2022-05-04

DKL universell (Iloca Electric)

Iloca Electric nach DKL-Modifikation. Hier mit Voigtländer Color-Skopar X 2.8/50, Voigtländer Zoomar 2.8/36-82, Schneider Retina-Curtagon 4/28, Schneider Retina-Tele-Xenar 4/135 und Schneider Edixa-Xenar 2.8/50

Nach reiflicher Überlegung, ob ich dieser doch seltenen und wertvollen Kamera eine kleine, aber dennoch unwiderrufliche Korrektur beibringen soll, hab ich es tatsächlich getan. Nun habe ich aus dem proprietären DKL-Iloca-Bajonett durch Wegfräsen der störenden Iloca-Nase ein wirklich universelles DKL-Bajonett gemacht. Nun passen alle (!) DKL-Objektive (zumindest die ohne eigenen Blendenring), wie man oben an meinen Beispielen sieht.
Vorher mit Nase Nach der Operation

Oft wird im Internet zu dem Thema geschrieben, dass die Objektive durch kleinere Modifikation kompatibel gemacht werden können. Das stimmt zwar, aber dann muss man das für jedes Objektiv einzeln machen. Viel einfacher und sinnvoller ist es, an den Kameras die störenden Nasen zu entfernen.
Meine Iloca steht jetzt im Regal mit dem Skopar von Voigtländer, da dieses an der Bessamatic durch das Zoomar verdrängt wurde. Leider kann man mit der Iloca immer noch nicht fotografieren, vermutlich ist die Elektrik tot. Aber mal sehen, vielleicht wage ich mich auch noch an die größere Operation. 

2022-04-20

Beier Precisa

"Allerweltskameras" sind in vielen Kamerasammlungen meist unterrepräsentiert, einfach weil sie nichts Besonderes an sich haben. Wenn man aber sich mit ihnen etwas beschäftigt, können auch sie eine Geschichte erzählen. So ist es mir mit dieser Beier Precisa gegangen, auf die ich in einem spontanen Moment einfach mal 10 € geboten haben. Nach ihrem Zustand und Erscheinungsbild dachte ich eine Vorkriegskamera "geschossen" zu haben, lag aber daneben ... 

Solche Faltbalgenkameras für Rollfilme haben im Laufe der 1920er und 1930er Jahre das Erbe der Laufboden-Plattenkameras angetreten, deren Grundprinzip sie übernommen haben: Sie ließen sich durch den Balgen zusammenklappen und so leicht transportieren. Die wesentliche Technik sitzt vorne im Zentralverschluss bzw. im Objektiv. Das Rollfilmhandling selbst ist relativ simpel, ein einfacher Drehknopf genügt, der Filmvorschub wird über das rote Filmfensterchen auf der Rückseite kontrolliert. 

Es gab sie in fast identischer Ausführung von fast allen Kameraproduzenten in unterschiedlichen Modellen, viele Hersteller hatten zumindest in der Frühzeit identische Kameras für verschiedene Rollfilm-Formate (z.B. 6.5x11, 5x7.5, 6x9) im Programm. Das konsolidierte sich ab ca. 1933 : Der 120er (bzw. 620er) Rollfilm und die rechteckigen Formate 6x9 und 6x4.5 setzten sich als Standard durch. Daneben gab es noch einige Zeit den kleinen Bruder 127 (für 4x6.5 und 3x4).  
 
Größenvergleich verschiedener vertikaler Balgenkameras aus meiner Sammlung. Die Beier Precisa hatte vor dem 2. Weltkrieg den Sucher ebenfalls auf der rechten Seite. Erst ab den 1950er Jahren kristallisierte sich sowas wie eine Gehäuseoberseite mit allen Bedienelementen (Gehäuseauslöser, Filmvorschub, etc.) auch bei solchen Balgenkameras heraus. 

Das Format 6x6 (auf 117 Rollfilm) wurde meines Wissens mit der Icarette schon 1912 eingeführt. Diese war als wirklich kompakte Taschenkamera recht erfolgreich, fand aber zunächst nur wenig Nachahmer. Das quadratische Format erlangte durch die Rolleiflex (und ihre Klone) ab 1928 wieder vermehrt die Aufmerksamkeit und Akzeptanz der Fotografen, es dauerte aber ein paar Jahre bis ab ca. 1936/1937 auch Faltbalgenkameras von verschiedenen Herstellern dafür auf den Markt kamen. Einige waren wie die Icarette als horizontale Konstruktion ausgeführt (die Frontklappe geht nach unten auf), ein prominentes und langfristig sehr erfolgreiches Beispiel war die Agfa Isolette. Andere waren vertikale Modelle, quasi verkürzte Ausführungen der üblichen 6x9-Konstruktion. Dazu zählten z.B. die Weltax, die Baldax und eben diese Beier Precisa, die 1937 auf den Markt kam. Durch Einlegen einer Maske und ein zweites rotes Fensterchen konnte man sie auch für das zunächst populärere Rechteckformat 6x4.5 nutzen. 

Einen wahren Boom erlebten die 6x6 Kameras dann aber nach dem Krieg in den 1950er Jahren. Insbesondere in Westdeutschland wurden 100-tausende davon verkauft, siehe meine Isolette II oder die Adox Golf. Aber auch in der DDR wurden die jeweiligen Vorkriegsmodelle wieder aufgelegt und noch gut verkauft. 
Beier Kameras ziert oft ein 
handschriftliches Produktionsdatum
unter der Filmandruckplatte.

Über das Kamerawerk Woldemar Beier habe ich ja schon im Zusammenhang mit der Beira geschrieben. In der Nachkriegszeit versuchte man zunächst, so gut es im Sozialismus möglich war, als privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen zu überleben. Man kam aber nicht mehr an Hochleistungsverschlüsse (aus Westdeutschland) und war auch bei der Objektivauswahl nicht mehr frei (Carl Zeiss Jena war staatlich). Daher kooperierte Beier mit zwei anderen (eher) privatwirtschaftlich geführten Unternehmen aus ihrer Region: Die Gebrüder Werner ("GW") aus Tharandt lieferten die einfachen Automatverschlüsse (Junior oder Binor) ins nur wenige Kilometer entfernte Freital, die Objektive kamen von E. Ludwig aus Weixdorf auf der anderen Seite von Dresden. Alle drei Unternehmen ereilt in den 1960er und 1970er Jahren das selbe Schicksal: Sie werden sukzessive immer abhängiger vom planwirtschaftlich agierenden Staat. Aus Beier wird 1972 die VEB Kamerafabrik Freital, der auch der andere Freitaler Kamerabauer Pouva und die VEB Fotoverschlüsse Tharandt (GW) sowie das Optische Werk Ernst Ludwig eingegliedert werden. 1980 gehen alle zusammen schließlich im VEB Pentacon auf.  Von den Rollfilmmodellen Beirax (6x9) und der Precisa (6x6) sollen bis Ende der 1950er insgesamt 161.000 Stück verkauft worden sein. Respekt! In den 1960ern geht die Zeit für Rollfilmbalgenkameras aber zu Ende. Bei Beier schlägt die Stunde der Kleinbildkamera Beirette. 

