2016-01-30

Wirgin Edixa-Mat Reflex


Eine Edixa Spiegelreflex stand schon lange auf meiner Wunschliste. Um genau zu sein, seit meiner Abschätzung der deutschen Spiegelreflexproduktion. Und hier ist der Grund dafür: Die westdeutsche Kameraindustrie musste sich nach dem zweiten Weltkrieg ja erst einmal aufrappeln. Das innovative Zentrum der deutschen Kameraindustrie mit den ersten SLR-Vorkriegsmodellen und Entwürfen lag in Dresden und damit in Ostdeutschland. Doch das westdeutsche Wirtschaftswunder zusammen mit dem Knowhow geflüchteter Techniker aus Dresden ermöglichte ein Wiederaufblühen dieser Industrie auch im Westen. Zu nennen sind da insbesondere die Firmen Zeiss Ikon (Contaflex, Contarex), Kodak (ehem. Nagelwerke in Stuttgart, Retina Reflex) und Voigtländer (Bessaflex, Ultraflex). Die überwiegende Mehrheit dieser bekannten Spiegelreflexkameras setzte auf den Zentralverschluss und es schien fast, dass Deutschland auch kameratechnisch geteilt war: Im Osten der Schlitzverschluss (Exakta, Praktiflex, ...) und im Westen eben Zentralverschluss. Aber es gab ja auch noch Wirgin, die mit der Edixa Reflex-Serie, Schlitzverschluss, M42 Gewinde und Wechselsucher ziemlich direkt Praktica und Exakta, die auch in Westdeutschland noch ihre Anhänger hatten, Konkurrenz machten. Sie waren nicht nur die ersten (1954) in Westdeutschland, die eine SLR im Programm hatten, sondern am Ende auch die mit den meisten Modellen und den meisten produzierten Einheiten. Leitz (Leica) und Rollei betraten übrigends erst recht spät die SLR-Bühne (1965 bzw. 1970), auch mit Schlitzverschlussmodellen, die sich dank der aufkommenenden japanischen Konkurrenz inzwischen durchgesetzt hatten.
Und noch etwas fasziniert mich an den Edixa Reflex Modellen: die formal riesige Modellvielfalt und trotzdem handelt es sich im Wesentlichen um eine einzige Kamerakonstruktion. Es ist fast ein Baukastensystem, das man bei Wirgin bestellen konnte. Vom Grundmodell ausgehend (Gehäuse, Wechselsucher, Verschluss, ...) führt die Kombination verschiedener Sonderausstattungen (Belichtungsmesser, Langzeitwerk, ...) und die technische Weiterentwicklung über die Zeit (Rückschwingspiegel, Zeitenreihe, ...) zu der langen Modelliste. Details dazu kann man auf anderen Webseiten nachlesen (siehe Links unten). Ich bin ganz stolz das mechanische Spitzenmodell Edixa-Mat Reflex Typ D (mit Langzeitwerk und Rückschwingspiegel) nun mein Eigen nennen zu können.

Den Edixa Reflex Kameras sieht man ihren Chefkonstrukteur Heinz Waaske noch nicht an. Aber zu der Zeit als diese Kamera hier verkauft wurde, arbeitete Waaske wohl schon (zumindest gedanklich) an seiner kompakten KB-Sucherkamera, die später als Rollei 35 den Markt bezaubern sollte. Waaske hatte die Entwürfe Wirgin angeboten, eine Absage erhalten und war 1965 zu Rollei gewechselt. Wer weiß, ob wir nicht noch heute von Wirgin Kameras sprechen würden, wenn man damals zugegriffen hätte. Vielleicht wäre dann Rollei anstelle von Wirgin Anfang der 70er vom Markt verschwunden. Wie dem auch sei, für mich gehört eine Edixa aus den oben genannten Gründen in meine Sammlung, für eine zweite wird aber wohl kein Platz bleiben, dafür waren sie dann doch nicht speziell genug.


Datenblatt mechanische KB-Spiegelreflexkamera
Objektiv M42-Wechselgewinde, hier mit Edixa-Travenar 50 mm f/2.8 von Schacht (4 Linsen in 3 Gruppen, Tessar Typ)
Verschluss horizontaler Tuchschlitzverschluss, 1, 2, 5, 10, 25, 50, 100, 250, 500, 1000 1/s, Langzeitwerk bis 9 s und B
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Spiegelreflex, Mattscheibe, keine weiteren Scharfstellhilfen
Sucher Spiegelreflex mit auswechselbarem Prismensucher
Blitz Buchsen für FP und X
Filmtransport Schnellspannhebel, Rückspulrad, Bildzählwerk
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Auslösesperre, Zubehörschuh, Drahtauslösergewinde (Leica-Glocke)
Maße, Gewicht ca. 145x50x99 mm, 818g/1010g (ohne/mit Objektiv)
Batterie keine
Baujahr(e) 1960-1963 (diese ca. 1961)
Kaufpreis, Wert heute 681 DM (1960), ca. 50 €
Links UKCamera, Wirgin.info, Photobutmore, Klaus-Eckard Riess, Camera-Wiki, Manual/Bedienungsanleitung
Data Sheet mechanical 135-film SLR
Lens M42, standard lens e.g. Edixa-Travenar 50 mm f/2.8 build by Schacht (4 elements in 3 groups, Tessar type)
Shutter horizontal focal plane shutter, 1, 2, 5, 10, 25, 50, 100, 250, 500, 1000 1/sec, longer times up to 9 sec and B
Metering none
Focussing SLR, simple focussing screen, no further focussing aids
Viewfinder exchangable prism finder
Flash plugs for FP and X
Film advance Fast advance lever, rewind wheel, frame counter
misc. Features Self timer, exposure lock, accessory shoe, wire release thread (Leica Glocke)
Size, Weight ca. 145x50x99 mm, 818g/1010g (w, w/o lens)
Battery none
Year(s) of Production 1960-1963 (this one about 1961)
Original Price, Today's Value 681 DM (1960), ca. 50 €, US$ 100
Links UKCamera, Wirgin.info, Photobutmore, Klaus-Eckard Riess, Manual/Bedienungsanleitung

1 comment:

  1. In Wiesbaden gab es vor einigen Jahren noch eine Reperaturfirma, die sich auf Edixas spezialisiert hatte. Kein Wunder, das waren auch ehemalige Edixa Mitarbeiter. Da habe ich damals, bald dreißig Jahre nach der Schließung des Werkes, noch einen neuen Prismensucher bekommen und einen ebenfalls neuen Zwischenringsatz. Und den Auslöseraufsatz.

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