2026-08-01

Zeiss Ikon - Gründung vor 100 Jahren



Am 14. und 15. September 1926 vollzogen vier große und damals durchaus bedeutende deutsche Kamerahersteller auf ihren jeweiligen Hauptversammlungen die Fusion zur Zeiss Ikon AG, nachdem im Vorfeld schon alles vertraglich geregelt wurde und auch schon lange viele Strippen im Hintergrund gezogen wurden. Die vier Firmen schafften sich damit jeweils selbst ab und beugten sich dem allgemeinen Konsolidierungs- bzw. Wettbewerbsdruck sowie der Tatsache, dass nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und der schwierigen Wirtschaftslage, in der Deutschland am Anfang der 20er Jahre steckte, das Geld knapp war. 

Rückblickend scheint diese Fusion ein voller Erfolg, erlaubte sie doch das Produktportfolio in den nun sechs großen ZI-Werken zu bündeln, doppelte sich Konkurrenz machende Kammeramodelle einzustellen und damit Resourcen für echte Neuentwicklungen (z.B. die Contax) freizusetzen. Freiwillig war diese Fusion keinesfalls, der große Strippenzieher im Hintergrund war Carl Zeiss bzw. die Carl Zeiss Stiftung, die am Ende Mehrheitseigner der neuen Firma wurde und nach der erfolgreichen Konsolidierung 1929 einen Konzern kontrollierte, der mit 50 Millionen Reichsmark mehr als doppelt soviel Wert war als Carl Zeiss selbst. 

Carl Zeiss wiederholte damit ein Vorgehen, was sie schon 1909 mit der ersten größeren deutschen Kamerahersteller-Fusion zur ICA erfolgreich durchgezogen hatten. Schon damals hielt der Carl Zeiss Konzern als Marktführer bei Objektiven als auch heimlicher Teilhaber der beiden wichtigsten Verschluss-Hersteller F. Deckel (Compur) und Gauthier (Prontor) alle Trümpfe in der Hand. Die Kamerahersteller machten sich untereinander erbitterte Konkurrenz und standen bald in der Schuld des Quasi-Monopolisten, der statt Geld für Objektive und Verschlüsse auch Aktien der verschuldeten Unternehmen akzeptierte und so Schritt-für-Schritt an Einfluss gewann. So konnte man sein eigenes noch recht junges und ansonsten nicht so erfolgreiches Kamera-Unternehmen Carl Zeiss Palmos mit den alten Technologie- und Marktführern Hüttig, Wünsche und Krügener vereinen, die selbst durch starkes Wachstum um die Jahrhundertwende in wirtschaftliche Schieflagen geraten waren. ICA selbst wurde dadurch zur Blaupause für die zweite Fusion 1926 als auch gleichzeitig zur Keimzelle von Zeiss Ikon. Ich besitze eine Icarette, eine Kamera die als erste gemeinsame Entwicklung der vereinigten ICA gilt, aber auch (in etwas modifizierter Form) noch von Zeiss Ikon bis 1934 produziert wurde.

Die Herausforderungen und auch die Dimensionen des Zusammenschlusses zu Zeiss Ikon waren allerdings ungleich größer. Dies lag nicht nur an der schwierigen politischen und wirtschaftlichen Situation nach dem verlorenen Weltkrieg, sondern auch an der Tatsache, dass diesmal sowohl Goerz als auch Ernemann nicht nur Kamerahersteller waren, sondern auch bei den Objektiven und Verschlüssen ernst zu nehmenden Konkurrenten von Carl Zeiss.

Der eine große Brocken war die Optische Anstalt C.P. Goerz AG, die  1886 wie viele andere als kleines Fotounternehmen gegründet wurde und nach einigem Wachstum 1903 zur Aktiengesellschaft wurde. Um die Jahrhundertwende war Goerz eine der größten Fotofirmen auf dem Markt mit durchaus internationalen Ambitionen. Man gründete Tochtergesellschaften im Ausland, z.B. in den USA oder in Österreich, die nach der Zeiss Ikon Fusion unabhängig blieben und den Namen Goerz uns ein wenig erhalten haben. Was wir aus unserer heutigen Perspektive nicht mehr so auf dem Schirm haben: Goerz war damals ein sehr erfolgreicher Objektivproduzent, der bis 1909 schon 200.000 Einheiten verkauft hatte, ungefähr doppelt so viele wie Carl Zeiss bis dahin. Die Schließung der Goerzschen Objektivproduktion mit der Fusion war sicher eine der großen Triebfedern für Carl Zeiss. Aber nicht nur bei der Optik war man Konkurrent: Goerz besaß die Exklusivlizenz zur Produktion der  Hightech-Schlitzverschlüsse (bis 1/1000 s) des Erfinders Ottmar Anschütz. Und für Film und Fotopapier gründete man 1908 die zunächst unabhängigen Goerz Photochemischen Werke GmbH, die erst 1927 nach der eigentlichen Fusion noch von Zeiss Ikon übernommen wird und bis zum 2. Weltkrieg Zeiss Ikon-Filme produziert.
Was Goerz allerdings in die sehr ernste finanzielle Schieflage brachte, die am Ende Carl Zeiss die Kontrolle der Firma ermöglichte, war die Tatsache, dass man während des 1. Weltkriegs sich zu stark auf das kurzfristig lohnende Geschäft mit Militäroptik und anderem kriegswichtigen Gerät konzentrierte. Nach dem verlorenen Krieg und dem Verbot nach dem Versailler Vertrag, solche Güter zu produzieren, war man nicht schnell genug alleine in der Lage, sich wieder anderen Dingen  zuzuwenden.  
Carl Zeiss greift Goerz also mit Krediten unter die Arme, was letztendlich darin mündet, dass sie über verschiedene Unternehmen ab Ende 1925 42% der Goerz-Anteile halten und damit den (Objektiv-) Konkurrenten kontrollieren. Ich besitze eine Goerz Roll-Tenax für 127er Film, deren Produktion wurde allerdings im Gegensatz zur Piccolette oder der oben erwähnten Icarette 1926 eingestellt.

