Posts mit dem Label Voigtländer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Voigtländer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

2025-03-09

Zeiss Ikon Colora F

Kamera Nr. 4 aus dem geschenkten Beutel voller einfacher Kameras ist diese Zeiss Ikon Colora F. Man würde sie auch ohne genauere Kenntnisse richtigerweise in die Mitte der 1960er Jahre verorten. Solche Kleinbild-Sucherkameras mit fest eingebautem Normalobjektiv und Zentralverschluss gab es damals von nahezu jedem Hersteller in verschiedenen Ausstattungsvarianten. Neben Kodak und Agfa hat sich insbesondere hier auch Zeiss Ikon hervorgetan, ein paar ihrer 1960er Kameras habe ich schon vorgestellt: Contessa, Cotessamat SE. Neben der Differenzierung mit hochwertigen Ausstattungsdetails wie Belichtungs- und/oder Entfernungsmessung, die die Kameras teurer machten, kamen damals immer billigere Modellreihen dazu. Bei Zeiss Ikon war das zunächst die Continette, dann die noch einfachere Colora. Man sparte am Objektiv (einfache Triplets mit Frontlinsenfokus) und am Verschluss (z.B. Prontor 125).   

Das Blitzgerät für AG-1 Blitzbirnen unter dem
hochgeklappten Zubehörschuh. Daneben auf der 
Rückspulkurbel der zughörige Blendenrechner.
Nachdem die Zeiss Stiftung im Jahr 1956 Zeiss Ikon's Konkurrenten Voigtländer von Schering übernommen hatte, und bevor man 1966 für beide Marken eine gemeinsame Vertriebsgesellschaft gründete, suchten die Verantwortlichen Anfang der 1960er Jahre nach Synergien. So teilte sich die zweite Generation der Colora ab 1963 das nun rundliche Gehäuse mit der Voigtländer Vitoret. Neben der Form ist der Voigtländer-typische Auslöseschieber auf der rechten Kameravorderseite charakteristisch für die neuen markenübergreifenden Kamerazwillinge. Die beiden Kameras sind zu 98% identisch und unterscheiden sich neben Beschriftung und wenigen ästhetischen Designelementen nur in einem kleinen technischen Detail (siehe unten). Ich gehe daher davon aus, dass auch die Colora mit den selben Maschinen wie die Vitoret vermutlich in Braunschweig gebaut wurde. Alles andere macht wirtschaftlich keinen Sinn.
 
Von beiden Modellen gibt es eine F (für "flash") Variante, die unter jeweils etwas höheren Gehäusekappen einen AG-1-Blitzbirnchenhalter und die entsprechende 15V-Batterie unterbrachte. Der Blitzreflektor klappte unter dem Zubehörschuh auf Knopfdruck elegant auf. Interessanterweise besitzen sowohl die Colora (ohne F) als auch die Vitoret eine PC-Buchse am Verschluss für den Anschluss von Blitzgeräten per Kabel, die Colora F (im Gegensatz zur Vitoret F !) diesen aber nicht mehr. Das heißt, man kann zwar ein externes Blitzgerät in den Zubehörschuh stecken, dies aber nirgends anschließen.

Vielleicht ist die fehlende Blitzbuchse für Zeiss Ikon auch das Argument, die Colora F mit 94 DM leicht unterhalb der 99 DM für die Voigtländer Vitoret F (Preisbindung!) zu positionieren. Von der Vitoret F wurden laut Claus Prochnow's Voigtländer Report 63500 Stück gebaut und verkauft, leider konnte ich zur Colora F keine Zahlen finden. Mich würde es allerdings nicht wundern, wenn die Zahl trotz des günstigeren Preises darunter liegen würde. 

Trotz des relativ günstigen Preises für diese Kameras war Blitzfotografie damit kein billiges Vergnügen. Ein Blitzbirnchen kostete ca. 40 bis 60 Pfennig, damit kostete ein Blitzfoto inklusive Film und Abzug mehr als doppelt so viel wie eines bei Tageslicht. Ich habe dazu leider nur Preislisten von 1956 und 1975 einsehen können, deren Preise allerdings ungefähr gleich auf lagen. Ich gehe mal davon aus, dass das auch für die 1960er Jahre galt. Kein Wunder, dass die am Ende der 1960er Jahre aufkommenden Elektronenblitze sich schnell durchsetzten, hier kostete ein Blitz außer den Anschaffungskosten fast nichts mehr. Eine mit der Vitoret/Colora F verwandte (Meilenstein-) Kamera zum Thema Elektronenblitz habe ich auch schon in meiner Sammlung...  


Datenblatt Kleinbild-Sucherkamera (24x36) mit eingebauten Blitzgerät für AG-1 Blitzbirnen
Objektiv Zeiss Ikon Novicar 50 mm f/2.8 (Triplet)
Verschluss Gauthier Prontor 125, B-30-60-125
Belichtungsmessung keine
Fokussierung manuell per Frontlinsenverstellung, keine Scharfstellhilfe
Sucher großer optischer Sucher mit Leuchtrahmen
Blitz eingebautes Blitzgerät für AG-1 Blitzbirnen, keine (!) alternative Anschlussmöglichkeit per Kabel.
Filmtransport mit Schnellschalthebel, Bildzählwerk (rückwärts)
sonst. Ausstattung Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 1/4'', Zubehörschuh
Maße, Gewicht ca. 128 x 90 x 68 mm, 
Batterie 15 V Batterie für Blitzgerät, z.B. Daimon Nr. 324 oder Varta Pertrix Nr. 74
Baujahr(e) 1964-1965, Z.I.-Katalog-Nr. 10.0641. Vermutlich produziert auf der Vitoret-F Produktionslinie bei Voigtländer
Kaufpreis, Wert heute94 DM (1965), 5 €
Links Camera-Wiki, Camera manual (english), Photobutmore-Blitzseite, Vitoret F, 
Bei KniPPsen weiterlesen Vitrona, Die Geschichte des heißen Schuhs, Blitzbirnchen, Flash Bulbs, 

2024-08-24

Westdeutsche Nachkriegs-Kameraproduktion

Deutschland war schon vor dem 2. Weltkrieg Kameraland Nummer 1 und der bedeutendste Kameraexporteur. Bekanntermaßen kam die Kameraproduktion während des Krieges zum erliegen, erholte sich aber ab 1947 und speziell nach der Währungsreform 1948 recht zügig. In Westdeutschland wurde die Kameraindustrie eine - wenn auch kleine - Säule des Wirtschaftswunders der 1950er und 1960er Jahre. Neben alt-eingesessenen Firmen, die ihre Vorkriegsproduktion wieder aufnahmen, kamen eine ganze Reihe Neugründungen dazu. Insgesamt zähle ich Anfang der 1950er Jahre mehr als zwei Dutzend unabhängige Kamerabauer in Westdeutschland (siehe unten), die zusammen 3,3 Millionen Kameras (1956) produzierten. Davon wurden ca. 62% (2 Millionen) in alle Welt exportiert, 35.8% wiederum davon in die anderen Europäischen Staaten und 27.3% nach Nordamerika. Die Exportquote stieg bis 1960 sogar noch auf über 70%, wobei die Gesamtproduktion in der zweiten Hälfte der 50er eher stagnierte und erst 1961 wieder durchstartete (mit Automatikkameras wie der Optima!). 
Stolze ganzseitige Anzeige von Agfa
über die Produktionsmenge ihres neuen
Superstars am Kamerahimmel.
Diese Zahlen und auch die obige Grafik habe ich aus einem kurzen Artikel der Oktober 1961-Ausgabe von Photo-Technik und -Wirtschaft, dem offiziellen Organ des Verbandes der Deutschen Photographischen Industrie e.V.. Einen Scan davon verlinke ich hier gerne. In der selben Ausgabe findet sich auch die links abgebildete Anzeige von Agfa. 
Eigentlich hatte ich vor, diese Zahlen weiter aufzudröseln und auf die einzelnen Hersteller so gut wie es geht zu verteilen. Ich musste bei ersten Recherchen dazu aber feststellen, dass mir dazu schlicht im Moment die Zeit fehlt. Es ist halt ein Puzzle mit sehr vielen Teilen. Ich plane, hier in Zukunft im Stil meines Beitrags zu Kodak‘s Nachkriegsproduktion dies auch für die anderen Hersteller sukzessive aufzubereiten, kann aber dauern…
Fürs erste möchte ich hier lediglich einen Überblick über die westdeutschen Kameraproduzenten machen und die Akteure kurz vorstellen sowie (da wo es geht) eine grobe Schätzung ihres Anteils an der Produktionsmenge vornehmen. Während dieser Zusammenstellung habe ich bemerkt, dass man die Hersteller grob in vier Gruppen einteilen kann, die sich in ihrem Geschäftsmodell und ihrem entsprechenden Markterfolg unterscheiden:

1) Die Massenkamera-Hersteller

Diese Gruppe zeichnet sich dadurch aus, dass der Umsatz vornehmlich mit preiswerten aber in großer Zahl hergestellten Kameras gemacht wird. Mit Adox und Agfa sind auch zwei Filmhersteller darunter, die Kameras natürlich als Mittel zum Zweck begreifen und bei den Kameras mit geringeren Margen kalkulieren, die kommen ja dann bei den Filmen wieder rein. Ansonsten finden sich hier einige unbekannte Namen, einfach weil diese Hersteller ihre Kameras im Lohn für andere gebaut und unter verschiedensten Namen vertrieben haben:
Standorte der westdeutschen Kamera-
Produktion in den 1950ern.

Adox, Wiesbaden-Biebrich: Eigentlich ein Filmhersteller, der sich mit dem Kauf von Wirgin (Zwangsverkauf 1938) eine eigene Kameraproduktion zulegte. Die Firma wird nach Kriegsende an die jüdischen Eigentümer zurückgegeben, die eigene Kameraproduktion aber in eigene Räumen verlagert und fortgeführt. Dort wird mit fast 400,000 Exemplaren in den 50ern hauptsächlich die günstige Golf Serie (6x6) produziert, ein Isolette Klon. Bei Wirgin lässt man die Polo Serie in Lohn produzieren (low budget 35 mm), wagt sich aber auch 1956 mit der Adox 300 recht erfolglos ins hochpreisige Segment. Die passt halt nicht ins Massensegment...

Agfa, München: Hervorgegangen aus dem kleinen Plattenkamera-Hersteller Rietzschel, der 1926 im Zuge der IG-Farben Gründung zum Agfa Kamerawerk und im Laufe der 30er Jahre zum größten Kameraproduzenten Europas wurde. Mit mehr als 3300 Mitarbeitern (1956) wurden hauptsächlich preiswerte Box- (Click und Clack) aber auch Mittelklassekameras (Isolette, Silette etc.) produziert. Die Tageskameraproduktion soll in Spitzenzeiten bei 2400 gelegen haben, das wären fast 700.000 im Jahr, bzw. 25% der deutschen Produktion. Ab Mitte der 1950er klarer Fokus auf Innovation (Belichtungsautomatik) und mit der Optima-Kameraserie ab 1959 super erfolgreich. Agfa hatte durchaus Ambitionen im gehobenen Segment (z.B. Ambiflex), war dort aber wegen des Massenhersteller-Images weniger erfolgreich. Ohne es heute mit Zahlen belegen zu können, vermutlich mit mindestens >10% Umsatz-Anteil der Marktführer der gesamten Liste.

Balda, Bünde: Einer der alten Herren der deutschen Kameraindustrie - Max Baldeweg - gründet 1948 im Alter von 71 Jahren in Bünde/Westfalen das Balda-Kamerawerk wieder neu, nachdem sein bisheriges Lebenswerk in Dresden zwangsverstaatlicht wurde. Bald in Dresden wird 1951 nach einem Markenrechtstreit mit der westdeutschen Neugründung schließlich in Belca-Werk umgenannt. Man startet auch in Bünde mit den Vorkriegsmodellen, schafft es aber mit der Industrie Schritt zu halten und wird so zu einem ernst zu nehmenden Wettbewerber zu Kodak, Agfa und Co. Neben der eigenen Marke produziert man dieselben Kameras auch im Lohn für andere wie z.B. Photo Porst. Mitte 1955 stirbt Max Baldeweg, gerade als sein neues Unternehmen durchstartet. Ich denke, Balda gehört definitiv zum oberen Drittel der Liste, wenn nicht sogar in die Top-5.

Bilora, Radevormwald: Eigentlich: Kürbi & Niggeloh, ein Fotozubehör-Hersteller, produziert ab 1935 auch Box-Kameras und das sehr erfolgreich. Ab 1948 ist man wieder im Geschäft und produziert die bekannte Bakelit-Box Boy und andere Boxen in größeren Mengen, auch für andere im Lohn.

Dacora, Reutlingen: Eigentlich Dangelmayer & Co., ein weniger bekannter aber dennoch wichtiger Hersteller preiswerter Massenkameras. Diese wurden vor allem im Lohn für ausländische Filmhersteller wie Ilford, Lumiere oder Ferrania, aber auch für Photo Porst und andere gefertigt. In den 1950er Jahren sollen so 2 Millionen Kameras zusammen gekommen sein.

Franka, Bayreuth: Franka war schon lange ein Produzent von Massenkameras und setzte diese Tradition auch nach dem Krieg fort. Wieviele Kameras produziert worden, ist schwer zu fassen, produzierte man auch viele Hausmarken für Porst, Quelle und andere. 1957 wagte man sich erfolglos an die Oberklasse- Kleinbildkamera Solida 35, aus dieser Klemme kam man wohl nur durch den Verkauf an den Konkurrenten Wirgin, der Ende 1961 erfolgte.

King & Bauser (Regula), Bad Liebenzell: Die Firma wird zwar schon in den 1930er Jahren in Pforzheim gegründet, mit dem Kamerabau beginnt man allerdings erst nach dem Krieg in Bad Liebenzell, und das relativ erfolgreich. Neben eigenen Mittelklassemodellen wird auch für andere im Lohn produziert. 

Montanus, Solingen: Ähnlich wie King ein eher unbekannter Hersteller, der nicht Ende der 1950er wieder untergeht, sonder sich durch geschickte Modellpolitik am unteren Rand des Marktes bis in die 1970er hält.

Vredeborch, Nordenham: Ein ansonsten recht unbekannter Hersteller von Box- und anderen Einfachkameras. Der Vertrieb erfolgte oft unter dem Namen von Distributoren bzw. Anderen Kameraherstellern, die ihr Portfolio damit nach unten abrundeten. 

Hermann Wolf, Wuppertal: In den 1950er Jahren hauptsächlich Lohnproduzent einfacher Box-Kameras aus Bakelit oder Metall, wie z.B. die Gevabox. Abnehmer waren Firmen wie Gevaert, Adox und Braun.

2) Die Vollsortimenter

Wie der Name dieser Gruppe schon verrät, versuchten diese Hersteller ein möglichst breites Portfolio an Kameras anzubieten, von einfachen Einstiegsmodellen bis zum komplexen Kamerasystem mit Wechselobjektiven oder gar Spiegelreflexkameras. Der größte Umsatz und Gewinn wurde mit Mittelklasse-Kameras gemacht, die immer noch in relativ großer Auflage erschienen. Markenname, Image und Qualität waren diesen Herstellern sehr wichtig, um sich von dem ein oder anderen ambitionierten Modell der Massenhersteller zu differenzieren und trotz gleicher Spezifikation einen höheren Preis zu erzielen. 

Braun, Nürnberg: Obwohl es die Karl Braun KG in Nürnberg schon seit 1915 als feinmechanischen und optischen Betrieb gab, starte man mit dem Kamerabau erst 1948 nach der Umbenennung in Carl Braun Camerawerk. Man schließt sehr schnell technologisch zur Spitze der Industrie auf, hat neben einfachen Boxkameras und Balgenkameras für den Rollfilm, Kleinbildsucherkameras (Paxette), Messsucherkamers (Super Colorette), Belichtungsautomatik (Electromatic) bis zur Spiegelreflex alles im Programm. Schon 1956 soll die millionste Kamera ausgeliefert worden sein!

