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2025-12-18

Coronet Vogue

Auch diese kleine Bakelit-Kamera habe ich auf der Darmstädter Fotobörse in diesem Jahr erworben. Sie stammt von der britischen Firma Coronet aus Birmingham, die von 1926 bis 1967 existierte und meist sehr einfache und preiswerte Kameras hergestellt und vermarktet hat. Die allermeisten Modelle waren Box-Kameras aus Pappe, später wurde auch viel Plastik verwendet. Mit Kunststoff als Gehäusematerial experimentierte man erstmalig Mitte der 1930er Jahre. Dazu kooperierte Coronet mit der Briminghamer Nachbarfirma E. Elliott Ltd., die entsprechende Spritzgussmaschinen besaß und für Coronet die Gehäuse für die Vogue und die noch kleinere Midget produzierte. Elliott selbst produzierte alles mögliche aus Kunststoff (damals meist Bakelit), wie zum Beispiel Gehäuse für Radios und andere Geräte, hatte dann aber auch ab 1935 mit der V.P. Twin eine eigene Bakelitkamera (127er Film) im Programm, für die im Gegenzug Coronet den Verschluss und andere mechanische Komponenten lieferte.  

Die Vogue ist eine schlanke, für Hosen- oder andere Taschen geeignete Einfachstkamera und verwendet einen speziellen V-35 genannten Rollfilm (unperforierter 35 mm Film mir Rückseitenpapier, ähnlich Kodak's 828), mit dem jeweils 6 Bilder im ungewöhnlichen Format 3 x 5 cm möglich waren. Auf Knopfdruck springt der "Laufboden" mit dem Objektiv fast explosionsartig hervor. Man kann sofort loslegen mit dem Fotografieren, denn einzustellen gibt es fast nichts: Das Objektiv ist ein f/10 Fixfokus-Meniskus mit ca. 58 mm Brennweite, der Verschluss erlaubt die Wahl zwischen "I" (instant, ca. 1/30 s) und "T" (time, B). 

Auf den Markt gekommen ist sie angeblich 1936, wie erfolgreich und wie lange sie in Produktion war, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Immerhin gibt es eine Werbeanzeige eines amerikanischen Distributors von 1938. Das und der aufziehende Weltkrieg, der auch die Produktionsanlagen der Firma Coronet zerstört hat, grenzt die Länge der Produktionszeit und Verbreitung durchaus ein. Auch der sehr "eigene" Film und das ausgefallene Format dürften einem größeren Markterfolg eher entgegen gestanden haben. Ob man den Kodak 828-Film (Bantam) verwenden könnte, kann ich leider mangels eines solchen nicht rausfinden, die 35mm-Rollfilmspule meiner Bobette jedenfalls ist zu groß für die Vogue.  


Datenblatt Einfachst-Kamera für 3x5 cm Aufnahmen auf 35 mm Rollfilm 
Objektiv Meniskus, ca. 58 mm f/10
Verschluss einfacher Box-Kamera-Verschluss, B und 1/30s
Fokussierung Fix-Fokus
Sucher winziger optischer Durchsichtsucher 
Filmtransport mit Drehrad an der Kameraunterseite, rotes Fenster für Bild-Nr. (1 bis 6) auf der Rückseite. 
sonst. Ausstattung Stativgewinde ca. 4 mm
Maße, Gewicht ca. 113 x 72 x 32/72 mm (zu-/aufgeklappt), 171 g
Baujahr(e) ca. 1936 -1938
Kaufpreis, Wert heute 5 US$ (1938), ca. 50 - 100 €
Links Camera-Wiki, Camera Manual, artdecocameras.com, Graces Guide

2025-03-22

Zeiss Ikon Nettar IIC (517/2)

