2026-04-30

Rollei A26


Ich habe hier schon ein paar Kameras für Kodak's Instamatic-Kassette 126 vorgestellt, von der ersten Instamatic 100, über die schicken Agfamatics bis zur anspruchsvollen Yashica EZ-matic 4. Außerdem bin ich stolzer Besitzer aller fünf jemals gebauten SLR-Kameras für dieses Format. Wenn es aber um die Frage nach der besten 126er-Kamera geht, dann stimmen mir sicher viele Experten zu: Es ist diese Rollei A26, ein technischer Geniestreich von Heinz Waaske. Genau, DER Heinz Waaske, der schon die geniale Rollei 35 konstruiert hat. Mit der A26 setzt er 1972 nochmal eins drauf und kreiert eine Kamera, die nicht viel größer ist als die Filmschachtel für den PAK-Film, für den sie konstruiert ist. Gleichzeitig enthält die Kamera ein hochwertiges Objektiv, eine Belichtungsautomatik und schützt im geschlossenen Zustand alle Bedienelemente vor Fehlbenutzung und Verschmutzung. "Cleaner" geht Kameradesign fast nicht.   

Zeichnung aus der Patentschrift DE 2028430. Hauptanspruch
ist dieser Mechanismus zum mechanischen Rein- und Raus-
fahren des Objektivs. 
Zentrales Bedienelement ist die relativ einfache, äußere schwarz belederte Blechhülle, die man auseinander zieht. Dabei wird über eine komplexe Mechanik zunächst die Objektivschutzklappe zur Seite geschwenkt und dann das Objektiv ausgefahren und an der äußeren Stelle arretiert. Diese Konstruktion bildet die Grundlage für den Hauptanspruch von Waaske's Patent DE2028430. Beim Aufziehen kommt außerdem der Sucher und der zentral platzierte orange Auslöser zum Vorschein. Wird dieser zur Aufnahme betätigt, die selbstredend durch eine Belichtungsmesser-gesteuerte Programmautomatik (Trap-Needle) geregelt wird, und schließt man die Kamera danach wieder durch Zusammenschieben, wird der Film (zur Hälfte) transportiert und der Verschluss gespannt. Ein erneutes Auseinanderziehen für die nächste Aufnahme erledigt den Rest des Filmtransports. Waaske hat natürlich auch einen Freilauf in seiner durch verschiedene Planetgetriebe realisierten Mechanik vorgesehen: Die Kamera kann man natürlich beliebig oft auf- und wieder zuschieben, ohne dass der Film transportiert und der Verschluss gespannt wird. Nur das Objektiv fährt immer wieder rein und raus.

Die A26 war nicht nur die beste 126er Kamera, sondern gehörte auch zu den letzten, die dafür auf den Markt kamen. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass Kodak im Frühjahr 1972 den Fotomarkt mit noch einer neuen Instamatic-Kassette ("Pocket-Film", 110er) aufrüttelte. Die bis dahin im Massenmarkt so erfolgreiche 126er Kassette sah plötzlich alt aus. Keine guten Marktstart-Voraussetzungen für Rollei und Heinz Waaske, die die fast fertige Kameraentwicklung (und Vorproduktion) nicht mehr stoppen konnten. Waaske und das Rollei-Management nahmen's sportlich und präsentierten die Kamera stolz auf der Photokina in Köln. Waaske wird mit dem Satz zitiert: "Die anderen bauen große Kameras für kleine Filme - wir bauen eine kleine Kamera für große Filme!"

Die A26 war natürlich auch eine der teuersten 126er Kameras. Mit Anfangs 418 DM gehörte sie klar ins Premiumsegment. Dies und die o.g. Umstände führten dazu, dass sie mit 100.000 Exemplaren hinter den Rollei-Erwartungen zurückblieb, die mit der Rollei 35 (500 Tausend, 2.5 Millionen für die ganze Rollei 35 Serie) anderes gewohnt waren. Aber Heinz Waaske durfte nochmal 'ran und seine Grundkonstruktion an die kleinere Pocket-Kassette adaptieren: Schon 1974 kommt mit der A110 die kleinste und ebenfalls vermutlich beste Pocket-Kamera auf den Markt, die sich bis 1981 über 200-Tausend mal verkauft, trotz ebenfalls hohem Preis.  

