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2021-09-02

Voigtländer Vitrona

Eingebaute Elektronenblitzgeräte sind heute eine Selbstverständlichkeit, aber seit wann ist das so? Ich bin über diese Frage bei meinen Recherchen zum Mittenkontakt gestolpert und habe natürlich eine Antwort mitgebracht. Diese Voigtländer Vitrona kam 1964 auf den Markt und war die erste und lange Zeit einzige Kamera mit eingebauter Elektronenblitzröhre. Diese Spitzfindigkeit muss sein, denn das ganze Blitzgerät passte nicht in das von der Voigtländer Vito C bekannte Gehäuse (selbst nicht unbedingt als klein zu bezeichnen!). Die Voigtländer Ingenieure spendierten der Kamera also einen recht voluminösen Bakelit-Handgriff, der die beiden Baby-Zellen, den Blitz-Elko sowie das meiste der Elektronik beherbergt. Auf der Oberseite der Kamera war lediglich noch die Blitzbereitschaftsleuchte untergebracht (und im darunter liegenden Sucher zu sehen). Das Ganze zusammen ist recht klobig (kommt auf den Fotos leider nicht so rüber) und und für eine ansonsten recht simple Kleinbildkamera mit über einem Kilogramm auch sehr schwer (Kamera: 648 g, Griff: 250 g, Batterien: 129 g, Film: ca. 20 g).


Zeichnung aus dem angemeldeten
Gebrauchsmuster DE1879041 vom
5. Januar 1963
Dass keiner der Konkurrenten auf den Zug mit dem eingebauten Blitz aufgesprungen ist, lag vermutlich an zwei Dingen: Zum einen hat Voigtländer ein Gebrauchsmuster beim deutschen und anderen Patentämtern angemeldet (DE1879041 vom 05.01.1963), das die Kamera und das Prinzip mit dem Handgriff relativ genau beschreibt. Man hat sogar nur ein paar Wochen später noch ein erweitertes Gebrauchsmuster (DE1952294) angemeldet, das zusätzlich eine dann nie realisierte (noch klobigere) Kamera mit eingebauten Blitz, Messsucher und Belichtungsmesser beschreibt. So ein Gebrauchsmuster darf nicht mit einem richtigen Technologiepatent auf eine Stufe gestellt werden, bietet aber dennoch einen gewissen Schutz vor Nachahmern. 
Der eigentliche Grund, warum es keiner nachgemacht hat, wird klar, wenn man die Kamera mit angeschraubtem Handgriff in der Hand hält und damit fotografiert: Es macht einfach keinen Sinn! Wenn man schon etwas so voluminöses wie den Handgriff an die Kamera schrauben oder stecken muss, um zu blitzen, warum dann nicht gleich ein ganzes Blitzgerät? Solcherlei kompakte Geräte kamen damals reihenweise von spezialisierten Blitzgeräteherstellern auf den Markt (z.B. Loewe OptatronMetz Mecablitz 116, Braun F 26, und andere) und waren nicht viel größer oder sogar kleiner als unser Handgriff. Außerdem war die Vitrona mit 285 DM bzw. 115 US$ eine sehr teure Kamera. Eine US Preisliste von 1965 erlaubt den Vergleich: Eine einfache Vitoret steht dort mit $34.95 (S. 29), dazu z.B. der Metz Mecablitz 116 für $39.95 (S. 51/52) oder der besonders kompakte MB 117 für $59.95. Beide Kombinationen sind deutlich günstiger als die Vitrona (S.29) und man könnte sich ggf. sogar eine bessere Kamera z.B. mit Messsucher oder Belichtungsmesser leisten. 

Natürlich hatte die Vitrona gegenüber der einfachen Vitoret die Blitzautomatik voraus. Dies ist eine rein mechanische Kopplung der Blende mit dem Entfernungsring und erspart das lästige Umrechnen per Leitzahl und das Übertragen an den Blendenring. Das ist schon sehr praktisch, rechtfertigt es aber tatsächlich den Mehrpreis? Der Markterfolg blieb also mehr oder weniger aus, angeblich wurden nur 22.600 Exemplare produziert und verkauft, nicht gerade viel für die Zeit und die fast vier Jahre, die sie angeboten wurde. Nachahmer konnte ich auch für die folgenden Jahre nicht finden. 
1975 die einzige (siehe Text!) und die
erste KB-Kamera, die alles nötige zum Blitzen
im kompakten Gehäuse unterbringt. 