Datenblatt Vertikale Faltbalgenkamera für 6x6 und 4.5x6 auf Rollfilm 120
Objektiv E. Ludwig Meritar 75 mm f/3.5 (Triplet, vergütet). Frühe (Vorkriegs-) Kameras haben auch Schneider Xenar oder Rodenstock Trinar 75 mm f/2.9.
Verschluss GW (Gebrüder Werner, Tharandt) Junior-Automatverschluss B-100-50-25. Vorkriegskameras auch mit Compur oder Pronto II Spannverschluss.
Fokussierung Manuell durch Frontlinsenverstellung, minimal 1m. Keine Scharfstellhilfe    
Sucher optischer Aufklappsucher. Vorkriegskameras haben diesen auf der "Unterseite".
Blitz Synchronbuchse am Verschluss.
Filmtransport mittels Drehrad, verschließbare rote Rückseitenpapierfenster für beide Formate.
sonst. Ausstattung Gehäuseauslöser inkl. Drahtauslösergewinde, 3/8'' Stativgewinde. Leder-Trageschlaufe.
Maße, Gewicht ca. 136x84x44 mm, 509 g (zusammengeklappt)
Baujahr(e) 1937-1941 und wieder 1950-1956. Diese hier vom 20.10.1955 (siehe Bild)
Kaufpreis, Wert heute ca. 60 RM (1938), ?? Mark/DM (1955), je nach Zustand heute 10-30€
Links Bedienungsanleitung, Dresdner Kameras, Zeissikonveb (Meritar), Beier- Kameras.de, Camera-wiki (Beier), Camera-wiki (Ludwig), Camera-Wiki (Werner)
Bei KniPPsen weiterlesen Kodak Vollenda 620, Certo Dolly, Baby-Ikonta, Folding Cameras und die vielen Links im Text.

2022-04-10

Witt Iloca Electric


Hinter ihr war ich schon länger her! Nicht nur weil sie in meine Sammlung von DKL-Kameras passt, sondern weil sie eine Meilensteinkamera ist: Die erste Kleinbildkamera mit elektromotorischem Filmtransport (und Verschlussaufzug). Außerdem stammt sie aus relativ unbekanntem Hause, dessen Geschichte auch nicht ganz uninteressant ist. Natürlich hätte ich sie hier gerne mit ihrem Originalobjektiv präsentiert, aber leider gibt es viel zu viele sogenannte "Sammler", die ganz bewusst die Objektive von den Kameras trennen, einfach weil mit ersteren mehr Geld zu machen ist. Insbesondere, wenn, wie im meinem Fall hier, die Kamera defekt ist und keinen Mucks mehr tut (außer schön auszusehen). Ich habe guten Grund zur Annahme, dass es sich beim Objektiv, mit dem die Kamera ausgeliefert wurde, um ein Rodenstock Iloca-Heligon 50 mm f/1.9 handelt. Mit dem Objektiv zusammen hätte ich mir den Spaß hier allerdings nicht leisten wollen.
Aber vielleicht verirrt sich ja mal das preiswertere Standard-Objektiv Rodenstock Ysarex 50mm f/2.8 zu mir und komplettiert die Kamera. Oder ich modifiziere eines meiner anderen DKL-Objektive bzw. feile an der Kamera die kleine Nase im Bajonett weg, um alle DKL-Objektive ansetzen zu können.

Die Kamera selbst ist ein echtes Design-Juvel. Der Elektromotor sitzt in der Filmaufwickeltrommel unterhalb des Suchereinblicks (s. Bild links). Die zwei (auch heute noch) handelsüblichen AA-Batterien finden im Kameraboden Platz und sollen angeblich für bis zu 1500 Fotos (also ca. 40 Filme) gereicht haben. Die ganze Kamera wirkt wohl proportioniert, ist aber wegen der Unterbringung von Motor und Batterien für eine Kleinbildkamera recht groß und auch schwer geraten. Sie hat ungefähr die Dimensionen einer Agfa Isolette, und die macht immerhin 6x6 cm große Negative. 

Aber ansonsten hat die Iloca Electric (bzw. ihr US-Exportmodell Graflex Graphic 35 Electric) alles, was sich der Fotoamateur im Jahre 1959 wünschen konnte: einen hellen Messsucher für ein 35 mm Objektiv mit eingespiegelten Leuchtrahmen für 50 mm und 135 mm. Hochwertige Wechselobjektive von Rodenstock oder Steinheil und einen eingebauten Selen-Belichtungsmesser, kombiniert mit einer elegant gelösten Nachführ-"Automatik". Damit und mit ihrem Alleinstellungsmerkmal Elektromotor zielte sie auf die Spitze des Marktsegmentes Kleinbild-Sucherkameras und rief entsprechende Preise auf (einen Preisvergleich mit anderen Top-Kameras findet sich hier). 


Ob man jetzt tatsächlich einen Elektromotor, der 1 Bild pro Sekunde schafft, braucht oder nicht, ist sicherlich Geschmackssache. 1959 allerdings kam jede Menge Innovation in die (Kleinbild-) Kameras (z.B. das Zoom) und Elektr(on)ik war ebenfalls en vogue. Ich habe hier ja schon die andere exotische DKL-Kamera von 1959 vorgestellt, die sich auch der Elektrik verschrieben hatte: Wirgin Edixa Electronica. Aber bei dieser ging es um eine echte Belichtungsvollautomatik, die mit der Agfa Optima ebenfalls 1959 auf dem Markt erschien. Und interessanterweise ist mit solch einer Automatik das Ende der Firma Witt verbunden, so dass die Iloca Electric ihr letztes Modell bleiben sollte...