Im Jahr 1925 schlug Carl Zeiss dem Goerz Vorstand vor, mit ICA und Contessa-Nettel eine relativ lose Interessengemeinschaft (Kartell) zu bilden, was damals in gewissem Rahmen (noch) zulässig und durchaus üblich ist. Man denke nur an das prominenteste Beispiel: die IG-Farben in der Chemie-Industrie, die übrigens nach dem Zusammenschluss ihre Fototöchter in der AGFA bündeln, einer der wichtigsten Konkurrenten der späteren Zeiss Ikon.  Contessa-Nettel und Goerz  glaubten anfangs noch, in diesem Kartell  mehr oder weniger weiter unabhängig agieren zu können, Carl Zeiss und auch ICA sahen darin aber nur den ersten Schritt hin zur vollständigen Fusion, der dann schon im folgenden Jahr vollzogen werden konnte.  

Im Gegensatz zu Goerz war Contessa-Nettel bei der ZI-Fusion noch ein relativ junges Unternehmen, das 1909 aus der Übernahme der Nettel-Kamerawerke mit ihrem wichtigen Schlitzverschluss-Knowhow (Deck-Rullo) durch die Contessa-Werke (ehem. Drexler&Nagel) in Stuttgart entstanden war. Geschäftsführer und Haupteigner war ein gewisser Dr. August Nagel, der das eindrucksvolle Wachstum seiner durchaus erfolgreichen Firma nur durch Kredite und Kapitalerhöhungen mit weiteren externen Anteilseignern finanzieren konnte. Und genau: Hier kauft sich Carl Zeiss Jena und die Stiftung schrittweise ein, so dass auch August Nagel gar nicht anders konnte, als der Fusion zuzustimmen. Ich bin stolzer Besitzer einer Piccolette, die auch unter ZI-Regie bis ca. 1930 weiter produziert und vertrieben wurde. Neben Dresden und Berlin wird so Stuttgart ein wichtiger Standort des neuen Konzerns und später nach der deutschen Teilung zum neuen Hauptsitz der westdeutschen Zeiss Ikon AG.

Das interessanteste Kapitel der ZI-Fusion war die (heute würde man sagen:) feindliche Übernahme von Ernemann. Der von Heinrich Ernemann (*1850, +1928) im Jahr 1889 gegründete Dresdener Kamerahersteller wurde 1899 nach Jahren des Wachstums und Aquisitionen in die Heinrich Ernemann AG umgewandelt. Auch im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts expandierte man weiter, begann mit eigener Verschlussfertigung, investierte in die neue Kinotechnik und produzierte Filmkameras und Projektoren. Ab 1907 kamen auch eigene Objektive hinzu, was natürlich von Carl Zeiss Jena argwöhnisch beobachtet wurde. Spätestens mit dem damals lichtstärksten Objektiv "Ernostar" im Jahr 1922 wurde man zum wichtigsten und bisher noch relativ unabhängigen Konkurrenten der Carl Zeiss Einfluss-Sphäre. 

Man bot dem damals schon 75-jährigen Heinrich Ernemann und seinem Sohn Alexander, der sich hauptsächlich um das Kinogeschäft kümmerte, den Beitritt zur o.g. Interessengemeinschaft an. Ernemann lehnte trotz extremer Finanzknappheit zunächst ab, hatte er doch im Jahr 1919 mit der Krupp AG einen neuen Haupt-Aktionär und Finanzpartner gewonnen, der als Ersatz für das verlorene Rüstungsgeschäft nun in Kinotechnik investierte. Insbesondere widerstrebte Ernemann, dass Zeiss über die Interessengemeinschaft Zugriff auf das Ernostar-Patent bekommen sollte. Daher griff Carl Zeiss zu mindestens zwei schmutzigen Tricks, um Ernemann letztlich in die Fusion zu Zeiss Ikon zu zwingen: Zum einen wurde zugesagt, dass das Ernostar nur an Goerz lizensiert werden musste, allerdings ohne zu erwähnen, dass Goerz schon längst von Carl Zeiss kontrolliert wurde. Zum anderen wurde mit Hilfe der Deutschen Bank und anderen Geldhäusern die von Krupp gehaltenen Ernemann-Anteile still und heimlich übernommen. Die einzige Ernemann Kamera in meiner Sammlung ist die Bobette, die auch unter ZI-Regie noch bis 1929 produziert wurde. Ernemann‘s berühmteste Kamera, die Ermanox ist leider außerhalb meines Budgets…

Im Laufe des Jahres 1926 schlossen die nun von Carl Zeiss kontrollierten Firmen mit sich Fusionsverträge ab, die auf den jeweiligen Hautversammlungen am 14. bzw. 15. September abgesegnet wurden. Diese hatten eine auf den 1. Oktober 1925 zurückdatierte Gültigkeit, so dass 1925/26 das erste Geschäftsjahr war. Die Gründung erfolgte durch Vermögensübertragung auf die Goerz AG, die ihren Namen in Zeiss Ikon AG änderte und ihren Sitz nach Dresden verlegte.