Kodak (Nagel-Werke), Stuttgart: Natürlich gehört Kodak als größter Filmhersteller global gesehen zu den Massenkamera-Produzenten, ihr deutsches Werk war aber ihr technisches Vorzeige-Unternehmen und produzierte ein Portfolie ähnlich dem von Voigtländer oder Braun. Einziger Hersteller dieser Liste, dessen Produktionszahlen ich schon aufbereitet habe. 

Voigtländer, Braunschweig: Als ältester Kamerahersteller der Welt knüpfte man nach dem Krieg da an, wo man vorher aufgehört hatte: mit einem etwas modernisierten aber breiten Portfolio an Mittel- bis Oberklassekameras. Man profitiert definitiv vom großen Namen. Das zeigt sich auch daran, dass nachdem ihr Eigentümer Schering Voigtländer an Zeiss 1956 verkauft hatte, erst einmal sich wenig am Programm änderte und Zeiss Ikon Kameras weiterhin als Konkurrenten am Markt wahrgenommen wurden. 

Wirgin Edixa, Wiesbaden: Henry Wirgin knüpfte nach seiner Rückkehr aus der US-Emigration dort an, wo er aufgehört hatte, als Hersteller innovativer Kameras. Wirgin war 1954 der erste Westdeutsche Hersteller, der eine SLR mit Wechselobjektiven anbot, seine Edixa-SLR-Reihe war mit ihrem Schlitzverschluss preiswerter als die sonstige westdeutsche Konkurrenz mit dem Compur Zentralverschluss. Aber Wirgin hatte auch einfachere Kameras im Programm, produzierte für Adox im Lohn, und ließ selbst andere Wirgin Kameras im Lohn herstellen. 1962 kaufte man das Franka Werk in Bayreuth, um eine breitere Basis zu haben. 

Zeiss Ikon, Stuttgart: Neben der Carl Zeiss Stiftung als Eigentümer wird auch die Kamerasparte Zeiss Ikon durch den Krieg geteilt und im Westen erstaunlich erfolgreich neu gegründet. Die vorherige Zentrale in Dresden wird nach Stuttgart verlagert, wo eine ehemalige Wurzel, das Contessa Kamerawerk beheimatet war. So heißen dann auch wieder eine Reihe von Mittelklasse-Kameras. Als einziger Vollsortimenter ist man mit der Neuauflage der Contax Messsucherkameras in der Lage, mit Leica technologisch und preislich mitzuhalten. Der Zeiss Konzern spielt auch im Hintergrund eine wichtige Rolle, nicht immer eine rühmliche. Man kontrolliert die beiden wichtigen Verschlusshersteller Deckel und Gauthier und zieht auch sonst seine Strippen bei den Zeiss Objektiven, 1956 stößt auch noch Voigtländer zum Konzern. Kleinere Hersteller leiden darunter hauptsächlich am Ende der 1950er Jahre. Ich denke, Zeiss Ikon war bezüglich Umsatz an der Spitze der Herstellerliste, was die Anzahl der Kameras angeht sicher nicht, hier fehlten einfache Massenkameras im Portfolio.

3) Die Spezialisten

Die folgenden vier Hersteller hatten in den 50er Jahren jeweils eine spezielle Nische des Kameramarktes für sich besetzt und konnten dort mit hoher Qualität und sonst kleinen Stückzahlen durch hohe Preise profitabel produzieren (und weltweit exportieren). Natürlich gab es die eine oder andere Konkurrenzkamera von den Vollsortimentern, aber bis auf Berning waren in den 1960er und 1970er Jahren diese Firmen in der Lage ihr Portfolio um weitere High-Tech Spezialitäten zu erweitern. 

Franke & Heidecke (Rollei), Braunschweig: Rollei produzierte nach dem Krieg einfach ihre erfolgreichen Rolleiflex- und Rolleicord-Reihen weiter, die ganz gut dokumentiert sind. Mitte der 1950er waren es ca. 80,000 bis 90,000 Kameras pro Jahr, damit sind sie zahlenmäßig Mittelfeld. Erst ab 1963 wird das Angebot verbreitert und man produziert auch die bekannten Kleinbildkameras etc.

Leitz, Wetzlar: Ernst Leitz blieb auch nach dem Krieg Technologieführer in Sachen Kleinbild-Messsucherkameras und produzierte in den 50er Jahren noch einmal ca. 300,000 Schraubleicas, also im Schnitt nur 30,000 pro Jahr. Ab 1954 kam dann die M3 und sukzessive ihre Ableger und Nachfolger (bis zu 50,000 Kameras pro Jahr), die die Schraubleicas dann ersetzten und verdrängten. Alles ist sehr gut dokumentiert (Quelle für die Grafik hier rechts: Pacificrimcamera.com). Bei den Produktionszahlen ist man eher hinten dabei, was die Umsätze und den Exportanteil in alle Welt betrifft, sicher mit vorne in der Gesamtliste.

Minox, Wetzlar: Der Kamerakonstrukteur Walter Zapp gründete 1945 die Minox GmbH neu in Westdeutschland (Vorkriegsproduktion war in Riga) und produzierte erfolgreich seine Kleinstbildkamera Minox über Jahrzehnte hinweg. Ab den 1970ern wird die bekannte Minox 35 Serie zu einem zweiten Standbein der Firma.

Berning Robot, Schwelm/Düsseldorf: Die Firma Otto Berning aus Schwelm fertigte ab Mitte der 1930er die Robot, eine spezielle Federmotor Kleinbildkamera konstruiert von Heinz Kilfit. Dies blieb ihr Spezialgebiet, auch als die Kameraproduktion nach dem Krieg 1951 in Düsseldorf wieder aufgenommen wird. Die Firma war nie besonders groß, man besetzte aber eine wohl profitable Hochpreisnische, die der Firma als Überwachungs- und Verkehrskamera- Spezialist auch beim Zusammenbruch der westdeutschen Kameraindustrie in den 1970ern das Überleben sicherte. Ich tippe mal auf ca. 5000 bis 10000 Kameras im Jahr und damit einen Platz relativ hinten in der Liste, auch wenn sich vermutlich die Umsätze sehen lassen konnten.
Verteilung der westdeutschen Kameraproduktion des Jahres 1960 nach Anzahl (links) und Umsatz (rechts). Boxkameras u. ähnliche Einfachstkameras bis 30 DM, einfache Kameras bis 150 DM, Mittelklasse-Kameras zwischen 150 und 300 DM, Oberklasse >300 DM.


4) Die 50er Jahre-Start-ups 

Die folgenden acht Hersteller teilen fast alle dieselbe Geschichte. Entweder sind es Nachkriegs-Neugründungen oder frühere optische bzw. mechanische Fabriken, die erst Ende der 1940er mit dem Kamerabau begannen. Anfang der 1950er in der Wirtschaftswunderzeit wuchsen alle relativ rasant und versuchten zu den Spezialisten oder zumindest Vollsortimentern aufzuschließen. Auf den zunächst hungrigen Nachkriegsmarkt folgte Mitte der 1950er eine gewisse Sättigung und damit wuchs der Konkurrenzdruck. Die kleinen Spieler hatten inzwischen ein (zu) komplexes Portfolio und gegenüber den großen Vollsortimentern einen zu kleinen Umsatz, um sich die Entwicklung neuer Modelle leisten zu können. Ab 1957 gingen diese Firmen reihenweise pleite oder wurden geschluckt. Sowohl bei der Anzahl der Kameras als auch beim Umsatz spielten diese Hersteller nur Statisten.

AKA, Friedrichshafen: Eine kleinere Nachkriegs-Neugründung mit großen Ambitionen. Mitte der 50er werden aber maximal 20,000 Kameras pro Jahr produziert, am Ende reicht dieses Level nicht um profitabel zu sein. 1960 ist die Firma nach internem Streit insolvent.

Finetta, Goslar: Nachkriegs-Neugründung vom Holländer Piet Sarabèr, der ehemalige Konstrukteure der Dresdener Vorkriegszeit anheuert und in Goslar anspruchsvolle Kleinbildkameras entwickelt und baut. Es fehlt vermutlich eine preiswerte Massenkamera und so wird bei der ersten kleineren Nachkriegsdelle 1957 der Weg in die Insolvenz angetreten.