Ebenfalls in meinem Geschenkbeutel (Kamera #5) war diese Zeiss Ikon Nettar IIC, eine sehr solide aber dennoch einfache Faltbalgenkamera vom Anfang der 1950er Jahre. Sie gehört mit zu den letzten Vertretern ihrer Art. Ihr klassisches Bauprinzip geht zurück auf die ersten faltbaren Rollfilmkameras (ca. 1890), die sich den Laufboden wiederum von den Plattenkameras abgeschaut hatten. Als die Rollfilmkameras in den 1920er und 1930er Jahren die Marktführerschaft übernahmen, gab es von nahezu jedem Kamerahersteller eine oder mehrere Modelle in unterschiedlichen (Rollfilm-) Größen. Ab Mitte der 1930er setzte sich der Rollfilm 120 und 6x9 cm als Standard endgültig durch, zumindest im breiteren Massenmarkt, wo immer noch Kontaktkopien die Regel waren (siehe zum Beispiel meine Vollenda 620).    
In den 1930ern kamen bekanntermaßen auch die Kleinbildkameras auf, die dann endgültig die Marktführerschaft in den 1950ern übernehmen sollten. Nach der kriegsbedingten Pause fuhren die Kamerahersteller Ende der 1940er aber erstmal die Produktion der erfolgreichen Vorkriegsmodelle wieder hoch. Zeiss Ikon tat das auch für ihre bekannten Kameraserien Ikonta und Nettar, die schon immer im alten Contessa-Werk in Stuttgart produziert wurden. Die Nachkriegsvarianten bekamen ein wenig Facelift, indem der Aufklappsucher durch einen in der neuen Gehäusekappe integrierten optischen Fernrohrsucher ersetzt wurde. Im Falle der Nettar war die hier gezeigte geschwungene Gehäusekappe eine erste Version, spätere Kameras wie auch die Ikonta (532/2) hatten eine eckigere Form.
Durch Objektiv und Verschluss
unterschieden sich die Varianten

Ikonta und Nettar sind eigentlich nur Ausstattungsvarianten im selben Kameragehäuse, wobei die Nettar-Varianten die Billigversionen sind. Für die Nachkriegsvarianten von 1951 gab es folgende Auswahl (Preise aus Photo Porst-Katalog) : 

NETTAR...
Novar f/6.3 Vario 59,- DM
Novar f/4.5 Pronto 80,- DM
Novar f/4.5 Prontor-S 98,-DM
IKONTA...
Novar f/4.5 Prontor-SV 112,- DM
Novar f/3.5 Prontor-SV 150,- DM
Tessar f/3.5 Synchro-Compur 235,- DM

Die ursprünglichen Versionen in den 1930ern hatten sogar eine noch größere Differenzierung, siehe dieser Prospekt von 1938. Nicht unerwähnt werden sollte hier, dass es unter den Namen Nettar und Ikonta Kameras für verschiede Bildformate gab, die man durchaus als eigenständige Modelle sehen muss ( "A": 4.5x6, "B": 6x6 und "C": 6x9). Seltsam, aber so war das damals.... 

  
Nach dem 2. Weltkrieg lief die Produktion im Stuttgarter "Contessa-Werk" von Zeiss Ikon relativ zügig wieder an, weil es weder im Krieg zerstört noch von den Siegermächten (hier: die Amerikaner) demontiert wurde, im Gegensatz zu den Dresdener Betrieben, die unter beidem arg zu leiden hatten. 1948 fand dann die erste Hauptversammlung der neuen westdeutschen Aktiengesellschaft in Stuttgart statt. Zunächst wurden die Vorkriegsmodelle wieder aufgenommen, diese Version von 1951 ist das erste Nachkriegs-Update mit der zunächst geschwungenen Gehäusekappe. Weil man in Stuttgart Platz brauchte um auch höherwertige Kleinbildkameras wie die Contax IIa und die Contaflex fertigen zu können, zog man die Produktion von Nettar und Ikonta 1953 ins ehemalige Goerz-Werk nach Berlin-Friedenau um, wo bisher schon die Ikoflex und die Box Tengor gebaut wurden. 

Auf der anderen Seite des immer undurchlässiger werdenden eisernen Vorhangs, beim VEB Zeiss Ikon in Dresden, erkannte man schnell, dass es nach wie vor diese Nachfrage nach 6x9 Faltbalgenkameras gab, deren Produktionsstätten aber im Westen lagen. Daher wurde relativ schnell die zur Nettar/Ikonta fast baugleiche Ercona "entwickelt" und die Fertigung bei den ehemaligen Kamerawerkstätten ("KW") aufgenommen. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch noch ein anderer Ikonta/Nettar-Klon: Die Moskva, die angeblich (insgesamt für alle Varianten) fast eine halbe Million mal gebaut worden sein soll.

