Posts mit dem Label Meilenstein werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Meilenstein werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

2025-07-13

Contax I(f)

Die Contax war 1932 Zeiss Ikon's lang erwartete Antwort auf die schon seit 1925 auf dem Markt befindliche Leica, die sich trotz ihres hohen Preises einer erstaunlichen Beliebtheit erfreute.  Fast 80,000 Examplare hatte Leitz trotz der Weltwirtschaftskrise bis dahin verkaufen können und auf der Leipziger Frühjahrsmesse wurde die Leica II präsentiert, mit ein- (oder besser) an-gebautem gekoppeltem Entfernungsmesser. 

Zeiss Ikon war ja erst 1926 durch Fusion von Contessa-Nettel, Ica, Ernemann und Goerz unter dem Dach der Carl-Zeiss Stiftung entstanden und nun der bei weitem größte und wichtigste Kamerahersteller. In den ersten Jahren war man zunächst damit beschäftigt, das umfangreiche Kamerasortiment zu konsolidieren, um sich nicht selbst weiter intern Konkurrenz und Platz für Neuentwicklungen zu machen. Als Leica-Alternative kam zunächst (1930) die Kleinfilmkamera Kolibri, dummerweise waren auch viele andere Hersteller gleichzeitig auf die Idee mit dem Halbformat 3x4 auf dem 127er Rollfilm gekommen, so dass der Markt etwas übersättigt mit solchen Kameras war. Außerdem war eine "echte" Leica-Alternative gefragt, die auch noch besser sein sollte...

Zeiss Ikon investierte also ab 1929 in deren Entwicklung, schickte das junge Ingenieurstalent Heinz Küppenbender nach Dresden und machte ihn zum Chef eines größeren Entwicklerteams. Heraus kam die Contax, leider nicht mehr rechtzeitig zur Frühjahrsmesse im März 1932. Erste Exemplare waren wohl ab dem Sommer zu haben. In der Papierform war sie tatsächlich in vielen Belangen der Leica überlegen und wurde entsprechend auch teurer verkauft. Allerdings war sie bei ihrem Erscheinen 1932 noch nicht wirklich fertig. Man kämpfte mit einigen Kinderkrankheiten, die ersten Produktionsserien wurden zum Teil nochmal komplett überarbeitet, was man den AU- und AV-Seriennummern heute ablesen kann. Sammler unterscheiden 6 (McKeown, Typen a-f) oder 7 Versionen (Kuc, s.u.) mit kleineren oder größeren Änderungen, die bei laufender Produktion zwischen 1932 und 1935 implementiert wurden. Die beiden wichtigsten sind die Einführung des Viergruppenverschlusses (mit Langzeitwerk ab ½ s, ab Typ c bzw. Version 4, ca. Frühjahr 1933) und der Drehkeilentfernungsmesser (davor Spiegel, ab Typ e, V. 6, ca. Herbst 1934). 

Erst gegen Ende 1935 war die finale Version 7 (Typ f) auf dem Markt und eine solche habe ich hier vor mir (Seriennummer Z27153). Alle weiteren Verbesserungen flossen von da an in die Nachfolgerin Contax II ein, die im Frühjahr 1936 erschien, endlich die fast perfekte Alternative zur Leica (nun III) war und nicht mehr wesentlich bis zum Ende ihrer Produktion verändert wurde. Die ursprünglich nur Contax genannte Kamera hatte im Jahr 1936 noch einem letzten Produktionsblock (Seriennummern A20xxx), blieb bis 1938 im Zeiss Ikon Katalog und hieß nun Contax I. Anscheinend gab es noch erkleckliche Lagerbestände!

Mein Exemplar ist äußerlich in einem sehr abgenutztem Zustand. Ein Vorbesitzer hat sich irgendwann sogar die Mühe gemacht, die ursprünglich schwarz lackierten Kanten bis aufs Aluminium abzuschmirgeln. An anderen Stellen blinkt Messing durch und die ursprünglich roten und weißen Beschriftungen sind nur mit viel Wohlwollen noch als jetzt beige-rotbraun und beigebraun zu erkennen. Der ausklappbare Standfuß fehlt und der Rückspulknopf ist nicht mehr der originale. Aber ansonsten kann ich mich nicht beschweren - die Kamera funktioniert: Der Verschluss läuft auf allen Zeiten plausibel, die 1/100 Sekunde habe ich stellvertretend mal mit dieser Methode nachgemessen. Auch der Entfernungsmesser geht noch (dank Drehkeil!) und der mit dem Zeigefinger zu bedienende Fokus-Schneckengang ist super leichtgängig. Einem Testfilm stände also nichts entgegen... 

Nun war ich natürlich neugierig, wie erfolgreich Zeiss Ikon mit ihrer Contax I wirklich war, sprich wieviele Exemplare gebaut und schließlich verkauft wurden. Die Antwort darauf war schwieriger zu bekommen, als ich gedacht hatte für so eine bekannte und auch bedeutende Kamera. Nirgendwo in den Weiten des Internets habe ich diese Zahl gefunden. Am nächsten dran kam ich mit einem Artikel aus dem Journal der Zeiss Historica Society, der allerdings nur auf das Buch "Auf den Spuren der Contax, Band 1" von Hans-Jürgen Kuc (Wittig Verlag 1992, ISBN 3-88984-118-X) verweist. Also habe ich mir das Buch in einem Antiquariat bestellt und mir die Wartezeit darauf dadurch verkürzt, dass ich mich selbst per Seriennummernsuche an die Arbeit gemacht habe. 