Futura, Freiburg: Die Optische Anstalt Firtz Kuhnert war schon vor dem Krieg ein Hersteller feinmechanisch-optischer Präzissionserzeugnisse und begann nach dem Wiederaufbau mit dem Bau von Kleinbildkameras. Das ambitionierte Modell Futura wurde als Leica Konkurrent positioniert und 1951 auf der Photokina vorgestellt. Nach einer ersten Pleite 1951 stiegen die Hamburger Kaufleute Komrowski ein und benannten die Firma nach der Kamera die sie produzieren sollte. Nach vermutlich 20-30 Tausend schicken Futura Kameras wurde die Produktion 1957 eingestellt und die Maschinen etc. an die Konkurrenz verkauft.

Foitzik, Lübeck/Trier: Karl Foitzik gründete 1945 in Lübeck seine Feinmechanische Werkstätte, die mit der Foica eine Leica-Kopie herstellten. Nach Intervention von Leitz (Patentverletzungsklage etc.) war damit 1948 Schluss. Foitzik zog mit seiner Firma daraufhin nach Trier um, weil er dort Landes-Subventionen bekommen konnte. Dort wurden ab 1950 eher Mittelklassekameras gebaut, das durchaus erfolgreich und in der Spitze mit 150 Mitarbeitern. Karl Foitzik kam im Juni 1955 bei einem Autounfall um, von dem sich die Firma nicht erholen sollte und 1958 aufgelöst wurde. 

Leidolf, Wetzlar: Der 1921 gegründete Mikroskoplinsen-Hersteller Leidolf beginnt 1949 Kleinbildkameras zu produzieren und ist damit in den 1950er Jahren sogar relativ erfolgreich. Man produziert gehobene Mittel- bis Oberklasse, reicht aber nicht an den lokalen Konkurrenten Leitz heran. 1962 wird die Firma von Wild übernommen, die die Kameraproduktion in Wetzlar aufgeben und andere Dinge dort produzieren lassen. Interessanterweise fusioniert Wild 1987 mit Leitz. Von allen 8 Herstellern in dieser Kategorie vermutlich der erfolgreichste.

Diax, Ulm: Eigentlich Walter Voss GmbH, und eine ähnliche Geschichte wie Aka. Insgesamt ca. 50,000 Diax Kameras wurden in den 10 Jahren des Firmenbestehens zwischen 1947 und 1957 gebaut. Am Schluss der Geschichte müssen sich knapp 60 Mitarbeiter einen neuen Job suchen.

Bolta Photavit, Nürnberg: Diese Firma passt nicht ganz in diese Kategorie, weil man Kameras schon ab 1935 produzierte. Der Eigentümer John Bolten kehrt nach dem Krieg als US-Bürger nach Nürnberg zurück, baut die Firma wieder auf und produziert die Vorkriegsserie an Kleinbildkameras weiter, die allerdings mit dem deutlich sichtbaren Zentralverschluss nicht mehr zeitgemäß waren. Auch ich habe eine davon. Ab 1956 wagt man sich mit der Photavit 36 an eine moderne obere Mittelklasse-Kamera (im Prinzip ähnlich der Braun Super Paxette III). Ich schätze damit hatte man sich übernommen, die Kameraproduktion wird 1958 komplett aufgegeben. 

Witt Iloca, Hamburg: Die Geschichte des Iloca Kamerawerkes habe ich in meinem Beitrag zur Iloca Electric schon beschrieben. Man war in den 1950ern vergleichsweise erfolgreich, scheitert dann aber 1959/1960 an dem zu riskanten Schritt alles auf eine High-End Kamera zu setzen. Nach dem Konkurs werden Maschinen, die fertige Konstruktion und auch Mitarbeiter von Agfa übernommen.

2024-01-25

Filmhersteller - Kurzportraits (Teil 1)

Bei meinen Recherchen zum Artikel Kleinbildfotografie aus der Filmperspektive habe ich mich zwangsläufig auch mit den Filmherstellern beschäftig. Deren Geschichten sind auch sehr interessant und natürlich mit der technischen, wirtschaftlichen und historischen Entwicklung der Rollfilm- und Kleinbildfotografie eng verknüpft. Während die Fotoplattenherstellung ab Anfang der 1880er mit der Erfindung der Trockenplatte überall im Land von kleineren Manufakturen aufgenommen und weiterentwickelt wurde, waren die Hürden für die Filmhersteller ab ca. 1900 ungleich höher. Einige (sowie wie Agfa 1905) gaben nach ersten wohl gescheiterten Versuchen entnervt wieder auf. 
Das Filmangebot bei Photo Porst 1932. Die fünf genannten
Hersteller, insbesondere Perutz und Agfa beherrschten wohl
den wichtigen deutschen Markt, während Kodak weltweit aktiv
war und Marktführer war.
Von wirklich industrieller Filmherstellung kann man erst nach dem 1. Weltkrieg (ca. 1920 ff) sprechen als auch kilometerweise perforierter Kinefilm für das neue Bewegtbildmedium gebraucht wurde. Während es alleine in Deutschland insgesamt mindestens 65 Fotoplattenhersteller gab (davon 15 allein in Berlin, Quelle: Thiele Wer war Wer), beschränkt sich die Zahl der deutschen Filmhersteller für Roll- und Kleinbildfilme auf zwei Handvoll und weltweit waren es vielleicht insgesamt doppelt so viele. 

In diesem ersten Teil beschränke ich mich auf die fünf größeren Filmhersteller, die in den 1930er Jahren Roll- und Kleinbildfilme in Deutschland produziert und vertrieben haben. Einen schönen Überblick über das damalige Angebot gibt die Seite aus dem Photo Porst Katalog von 1932 rechts. 

Kodak

Kodak oder besser deren Gründer George Eastman gilt als der Erfinder des Films, was er technisch allerdings nicht war. Das war Hannibal Goodwin, dessen Geschichte ich auch schon erzählt habe. Kodak hat allerdings konsequent diese neue Idee als neues Medium vermarktet und den Massen zugänglich gemacht. Kodak trieb auch lange die Konkurrenz mit immer neuen Filmformaten und Standards vor sich her, ihre Filme waren anfangs eher gute Massenware denn technische Spitzenprodukte. Sie haben allerdings 1935 das Wettrennen um den ersten brauchbaren modernen Farbfilm gegen Agfa gewonnen und später in Konkurrenz zu Fujifilm und Agfa-Geveart ihre Dominanz auf dem Weltmarkt behauptet, in dem sie u.A. ihre C-41 und E-6 Entwicklungs-Verfahren zum Weltstandard machten.
Ausgehend von der Kleinstadt Rochester im Staat New York wurde der Film in alle Welt getragen. Schon 1885 wurde die erste Auslandsvertretung in London eröffnet, Berlin folgte 1896 als Kodak GmbH, weitere gab es in vielen anderen Ländern. Die erste Auslandsniederlassung mit eigener Produktion wurde 1891 in Harrow, UK eröffnet, dies wurde später mit über 6000 Mitarbeitern nach Rochester Kodak's zweitgrößter Standort. Anfangs lediglich eine Film-Entwicklungs- und Vergrößerungs-Anstalt wurden dort schließlich auch Filme und Fotopapier produziert. Die Kodak GmbH in Berlin war zunächst eine reine Vertriebsgesellschaft, die 1927 durch die Übernahme der bisherigen Glanzfilm Gesellschaft in die Kodak AG umgewandelt wurde. Die Glanzfilm war bis dahin eine Tochter der Glanzstoff Gesellschaft, die 1922 in Köpenick eine moderne Filmfabrik eröffnet hatten. Trotz Synergien bei der Chemie und den Rohstoffen (Glanzstoff's Hauptgeschäft war Kunstseide), fuhr man mit dem neuen Filmgeschäft zunächst Verluste ein, was am Ende durch den Verkauf an Kodak gelöst wurde. Die Kodak AG wurde 1931 durch die Übernahme des Kameraherstellers Nagel in Stuttgart ein ernsthafter Konkurrent zu Agfa auch auf dem deutschen Markt. In Stuttgart wurde 1934 bekanntermaßen die 135er Kleinbildpatrone erfunden. Neben den drei Hauptstandorten in den USA, England und Deutschland produzierte Kodak Filme in Frankreich, Kanada, Australien und Mexico.
Der Ausbruch des 2. Weltkriegs hatte natürlich Konsequenzen: Die deutsche Kodak AG wurden 1941 an einen Zwangsverwalter übertragen und beteiligte sich an Rüstungsproduktion sowohl in Stuttgart wie auch in Berlin. Trotz Export-Sanktionen gegen Deutschland wurden Kodak-Produkte über neutrale Partner (z.B. Schweiz) in die USA exportiert, hauptsächlich natürlich die high-end Kameras aus Stuttgart. Nach Ende des Krieges zog die Verwaltung der Kodak AG nach Stuttgart um (1949) und das Filmwerk in Berlin wurde durch die sowjetischen Besatzer beschlagnahmt. Noch einige Jahre wurde es unter Kodak Filmfabrik Köpenick weitergeführt und bekam 1956 die Bezeichnung VEB Fotochemische Werke Köpenick (FCW). Es produzierte weiterhin Röntgenfilme, Schwarzweiß-Filme und Fotopapier sowie Chemikalien in enger Kooperation mit ORWO. In Westdeutschland wurde keine neue Filmherstellung etabliert, sondern Kodak-Filme aus Frankreich, UK und den USA importiert und recht erfolgreich vermarktet. Das Filmwerk in Köpenick wurde im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung 1992 an Kodak zurückgegeben, die bis auf die Röntgenfilme alles andere einstellten und das Werk 2010 endgültig schlossen.

