Symbole helfen einem dabei und wirklich unscharf war keines meiner Bilder. Geärgert habe ich mich eigentlich nur über eine Sache: das Fehlen von Ösen für einen Kameragurt. Die Kamera wiegt mit fast 500g ganz ordentlich und eine Bereitschaftstasche hatte ich nicht, habe mich dann aber mit einer kleineren Gürteltasche beholfen. 
Quadratische Fotos (hier 24x24 mm Negativ) haben einen eigenen Charme, trotzdem merke ich beim Fotografieren, dass man doch arg vom Rechteck geprägt ist.  Auch in Schwarz/Weiß musste ich mich wieder reindenken. Die Entwicklung selbst ging (fast) problemlos, ein paar Bilder sind mir misslungen, weil die Negative in der Entwicklungsdose aneinander gelegen waren. Ansonsten bin ich mit meinem ersten Versuch nach fast 20 Jahren sehr zufrieden und werde mich (weil ich noch Chemie übrig habe) demnächst noch an weiteren Filmen versuchen.
Eine Sache ist mir allerdings aufgefallen: Die Negative haben einen Steg von ca. 4 mm zwischen jeder Aufnahme. Zusammen mit dem ebenfalls großzügig ungenutzten An- und Abspann, hätte man bei etwas besserer Konstruktion durchaus auch 2 Bilder mehr (also 18) auf den 60 cm Filmstreifen bekommen können. Keine Ahnung, ob das für alle Rapid-Kameras ähnlich war. Immerhin war Fuji ja Filmhersteller und hat bei zusätzlichen Bildern pro Film eher einen Nachteil. 
Hier nochmal die Links zu den anderen Teilen dieser Miniserie:

3) Belichtungsautomatik, Lichtwertverschluss


Und für alle, die an Details interessiert sind: Der Film war ein AgfaPhoto APX 100, gekauft bei DM. Entwickelt wurde in Adox F-39 II Feinkorn-Ausgleichsentwickler 1+9, 8 min bei 21°C, Kippen nach Adox-Datenblatt Empfehlung. 

2020-05-10

Fujica Rapid S2 (Teil 3: Der automatische Lichtwertverschluss)


Für diesen Teil 3 der kleinen Serie über die Fujica Rapid S2 habe ich die obere Gehäusekappe abgenommen, um mal einen Blick auf die Belichtungsautomatik zu werfen. Dazu werden einfach zwei Schräubchen links und rechts sowie der Schnellschalthebel abgeschraubt. Der Fotograf muss normalerweise dem A außen auf dem Blendenring blind vertrauen. Es gibt keinerlei Hinweis, ob und wie der Belichtungsmesser wirklich arbeitet und was eingestellt wird. Halt! Doch, es gibt ein kleines rotes Fähnchen im Sucher, wenn Unter- oder Überbelichtung drohen (Auslösen kann man in diesen Fällen trotzdem!). 

Nach Öffnen der Kamera kommt ein Drehspulinstrument zum Vorschein, das auf den Strom reagiert, den die Selenzelle rund um das Objektiv liefert. Beim Runterdrücken des Auslösers drückt der Fotograf gleichzeitig zwei Messingplättchen runter, die wiederum die Messnadel in ihrer jeweiligen Stellung einklemmen. Auf dem Bild rechts habe ich sie mal orange und blau hervorgehoben. Das verdeckte orange ist die sogenannte Steuerkurve für Verschluss und Blende, je heller es ist, desto weiter nach rechts schlägt die Nadel aus und desto tiefer läßt sich die orange Platte runterdrücken. Damit wird direkt der darunter liegende Seikosha-L Lichtwertverschluss gesteuert und ist der eigentliche Kern und erste Teil der Belichtungsautomatik. Das blaue markierte Plättchen davor ist nur für das Warnfähnchen da. Es ist im mittleren Bereich unten gerade. Wenn die Nadel dort ist, passiert sonst weiter nichts. Ist es aber zu dunkel (Nadel ganz links) oder zu hell (Nadel ganz rechts), läßt sich das Plättchen ca. 2 mm weiter runterdrücken und schwenkt dabei das rote Fähnchen in den Sucher (im Bild links unten zu erahnen).