Und tatsächlich habe ich bei e-bay und anderen Seiten im Internet knapp über 100 Contax-I-Seriennummern finden können. Die Analyse wird dadurch erschwert, dass Zeiss Ikon keine separate Nummer nur für die Contax hatte, sondern sich alle Kameras einen Nummernkreis teilen. Allerdings wird einem beim Betrachten der Zahlen schnell klar, dass es Produktionsblöcke mit fortlaufenden Nummern gegeben haben muss, im Falle der Contax waren es 25 Blöcke, von denen ich mit meiner Analyse schon 23 gefunden habe. Ca. 100 Kameras als Stichprobe bei 25 Blöcken, gibt im Schnitt nur 4 Kameras pro Block und einen entsprechend großen Schätzfehler. Meine Analyse hat tatsächlich ca. 30.000 Kameras (+/- 5.000) ergeben. 

Als dann das Buch vor ein paar Tagen kam, war ich sehr angetan. Die dort verwendete Stichprobe war ca. 5000 Kameras groß und die Schätzung von insgesamt 36.700 Kameras entsprechend viel genauer als meine. Eine Fehlerabschätzung macht Hans-Jürgen Kuc leider nicht, weist aber sehr solide auf mögliche Fehler hin. Das Buch ist tatsächlich eines der besten Photographica-Bücher, die ich bisher in die Finger bekommen habe. Ein echtes Standardwerk zu Contax und Co. Ich habe mich also entschlossen hier nicht alles widerzukäuen, was sowieso im Internet zu finden ist (Achtung: nicht alles dort ist richtig!), sondern zur Abwechslung mal auf dieses Buch zu verweisen, es lohnt sich für alle, die an Details (Technik und Geschichte) interessiert sind. Das Buch gibt es übrigens auch in einer Englischen Version...

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera für perforierten 35mm Film mit Wechselobjektiven und Entfernungsmesser
Objektiv Contax Wechselbajonettfassung mit kameraseitigem Schneckengang für 50 mm Objektive (Innenbajonett), sowie Außenbajonett für alle anderen Brennweiten (mit eigenem Schneckengang). Als Standardobjektive 5cm verfügbar: Tessar f/3.5 und f/2.8, Sonnar f/2 und f/1.5.
Verschluss Vertikal ablaufender Metallrollo-Schlitzverschluss, Zeiten in vier Gruppen wählbar: B und 2; 5 und 10; 25-50-100; 100-200-500-1000 (1/s). Frühe Kameras bis Frühjahr 1933 hatten noch die einfache Version mit B-25-50-100-200-500-1000. Ein Upgrade wurde für 30 RM angeboten, die neue Version kostete auch 30 RM mehr.
Gehäuse Metall-Druckguss aus Silumin (Al-Si-Legierung), komplett abnehmbare Rückwand zum einfachen Filmhandling und Austausch gegen Zubehör.
Fokussierung Eingebauter gekuppelter Entfernungsmesser, Fokussierung mit dem rechten Zeigefinger per (Unendlich-) arretierbarem Drehrad. Bis 1934 mit Schwenkspiegeltechnik und großer Basis von 10,3 cm. Danach per Drehkeiltechnik, Basis nun 93 mm. 
Sucher Optischer Fernrohrsucher (getrennt vom benachbarten Entfernungsmesser-Einblick), vorschiebbare Suchermaske (s.u.)
Zubehör Umfangreiches Zubehör verfügbar, siehe Katalogseiten unten. Kamera gilt als eine der ersten Systemkameras.
Filmtransport Mittels kombiniertem Drehknopf auf der Kameravorderseite, der gleichzeitig den Verschluss spannt und direkt über dem Zeiteneinstellrad liegt. Film wird entweder von Patrone zu Patrone transportiert, oder zurückgespult nach Filmende. Bildzählwerk auf der Kameraoberseite.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Drahtauslöseranschluss, 3/8“ Stativgewinde, Ösen für Kameragurt, Unendlich-Ver/Entriegelung per Schieber neben Fokusrad, automatische Entriegelung für Außenbajonettobjektive, Suchermaske für Teleobjektiv (meist für 8,5 cm, optional auch 13,5 cm), ausklappbarer Standfuß. 
Maße, Gewicht ca. 45 x 70 x 135 mm, 570 g (ohne Objektiv).
Baujahr(e) 1932-1936, im ZI-Verkaufsprogramm bis 1938. Diese # Z27153 von Ende 1935. Insgesamt maximal 36.700 Kameras (Kuc), davon ca. 15.000 dieser Version 7 bzw. "f".
Kaufpreis, Wert heute 365 RM (1935, mit Sonnar f/2), heutiger Wert je nach Version und Zustand ca. 400 - 2000 €
Links Camera-Wiki, WikipediaCameraquest, PacificrimDeutsches Kameramuseum (Kurt Tauber), Altglasfieber, Zeiss Historica Q3-1993
Bei KniPPsen weiterlesen Contax II, Kiev 4, Leica Ia, Leica III, Beira, Peggy, Retina, Super- Nettel, Tenax II, Kolibri, andere Vorkriegs-Kleinbildkameras, andere 3x4-Kameras


Seiten aus den Photo Porst Katalogen von 1932 (links) und 1935 (rechts). Klick auf die Grafik führt zu weiteren Seiten als PDF...

2024-12-17

Rectaflex


Seit langem hier mal wieder ein Spiegelreflex-Meilenstein: Die italienische Rectaflex war die erste in Serie gefertigte SLR mit einem Pentaprisma. Sie kam im Oktober 1948 auf den Markt und hat damit die anderen Teilnehmer des "Rennens" um diese Innovation eindeutig hinter sich gelassen. Dies gilt seit dem akribisch recherchierten Buch von Marco Antonetto (la Reflex Magica) als gesichert. Bedauerlicherweise gibt es immer noch Sammler, die die alte Dresdener Behauptung wiederkäuen, der Contax S gebühre diese Ehre. Auch unter meinem Beitrag zur Contax F gibt es einen solchen unbelehrbaren Kommentar. Eine gute um umfangreiche Zusammenfassung des "Rennens" und Diskussion der zeitlichen Abfolge findet sich hier.
Das Pentaprisma als zentrales Element
der modernen Spiegelreflexkamera.
Ich habe eigentlich nicht mehr damit gerechnet, dass ich eine Rectaflex mal meiner Sammlung hinzufügen kann, ist sie doch im Vergleich zum Beispiel zur Contax S relativ selten anzutreffen und wird daher üblicherweise entsprechend hochpreisig gehandelt. Mir lief sie auf der jährlichen Darmstädter Foto-Börse über den Weg und wegen ihrer ausgeprägten Gebrauchspatina und etwas Verhandlungsgeschicks konnte ich sehr günstig zuschlagen. 