Perutz - Hauff

Der Name Perutz ist vielleicht noch von der einen oder anderen hellgrünen Filmschachtel her bekannt. Die Wenigsten wissen aber, dass die Perutz-Photowerke GmbH bzw. ihre Vorgängergesellschaft (Otto Perutz Trockenplattenfabrik GmbH) in München neben Eastman Kodak der wichtigste Film- (und Fotoplatten-) hersteller in den ersten Jahrzehnten der entstehenden Fotoindustrie (1880-1930) war. Technologisch trieb man die Konkurrenz (auch Kodak) insbesondere mit der immer weiter verbesserten Farbsensibilisierung vor sich her. Hier arbeitete man eng mit der Wissenschaft zusammen. Lange bevor industrielle Forschung sich in der chemischen Industrie durchsetzte, implementierte Perutz Berliner Forschungsergebnisse von Hermann Wilhelm Vogel und später Adolf Miethe in echte Fotoprodukte. Später lockte man die besten Leute nach München. Besondere Bedeutung für die Kleinbildfotografie erlangte Perutz durch ihre (natürlich panchromatischen) Feinstkornfilme, die auch in der Anfangszeit speziell als Leica-Film vermarktet wurden. Weitere technische Details der Entwicklung kann man dem Wikipedia-Artikel entnehmen.
Der Firmengrüner Otto Perutz hatte 1897 seinen Betrieb an Fritz Engelhorn, dem Sohn des BASF Gründers Friedrich Engelhorn verkauft. Der Familie Engelhorn gehörte auch Boehringer und sie investierte später auch in den Stuttgarter Konkurrenten Hauff AG, der ab 1938 gemeinsam mit Perutz forschte und schließlich (1962) fusionierte. Der Markenname Hauff wurde zunächst für bestehende Produkte beibehalten, später wurden sogar Perutz Filme aus München als Hauff-Film gelabelt. Langfristig wurden in Stuttgart aber nur noch Fotochemikalien und keine Filme mehr hergestellt.
Perutz hatte in den 1930er Jahren die Technologieführerschaft an Agfa und Kodak verloren, die beide unabhängig voneinander Varianten des modernen Farbfilms auf den Markt brachten. Perutz hatte das Glück, dass durch den verlorenen Weltkrieg die Agfa-Technologie allen noch "farbfilmlosen" Wettbewerbern zur Verfügung stand. Perutz brachte in den 1950er Jahren auch einen neuen Farbfilm und hatte in Deutschland einen besonders hohen Marktanteil bei der Film- und Fernsehproduktion. 
Ab 1961 begann die Konsolidierung der Fotoindustrie. Über einen Aktientausch mit Boehringer kam Perutz unter die Kontrolle von Bayer. 1964 schließlich ging Perutz in der Fusion zu Agfa-Gevaert auf, die Filmproduktion in München-Obersendling wurde nach Leverkusen und Mortsel transferiert, in München wurde stattdessen eine moderne Magnetbankfertigung etabliert. 

Agfa - ORWO - Agfa-Gevaert

Die Aktiengesellschaft für Anilinfarben in Berlin war bei ihrer Gründung 1867 eine von vielen damals entstehenden Farbenfabriken. Auf diesen Ursprüngen entstand bald die so erfolgreiche deutsche Chemische Industrie. Das Markenzeichen Agfa wurde erst 1897 eingetragen, da hatte man die Fotochemikaliensparte als zweites Standbein (neben der Farbstoffproduktion) schon erfolgreich ausgebaut. Diese geht zurück auf die Initiative des Agfa-Chemikers Momme Andresen (*7.10.1857 +12.1.1951), der 1891 den noch heute verwendeten Entwickler Rodinal erfand und seine Chefs überzeugte, dass man im rasant wachsenden Fotomarkt gutes Geld verdienen konnte. 
Ab 1892 steigt man in die Trockenplattenherstellung ein, 1896 werden die ersten Planfilme auf Zelluloid-Basis und ab ca. 1900 Rollfilme angeboten. Bei deren Produktion gab es allerdings so viele Probleme (insbesondere durch die Luftvermutzung in Berlin), dass man die versprochene Qualität zunächst nicht in den Griff bekam und 1905 die Rollfilme wieder vom Markt nahm. Schon 1909 entschied man sich wieder einzusteigen, zu verlockend war inzwischen der immer größer werdende Markt für Kinefilm. Allerdings investierte man dazu ab 1910 in eine neue Fabrik in Bitterfeld-Wolfen fern ab vom schmutzigen Berlin. Dort wurden 1912 schon 20.000 km Kinefilm produziert, ab 1913 soll die Fertigung alle Qualitätsprobleme im Griff gehabt haben.
Trotz allem betrug der Foto-Anteil am Gesamtumsatz der Agfa 1913 nur 26%. Die Firma war immer noch primär ein Farbstoffhersteller, der sich schon ab 1904 einem deutschen Farbstoffkartell angeschlossen hatte, aus dem schließlich 1925 die I.G. Farbenindustrie AG als fusionierter Großkonzern enstand. Im Zuge der Fusion wurden die Aktivitäten nach Sparten sortiert und entschieden, dass die Fotoabteilung (Sparte III) ihren Sitz in Berlin haben sollte und einheitlich alle Fotoprodukte am Markt unter der Marke Agfa vertrieben wurden. 
Mit einem Schlag hatte die Agfa nicht nur Foto-Platten, -Filme und -Chemie, sondern aus der Bayer-Erbmasse Fotopapier (Fabrik in Leverkusen) und das ehemalige Kamerawerk Rietzschel in München, was die Bayer 1921 schon erworben hatte. Ab 1926 trugen alle Kameras die orange Agfa-Raute und man war sehr erfolgreich darin, Kodak's Geschäftsmodell zu kopieren: Man bot sehr günstige Kameras an (vermutlich ohne oder sogar mit negativer Gewinnmarge), um um so mehr Profit mit dem Film zu generieren. Dadurch stieg das Agfa-Kamerawerk in München in den 1930ern zu Europas zahlenmäßig größtem (weltweit war nur Rochester größer) Kamerahersteller auf.
Die Forschung wurde in Wolfen konzentriert und zwei herausragende Erfindungen bleiben von ihr in Erinnerung: Robert Koslowski's Gold-Effekt für deutlich gesteigerte Allgemeinempfindlichkeit und natürlich Agfacolor-Neu, der moderne Farbfilm. Man verlor zwar das "Rennen" gegen Kodak, dafür war das Agfa Verfahren einfacher und wurde nach Offenlegung der Patente nach Ende des 2. Weltkriegs von den meisten Konkurrenten (außer Kodak) übernommen.
Nach dem 2. Weltkrieg und der deutschen Teilung wurde auch die Agfa geteilt. Der ostdeutsche Zweig bestand hauptsächlich aus dem Werk in Wolfen, wo auch die Verwaltung angesiedelt wurde. Im Westen entwickelte sich das bisherige Fotopapier-Werk in Leverkusen zu einer vollständigen Film- und Fotofabrik. Viele ehemalige Mitarbeiter aus Wolfen fanden hier neue Arbeit im Westen. In den ersten Jahren nach der Teilung half man sich noch gegenseitig aus. In den '50er Jahren kam es dann zu einem Markenrechtsstreit, den die Wolfener verloren. Der dortige VEB Filmfabrik Wolfen produzierte ab 1964 unter der Marke ORWO (ORiginal WOlfen) und erreichte im Ostblock schnell die Marktführerschaft. Auch in die westlichen Märkte wurde Film über spezielle Vertriebskanäle gegen Devisen exportiert.
1964 war dann das Jahr der Konsoldierung, über Aktientausche der Eigentümer und Überkreuzbeteiligung zwischen Agfa in Leverkusen und der Gevaert in Mortsel (Belgien) entstand die Agfa-Gevaert AG, der auch weitere Beteiligungen wie Perutz (München), Hauff (Stuttgart), Leonar (Hamburg) und Mimosa (Kiel) eingegliedert werden. In den 60er und 70er Jahren agiert man nun auf Augenhöhe mit Kodak und Fuji, Anfang der 80er wird die Bayer AG 100%iger Eigentümer. Die deutsche Wiedervereinigung bedeutet das Aus der technologisch abgehängten Wolfener Fabrik, hier steht heute lediglich das erste Gebäude noch und dient als Museum (sehr lohnenswert!). Der Niedergang der Foto- und Filmindustrie am Ende des 20. Jahrhunderts soll dann eine eigene Geschichte werden. 

