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2026-04-02

Balda Piccochic

Vor ein paar Wochen schrieb mich ein Sammlerkollege per e-mail an, schickte mir ein paar Fotos dieser Kamera und bat mich, ihm beim Identifizieren zu helfen. Ich habe dann ein paar Stunden geknobelt und recherchiert, leider war der im Leder geprägte Schriftzug kaum zu entziffern. Aber irgendwann hatte ich es. Als ich ihm mein Ergebnis gemeldet habe, stellte sich heraus, dass er das gute Stück verkaufen wollte. Was soll ich sagen, nach kurzer Verhandlung war es meins und steht jetzt in der 3x4-Vitrine zwischen den beiden Dresdener Konkurrentinnen mit ähnlicher Spreizenkonstruktion:
Die Balda Piccochic zwischen ihren Dresdener Konkurrentinnen Welta Gucki und Kochmann Korelle

Das Balda-Werk, Max Baldeweg GmbH fertigte ab ca. 1913 Fotozubehör und begann 1925 mit dem Bau von (Platten-) Kameras. Schnell kamen auch Rollfilmkameras dazu und man legte eine enorme Expansion hin. Anfang der 1930er wurden mit über 1000 Mitarbeitern an vier Standorten in und um Dresden hauptsächlich preiswerte Box- und andere Amateurkameras produziert und Balda-Kameras waren meist etwas günstiger als ihre direkten Konkurrenten. 

Mit der Piccochic brachte man 1931 die erste Kleinbild-Kamera der Firma, wie viele andere zu der Zeit als Halbformat 3x4 für den eigentlich für 4x6.5 cm konfektionierten 127er Rollfilm. Sie ist genau wie ihre lokalen Konkurrentinnen Welta-Gucki und der Korelle 3x4 eine Spreizenkamera mit auf Knopfdruck herauspoppendem Objektiv. Von der Größe her sortiert sie sich zwischen die beiden anderen ein. Alle drei (und viele andere Modelle) sind von 1931 und es ist heute kaum noch zu ergründen, welche zuerst auf dem Markt war, bzw. wer was von wem abgeschaut hat. 

Die Piccochic wurde wohl nicht sehr lange gebaut, ich vermute maximal bis 1933. Der unten abgebildete Balda-Prospekt ist (wegen des erwähnten Rapid-Compur) von 1934 und dort wird per Stempel darauf hingewiesen, dass die Kameras nur noch aus dem Vorrat stammen. Es gab nämlich von Balda ab 1934 auch die 3x4-Kamera Baldi und ab 1935 die berühmte Kleinbildkamera Baldina für die 135er Patrone. Beide Neukonstruktionen teilen sich die für fast alle folgenden Balda-Kleinbildkameras typische Aufklapp-Konstruktion. Ab 1936 wird die Baldi in einer Einfachversion auch als Rigona vermarktet. Auch hat Balda schon damals die Kameras unter anderen Namen für (meist ausländische) Vertriebsgesellschaften gebaut.  

Datenblatt Kompakte Halbformat-Kamera (3x4 cm) für 127er Rollfilm
Objektiv Meyer Trioplan 5 cm f/3.5 (Triplet, #556224, ca. 1933). Kamera war auch mit anderen Objektiven erhältlich (siehe unten).
Verschluss F. Deckel Compur T-B-1-2-5-10-20-50-100-300 1/s, #2426887 (ca. 1931). Kamera war auch mit anderen Verschlüssen erhältlich (siehe unten).
Fokussierung per Frontlinsenverstellung, minimal 1 m. Mit höherwertigen Objektiven auch per separatem Schneckengang.
Sucher optischer Newton Aufklapp-Sucher, klappt gemeinsam mit Spreizenkonstruktion auf, nach Druck auf Öffnungsknopf.
Filmtransport mittels Drehrad auf der "Unterseite", doppelte rote Fenster für Filmrückseiten-Nummerierung  (wie alle 3x4 Kameras)
sonst. Ausstattung 3/8'' Stativgewinde, Ausklappständer für Querformat-Aufnahmen. Trageschlaufe aus Leder.
Maße, Gewicht ca. 108 x 72 x 41/65 (ein-/ausgeklappt), 360 g
Baujahr(e) 1931 - ca.1933, im Verkaufsprogramm bis ca. 1935
Kaufpreis, Wert heute ca. 70 RM (siehe unten), heute ca. 50-100€, seltene Varianten (z.B. mit Macro-Plasmat oder Elmar) deutlich mehr.
Links Camera-wiki, Engel-Art, Kamerasammlung.ch, Collection Appareils, CJ's classic cameras
Bei KniPPsen weiterlesen Meine 3x4-Sammlung, Das plötzliche Verschwinden der 3x4-KamerasBaldina, Jubilette, Korelle 3x4 
Seite aus einem Balda-Prospekt (vermutlich 1934, weil der Compur Rapid erwähnt wird). Man beachte den Stempel "Wird nur noch aus Vorrat verkauft".