Aber der Reihe nach: Das Iloca Camerawerk wurde ca. 1947 von A. Walter Illing in Hamburg als technische Werkstatt gegründet. Die erste Kamera hieß entsprechend Ilca ("Illing Camera"), was aber vermutlich zu Nahe an ICA war, so dass Zeiss Ikon entsprechend erfolgreich einsprach. Ab ca. 1950 hießen die Kameras dann Iloca, in diesem Jahr übernahm auch der Hamburger Kaufmann Wilhelm Witt die Firma und es folgte ein Jahrzehnt eines sehr steilen wirtschaftlichen und insbesondere technologischen Aufstiegs. War die Iloca I von 1950 noch eine sehr einfache Kamera, so spielte man am Ende des Jahrzehnts schon in der ersten Liga mit (eben mit der Electric hier). Schlüssel des Erfolgs war natürlich immer neue Innovation (Schnellschalthebel, eingebaute Belichtungsmesser, etc.), aber auch einen guten Draht zum Exportmarkt USA. Obwohl die Firma nie besonders groß war (200 Angestellte am Ende), war man stolz die wesentlichen Schlüsseltechnologien zum Kamerabau im eigenen Hause zu haben und damit relativ unabhängig von Zulieferern zu sein und wesentliche Teile der Wertschöpfung selbst zu machen. Aber ganz unabhängig war man als kleiner Spieler eben nicht. Bei den Objektiven kooperierte man mit ISCO und später Steinheil, die hochwertigen Verschlüsse bezog man ab Mitte der 1950er ausschließlich von Fr. Deckel (Compur) und das sollte sich letztendlich als fatal erweisen.

Der nächste Technologieschritt war im Jahr 1959 schon fertig entwickelt und fest eingeplant in die Produktion. Die Kamera sollte Iloca auto-electric heißen (hier ein Foto des Prototypen von einer Auktion), basierte auf der Electric (eingebauter Motor), hatte aber ein fest eingebautes Objektiv und eine Trap-Needle Blendenautomatik. Zentrales Bauelement war der Compur-automat Verschluss, von dem Iloca bei Deckel am 22. Mai 1959 3200 Stück zum Einzelpreis von 16,50 DM bestellte (eintreffend im August und September). Aber es passierte: Nichts! Sprich: Deckel lieferte einfach nicht und riss das Iloca Camerawerk damit in die Insolvenz, die Anfang April 1960 vollzogen wurde. Witt hatte alles auf eine Karte gesetzt und die Produktion nicht-motorisierter Kameras auslaufen lassen. In Q4-1959 und in den ersten Monaten von 1960 wurden noch wenige Tausend Electric produziert (siehe unten), aber deren Markt war wegen des hohen Preises gedeckelt, und die vorhandenen Teile dafür endlich. 

Witt zeigte Deckel und deren Mutterkonzern Carl Zeiss wegen Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung an, letztendlich zu spät für die Firma. Ob es eine Entscheidung dazu gab und später eine gewisse Entschädigung gezahlt wurde, konnte ich nicht rausfinden. Aber es macht Sinn: Iloca muss als kleiner David mit seinem Vorstoß in die technologische Elite die Großen der Branche (insbesondere Zeiss Ikon) gehörig geärgert haben. Zeiss hatte im Jahr 1958 nicht nur die volle Kontrolle über Friedrich Deckel übernommen, sondern seit 1956 auch bei Voigtländer das Sagen. Vielleicht hatte man ja der Familie Witt auch ein Übernahmeangebot gemacht, was abgelehnt wurde? Nun, alles Spekulation. Jedenfalls hat Witt nach der Insolvenz die fertig entwickelte auto-electric an Agfa verkauft, die sie nach Agfa-Anpassungen als Selecta-m 1962 auf den Markt brachten. Manche schreiben, Agfa hätte die Firma von der Familie Witt übernommen, was vermutlich falsch ist. Die 200 Angestellten und Arbeiter in Hamburg wurden schon Anfang April 1960 endgültig nach Hause geschickt (siehe der Zeit-Artikel vom 8.4.1960). Agfa hat lediglich Verschiedenes aus der Konkursmasse übernommen, insbesondere die Konstruktionszeichnungen, speziellen Werkzeuge und Elemente für die auto-electric.

Datenblatt Erste Kleinbildkamera mit elektromotorischem Filmtransport
Objektiv DKL-Wechselfassung (Typ Iloca). Standard-Objektiv Rodenstock-Iloca-Ysarex 50 mm f/2.8 oder Rodenstock-Iloca-Heligon 50 mm f/1.9. Weitere Objektive von 35 bis 135 mm erhältlich von Rodenstock und Steinheil. DKL-Objektive anderer Typen nach Anpassung verwendbar. 
Verschluss Compur-Rapid Hinterlinsen-Zentralverschluss. B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500 1/s. 
Belichtungsmessung Mittels Selenzelle, Blendennachführung nach Verschlussvorwahl mittels Drehrad unter dem Objektiv. Zeiger auf dem Kameradeckel und im Sucher ablesbar.  DIN/ASA-Einstellung 10-5000 ASA.  
Fokussierung Manuell am Objektiv. Gekuppelter Messsucher mit Parallaxenausgleich.
Sucher Heller optischer Sucher (35 mm Feld) mit eingespiegelten Leuchtrahmen für 50 und 135 mm. Zeiger des Belichtungsmessers am oberen Bildrand sichtbar.
Blitz Anschluss über PC-Buchse, umschaltbar X und M. 
Filmtransport Mittels eingebautem Elektromotor, ca. 1 Bild/sec. Serienaufnahmen möglich. Rückspulen mit Handkurbel. Bildzählwerk (rückwärts).
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (kalt), 1/4'' Stativgewinde. (Tragriehmenösen fehlen!)
Maße, Gewicht ca. 93 x 130 x 62 mm, 753g (nur Gehäuse), ca. 1100 g mit Objektiv und Batterien.
Batterie 2 x AA (3 V). 
Baujahr(e) Q2-1959 bis Q1-1960, < 5000 Exemplare (inkl. Graflex Graphic 35 Electric), diese # 80 0085 259 ca. April 1959.
Kaufpreis, Wert heute ca. 600 DM (mit 1.9/50, 1959, entspr. ca. 1500€ heute), >500 € für funktionierende Kamera mit Objektiv, ca. 100-200€ für defekte Kamera.
Links Camera-Wiki, Bedienungsanleitung (english)CJS Classic Cameras, Iloca.weebly.com, Bleckedermoor.de, Collection-Appareils.fr, Graflex-Journal, Electric Innenleben und Umbau (Flickr Stream), Zeit-Online Artikel über Witt's Insolvenz
Bei KniPPsen weiterlesen DKL-Bajonett (und alle Links dort), Konica FS-1 (eine andere erste Motorkamera), 111 Jahre Compur, Durst Automatica (ähnliche Zeit, ähnlicher Fall), Robot (Motorisierung mit Federmotor), Agfa Selecta-m