Datenblatt Kompakte, automatische Sucherkamera für Kassettenfilm (126)
Objektiv Sonnar 40 mm f/3.5 (Zeiss Lizenz, 4 Linsen)
Verschluss Spezieller Prontor-Zentralverschluss mit Trap-Needle Steuerung. Gebaut von Rollei in Lizenz.
Belichtungsmessung CdS-Belichtungsprogrammautomatik, stufenlos von 1/30s - f/3.5 bis 1/250s f/22 mit optischer Grenzwertanzeige im Sucher. Automatische Empfindlichkeitseinstellung 18 - 27 DIN (50 - 400 ASA). 
Fokussierung Manuell mit Einstellsymbolen (Oberseite) und m/ft-Skala (Unterseite des Objektivs). Kürzeste Einstellung 1 m/3.5 ft.
Sucher optischer Leuchtrahmensucher.
Blitz Optional ansteckbarer Computerblitz C26 im selben Design, LZ 21 inkl. automatischer Blitz und Blendensteuerung.
Filmtransport in zwei Schritten beim Auf- und Zuschieben des Gehäuses, Kontrolle und Bildzählwerk über Rückseitenfenster
sonst. Ausstattung Relais-Auslöser, Doppelbelichtungssperre, Beliebiges Öffnen und Schließen der Kamera ohne Filmtransport, aber mit automatisch versenktem und mit Schieber geschütztem Objektiv.
Maße, Gewicht 94 (112) x 63 x 33 (50)  mm geschlossen (offen), 280 g (mit Film 305 g). 
Batterie PX625, 1.35 V
Baujahr(e) Juli 1972 - Anfang 1976, ca. 100.000+ Exemplare, davon bis zu 10.000 in Braunschweig, die anderen "made by Rollei Singapore".
Kaufpreis, Wert heute 418 DM, ab 1975 ca. 298, Abverkauf 1976 ff: 199 DM. Heute ca. 30 €
Links Camera-WikiEmtus, Deutsches Kameramuseum, Buch: Jörg Eikmann, Ulrich Vogt: "Kameras für Millionen", Wittig Verlag 1997, ISBN 3-930359-56-1.

2026-04-16

Post #500


Ich habe die 500 Beiträge mal grob kategorisieriert.
Fast die Hälfte ist über Kameras, die ich alle (!) selbst besitze
bzw. mal besessen habe. 
Unglaublich, dies hier ist mein 500. Beitrag - neu-deutsch "post" - in diesem Blog. Als ich vor 15 Jahren und 7 Monaten begonnen habe, meinen bis dahin angesammelten Fotokram hier im Netz zu dokumentieren, konnte niemand ahnen, zu welchem Hobby und welcher Sammlung sich das auswachsen würde. 

Seid meinem ersten Post am 21.8.2010 sind 5717 Tage vergangen, das heißt im Schnitt alle 11 ½ Tage ein neuer Beitrag. Zu Beginn habe ich mehrmals in der Woche etwas geschrieben, zwischenzeitlich war auch mal mehrere Wochen Funkstille. In letzter Zeit bemühe ich mich, so 2 Beiträge im Monat zu veröffentlichen, das funktioniert mit ein bisschen Planung ganz OK. 

Meine Besucher kommen hauptsächlich aus Deutschland, danach insbesondere  
aus den USA. Aber auch andere Länder mit einer bedeutenden Photographica-
Geschichte sind stark vertreten. 
Stolz bin ich auch über die mehr als 1.2 Millionen Besuche bisher, auch wenn ich die Zahl etwas relativieren muss. Bis Ende 2024 ist die Zahl der Besuche langsam (zusammen mit der Zahl der Beiträge) auf ca. 200 bis 300 pro Tag gestiegen, also so 6.000 bis 7.000 pro Monat. Ab 2025 aber gab es einen rasanten Anstieg auf regelmäßig mittlere 5-stellige Werte mit über 70.000 im November. Ich kann mir das nur mit dem Bedeutungsgewinn der KI-Modelle erklären, sprich neben echten Menschen versorgt sich jetzt auch die künstliche Intelligenz bei Blogs wie meinem mit Information. 