Der Gründungsvorstand wurde angeführt von seinem damals schon 67-jährigen ersten Vorsitzenden Guido Mengel (1859-1946), der schon 1904 Geschäftsführer von Hüttig wurde und ab 1909 Generaldirektor der  ICA war. Ebenfalls von ICA kam das erst 35-jährige und aufstrebende Talent Emanuel Goldberg (1891-1970), der zunächst technischer Direktor wurde. Mengel trat schon 1927 in den Ruhestand und überließ Goldberg den Vorsitz. Außerdem gehörten dem Vorstand an: Dr. Alexander Ernemann (1878-1956) Direktor der Projektoren-Sparte, Dr. Eberhard Falkenstein (ehem. Goerz Direktor) und Johannes Heyne (1870 - 1939), der Schwiegersohn von Heinrich Ernemann. Contessa-Nettel war durch August Nagel vertreten, der sich 1928 auszahlen ließ und mit dem Kapital wieder sein eigenes Unternehmen gründet. Aber das ist eine andere Geschichte. Stellvertretende Vorstandsmitgleider sind Paul Goerz, Dr. Hermann Joachim, Robert Mayer, Rudolf Schaper und Wilhelm Wohlfahrt. Zu letzteren habe ich aber nichts weiter gefunden.

Der Kolibri (1930), nach der Ikonta-Serie ab
1929 eine der ersten Neu-Entwicklungen
nach der Fusion.  
Das erste Geschäftsjahr war bei der vollzogenen Fusion also schon vorüber und im Geschäftsbericht vom März 1927 wird kleinlaut zugegeben, dass die Umsätze nicht diejenigen der Einzelgesellschaften im Vorjahr erreicht hatten, so dass lediglich ein Reinertrag von 142.660,22 RM erzielt wurde. Außerdem wurde die Fusion unter erheblichen Kapitalabschreibungen und sehr vorsichtiger Bewertung der Aktiva durchgeführt. Dies zeigt sehr deutlich, dass dies eine Fusion von vier kränkelnden Unternehmen war, die neben der allgemein schlechten Wirtschafts- und Finanzlage alle unter einer strukturellen Schwäche litten: Die Zeit der Plattenkameras ging zu Ende und man hatte hier zuviel Produktionskpazität, während bei den neuen und angesagten (Kleinbild-) Film- und Kino-Kameras viele Investitionen anstanden. Mindestens die ersten drei Jahre brauchte Zeiss Ikon noch, um beim riesigen Kamerasortiment der Vorgängergesellschaften aufzuräumen. 1927 wurden noch 100 Grundmodelle in über 1000 Varianten gefertigt; 1929 gab es noch 47, 1938 noch 14 Kamera-Grundmodelle. Hauptverantwortlich für die Konsolidierung der Produktion war der promovierte Maschinenbau-Ingenieur Heinz Küppenbender (1901–1989), der ab 1933 technischer Direktor und starker Mann bei ZI wurde, nachdem Emanuel Goldberg als Jude aus Deutschland fliehen musste.  

Die Contax, Zeiss Ikon's wohl wichtigste
Neuentwicklung (1932) und der Grundstein
für die zwei Blüteperioden in den 1930er und
1950-1960er Jahren.
Die Deutsche Bergwerkszeitung ordnet die Bedeutung der neu geschaffenen Firma in einem sehr interessanten Artikel vom 28.7.1929 ein. Auch hier heißt es: "Die Fusion der [...] Einzelgesellschaften [...] kam einer scharfen Sanierung jener gleich." Auch wurde kein neuer Branchenprimus geschaffen, sondern die Firma "...steht auch mit deutschen Erzeugern photographischer Erzeugnisse in schärfsten Wettbewerb, von denen zwei der Zeiß Ikon an Größe mindestens gleichkommen". Diese zwei sind die AGFA (Teil der IG-Farben AG) und die Voigtländer & Sohn AG, die damals zum Schering-Konzern gehörte. Außerdem wird der Eastman-Kodak Konzern erwähnt, der zunächst mit preiswerten Importkameras konkurriert und ab 1932 das Nagelwerk in Stuttgart übernimmt und damit auch technologisch zu einem der wichtigsten ZI-Gegenspieler wird. Dennoch zieht die Bergwerkszeitung für das abgelaufene Geschäftsjahr (1927/1928) ein positives Fazit: "Die Umsatzsteigerung war jedenfalls erheblich" (+30% auf 29,3 Millionen RM) und spricht eine vorsichtige Kaufempfelung für die Aktie aus, auch wenn erwänht wird, dass der Großaktionär Carl Zeiss wohl über 70% der Aktien hält.

Basis-Kameraprogramm 1938:
(1) Box (versch. Größen und Ausführungen, 9 - 15 RM)
(2) Bob (4.5x6 oder 6x9, 35 bzw. 28.50 RM)
(3) Nettar (4.5x6, 6x6 und 6x9, 29 - 65 RM)
(4) Ikonta (4.5x6, 6x6 und 6x9, 72 -135 RM)
(5) Ikoflex (TLR 6x6, 144 -186 RM)
(6) Super Ikonta (4.5x6 o. 6x9, E-Messer, 168-225 RM)
(7) Super Ikonta 6x6 (Meßsucher, 260 RM) 
In den Jahren 1927 bis 1929 wird also die Produktpalette konsolidiert, insbesondere müssen Goerz und Ernemann laut Geschäftsverteilungsvertrag die Objektivproduktion komplett Carl Zeiss überlassen. Man verkauft noch riesige Lagerbestände und produziert noch die lukrativsten Modelle der Vorgängerfirmen unter ZI-Logo weiter. Erst 1929 kommt mit der Ikonta-Serie die erste Neu-Entwicklung, auch wenn bei solchen Faltbalgenkameras nicht wirklich technologisches Neuland beschritten wird. Das kommt dann 1930 mit dem Kolibri, wo man erstmals versucht, der Leica etwas entgegen zu setzen. Heinz Küppenbender wird dann 1929 mit der Entwicklung der Contax beauftragt, die Geschichte habe ich schon erzählt

Die Contax II, III und die Contaflex (bis zu 630 RM) untermauern ab Mitte der 1930er Jahre den Anspruch als Technologieführer, wobei Zeiss Ikons Modellpalette durchaus als Vollsortiment bezeichenet werden kann, wie die Abbildung aus einem 1938-Prospekt eindrucksvoll zeigt. 