Einige Bemerkungen zu den Seriennummern, die ich mir natürlich genau angeschaut habe. Zum Glück gab es da schon bei CJ's classic cameras eine solide Vorarbeit. Die Seriennummern bestehen aus drei Blöcken, wobei der erste Block bei der Electric stets "80" ist. Dann folgt im zweiten Block eine 4-stellige fortlaufende Zahl, die eigentliche Seriennummer, und als letzter Block ein Zeitstempel im Format QJJ. Im Netz gefunden habe ich folgende Nummern: 80 0054 259, 80 0085 259 (diese hier), 80 0236 259, 80 0701 359, 80 3213 459, 80 3414 459 (alle bisher als Iloca Electric), dann als Graphic 35 Electric: 80 1743 459, 80 2116 459, 80 2293 459, 80 2436 459, 80 2532 459, und 80 4615 160. Ich folgere also (vielleicht voreilig), dass die ersten ca. 1000 Exemplare im (späten?) Q2 und frühen Q3-1959 gebaut wurden und allesamt als Iloca gelabelt wurden, dann sehe ich eine "Sommerpause", was ganz gut zur Misere mit der auto-electric passt. In Q4-1959 wurde dann der Großteil (ca. 2500) der Kameras gebaut und zwar sowohl für die USA als auch für den hiesigen Markt. Vielleicht noch 1000 wurden dann noch im Q1-1960 gebaut, Schluss war ja am 1.4.1960. Wer noch weitere Nummern beisteuern kann, bitte hier unten als Kommentar oder per e-mail an KniPPsen (at) icloud.com. 


2022-03-20

Super Nettel (Zeiss Ikon 536/24)

Mit dieser wundervollen Super Nettel aus dem Hause Zeiss Ikon wächst meine Sammlung von Kleinbildkameras aus den 1930ern um einen wichtigen Baustein. Zeiss Ikon hatte sich nach der erzwungenen Fusion seiner Vorgängerunternehmen (1926) in wenigen Jahren zum Technologieführer gemausert. Die interne Konsolidierung des Produktportfolios (viele gleichartige Platten und Rollfilmkameras für 'zig Formate) setzte Resourcen in der Entwicklung und Produktionskapazität frei. Gleichzeitig hatte man das Glück, dass ein Generationswechsel stattfand, und ein paar junge Ingenieure bekamen die Chance, ihre frischen Ideen in leitenden Positionen tatsächlich in die Tat umzusetzen. Bei Zeiss Ikon in Dresden waren das insbesondere Heinz Küppenbender und etwas später auch Hubert Nerwin

Und es dämmerte tatsächlich ein neues Zeitalter der Fotografie, genau: die Kleinbildfotografie wurde zum neuen Wachstumstreiber der ganzen Branche. Nach ersten eher weniger erfolgreichen Gehversuchen mit der Klasse der 3x4-Kameras (auch von Zeiss Ikon), erschienen spätestens ab 1934 immer mehr KB-Kameras für den 35mm breiten Kinofilm. Mit der Leica gab es schon seit 1925 ein Rollenmodell auf dem Markt, was für viele Wettbewerber Ansporn war und den Weg vorzeigte. Zeiss Ikon war 1932 der erste, der mit der Contax Leica was entgegenzusetzen hatte. Das später dann Contax I genannte Modell hatte noch die eine oder andere Kinderkrankheit und galt nicht wirklich als zuverlässig. Die Verbesserungen dazu wurden bei Zeiss Ikon in der laufenden Produktion sukzessive umgesetzt. Man perfektionierte seine Prozesse und die daraus hervorgehenden Produkte, so dass die 1936 vorgestellten Contax II und Contax III sich tatsächlich (auch preislich) an die Spitze des KB-Kameramarktes setzten. 

Aber mit der technologischen Spitze lässt sich alleine nicht genug Geld verdienen. Zeiss Ikons Wettbewerber waren auch nicht untätig, insbesondere Kodak (Nagelwerk) in Stuttgart trieben die Konkurrenz mit der günstigen aber leistungsfähigen Retina Serie vor sich her. Und so musste auch bei Zeiss Ikon ein Modell für den anspruchsvollen Amateur her, der sich im Gegensatz zu den Profis keine Contax leisten konnte. Man nehme also den Schlitzverschluss der Contax und viele Gleichteile aus Gehäuse und Filmhandling, greife in die Carl Zeiss Jena Objektivkiste und baue dies fest an einen schlichten Faltbalgen mit Scherenspreizen. Gewürzt wird das Ganze mit dem innovativen Drehkeil-Entfernungsmesser der Super-Ikonta, voila: Fertig ist die „Super Nettel“, auch vermarktungstechnisch geschickt anknüpfend an die Stuttgarter Contessa-Nettel Tradition. 
Als die Super Nettel 1935 auf den Markt kommt hat sie sogar schon das verbesserte Verschlussdesign mit dem zentralen Auslöser an Bord, das erst ein Jahr später mit der Contax II (wieder verbessert) auf den Markt kommt. Auch sonst wirkt sie selbst heute noch sehr durchdacht und fertig. Bei meinem Exemplar ist fast der gesamte schwarze Lack noch intakt, selbst bei den sonst üblichen Zeiss bumps gibt es nur auf der rechten Kameravorderseite was zu bemängeln. Zeiss Ikon hat während ihrer 4-jährigen Bauzeit nur minimale Änderungen vorgenommen. Allerdings gab es mit der Super Nettel II (537/24) ab 1936 etwas Differenzierung. Das ansonsten baugleiche Modell hatte Chrome statt schwarzem Lack, außerdem wurde es exklusiv mit dem 2.8-Tessar verkauft (angeblich in limitierter Auflage von 2000 Stück). Das nun Super Nettel I genannte Basimodell gab es nur noch mit dem 3.5-Tessar oder dem günstigeren Triotar. Zum Ende wurden gar die Preise noch gesenkt, vermutlich um sie den direkten Konkurrenten am Markt anzupassen. Eine tolle Kamera, für meinen Geschmack mit über 600 g etwas zu schwer und groß für das was sie am Ende kann. Aber vielleicht mach ich ja trotzdem mal ein paar Bilder damit…

