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2020-01-03

Das plötzliche Verschwinden der 3x4 Kameras


Vier der 18 im Jahr 1932 erhältlichen 3x4-Kameras. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932.
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Die 3x4-Kleinbildkameras für den 127er Rollfilm haben es mir derzeit angetan, wie man an meinen letzten Beiträgen zur Korelle 3x4 und Foth Derby schon sehen konnte. Daher war ich sehr erfreut als ich letzte Woche in der jüngsten Ausgabe des PhotoDeal einen Artikel von Volkmar Kleinfeld zum Thema fand. Der Titel „3x4-Kameras und ihr kurzes Leben“ las sich sehr vielversprechend, die entscheidende Frage wird aber weder richtig diskutiert noch beantwortet: Warum sind diese Kameras nach so kurzer Zeit am Markt so schnell wieder verschwunden? Ich möchte hier eine Antwort versuchen, auch wenn es ein kleines bisschen spekulativ ist. Wir sind halt alle nicht vor 90 Jahren dabei gewesen...
Für eine Antwort muss man aber etwas weiter ausholen und mehr Aspekte betrachten, als dies meist in den sehr Technik- und Detail-verliebten Sammlerkreisen geschieht. Insbesondere das Marktumfeld scheint mir sehr wichtig für diese Warum-Frage, und zwar sowohl die „fotografische Gesamtsituation“ als auch die wirtschaftliche Lage der Kameraproduzenten und potenziellen Käuferschichten. Und beides war am Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre sehr speziell. 

Aber eins nach dem anderen: Laut Hans Porst und seinem Photohelfer von 1932 (dort S. 33), erzielte er im Jahre 1931 noch 2/3 seiner Kameraumsätze mit Plattenkameras, nur 33% mit Rollfilmkameras (darunter auch die paar Kleinbildkameras). Das heißt, auch wenn es Rollfilme schon mehr als 20 Jahre gab, griff der Profi wie auch der ambitionierte Amateur meist immer noch zur traditionellen Glasplatte oder alternativ zum entsprechenden Filmpack mit einzelnen Planfilmnegativen. Die Bilder wurden einzeln entwickelt und per Kontaktkopie abgezogen. Vergrößerungsgeräte waren vermutlich sehr selten - keine guten Voraussetzungen für Kleinbildnegative, seien sie nun 24x36 oder 30x40 mm groß. Wie Volkmar Kleinfeld schon schreibt: Viele der winzigen Negative wurden daher ebenfalls nur per Kontaktabzug ins Positiv verwandelt und ins Briefmarkenalbum geklebt. Ich denke, dass die Leute das nicht freiwillig getan haben, hätte es preiswerte und überall verfügbare Vergrößerungsmöglichkeiten (und -Services) gegeben. 

Trotzdem, und das wissen wir aus dem Rückblick, gab es dieses Bedürfnis nach kompakteren und einfach zu bedienenden Immerdabei-Kameras. Und, es gab immer besser werdendes Filmmaterial, feinkörniger und empfindlicher. Seit 1925 war mit der Leica ein relativ radikales Konzept auf dem Markt, das die Traditionalisten unter den Fotografen als spinnerte Idee abtaten, gleichzeitig aber ganz neue Kreise ansprach, die sie tatsächlich kauften und plötzlich ganz anders (und gut!) fotografierten. 
Ich fühle mich etwas an die letzte Jahrtausendwende erinnert, als die Digitalfotografie alle elektrisiert hat, sich aber keiner wirklich vorstellen konnte, dass schon 2004 die letzten analogen Kameras zu Ladenhütern wurden. Genauso war es in den 1930er Jahren mit der Platten- und Planfilmkameras, am Ende des Jahrzehnts hieß es Roll- und Kleinbildfilm, inkl. den nun überall verfügbaren Vergrößerern. 