Weil der Scan so schlecht ist, hier eine Transkription:

Dieser Knirps von Kamera leistet großartiges! * Infolge seiner geringen Außenmaße leicht in der Westentasche oder Damen-Handtasche unterzubringen * In 1 Sekunde schußbereit * 16 Bilder 3 x 4 cm auf einem 4 x 6,5 Rollfilm, selbstverständlich gestochen scharf zum Vergrößern * Objektive bis zur Lichtstärke f:2.9 gestatten Aufnahmen in allen Lichtverhältnissen.

PREISE einschließlich echtem Nappalederbeutel und Umhängeschnur

Vidanar 4.5 in Orig. Vario    RM 32,--
Trioplan 4.5 " Pronto-S          "    40,--
Xenar     3.5 " Comp. Schneckg. " 75,--
Xenar     2.9 "      "            "         "  83,--
Zeiss Tessar 4.5 in Compur        "  74,--
Zeiss Tessar 3.5 "  Compur        "   77,--
Trioplan 2.9 in Rapid-Compur    " 73,50
                    (mit 1/500 Sekunde)
Zeiss Tessar 3.5 Rapid-Compur    87,--

Zubehör: 
Echte Vollrindledertasche mit Trageriemen ...... RM 7,50

2025-12-29

Exa 500

Im Jahr 1936 baute die Ihagee in Dresden die erste Kleinbild-SLR: die Kine-Exakta. Eine Kamera, die in vielen Aspekten ihrer Zeit voraus war und auch nach der Zwangspause durch den 2. Weltkrieg wieder aufgelegt wurde. Sie setzte Maßstäbe und wurde der Innbegriff der Systemkamera mit einer breiten Wechselobjektiv- und Zubehörpalette. Als Kamerahersteller genoss Ihagee sicher die Reputation als High-End Hersteller, konnte aber davon alleine wirtschaftlich nicht überleben. Während andere in dem 1950er Jahren ihre ersten SLRs überhaupt auf den Markt brachten, wurde Ihagee 1950 der Erfinder der Einsteiger-SLR, sprich: Eine eigene Kameralinie unter eigenem Namen (EXA), die vom Image der großen Schwester EXAKTA profitiert, aber sonst konsequent auf low-Budget getrimmt wurde. 
Beispielsweise hatten die ersten Exas einen so genannten Klappverschluss, bei dem der Spiegel die Rolle eines Verschlussvorhangs mit übernimmt. So und durch andere Maßnahmen ließen sich Teile und entsprechend Produktionskosten sparen. Ich will hier nicht die Geschichte der Exa-Serie im Detail wiederholen, dazu gibt es exzellente und ausführliche Seiten im Netz, siehe Links unten in der Tabelle. Die Exa 500 ist technisch gesehen das Top-Modell der Serie und hatte mit Rückschwingspiegel und der 1/500 s als kürzeste Zeit auch was zu bieten. 

Die EXA 500 neben ihrer Ahnin Exa II, die das erste Modell einer zweiten Exa-Linie mit fest eingebautem Prisma war. Ab 1963 teilten sich alle Exa-Modelle das selbe, etwas größere und abgerundete Gehäuse mit der komplett abnehmbaren Rückwand.