Goerz - Zeiss Ikon

Die Geschichte des Zeiss Ikon Films ist vergleichsweise schnell erzählt. Der Selfmade-Unternehmer Carl Paul Goerz (*21.7.1854 +14.1.1923) gründete nach seiner Optischen Anstalt (C.P. Goerz AG) auch die davon zunächst unabhängigen Goerz Photochemischen Werke GmbH in Berlin-Steglitz. 1920 zog man in das neue deutlich größere Werk in Berlin-Zehlendorf um, um dem steigenden Bedarf an Kinefilm gerecht zu werden. Zwischen 1919 und 1926 gab es noch einen zweiten Standort zur Produktion von Trockenplatten in Dresden. Die Zeiss Ikon AG wurde ja bekanntlich 1926 durch die Fusion mehrerer Kamera- und Optikhersteller gebildet, darunter auch die C.P. Goerz AG. Die Photochemischen Werke wurden erst ein Jahr später von der Familie Goerz an Zeiss Ikon verkauft und firmierten schließlich in den 1930er Jahren als Zeiss Ikon Filmwerk. Man beteiligt sich an der Weiterentwicklung der Kleinbild- und Rollfilme, beispielsweise kommt ein Contax-Film mit 14/10°DIN (heute ISO 40/17) zur Contax-Kleinbildkamera auf den Markt. Bis 1941 wurde auch noch ein einem eigenen Farbfilm geforscht. 1943 wird das Werk im Bombenhagel zerstört und nie wieder aufgebaut.  


Jahr - Schering - Voigtländer

Richard Jahr (*28.9.1861 +23.7.1938) hatte bei Hermann Wilhelm Vogel in Berlin die Grundlagen der Photochemie studiert. Er gründete nach ein paar Jahren als angestellter Chemiker in der Branche 1903 seine eigene Trockenplattenfarbik in Dresden. Er machte sich schnell einen Namen mit höchstempfindlichen orthochromatischen Platten und einem breiten Sortiment. 1921 übernahm die Schering AG zunächst 50% der Anteile, 1928 dann die komplette Firma. Schering ging aue der Grünen Apotheke in Berlin aus 1851 hervor und wurde 1871 als chemische Fabrik gegründet. Schon früh produzierte man verschiedene Fotochemikalien, investierte in Fotopapier und produzierte ab 1903 auch Celluloseacetat-Filmunterlagen ("Sicherheitsfilm"). Bei Jahr in Dresden wird damit ab 1926 ein komplettes Sortiment an Roll- und Planfilmen hergestellt. Ab 1923 investiert Schering auch in die Dresdener Vereinigte Farbiken Photografischer Papiere AG, die ihren Hauptsitz in der Blumenstraße 80 haben, bis 1927 ist Richard Jahr der Direktor der Dresdener Schering Betriebe. 
1924, nach dem Tod Friedrich Wilhelm Voigtländers übernimmt Schering fast 99.72% der Aktien der Voigtländer & Sohn AG in Braunschweig. Es dauert ein paar Jahre, aber ab 1931 überträgt Schering seine gesamte Fotosparte in Dresden und Berlin auf seine Tochterfirma Voigtländer, die so neben ihren berühmnten Kameras und Objektiven nun auch Film, Fotopapier und -Chemie anbieten kann. Die Filmfabrik befindet sich schließlich in der Blumenstraße, im alten Betrieb von Jahr werden Fotoplatten produziert. Ab 1935 bildet Voigtländer für die Film- und Fotochemiesparte mit der belgischen Gevaert das Joint Venture Voigtländer-Gevaert GmbH mit Sitz in Berlin. Alle Werke werden im 2. Weltkrieg weitgehend zerstört, das Filmwerk nie wieder aufgebaut. 1956 verkauft Schering seine Anteile an Voigtländer an die Carl Zeiss Stiftung, aber das ist eine andere Geschichte.


Bei KniPPsen weiterlesen Kleinbildfotografie aus der Filmperspektive, Filmhersteller (Teil 2, Deutschlands kleine), Filmhersteller (Teil 3, japanische Hersteller), Filmhersteller (Teil 4, sonstiges Europa), George Eastman, Hannibal Goodwin, Erfindung des modernen Farbfilms, Kodachrome, Agfacolor-Neu, Kodacolor und Ektachrome, ORWO-Filme, 
Links und Quellen Kodak Milestomes, Kodak - Was vom gelben Riesen geblieben ist (fotointern.ch), Filmvorführer, Hartmut Thiele: Die Deutsche Photoindustrie - Wer war Wer (Selbstverlag, München 2020), Günther Kadlubek, Rudolf Hillebrand: AGFA - Geschichte eines Weltunternehmens von 1867 bis 1997 (Verlag Rudolf Hillebrand 2004, ISBN 3-89506-169-7)

2023-01-07

Voigtländer Bessamatic Deluxe

Diese schicke Kamera habe ich inklusive der beiden abgebildeten Objektive und einer originalen Bereitschaftstasche aus den 1960ern vor ein paar Monaten einfach so geschenkt bekommen. Sie passt eigentlich ganz gut in meine DKL-Sammlung. Weil sie aber nur ein Upgrade der ursprünglichen Bessamatic ist, werde ich sie hier nur kurz dokumentieren und vermutlich bald verkaufen. Heute würde man „Mark II“ dazu sagen, damals wurde elegant „Deluxe“ hinzugefügt. 
 

Wesentlicher und markanter Unterschied zur ersten Bessamatik ist die Nase auf dem Pentaprisma, oberhalb der Selenzelle. Diese dient zur Einspiegelung von eingestellter Blende und Verschlusszeit in den Sucher. Außerdem gibt es jetzt einen extra Knopf zum Zurücksetzen des Bildzählwerks. Bei der ersten Bessamatik-Variante musste der Fotograf dies noch durch Drehen der Filmspule vor dem Einlegen des Films erledigen. Auch gab es während der Produktionszeit der Deluxe weitere kleinere Änderungen, vermutlich um Kosten zu senken (der Wettbewerbsdruck der japanischen SLRs war wohl schon deutlich spürbar…). So fällt ab Seriennummer 250.000 die M-Blitzsynchronisation weg, inoffiziell werden diese Kameras auch mit „Deluxe 2“ bezeichnet. Weitere Details und alles was man zur Bessamatik wissen muss siehe hier und weitere Links unten.