Wirtschaftliche Situation in Deutschland
während der Weltwirtschaftskrise. Quelle: Wikipedia
Jetzt aber noch kurz zur gesamtwirtschaft-lichen Situation: Die Weltwirtschaftskrise erlebte ausgehend vom Wallstreet-Crash im Oktober 1929 am Anfang der 1930er ihren Höhepunkt. In Deutschland gilt insbesondere 1932 als das Krisenjahr, die Industrie-produktion brach (nochmal !) um ca. 40% im Vergleich zum Vorjahr ein, die Arbeitslosigkeit erreichte ungekannte Ausmaße. Das traf natürlich alle, sowohl die potentiellen Käufer der Kameras als auch ihre Produzenten! 

Aber zurück zu den 3 × 4 Kameras. Die deutschen Kamerahersteller zu der Zeit hatten natürlich bemerkt, welchen Erfolg die Firma Leitz mit ihrer Leica hatte. Insbesondere inspirierte die Tatsache, dass man neue Käuferschichten ansprach. Nicht nur Zeiss Ikon (Contax, Ikonta, Kolibri) sondern auch viele andere kleinere Hersteller wollten einen Teil dieses neuen Marktes abhaben. An den Kinofilm wagten sich (auf die Schnelle) nur wenige, insbesondere wegen der relativ komplizierten Mechanik für den Filmtransport. Hier war Rollfilm Handling viel simpler zu realisieren. Die meisten Hersteller hatten schon Klappbalgenkameras für 6 × 9 oder 4,5 × 6 cm im Programm. Da war es relativ naheliegend, auch noch kleinere Kameras in entsprechendem Design auf den Markt zu werfen. 

Weitere der im Jahr 1932 erhältlichen 3x4-Kameras. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932. 
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Und das machten sie alle fast gleichzeitig. Wenn man genau hinschaut, lassen sich insgesamt 18 verschiedene, relativ anspruchsvolle 3x4 Kameras zählen, die alle zwischen 1930 und 1932 auf den Markt kamen. Ich habe hier auf der Seite die acht abgebildet, die bei Photo Porst 1932 zu bestellen waren. Die restlichen zehn sind: Nagel/Kodak Pupille und ihre einfachere Schwester Ranca, Certo Dolly, Welta Gucki, Merkel Metharette (auch als Meyer Megor), Ihagee Parvola bzw. Ultrix, Mentor Dreivier, Lumiere Elax, Glunz Ingo (auch als Rodinette), Lucht Nikette und Zeh Goldi (auch als Ysella). Es gab noch ein paar mehr, die erst Ende der Dreißiger oder dann erst Ende der 40er/Anfang der 50er als Einfachkameras kamen. Auch ein paar Boxen habe ich nicht mitgezählt.


Die vier im Jahr 1932 erhältlichen Kameras für den 35 mm Kinofilm. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932.
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Zu den 18 3x4 Kameras kommen 1931/1932 mit der Krauss Peggy, der Contax und der Beira noch drei Neue für den Kinofilm. Man darf auch nicht vergessen, dass Leica zu diesem Zeitpunkt nur circa 20.000 Kameras pro Jahr verkaufte (und das weltweit!). Der Gesamtmarkt war also interessant, aber nicht groß genug für 18 plus 3 verschiedene Kameramodelle, viele davon ähnlich und ohne wirkliches Alleinstellungsmerkmal. Hinzukommt die wirtschaftliche Situation 1932. Viele Hersteller mussten sicher Angestellte und Arbeiter nach Hause schicken um über die Runden zu kommen. Ich denke, dass die Produktion der meisten dieser 18 Kameras im Jahr 1932 wieder eingestellt wurde und man erst mal die Lagerbestände von 1930 und 1931 abverkaufte. Als es dann 1933 langsam wieder Bergauf ging, hatten die erfolgreicheren der Hersteller (allen voran Nagel/Kodak) das Konzept für die Kleinbild-Kamera auf Kinofilmbasis inklusive der 135er Kassette schon fertig entwickelt. 1934 kam damit die Retina und bald danach ihre Klone (Welti, Baldina, Dollina, etc.). 