Der zweite Teil der Belichtungsautomatik ist natürlich der sogenannte Lichtwertverschluss Seikosha-L. Eigentlich ist es ein relativ einfacher Zentralverschluss (1/30s bis 1/250s) mit direkt dahinter liegenden Blendenlamellen (2.8 bis 22). Beides ist aber so miteinander (mechanisch) verschaltet, dass man mit einem einzigen Steuerhebel auskommt. Dieser stellt den entsprechenden Lichtwert ein, und zwar analog des rechts abgebildeten linearen Zusammenhangs. Bei LW=8 (z.B. Innenräume) ist das 1/30s und f/2.8, das andere extrem ist LW=17 (am sonnigen Strand) und bedeutet 1/250 bei f/22 (Werte jeweils für 100 ASA Film). Dazwischen werden linear alle möglichen Zwischenwerte verwendet, LW 12 (wolkiger Himmel draußen) ist z.B. 1/80s bei Blende 7.1. Der eben erwähnte Steuerhebel ist für den Fotografen nicht direkt zugänglich, das erledigt die Belichtungsautomatik mit der oben von mir orange markierten Steuerkurve. Man kann allerdings für die Blitzfotografie zumindest die Blenden manuell anwählen. Ob dann der Verschluss immer mit 1/30s läuft, oder auch entsprechend der oben gezeigten Automatiklinie, konnte ich nicht herausbekommen. Ich vermute letzteres, da einfacher zu realisieren. Außerdem ist bei einem Zentralverschluss die Verschlusszeit beim Blitzen (fast) irrelevant.

Sucher mit Beli-Infos aus der
Fujica Half.
Diese Art von Belichtungs-Vollautomatik war bei einigen besseren Sucherkameras in den 60ern und insbesondere in den 70ern sehr populär. Die erste Kamera mit einer solchen war die Agfa Optima von 1959. Die meisten dieser Point-And-Shoot Kameras kamen wohl aus Japan und hatten oft genau diesen Seikosha-L Verschluss an Bord. Neben den Fujica Kameras sind insbesondere die Canon Demi (Halbformat) oder Canonet Serien zu nennen. Olympus verbaute etwas ähnliches in seine populäre PEN-Serie und die millionenfach verkaufte Olympus Trip 35.
Meine Kenntnisse zum Lichtwertverschluss Seikosha-L habe ich mir aus mehreren Anleitungen zu diesen Kameras zusammengesucht. Die Abbildung rechts stammt aus derjenigen der Fujica Half, einer Halbformatkamera für den 135-er Kleinbildfilm mit exakt derselben Objektiv/Verschluss-Kombination. Eine entsprechende Anleitung zu meiner Rapid S2 konnte ich bisher im Netz nicht finden. Die Anleitung zur Konica L enthält im Prinzip obiges Lichtwertdiagramm.

Drehspulinstrument und einklemmende Steuerkurve
für den Copal B mat Verschluss der Konica C35 Serie.
Das Prinzip des Lichtwertverschlusses wurde auch von anderen (meist) für automatische Zentralverschlüsse übernommen und verbaut. Auch als die Selenzelle vom CdS-Fotowiderstand plus Batterie abgelöst wurde, lebte das Prinzip weiter. Ich habe mal meine Konica C35V (1971-1976) aufgeschraubt, und siehe da: auch hier intern ein Drehspulinstrument und der Abgriff des Lichtwertes per Steuerkurve beim Runterdrücken des Auslösers. Ich muss hier wirklich meinen früheren Beitrag korrigieren, es ist mitnichten ein elektronischer Verschluss, dieser "Copal B mat" (diesmal 1/30s f/2.8 bis 1/650 s f/14), der auch in sehr vielen anderen automatischen Sucherkameras der Zeit seinen Dienst tat (s.u.). Ich habe mal einen Fotokatalog von 1975 durchgesehen und von fast jedem mehr oder weniger renommierten Hersteller findet sich eine solche Vollautomatik-Kamera. Und ich würde mich nicht wundern, dieses Prinzip bis in die 80er Jahre hinein in einfacheren Automatik-Knippsen zu finden. Erst ab Mitte der 80er werden die allermeisten Kameras wirklich elektronisch.
Aber nicht nur in Japan gab es solche Lichtwertverschlüsse. In Deutschland kamen Anfang der 1960er (nach dem großen Erfolg der Optima) auch viele andere vollautomatische Kameras auf den Markt. Viele davon hatten einen Prontormator oder Prontormat-S Verschluss von Gauthier mit fast derselben Spezifikation wie mein Seikosha-L hier.  Hier nun, ohne Anspruch auf Vollständigkeit eine kleine Liste vollautomatischer Kameras der 60er und 70er Jahre mit den entsprechenden Lichtwertverschlüssen:

Verschluss Liste der vollautomatischen Kameras mit Lichtwertverschluss
(ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
Prontormator,
Prontormat-S, u.ä.
(Gauthier)
Agfa Optima II (1960) und spätere Nachfolger,  Kodak Retina automatic I , Voigtländer Dynamatic, Rollei Magic (TLR), Braun Paxette Electromatic III, Zeiss Ikon Tenax Automatic, Adox Polomatic III, Rollei A26 (Instamatic, 1972), Rollei A110 (1975)
Seikosha-L Konica L, Canonet Junior, Fujica Half 2.8, Fujica Rapid S2 und D1, Canon Demi
Olympus Eigenentwicklung Olympus Trip 35, Olympus PEN EE Serie (Halbformat), 
Copal B mat Canon Canonet 28, Konica C35 (1968) und ihre Klone und Nachfolger: Cosina compact 35eYashica 35-MFVoigtländer VF 135Porst 135 SEdixa compact 35ERevue 700 SELBeroflex quick spot 135EERollei XF 35Revue electronic CVivitar 35EEChinon 35 EEGAF Memo 35 ETMinolta Hi-Matic G
Citizen UNI-E Minolta Hi-Matic, Ansco Autoset,
unbekannt Canon A35F (1978), Minolta AF-C (1983)

2020-05-05

Fujica Rapid S2 (Teil 2: Rapid-Film)

Hier also Teil 2 meiner kleinen Serie zur Fujica Rapid S2, Thema heute ist der Rapid Film selbst und natürlich seine Patrone. Aber als erstes möchte ich einmal kurz zeigen, wie Rapid-Film eingelegt wird, dazu links dies kurze Video. Es ist tatsächlich so einfach: Man legt links eine leere Patrone (übrig geblieben vom letzten Film) und ins rechte Fach diejenige mit frischen Film. Die herausschauende Filmlasche liegt irgendwie automatisch auf dem Transportzahnrad auf. Nun die Rückwand schließen und drei mal Spannen. Dabei schiebt das Transportzahnrad den Filmstreifen in die leere Patrone. Fertig! Beim anschließenden Fotografieren schiebt man einfach weiter Foto für Foto von rechts nach links. 16 Fotos später ist der gesamte Filmstreifen in der linken Patrone. Rückwand auf, volle Patrone raus und ab zum Entwicklen. Die rechte ist leer und kann später links wiederverwendet werden. Kein lästiges Einfädeln und kein Rückspulen! Wenn irgendwann mal aus Versehen die Rückwand geöffnet wird, ist nur der freiliegende Teil des Films ruiniert!

Der rote Pfeil weist auf die Abtastvorrichtung,
die in den besseren Rapid-Kameras die Empfindlichkeit
des Films automatisch berücksichtigt

Soviel zu den Vorteilen gegenüber der allseits bekannten Kleinbildpatrone 135, die im Übrigen exakt den selben beidseitig perforierten Normalfilm verwendet. Warum hat sich das Ding dann nicht schon in den 1930er Jahren (als Karat-Patrone) durchgesetzt? Der einzige große, aber entscheidende Nachteil ist die Kapazität der Patrone, die dadurch beschränkt ist, dass geschoben und nicht gezogen und stramm gewickelt wird wie bei der 135er. Während ein normaler Kleinbildfilm dadurch bis zu 1,70 m (bei 36 Aufnahmen 24x36 mm) lang ist, funktioniert die Rapid-Technik maximal mit ca. 60 cm langen Filmstreifen. Darüber hinaus würde irgendwann der Kraftaufwand zu groß, den Film in die aufnehmende Patrone zu schieben, die Perforation reißen, usw. Bei der Fujica mit ihrem quadratischen 24x24 Negativen entsprechen 60 cm Film (inkl. ca. 18 cm Vor-und Nachspann) 16 Aufnahmen, andere Kameras machen bis zu 24 Halbformat- (18x24) oder eben nur 12 normale 24x36 mm Bilder. 