Die 6x9 Nettar (als Modell 518/2) wurde noch bis 1958 gebaut, spätestens dann war die Zeit dieser Kameras vorbei. Ihre 6x6 Schwestern hielten sich noch ein paar Jahre länger, dann übernahmen Kleinbildkameras die Rolle der Einsteigerkamera endgültig.  

Datenblatt Klassische Faltbalgenkamera für 6x9 cm auf Rollfilm 120
Objektiv Novar-Anasitigmat 105 mm f/4.5 (Triplet, vergütet). Eine billigere Version war auch erhältlich mit f/6.3 in Vario.
Verschluss Gauthier Pronto Zentralverschluss, B-25-50-100-200 1/s. Teurere Version auch erältlich mit Prontor SV (B-1-2-5-10-25-50-100-250), Gehäuseauslöser, Verschluss musste unabhängig vom Filmtransport gespannt werden. Keine Doppelbelichtungssperre.
Fokussierung Manuell per Fontlinsenverstellung, minimale Entfernung 1,50 m. Keine Scharfstellhilfe.
Sucher Einfacher, relativ kleiner optischer Durchsichtsucher.
Blitz Anschluss über PC-Buchse.
Filmtransport Mittels Drehrad, Kontrolle über rotem Fenster (verschließbar) und Rückseitenpapier. Keine Verriegelung gegen Leerbelichtungen.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Trageschlaufe aus Leder, 2 x Stativgewinde 1/4'', ausklappbarer Standfuß, Drahtauslösergewinde
Maße, Gewicht ca. 165 x 100 x 45 mm (zusammengeklappt), 764 g
Baujahr(e) 1951-1953 in zwei Versionen, diese #T63281 von 1951
Kaufpreis, Wert heute 85 DM (1953 mit Vario), heute ca. 30 €
Links Camera-Wiki, Zeiss Ikon Prospekt (1953), Bruno Croci, Kurt Tauber



2024-10-09

Plattenkameras 6,5 x 9 aus Photo Porst Katalog 1932 und der "Niedergang der Plattenkamera"

Angeregt durch meinen Beitrag über die Kenngott Supra No.2, eine Laufboden-Plattenkamera für das Format 6.5 x 9, möchte ich hier anhand der Beispiele aus meinem Photo-Porst Katalog von 1932 zeigen, welche Auswahl der Fotoamateur damals noch hatte. Einfach auf eins der Bildchen klicken und die entsprechende Katalogseite öffnen. Wer es lieber am Stück liest, kann sich hier das PDF runterladen, das noch einige Extraseiten u.a. zur Wahl der richtigen Kamera enthält. Viel Spaß!

Die 16 Plattenkameras im Format 6.5x9 aus dem Photo Porst Katalog von 1932. Daneben gibt es dort eine sehr ähnliche Auswahl an 9x12-Modellen (insgesamt 20) sowie ein paar Stereo- sowie Spiegelreflex-Kameras (9x12) für Glasplatten oder Filmpacks.

Ein Klick auf die Bilder öffnet die entsprechende Katalogseite.