Dies hier soll nur ein Beitrag über die Zeiss Ikon Gründung sein, die Geschichte geht natürlich weiter. Mit der Blüte in den 1930ern zur Zeit des Nationalsozialismus, der deutschen und damit verbunden ZI-Teilung, der zweiten Blüte in den 1950er und 60er Jahren, der weiteren Konsolidierung in Ost- und auch West-Deutschland und dem schleichenden Untergang weitere höchst interessante Kapitel. Daran mach ich mich vielleicht ein anderes Mal.

Meine Quellen habe ich im Wesentlichen schon verlinkt, ich möchte aber explizit noch folgende nennen: Zahlreiche Camera-Wiki Beiträge, diesen exzellenten Aufsatz von Marco KrögerICA Geschichte von K. Ries, das Buch "Auf den Spuren der Contax, Band 1" von Hans-Jürgen Kuc (Wittig Verlag 1992, ISBN 3-88984-118-X), verschiedene Artikel aus dem Journal der Zeiss Historica Society, sowie das Buch Hartmut Thiele: Die Deutsche Photoindustrie - Wer war Wer (Selbstverlag, München 2020).


Meine inzwischen sehr ansehnliche Sammlung von Zeiss Ikon Kameras aus den 1930ern: 
Ikoflex II (851/16, 1936), Contax II (543/24, 1936), Kolbri (523/18, 1930),
Baby Ikonta (520/18, 1932), Contax (543/24, 1932), Super Nettel (536/24, 1934),
Tenax II (580/27, 1937), Tenax I (570/27, 1939)

2026-04-30

Rollei A26


Ich habe hier schon ein paar Kameras für Kodak's Instamatic-Kassette 126 vorgestellt, von der ersten Instamatic 100, über die schicken Agfamatics bis zur anspruchsvollen Yashica EZ-matic 4. Außerdem bin ich stolzer Besitzer aller fünf jemals gebauten SLR-Kameras für dieses Format. Wenn es aber um die Frage nach der besten 126er-Kamera geht, dann stimmen mir sicher viele Experten zu: Es ist diese Rollei A26, ein technischer Geniestreich von Heinz Waaske. Genau, DER Heinz Waaske, der schon die geniale Rollei 35 konstruiert hat. Mit der A26 setzt er 1972 nochmal eins drauf und kreiert eine Kamera, die nicht viel größer ist als die Filmschachtel für den PAK-Film, für den sie konstruiert ist. Gleichzeitig enthält die Kamera ein hochwertiges Objektiv, eine Belichtungsautomatik und schützt im geschlossenen Zustand alle Bedienelemente vor Fehlbenutzung und Verschmutzung. "Cleaner" geht Kameradesign fast nicht.   

Zeichnung aus der Patentschrift DE 2028430. Hauptanspruch
ist dieser Mechanismus zum mechanischen Rein- und Raus-
fahren des Objektivs. 
Zentrales Bedienelement ist die relativ einfache, äußere schwarz belederte Blechhülle, die man auseinander zieht. Dabei wird über eine komplexe Mechanik zunächst die Objektivschutzklappe zur Seite geschwenkt und dann das Objektiv ausgefahren und an der äußeren Stelle arretiert. Diese Konstruktion bildet die Grundlage für den Hauptanspruch von Waaske's Patent DE2028430. Beim Aufziehen kommt außerdem der Sucher und der zentral platzierte orange Auslöser zum Vorschein. Wird dieser zur Aufnahme betätigt, die selbstredend durch eine Belichtungsmesser-gesteuerte Programmautomatik (Trap-Needle) geregelt wird, und schließt man die Kamera danach wieder durch Zusammenschieben, wird der Film (zur Hälfte) transportiert und der Verschluss gespannt. Ein erneutes Auseinanderziehen für die nächste Aufnahme erledigt den Rest des Filmtransports. Waaske hat natürlich auch einen Freilauf in seiner durch verschiedene Planetgetriebe realisierten Mechanik vorgesehen: Die Kamera kann man natürlich beliebig oft auf- und wieder zuschieben, ohne dass der Film transportiert und der Verschluss gespannt wird. Nur das Objektiv fährt immer wieder rein und raus.

Die A26 war nicht nur die beste 126er Kamera, sondern gehörte auch zu den letzten, die dafür auf den Markt kamen. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass Kodak im Frühjahr 1972 den Fotomarkt mit noch einer neuen Instamatic-Kassette ("Pocket-Film", 110er) aufrüttelte. Die bis dahin im Massenmarkt so erfolgreiche 126er Kassette sah plötzlich alt aus. Keine guten Marktstart-Voraussetzungen für Rollei und Heinz Waaske, die die fast fertige Kameraentwicklung (und Vorproduktion) nicht mehr stoppen konnten. Waaske und das Rollei-Management nahmen's sportlich und präsentierten die Kamera stolz auf der Photokina in Köln. Waaske wird mit dem Satz zitiert: "Die anderen bauen große Kameras für kleine Filme - wir bauen eine kleine Kamera für große Filme!"

Die A26 war natürlich auch eine der teuersten 126er Kameras. Mit Anfangs 418 DM gehörte sie klar ins Premiumsegment. Dies und die o.g. Umstände führten dazu, dass sie mit 100.000 Exemplaren hinter den Rollei-Erwartungen zurückblieb, die mit der Rollei 35 (500 Tausend, 2.5 Millionen für die ganze Rollei 35 Serie) anderes gewohnt waren. Aber Heinz Waaske durfte nochmal 'ran und seine Grundkonstruktion an die kleinere Pocket-Kassette adaptieren: Schon 1974 kommt mit der A110 die kleinste und ebenfalls vermutlich beste Pocket-Kamera auf den Markt, die sich bis 1981 über 200-Tausend mal verkauft, trotz ebenfalls hohem Preis.  