Mein erster Eindruck war: Was für ein Klotz, mit Objektiv fast 1kg schwer, auf Bildern wirkt sie ohne direkten Vergleich kleiner. Außerdem hat sie insgesamt eine sehr hochwertige Anmutung mit einigen State-of-the-Art Features, natürlich bezüglich der späten 1940er Jahre, in mancher Hinsicht wirkt sie sogar rückblickend modern. Das ist insbesondere erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ihre Erbauer keinerlei Erfahrungen mit Kameras hatten und sie am Ende die erste und einzige italienische Spiegelreflexkamera bleiben sollte. 

Die Geschichte der Kamera ist sehr interessant und in deutscher oder englischer Sprache noch nicht detailliert im Netz zu lesen. Meine Hauptquelle für diese Kurzzusammenfassung ist die unten angegebene italienische Website, die sich wiederum auf das oben erwähnte Buch beruft. Das Ganze startet im Jahr 1946 als der römische Jurist Telemaco Corsi von der perfekten Kamera träumt und sich für ihn als nebenberuflich leidenschaftlichen Erfinder die Gelegenheit ergibt, seinen Traum auch umzusetzen. Corsi ist eigentlich Geschäftsführer von S.A.R.A. (Studi Atrezzature Realizzazioni Automechanice), einer kleineren Firma bei Rom, die alte Militärfahrzeuge für zivile Zwecke umrüstet. Während des Krieges hatte man unter anderem auch optisches Equipment wie Zielfernrohre in Lizenz montiert. Corsi war nicht Eigentümer, sondern nur angestellter Geschäftsführer von SARA, das zum großen Industriekonzern SNIA Viscosa, einem bedeutenden Kunstseidehersteller, gehörte. Er schaffte es irgendwie seine Chefs und Geldgeber von SNIA zu überzeugen, dass der Bau seiner Traumkamera eine gute Idee und neues Betätigungsfeld seiner Firma werden sollte.
 

Er scharrte also ein paar Techniker und Gleichgesinnte um sich und schaffte es, innerhalb weniger Monate einen noch nicht funktionierenden Prototypen zu konstruieren, der auf der Mailänder Messe im Juni 1947 vorgestellt wurde. Dieser hatte schon einen Rückschwingspiegel, aber das damals verwendete Prisma erzeugte zwar ein aufrichtiges, aber noch seitenverkehrtes Bild. Dies wurde schließlich durch die Verwendung des bis heute üblichen Dachkant-Pentaprismas geändert. Das folgende Jahr nutzte Corsis Team, um die Konstruktion mehr oder weniger fertigzustellen. Auf der Mailänder Messe 1948 konnte man die Besucher mit einer funktionierenden Kamera begeistern, was Corsi nutzte, seine Geldgeber vom Einstieg in die Serienfertigung zu überzeugen. Ab Oktober begann dann die Auslieferung der ersten Exemplare und das "Rennen" war gewonnen. Ich habe keine Ahnung, ob Corsi oder die anderen Teilnehmer überhaupt wussten, dass sie an einem solchen teilnahmen.

Die Kamera hatte natürlich anfangs einige Kinderkrankheiten,  insbesondere mit dem Verschluss. Kein Wunder bei der geringen Erfahrung des Entwicklerteams und der Geschwindigkeit, mit der diese Kamera quasi aus dem Boden gestampft wurde. Die ersten Jahre wurde bei laufender Produktion weitere ständige Verbesserungen implementiert, kurzzeitig gab es daher eine abgespeckte "Junior"-Version ohne Langzeitwerk und nur 1/500s als kürzeste Zeit. Nach fast 5000 ausgelierten Kameras und 4 Jahren hatte man 1952 endlich eine fertige Kamera (die sogenannte Standard 1000), allerdings war die Sache viel teurer geworden als gedacht und die Verkäufe ließen zu wünschen übrig. 



Die Verantwortlichen von SNIA entbanden Corsi von der Gesamtführung der Unternehmung, ließen ihm aber weiter das Entwicklungslabor, wo er schon bald den neuen Standard 1300 entwickelte (z.B. diese Kamera hier, Serien-Nummer ab 25001), der für die folgenden ca. 2 Jahre die produktivste Zeit des Unternehmens (300 Kameras pro Monat bei insgesamt 300 Angestellten) prägen sollte. Für Vertrieb und Marketing wurde Leon Baume angeheuert, dem es schließlich gelang, einen lukrativen Großauftrag für die US-Streitkräfte von insgesamt 30.000 Kameras über 5 Jahre an Land zu ziehen. Das entspräche ca. 500 Exemplare pro Monat, und hatte zur Folge, dass schon die erste Lieferung von 1500 Kameras Verspätung hatte. Die US-Armee stornierte daraufhin die folgenden Bestellungen und bezahlte wohl auch nicht die vereinbarte Summe.
 
Von diesem Schlag sollte sich das Rectaflex-Projekt nicht mehr erholen. Corsi und Baume kamen nicht miteinander klar und Ende 1954 beschloss SNIA Viscosa, die Produktion mit den noch vorhandenen Einzelteilen im Jahr 1955 auslaufen zu lassen. Baume suchte gleichzeitig einen Käufer für das Kameradesign und die Maschinen und fand den Fürsten Franz Josef II. von Lichtenstein, der die Firma schließlich mit seiner eigenen Kameraschmiede Contina zur Rectaflex International verschmolz. Dort in Vaduz sollte dann eine Weiterentwicklung der Standard 1300 mit anders geformten Prismengehäuse (Seriennummer ab 40001) "vom Band laufen". Der Umzug und Implementierung zogen sich dann aber bis 1958 und es wurden letztlich nur 300 Kameras in Lichtenstein produziert. 