Drei Rapid-Patronen für die Filmempfindlichkeiten
C = 17 DIN, E =18 DIN (50ASA), und G = 21 DIN
(100 ASA).  Es gab noch B = 15 DIN (25 ASA)
Als Agfa die alte Karat-Patrone 1964 wieder aus der Schublade holte, haben die Ingenieure ihr ein neues Feature spendiert und natürlich patentiert. Es handelt sich um eine automatische Filmempfindlichkeitserkennung, realisiert durch T-förmige sogenannte Nocken an der Patrone, deren Mittelsteg eine je nach Filmempfindlichkeit unterschiedlichen Länge hat und von einer entsprechenden Abtastvorrichtung in der Kamera gelesen wird (siehe Fotos). Das ist ein Feature, das bei der Kleinbildpatrone erst 1983 mit der DX-Codierung (wieder) eingeführt wurde. Auf dem Mittelsteg sind kleine Buchstaben aufgeprägt, die neben der Steglänge die Empfindlichkeit des Films kodieren. Leider konnte ich nur Bruchstücke einer Dokumentation dazu finden. Ich vermute, dass die Buchstaben bei A (15 DIN, 25 ASA) beginnen über das wohl gebräuchlichste G (21 DIN, 100 ASA) gehen und bis M (27 DIN, 400 ASA) reichen, allerdings gibt es hier durchaus widersprüchliche bzw. fehlerhafte Informationen zu finden. Wer mehr dazu weiß bitte unten kommentieren, ich werde das dann hier ergänzen. Ich bin in der glücklichen Position selbst drei verschiedene leere Patronen zu besitzen, siehe Bild. Außerdem habe ich seit meinem Antiquitätenshop Fund in Oregon einen unbenutzten Film:


Man sollte hier erwähnen, dass es noch eine dritte Variante dieser Patrone gibt, und zwar natürlich auch sie in der Agfa Karat Tradition (und vollständig dazu kompatibel). Natürlich handelt es sich um die ostdeutsche Variante des ehemaligen Agfa Stammwerks in Wolfen, 1964 in ORWO umbenannt. Sie kam sogar schon 1958 mit der Welta Penti (wieder) auf den Markt, allerdings wurde sie auch in der DDR erst nach dem Instamatic Schock 1964 verstärkt "vermarktet" und SL-Patrone genannt. Im Gegensatz zur Rapid- und Karat-Patrone (Blech) war sie aus Kunststoff und hatte keine Nocken zur Filmempfindlichkeitsabtastung.  Man kann aber durchaus diese Patronen zumindest als aufnehmende Patrone in jeder Rapid- oder Karat-Kamera verwenden.

Gestern habe ich einen normalen Kleinbildfilm im Dunkeln in 60 cm lange Streifen geschnitten und damit zwei Rapid-Kassetten befüllt, um mit der Fujica zu fotografieren. Die Ergebnisse werde ich ich hier natürlich im 4. Teil meiner kleinen Serie zeigen.

2020-05-01

Fujica Rapid S2 (Teil 1: die Kamera)