Exa Kameras waren insbesondere in den 50er und 60er Jahren auch auf westlichen Märkten sehr erfolgreich, insgesamt wurden zwischen 1.1 und 1.27 Millionen Stück (da scheiden sich manche Quellen) in 38 Jahren gebaut. Die Exa 500 steuert dazu ca. 103.000 bei. Mit ihr wurde 1969 das letzte Modell der "Exa II"-Serie mit fest verbautem Prisma wieder eingestellt. Das hing vermutlich damit zusammen, dass die bisher relativ unabhängig in der sozialistischen Planwirtschaft agierende Ihagee (ein Holländer war Hauptaktionär) nun doch bis 1970 komplett in den VEB Pentacon integriert wurde. Pentacon baute dann ab 1970 nur noch jeweils ein Exa-Modell, das war bis 1977 noch die Exa Ia, dann die Exa Ib (jetzt mit M42) und ab 1985 bis 1987 die Exa Ic 

Viele Exas, darunter auch mein Exemplar, sind nicht mehr funktionsfähig. Die doch an vielen Stellen „billige“ Konstruktion insbesondere bei Filmtransport und Verschluss ist anfällig für Defekte und meist lohnt sich eine Reparatur nicht mehr, bzw. ist mangels Ersatzteilen unmöglich. Ich war natürlich neugierig und habe mein gutes Stück aufgeschraubt, wie man an den Bildern sieht. Die Deckkappe für den Transportmechanismus habe ich nicht abbekommen, vermutlich hakt es dort und so bleibt mein Exemplar nur der Platz im Regal.

Datenblatt Einsteiger SLR für Wechselobjektive mit Exakta-Bajonett
Objektiv Exakta-Bajonett Wechselfassung, hier mit Meyer Domiplan 50 mm f/2.8 (Triplet).
Verschluss Vertikaler Tuchschlitzverschluss, B-2-4-8-15-30-60-125-250-500 (1/s), T möglich durch B + Auslösesperre.
Fokussierung Manuell auf SLR-Mattscheibe, Rückschwingspiegel. Einige Kameras hatten eine Mikroprismen/Fresnellupe als Einstellhilfe, dieses nur eine Mattlupe.
Sucher SLR, rotes Fähnchen, wenn Verschluss noch gespannt werden muss.
Blitz Anschluss per PC-Buchse, Synchronzeit 1/30 s (X) bzw. 1/125 s (M)
Filmtransport Mit Schnellspannhebel, 120°, Rückspulkurbel, Bildzählwerk (rückwärts), manuell. Möglichkeit einer aufnehmenden Patrone.
sonst. Ausstattung Auslösesperre, Stativgewinde 1/4'', Drahtauslösergewinde, Filmempfindlichkeitsmerkscheibe, Gurtösen
Maße, Gewicht 97x130x50/82 mm, 640g/796g (ohne/mit Objektiv)
Baujahr(e) 1966-1969, 103.000 Kameras
Kaufpreis, Wert heute 258 DDR-Mark (1970, nur Gehäuse), 93 Mark für Domiplan, 
Links Camera-WikiPhotobutmore, Broschüre, Bedienungsanleitung (deutsch), Manual (English), Dresdner-Kameras, Ihagee.org, Exaklaus-Liste 

2025-11-23

Korelle 3x4 (späte Version)

Um Platz zu schaffen, bin ich gerade dabei mich von ein paar Kameras aus meiner Sammlung zu trennen. Ich habe vor, ca. 40 Stück auf der diesjährigen Darmstädter Fotobörse am nächsten Sonntag (30.11.2025) anzubieten. Beim Auswahlvorgang fiel mir diese Korelle 3x4 in die Hände und ich habe realisiert, dass ich noch nichts über sie hier im Blog geschrieben habe. Das hole ich hiermit nach, bevor sie hoffentlich nächste Woche einen neuen Besitzer findet. 