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera mit Schlitzverschluss für den anspruchsvollen Amateur
Objektiv Carl Zeiss Triotar 5cm f/3.5 (Triplet, nicht vergütet, #1651145, 1935) . Kamera war auch erhältlich mit Tessar 5cm f/2.8 oder f/3.5.
Verschluss Vertikaler Metallrollo-Schlitzverschluss, B-5-10-25-50-100-200-500-1000 1/s. Keine Blitzsynchronisation vorgesehen. Auslöser mit Drahtauslösergewinde im Zentrum des Spanndrehknopfes. Herausziehen dieses Knopfes dient zur Wahl der Verschlusszeit.
Fokussierung mittels Rändelschraube am Drehkeil-Entfernungsmesser. Kürzeste Entfernung ca. 1m. Dieses Exemplar hat die Skala in feet.
Sucher optischer Durchsichtsucher direkt neben Entfernungsmessereinblick. Keine Parallaxenkorrektur.
Filmtransport Mittels Drehknopf an der Kameraoberseite, womit auch der Verschluss gespannt wird. Die Kamera akzeptiert Standard-135er Film und die normale Contaxaufwickelspule. Alternativ können auch Zeiss Ikon Tageslicht-Kassetten verwendet werden, die mit den Schlüsseln an der Unterseite der Rückwand verschlossen werden.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Abnehmbare Rückwand, kompatibel zu Contax-Zubehör wie z.B. Platten/Planfilmadapter, Stativgewinde 1/4‘‘. Vorwärtszählender Bildzähler, Trageösen (nicht selbstverständlich zu der Zeit)
Maße, Gewicht ca. 42 x 70 x 132 mm, 621g
Baujahr(e) 1935-1938, diese #C20968 von 1936. 
Kaufpreis, Wert heute 165 RM (1938), ca. 200€
Links Camera-Wiki, Operating manual, BedienungsanleitungMike Elek, Klaus-Eckard Riess, Meyer.de, Earlyphotography.co.uk
Bei KniPPsen weiterlesen Contax II, Leica III, Tenax I, KB Balgenkameras der 30er, Certo DollinaZeiss Ikon Kolibri, Dr. Paul Rudolph, Weltini II

Die Super Nettel kostete bei Photo Porst im Jahr 1935 mindestens 198 Reichsmark.  Im Jahr 1938 war die Spitzenversion mit dem 2.8 Tessar nicht mehr im Porst Programm, dafür die Einstiegsversion mit dem Triotar für 165 RM.

2022-03-11

Certo Dolly Vest Pocket

Eigentlich war dies Dolly nur ein Beifang zur Icarette und ich habe nur 11€ dafür bezahlt. Allerdings hatte ihr Verkäufer sie schlecht bzw. falsch beschrieben. Es ist aber auch nicht ganz einfach, sie richtig einzuordnen, über sie wird viel widersprüchliches im Netz (und auch in Büchern) verbreitet. Daher passt sie ganz gut in meine wachsende Sammlung von Kameras für den Rollfilm 127 und aus den 1930er Jahren, und mir macht es Spaß, hier mal die Fakten von den Vermutungen und Falschmeldungen zu trennen. 
Mit 38 mm Dicke passt sie zusammengeklappt
gerade noch so in Jacken- oder Hosentaschen
Zunächst einmal ist sie eine kompakte (Taschen-) Version einer klassischen Faltbalgenrollfilmkamera mit selbst aufrichtenden Balgen. Sie steht außerdem voll in der Tradition der Vest Pocket Kodak von 1912, die das Format 4 x 6.5 cm und den dazugehörigen 127er Rollfilm eingeführt hatte. Das sollte man nicht mit dem fast genauso großen Format 4.5 x 6 cm (120er Rollfilm) verwechseln, für das Certo die sonst fast identische "Super Sport Dolly" (auch "SS Dolly") ab ca. 1934 im Programm hatte, siehe weiter unten. Tatsächlich hat sich letzteres Format am Markt durchgesetzt und auch schon zu Zeiten der Dolly (Mitte der 1930er) gab es mehr Kameras dafür als für den "Vest Pocket Film".

Die Dolly wurde als "Zweiformatkamera" beworben, der Kamera lag eine metallene Maske bei, die im Bildfenster platziert wird und das Negativ auf 3x4 beschränkt (ist bei meiner leider verloren gegangen). Entsprechende Markierungen gibt's auch im Sucher. Aus diesem Grund hat die Dolly auch die von 3x4-Kameras üblichen 2 roten Fensterchen für die Bildnummern auf dem Rückseitenpapier. Wenn man die Maske nicht drin hat und also das volle Format belichtet, kann man sich aussuchen, welches der beiden Fensterchen man zum Filmvorspulen verwendet. Man sollte es sich allerdings gut merken und dabei bleiben, ansonsten gibt es entweder überlappende Negative oder 3 cm breite Zwischenstege. Ich denke allerdings, dass die meisten Dolly-Fotografen das Halbformat eher nicht genutzt haben, denn die fest eingebaute 75 mm Brennweite ist dafür ja eher etwas lang und außer für Portraits unpraktisch.

Dies ist nicht die erste Dolly genannte Kamera, davor (ca. 1930-1932) hatte Certo zwei Varianten (oft mit A und B bezeichnet) einer 3x4-Halbformatkamera für den 127er Rollfilm unter diesem Namen auf dem Markt. Das Scheitern dieser Kamerklasse habe ich schon ausführlich beleuchtet. Certo reagiert auf die Markt mit neuen Modellen und Konzepten: 1932 erscheint das neue 127er-Modell "Sonny", das schon nach sehr kurzer Zeit wegen eines Konfliktes mit der Fa. Foth, die sich "Sonnyflex" hatte registrieren lassen, in den bekannten Namen "Dolly" umbenannt wurde: Eben diese Kamera hier. 

1934 kam dann die "Super Sport" (auch SS) Dolly auf den Markt, diesmal für den breiteren 120er Rollfilm wahlweise für 6x6 oder 4.5x6 große Negative (Variante A). Eine Variante B erlaubte die zusätzliche Verwendung von Glasplatten oder Filmpacks, auch das Objektiv ließ sich auswechseln und gegen ein Teleobjektiv eintauschen, was man ja bei Plattenaufnahmen per Mattscheibe fokussieren konnte. Die Topvariante C erlaubte gar Filmrückspulen, um zwischen all diesen Optionen beliebig wechseln zu können. Die absolute Krönung erfährt die Super Sport Dolly ab 1939 mit einem zusätzlich angebauten Entfernungsmesser.