So sehr mich die Kamera und ihre Geschichte faszinieren, ich wundere mich nicht über das Scheitern und die Umstände, die dazu geführt haben. Ähnliche Beispiele kenne ich aus Deutschland und habe sie hier im Blog vorgestellt und als 50er-Jahre Start-ups bezeichnet. Es war halt die Nachkriegswunderzeit, alles schien möglich und Träume wurden einfach mal so umgesetzt, der Realitätscheck fiel dann oft schmerzhaft aus, wie hier. Die Qualität und Innovationshöhe der Rectaflex ragt allerdings aus den vielen Startup-Kameras weit heraus und hätte sicher jedem größeren Kamerahersteller als Flagschiff gut zu Gesicht gestanden. So bleibt sie aber Kameraeinzelkind, die jetzt ihren verdienten Platz neben der Kine Exakta und der Contax F in meiner Vitrine findet.

Datenblatt Erste KB-Spiegelreflex mit Pentaprisma 
Objektiv Wechselobjektive mit Rectaflex-Bajonett, hier mit Schneider Xenon 50 mm f/2. Andere Objektive von Angenieux, Bertiot, Zeiss, …
Verschluss Horizontaler Tuchschlitzverschluss, B-1-2-5-10-25-50-100-200-600-1300 1/s. Frühe Versionen der Kamera: ...-100-200-500-1000. Modell Junior nur mit Kurzzeitwerk B-25-50-100-200-500.
Fokussierung Manuell per Schneckengang und Verschiebung des ganzen Objektivs. Fokussierhilfe siehe Sucher...
Sucher Spiegelreflex mit Mattscheibe und Pentaprisma, extra Mischbildentfernungsmesser im Bildzentrum. Rückschwingspiegel (mit Auslöser gekoppelt).
Blitz Zwei Anschlussbuchsen an der Kameravorderseite, einstellbare Verzögerung
Filmtransport Mit Drehknopf auf der rechten Kameraoberseite, gleichzeitiges Spannen des Verschlusses. Bildzählwerk (0-35, vorwärts), Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', ISO-Drahtauslösergewinde, Film/Empfindlichkeits-Merkscheibe.
Maße, Gewicht 148 x 90 x 50 / 82 mm, 708 / 982 g (ohne / mit Objektiv).
Baujahr(e) 1948-1955, ca. 11.000 Exemplare. Diese #28253 von 1953
Kaufpreis, Wert heute 135.000 L (1954) bzw. 295 US$ (1950), heute je nach Zustand, Objektiv und Modell, ca. 300 € bis 1500 €
Links Camera-Wiki, Pentax-SLR.com, Bencinistory (Italienisch), Anleitung (Italienisch), Manual (Englisch), ZeissIkonVEB (Contax S vs. Rectaflex), Mike Eckman, Kleinbildkamera.ch

2022-11-20

Revue Auto-Reflex (Konica Auto-Reflex)

Um meine Sammlung zur Geschichte der Belichtungsautomatik abzurunden, fehlte noch dieser Meilenstein: Die Konica Auto-Reflex, hier unter dem Namen von Konica's deutschen Vertriebspartners Foto Quelle als Revue Auto-Reflex. Ihre kleine Schwester Revue SP (Konica Auto-Reflex P) habe ich vor kurzem auch schon vorgestellt. Mit ihr teilt sie das in der SLR-Geschichte ansonsten einmalige Feature mit der Formatumschaltung zwischen 18x24 (Halbformat) und 24x36 mm. Aber dazu habe ich mich dort schon ausgelassen und werde es hier nicht wiederholen.
Die Auto-Reflex neben ihrer automatiklosen Schwester Revue SP (Auto-Reflex P)
Von der Auto-Reflex wird oft behauptet, sie wäre die erste SLR mit einer Belichtungsautomatik gewesen. Das ist falsch, es gab in den Jahren vor ihr schon einige andere, wie man in meinem Beitrag dazu nachlesen kann. Alle automatischen SLR vor ihr hatten einen Zentralverschluss, sie war lediglich die erste aus heutiger Sicht moderne SLR mit einem Schlitzverschluss. Ihr fehlte sogar noch TTL-Messung, das kam erst mit ihrer Nachfolgering Autoreflex T im Jahr 1968. 

Schema des Seilzugverlaufs in
Konica's Trap-Needle Implementierung.
Hier am Beispiel der Autoreflex T3.
Ich habe irgendwie immer Belichtungsautomatik mit dem Aufkommen der Elektronik gedanklich verbunden. Das stimmt auch im Falle der Zeitautomatik, bei Blendenautomatiken aber erst seit der Canon AE-1 (1976). Die Auto-Reflex und auch alle ihre Nachfolger bis hinein in die 1980er nutzen eine mehr oder weniger raffinierte sehr mechanische Implementierung des alten Kodak'schen Trap-Needle Prinzips von 1938.
Zentrales, und charakteristisches Bauteil ist ein sehr komplex geführtes und federgespanntes Drahtseil, das quer durch die Kamera verläuft. Seine Aufgabe ist es, das Drehspulinstrument des Belichtungsmessers so zu drehen, das es zu den Einstellungen der Kamera passt. Dazu ist das obere Ende des Seils mit dem Einstellrad für die Verschlusszeit verbunden, die eleganterweise mit der Filmempfindlichkeitseinstellung kombiniert ist. Wird dieses Rad um einen Lichtwert gedreht (oder die Empfindlichkeit entsprechend verstellt), so dreht sich das komplette Drehspulinstrument um eine Blende. Somit wird gewährleistet, dass die Nadel, die zum Beispiel bei 1/125 s auf Blende 8 zeigt, bei 1/60 s auf Blende 11 gerichtet wird. Das andere Ende des Seils reicht in den Fußraum des Spiegelkastens und "liest" dort quasi die maximale Öffnung des angesetzten Objektivs ab. Die sonstige Trap-Needle Konstruktion ist fest verbaut und wird über den Verschlussaufzug federgespannt. Ist der Blendenring am Objektiv auf EE ("Electric Eye", frühe Objektive) oder AE ("Automatic Exposure", spätere Objektive) gestellt, wird das Objektiv beim Auslösen nur bis zur im Sucher von der Nadel angezeigten Blende abgeblendet. Fertig ist die Blendenautomatik; die Batterie wird nur für den Belichtungsmesser gebraucht.
 