Über Agfa's Antwort auf die Kodak Instamatic Kassette 126 habe ich schon vor längerer Zeit berichtet. Auch über das alte Karat-Konzept, auf dem die Rapid-Patrone basiert. Die Instamatic Kassette hatte ja dieses Rennen gewonnen, auch wegen der Tatsache, dass es Kameras von vielen anderen Herstellern gab (am Ende sogar von Agfa). Selbst 5 verschiedene Spiegelreflexkameras gab es! Aber auch Agfa konnte andere Kamerahersteller überzeugen,  auf die Rapid-Patrone zu setzen. Hier gab es ein paar schicke Kameras, insbesondere von japanischen Herstellern (wenn auch keine SLR!), und eine der hübschesten ist diese Fujica Rapid S2. 
Besonders bemerkenswert ist, dass Fujiphoto ja selbst Filmhersteller war und auch eigene Filme in der Patrone angeboten hat, ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das auch für Europa zutrifft. Jedenfalls war und ist mein Plan, mit einer Rapidkamera zu fotografieren, und das will ich nicht mit einer Einfachstkamera a la Isoflash tun. Daher habe ich mich schon länger umgeschaut und bin immer wieder an dieser schicken Fujica S2 hängengeblieben. Außerdem hat sie eine frühe Belichtungsvollautomatik nach Agfa Optima Vorbild an Bord. Dies und den dazugehörigen Lichtwertverschluss Seikosha-L will ich mir genauer anschauen. Es wird also vermutlich neben diesem Teil 1 (über die Kamera selbst), einen Teil 2 (Rapid-Film und Handling), einen Teil 3 (Verschluss und Belichtungsautomatik), sowie als Abschluss: Teil 4 (Fotos von und mit der Kamera) geben.

Meine Kamera hier ist für ihre 55 Jahre extrem gut erhalten und (vermutlich) voll funktionsfähig. Viel scheint auch nicht kaputtgehen zu können. Fast alles ist aus Metall und super solide gebaut. Sogar der Selen-Belichtungsmesser funktioniert noch. Wie genau er allerdings misst, werde ich beim Teil 4 (meine Fotos) feststellen. Dies und der ansonsten recht tadellose äußere Zustand sind allerdings auch ein Zeichen dafür, dass sie die meiste Zeit ihres Kameralebens im Dunkeln verbracht hat.  

Fuji hat diese Kamera zusammen mit ihrer viel einfacher gehaltenen kleinen Schwester Rapid S wohl nur 1965 gebaut, beide wurden schon 1966 von der Rapid D1 und der Rapid SF abgelöst. Die S und die S2 waren Fuji's einzige Kameras für das quadratische 24x24 Format, ihre Nachfolger für die Rapid-Patrone knipsten dann (schon wieder) im zumindest in Japan recht populären Halbformat 18x24 mm. Es war ein insgesamt kurzer Rapid-Ausflug von Fuji, davor und danach gibt es einige zum Teil sehr ähnliche einfache oder auch automatische Kameras für den normalen Kleinbildfilm. Fuji hat aber im Gegensatz zu Agfa und vielen anderen nie Kameras für die 126er Instamatic Kassette gebaut (wohl aber Film dafür produziert).
Viel mehr gibt es über die Kamera selbst nicht zu sagen. Neben ihrem recht schicken Design ist sie erstaunlich unspektakulär und arm an Schnickschnack, wenn man das so sagen kann. Es gibt sehr wenige Einstellmöglichkeiten, die Belichtungsautomatik und der Zonenfokus sollen wohl das meiste regeln. Für das relative kleine Negativformat von 24x24 mm ist sie allerdings recht groß (insbesondere breit) geraten und mit fast 500 g auch recht schwer. Ich habe bereits angefangen damit zu fotografieren und Ösen für einen Kameragurt vermisst. Vermutlich gab es statt dessen eine Bereitschaftstasche, allerdings hab ich diese nicht.


Datenblatt Solide automatische Sucherkamera für den Rapid-Film (24x24)
Objektiv Fujinar-K 2.8 cm f/2.8 (Triplet, vergütet), entspricht vom Bildwinkel ca. 35 mm bei 24x36. Manuelle Blende 2.8 - 22 nur für Blitzfotografie bei ca. 1/30s.
Verschluss Seikosha-L Zentralverschluss, automatisch gesteuert ("Electric Eye") per Lichtwert (8-17), entspricht 1/30s f/2.8 - 1/250 s f/22, sowie kontinuierlich die Werte dazwischen.  
Belichtungsmessung Selenzelle rund um's Objektiv, steuert Verschluss automatisch. Rote Fahne im Sucher, wenn Beleuchtung nicht ausreichend.
Fokussierung Manuell am Objektiv, 0.8 m bis unendlich, Symbole für Zonenfokus, bei den Symbolen einrastend.
Sucher Durchsichtsucher mit Leuchtrahmen, keine Parallaxenkorrektur
Blitz über Buchse, Zubehörschuh ohne Mittenkontakt.
Filmtransport Schnellschalthebel, direkt von rechter in linke Rapid-Patrone, Bildzählwerk (rückwärts 16-0), nach Filmeinlegen drei Leerschwünge zum Filmeinfädeln.
sonst. Ausstattung Stativgewinde ¼'', Drahtauslöser-Gewinde.
Maße, Gewichtca. 61x130x57 mm, 480g
Batterie keine
Baujahr(e) 1965, ca. 36,000 Exemplare (eigene Schätzung)
Kaufpreis, Wert heute ?, heute je nach Zustand 30-50 €
Links Fotomuseum Tauber, Camera-Wiki, Kanskamera,