Bisher stand sie neben ihrer gleichnamigen Schwester in der Vitrine, die selbst eine meiner ersten 3x4-Kameras war und über die ich schon 2019 geschrieben habe. Meine Beschäftigung mit 3x4-Halbformat-Kameras gipfelte in einem Aufsatz, der sowohl hier im Blog als auch dann später in der Zeitschrift Photodeal (Ausgabe 110, III-2020) erschienen ist. Ich hatte die Korelle damals schon als Archetyp dieser Kameraklasse bezeichnet und sie ist vermutlich (neben der Nagel Vollenda 48) die am häufigsten gebaute 3x4-Knippse. Dieses Exemplar ist etwas einfacher gehalten als mein anderes. Das dreilinsige Victar von Ludwig in Dresden läßt sich als Triplet per Frontlinse fokussieren, die andere Korelle hat einen extra Schneckengang zur Verschiebung des ganzen Objektivs inkl. Verschluss. Außerdem fehlen die Linsen im Aufklappsucher. Interessant sind auch die Seriennummern von sowohl dem Compur als auch dem Objektiv. Beide deuten eher auf 1934 hin und würden die Korelle (ebenfalls neben der Vollenda 48) zu einem Longseller unter den 3x4-Kameras machen.  

Datenblattfrühe Halbformat (3x4 cm) Kamera für den 127er Rollfilm
Objektiv Ludwig Victar 5 cm f/2.9 (Triplet, Serien-Nr. 112694). Auch mit anderen Objektiven erhältlich. Objektivplatte per Balgen versenkbar. 
Verschluss Compur Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-300. Verschluss wird unabhängig vom Filmaufzug gespannt. Auch mit Vario, Pronto-S und anderen Zentralverschlüssen erhältlich. Keine Doppelbelichtungssperre. Compur Seriennummer: 3243234
Fokussierung Manuell am Objektiv (bis 1 m) durch Frontlinsen-Fokus (Triplet)
Suchereinfacher ausklappbarer Durchsicht-Sucher. Bessere Kameraversionen auch mit Linsen.
Filmtransport Mit Drehknopf auf Kameraunterseite, doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat.
sonst. Ausstattung Ausklappbarer Standfuß, Stativgewinde 3/8", Anschluss für Drahtauslöser, Bereitschaftstasche als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 115 x 70 x 37/63 mm (geschlossen, offen), 309 g 
Baujahr(e) 1931 bis vermutlich 1934. Diese hier laut Seriennummern von Compur und Objektiv 1934.
Kaufpreis, Wert heute 87.30 RM (Photo Porst, 1932), andere Objektiv/Verschluss-Varianten von 36RM bis 115 RM. Heutiger Wert je nach Zustand ca. 50-150 €.
externe Quellen und Links KochmannWikipediaCamera-WikiOneTwoSeven.org127er Rollfilm, Collectiblend, Johannstadtarchiv
bei KniPPsen weiterlesenMeine andere Korelle 3x4Das plötzliche Verschwinden der 3x4 KamerasFoth DerbyFerrania Tanit, Gevaert 127er Film, Rollfilm 127, Ising Puck, Reflex-Korelle

2025-07-13

Contax I(f)

Die Contax war 1932 Zeiss Ikon's lang erwartete Antwort auf die schon seit 1925 auf dem Markt befindliche Leica, die sich trotz ihres hohen Preises einer erstaunlichen Beliebtheit erfreute.  Fast 80,000 Examplare hatte Leitz trotz der Weltwirtschaftskrise bis dahin verkaufen können und auf der Leipziger Frühjahrsmesse wurde die Leica II präsentiert, mit ein- (oder besser) an-gebautem gekoppeltem Entfernungsmesser. 

Zeiss Ikon war ja erst 1926 durch Fusion von Contessa-Nettel, Ica, Ernemann und Goerz unter dem Dach der Carl-Zeiss Stiftung entstanden und nun der bei weitem größte und wichtigste Kamerahersteller. In den ersten Jahren war man zunächst damit beschäftigt, das umfangreiche Kamerasortiment zu konsolidieren, um sich nicht selbst weiter intern Konkurrenz und Platz für Neuentwicklungen zu machen. Als Leica-Alternative kam zunächst (1930) die Kleinfilmkamera Kolibri, dummerweise waren auch viele andere Hersteller gleichzeitig auf die Idee mit dem Halbformat 3x4 auf dem 127er Rollfilm gekommen, so dass der Markt etwas übersättigt mit solchen Kameras war. Außerdem war eine "echte" Leica-Alternative gefragt, die auch noch besser sein sollte...