Datenblatt Kompakte, automatische Sucherkamera für Kassettenfilm (126)
Objektiv Sonnar 40 mm f/3.5 (Zeiss Lizenz, 4 Linsen)
Verschluss Spezieller Prontor-Zentralverschluss mit Trap-Needle Steuerung. Gebaut von Rollei in Lizenz.
Belichtungsmessung CdS-Belichtungsprogrammautomatik, stufenlos von 1/30s - f/3.5 bis 1/250s f/22 mit optischer Grenzwertanzeige im Sucher. Automatische Empfindlichkeitseinstellung 18 - 27 DIN (50 - 400 ASA). 
Fokussierung Manuell mit Einstellsymbolen (Oberseite) und m/ft-Skala (Unterseite des Objektivs). Kürzeste Einstellung 1 m/3.5 ft.
Sucher optischer Leuchtrahmensucher.
Blitz Optional ansteckbarer Computerblitz C26 im selben Design, LZ 21 inkl. automatischer Blitz und Blendensteuerung.
Filmtransport in zwei Schritten beim Auf- und Zuschieben des Gehäuses, Kontrolle und Bildzählwerk über Rückseitenfenster
sonst. Ausstattung Relais-Auslöser, Doppelbelichtungssperre, Beliebiges Öffnen und Schließen der Kamera ohne Filmtransport, aber mit automatisch versenktem und mit Schieber geschütztem Objektiv.
Maße, Gewicht 94 (112) x 63 x 33 (50)  mm geschlossen (offen), 280 g (mit Film 305 g). 
Batterie PX625, 1.35 V
Baujahr(e) Juli 1972 - Anfang 1976, ca. 100.000+ Exemplare, davon bis zu 10.000 in Braunschweig, die anderen "made by Rollei Singapore".
Kaufpreis, Wert heute 418 DM, ab 1975 ca. 298, Abverkauf 1976 ff: 199 DM. Heute ca. 30 €
Links Camera-WikiEmtus, Deutsches Kameramuseum, Buch: Jörg Eikmann, Ulrich Vogt: "Kameras für Millionen", Wittig Verlag 1997, ISBN 3-930359-56-1.

2026-04-16

Post #500


Ich habe die 500 Beiträge mal grob kategorisieriert.
Fast die Hälfte ist über Kameras, die ich alle (!) selbst besitze
bzw. mal besessen habe. 
Unglaublich, dies hier ist mein 500. Beitrag - neu-deutsch "post" - in diesem Blog. Als ich vor 15 Jahren und 7 Monaten begonnen habe, meinen bis dahin angesammelten Fotokram hier im Netz zu dokumentieren, konnte niemand ahnen, zu welchem Hobby und welcher Sammlung sich das auswachsen würde. 

Seid meinem ersten Post am 21.8.2010 sind 5717 Tage vergangen, das heißt im Schnitt alle 11 ½ Tage ein neuer Beitrag. Zu Beginn habe ich mehrmals in der Woche etwas geschrieben, zwischenzeitlich war auch mal mehrere Wochen Funkstille. In letzter Zeit bemühe ich mich, so 2 Beiträge im Monat zu veröffentlichen, das funktioniert mit ein bisschen Planung ganz OK. 

Meine Besucher kommen hauptsächlich aus Deutschland, danach insbesondere  
aus den USA. Aber auch andere Länder mit einer bedeutenden Photographica-
Geschichte sind stark vertreten. 
Stolz bin ich auch über die mehr als 1.2 Millionen Besuche bisher, auch wenn ich die Zahl etwas relativieren muss. Bis Ende 2024 ist die Zahl der Besuche langsam (zusammen mit der Zahl der Beiträge) auf ca. 200 bis 300 pro Tag gestiegen, also so 6.000 bis 7.000 pro Monat. Ab 2025 aber gab es einen rasanten Anstieg auf regelmäßig mittlere 5-stellige Werte mit über 70.000 im November. Ich kann mir das nur mit dem Bedeutungsgewinn der KI-Modelle erklären, sprich neben echten Menschen versorgt sich jetzt auch die künstliche Intelligenz bei Blogs wie meinem mit Information. 

Wer mir schon länger folgt weiß, dass ich die ersten Jahre (2011 bis 2015) in den USA gelebt habe und damals auch ein paar Beiträge in englisch verfasst habe. Es gibt sieben Beiträge, die quasi doppelt vorhanden sind, sowohl auf deutsch als auch in einer englischen Version. Dann habe ich irgendwann ein html-feature entdeckt, das mir erlaubt hat zweisprachige Beiträge zu veröffentlichen, die per Schalter (rechts auf der Seite mit den Fahnen) umschaltbar sind. Davon gibt es ca. 60 Beiträge, bei denen ich mir die Mühe gemacht habe. Ich habe damit aufgehört als ich gemerkt habe, dass die automatische (KI-basierte) Übersetzung derart gut geworden ist, dass heute jeder Leser die Seiten in seiner eigenen Sprache genießen kann.

Die Top-4 beliebtesten Kamera-Beiträge. Interessanterweise
ist es nicht die Leica oder Contax, die hier oft nachgeschlagen
wird. Stattdessen sind es Kameras, die woanders eher thematisch
vernachlässigt worden sind.
Auf der rechten Seite gibt es auch schon fast seid Beginn die Top-of-the week Beiträge. Fast immer ganz oben landet dort meine kurze Zusammenfassung über die Alternativen zur  verbotenen PX625 Kamerabatterie, scheinbar ein heißes Thema von dem ich eigentlich dachte, dass bereits andere genug darüber geschrieben hätten. Mit großem Abstand ist das also nach der Google-Statistik der beliebteste meiner Beiträge aller Zeiten. Auf Platz 2 folgt dann eines meiner Steckenpferde: Die Altersbestimmung per Seriennummer und es freut mich wirklich, dass Menschen mein kleines selbst-programmiertes JAVA-tool dazu nutzen. Erst danach kommen die ersten Kamerabeiträge, siehe links.