Photo Porst Kameraverkäufe 1931
Porst hat im Jahr 1931 31-Tausend Kameras verkauft (und damit 3.45 mio Reichsmark Umsatz gemacht), „nur“ 6500 davon (21%) waren 6.5x9 Modelle. Die allermeisten (44%) waren noch (!) die großen (9x12) Laufboden-Plattenkameras, wie man an der Grafik rechts ablesen kann. Im 1932er Katalog spielten sogenannte Kleinfilm-Kameras (3x4 und 35 mm) schon eine gewisse Rolle (hatte ich schon von berichtet), und rückblickend wissen wir, welche Revolution am Kameramarkt zugange war: Plattenkameras wollten die Kunden ab ca. 1932 nicht mehr kaufen. Der 1935er Porst Katalog, den ich ebenfalls besitze, spricht eine eindeutige Sprache. Leider fehlt darin die entsprechende Statistik, aber 9x12-Kameras werden überhaupt nicht mehr angeboten, nur ein paar Modelle der 6.5 x 9 Klasse halten der alten Fotoplatte noch die Stange. Die Kunden kauften Kleinbild- und Rollfilmkameras, die Filme waren inzwischen so gut und lichtempfindlich geworden, dass es nicht nur billiger und praktischer war, sondern auch qualitativ ebenbürtig zur Plattenkamera wurde. Plattenkameras wurden regelrecht zu Ladenhütern, alleine Agfa hatte 1932 plötzlich 70.000 Plattenkameras auf Lager, die sich nur langsam über die nächsten Jahre verkaufen ließen. Dies betraf die gesamte Branche, diejenigen Hersteller, die nichts anderes anbieten konnten als Platte (sowie Kenngott) gingen pleite. Der Ausverkauf der auf Lager liegenden Plattenkameras dauerte fast 10 Jahre, wie die Seite aus dem Porst-Katalog von 1938 beweist (mehr oder weniger alles zum halben Preis oder weniger im Vergleich zu 1932!):



2024-04-04

Korelle 4.5x6


Eine etwas ramponierte und nicht mehr voll funktionstüchtige Korelle kreuzte neulich meinen Weg. Grund genug, sie hier kurz zu dokumentieren. Das Dresdener Kamerawerk Franz Kochmann produzierte in den 1930er Jahren eine ganze Reihe praktischer und auch erfolgreicher Kameras, die alle Korelle hießen. Die berühmteste und erfolgreichste von ihnen war die Reflex-Korelle (ab 1935). Begonnen wurde die Serie 1931 mit der kleinen Korelle 3x4, die von der Korelle K abgelöst wurde. 
Slow-Motion vom Ausfahren der federgespannten
Spreizenkonstruktion und des Balgens. 
Dann gab es ab ca. 1932 insgesamt 3 verschiedene Rollfilmkameras und eine kleine Plattenkamera mit diesem Namen, die sich alle den charakteristischen federgespannten Spreizenmechanismus und auch andere gemeinsame Details (wie zum Beispiel das 75 mm Objektiv) teilten:

* Die seltenste (und heute wertvollste) ist die Plattenkamera Korelle P für die kleinen 4.5x6 cm Glasplatten oder Planfilme. Gut zu erkennen an ihrer eckigen Erscheinung.
* Die wohl häufigste ist die Korelle 4x6.5 für 8 querformatige Aufnahmen auf A8 (127er) Film. Auf der Rückseite gibt es genau ein rotes Filmzähl-Fensterchen. Wie bei der Korelle P klappen die Spreizen parallel zur Kameraoberseite (horizontal) ein.
* Aber Achtung: Letztere bitte nicht verwechseln mit der Korelle 4.5x6 für 16 hochformatige Aufnahmen auf 120er Rollfilm. Das ist diese Kamera hier, vermutlich die zweit-häufigste Variante. Da es sich quasi um eine Halbformatkamera für den eigentlich für 6x9 konfektionierten Film handelt gibt es auf der Rückseite entsprechend ZWEI rote Filmzähl-Fensterchen.
* Von dieser gibt es eine von Vorne äußerlich kaum zu unterscheidende Schwester Korelle 6x6. Deren Rückseite ziert ein spezielles Filmzählwerk (12 Aufnahmen 6x6 cm), da damals der 120er Film (noch) nicht für 6x6 konfektioniert war. Bei beiden 120er Kameras klappen die Spreizen senkrecht zur Kameraoberseite (vertikal). 

Kochmann Anzeige von 1934.