2020-04-22

Nikkorex 35 Zoom und die Geschichte der Zoomkameras

1963-1965, die erste Zoomkamera der Welt.
Ich habe es bei meinem Beitrag über die Nikkorex 35 Zoom schon erwähnt: Sie ist als allererste Kamera mit fest eingebautem Zoom-Objektiv ein Meilenstein. Allerdings ein seltsamer Meilenstein, weil sie selbst ab 1963 nur ca. 2 Jahre am Markt war und erst mal ohne Nachahmer wieder verschwand und es dann fast 25 Jahre dauerte bis das Prinzip Zoomkamera (fest eingebautes Zoomobjektiv) sich langsam durchsetzte und danach zum Standard wurde.

Das ist natürlich eng verbunden mit der technischen Entwicklung des Zooms und die steckte seit dem ersten Voigtländer Zoomar (1959) 1963 noch in den Anfängen. Die allermeisten Hertsteller brachten zunächst Telezooms (so auch Nikon), weil diese wohl einfacher zu realisieren waren, außerdem spielte bei diesen die zusätzlich benötigte Größe im Vergleich zur Festbrennweite keine so große Rolle. Auch die Nikon-Ingenieure  mussten erst die Erfahrung machen, dass ein Standard-Zoom bei der Konzentration auf die optischen Qualitäten schnell größen-, gewichts- und kostenmäßig aus dem Ruder laufen kann. So geschehen beim geplanten und später nicht realisierten 35-85 f/2.8-3.5. Man musste also weitere Kompromisse machen und die Branche lernte dies im darauf folgenden Jahrzehnt. Auch das 43-86 war ein solcher Kompromiss, aber ein fauler. Der Brennweitenbereich und die optischen Leistungen waren nicht da, wo sie eigentlich sein sollten, trotzdem war das Ding immer noch groß und teuer. Das war der Grund, warum die Nikkorex und mit ihr das Konzept Zoomkamera 1965 erstmal wieder in der Versenkung verschwanden.

1977: Das erste Zoom, was als Standardobjektiv
mit einer SLR zusammen verkauft wird. 
Erst ca. 10 Jahre später kam wieder Fahrt in die Sache und ab ca. 1973 kamen die ersten wirklich brauchbaren Standard-Zooms auf den Markt. Als erstes optisch fast ebenbürtiges Standardzoom gilt das Canon FD 35-70 f/2.8-3.5, aber auch das war noch groß und teuer. Fast alle wichtigen Objektivhersteller brachten innerhalb der folgenden Jahre akzeptable und immer kompakter werdende Modelle. Unterstützt wurde das von der Tatsache, dass die Kameras inzwischen TTL-Messung beherrschten und die Zooms daher auch in ihrer Anfangsöffnung variieren konnten. Ein entscheidender Freiheitsgrad mehr für die Ingenieure. Es war dann Fuji, die sich als erste trauten, ein Zoom (Fujinon-Z 43-75 f/3.5-4.5) als Standardobjektiv mit einer SLR zu verkaufen. Von hier aus -sollte man meinen- wäre der Weg zu einer zweiten Zoomkamera nicht mehr weit gewesen. Aber beim allseits beliebten 35mm Film tat sich auch die nächsten 10 Jahre nichts.