Meine persönlichen Favoriten erfasst die Google-Statistik natürlich nicht. Hierbei handelt es sich um Beiträge, deren Entstehungsprozess mir besonderen Spaß und Genugtuung bereitet hat. Rückblickend gibt es einige und ich habe davon spontan vier ausgesucht und hier mal verlinkt. 



Wer weiß, was die Zukunft bringt. Ich jedenfalls plane hier erstmal weiter Beiträge über mein Hobby zu veröffentlichen. Es hilft mir einfach, mich  mit immer neuen Aspekten der Kamera- und Fotogeschichte 
strukturiert zu beschäftigen und lässt gleichzeitig andere daran teilhaben. Viel Spaß allen beim Stöbern und Lesen...

2026-04-02

Balda Piccochic

Vor ein paar Wochen schrieb mich ein Sammlerkollege per e-mail an, schickte mir ein paar Fotos dieser Kamera und bat mich, ihm beim Identifizieren zu helfen. Ich habe dann ein paar Stunden geknobelt und recherchiert, leider war der im Leder geprägte Schriftzug kaum zu entziffern. Aber irgendwann hatte ich es. Als ich ihm mein Ergebnis gemeldet habe, stellte sich heraus, dass er das gute Stück verkaufen wollte. Was soll ich sagen, nach kurzer Verhandlung war es meins und steht jetzt in der 3x4-Vitrine zwischen den beiden Dresdener Konkurrentinnen mit ähnlicher Spreizenkonstruktion:
Die Balda Piccochic zwischen ihren Dresdener Konkurrentinnen Welta Gucki und Kochmann Korelle

Das Balda-Werk, Max Baldeweg GmbH fertigte ab ca. 1913 Fotozubehör und begann 1925 mit dem Bau von (Platten-) Kameras. Schnell kamen auch Rollfilmkameras dazu und man legte eine enorme Expansion hin. Anfang der 1930er wurden mit über 1000 Mitarbeitern an vier Standorten in und um Dresden hauptsächlich preiswerte Box- und andere Amateurkameras produziert und Balda-Kameras waren meist etwas günstiger als ihre direkten Konkurrenten. 

Mit der Piccochic brachte man 1931 die erste Kleinbild-Kamera der Firma, wie viele andere zu der Zeit als Halbformat 3x4 für den eigentlich für 4x6.5 cm konfektionierten 127er Rollfilm. Sie ist genau wie ihre lokalen Konkurrentinnen Welta-Gucki und der Korelle 3x4 eine Spreizenkamera mit auf Knopfdruck herauspoppendem Objektiv. Von der Größe her sortiert sie sich zwischen die beiden anderen ein. Alle drei (und viele andere Modelle) sind von 1931 und es ist heute kaum noch zu ergründen, welche zuerst auf dem Markt war, bzw. wer was von wem abgeschaut hat. 

Die Piccochic wurde wohl nicht sehr lange gebaut, ich vermute maximal bis 1933. Der unten abgebildete Balda-Prospekt ist (wegen des erwähnten Rapid-Compur) von 1934 und dort wird per Stempel darauf hingewiesen, dass die Kameras nur noch aus dem Vorrat stammen. Es gab nämlich von Balda ab 1934 auch die 3x4-Kamera Baldi und ab 1935 die berühmte Kleinbildkamera Baldina für die 135er Patrone. Beide Neukonstruktionen teilen sich die für fast alle folgenden Balda-Kleinbildkameras typische Aufklapp-Konstruktion. Ab 1936 wird die Baldi in einer Einfachversion auch als Rigona vermarktet. Auch hat Balda schon damals die Kameras unter anderen Namen für (meist ausländische) Vertriebsgesellschaften gebaut.  

Datenblatt Kompakte Halbformat-Kamera (3x4 cm) für 127er Rollfilm
Objektiv Meyer Trioplan 5 cm f/3.5 (Triplet, #556224, ca. 1933). Kamera war auch mit anderen Objektiven erhältlich (siehe unten).
Verschluss F. Deckel Compur T-B-1-2-5-10-20-50-100-300 1/s, #2426887 (ca. 1931). Kamera war auch mit anderen Verschlüssen erhältlich (siehe unten).
Fokussierung per Frontlinsenverstellung, minimal 1 m. Mit höherwertigen Objektiven auch per separatem Schneckengang.
Sucher optischer Newton Aufklapp-Sucher, klappt gemeinsam mit Spreizenkonstruktion auf, nach Druck auf Öffnungsknopf.
Filmtransport mittels Drehrad auf der "Unterseite", doppelte rote Fenster für Filmrückseiten-Nummerierung  (wie alle 3x4 Kameras)
sonst. Ausstattung 3/8'' Stativgewinde, Ausklappständer für Querformat-Aufnahmen. Trageschlaufe aus Leder.
Maße, Gewicht ca. 108 x 72 x 41/65 (ein-/ausgeklappt), 360 g
Baujahr(e) 1931 - ca.1933, im Verkaufsprogramm bis ca. 1935
Kaufpreis, Wert heute ca. 70 RM (siehe unten), heute ca. 50-100€, seltene Varianten (z.B. mit Macro-Plasmat oder Elmar) deutlich mehr.
Links Camera-wiki, Engel-Art, Kamerasammlung.ch, Collection Appareils, CJ's classic cameras
Bei KniPPsen weiterlesen Meine 3x4-Sammlung, Das plötzliche Verschwinden der 3x4-KamerasBaldina, Jubilette, Korelle 3x4 
Seite aus einem Balda-Prospekt (vermutlich 1934, weil der Compur Rapid erwähnt wird). Man beachte den Stempel "Wird nur noch aus Vorrat verkauft".