Die beiden 120er Kameras kamen angeblich 1933 auf den Markt und wurden wohl bis Kriegsausbruch 1939 produziert. Meine Kamera hat ein Schneider Xenar 7.5 cm f/2.8 mit der (rückseitigen) Seriennummer #1676660, die recht genau 1939 zugeordnet werden kann. Für den Compur Rapid #5459540 spuckt mein Tool 1937 aus. Die Kameras selbst haben leider keine eigene Gehäusenummer, so dass ein Schätzen der Produktionszahl sehr schwierig ist. Basierend auf heutigen Sammlerpreisen und anderen Vergleichen würde ich mal von einer mittleren 5-stelligen Zahl ausgehen (für alle Varianten zusammen). 
Während der 1930er, speziell ab 1933 als es wirtschaftlich nach der Krise wieder aufwärts ging war die Vielfalt an Kameratypen besonders groß und es wurde viel Neues ausprobiert. Die alten Plattenkameras wollte niemand mehr, Rollfilm oder gar Kleinbild waren angesagt. Das Rollfilmformat, was sich am meisten durchsetzte, war 6x9 cm auf 120er oder 620er Film. Diese Negative konnten einfach per Kontaktkopie abgezogen werden. Aber auch  4.5x6 (120er) oder 4x6.5 (127er) erschienen als gerade noch akzeptable Kleinbildalternative. So entstand ein Markt für diese Kameras, die nicht so teuer wie echte Kleinbildkameras und nicht so klobig wie die 6x9 Kameras waren. Die direkten Korelle Konkurrentinnen hießen Voigtländer Virtus, Welta Perle, Certo Dolly, Beier Precisa oder ZI Nettar und ein paar andere. Zum Ende des Jahrzehnts verlor der 127er Film immer mehr an Bedeutung, dafür wurde 6x6 populärer, was auch der Grund für die verschiedenen Korelle Varianten gewesen sein wird.

Meine Kamera wurde definitiv intensiv benutzt, zu sehen am Lack und Leder, beides schon sehr strapaziert. Außerdem fehlen ein paar Schräubchen etc. und der Verschluss hängt halb offen, vermutlich ein gescheiterter Reparaturversuch eines Vorbesitzers. Ich hatte kurz überlegt, ob sich eine Reparatur lohnt, mich dann aber dagegen entschieden. Sie passt aber auch so schön in meine Sammlung und mal sehen, ob sich noch weitere Kochmann Kameras dazugesellen…

Datenblatt Rollfilm-Spreizenkamera für 4,5x6 cm Negative auf 120er Rollfilm
Objektiv Schneider Xenar 7,5 cm f/2.8 (4 Linsen, 3 Gruppen), Kamera auch erhältlich mit anderen 75mm Objektiven, siehe Anzeige unten.
Verschluss Compur Rapid, T-B-1-2-5-10-25-50-100-200-400 1/s. Einfachere Objektivvarianten auch mit Pronto-S oder Vario Verschluss.
Fokussierung Am Objektiv, per Frontlinsenverstellung, kleinste Entfernung: 90 cm.
Sucher Optischer Fernrohrsucher, aufklappbar.
Filmtransport Mittels Drehrad, zwei rote Fenster für Rückseitenpapier-Nummern
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (für Entfernungsmesser), Stativgewinde 3/8‘‘, Tiefenschärfetabelle, eingebaute Objektivschutzkappe/Sonnenblende
Maße, Gewicht 122x77x34 mm, 556 g
Baujahr(e) 1933-1939, diese hier ca. 1939. 
Kaufpreis, Wert heute 95 RM, je nach Zustand 30-100 €.
Links Camera-wiki, Mike Eckman (Korelle 6x6), fotohistoricum.dk, Franz Kochmann
Bei KniPPsen weiterlesen Korelle 3x4, Korelle K , Certo Dolly VP, Reflex-Korelle, Beier Precisa


2024-03-22

Krauss Peggy (Typ Norm)