Aber Certo hatte gleichzeitig auch das Kleinbildsegment im Blick: Mit der Dollina wird 1935 eine Kamera für den immer populärer werdenden Kleinbildfilm (135er) vorgestellt, auch sie erfährt bis zum Kriegsbeginn einiges an Innovatiion und Modellpflege. Andere Hersteller wie Welta oder Kochmann sind eine ähnliche Strategie gefahren, viele haben dem 127er aber den Rücken gekehrt und sich entweder auf den 120er Rollfilm (6x6, 4.5x6, 6x9) oder dem Kleinbildfilm konzentriert. 

Wie lange diese Dolly Vest Pocket am Markt war, konnte ich nicht abschließend klären. Ich vermute, dass ihre Produktion schon ca. 1935 eingestellt wurde, um sich ganz auf die Dollina zu konzentrieren. Die Restbestände wurden wohl weiter verkauft, Certo hat angeblich einen erklecklichen Teil exportiert. Da verwundert es nicht, dass sie in manchen Katalogen wohl noch bis ca. 1940 zu finden war.

Datenblatt Kompakte Faltbalgenkamera für Rollfilm 127 (4x6.5)
Objektiv C.Friedrich Corygon-Anastigmat 7.5 cm f/3.5 (Triplet, #168518), auch erhältlich mit Schneider Xenar oder Meyer Trioplan. Einfachste Version mit Certar f/4.5 im Vario-Verschluss.
Verschluss Compur (B) Zentralverschluss T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 (#3014878), auch erhältlich mit Vario (T-B-25-100).
Fokussierung durch Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung 1m.
Sucher faltbarer optischer Sucher, mit extra Markierungen für 3x4-Maske. In meinem Fall (wohl nachträglich) aufgemaltes Fadenkreuz.
Filmtransport mittel Drehrad an der Kameraunterseite. Zwei rote Fensterchen für 3x4 und 4x6 Betrieb (siehe Text).
sonst. Ausstattung ausklappbarer Standfuß für vertikalen Stand. 1/4'' Stativgewinde, Drahtauslöergewinde. 
Maße, Gewicht ca. 115 x 38 x 78 mm (zusammengefaltet), 381 g
Baujahr(e) 1932-1935?, diese #7494 laut Verschluss-# von 1934. 
Kaufpreis, Wert heute ca. 60-70 RM, ca. 50€
Links Camera-wiki, historiccamera, Reklame 1932, Dolly-Parade
Bei KniPPsen weiterlesen Fotofirmen in den 30ernDollina, 3x4-Halbformatkameras und ihr plötzliches Verschwinden 

2022-02-27

Icarette


Einen sehr glücklichen Fang für meine Sammlung habe ich letzte Woche mit dieser Icarette gemacht, nach interner Seriennummer im Zeitraum von 1916 bis 1918 gebaut und damit ca. 105 Jahre alt. Ich habe mir noch kein komplettes Bild der damaligen Marktsituation machen können, diese war aber auf alle Fälle komplex und sehr interessant. Die Icarette I war wie die Vest Pocket Kodak eine frühe sehr kompakte Rollfilmkamera, die zusammengeklappt tatsächlich in eine Westen- oder Hosentasche passte. Dass sie mit  dem quadratischen 6x6 cm Negativ auf ein später sehr populäres Format setzte, konnten ihre Konstrukteure bei ihrem Erscheinen im Jahr 1912 noch nicht wissen, bescherte ihr selbst aber eine sehr lange Karriere bis hinein in die 1930er Jahre. Die Kamera verwendete Rollfilm 117 (Agfa B1), der nur 6 Bilder lieferte.
Der Rollfilm selbst (unabhängig von einigen verschiedenen Typen und Formaten) steckte Anfang des 20. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen und hatte durch allerlei technische Kinderkrankheiten mit einem schlechten Ruf zu kämpfen. Anfangs gab es ihn zusammen mit billigen Boxkameras wie der Brownie No.2 . Agfa stieg wegen Qualitätsproblemen nach nur kurzer Zeit 1905 aus der Produktion von Rollfilm aus, nur um 10 Jahre später (1915) wegen stark gestiegener Nachfrage wieder einzusteigen. Das war genau die Zeit der Icarette und anderer ähnlicher faltbarer Rollfilmkameras, die damals die Zukunft der Fotografie aufzeigten.

Es sollte allerdings bis zum Anfang der 1930er Jahre dauern, bis Roll- und dann die Kleinbildkameras die bis dahin vorherrschenden (Glas-)Plattenkameras auch bei anspruchsvollen Fotografen verdrängten. (Planfilme in speziellen Kassetten stellen sicher eine Übergangsform dar).
Hier kommt der andere Teil der Geschichte ins Spiel und das betrifft die deutsche Fotoindustrie am Anfang des 20. Jahrhunderts: Viele kleine unabhängige Firmen bauen jeweils unzählige Modelle sehr ähnlicher Plattenkameras und liefern sich gegenseitig einen ruinösen Wettbewerb. Das entscheidende High-Tech (Verschlüsse und Objektive) kommt jedoch nur von wenigen Spielern. Insbesondere die Zeiss Stiftung zieht im Hintergrund die Strippen und zwingt am Ende den Markt in die Konsolidierung. So entsteht von 1909 bis 1926 die Firma ICA („International Camera AG“), die spätere Keimzelle der Zeiss Ikon (ab 1926). Details kann man woanders nachlesen (siehe Links unten). ICA produzierte natürlich viele Plattenkameras-Konstruktionen ihrer Vorgängerfirmen weiter, allerdings wurden durch die gehobenen Synergien auch Resourcen frei, die man z.B. in die Icarette als das erste gemeinsame Projekt der ICA steckte. 
Meine Icarette ist für ihr Alter noch sehr gut erhalten. Der Compound Verschluss mit seinem Luft-pneumatischen Hemmwerk scheint noch klaglos zu funktionieren. Das Objektiv musste ich putzen, aber sonst ist nichts auszusetzen. Selbst Film würde man für das Schätzchen noch bekommen. Die Bedienung ist allerdings verglichen mit späteren Kameras noch sehr archaisch: Den Laufboden muss man recht fummelig von Hand ausziehen, wie bei vielen Plattenkameras halt. Das Hebelchen für die Blendeneinstellung hätte ich fast übersehen. Und warum Brilliantsucher so heißen, muss mir auch nochmal jemand erklären. 