Wer mir schon länger folgt weiß, dass ich die ersten Jahre (2011 bis 2015) in den USA gelebt habe und damals auch ein paar Beiträge in englisch verfasst habe. Es gibt sieben Beiträge, die quasi doppelt vorhanden sind, sowohl auf deutsch als auch in einer englischen Version. Dann habe ich irgendwann ein html-feature entdeckt, das mir erlaubt hat zweisprachige Beiträge zu veröffentlichen, die per Schalter (rechts auf der Seite mit den Fahnen) umschaltbar sind. Davon gibt es ca. 60 Beiträge, bei denen ich mir die Mühe gemacht habe. Ich habe damit aufgehört als ich gemerkt habe, dass die automatische (KI-basierte) Übersetzung derart gut geworden ist, dass heute jeder Leser die Seiten in seiner eigenen Sprache genießen kann.

Die Top-4 beliebtesten Kamera-Beiträge. Interessanterweise
ist es nicht die Leica oder Contax, die hier oft nachgeschlagen
wird. Stattdessen sind es Kameras, die woanders eher thematisch
vernachlässigt worden sind.
Auf der rechten Seite gibt es auch schon fast seid Beginn die Top-of-the week Beiträge. Fast immer ganz oben landet dort meine kurze Zusammenfassung über die Alternativen zur  verbotenen PX625 Kamerabatterie, scheinbar ein heißes Thema von dem ich eigentlich dachte, dass bereits andere genug darüber geschrieben hätten. Mit großem Abstand ist das also nach der Google-Statistik der beliebteste meiner Beiträge aller Zeiten. Auf Platz 2 folgt dann eines meiner Steckenpferde: Die Altersbestimmung per Seriennummer und es freut mich wirklich, dass Menschen mein kleines selbst-programmiertes JAVA-tool dazu nutzen. Erst danach kommen die ersten Kamerabeiträge, siehe links.

Meine persönlichen Favoriten erfasst die Google-Statistik natürlich nicht. Hierbei handelt es sich um Beiträge, deren Entstehungsprozess mir besonderen Spaß und Genugtuung bereitet hat. Rückblickend gibt es einige und ich habe davon spontan vier ausgesucht und hier mal verlinkt. 



Wer weiß, was die Zukunft bringt. Ich jedenfalls plane hier erstmal weiter Beiträge über mein Hobby zu veröffentlichen. Es hilft mir einfach, mich  mit immer neuen Aspekten der Kamera- und Fotogeschichte 
strukturiert zu beschäftigen und lässt gleichzeitig andere daran teilhaben. Viel Spaß allen beim Stöbern und Lesen...

2026-04-02

Balda Piccochic

Vor ein paar Wochen schrieb mich ein Sammlerkollege per e-mail an, schickte mir ein paar Fotos dieser Kamera und bat mich, ihm beim Identifizieren zu helfen. Ich habe dann ein paar Stunden geknobelt und recherchiert, leider war der im Leder geprägte Schriftzug kaum zu entziffern. Aber irgendwann hatte ich es. Als ich ihm mein Ergebnis gemeldet habe, stellte sich heraus, dass er das gute Stück verkaufen wollte. Was soll ich sagen, nach kurzer Verhandlung war es meins und steht jetzt in der 3x4-Vitrine zwischen den beiden Dresdener Konkurrentinnen mit ähnlicher Spreizenkonstruktion:
Die Balda Piccochic zwischen ihren Dresdener Konkurrentinnen Welta Gucki und Kochmann Korelle

Das Balda-Werk, Max Baldeweg GmbH fertigte ab ca. 1913 Fotozubehör und begann 1925 mit dem Bau von (Platten-) Kameras. Schnell kamen auch Rollfilmkameras dazu und man legte eine enorme Expansion hin. Anfang der 1930er wurden mit über 1000 Mitarbeitern an vier Standorten in und um Dresden hauptsächlich preiswerte Box- und andere Amateurkameras produziert und Balda-Kameras waren meist etwas günstiger als ihre direkten Konkurrenten. 