Mein Exemplar hier ist sehr gut erhalten (siehe Fotos, lediglich etwas fehlendes Chrom auf dem Schnellschalthebel) und voll funktionsfähig. Noch ist sie in meinen Händen, aber zu verkaufen. Wer Interesse hat, bitte per e-Mail an knipsen (at) iCloud.com melden.

Datenblatt KB-Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluss
Objektiv Wechselobjektive mit (modifiziertem) DKL Bajonett (Deckel Compur Wechselfassung), Auflagemaß 44.7mm, hier mit Color-Skopar 50 mm f/2.8 (4 Linsen in 3 Gruppen, Tessar-Typ) und Skoparex 35mm f/3.4 (6 Linsen in 5 Gruppen, Retrofokus).
Verschluss Synchro-Compur Zentralverschluss (hinter dem Objektiv) mit 1s - 1/500 s und B.
Belichtungsmessung gekoppelter Selenbelichtungsmesser, Nachführmessung (10-3200 ASA)
Fokussierung Manuell am Objektiv, mechanischer Tiefenschärfeanzeiger. Einstellscheibe mit mit Schnittbildindikator.
Sucher Fest eingebauter Pentaprismensucher mit Nadelanzeige für Belichtungsmessung, eingespiegelte Blende und Verschlusszeit.
Blitz X-Buchse für Blitzanschluss an der Kameravorderseite.
Filmtransport Schnellschalthebel, Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Bildzählwerk (rückwärts), Selbstauslöser (10s), Aufsteck-Zubehörschuh, ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Filmartindikator, Stativgewinde, Standfüßchen
Maße, Gewicht ca. 140/105/83 mm, 801 g (960g mit Objektiv)
Batterie keine.
Baujahr(e) 1962-1966 (75.500 Exemplare), dieses #272187 von 1965 (Variante 2).
Kaufpreis, Wert heute 515 DM (1965, nur Gehäuse), ca. 30€ (nur Gehäuse, Set mit beiden Obj. ca. 100 €)
Links Wikipedia, Camera-Wiki, Klinterklater, Ernst Giger.
Bei KniPPsen weiterlesen Bessamatic, Zoomar, DKL Kameras und Objektive, Deutsche SLR-Statistik, Kodak Retina Reflex S, Zentralverschluss SLR, Friedrich Voigtländer.

2022-06-26

Deutsche Objektivproduktion 1925 bis 1942 in Zahlen

Objektivproduktion (Anzahl) der führenden 7 deutschen Produzenten für hochwertige Optik im Zeitraum von 1925 bis 1942. Daten abgeleitet von Seriennummersequenzen.

Die obige Grafik und die dazugehörige Excel-Tabelle schlummert schon länger auf meinem Computer, sind diese Daten doch ein Nebenprodukt meiner Recherchen zu Seriennummern. Sie finden sich in anderer Form in meinem kleinen Altersbestimmungswerkzeug hier links oben am Rand. Ich habe mich bisher gescheut, sie so zu veröffentlichen, weil die Datenbasis nicht komplett ist. 

Die gezeigten führenden 7 deutschen Objektivhersteller repräsentieren zwar den Großteil der höherwertigen Objektivproduktion im betrachteten Zeitraum. Für ein komplettes Bild fehlen aber mindestens die Firmen E. Ludwig, ENNA, Staeble und C. Friedrich (für die Jahre vor 1925 und nach 1945 wären noch viel mehr Hersteller zu betrachten). Bis jetzt ist es mir aber nicht gelungen mehr Details über diese kleineren Produktionen zusammen zu bekommen. Ich schätze ihren Beitrag zur Gesamtproduktion im obigen Zeitraum auf ca. 1 - 1.5 Millionen Objektive. Unter den Balken oben verbergen sich zum Vergleich 8.5 Millionen. 

Was außerdem fehlt ist Deutschland's größter Kamerahersteller: Das Agfa-Kamerawerk in München, welches inklusive der Vorgängerfirma Rietzschel bis zum 2. Weltkrieg ca. 7 Millionen Kameras mit eigenen Objektiven produziert und verkauft hat. In dieser Zahl sind zum großen Teil einfachste Boxkameras enthalten. Auch von anderen Herstellern gab es solche aus deutscher Produktion. Deren Objektive sind meist nicht extra nummeriert und entziehen sich somit einer getrennten Analyse.

Trotzdem kann man an dieser Stelle mal alles zusammensetzen und kommt größenordnungsmäßig auf ca. 20 Millionen Kameras bzw. Objektive aus Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Verteilung dieser 20 Mio folgt dem Muster der obigen Grafik: ca. 1/4 (5 mio) in den ersten 30 Jahren mit stetigem Wachstum der Industrie, inkl. ein paar schwierigen Jahren im 1. Weltkrieg. Dann die Weltwirtschaftskrise mit dem großen Einbruch im deutschen Krisenjahr 1932. In den späten 1920er Jahren    passiert zusätzlich einiges in der Fotoindustrie, was den Grundstein für den phänomenalen Kameraboom ab 1933 (3/4, also ca. 15 mio in nur 9 Jahren) legt: 1) die wirtschaftliche Konsolidierung, Zeiss Ikon geht aus einigen kleinen und angeschlagenen ehemaligen Konkurrenten hervor, Agfa etabliert sich als DER deutsche Filmhersteller und kauft Rietzschel, Kodak kauft Nagel; 2) Rollfilme werden technisch so gut, dass die bisher marktbeherrschenden Plattenkameras ab 1930 zu Ladenhütern werden, Leitz zeigt der Welt wie Hightech Kleinbild geht; 3) in vielen Fotofirmen kommt eine innovative Generation junger Ingenieure ans Ruder und löst die Gründergeneration aus den 1890ern ab. Sie erfinden und trauen sich an neue Dinge, z.B. Kleinbildkameras, Bakelit, oder billige Boxen für die Jugend. Der Boom der 1930er kommt ja bekanntlich wegen des von Deutschland ausgehenden Weltkriegs zu einem jähen Ende. Fast die gesamte Produktion wird ab 1941 Kriegsgüter herstellen, die Innovationen der 1930er (Farbfilm, Vergütung, Blitz, etc.) werden dann zu einem zweiten, noch größeren Boom in den 1950ern führen, aber das ist eine andere Geschichte…

2021-09-02

Voigtländer Vitrona

Eingebaute Elektronenblitzgeräte sind heute eine Selbstverständlichkeit, aber seit wann ist das so? Ich bin über diese Frage bei meinen Recherchen zum Mittenkontakt gestolpert und habe natürlich eine Antwort mitgebracht. Diese Voigtländer Vitrona kam 1964 auf den Markt und war die erste und lange Zeit einzige Kamera mit eingebauter Elektronenblitzröhre. Diese Spitzfindigkeit muss sein, denn das ganze Blitzgerät passte nicht in das von der Voigtländer Vito C bekannte Gehäuse (selbst nicht unbedingt als klein zu bezeichnen!). Die Voigtländer Ingenieure spendierten der Kamera also einen recht voluminösen Bakelit-Handgriff, der die beiden Baby-Zellen, den Blitz-Elko sowie das meiste der Elektronik beherbergt. Auf der Oberseite der Kamera war lediglich noch die Blitzbereitschaftsleuchte untergebracht (und im darunter liegenden Sucher zu sehen). Das Ganze zusammen ist recht klobig (kommt auf den Fotos leider nicht so rüber) und und für eine ansonsten recht simple Kleinbildkamera mit über einem Kilogramm auch sehr schwer (Kamera: 648 g, Griff: 250 g, Batterien: 129 g, Film: ca. 20 g).