Mein Exemplar habe ich nach langer Suche doch sehr günstig bekommen können. Es ist allerdings auch defekt, löst nicht mehr aus und hat auch so die eine oder andere Macke. Für meine Zwecke (Vitrine) reicht es. Vielleicht traue ich mich mal an einem langen Winterwochenende ran und versuche mal den Seilzug freizulegen und den Verschluss wieder zum Laufen zu bekommen. Bei eingelegter Batterie zeigt die Nadel immerhin vernünftige Werte an.  

Datenblatt Erste moderne SLR mit Schlitzverschluss und Blendenautomatik.
Einzige KB-SLR mit umschaltbarem Format 24x36 und 18x24 (zusammen mit der kleinen Schwester Auto-Reflex P, ohne Automatik im selben Gehäuse)
Objektiv Konica AR Bajonett, hier mit Hexanon 52 mm f/1.8 (Gauß-Typ, 6 Linsen in 5 Gruppen, #4560392)
Verschluss vertikaler, mechanischer Metall-Schlitzverschluss (Copal Square), B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500-1000 1/s. 
Belichtungsmessung CdS-Belichtungsmesser (extern, kein TTL), damit realisierte Trap-Needle Blendenautomatik. 
Fokussierung Mattscheibe mit Mikroprismen im Zentrum.
Sucher Spiegelreflex mit Rückschwingspiegel. Halbformatmarkierungen. Nadelanzeige der verwendeten Blende.
Blitz M und X Buchse. X-Synchronzeit 1/125 s.
Filmtransport mit Schnellschalthebel, Rückspulkurbel. Bildzählwerk (vorwärts) zählt im Halbformatmodus nur jedes zweite mal hoch.
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Stativgewinde 1/4‘‘, Drahtauslöseranschluss, als Zubehör: Zubehörschuh zum Aufstecken
Maße, Gewicht ca. 142x94x46, 719 g (ohne Objektiv), 942g (mit 1.8/52)
Batterie PX625 (1.35V Hg), oder Alternative.
Baujahr(e) 1965-1968, #851617
Kaufpreis, Wert heute ca. 250 US$ (1966), 569 DM (1968 bei Foto Quelle), ca. 150 €
Links Konicafilesbuhla.de, Camera-Wiki, Wikipedia, Bedienungsanleitung (Auto-Reflex, mehrsprachig), Mike Eckman, Konica-collector.org
Bei KniPPsen weiterlesen Konica Autoreflex TCKonica TC-X, Konica FS-1, Konica C35V, Konica C35AF

2022-09-10

Nikon FA

Normalerweise poste ich hier nur Kameras, die ich selber besitze, diesmal ist es anders. Ich habe schon einige Auktionen verfolgt und auch das eine oder andere Mal mitgeboten, bisher erfolglos. Das liegt natürlich daran, dass ich in diesem Fall unbedingt eine funktionierende Kamera bräuchte, einfach um ihre Belichtungsautomatik zu testen und zu würdigen. Solche Kameras werden natürlich von anderen Interessenten zum Fotografieren gesucht und daher sind die Preise außerhalb meines Sammelbudgets. Dafür besitze ich schon seit den Zeiten ihres Erscheinens (1983) den deutschen Kameraprospekt, dessen Scan ich hier gerne verlinke. Auch die beiden Bilder hier sind daher.  
Nikon hat sich lange Jahre bei Innovationen zur Belichtungsautomatik zurückgehalten und immer so ein Jahr nach der Konkurrenz entsprechende Dinge (dann aber sorgfältig) implementiert. Seit der Nikkormat EL (1972) gehörte Nikon zur Zeitautomatik-Fraktion, eine Programmautomatik gab es ab 1982 in der Consumer-SLR Nikon FG. Erst 1983 kam mit der Nikon FA der Multi-Automat, der Canon A-1 und Minolta XD7 das Fürchten lehren sollte. Neben der wohl ergonomischsten Automatik-Implementierung dieser drei hatte sie als tatsächlich letzte Belichtungsautomatik-Innovation die Matrixmessung (von Nikon AMP-Prozess genannt) eingeführt. 
Wer möchte, kann sich Nikon's detaillierte Erklärung auf obiger Doppelseite durchlesen. Kurz zusammengefasst: Das Bild wird in 5 Segmente aufgeteilt, deren Belichtung gemessen wird. Das entsprechende Muster wird nun vom Kameracomputer mit einer internen Datenbank ähnlicher Belichtungssituationen verglichen und der entsprechende und ggf. vom üblichen (mittenbetonten) Messwert abweichende Datenbank-Lichtwert zurückgegeben. 
Die FA war bzw. ist eine tolle Kamera, war aber nicht sonderlich erfolgreich. "Nur" ca. 350.000 Exemplare wurden in ca. 6 Jahren verkauft, das war in der Hochphase der analogen SLR nicht genug um wirklich zu den Bestsellern zu gehören.  Ich verzichte hier mal auf weitere technische Daten, die gibt es sogar bei Wikipedia.  Matrix- bzw. Mehrfeldmessung gab es danach in weiteren Nikon- später auch in vielen anderen Kameras und ist heute in Digitalkameras meist eine Option unter anderen.