Mit der Piccochic brachte man 1931 die erste Kleinbild-Kamera der Firma, wie viele andere zu der Zeit als Halbformat 3x4 für den eigentlich für 4x6.5 cm konfektionierten 127er Rollfilm. Sie ist genau wie ihre lokalen Konkurrentinnen Welta-Gucki und der Korelle 3x4 eine Spreizenkamera mit auf Knopfdruck herauspoppendem Objektiv. Von der Größe her sortiert sie sich zwischen die beiden anderen ein. Alle drei (und viele andere Modelle) sind von 1931 und es ist heute kaum noch zu ergründen, welche zuerst auf dem Markt war, bzw. wer was von wem abgeschaut hat. 

Die Piccochic wurde wohl nicht sehr lange gebaut, ich vermute maximal bis 1933. Der unten abgebildete Balda-Prospekt ist (wegen des erwähnten Rapid-Compur) von 1934 und dort wird per Stempel darauf hingewiesen, dass die Kameras nur noch aus dem Vorrat stammen. Es gab nämlich von Balda ab 1934 auch die 3x4-Kamera Baldi und ab 1935 die berühmte Kleinbildkamera Baldina für die 135er Patrone. Beide Neukonstruktionen teilen sich die für fast alle folgenden Balda-Kleinbildkameras typische Aufklapp-Konstruktion. Ab 1936 wird die Baldi in einer Einfachversion auch als Rigona vermarktet. Auch hat Balda schon damals die Kameras unter anderen Namen für (meist ausländische) Vertriebsgesellschaften gebaut.  

Datenblatt Kompakte Halbformat-Kamera (3x4 cm) für 127er Rollfilm
Objektiv Meyer Trioplan 5 cm f/3.5 (Triplet, #556224, ca. 1933). Kamera war auch mit anderen Objektiven erhältlich (siehe unten).
Verschluss F. Deckel Compur T-B-1-2-5-10-20-50-100-300 1/s, #2426887 (ca. 1931). Kamera war auch mit anderen Verschlüssen erhältlich (siehe unten).
Fokussierung per Frontlinsenverstellung, minimal 1 m. Mit höherwertigen Objektiven auch per separatem Schneckengang.
Sucher optischer Newton Aufklapp-Sucher, klappt gemeinsam mit Spreizenkonstruktion auf, nach Druck auf Öffnungsknopf.
Filmtransport mittels Drehrad auf der "Unterseite", doppelte rote Fenster für Filmrückseiten-Nummerierung  (wie alle 3x4 Kameras)
sonst. Ausstattung 3/8'' Stativgewinde, Ausklappständer für Querformat-Aufnahmen. Trageschlaufe aus Leder.
Maße, Gewicht ca. 108 x 72 x 41/65 (ein-/ausgeklappt), 360 g
Baujahr(e) 1931 - ca.1933, im Verkaufsprogramm bis ca. 1935
Kaufpreis, Wert heute ca. 70 RM (siehe unten), heute ca. 50-100€, seltene Varianten (z.B. mit Macro-Plasmat oder Elmar) deutlich mehr.
Links Camera-wiki, Engel-Art, Kamerasammlung.ch, Collection Appareils, CJ's classic cameras
Bei KniPPsen weiterlesen Meine 3x4-Sammlung, Das plötzliche Verschwinden der 3x4-KamerasBaldina, Jubilette, Korelle 3x4 
Seite aus einem Balda-Prospekt (vermutlich 1934, weil der Compur Rapid erwähnt wird). Man beachte den Stempel "Wird nur noch aus Vorrat verkauft".

Weil der Scan so schlecht ist, hier eine Transkription:

Dieser Knirps von Kamera leistet großartiges! * Infolge seiner geringen Außenmaße leicht in der Westentasche oder Damen-Handtasche unterzubringen * In 1 Sekunde schußbereit * 16 Bilder 3 x 4 cm auf einem 4 x 6,5 Rollfilm, selbstverständlich gestochen scharf zum Vergrößern * Objektive bis zur Lichtstärke f:2.9 gestatten Aufnahmen in allen Lichtverhältnissen.