Die Krauss Peggy gehört zu den wenigen frühen Leica Konkurrentinnen und damit in jede anspruchsvolle Kamerasammlung. Ich habe wirklich schon ein paar Jahre nach einer günstigen Gelegenheit Ausschau gehalten und endlich zuschlagen können. Bei mir reiht sie sich ein in die schon ganz stattliche Sammlung an 3x4-Kameras (127er Rollfilm) und natürlich anderen frühen Kleinbildkameras für den 35 mm Film (Leica III, Beira, Retina I, Dollina, und andere). Die Peggy wurde 1931 vorgestellt und kam wohl letztlich Ende 1931 oder Anfang 1932 auf den Markt. Sie ist technisch eine interessante Mischung aus traditionellen Elementen wie die Scherenkonstruktion zum Ein- und Ausfahren des Objektivs, (damals) modernen Merkmalen wie Gehäuseauslösung sowie wirklich innovativen Dingen wie das Filmmesser oder das "Geheimfach" für den Gelbfilter. 
Die Leica war 1931 schon ein paar Jahre auf dem Markt und setzte einen hohen Standard bezüglich Qualität und Bedienung. Im Vergleich zur Beira, die als einzige andere frühe 35 mm Konkurrentin technisch nicht wirklich mithalten konnte, zeigte die Peggy ernsthafte Ambitionen, Leitz die Kundschaft abzunehmen. Zwar gab es den üblichen Compur-Zentralverschluss (gut versteckt hinter der Frontplatte) und fest eingebaute Normalobjektive, dafür ein fast schon nach Zeiss Ikon anmutendes Filmhandling mit speziellen Patronen, die wie damals üblich in der Dunkelkammer geladen wurden. Rückspulen war nicht vorgesehen, dafür war die geschlossene Zielpatrone da. Mit dem eingebauten Messer konnte der Film an beliebiger Stelle geschnitten und der schon belichtete Teil entsprechend entwickelt werden. 




Fokussieren tut man mit dem rechten Drehknopf auf der Gehäuseoberseite, das macht natürlich am meisten Sinn mit einem gekoppelten Entfernungsmesser, das entsprechende Modell hieß Peggy II und kam wohl nicht lange nach dem ursprünglichen, allgemein Peggy I genanntem Modell auf den Markt. Aber auch Peggy I Kameras konnten nachträglich (natürlich gegen Aufpreis) mit einem solchen nachgerüstet werden. Frühe Kameras (sowohl Peggy I als auch Peggy II) hatten einen automatischen Verschlussaufzug, der beim Einfahren des Objektivs mit den einklappenden Scheren den Zentralverschluss spannte. Eigentlich eine tolle Sache, die zusammen mit der eingebauten Doppel- und Leerbelichtungssperre ein durchdachtes Konzept abgab. Allerdings gab Krauss dieses Feature relativ schnell wieder auf (vielleicht schon Ende 1932). Warum, bleibt im Trüben. Ob sich zu viele Kunden beschwert haben, die nicht zwischen jeder Aufnahme das ganze Objektiv ein- und wieder ausfahren wollten? Oder ob es zu viele technische Defekte an dem Mechanismus gab? Oder ist gar ein Wettbewerbspatent für eine solche Automatik aufgetaucht? Oder, vielleicht ganz einfach: Es war zu teuer in der Produktion. Jedenfalls gab es an den späteren Kameras ab ca. 1933 wieder den traditionellen Hebel zum Spannen des Verschluss', sowohl bei der Peggy II als auch bei der nun Peggy (Typ Norm) genannten Kamera hier. 
Die Krauss Peggy umrahmt von ihren Konkurrentinnen auf dem neu entstehenden Markt der Kleinbildkameras. 1934 hätte man in einem Fotogeschäft diese Wahl gehabt: Die hier abgebildete Leica III (inkl. Summar f/2) für 367,- RM, die Peggy für 125,- RM und die Kodak Retina wie abgebildet mit dem Compur Rapid für 85,- RM. Eine nach Peggy-Spezifikation ausgestattete Leica Standard hätte 167,- RM gekostet. Die Peggy war ähnlich solide und komplex gebaut wie die Leica und kostete in der Herstellung vermutlich ähnlich viel, konnte fotografisch aber ungefähr genau das selbe, was auch eine Retina lieferte. Diese war nicht nur 40% billiger, sondern passte auch besser in die Jackentasche.