Es sollte ca. 10 Jahre dauern, bis die Technologie soweit war (Miniaturisierung) und sich wieder ein Kamerahersteller an den eingebauten Elektronenblitz herantraute.  Bei den Kleinbildkameras war es die Konica C35 EF ("Pikkari"), die im selben kompakten Plastikgehäuse daherkam wie ihre spätere berühmte Schwester Konica C35 AF und alle nötigen Batterien und Blitzelektronik darin unterbrachte. Endlich! Ggf. war die Vivitar 602 Pocket-Kamera (110er) sogar noch etwas früher dran, weitere möglicherweise frühere konnte ich trotz längerer Suche nicht finden. Welche anderen Kameras dann alle folgten, habe ich nicht mehr konsequent recherchiert. Spätestens in den 1980ern gehörte der eingebaute Blitz dann zum Standard kompakter Point-and-Shoot Kameras.
Mein aufmerksamer Leser Jörg hat mich auf die Fujica ST-F von 1979 hingewiesen, eine frühe Bridgekamera. Die erste richtige KB-SLR mit eingebautem Blitz war (auch nach Jörg) die Pentax SFX von 1987, bald gefolgt von einigen anderen vollautomatischen SLR-Knippsen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: In Kameras eingebaute Blitzgeräte (sprich Kondensator-Blitze mit Blitzbirn(ch)en) gab es schon länger und einige. Auch Voigtländer hatte mit der Vitoret F (1963) eine solche parallel zur Vitrona im Programm.  Die erste war wohl die Spartus bzw. Falcon Press Flash von 1939. Zu erwähnen ist auch die Philips Boxflash (1950), die vom Glühbirnenhersteller Philips nur gebaut wurde, um den Absatz von Blitzbirnen anzukurbeln. Auch ich habe schon schon länger solche Kameras in meiner Sammlung: Polaroid J33, Agfa Iso-flash Rapid, Kodak Instamatic 100. Natürlich durfte man bei diesen nicht vergessen, Blitzbirnchen mitzunehmen...

Mein Vitrona Exemplar habe ich getrennt als Kamera und Handgriff gekauft, wobei dieser seltener zu finden und auch teurer war. Die Kamera selbst ist in sehr gutem Zustand, kaum Gebrauchspuren, nur der Sucher ist nicht mehr so ganz klar, wie er wohl mal war. Der Handgriff hatte mehr abbekommen und natürlich hatte ich ein Fünkchen Hoffnung, dass nach der "Wiedervereinigung" zumindest die Bereitschaftslampe glimmen würde. Aber leider wurde diese nicht erfüllt, lediglich das für Elektronenblitze charakteristische in der Frequenz ansteigende Ladungssummen war leise zu hören, immerhin. Das Hauptproblem alter Blitzelektronik ist der Elektrolyt-Kondensator (im Bild der große silberne Zylinder), der bei langer Nichtbenutzung seine chemische Struktur verändert und umbrauchbar wird. Bei alten Röhrenradios kennt man dieses Problem auch und in entsprechenden Bastlerforen gibt es Anleitungen wie man alte Elko's neu "formiert". Allerdings ist das Hochspannungs-Elektronik und nicht ganz ungefährlich. Ich habe die Elektronik aus reiner Neugier also mal freigelegt, wie das Bild beweist, aber dann wieder ohne weitere Aktionen zurück in den Handgriff gefummelt. Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, wie ich das gute Stück mit dem Handgriff in die Vitrine stelle, ohne Stütze geht das leider nicht. 