Zeiss Ikon investierte also ab 1929 in deren Entwicklung, schickte das junge Ingenieurstalent Heinz Küppenbender nach Dresden und machte ihn zum Chef eines größeren Entwicklerteams. Heraus kam die Contax, leider nicht mehr rechtzeitig zur Frühjahrsmesse im März 1932. Erste Exemplare waren wohl ab dem Sommer zu haben. In der Papierform war sie tatsächlich in vielen Belangen der Leica überlegen und wurde entsprechend auch teurer verkauft. Allerdings war sie bei ihrem Erscheinen 1932 noch nicht wirklich fertig. Man kämpfte mit einigen Kinderkrankheiten, die ersten Produktionsserien wurden zum Teil nochmal komplett überarbeitet, was man den AU- und AV-Seriennummern heute ablesen kann. Sammler unterscheiden 6 (McKeown, Typen a-f) oder 7 Versionen (Kuc, s.u.) mit kleineren oder größeren Änderungen, die bei laufender Produktion zwischen 1932 und 1935 implementiert wurden. Die beiden wichtigsten sind die Einführung des Viergruppenverschlusses (mit Langzeitwerk ab ½ s, ab Typ c bzw. Version 4, ca. Frühjahr 1933) und der Drehkeilentfernungsmesser (davor Spiegel, ab Typ e, V. 6, ca. Herbst 1934). 

Erst gegen Ende 1935 war die finale Version 7 (Typ f) auf dem Markt und eine solche habe ich hier vor mir (Seriennummer Z27153). Alle weiteren Verbesserungen flossen von da an in die Nachfolgerin Contax II ein, die im Frühjahr 1936 erschien, endlich die fast perfekte Alternative zur Leica (nun III) war und nicht mehr wesentlich bis zum Ende ihrer Produktion verändert wurde. Die ursprünglich nur Contax genannte Kamera hatte im Jahr 1936 noch einem letzten Produktionsblock (Seriennummern A20xxx), blieb bis 1938 im Zeiss Ikon Katalog und hieß nun Contax I. Anscheinend gab es noch erkleckliche Lagerbestände!

Mein Exemplar ist äußerlich in einem sehr abgenutztem Zustand. Ein Vorbesitzer hat sich irgendwann sogar die Mühe gemacht, die ursprünglich schwarz lackierten Kanten bis aufs Aluminium abzuschmirgeln. An anderen Stellen blinkt Messing durch und die ursprünglich roten und weißen Beschriftungen sind nur mit viel Wohlwollen noch als jetzt beige-rotbraun und beigebraun zu erkennen. Der ausklappbare Standfuß fehlt und der Rückspulknopf ist nicht mehr der originale. Aber ansonsten kann ich mich nicht beschweren - die Kamera funktioniert: Der Verschluss läuft auf allen Zeiten plausibel, die 1/100 Sekunde habe ich stellvertretend mal mit dieser Methode nachgemessen. Auch der Entfernungsmesser geht noch (dank Drehkeil!) und der mit dem Zeigefinger zu bedienende Fokus-Schneckengang ist super leichtgängig. Einem Testfilm stände also nichts entgegen... 

Nun war ich natürlich neugierig, wie erfolgreich Zeiss Ikon mit ihrer Contax I wirklich war, sprich wieviele Exemplare gebaut und schließlich verkauft wurden. Die Antwort darauf war schwieriger zu bekommen, als ich gedacht hatte für so eine bekannte und auch bedeutende Kamera. Nirgendwo in den Weiten des Internets habe ich diese Zahl gefunden. Am nächsten dran kam ich mit einem Artikel aus dem Journal der Zeiss Historica Society, der allerdings nur auf das Buch "Auf den Spuren der Contax, Band 1" von Hans-Jürgen Kuc (Wittig Verlag 1992, ISBN 3-88984-118-X) verweist. Also habe ich mir das Buch in einem Antiquariat bestellt und mir die Wartezeit darauf dadurch verkürzt, dass ich mich selbst per Seriennummernsuche an die Arbeit gemacht habe. 

