2019-10-26

Praktica BX-20S


Die Praktica BX20S ist die letzte 35mm SLR "made in Germany", hat aber bis auf ein etwas moderneres Plastikdesign und ein paar Kleinigkeiten dieselben technischen Fähigkeiten wie ihre Vorgängerin BX20, welches wiederum das letze kommerziell erhältliche SLR-Modell des VEB Pentacon aus der DDR war. Ich habe schon einige Praktica Kameras in meiner Sammlung, bisher alle mit M42-Objektivgewinde. Eine Praktica mit dem ab 1979 erhältlichen B-Bajonett fehlte noch und mir war schon lange klar, dass wenn überhaupt eine B-Kamera, dann diese BX20S. Eben weil sie die letzte ihrer Art war und die ganze Geschichte mit der Wende dranhängt
Ich habe mich also schon seid einiger Zeit umgesehen und feststellen müssen, dass für das Ding ganz schöne Preise aufgerufen werden. Zum einen gibt es sogar noch unbenutzte und originalverpackte Einheiten, zum anderen gab es am Ende der Produktion kleinere Sonderserien (insbesondere die letzten 100, sowie 280 grüne und 155 grün-schwarze), die wegen der limitierten Zahl die Sammler auf den Plan rufen. Deren hohe Preise von ein paar 100 Euros scheinen auch auf die ganz normalen gebrauchten Exemplare abzufärben. Ich habe jetzt endlich recht günstig ein sehr gut erhaltenes Exemplar, sogar mit frischer Batterie und etwas Zubehör ergattert. 

Mein persönlicher Eindruck von der Kamera war dann in mehrerer Hinsicht ambivalent. Auf der einen Seite das äußere konsequent durchgängige Plastikgehäuse, durchaus wohlgeformt und angenehm in der Hand liegend. Gleichzeitig merkt man am Gewicht der Kamera, dass drinnen durchaus noch einiges an Metall und Glas verbaut wurde. Der Druck auf den Auslöser startet einen satten und warmen Spiegel- und Verschlussablauf, während das anschließende Spannen mit dem wackligen Schnellschalthebel einem die Nackenhaare aufstellen lässt: Am Ende des Aufziehens gibt es stets ein lautes Knacken und man glaubt etwas kaputt zu machen. Mit dem hellen und übersichtlichen Sucher und seinem innovativen Tripelmesskeil in der Mitte macht das Scharfstellen Spaß, während an der Seite kleine rote LED's nervös flackern.
Ansonsten bietet die Kamera einen technischen Standard, den man unbedarft in die frühen 80er verorten würde. Allerdings gab es nach Einführung der Autofokusgeneration ab Mitte der 80er und bis spät in die 90er weiter einen Markt für solche pre-AF SLR Kameras, man denke z.B. an die Nikon FE10 und ähnliche Cosina-made Gehäuse. Hier war die BX20S durchaus eine unabhängige Alternative für die es preiswerte, aber durchaus leistungsfähige Objektive gab. Ob allerdings das "Made in Germany" irgendwen hier überzeugen konnte, möchte ich bezweifeln. Das war sicher für die Leica R7 der Fall, die andere in den 90ern noch in Deutschland hergestellte SLR. Die spielte aber technisch und preislich in einer anderen Liga.  