Weil der Scan so schlecht ist, hier eine Transkription:

Dieser Knirps von Kamera leistet großartiges! * Infolge seiner geringen Außenmaße leicht in der Westentasche oder Damen-Handtasche unterzubringen * In 1 Sekunde schußbereit * 16 Bilder 3 x 4 cm auf einem 4 x 6,5 Rollfilm, selbstverständlich gestochen scharf zum Vergrößern * Objektive bis zur Lichtstärke f:2.9 gestatten Aufnahmen in allen Lichtverhältnissen.

PREISE einschließlich echtem Nappalederbeutel und Umhängeschnur

Vidanar 4.5 in Orig. Vario    RM 32,--
Trioplan 4.5 " Pronto-S          "    40,--
Xenar     3.5 " Comp. Schneckg. " 75,--
Xenar     2.9 "      "            "         "  83,--
Zeiss Tessar 4.5 in Compur        "  74,--
Zeiss Tessar 3.5 "  Compur        "   77,--
Trioplan 2.9 in Rapid-Compur    " 73,50
                    (mit 1/500 Sekunde)
Zeiss Tessar 3.5 Rapid-Compur    87,--

Zubehör: 
Echte Vollrindledertasche mit Trageriemen ...... RM 7,50

2026-03-19

Hapo 35 (Porst, aka Balda Mess Baldinette)

Nach drei Blitzgeräten, einem Belichtungsmesser und einem Objektiv gibt es hier mal wieder eine Kamera. Es handelt sich um Balda's Mess-Baldinette gebaut als Hapo 35 für Photo Porst. Die Kamera kann ihre Abstammung von der Vorkriegs-Baldina nich verleugnen, auch wenn sie selbst im westdeutschen Bünde und nicht mehr in Dresden gebaut wurde. Tatsächlich ist erstaunlich viel an der Konstruktion noch identisch (dazu unten mehr), auch wenn die durchgehende silberne Gehäusekappe sie wie eine moderne Nachkriegskamera erscheinen läßt. Diese Gehäusekappe verbirgt einen eingebauten aber ungekuppelten Entfernungsmesser (daher Mess-...). Eine entsprechende Super-Baldinette genannte Kamera gab es ebenfalls, diesmal mit gekuppelter Fokussierhilfe. Sucher- und Entfernungsmesser hatten in beiden Fällen ein eigenes Fensterchen, waren also keine Messsucher-Kameras.   

Das Interessante an dieser Kamera von ca. 1954 sind tatsächlich nicht ihre technischen Features, die waren schon seit 20 Jahren am Markt, sieht man mal von der Blitzbuchse am Verschluss und dem vergüteten Objektiv ab. Diese Kamerklasse wurde 1934 von Kodak's Retina (Typ 117) begründet, schnell kopiert von Welta und Balda, die dann zusammen den Siegeszug der Kleinbildkamera und der dazugehörigen 135er Patrone manifestierten. Diese Kameras gehörten zu den letzten, die bei Kriegsbeginn noch montiert wurden, und zu den ersten mit denen im Nachkriegsdeutschland die Produktion wieder aufgenommen wurde.  
Beltica (DDR, 1951), Hapo 35 (Mess-Baldinette, BRD 1954) und Jubilette (Deutsches Reich, 1938) können ihre Verwandtschaft nicht leugnen. Viele Teile sind identisch und untereinander austauschbar. 

Das wirklich erstaunliche an dieser Kamera ist die Tatsache, dass sehr viele Teile des Basisgehäuses mehr oder weniger identisch zur ursprünglichen Konstruktion der Baldina von 1936 sind. Insbesondere weil die Mess-Baldinette dabei aus der in West-Deutschland neugegründeten Balda-Fabrik in Bünde/Westfalen stammt und in der ursprünglichen (nun aber verstaatlichten) Fabrik in Dresden unter dem Namen Beltica ebenfalls eine fast identische Kamera gebaut wird. Man sieht es schon bei der direkten Gegenüberstellung im Bild oben. Ich habe es aber auch im Detail ausprobiert und die mit vier Schrauben fixierte Filmführung zwischen Beltica und Baldinette vertauscht: passt!

Datenblatt Einfache Balgen-Sucherkamera für Kleinbildfilm 24x36mm mit ungekuppeltem Entfernungsmesser
Objektiv Enna Haponar 5 cm f/2.9 (Triplet), vergütet
Verschluss Prontor-SV Zentralverschluss, B-1-2-5-10-25-50-100-300, muss separat vom Filmtransport gespannt werden, Gehäuse-Auslöser und Doppelbelichtungssperre mit Indikator auf der Gehäuseoberseite.
Fokussierung manuell per Frontlinsenverstellung
Sucher einfacher optischer Durchsichtsucher, separater Einblick für Entfernungsmesser
Blitz Anschluss von Blitzgeräten per PC-Buchse, umschaltbar M-X
Filmtransport Mittels Drehrad auf Kameraunterseite, Rückspulrad auf Gehäuseoberseite und Bildzählwerk (vorwärtszählend).
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Zubehörschuh, Drahtauslösergewinde, Tiefenschärfetabelle, komplett versenkbares Objektiv, Standfuß für Hochkantaufnahmen
Maße, Gewicht 90 x 120 x 35/84 mm (geschlossen/offen), 495 g
Baujahr(e) ca. 1954
Kaufpreis, Wert heute (geschätzt 150 DM), 40 US$, heute ca. 20 € 
Links Camera-Wiki, CJ's Classic Camera Collection, Deutsches Kameramuseum
Bei KniPPsen weiterlesen Westdeutsche Nachkriegs Kameraproduktion, Beltica, Baldina, Jubilette, Welti, KB-Kameras im Vergleich, Hapo 24 (Balda)


2026-03-05

Agfatronic 280 CB (Typ 6910/100)

In dem geschenkten Beutel mit Fotokrams war auch dieses äußerlich sehr gut erhaltene (vermutlich kaum benutzte), aber trotzdem defekte Elektronenblitzgerät aus den 1970er bzw. 1980er Jahren. Ich habe es natürlich ausprobiert und neue Batterien eingelegt, aber das typische aufsteigende Summen bis die Bereitschaftslampe leuchtete blieb leider aus. Ich würde sagen: Die Elektronik ist nach Jahrzehnten der Nichtbenutzung einfach kaputt, vermutlich verursacht durch den einen oder anderen gealterten Kondensator.
 