Und tatsächlich habe ich bei e-bay und anderen Seiten im Internet knapp über 100 Contax-I-Seriennummern finden können. Die Analyse wird dadurch erschwert, dass Zeiss Ikon keine separate Nummer nur für die Contax hatte, sondern sich alle Kameras einen Nummernkreis teilen. Allerdings wird einem beim Betrachten der Zahlen schnell klar, dass es Produktionsblöcke mit fortlaufenden Nummern gegeben haben muss, im Falle der Contax waren es 25 Blöcke, von denen ich mit meiner Analyse schon 23 gefunden habe. Ca. 100 Kameras als Stichprobe bei 25 Blöcken, gibt im Schnitt nur 4 Kameras pro Block und einen entsprechend großen Schätzfehler. Meine Analyse hat tatsächlich ca. 30.000 Kameras (+/- 5.000) ergeben. 

Als dann das Buch vor ein paar Tagen kam, war ich sehr angetan. Die dort verwendete Stichprobe war ca. 5000 Kameras groß und die Schätzung von insgesamt 36.700 Kameras entsprechend viel genauer als meine. Eine Fehlerabschätzung macht Hans-Jürgen Kuc leider nicht, weist aber sehr solide auf mögliche Fehler hin. Das Buch ist tatsächlich eines der besten Photographica-Bücher, die ich bisher in die Finger bekommen habe. Ein echtes Standardwerk zu Contax und Co. Ich habe mich also entschlossen hier nicht alles widerzukäuen, was sowieso im Internet zu finden ist (Achtung: nicht alles dort ist richtig!), sondern zur Abwechslung mal auf dieses Buch zu verweisen, es lohnt sich für alle, die an Details (Technik und Geschichte) interessiert sind. Das Buch gibt es übrigens auch in einer Englischen Version...

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera für perforierten 35mm Film mit Wechselobjektiven und Entfernungsmesser
Objektiv Contax Wechselbajonettfassung mit kameraseitigem Schneckengang für 50 mm Objektive (Innenbajonett), sowie Außenbajonett für alle anderen Brennweiten (mit eigenem Schneckengang). Als Standardobjektive 5cm verfügbar: Tessar f/3.5 und f/2.8, Sonnar f/2 und f/1.5.
Verschluss Vertikal ablaufender Metallrollo-Schlitzverschluss, Zeiten in vier Gruppen wählbar: B und 2; 5 und 10; 25-50-100; 100-200-500-1000 (1/s). Frühe Kameras bis Frühjahr 1933 hatten noch die einfache Version mit B-25-50-100-200-500-1000. Ein Upgrade wurde für 30 RM angeboten, die neue Version kostete auch 30 RM mehr.
Gehäuse Metall-Druckguss aus Silumin (Al-Si-Legierung), komplett abnehmbare Rückwand zum einfachen Filmhandling und Austausch gegen Zubehör.
Fokussierung Eingebauter gekuppelter Entfernungsmesser, Fokussierung mit dem rechten Zeigefinger per (Unendlich-) arretierbarem Drehrad. Bis 1934 mit Schwenkspiegeltechnik und großer Basis von 10,3 cm. Danach per Drehkeiltechnik, Basis nun 93 mm. 
Sucher Optischer Fernrohrsucher (getrennt vom benachbarten Entfernungsmesser-Einblick), vorschiebbare Suchermaske (s.u.)
Zubehör Umfangreiches Zubehör verfügbar, siehe Katalogseiten unten. Kamera gilt als eine der ersten Systemkameras.
Filmtransport Mittels kombiniertem Drehknopf auf der Kameravorderseite, der gleichzeitig den Verschluss spannt und direkt über dem Zeiteneinstellrad liegt. Film wird entweder von Patrone zu Patrone transportiert, oder zurückgespult nach Filmende. Bildzählwerk auf der Kameraoberseite.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Drahtauslöseranschluss, 3/8“ Stativgewinde, Ösen für Kameragurt, Unendlich-Ver/Entriegelung per Schieber neben Fokusrad, automatische Entriegelung für Außenbajonettobjektive, Suchermaske für Teleobjektiv (meist für 8,5 cm, optional auch 13,5 cm), ausklappbarer Standfuß. 
Maße, Gewicht ca. 45 x 70 x 135 mm, 570 g (ohne Objektiv).
Baujahr(e) 1932-1936, im ZI-Verkaufsprogramm bis 1938. Diese # Z27153 von Ende 1935. Insgesamt maximal 36.700 Kameras (Kuc), davon ca. 15.000 dieser Version 7 bzw. "f".
Kaufpreis, Wert heute 365 RM (1935, mit Sonnar f/2), heutiger Wert je nach Version und Zustand ca. 400 - 2000 €
Links Camera-Wiki, WikipediaCameraquest, PacificrimDeutsches Kameramuseum (Kurt Tauber), Altglasfieber, Zeiss Historica Q3-1993
Bei KniPPsen weiterlesen Contax II, Kiev 4, Leica Ia, Leica III, Beira, Peggy, Retina, Super- Nettel, Tenax II, Kolibri, andere Vorkriegs-Kleinbildkameras, andere 3x4-Kameras