Datenblatt Icarette I, Typ 495. Frühe kompakte Rollfilmkamera (6x6) mit Faltbalgen auf Laufboden für Rollfilm 117.
Objektiv Ica Novar 7,5 cm f/6.8 , Seriennummer 294710
Verschluss Compound Zentralverschluss, T-B- 1-2-5-10-25-50-100-250, Seriennummer 234262
Fokussierung durch Verschieben des Balgenauszugs, kürzeste Entfernung 1m
Sucher faltbarer Brilliantsucher, ausklappbarer Sportsucher.
Filmtransport mit Drehschlüssel, rotes Rückseitenpapierfenster.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8‘‘, Drahtauslöseranschluss
Maße, Gewicht ca. 72 x 125 x 25 mm, 397g 
Baujahr(e) 1912-1925, als Zeiss Ikon Kamera noch bis ca. 1934. Dieses Exemplar mit Seriennummer E20182 von ca. 1916-1918.
Kaufpreis, Wert heute ?, 30 €
Links Camera-Wiki, ICA Geschichte K. Ries, Wikipedia, Collectiblend, Oldcamera-Blog
Bei KniPPsen weiterlesen Kodak Junior No.1a, Hannibal Goodwin, Vest Pocket Kodak, Rollfilm 117

P.S. In einer früheren Version dieses Beitrags hatte ich behauptet, die Icarette würde 120er Rollfilm verwenden. Der passt tatsächlich wegen der breiteren Spule nicht in schlanke Kamera.

2022-02-19

Kodak Retina I (117)


Ich konnte nicht widerstehen und habe neulich meine sechste Retina I erstanden. Ich habe hier schon mehrfach berichtet (Links siehe unten in der Tabelle), diesmal handelt es sich wirklich um das Urmodell 117 von 1934, also die erste Kleinbildkamera für den universellen Kleinbildfilm 135 in der Wegwerfpatrone. Dieses Exemplar hat einige Gebrauchsspuren, ist aber vergleichsweise sehr gut erhalten und voll funktionsfähig. Mit der Seriennummer 419847 stammt es aus der allerersten Serie und wird damit den Platz in der Vitrine einnehmen, den bisher ihre deutlich abgerissenere jüngere Schwester 118 eingenommen hatte. 
Natürlich will ich den Platz hier für ein Vergleichsbild meiner Retina I Vorkriegsmodelle nutzen. Von links nach rechts sieht man die kleinen Unterschiede zwischen 117 (1934), 118 (1935) und 126 (1936), die alle mit dem Bildzählwerk zu tun haben. Markantestes Merkmal der 118 ist ein kleiner Drehknopf neben dem großen Filmtransportknopf auf der rechten Kameraoberseite. Dieser wird unbedarft gerne mit einem Gehäuseauslöser verwechselt, dieses Feature gibt es bei der Retina I aber erst mit dem Modell 141 (ab 1937). Es handelt sich um den Entsperrknopf für den Filmtransport, der bei den Modellen 118, 119 und 126 dann als kleines Hebelchen auf der Gehäuserückseite realisiert wird und schließlich ab Modell 141 wegfällt, da der Gehäuseauslöser diese Funktion mit übernimmt. Aber wozu ist "Entsperren" wirklich notwendig? Nun, die Vorgängerinnen der Retina (namentlich die Pupille und die Vollenda 48 aus dem Hause Nagel) verwendeten den Rollfilm 127 mit Rückseitenpapier inkl. aufgedruckter Bildnummern, die der Fotograf beim simplen Filmtransport durch das rote Rückseitenfensterchen beobachten konnte. Beim Kleinbildfilm (ohne Rückseitenpapier) ging das nicht mehr, hier muss der Filmtransport nach einer definierten Strecke einrasten. Genau diese Raste wird mit dem Entsperrknopf wieder aufgehoben für den nächsten Bildtransport. Dies war zunächst komplett unabhängig vom eigentlichen Auslöser, der vorne am Compur-Zentralverschluss sitzt und extra gespannt werden musste. 
Die weitere Vorkriegsmodellpflege betrifft das Bildzählwerk, das kleiner wird und von der linken auf die rechte Kameraoberseite wandert und langfristig seinen Platz für einen Zubehörschuh freimacht. Ansonsten sind sich alle Modelle sehr ähnlich. 


Datenblatt Kleinbild-Balgenkamera, erste Kamera für die universelle Kleinbildpatrone 135
Objektiv Schneider Xenar 5 cm f/3.5 (Tessar Typ). Spätere Modelle auch mit Kodak Ektar oder Zeiss Tessar.
Verschluss Compur Zentralverschluss T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 1/s. Auch erhältlich mit Compur-Rapid (bis 1/500 s).
Fokussierung manuell durch Verschieben des gesamten Objektivs.  kürzeste Entfernung 1m.
Sucher einfacher optischer Sucher
Filmtransport mit Drehknopf, daneben Entsperrknopf, Bildzählwerk (vorwärts). 
sonst. Ausstattung superkurzer Drahtauslöser am Objektiv, Tiefenschärferechenschieber an der Unterseite, Stativgewinde 1/4''
Maße, Gewicht ca. 75 x 35 x 120 mm, 445 g
Baujahr(e) 1934, spätere Retina I Modelle bis 1941 und dann wieder von 1946-1954. Insgesamt 460,000 Exemplare. Dieses erste Modell 117: 29,299.
Kaufpreis, Wert heute 75 RM (1935), heute ca. 150 € (Modell 117), andere Modelle ab ca. 30 €.
bei KniPPsen weiterlesen meine anderen Retina I (118126010), August Nagel, Nagel Pupille, Nagel Vollenda 48, Welti, Baldina, Vergleich, Certo Dollina, Agfa KaratWichtigste KB-Kameras 1937 (Porst Katalog)
Links Camera-Wiki, Chris Sherlock's Retina Sammlung, Bedienungsanleitung (Modell 119)
Sehr gut erhaltene Ledertasche, innen gibt es roten
Samt mit Kodak Schriftzug.
Auch der geprägte Retina Schriftzug änderte
sich im Laufe der Zeit. Links: 117, Rechts: 010

2022-01-22

Zenith 80 (САЛЮТ, Salyut, Kiev 80)