PREISE einschließlich echtem Nappalederbeutel und Umhängeschnur

Vidanar 4.5 in Orig. Vario    RM 32,--
Trioplan 4.5 " Pronto-S          "    40,--
Xenar     3.5 " Comp. Schneckg. " 75,--
Xenar     2.9 "      "            "         "  83,--
Zeiss Tessar 4.5 in Compur        "  74,--
Zeiss Tessar 3.5 "  Compur        "   77,--
Trioplan 2.9 in Rapid-Compur    " 73,50
                    (mit 1/500 Sekunde)
Zeiss Tessar 3.5 Rapid-Compur    87,--

Zubehör: 
Echte Vollrindledertasche mit Trageriemen ...... RM 7,50

2026-03-19

Hapo 35 (Porst, aka Balda Mess Baldinette)

Nach drei Blitzgeräten, einem Belichtungsmesser und einem Objektiv gibt es hier mal wieder eine Kamera. Es handelt sich um Balda's Mess-Baldinette gebaut als Hapo 35 für Photo Porst. Die Kamera kann ihre Abstammung von der Vorkriegs-Baldina nich verleugnen, auch wenn sie selbst im westdeutschen Bünde und nicht mehr in Dresden gebaut wurde. Tatsächlich ist erstaunlich viel an der Konstruktion noch identisch (dazu unten mehr), auch wenn die durchgehende silberne Gehäusekappe sie wie eine moderne Nachkriegskamera erscheinen läßt. Diese Gehäusekappe verbirgt einen eingebauten aber ungekuppelten Entfernungsmesser (daher Mess-...). Eine entsprechende Super-Baldinette genannte Kamera gab es ebenfalls, diesmal mit gekuppelter Fokussierhilfe. Sucher- und Entfernungsmesser hatten in beiden Fällen ein eigenes Fensterchen, waren also keine Messsucher-Kameras.   

Das Interessante an dieser Kamera von ca. 1954 sind tatsächlich nicht ihre technischen Features, die waren schon seit 20 Jahren am Markt, sieht man mal von der Blitzbuchse am Verschluss und dem vergüteten Objektiv ab. Diese Kamerklasse wurde 1934 von Kodak's Retina (Typ 117) begründet, schnell kopiert von Welta und Balda, die dann zusammen den Siegeszug der Kleinbildkamera und der dazugehörigen 135er Patrone manifestierten. Diese Kameras gehörten zu den letzten, die bei Kriegsbeginn noch montiert wurden, und zu den ersten mit denen im Nachkriegsdeutschland die Produktion wieder aufgenommen wurde.  
Beltica (DDR, 1951), Hapo 35 (Mess-Baldinette, BRD 1954) und Jubilette (Deutsches Reich, 1938) können ihre Verwandtschaft nicht leugnen. Viele Teile sind identisch und untereinander austauschbar. 

Das wirklich erstaunliche an dieser Kamera ist die Tatsache, dass sehr viele Teile des Basisgehäuses mehr oder weniger identisch zur ursprünglichen Konstruktion der Baldina von 1936 sind. Insbesondere weil die Mess-Baldinette dabei aus der in West-Deutschland neugegründeten Balda-Fabrik in Bünde/Westfalen stammt und in der ursprünglichen (nun aber verstaatlichten) Fabrik in Dresden unter dem Namen Beltica ebenfalls eine fast identische Kamera gebaut wird. Man sieht es schon bei der direkten Gegenüberstellung im Bild oben. Ich habe es aber auch im Detail ausprobiert und die mit vier Schrauben fixierte Filmführung zwischen Beltica und Baldinette vertauscht: passt!