2022-08-31

Topcon Uni

Ich habe hier schon einige Meilensteinkameras zur automatischen Belichtungssteuerung vorgestellt (hier die Übersicht). Dies ist eine der wenigen, die mir bisher noch gefehlt haben. Die Topcon Uni von 1964 ist die erste SLR mit Wechselobjektiven und eingebauter Belichtungsautomatik, die das Licht durch das Objektiv (TTL) bei offener Blende misst. Das neue von dieser Liste war die Sache mit TTL, damals eine ganz große Sache in der Branche. Topcon hatte schon im Jahr zuvor mit der RE Super dem Rivalen Pentax Spotmatic damit die Schau gestohlen. 

Die RE Super sollte in der ersten SLR Liga mitspielen, wo Automatik erst mal verdächtig bzw. verpöhnt war. Aber Topcon hatte mit ihrer „Wink Mirror“ SLR Serie auch was für den Amateur. Es handelte sich um Zentralverschluss-SLRs, die ab 1961 schon Nachführmessung (Wink Mirror E, Selenzelle) konnten, ab 1963 gab es Wechselobjektive und Blendenautomatik (UV Bajonett, Wink Mirror S). Da lag es sehr nahe, die Selenzelle durch die neue TTL-Messung mit Batterie zu ersetzen und heraus kam die Topcon Uni. 
Die Kamera wirkt viel moderner als zum Beispiel ihre deutschen Zeitgenossen (Voigtländer oder Kodak, etc.) und man kann sie durchaus vom Stil her mit Kameras aus den 1970ern verwechseln. Topcon spendierte der Serie um das UV-Bajonett alle paar Jahre weitere kleinere technische Updates, die sich Unirex (EE) und schließlich IC-1 Auto nannten. Interessanterweise hatte letztere einen Schlitzverschluss bei ansonsten ähnlicher Spezifikation. 

Größtes Manko und sicherlich einer der Gründe, warum Topcon nicht den Markterfolg wie die heute bekannteren Japaner hatte, war das UV Bajonett, das wegen des Zentralverschlusses keine wirklich lichtstarken Objektivkonstruktionen zuließ. Auch war das Objektivangebot beschränkt und kein Fremdhersteller hat je eigene Modelle dafür angeboten. Wie wir heute wissen, kam die letzte Zentralverschluss-SLR 1975 auf den Markt (Mamiya 528 AL), da war Topcon schon auf Schlitzverschluss umgestiegen und kurz davor, ganz das Kamerageschäft aufzugeben. 

Eigentlich spricht ja technisch nichts dagegen, eine Blendenautomatik auch mit einem Schlitzverschluss zu kombinieren. Eine solche SLR brachte Konica mit der Auto-Reflex 1965, allerdings konnte diese noch kein TTL. Dieses Feature kam erst 1968 mit deren Nachfolgerin Konica Autoreflex T.  

Zum Schluss möchte ich noch auf ein interessantes Detail hinsichtlich der TTL- Implementierung von Topcon hinweisen, was man bei genauem Hinsehen auf dem Bild links sehen kann. Man erkennt auf dem Spiegel ein Muster sich kreuzender feiner Linien, die allerdings beim Blick durch den Sucher unsichtbar sind. Es handelt sich dabei um den CdS Lichtsensor, das Muster ist unregelmäßig, um die Mittenbetonung der Lichtmessung zu realisieren. Man findet im Netz dazu allerdings zwei verschiedene Erklärungsvarianten: a) die CdS-Linien sind auf den Spiegel aufgedruckt; b) die Linien sind durchsichtig/nicht spiegelnd und der CdS-Sensor als Schicht auf der Rückseite des Spiegels. Wie dem auch sei, am Ende läuft es fast auf das selbe hinaus. Bei der RE Super hat Topcon es genauso gemacht, allerdings bei späteren Kameras zugunsten der auch bei anderen Kameraherstellern üblichen Technik wieder aufgegeben. Hier schauen ein oder (meist) zwei CdS-Zellen durch das Pentaprisma auf die Mattscheibe. Ist vermutlich viel billiger zu realisieren und genauso gut wie Topcons Variante.

Datenblatt Erste SLR mit Belichtungsautomatik und TTL Messung
Objektiv Topcon UV Bajonett, hier mit UV Topcor 53 mm f/2 (Gauß-Typ, 6 Elemente in 4 Gruppen), eine Serie von Objektiven zwischen 28 und 200 mm war erhältlich.
Verschluss Seikosha SLV Hinterlinsen Zentralverschluss, B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500 1/s, Automatischer Rückschwingspiegel fungiert als Hilfsverschluss.
Belichtungsmessung TTL mittels CdS-Zelle, mittenbetont. EV 5-18 (100 ASA), Filmempfindlichkeit 25-400 ASA. Automatische Belichtungssteuerung (Blendenautomatik nach Trap-Needle Prinzip) für Zeiten <=1/8s.
Fokussierung SLR, Fresnellinse mit Mikroprismen
Sucher Eingebautes Pentaprisma, 0.75x Vergrößerung (Normalobjektiv), 95%, Nadelanzeige der vom Belichtungsmesser ausgewählten Blende. 
Blitz M, X Buchse, umschaltbar.
Filmtransport Schnellschalthebel, Rückspulkurbel, Bildzählwerk
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Selbstauslöser, Stativgewinde 1/4‘‘
Maße, Gewicht ca. 136x93x84 mm, 866 g (m. Objektiv und Batterie)
Batterie PX625 (1.35V Quecksilber oder Alternativen)
Baujahr(e) 1964-1969, #54102585
Kaufpreis, Wert heute 160 US$ (1964), ca. 40€
Links Manual, Camera-Wiki, mailch

2022-02-19

Kodak Retina I (117)