1976-1979: Die zweite Zoomkamera ist
eine SLRfür die Pocketkassette 110
In der Zwischenzeit (1976) betrat allerdings die zweite Zoomkamera der Welt die Bühne. Sie war ebenfalls eine SLR, allerdings für die 110er Kassette: Die Minolta 110 Zoom wurde sogar sehr konsequent als Zoom-SLR für den Massenmarkt vermarktet und fiel durch ihr sehr ungewöhnliches Äußeres auf. Das schreckte aber wohl die potentiellen Käufer eher ab, sodass sie von Minolta ab 1979 durch eine zweite eher konventionell als SLR gestylete Version ersetzt wurde. Ihr Zoom ist angeblich eines der besten überhaupt für den Pocketfilm 110 erhältlichen Objektive. Man muss aber erwähnen, dass bei beiden Kameras der Zoombereich erst bei KB-äquivalenten 50mm startete, sie streng genommen also keine echten Standardzooms, sondern leichte Telezooms waren. Aber auch diese beiden Versuche von Minolta waren nicht lange am Markt und verschwanden schnell wieder und es kamen einige Jahre, in denen man keine Zoomkamera kaufen konnte.
Pentax Zoom 70 (IQ Zoom) war ab 1987 die
erste kompakte Zoomkamera (35-70 f/3.5-6.7) 
So gab es Anfang der 1980er wieder keine Kamera mit fest eingebautem Zoom am Markt. Es war die Zeit der Automatisierung. Fast alle Kameras hatten inzwischen irgendeine Art von Belichtungsautomatik an Bord, viele einen Elektronenblitz eingebaut, fast überall Elektronik und natürlich eine Batterie an Bord. Autofokus gab es bei den Kompakten seit der Konica 35 AF (1977) und bei den Kleinbild-SLR's seit 1981 (Pentax ME-F). Das einzige dazu verfügbare AF-Objektiv war (natürlich) ein Standardzoom, aber eben nicht fest eingebaut. Den umfassendsten Automatisierungsgrad erreichte dann 1985 die SLR-Königin Minolta 7000 AF. Gerade an ihr erkennt man einen anderen Trend in der Kameraproduktion: der Einzug von Kunststoff und Plastik als Hauptmaterial der Kameras (sogar bei SLR's). Kunststoff, die Verwendung von Elektronik und weitere Fortschritte beim (Zoom-) Objektivdesign ermöglichten dann den dritten und letztendlich nachhaltigen Versuch der Einführung von Zoomkameras. Angekündigt schon 1986 erschien dann ein Jahr später die Pentax Zoom 70 (in anderen Märkten auch Pentax IQZoom). Allerdings muss man der Fairness halber erwähnen, dass es schon einige meist "TW" (Tele/Wide, TWin-Focal) genannte Kameras in dieser Klasse gab (z.B. Fuji TW-300, Nikon TW2, Vivitar TW35 u.a.) , allerdings eben keine echte Zooms. Aber der Pentax Zoom folgten bald fast alle anderen Kamerahersteller und diese Kamerklasse war spätestens ab Mitte der 1990er Jahre in den meisten Haushalten zu finden.  Auch ich habe irgendwann eine solche sehr preiswert bei Aldi erworben.     
Yashica Samurai X3.0: der dritte Versuch eine
Zoom-SLR Kameraklasse am Markt zu etablieren

Und was ist mit SLR? Auch hier kam 1987 eine recht außergewöhliche Kamera auf den Markt: Yashica Samurai X3.0, eine vollautomatische SLR mit eingebautem Dreifachzoom 25-75 mm f/3.5-4.3 für das Halbformat 18x24 mm auf Kleinbildfilm 135. Zusammen mit den 1988 erschienenen Ricoh Mirai und Chinon Genesis (beide für 24x36 mm) begründete sie die neue Klasse der sogenannten Bridge-Kameras, Olympus bezeichnete seine entsprechenden Kameras als ZLR (Zoom Lens Reflex). Diese Klasse hat sich am Ende sogar irgendwie ins digitale Zeitalter gerettet: Heute bezeichnet man als "Bridge" solche Kameras mit relativ großen Sensoren, aber simpler und vollautomatischer Bedienung. Und natürlich mit fest-eingebautem Zoomobjektiv, das vom Weitwinkel in den Telebereich reicht. Danke Nikon, für die frühe Studie dazu von vor 57 Jahren!