Kodak Retina (hier meine 118er) und ihre
Klone machten 3x4 Kameras endgültig
unattraktiv für den Markt.
Am Markt war spätestens dann kein Platz mehr für die meisten der 3×4 Kameras. Lediglich diejenigen mit einem Alleinstellungsmerkmal wie zum Beispiel die Foth Derby (Schlitzverschluss) oder KW Pilot (TLR) (und evtl. diejenigen mit internationalen Vertriebskanälen) konnten sich noch ein paar Jahre halten. Aber das Konzept 3x4 hatte sich überholt, die 135er Patrone mit ihrem perforierten Kinofilm und 36 Bildern endgültig das Rennen gewonnen. Ich persönlich glaube, dass die Universalität der 135er Patrone (passte in Leica, Contax und Retina, etc.) der entscheidende Durchbruch für den Kleinbildfilm war, wie wir ihn heute kennen. Wäre weiterhin jede neue Kamera mit ihrem eigenen System gekommen, und hätte die 127er Rolle ein paar Bildchen mehr geliefert, wer weiß, vielleicht wäre die Geschichte anders verlaufen...

Um noch einmal das Warum zusammenzufassen: Um 1931 kommen fast gleichzeitig 18 3x4-Kameras mit sehr ähnlichen Leistungsdaten auf den Markt, der im Prinzip attraktiv und langfristig wachsend ist, aber zu diesem Zeitpunkt noch recht klein und schon mit der attraktiven Leica besetzt. Das konnte schon so kaum gutgehen. Nun trifft dies alles aber zusammen mit einer schweren Wirtschaftskrise, in der fast 30% arbeitslos werden und sich Luxus schon gar nicht mehr leisten können. Der Todesstoß für diese kleinste Rollfilmklasse kommt in Form der universellen 135er Kleinbildpatrone, die zusammen mit der Kodak Retina den Markt aufrollt, als es wirtschaftlich wieder bergauf geht. Danach spielen 3x4 Rollfilmkameras als Einfachknippsen nur noch eine Nischenrolle.  

2019-07-15

Reflex-Korelle IIa



Die Reflex-Korelle vom Kamerawerk Franz Kochmann in Dresden, war eine der ersten SLRs für 6x6 auf 120er Rollfilm. Als das erste Modell 1935 auf den Markt kam, war lediglich die Noviflex des lokalen Konkurrenten Eichmann ein paar Monate früher. Allerdings ist die Noviflex eine echte Rarität, es wurde wohl nur eine sehr geringe Stückzahl produziert. Hingegen war die Reflex-Korelle sehr erfolgreich und dementsprechend auch heute noch gebraucht gut zu bekommen. Für mich gehört sie zu den Meilensteinkameras, da sie neben der Exakta als erste das SLR-Prinzip modern für Rollfilmkameras interpretiert.

Daher gehört eine Reflex-Korelle natürlich in meine Sammlung und ich verfolge schon länger den Markt. Gut erhaltene und funktionierende Exemplare wechseln so um die 200€ den Besitzer, ich habe hier deutlich darunter zugeschlagen und auch ein entsprechendes "Wrack" bekommen. Die äußerlichen Gebrauchsspuren kann man schon an den Fotos sehen, auch innerlich ist nicht mehr viel ganz, der Verschluss steht offen und der Spiegel ist fast blind. Für mich Ansporn, ein Restaurationprojekt in Angriff zu nehmen, was sich aber sicherlich etwas länger hinziehen wird. Ich werde natürlich berichten und hoffentlich hier irgendwann das restaurierte Exemplar wieder präsentieren.