Datenblatt Einfache Balgen-Sucherkamera für Kleinbildfilm 24x36mm mit ungekuppeltem Entfernungsmesser
Objektiv Enna Haponar 5 cm f/2.9 (Triplet), vergütet
Verschluss Prontor-SV Zentralverschluss, B-1-2-5-10-25-50-100-300, muss separat vom Filmtransport gespannt werden, Gehäuse-Auslöser und Doppelbelichtungssperre mit Indikator auf der Gehäuseoberseite.
Fokussierung manuell per Frontlinsenverstellung
Sucher einfacher optischer Durchsichtsucher, separater Einblick für Entfernungsmesser
Blitz Anschluss von Blitzgeräten per PC-Buchse, umschaltbar M-X
Filmtransport Mittels Drehrad auf Kameraunterseite, Rückspulrad auf Gehäuseoberseite und Bildzählwerk (vorwärtszählend).
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Zubehörschuh, Drahtauslösergewinde, Tiefenschärfetabelle, komplett versenkbares Objektiv, Standfuß für Hochkantaufnahmen
Maße, Gewicht 90 x 120 x 35/84 mm (geschlossen/offen), 495 g
Baujahr(e) ca. 1954
Kaufpreis, Wert heute (geschätzt 150 DM), 40 US$, heute ca. 20 € 
Links Camera-Wiki, CJ's Classic Camera Collection, Deutsches Kameramuseum
Bei KniPPsen weiterlesen Westdeutsche Nachkriegs Kameraproduktion, Beltica, Baldina, Jubilette, Welti, KB-Kameras im Vergleich, Hapo 24 (Balda)


2026-03-05

Agfatronic 280 CB (Typ 6910/100)

In dem geschenkten Beutel mit Fotokrams war auch dieses äußerlich sehr gut erhaltene (vermutlich kaum benutzte), aber trotzdem defekte Elektronenblitzgerät aus den 1970er bzw. 1980er Jahren. Ich habe es natürlich ausprobiert und neue Batterien eingelegt, aber das typische aufsteigende Summen bis die Bereitschaftslampe leuchtete blieb leider aus. Ich würde sagen: Die Elektronik ist nach Jahrzehnten der Nichtbenutzung einfach kaputt, vermutlich verursacht durch den einen oder anderen gealterten Kondensator.
 

Agfa verkaufte als Foto-Vollsortimenter natürlich auch Blitzgeräte. Die Elektronenblitzgeräte hießen seit Mitte der 1960er Jahre AGFATRONIC und trugen darüber hinaus noch eine Typ-Bezeichnung. Diese erzählt noch etwas über das Featureset: So hat die Zahl was mit der Leitzahl zu tun (280 bedeutet LZ 28), ein C steht für Computer, ein B für Batterie, ein A für Akku (wieder aufladbar). 

Gebaut hat Agfa die Blitzgeräte nicht selbst, man findet in seriösen Quellen die Vermutung, dass Osram hier Produktionspartner war. Allerdings hat die beim meinem Exemplar beiliegende Bedienungsanleitung ein dezentes "Printed in Japan", was auf einen japanischen OEM schließen läßt (hier wird im Netz hauptsächlich auf Sunpak gezeigt). 

Agfa hat sein Blitzportfolio Mitte der 1970er re-designt und den bisher schlichten kastenförmigen Modellen nun auch das rundliche schwarz-elegante Schlagheck-Schultes Design mit den orangen Sensor-Elementen verpasst. Öfters findet man widersprüchliche Jahreszahlen und auch für dieses Blitzgerät als Baujahr 1974, was für das alte kastenförmige Gerät wohl stimmt, ich aber für das runde Modell bezweifeln möchte. Ganz unten habe ich eine Seite aus einem 1975er Fotokatalog abgebildet, wo nur die alten Modelle angeboten werden. Außerdem hat meine Bedienungsanleitung einen Zeitstempel 0576. Falls jemand mehr dazu weiß, bitte melden...