Geöffnete Peggy und ihre spezielle Patrone, die andersherum eingesetzt
auch den belichteten Film wieder aufnimmt. Kein Rückspulen also!
Normale 135er Patronen passen auch als Filmquelle, wie man sieht.
Über die kleine Kameraschmiede G.A. Krauss aus Stuttgart habe ich schon in meinen beiden Beiträgen zur Rollette was geschrieben. Gegründet 1895 als Fotohandelsgeschäft von Gustav Adolf Krauss (*27.5.1863 +3.5.1929) in Stuttgart begann man ca. 1920 mit eigener Kamerafertigung. Mit bis zu 50.000 Rolletten war man am Ende der 1920er Jahre erfahren und wohl auch groß genug, um sich an das Wagnis Kleinbildkamera zu begeben. Aber vielleicht war auch ein wenig jugendliche Naivität dabei, gepaart mit dem allgemeinen Aufbruch der Kameraindustrie Richtung Kleinbild.  1929 war nämlich der Firmengründer Gustav Adolf Krauss im Alter von 66 Jahren gestorben und sein damals 28-jähriger Sohn Eugen übernahm die Leitung. Dieser darf nicht verwechselt werden mit Gustav Adolfs 6 Jahre älterem Bruder Eugen, der in Paris schon ab 1882 eine eigene Fotofirma betrieb. Der junge Eugen Krauss hatte jedenfalls technisch und feinmechanisch einiges auf dem Kasten und hat wohl die Peggy mehr oder weniger im Alleingang entwickelt. Jedenfalls zeugen eine ganze Reihe von Patenten von seinem Talent und seinem Ideenreichtum. Das Basispatent DRP 528942 wurde noch unter der Firma G.A. Krauss im Februar 1929 angemeldet, alle späteren Anmeldungen tragen stolz den Namen Eugen Krauss als Erfinder. Weitere Patente betreffen die Filmkapsel, die zur Filmkapsel gehörige Kamera, Scherenmechanismus, Führungsschienen der Filmkapseln, Bildzählwerk und Vorschubmechanismus, Fokussierung bei geschlossenem Gehäuse, Belüftungsöffnungen, das Filmmesser (Abschneidevorrichtung), und einige mehr. Eine sehr ansehnliche Zahl von wirklich innovativen Details stecken also in dieser Kamera und es ist wirklich erstaunlich, dass dieser kleine Hersteller mit nur ca. 8 Jahren "Rollette"-Erfahrung diese technische Meisterleistung tatsächlich auf den Markt gebracht hat. 
Abbildung des Kamerakonzepts aus der Basisanmeldung vom 12. Februar 1929. Bis Ende 1931 werden noch ca. 15 Details zur Kamera angemeldet und patentiert. 


Leider kam die Peggy zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. 1932 war in Deutschland das schlimmste Jahr der Weltwirtschaftskrise und die Industrieproduktion brach nochmal gegenüber dem schon schwierigen Vorjahr um 40% ein. Es herrschte Massenarbeitslosigkeit und auch die weltweit führende deutsche Kameraindustrie hatte arg zu kämpfen, wie man an den Beispielen der Produktionszahlen von Krauss' Stuttgarter Konkurrenten Nagel und der deutschen Objektivproduktion sehen kann. Der Kameramarkt stand außerdem an einem Umbruch, der vielleicht sogar mit der digitalen Fotorevolution der letzten Jahrhundertwende vergleichbar ist. Bis Ende der 1920er Jahre dominierte noch die Glasplatte bzw. der Planfilmpack die Profi- und Amateurfotographie, Plattenkameras wurden ab 1930 plötzlich zu Ladenhütern und Rollfilmkameras übernahmen den Amateurmarkt. Die Filmqualität war endlich reif für kleine Negative und 1930 bis 1932 buhlten 18 neue Kleinfilmkameras sowohl für 127er Film als auch den 35 mm Kinofilm um die Gunst der Kunden. 

gesichtete
Seriennummern
Für den kleinen Kamerahersteller Krauss musste es in einer solchen Situation besonders schwer gewesen sein, sich wirtschaftlich über Wasser zu halten, zumal mit einem einzigen High-End Produkt, das sicher hohe Produktionskosten hatte. Hätte man noch eine einfachere und preiswertere Basiskamera produziert (z.B. eine Rollette für 120er Film?), dann wäre es vermutlich einfacher gewesen. Der Vergleich mit den beiden größeren Stuttgarter Konkurrenten lohnt: Contessa-Nettel hatte die Piccolette und Cocarette und war seit 1926 Nutznießer der internen Zeiss Ikon Konsolidierung, hatte also genug Kapital im Rücken. Nagel wurde zwar erst 1928 gegründet, produzierte aber aus dem Stand ein ganzes Portfolio von Rollfilmkameras. In der wirtschaftlichen Klemme 1931/1932 begab sich Nagel unter das schützende Kapitaldach von Kodak und überlebte so nicht nur, sondern konnte 1934 mit der Retina den ganzen Markt mit einem Kampfpreis von 75 RM aufmischen. Ich denke, damit wird verständlich, warum Krauss die Kameraproduktion Ende 1935 nach nur ein paar Tausend Peggy-Exemplaren einstellen musste und damit wieder zu einem einfachen Fotohandelsgeschäft wurde.