DatenblattLetzte KB-Spiegelreflexkamera made in Germany 
Objektiv Wechselobjektive mit Praktica-B Bajonett. Hier mit PRAKTICAR MC 28-50 mm f/2.8-3.5 (made by Sigma, Japan). Elektrische Übertragung der eingestellten Blende an die Kamera.
Verschluss Elektronisch gesteuerter, vertikaler Metalllamellenverschluss . Stufenlos 40s - 1/1000 s bei Zeitautomatik, 1s - 1/1000 s und B bei Nachführmessung. Blitzsynchronisation bei 1/100s.
Belichtungsmessung TTL, mittenbetont integral, Si-Photodioden, 12-3200 ASA (DX). Automatische Belichtungssteuerung (Zeitautomatik) oder Nachführmessung mit wählbaren Zeiten. Belichtungskorrektur +/-2 in ganzen Stufen. Messwertspeicherfunktion (AEL).
Fokussierung Manuell am Objektiv, Einstellscheibe mit Tripelmesskeil (Schnittbild) und Mikroprismenring.
Sucher Fest eingebauter Pentaprismensucher (95%), eingespiegelte Blende, LED-Anzeige(n) für Belichtungsmessung (Zeiten), Blitzbereitschaft, Batteriekontrolle und AEL. 
Blitz Zubehörschuh mit Mittenkontakt, Extra-Kontakte für TTL-Blitzsteuerung nach SCA-321 Standard, kompatibel zu Olympus
Filmtransport Schnellschalthelbel, Rückspulkurbel, Bildzählwerk (vorwärts zählend), Anschluss für Motoraufzug.
sonst. Ausstattung mechanischer Selbstauslöser (10s), gleichzeitig Abblendtaste, ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Stativgewinde, Hauptschalter, Filmdosenfenster in der Rückwand.
Maße, Gewicht ca. 141/88/49 mm, 510g (ohne Batterie und Objektiv)
BatteriePX28 (6V, 4 x LR44 oder SR44 möglich)
Baujahr(e) 1992-2001, ca. 33.000 Exemplare, dieses #5138412 von 03-1995, eigentliche Serienfertigung endete 1999, eine limitierte Serie von 100 Kameras wurde 06-2001 das offizielle Ende der deutschen SLR Produktion)
Kaufpreis, Wert heute ca. 300 DM (?, 1995), heute ca. 100€
Links Bedienungsanleitung (dreisprachig)Dresdner Kameras, BX20 Teardown video, Praktica B-Kameras
Bei KniPPsen weiterlesenPraktiflex, Contax F, Praktica F.X2Praktica LLC, Praktica PL electronic, Praktica LTL3, 65 Jahre deutsche SLR, Deutsche SLR Statistik

2019-10-18

Von Kine Exakta bis Praktica BX20S - 65 Jahre deutsche Spiegelreflex

Die erste und die letzte SLR aus deutscher Produktion. Zwischen den beiden liegen sechs wechselvolle Jahrzehnte und ungefähr 12 Millionen Spiegelreflex-Kameras aus West- und hauptsächlich Ost-Deutschland,
zwischen den beiden Produktionsstätten in Dresden aber nur ca. 2 km.
Die letzte 35mm Spiegelreflexkamera, die in Deutschland gebaut wurde und die sogar stolz das Label "Made in Germany" tragen durfte heißt Praktica BX20S und seit dieser Woche nenne ich eine davon mein Eigen. Die Kine-Exakta war sechs Jahrzehnte vorher die erste Spiegelreflex für den 35 mm Film, ich habe ein Exemplar davon schon länger in meiner Sammlung. Die Statistik der 12.3 Millionen deutschen SLR habe ich ebenfalls hier ausgerollt. Hier nun in aller Kürze die Geschichte dazwischen. Über die "neue" Kamera werde ich demnächst in einem Extra Beitrag berichten. 

Die Geschichte der deutschen Spiegelreflex ist so interessant wie traurig, und wurde entscheidend geprägt durch die deutsche Teilung. Rückblickend kann man von einem Glücksfall sprechen, dass das technologische Zentrum der deutschen Kameraindustrie in und um Dresden lag, und damit die Kameraproduktion sich im Schutze der sozialistischen Planwirtschaft noch ein paar Jahrzehnte halten und sogar zumindest in der ersten Zeit nach dem Krieg sehr wacker schlagen konnte. Wäre es in Westdeutschland gewesen, dann wage ich hier mal die Behauptung, dass auch für Ihaage, Praktica und Co. das Aus Anfang der 1970er gekommen wäre.