Datenblatt Erste Kamera mit eingebautem Elektronenblitz
Objektiv Color-Lanthar 50 mm f/2.8 (Triplet), fest eingebaut.
Verschluss Prontor 250-V (B-30-60-125-250, bzw. -300)
Belichtungsmessung keine
Fokussierung manuell per Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung 1 m, spezielle Markierungen für Zonen-Fokus.
Sucher großer optischer Sucher mit Rahmen und Paralaxen-Markierungen. Warn-Fähnchen, falls bei Blitzaufnahmen Entfernung auf unendlich.
Blitz Eingebaute Elektronenblitzröhre und Bereitschaftslämpchen. Elektronik, Batterie und Elko befinden sich im absetzbaren Bakelit-Handgriff. Automatische Einstellung der richtigen Blende (nach Entfernung) zum Blitzen. Dafür Filmempfindlichkeits-Einstellung von 15-27 DIN, Leitzahl ca. 16 (bei ISO 100/21).  
Filmtransport Schnellschalthebel, Bildzählwerk (rückwärts), Rückspulknopf (versenkbar). 
sonst. Ausstattung Filmtyp-Merkscheibe auf Rückspulknopf, Drahtauslöser-Gewinde, Stativgewinde 1/4‘‘, Zubehörschuh 
Maße, Gewicht ca. 130 x 99 x 74 mm, 648 g (nur Kamera), 1027 g (inkl. Handgriff und Batterien)
Batterie 2 x 1.5V Baby-Zelle (Alkali, Typ C) oder entsprechende NiCd Akkus. Ladegerät Bosch SE 205 kann über speziellen Adapter an den Handgriff angeschlossen werden. 
Baujahr(e) 1964-1967, 22.600 Exemplare
Kaufpreis, Wert heute 285 DM (1964), bzw. 115 US$ (1965). Wert heute ca. 30 € für die Kamera alleine, ca. 100 € für Kamera mit Handgriff, ab 300€ für ein Exemplar mit funktionsfähigem Blitz.
Links Camera-Wiki, Camera manual (engl.)All about Flash (Nov. 1960)Hans W. Leckscheidt‘s „Geschichte der Blitzlichtfotografie“, Pagesperso-orangeEmtus.chvito fulmi (Prototyp Einzelstück)



2025-03-09

Zeiss Ikon Colora F

Kamera Nr. 4 aus dem geschenkten Beutel voller einfacher Kameras ist diese Zeiss Ikon Colora F. Man würde sie auch ohne genauere Kenntnisse richtigerweise in die Mitte der 1960er Jahre verorten. Solche Kleinbild-Sucherkameras mit fest eingebautem Normalobjektiv und Zentralverschluss gab es damals von nahezu jedem Hersteller in verschiedenen Ausstattungsvarianten. Neben Kodak und Agfa hat sich insbesondere hier auch Zeiss Ikon hervorgetan, ein paar ihrer 1960er Kameras habe ich schon vorgestellt: Contessa, Cotessamat SE. Neben der Differenzierung mit hochwertigen Ausstattungsdetails wie Belichtungs- und/oder Entfernungsmessung, die die Kameras teurer machten, kamen damals immer billigere Modellreihen dazu. Bei Zeiss Ikon war das zunächst die Continette, dann die noch einfachere Colora. Man sparte am Objektiv (einfache Triplets mit Frontlinsenfokus) und am Verschluss (z.B. Prontor 125).   

Das Blitzgerät für AG-1 Blitzbirnen unter dem
hochgeklappten Zubehörschuh. Daneben auf der 
Rückspulkurbel der zughörige Blendenrechner.
Nachdem die Zeiss Stiftung im Jahr 1956 Zeiss Ikon's Konkurrenten Voigtländer von Schering übernommen hatte, und bevor man 1966 für beide Marken eine gemeinsame Vertriebsgesellschaft gründete, suchten die Verantwortlichen Anfang der 1960er Jahre nach Synergien. So teilte sich die zweite Generation der Colora ab 1963 das nun rundliche Gehäuse mit der Voigtländer Vitoret. Neben der Form ist der Voigtländer-typische Auslöseschieber auf der rechten Kameravorderseite charakteristisch für die neuen markenübergreifenden Kamerazwillinge. Die beiden Kameras sind zu 98% identisch und unterscheiden sich neben Beschriftung und wenigen ästhetischen Designelementen nur in einem kleinen technischen Detail (siehe unten). Ich gehe daher davon aus, dass auch die Colora mit den selben Maschinen wie die Vitoret vermutlich in Braunschweig gebaut wurde. Alles andere macht wirtschaftlich keinen Sinn.
 