Ich konnte nicht widerstehen und habe neulich meine sechste Retina I erstanden. Ich habe hier schon mehrfach berichtet (Links siehe unten in der Tabelle), diesmal handelt es sich wirklich um das Urmodell 117 von 1934, also die erste Kleinbildkamera für den universellen Kleinbildfilm 135 in der Wegwerfpatrone. Dieses Exemplar hat einige Gebrauchsspuren, ist aber vergleichsweise sehr gut erhalten und voll funktionsfähig. Mit der Seriennummer 419847 stammt es aus der allerersten Serie und wird damit den Platz in der Vitrine einnehmen, den bisher ihre deutlich abgerissenere jüngere Schwester 118 eingenommen hatte. 
Natürlich will ich den Platz hier für ein Vergleichsbild meiner Retina I Vorkriegsmodelle nutzen. Von links nach rechts sieht man die kleinen Unterschiede zwischen 117 (1934), 118 (1935) und 126 (1936), die alle mit dem Bildzählwerk zu tun haben. Markantestes Merkmal der 118 ist ein kleiner Drehknopf neben dem großen Filmtransportknopf auf der rechten Kameraoberseite. Dieser wird unbedarft gerne mit einem Gehäuseauslöser verwechselt, dieses Feature gibt es bei der Retina I aber erst mit dem Modell 141 (ab 1937). Es handelt sich um den Entsperrknopf für den Filmtransport, der bei den Modellen 118, 119 und 126 dann als kleines Hebelchen auf der Gehäuserückseite realisiert wird und schließlich ab Modell 141 wegfällt, da der Gehäuseauslöser diese Funktion mit übernimmt. Aber wozu ist "Entsperren" wirklich notwendig? Nun, die Vorgängerinnen der Retina (namentlich die Pupille und die Vollenda 48 aus dem Hause Nagel) verwendeten den Rollfilm 127 mit Rückseitenpapier inkl. aufgedruckter Bildnummern, die der Fotograf beim simplen Filmtransport durch das rote Rückseitenfensterchen beobachten konnte. Beim Kleinbildfilm (ohne Rückseitenpapier) ging das nicht mehr, hier muss der Filmtransport nach einer definierten Strecke einrasten. Genau diese Raste wird mit dem Entsperrknopf wieder aufgehoben für den nächsten Bildtransport. Dies war zunächst komplett unabhängig vom eigentlichen Auslöser, der vorne am Compur-Zentralverschluss sitzt und extra gespannt werden musste. 
Die weitere Vorkriegsmodellpflege betrifft das Bildzählwerk, das kleiner wird und von der linken auf die rechte Kameraoberseite wandert und langfristig seinen Platz für einen Zubehörschuh freimacht. Ansonsten sind sich alle Modelle sehr ähnlich. 


Datenblatt Kleinbild-Balgenkamera, erste Kamera für die universelle Kleinbildpatrone 135
Objektiv Schneider Xenar 5 cm f/3.5 (Tessar Typ). Spätere Modelle auch mit Kodak Ektar oder Zeiss Tessar.
Verschluss Compur Zentralverschluss T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 1/s. Auch erhältlich mit Compur-Rapid (bis 1/500 s).
Fokussierung manuell durch Verschieben des gesamten Objektivs.  kürzeste Entfernung 1m.
Sucher einfacher optischer Sucher
Filmtransport mit Drehknopf, daneben Entsperrknopf, Bildzählwerk (vorwärts). 
sonst. Ausstattung superkurzer Drahtauslöser am Objektiv, Tiefenschärferechenschieber an der Unterseite, Stativgewinde 1/4''
Maße, Gewicht ca. 75 x 35 x 120 mm, 445 g
Baujahr(e) 1934, spätere Retina I Modelle bis 1941 und dann wieder von 1946-1954. Insgesamt 460,000 Exemplare. Dieses erste Modell 117: 29,299.
Kaufpreis, Wert heute 75 RM (1935), heute ca. 150 € (Modell 117), andere Modelle ab ca. 30 €.
bei KniPPsen weiterlesen meine anderen Retina I (118126010), August Nagel, Nagel Pupille, Nagel Vollenda 48, Welti, Baldina, Vergleich, Certo Dollina, Agfa KaratWichtigste KB-Kameras 1937 (Porst Katalog)
Links Camera-Wiki, Chris Sherlock's Retina Sammlung, Bedienungsanleitung (Modell 119)
Sehr gut erhaltene Ledertasche, innen gibt es roten
Samt mit Kodak Schriftzug.
Auch der geprägte Retina Schriftzug änderte
sich im Laufe der Zeit. Links: 117, Rechts: 010

2021-11-26

Sony Mavica FD-7 @work

Die beiden Menüs (Play oben,
Camera unten) mit allen wichtigen 
Funktionen
Hier kommt nun endlich der neulich schon angekündigte Beitrag über meinen Test mit der Mavica FD-7. Mein Exemplar war zum Glück in voll funktionsfähigem Zustand, was man leider heute nicht mehr oft über alte Elektronik sagen kann. Während viele der bis zu 100 Jahre alten analogen Kameras in meiner Sammlung noch funktionieren und es vermutlich in 20 Jahren auch noch tun werden, sind solche Funktionstests an nur 10 oder (wie diese hier) 20 Jahre alten Digitalkameras wirklich Glückssache. Meist sind es die Akkus, die versagen, auch meiner wurde vom Vorbesitzer irgendwann ausgetauscht. Irgendwann gibt es aber dafür keinen Ersatz mehr und auch die Peripherie muss passen: Kabel, Stecker, Speicherkarten. Im Falle der Mavica ist der Austausch der Bilddateien auf die 3.5'' Diskette beschränkt! Ich besitze glücklicherweise noch ein externes USB-Diskettenlaufwerk und alte Disketten. Wer weiß wie lange es sowas noch geben wird.

Das Diskettenlaufwerk bestimmt tatsächlich einiges an der Kamera. Nicht nur die Größe und das quaderförmige Grunddesign sind damit  vorgegeben, auch das Handling folgt oft den Beschränkungen des Laufwerkes. Man hört stets das charakteristische Schreib- und Lesegeräusch und ahnt damit zumindest, warum und worauf man viele Sekunden lang warten muss (und zwar bei jedem Bild, das man aufnimmt oder betrachten will!). Auch muss man nicht nur während der Aufnahme still halten (s.u.), sondern am Besten noch 5-7 Sekunden danach. Denn allzu heftige Beschleunigung ist schädlich für den filigranen Schreib/Lesekopf und könnte die gerade geschriebenen Daten unbrauchbar machen. Die ewigen sekundenlangen Wartezeiten sind tatsächlich für mich das eindrücklichste, was mir von meinem Test in Erinnerung bleiben wird.  