Agfa verkaufte als Foto-Vollsortimenter natürlich auch Blitzgeräte. Die Elektronenblitzgeräte hießen seit Mitte der 1960er Jahre AGFATRONIC und trugen darüber hinaus noch eine Typ-Bezeichnung. Diese erzählt noch etwas über das Featureset: So hat die Zahl was mit der Leitzahl zu tun (280 bedeutet LZ 28), ein C steht für Computer, ein B für Batterie, ein A für Akku (wieder aufladbar). 

Gebaut hat Agfa die Blitzgeräte nicht selbst, man findet in seriösen Quellen die Vermutung, dass Osram hier Produktionspartner war. Allerdings hat die beim meinem Exemplar beiliegende Bedienungsanleitung ein dezentes "Printed in Japan", was auf einen japanischen OEM schließen läßt (hier wird im Netz hauptsächlich auf Sunpak gezeigt). 

Agfa hat sein Blitzportfolio Mitte der 1970er re-designt und den bisher schlichten kastenförmigen Modellen nun auch das rundliche schwarz-elegante Schlagheck-Schultes Design mit den orangen Sensor-Elementen verpasst. Öfters findet man widersprüchliche Jahreszahlen und auch für dieses Blitzgerät als Baujahr 1974, was für das alte kastenförmige Gerät wohl stimmt, ich aber für das runde Modell bezweifeln möchte. Ganz unten habe ich eine Seite aus einem 1975er Fotokatalog abgebildet, wo nur die alten Modelle angeboten werden. Außerdem hat meine Bedienungsanleitung einen Zeitstempel 0576. Falls jemand mehr dazu weiß, bitte melden...

Datenblatt Elektronenblitz mit Computersteuerung
Leitzahl 28 (bei 21 DIN), bzw. Guide Number 92 (100 ASA)
Blitzfolge ca. 8 Sekunden
Blitzzahl ca. 300 - 350 Blitze pro Batteriesatz (je nach Qualität der Batterien)
Batterie 4 x 1.5V AA-Batterien (z.B. Varta 7244)
Farbtemperatur 5600 °K, Tageslicht
Leuchtzeit 1/1000 - 1/50 000 s (bestimmt durch Lichtsensor und Computersteuerung)
Einstellungen Zwei Blitzbereiche wählbar, grün: bis 2,50 m, gelb: bis 5 m. Manuelle Blitzauslösung durch Druck auf Blitzkontrollleuchte möglich.
sonst. Ausstattung Ausleuchtung starr nach vorne, nicht schwenkbar. Ausreichend für leichtes Weitwinkel (35 mm). Mittenkontakt (Hot shoe) und Anschluss für Synchronkabel.
Maße, Gewicht 130 x 67 x 43 mm, 175 g (ohne Batterien)
Baujahr(e) 1976 - 198?, made in Japan (vermutlich Sunpak)
Kaufpreis, Wert heute ca. 120 DM, < 5 €
Links Emtus, Deutsches Kameramuseum, Bedienungsanleitung
Agfa-Blitzgeräte aus "Internationaler Photo-Katalog 1975" (14. Ausgabe). Damals wurden die Agfatronic-Geräte noch im rechteckigen Design angeboten. Dieser 280 CB kostete im März 1975 119 DM.


2026-02-19

Duo-Lux Primus Kondensatorblitzgerät


Ebenfalls in dem geschenkten Beutel mit Fotokrams war dieser Kondensatorblitz mit dem Namen Duo-Lux Primus und zwei dazugehörige Schachteln Blitzbirnchen des Typs PF1B, eine davon sogar noch ungeöffnet. 
Gebaut aus hell-beigen Plastik beherbergt das Gehäuse die einfache Schaltung aus 22.5 V Anodenbatterie und Kondensator, die zum Zünden der einsteckbaren Blitzbirnchen nötig ist. Der Duo-Lux akzeptierte übrigens die Blitzbirnchen-Typen XM1/XM5, PF1/PF5 und sogar die amerkikanischen AG1


Komplettiert wird das Ganze durch einen 9 Fächersegmente umfassenden Fächerreflektor mit 12.5 cm Durchmesser und Bajonett zum ansetzen ans Gehäuse. Aufgesteckt auf die Kamera wird der Blitz per Zubehörschuh, angeschlossen allerdings (noch) per Kabel und PC-Buchse. Der Mittenkontakt ("Hot-Shoe") war 1956 (erstes Baujahr des Primus) zwar schon erfunden, setzte sich aber erst Mitte der 60er langsam durch.
Zusammengefaltet passt das nur 90 g schwere Gerät (davon 30 g alleine für die Batterie) in die mitgelieferte braune Kunstledertasche (nochmal 42 g), die man per Schlaufe am Kameratragegurt festmachen konnte. Der Originalpreis Ende der 1950er Jahre war 17.40 DM (Preisbindung), heute sind die Dinger nur noch Blitzgerätesammlern etwas wert. Hergestellt und vertrieben wurde der Blitz übrigens von der Duo-Lux Albert Hiller KG aus Dornstetten in Baden-Württemberg. Die Firma existierte von ca. 1950 bis 1972, und war wohl zusammen mit den Blitzbirnchen untergegangen. Man hatte wohl versäumt, auch in Elektronenblitze oder anderes Zubehör zu investieren. Interessanterweise findet man den kompletten Firmennamen nirgendwo auf dem Gerät noch dem Etui, dafür mehrfach ein stolzes "Made in Germany".