Zeichnung aus dem angemeldeten
Gebrauchsmuster DE1879041 vom
5. Januar 1963
Dass keiner der Konkurrenten auf den Zug mit dem eingebauten Blitz aufgesprungen ist, lag vermutlich an zwei Dingen: Zum einen hat Voigtländer ein Gebrauchsmuster beim deutschen und anderen Patentämtern angemeldet (DE1879041 vom 05.01.1963), das die Kamera und das Prinzip mit dem Handgriff relativ genau beschreibt. Man hat sogar nur ein paar Wochen später noch ein erweitertes Gebrauchsmuster (DE1952294) angemeldet, das zusätzlich eine dann nie realisierte (noch klobigere) Kamera mit eingebauten Blitz, Messsucher und Belichtungsmesser beschreibt. So ein Gebrauchsmuster darf nicht mit einem richtigen Technologiepatent auf eine Stufe gestellt werden, bietet aber dennoch einen gewissen Schutz vor Nachahmern. 
Der eigentliche Grund, warum es keiner nachgemacht hat, wird klar, wenn man die Kamera mit angeschraubtem Handgriff in der Hand hält und damit fotografiert: Es macht einfach keinen Sinn! Wenn man schon etwas so voluminöses wie den Handgriff an die Kamera schrauben oder stecken muss, um zu blitzen, warum dann nicht gleich ein ganzes Blitzgerät? Solcherlei kompakte Geräte kamen damals reihenweise von spezialisierten Blitzgeräteherstellern auf den Markt (z.B. Loewe Optatron, Metz Mecablitz 116, Braun F 26, und andere) und waren nicht viel größer oder sogar kleiner als unser Handgriff. Außerdem war die Vitrona mit 285 DM bzw. 115 US$ eine sehr teure Kamera. Eine US Preisliste von 1965 erlaubt den Vergleich: Eine einfache Vitoret steht dort mit $34.95 (S. 29), dazu z.B. der Metz Mecablitz 116 für $39.95 (S. 51/52) oder der besonders kompakte MB 117 für $59.95. Beide Kombinationen sind deutlich günstiger als die Vitrona (S.29) und man könnte sich ggf. sogar eine bessere Kamera z.B. mit Messsucher oder Belichtungsmesser leisten. 

Natürlich hatte die Vitrona gegenüber der einfachen Vitoret die Blitzautomatik voraus. Dies ist eine rein mechanische Kopplung der Blende mit dem Entfernungsring und erspart das lästige Umrechnen per Leitzahl und das Übertragen an den Blendenring. Das ist schon sehr praktisch, rechtfertigt es aber tatsächlich den Mehrpreis? Der Markterfolg blieb also mehr oder weniger aus, angeblich wurden nur 22.600 Exemplare produziert und verkauft, nicht gerade viel für die Zeit und die fast vier Jahre, die sie angeboten wurde. Nachahmer konnte ich auch für die folgenden Jahre nicht finden. 
1975 die einzige (siehe Text!) und die
erste KB-Kamera, die alles nötige zum Blitzen
im kompakten Gehäuse unterbringt. 

Es sollte ca. 10 Jahre dauern, bis die Technologie soweit war (Miniaturisierung) und sich wieder ein Kamerahersteller an den eingebauten Elektronenblitz herantraute.  Bei den Kleinbildkameras war es die Konica C35 EF ("Pikkari"), die im selben kompakten Plastikgehäuse daherkam wie ihre spätere berühmte Schwester Konica C35 AF und alle nötigen Batterien und Blitzelektronik darin unterbrachte. Endlich! Ggf. war die Vivitar 602 Pocket-Kamera (110er) sogar noch etwas früher dran, weitere möglicherweise frühere konnte ich trotz längerer Suche nicht finden. Welche anderen Kameras dann alle folgten, habe ich nicht mehr konsequent recherchiert. Spätestens in den 1980ern gehörte der eingebaute Blitz dann zum Standard kompakter Point-and-Shoot Kameras.
Mein aufmerksamer Leser Jörg hat mich auf die Fujica ST-F von 1979 hingewiesen, eine frühe Bridgekamera. Die erste richtige KB-SLR mit eingebautem Blitz war (auch nach Jörg) die Pentax SFX von 1987, bald gefolgt von einigen anderen vollautomatischen SLR-Knippsen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: In Kameras eingebaute Blitzgeräte (sprich Kondensator-Blitze mit Blitzbirn(ch)en) gab es schon länger und einige. Auch Voigtländer hatte mit der Vitoret F (1963) eine solche parallel zur Vitrona im Programm.  Die erste war wohl die Spartus bzw. Falcon Press Flash von 1939. Zu erwähnen ist auch die Philips Boxflash (1950), die vom Glühbirnenhersteller Philips nur gebaut wurde, um den Absatz von Blitzbirnen anzukurbeln. Auch ich habe schon schon länger solche Kameras in meiner Sammlung: Polaroid J33, Agfa Iso-flash Rapid, Kodak Instamatic 100. Natürlich durfte man bei diesen nicht vergessen, Blitzbirnchen mitzunehmen...

Mein Vitrona Exemplar habe ich getrennt als Kamera und Handgriff gekauft, wobei dieser seltener zu finden und auch teurer war. Die Kamera selbst ist in sehr gutem Zustand, kaum Gebrauchspuren, nur der Sucher ist nicht mehr so ganz klar, wie er wohl mal war. Der Handgriff hatte mehr abbekommen und natürlich hatte ich ein Fünkchen Hoffnung, dass nach der "Wiedervereinigung" zumindest die Bereitschaftslampe glimmen würde. Aber leider wurde diese nicht erfüllt, lediglich das für Elektronenblitze charakteristische in der Frequenz ansteigende Ladungssummen war leise zu hören, immerhin. Das Hauptproblem alter Blitzelektronik ist der Elektrolyt-Kondensator (im Bild der große silberne Zylinder), der bei langer Nichtbenutzung seine chemische Struktur verändert und umbrauchbar wird. Bei alten Röhrenradios kennt man dieses Problem auch und in entsprechenden Bastlerforen gibt es Anleitungen wie man alte Elko's neu "formiert". Allerdings ist das Hochspannungs-Elektronik und nicht ganz ungefährlich. Ich habe die Elektronik aus reiner Neugier also mal freigelegt, wie das Bild beweist, aber dann wieder ohne weitere Aktionen zurück in den Handgriff gefummelt. Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, wie ich das gute Stück mit dem Handgriff in die Vitrine stelle, ohne Stütze geht das leider nicht. 

Datenblatt Erste Kamera mit eingebautem Elektronenblitz
Objektiv Color-Lanthar 50 mm f/2.8 (Triplet), fest eingebaut.
Verschluss Prontor 250-V (B-30-60-125-250, bzw. -300)
Belichtungsmessung keine
Fokussierung manuell per Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung 1 m, spezielle Markierungen für Zonen-Fokus.
Sucher großer optischer Sucher mit Rahmen und Paralaxen-Markierungen. Warn-Fähnchen, falls bei Blitzaufnahmen Entfernung auf unendlich.
Blitz Eingebaute Elektronenblitzröhre und Bereitschaftslämpchen. Elektronik, Batterie und Elko befinden sich im absetzbaren Bakelit-Handgriff. Automatische Einstellung der richtigen Blende (nach Entfernung) zum Blitzen. Dafür Filmempfindlichkeits-Einstellung von 15-27 DIN, Leitzahl ca. 16 (bei ISO 100/21).  
Filmtransport Schnellschalthebel, Bildzählwerk (rückwärts), Rückspulknopf (versenkbar). 
sonst. Ausstattung Filmtyp-Merkscheibe auf Rückspulknopf, Drahtauslöser-Gewinde, Stativgewinde 1/4‘‘, Zubehörschuh 
Maße, Gewicht ca. 130 x 99 x 74 mm, 648 g (nur Kamera), 1027 g (inkl. Handgriff und Batterien)
Batterie 2 x 1.5V Baby-Zelle (Alkali, Typ C) oder entsprechende NiCd Akkus. Ladegerät Bosch SE 205 kann über speziellen Adapter an den Handgriff angeschlossen werden. 
Baujahr(e) 1964-1967, 22.600 Exemplare
Kaufpreis, Wert heute 285 DM (1964), bzw. 115 US$ (1965). Wert heute ca. 30 € für die Kamera alleine, ca. 100 € für Kamera mit Handgriff, ab 300€ für ein Exemplar mit funktionsfähigem Blitz.
Links Camera-Wiki, Camera manual (engl.), All about Flash (Nov. 1960), Hans W. Leckscheidt‘s „Geschichte der Blitzlichtfotografie“, Pagesperso-orange, Emtus.ch, vito fulmi (Prototyp Einzelstück)