Datenblatt Elektronenblitz mit Computersteuerung
Leitzahl 28 (bei 21 DIN), bzw. Guide Number 92 (100 ASA)
Blitzfolge ca. 8 Sekunden
Blitzzahl ca. 300 - 350 Blitze pro Batteriesatz (je nach Qualität der Batterien)
Batterie 4 x 1.5V AA-Batterien (z.B. Varta 7244)
Farbtemperatur 5600 °K, Tageslicht
Leuchtzeit 1/1000 - 1/50 000 s (bestimmt durch Lichtsensor und Computersteuerung)
Einstellungen Zwei Blitzbereiche wählbar, grün: bis 2,50 m, gelb: bis 5 m. Manuelle Blitzauslösung durch Druck auf Blitzkontrollleuchte möglich.
sonst. Ausstattung Ausleuchtung starr nach vorne, nicht schwenkbar. Ausreichend für leichtes Weitwinkel (35 mm). Mittenkontakt (Hot shoe) und Anschluss für Synchronkabel.
Maße, Gewicht 130 x 67 x 43 mm, 175 g (ohne Batterien)
Baujahr(e) 1976 - 198?, made in Japan (vermutlich Sunpak)
Kaufpreis, Wert heute ca. 120 DM, < 5 €
Links Emtus, Deutsches Kameramuseum, Bedienungsanleitung
Agfa-Blitzgeräte aus "Internationaler Photo-Katalog 1975" (14. Ausgabe). Damals wurden die Agfatronic-Geräte noch im rechteckigen Design angeboten. Dieser 280 CB kostete im März 1975 119 DM.


2026-02-19

Duo-Lux Primus Kondensatorblitzgerät


Ebenfalls in dem geschenkten Beutel mit Fotokrams war dieser Kondensatorblitz mit dem Namen Duo-Lux Primus und zwei dazugehörige Schachteln Blitzbirnchen des Typs PF1B, eine davon sogar noch ungeöffnet. 
Gebaut aus hell-beigen Plastik beherbergt das Gehäuse die einfache Schaltung aus 22.5 V Anodenbatterie und Kondensator, die zum Zünden der einsteckbaren Blitzbirnchen nötig ist. Der Duo-Lux akzeptierte übrigens die Blitzbirnchen-Typen XM1/XM5, PF1/PF5 und sogar die amerkikanischen AG1


Komplettiert wird das Ganze durch einen 9 Fächersegmente umfassenden Fächerreflektor mit 12.5 cm Durchmesser und Bajonett zum ansetzen ans Gehäuse. Aufgesteckt auf die Kamera wird der Blitz per Zubehörschuh, angeschlossen allerdings (noch) per Kabel und PC-Buchse. Der Mittenkontakt ("Hot-Shoe") war 1956 (erstes Baujahr des Primus) zwar schon erfunden, setzte sich aber erst Mitte der 60er langsam durch.
Zusammengefaltet passt das nur 90 g schwere Gerät (davon 30 g alleine für die Batterie) in die mitgelieferte braune Kunstledertasche (nochmal 42 g), die man per Schlaufe am Kameratragegurt festmachen konnte. Der Originalpreis Ende der 1950er Jahre war 17.40 DM (Preisbindung), heute sind die Dinger nur noch Blitzgerätesammlern etwas wert. Hergestellt und vertrieben wurde der Blitz übrigens von der Duo-Lux Albert Hiller KG aus Dornstetten in Baden-Württemberg. Die Firma existierte von ca. 1950 bis 1972, und war wohl zusammen mit den Blitzbirnchen untergegangen. Man hatte wohl versäumt, auch in Elektronenblitze oder anderes Zubehör zu investieren. Interessanterweise findet man den kompletten Firmennamen nirgendwo auf dem Gerät noch dem Etui, dafür mehrfach ein stolzes "Made in Germany".

2026-02-05

Actino U

In einem Beutel mit Fotokrams, den ich neulich geschenkt bekam,  war auch dieser Handbelichtungsmesser aus den 1950ern. Es handelt sich um ein Modell der Firma Weigand aus Erlangen. Karl-Heinrich Weigand hatte seine Firma für elektrische Messinstrumente schon 1938 zusammen mit einem Partner gegründet und das erste einfach ACTINO genannte Modell herausgebracht. Nach dem Krieg hat er die Firma alleine wieder aufgebaut und ab 1948 neue Actino-Modelle produziert.    
Der Actino U wurde in leicht verschiedenen Versionen von 1954 bis zum Ende des Jahrzehnts produziert. Mein Exemplar hier hat entgegen zu den meisten anderen Darstellungen oder Fotos eine schwarze Skala mit weißer Schrift, entspricht aber in der sonstigen Spezifikation dem üblicherweise Version 1 genannten Modell. Er kommt in einem schicken und praktischen roten (Kunst-)Lederetui, und weil das meistens geschlossen ist und somit kein Licht auf die Zelle fällt, funktioniert mein Exemplar tatsächlich noch.