Die letzte ihrer Art- SLR made in Germany
In Dresden und Umgebung jedenfalls konsolidierte sich die Kameraindustrie nach dem Krieg und man konnte gemeinsam unter dem Kombinatsdach des VEB Pentacon die Kräfte bündeln. In den 50er Jahren knüpfte man an alte Tugenden und auch Designs wieder an. Die ganze Geschichte und ihre Details kann man an vielen Stellen nachlesen (siehe auch die Links unten). In den späten 1960er Jahren probierte man sich sogar weltweit auf Augenhöhe an Elektronik, wie der erste elektronisch gesteuerte Schlitzverschluss beweist und brachte mit der Praktica L die erfolgreichste deutsche SLR-Serie auf den Markt. 

Ostdeutscher Verkaufsschlager der 70er :
Praktica L Serie mit M42
Während am Anfang der 1970er die westdeutschen Produzenten (bis auf Leitz) einer nach dem anderen die Segel strichen und der inzwischen technologisch als auch preislich davonziehenden japanischen Konkurrenz das Feld überließen, konnte der VEB Pentacon wegen des geschützten Wirtschaftsraums zumindest preislich noch etwas mithalten. Technisch ging auch den Dresdnern langsam der Atem aus und man hinkte den Japanern schließlich um Jahre hinterher. Als man (endlich) 1979 die moderne B-Serie mit einem Bajonett brachte, konnte die Kamera ungefähr das, was die führenden Japaner ca. 5 Jahre zuvor am Markt eingeführt hatten. Aber immerhin, man muss bedenken, dass die Pentacon Ingenieure wg. der wirtschaftlichen Isolation, alles alleine (nochmal) entwickeln mussten. Man konnte bzw. durfte nicht auf Komponenten von Zulieferern zurückgreifen. Die B-Serie wurde im Laufe der 1980er weiter gepflegt, als letzte Innovation kam mit der BX20 im Jahr 1987 TTL-Blitzautomatik und ein moderneres Kunststoff-Gehäuse.


Titel der Bedienungsanleitung mit großer
"Schneider Dresden Schleife"
Und dann kam 1989 die Wende und nichts war mehr wie vorher. Der VEB Pentacon hatte zu dem Zeitpunkt ca. 5000 Mitarbeiter, davon ca. 250 in Forschung und Produktentwicklung. Man hatte hochfliegende Pläne für eine BY-Serie mit Programmautomatik und sogar Autofokus und 37 Prototypen der BX20S in der Schublade.
Aber, es kam wie es kommen musste: man war nicht konkurrenzfähig im Kapitalismus. Die Treuhand wickelte ab, Teile des Kombinats wurden an frühere Eigentümer zurückgegeben, so z.B. die Kamerawerkstätten "KW" Niedersedlitz (Wiege der Praktica) an die Familie Noble, sowie die Görlitzer Meyer-Optik. Den Kern der aktuellen Kameraproduktion in Dresden erwarb der Fotounternehmer Heinrich Mandermann, der seit 1969 mit seiner Beroflex Vertriebsgesellschaft die Pentacon- und Orwo-Produkte im "Westen" erfolgreich vermarktete. Mandermann hatte zuvor schon den Objektivhersteller Schneider in Kreuznach (Westdeutschland!) aus der Insolvenz erlöst und gliederte nun den Dresdener Betrieb unter dem Namen "Jos. Schneider Feinwerktechnik GmbH & Co. KG" in seine Unternehmensgruppe ein. Die Produktion der BX20 geht mit deutlich reduzierter Belegschaft weiter, ab 1991 bis 1999 werden dann noch über 33.000 Exemplare der BX20S gebaut. Ab 1998 firmiert die Dresdener Tochter dann wieder unter Pentacon GmbH und 2001 wird nochmal eine letzte Serie von 100 Kameras aufgelegt. Das wars! Mehr Details über die Kamera selbst hier in Kürze...