Die Zahl der jemals produzierten Peggy Kameras wurde übrigens von einer Quelle auf 10- bis 15-Tausend Stück geschätzt. Ich persönlich glaube, es waren weniger. Argument 1: Selbst in besten Rollette-Zeiten (1928-1931) hat Krauss nicht mehr als ca. 5000 Kameras pro Jahr produziert. Die Peggy ist deutlich aufwändiger und ich denke es werden maximal 2000 Stück pro Jahr drin gewesen sein, zumal in den oben geschilderten Zeiten der Rezession. Argument 2: Schaut man sich die seltsamen Seriennummern im Boden der Kameras an, findet man folgendes Muster: X1xx/y, mit X: Buchstaben zwischen A und O (15 Möglichkeiten), gefolgt von immer der "1", dann eine zweistellige Zahl (99 Möglichkeiten), der Schrägstrich und y: Zahlen zwischen 2 und 5 (4 Möglichkeiten). Ergibt: 15 x 99 x 4 = ca. 6000. Quelle: 17 Seriennummern aus dem Internet.

Ich persönlich bin wirklich froh, dieses seltene Schätzchen jetzt in der Vitrine neben ihren anderen 90-jährigen Zeitgenossen stehen zu haben. Da sie noch tadellos funktioniert, riskiere ich vielleicht auch mal einen Film, ich werde natürlich berichten... 

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera für 35 mm Kinofilm
Objektiv Schneider Xenar 5 cm f/3.5 (4 Linsen, Typ Tessar). Serien-Nr. 595451 (1933). Auch erhältlich mit Zeiss Tessar f/2.8 und f/3.5, Zeiss Biotar 4.5 cm f/2, Schneider Xenon 4.5 cm f/2, Meyer Primotar f/3.5, Meyer Makro-Plasmat f/2.7.
Verschluss angepasster Deckel Compur Zentralverschluss hinter Frontplatte. B-1-2-5-10-25-50-100-300 1/s. Serien-Nr. 2893007 (1933). Verschlussspannen mit separatem Hebelchen. Frühe Peggy Kameras hatten stattdessen einen automatisierten Verschlussaufzug durch Ein- und Ausfahren der Objektivscheren (siehe Text).
Fokussierung mittels Drehrad auf der rechten Kameraoberseite, kleinste Entfernung 0.90 m. Modell Peggy II (oder Umbau) mit gekoppeltem Entfernungsmesser.
Sucher einfacher optischer Fernrohrsucher
Filmtransport mit Drehrad auf der linken Kameraoberseite. Film wird von spezieller Patrone in eine 2. Patrone transportiert, daher keine Rückspulen vorgesehen. Bildzählwerk (vorwärts), eingebautes Messer zum Filmabschneiden.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Gehäuseauslöser mit Doppelbelichtungs- und Leerbelichtungssperre. "Leica Glocke"-Gewinde für Drahtauslöser, Stativgewinde 3/8'', Fach zur Aufbewahrung des Gelbfilters im Filmtransportdrehrad. 
Maße, Gewicht ca. 135x74x38 mm, 660 g (inkl. 2 Filmpatronen).
Baujahr(e) 1931-1934 (alle Peggy Modelle), diese # L160/4 ca. 1933, ca. 6000-8000 Exemplare (alle Varianten).
Kaufpreis, Wert heute 125 RM, heute je nach Zustand und Ausstattung 400 - 1000 €.
Links Camera-Wiki, Mike Eckman, earlyphotography, Leitzmuseum.org, Deutsches Kameramuseum, 
Bei KniPPsen weiterlesen Krauss Rolette, Krauss Rolette (2), 3x4 Kameras der frühen 30er, Leica III, Beira, Retina I, Dollina, und andere

Seite aus Photo Porst Katalog 1935