Datenblatt Handbelichtungsmesser
Belichtungsmessung per Selenzelle, Empfindlichkeit 8-26 °/10 DIN, 6-400 ASA, Blenden 1.4 - 22, Zeiten 60s - 1/1000 s
sonst. Ausstattung Cine-Gangzahlen, Aufklappdiffusor
Maße, Gewicht ca. 50 x 70 x 23 mm (ohne Etui, mit jeweils ca. 4 mm dazu), 140 g
Batterie keine notwendig, Selenzelle!
Baujahr(e) 1954-ca. 1959
Kaufpreis, Wert heute 39 DM plus Etui (3,30 DM), 5€
Links Photobutmore, Camera-Wiki, Lightmetermuseum.com (archived)
Der Actino U (hier mit der üblichen hellen Skala) neben einiger seiner direkten Konkurrenten aus dem Photo Porst Katalog 1956. Mit 39 DM gehörte er zu den günstigeren Modellen, auf der Seite vorher waren die Gossen-Modelle Sixtomat etc. ab 69 DM zu bestellen.

2026-01-22

Agfa ISI-C (Typ K)

Zur Abwechslung mal keine Kamera oder Objektiv, sondern ein populäres Foto-Zubehör aus den 1970ern. Es handelt sich um ein einfaches Blitzgerät zur Verwendung von Blitzwürfeln des Typs N (Flash-Cube). Diese wurden 1965 vom Glühlampenhersteller Sylvania auf den Markt gebracht und waren eigentlich für einfache Kameras gedacht, die einen entsprechenden Flash-Cube Halter eingebaut hatten. Am Besten so einen, der beim Filmtransport auch den Würfel um 90° gleich mit dreht. Wie zum Beispiel die Kodak Instamatic 104. Eigentlich ist das Ganze mehr als ein Halter, sondern ein eingebautes Blitzgerät, da die Kamera zur Zündung der Blitzbirnchen im Würfel eine Batterie und einen Kondensator brauchte.

Wie viele andere Kamera- und Zubehörhersteller hatte auch Agfa seit 1952 einige Blitzgeräte im Programm, meist waren es einfache Kondensator-Modelle für verschiedene Blitzbirnchen. 1963 kommt das Modell ISI in die Fotoläden, ein sehr kompaktes, quaderförmiges Gerät mit eingebautem relativ kleinen Reflektor für den Zuberhörschuh. ISI gab es in den beiden Varianten K (mit Kabel) oder M (Mittenkontakt, hot-shoe). 

In dessen Tradition bringt Agfa im Jahr 1976 ISI-C (ebenfalls in beiden Varianten) auf den Markt. der kleine schwarze Plastikquader ist noch kompakter als der alte ISI, bringt doch der Blitzwürfel seine eigenen Reflektoren mit. Im Gehäuse wird nur noch die Batterie (6V, PX23) und der Kondensator versteckt. Eine Automatik zum Drehen des Würfels nach der Aufnahme gibt es nicht, da muss der Fotograf selbst dran denken. Eine Entfernungs-/Blenden-Tabelle (Leitzahl 15) und ein kleines abgerundetes Plastiketui für den Kameragurt runden das Produkt ab.

1976 ist die Zeit der Blitzbirnchen und entsprechender Blitzgeräte eigentlich vorüber. Der ISI-C dürfte einer der letzten Kondensatorblitzer gewesen sein, die auf den Markt gekommen sind. Der gehörte längst den Elektronenblitzern, die ab Mitte der 70er sogar von deren zweiter Generation (Computer-Blitz) abgelöst wurden. Auch Agfa ist 1963 mit dem Agfatron auf diesen Zug aufgesprungen. Diese mit der Elektronik-Revolution Anfang der 1970er erschwinglich gewordenen Geräte blitzten einmal erworben und aufgeladen quasi umsonst, während Blitzbirnchen und auch Blitzwürfel ein teurer Spaß waren.