Von beiden Modellen gibt es eine F (für "flash") Variante, die unter jeweils etwas höheren Gehäusekappen einen AG-1-Blitzbirnchenhalter und die entsprechende 15V-Batterie unterbrachte. Der Blitzreflektor klappte unter dem Zubehörschuh auf Knopfdruck elegant auf. Interessanterweise besitzen sowohl die Colora (ohne F) als auch die Vitoret eine PC-Buchse am Verschluss für den Anschluss von Blitzgeräten per Kabel, die Colora F (im Gegensatz zur Vitoret F !) diesen aber nicht mehr. Das heißt, man kann zwar ein externes Blitzgerät in den Zubehörschuh stecken, dies aber nirgends anschließen.

Vielleicht ist die fehlende Blitzbuchse für Zeiss Ikon auch das Argument, die Colora F mit 94 DM leicht unterhalb der 99 DM für die Voigtländer Vitoret F (Preisbindung!) zu positionieren. Von der Vitoret F wurden laut Claus Prochnow's Voigtländer Report 63500 Stück gebaut und verkauft, leider konnte ich zur Colora F keine Zahlen finden. Mich würde es allerdings nicht wundern, wenn die Zahl trotz des günstigeren Preises darunter liegen würde. 

Trotz des relativ günstigen Preises für diese Kameras war Blitzfotografie damit kein billiges Vergnügen. Ein Blitzbirnchen kostete ca. 40 bis 60 Pfennig, damit kostete ein Blitzfoto inklusive Film und Abzug mehr als doppelt so viel wie eines bei Tageslicht. Ich habe dazu leider nur Preislisten von 1956 und 1975 einsehen können, deren Preise allerdings ungefähr gleich auf lagen. Ich gehe mal davon aus, dass das auch für die 1960er Jahre galt. Kein Wunder, dass die am Ende der 1960er Jahre aufkommenden Elektronenblitze sich schnell durchsetzten, hier kostete ein Blitz außer den Anschaffungskosten fast nichts mehr. Eine mit der Vitoret/Colora F verwandte (Meilenstein-) Kamera zum Thema Elektronenblitz habe ich auch schon in meiner Sammlung...  


Datenblatt Kleinbild-Sucherkamera (24x36) mit eingebauten Blitzgerät für AG-1 Blitzbirnen
Objektiv Zeiss Ikon Novicar 50 mm f/2.8 (Triplet)
Verschluss Gauthier Prontor 125, B-30-60-125
Belichtungsmessung keine
Fokussierung manuell per Frontlinsenverstellung, keine Scharfstellhilfe
Sucher großer optischer Sucher mit Leuchtrahmen
Blitz eingebautes Blitzgerät für AG-1 Blitzbirnen, keine (!) alternative Anschlussmöglichkeit per Kabel.
Filmtransport mit Schnellschalthebel, Bildzählwerk (rückwärts)
sonst. Ausstattung Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 1/4'', Zubehörschuh
Maße, Gewicht ca. 128 x 90 x 68 mm, 
Batterie 15 V Batterie für Blitzgerät, z.B. Daimon Nr. 324 oder Varta Pertrix Nr. 74
Baujahr(e) 1964-1965, Z.I.-Katalog-Nr. 10.0641. Vermutlich produziert auf der Vitoret-F Produktionslinie bei Voigtländer
Kaufpreis, Wert heute94 DM (1965), 5 €
Links Camera-WikiCamera manual (english), Photobutmore-Blitzseite, Vitoret F
Bei KniPPsen weiterlesen Vitrona, Die Geschichte des heißen Schuhs, Blitzbirnchen, Flash Bulbs