Seiten aus den Photo Porst Katalogen von 1932 (links) und 1935 (rechts). Klick auf die Grafik führt zu weiteren Seiten als PDF...

2025-03-01

Altissa Box

Dies ist nach der Baldessa 1 und der Agfamatic 300 Sensor Kamera Nummer 3 aus dem Einkaufsbeutel voller einfacher Kameras, den ich neulich geschenkt bekam. Es handelt sich um einen fast klassischen Vertreter einer Box-Kamera, einfachst konstruiert (billig zu bauen) und mit minimalen Einstell-Möglichkeiten für den Fotografen. Diese Altissa Box aus DDR-Produktion von 1954 bis ca. 1957 ist eine Neuauflage und Fortsetzung einer Vorkriegskonstruktion von 1937. 
Berthold Altmann hatte im Oktober 1934 die bis dahin von Emil Hofert geführte EHO-Kamerafabrik GmbH übernommen und ab ca. 1937 begonnen, seine Altissa-Boxen u.a. im kompakten 6x6-Format zu bauen, das durch die Rolleiflex populär wurde. Ab 1941 hieß die Firma schließlich Altissa-Camerawerk Berthold Altmann und begann nach der erzwungenen Kriegspause 1946 langsam wieder mit der Produktion der Vorkriegsmodelle. 1952 wurde Altmann enteignet und floh nach Westdeutschland. Das Altissa-Werk wurde als volkseigener Betrieb (VEB) weitergeführt, 1959 in die VEB Kamera und Kinowerke Dresden eingegliedert und die ehemaligen Produktionsräume 1961 aufgegeben. In diese Zeit fällt die Neuauflage der wohl anfangs recht erfolgreichen Altissa "Blechbüchse". Weitere Details kann man bei den unten aufgeführten Links finden.

Datenblatt Boxkamera aus Blech für 6x6-Aufnahmen auf Rollfilm 120
Objektiv Altissar Periskop f/8 (2 Linsen), Brennweite ca. 62 mm (selbst nachgemessen)
Verschluss Selbstspannender Einfachverschluss, B und 1/25s. Abblendbar durch Lochblende auf f/16
Fokussierung Fixfokus
Sucher großer optischer Fernrohrsucher
Blitz frühe Versionen der Kamera hatten eine PC-Buchse, dieses Modell vermutlich aus Kostengründen nicht mehr.
Filmtransport mittels Drehschraube an der rechten Kameraseite, rotes Rückseitenfenster, mit Schieber verschließbar.
sonst. Ausstattung Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 3/8'', Ösen für Kameragurt.
Maße, Gewicht ca. 78 x 80 x 122 mm, 297 g (ohne Film, mit einer Spule)
Baujahr(e) 1954-1957, 
Kaufpreis, Wert heute 25.50 Mark (DDR, 1955), 5€
Links Camera-Wiki, VEBZeissIkon, Fotoapparate Meier, Lippisches Kameramuseum, Collection Appareils, Blende-Zeit-Forum

2024-11-23

Penti I


Über die coole DDR-Taschenhalbformat-Kamera Penti habe ich schon vor fast 3 Jahren hier geschrieben, Damals war es das komplett ausgestattete Modell Penti II mit eingebautem Selen-Belichtungsmesser und Nachführmessung. Es gab aber auch (gebaut von ca. 1961 bis 1966) diese einfachere und ein Drittel günstigere Version Penti I ohne Belichtungsmesser. Da die Gehäuse indentisch sind, kann man beide Versionen leicht verwechseln, es steht aber jeweils "Penti I" oder "Penti II" unterhalb des Objektivs. Interessanterweise kann man auch an der Petnti I die Filmempfindlichkeit einstellen, hier allerdings nur als Merkhilfe.
Dieses Exemplar habe ich neulich auf einem Flohmarkt von der Erstbesitzerin erwerben können. Es hat ein paar Gebrauchsspuren ist aber ansonsten voll funktionsfähig. Die (kunst-)lederne Bereitschaftstasche war auch dabei. Für die ganze Geschichte zur Kamera bitte meinen anderen Beitrag lesen und den Links unten folgen...