Von der Reflex-Korelle gibt es einige wenige an sich ganz ähnliche Varianten. Dies kam daher, dass sie nach Verkaufsstart kontinuierlich weiterentwickelt wurde, ein damals nicht ganz unübliches Vorgehen. Das erste Modell (nur "Reflex-Korelle") kam 1935 auf den Markt. Der Verschluss konnte 1/25 bis 1/500 s, ganz frühe Prototypen versuchten (erfolglos) 1/10 bis 1/1000 s. Schon 1936 kam das Modell II, die frühere Variante wurde von da an Modell I genannt und weiterhin produziert. Modell II hatte ein zusätzliches Langzeitwerk (2 s - 1/10) und ein Vorlaufwerk (Selbstauslöser). Ab 1937 kam für beide Varianten ein verbesserter Filmvorschub mit Autostop (Ia und IIa) und im selben Jahr kam mit dem Modell B eine einfachere und preiswerte Variante auf den Markt, der einige Extras wie kombinierter Film- und Verschlussaufzug sowie der Sportsucher fehlten.   

Franz Kochmann (*12.09.1872), der Erfinder einiger Kameras und Gründer der Firma schuf mit dieser Kamera sein best verkauftes Werk. Er war in seiner Heimatstadt Dresden ein sehr erfolgreicher Unternehmer, wohnte in einer heute noch existierenden Stadtvilla, die zum Motiv eines bekannten Gemäldes von Ludwig Meidner wurde, das Franz Kochmann dort selbst mal an der Wand hängen hatte. Nun, Franz Kochmann war Jude und wurde 1938 aus seiner eigenen Firma gedrängt, konnte sich mittellos vor den Nazis nach Holland retten und überlebte dort den Holocaust. Nach dem Krieg arbeitete er dort für das Kamerawerk Vena und die Venaret hat einige Ähnlichkeiten mit der Reflex-Korelle, auch wenn sie eine viel einfachere Kamera war. Franz Kochmann starb am 25. 06. 1956 mit 83 Jahren an den Folgen eines Autounfalls. Von der Reflex-Korelle gab es auch nach ihm weitere Modelle, aber das ist eine andere Geschichte und kann in den Links unten weiter verfolgt werden. 

Datenblatt frühe Spiegelreflexkamera für Rollfilm (120)
Objektiv Wechselobjektive mit 40,5 mm Schraubfassung. Hier mit
Schneider-Kreuznach Radionar 7,5 cm f/2.9 (3 Linsen). 
Verschluss horizontaler Tuchschlitzverschluss, B-25-50-75-100-200-500, separates Langzeitwerk: 10-5-2-1-2 (nur Modell II/IIa)
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv, keine Scharfstellhilfe außer der einfachen Mattscheibe.
SucherSLR, einfacher faltbarer Lichtschachtsucher mit optionaler Sucherlupe. Alternativ ausklappbarer Sportsucher.
Blitz keinerlei Anschlussmöglichkeit.
Filmtransport Schnellaufzugkurbel, mit Verschluss gekuppelt. Bildzählwerk 1-12, zusätzlich "rotes Fenster" auf der Rückwand. Ab 1937 automatischer Filmstop ("a"). 
sonst. Ausstattung automatischer Rückschwingspiegel, Stativgewinde, Selbstauslöser, Drahtauslöseranschluss. 
Maße, Gewicht 145x75x85 mm, 750g
Batterie keine
Baujahr(e) 1935-1939, Modell IIa: 1937-1939. Diese von 1937.
Kaufpreis, Wert heute 142 RM (1937, IIa mit Radionar), in gutem Zustand ca. 200€.
externe Quellen und Links Camera-Wiki, Instruction manual (english), Pentaconsix.com, Kurt Tauber, Dresdener Kameras, Shutterbug - Top20 cameras, Wikipedia, Über Franz Kochmann, Reflex-Korelle Repair, Mike Eckman, Leaflet, Elrectangulo, Broschüre,
bei KniPPsen weiterlesenIhagee Kine Exakta