Ansonsten ist die Bedienung (zumindest mit unser heutigen Digitalerfahrung) sehr intuitiv und gut umgesetzt. Die Kamera liegt trotz ihres Quaderdesigns dank einer Griffleiste gut in der Hand, der rechte Zeigefinger ist automatisch am Auslöser und der Daumen bedient die Zoom-Wippe. Ein optischer Sucher fehlt komplett. Man muss sich also komplett auf das ansonsten sehr ordentliche 2.5'' Display fokussieren. Dies ist allerdings sehr dunkel und taugt nicht für helle Aussenumgebung. Ein Highlight der Kamera ist das 10-fach Zoomobjektiv, das von (KB-äquivalenten) 40 bis 400 mm Brennweite reicht und bei der kleinsten Brennweite bis zu einer kürzesten Entfernung von 1 cm (!) fokussieren kann. Damit gelingen dann auch Aufnahmen von kleinen Gegenständen.

Größtes Lowlight ist ironischerweise der eingebaute Blitz, den hätte Sony besser weggelassen und stattdessen eine Blitzbuchse oder einen hot-shoe spendiert. Der Blitz ist nämlich komplett ungeregelt, feuert also immer seine komplette aber ansonsten bescheidene Blitzleistung und taugt so nur für Motive in ca. 3 m Entfernung. Näheres ist stets über-, weiter entferntes stets unterbelichtet.  Außerdem schaltet der Blitz automatisch auf den Field-Modus um (s.u.) und reduziert damit die vertikale Auflösung des Sensors um die Hälfte.
Die vier möglichen 
Qualitätsstufen.
180x180 Pixel crop in
Originalgröße. Aufnahme:
2 m Entfernung, Stativ.
iPhone aus der Hand, 
runter gerechnet auf gleiche
Auflösung. Klicken für
4x Vergrößerung.  
Kommen wir damit also zum Herzstück, dem Sensor, der aus heutiger Sicht eine sehr bescheidene Auflösung und auch Bildqualität liefert. 1997 allerdings ist VGA (640x480 Pixel) eine immer noch sehr gängige Monitorgröße und bei Bild- bzw. Dateigröße fast an dem Limit dessen, was noch praktikabel verarbeitet werden konnte. Viele Computer waren nur über niedrige Datenraten mit dem Internet verbunden, das Übertragen von einzelnen Bilddateien dauerte da selbst in komprimierter Form oft mehrere Sekunden. Wenn Web-sites überhaupt Bilder hatten, dann lag deren Größe und Auflösung z.T. weit unter VGA. In dem Sinne war die Mavica ein höchst praktikable Kamera, deren recht stark komprimierte JPG-Bildchen genau den Bedürfnissen der Web-Designer und Poweruser entsprach. 

Der CCD-Sensor ist eigentlich für die Verwendung in Video-Camcordern gedacht und so ausgelegt, dass das analoge Signal direkt nach den üblichen Fernseh-Normen auf einem Monitor wieder ausgegeben werden kann. Dazu wird das Bild in zwei Halbbilder ("Field") geteilt, wobei zunächst die ungeraden Zeilennummern zu einem Field zusammengefasst werden und danach die geraden. Zusammen ergeben sie einen "Frame".

Der Sensor der Mavica hat nominell 659x494 Pixel, die dann auf die VGA Auflösung 640x480 herunter gerechnet werden. Die volle Auflösung gibt es allerdings nur, wenn der Frame-Modus ausgewählt ist. Die Kamera fotografiert aber standardmäßig im Field-Modus, was bedeutet, dass nur das erste Halbbild verwendet (und zeilenweise verdoppelt wird), d.h. die vertikale Auflösung beträgt nur 240 Pixel. Leider ist Field tatsächlich die praktischere Einstellung. Denn, die beiden Halbbilder werden nacheinander im Abstand von 1/30s aufgenommen und bewegte Objekte erscheinen daher doppelt (siehe Auto-Fotos unten), bzw. bei 1/30s hat man schnell auch die Kamera verwackelt. Außerdem wird bei Blitzaufnahmen automatisch in den Field Modus zurückgeschaltet. Klar, denn der Blitz ist beim zweiten Field schon längst wieder aus. 


Interessant ist, dass weder an der Kamera noch in der Anleitung irgendetwas über die sonst üblichen Fotografie-Parameter Verschlusszeit, Blende oder Empfindlichkeit zu erfahren ist. Lediglich die Qualitätsparameter Frame/Field (s.o.) und der Kompressionsgrad der JPGs können gewählt werden. Stattdessen hat man die Wahl von 5 Sonderprogrammen für bestimmte Fotografiersituationen, bei denen allerdings auch nicht ganz klar wird, was sie genau bewirken oder ob die standardmäßige Überallautomatik nicht auch so ein ordentliches Bild liefert (vermutlich). Dann gibt es noch 4 Spezialbildeffekte (Pastel, Negativ, Sepia und Schwarz-Weiß), die im Prinzip auch im Nachhinein mit jeder Bildbearbeitung möglich wären.

Fazit für mich: Eine interessante frühe Digitalkamera, die vom Konzept her konsequent auf die Bedürfnisse der frühen Internet-Pioniere zugeschnitten war, die Bilder für's WWW brauchten. Die Verwendung der Floppy-Disk zum Datentransfer ist gleichzeitig für die damalige Zeit sehr gelungen, technologisch aber langfristig eine Sackgasse. Am Bemerkenswertesten für mich: 7 Sekunden braucht eine Aufnahme vom Druck auf den Auslöser bis alles auf der Scheibe ist.