Mit meinem Sammelanspruch nach bedeutenden Kameras, die die Entwicklung der Industrie über die Zeit geprägt haben, gehört eigentlich eine Hasselblad in meine Vitrine und auf diesen Blog. Hier natürlich entweder Victor Hasselblads erstes Modell 1600 F von 1948 oder eine 500 C/M (die vermutlich bedeutendste professionelle 6x6-Systemkamera). Aber die Dinger waren (und sind) als professionelle Arbeitsgeräte sehr teuer und auch heute in Sammlerkreisen sehr beliebt. Die aufgerufenen Preise (> 1000€) stoßen sich mit meinem anderen Anspruch möglichst preiswert bei meinen Sammelobjekten zu bleiben.
Daher wurde es statt dessen eine "Hasselbladski", so der Spitzname für die sowjetische САЛЮТ (Salyut), die ein sehr naher Hasselblad 1000 F Nachbau ist und sich zu einer eigenen Kameralinie weiterentwickelt hat, wobei die äußere Anmutung sehr nah am Original blieb. Während bei der Hasselblad immer wieder innovative neue Modelle eingeführt wurden, ist die Geschichte der Salyut/Kiev-Reihe relativ schnell erzählt: Die erste Version  der Salyut (1957-1959) hatte noch einen Selbstauslöser und eine schnellste Verschlusszeit von 1/1500 s. Beides wurde schrittweise aufgegeben, der sogenannte Typ 3 (1965-1974) hatte die hier gezeigten Features und wurde als Exportmodell (manchmal als Typ 4 bezeichnet) unter den Namen Zenith-80 und Revue 6x6 im westlichen Ausland verkauft. 
Systemkamera für den professionellen Einsatz. Vieles ist sogar mit dem originalen Hasselblad-Zubehör kompatibel. 

Ab 1972 gab es dann die Salyut-C mit modifiziertem Objektivanschluss (automatische Springblende). Diese wurde als Kiev-80 in den Westen exportiert. Ab ca. 1984 hießen alle Kameras dann Kiev-88 und hatten einen (heißen) Blitzschuh. Später (in den 1990ern ?) gab es die Kiev-88 CM mit Pentacon/Praktisix-Bajonett. Die eigentliche Produktion der Kamera endete wohl ca. 2004. Allerdings gibt es immer noch soviele Restbestände bzw. Ersatzteile, dass die Firma Arax in Kiev, die einige ehemalige Arsenal Mitarbeiter übernommen hat, manuell instandgesetzte und getestete Kameras heute immer noch verkauft. 
Im Netz liest man viel über die zum Teil schlechte Verarbeitung und fehlerhafte Verschlüsse und vieles mehr. Es wird immer wieder die Warnung ausgesprochen, bloß nicht die Verschlusszeit zu verstellen, wenn die Kamera nicht gespannt ist, das würde die Mechanik ruinieren. Man liest allerdings auch, dass die frühen Exemplare noch aus solidem Stahl gefertigt wurden, das ab den 80ern zum Teil durch weicheres Messing ersetzt wurde. Dadurch sind wohl die späteren Exemplare anfälliger für Fehler. Ich jedenfalls war sehr gespannt, bis ich mein Exemplar endlich bekommen habe.

Und, ich muss sagen, ich war sehr angetan. Der erste Eindruck war ein "Wow!", was ein Klotz. Sie liegt mit ihren ca. 1,5 kg schwer in der Hand und ist tatsächlich größer als sie auf Fotos wirkt. Der Druck auf den Auslöser lässt satt den Spiegel hochklappen und den Verschluss ablaufen und beim Dreh am großen Aufzugsdrehrad wackelt nichts. Meine Kamera hatte zwei kleine Dellen auf dem Lichtschachtdeckel, ansonsten ist sie fast tadellos in Schuss. Alle Chromleisten glänzen, keinerlei Kratzer oder abgeschubbelte Ecken, das Leder überall bis in alle Ecken solide verklebt. Trotzdem wirkt sie durchaus benutzt und ich habe auch keine Angst dies zu tun. Der Verschluss scheint bei allen Zeiten richtig abzulaufen und ich werde noch auf besseres Wetter und Lichtverhältnisse warten und dann mal den einen oder anderen Rollfilm riskieren, den ich noch besitze...

Datenblatt Mittelformat-SLR (6x6, 120er Film) mit Wechselmagazin (Hasselblad Nachbau)
Objektiv Industar-29 80 mm f/2.8 (vergütet, Tessar Typ), auswechselbar über Salyut-B (Hasselblad 1600f/1000f) Bajonett. Halbautomatische Springblende.
Verschluss horizontaler Metallfolien-Schlitzverschluss, B-2-4-8-15-30-60-125-250-500-1000 1/s
Belichtungsmessung keine, mittels TTL-Prismensucher nachrüstbar
Fokussierung manuell am Objektiv, Naheinstellgrenze 90 cm, Fresnel-Mattscheibe.
Sucher Lichtschachtsucher, austauschbar gegen Prismensucher oder Lupensucher
Blitz Anschluss über PC-Buchse, umschaltbar M und X. Synchronzeit 1/30s
Filmtransport Mittels Drehrad an der rechten Kameraseite, ganze Umdrehung notwendig, dies spannt gleichzeitig den Verschluss. Mechanisches Bildzählwerk am Magazin, durch ein verschließbares zentrales Loch im Magazin kann auch auf die Nummer des Rückzeitenpapiers geschaut werden.
sonst. Ausstattung auswechselbares Filmmagazin für 120er Rollfilm (6x6), optional sind auch Magazine für 6x4.5 und Polaroid ansetzbar. Auslösesperre bei eingesetztem Magazinschieber, Drahtauslösergewinde, 2 x 3/8'' Stativgewinde, Gurtösen, Merkscheibe für Filmempfindlichkeit.
Maße, Gewicht ca. 170x100x100 mm, Objektiv 307g, Gehäuse 631g, Lichtschacht 71g, Magazin 456g, Gesamt: 1465g 
Baujahr(e) 1957-1973 (74?), 3 Versionen, diese letzte Version von ca. 1968-1973 auch unter den Export-Varianten Zenith-80 (UK) und Revue-6x6 (Foto Quelle, BRD), insgesamt ca. 50,000 Exemplare, diese #7104380 von 1971.
Kaufpreis, Wert heute UdSSR: 400 Rubel (6 durchschn. Monatsgehälter), heute je nach Zustand 100-300 €.
Links User-ManualCamera-WikiRepair Manual, Steve Ash, Commiecameras, Film einlegen, Fotoua.com, Kievaholic Club, Matt's Classic CamerasSovietcams.comWolfram Klein