Datenblatt kompakte Halbformat-Kamera (18x24mm) für die SL-Kassette
Objektiv Meyer Domiplan 30 mm f/3.5 (Triplet)
Verschluss selbst-spannender Zentralverschluss, B-30-60-125
Belichtungsmessung keine
Fokussierung manuell, keine Scharfstellhilfe, kürzeste Entfernung: 1m
Sucher optischer Durchsichtsucher (hochkant) mit Leuchtrahmen und Parallaxenmarkierung, 
Blitz Anschluss über PC-Buchse an der Kameraoberseite, X-Synchronisation bei allen Zeiten, FP bei 1/30s
Filmtransport mittels Schiebestange (ca. 2.5cm Hub) auf der linken Seite, die beim Auslösen ausfährt und beim Reinschieben den Film von der Filmpatrone in die leere Aufnahmenpatrone schiebt. Keine Rückspulung notwendig. Zählwerk (vorwärts von 1-24), manuelle Rückstellung mit durch Rückwand verborgenem Zahrad.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (kalt), ISO-Drahtauslöser, ¼'' Stativgewinde, M18x0.5 Filtergewinde, Öse für Handschlaufe
Maße, Gewichtca. 109 x 76 x 47 mm, 261g (ohne Film und Leerpatrone)
Batterie keine
Baujahr(e) 1961-1977, ca. 800,000 Exemplare (alle 3 Versionen), davon die meisten von der Penti II. Penti I Produktion wurde angeblich schon 1966 eingestellt, die Kamera war aber noch länger im Verkaufsprogramm. Diese Kamera #429672 von ca. 1966.
Kaufpreis, Wert heute 109 Mark (DDR), plus 16.95 Mark für die Bereitschaftstasche, heute je nach Zustand 5-30 €. Sammler zahlen für die farbigen Varianten auch mehr.
Links Dresdner-Kameras.de, Camera-Wiki, Optiksammlung, Bedienungsanleitung,  Mike Eckman, Zeissikonveb.de, Günter Posch
Bei KniPPsen weiterlesen Penti IIKorelle K, Agfa KaratRapid-Film verwenden, Olympus PEN, Pentacon Electra

2024-04-04

Korelle 4.5x6


Eine etwas ramponierte und nicht mehr voll funktionstüchtige Korelle kreuzte neulich meinen Weg. Grund genug, sie hier kurz zu dokumentieren. Das Dresdener Kamerawerk Franz Kochmann produzierte in den 1930er Jahren eine ganze Reihe praktischer und auch erfolgreicher Kameras, die alle Korelle hießen. Die berühmteste und erfolgreichste von ihnen war die Reflex-Korelle (ab 1935). Begonnen wurde die Serie 1931 mit der kleinen Korelle 3x4, die von der Korelle K abgelöst wurde. 
Slow-Motion vom Ausfahren der federgespannten
Spreizenkonstruktion und des Balgens. 
Dann gab es ab ca. 1932 insgesamt 3 verschiedene Rollfilmkameras und eine kleine Plattenkamera mit diesem Namen, die sich alle den charakteristischen federgespannten Spreizenmechanismus und auch andere gemeinsame Details (wie zum Beispiel das 75 mm Objektiv) teilten:

* Die seltenste (und heute wertvollste) ist die Plattenkamera Korelle P für die kleinen 4.5x6 cm Glasplatten oder Planfilme. Gut zu erkennen an ihrer eckigen Erscheinung.
* Die wohl häufigste ist die Korelle 4x6.5 für 8 querformatige Aufnahmen auf A8 (127er) Film. Auf der Rückseite gibt es genau ein rotes Filmzähl-Fensterchen. Wie bei der Korelle P klappen die Spreizen parallel zur Kameraoberseite (horizontal) ein.
* Aber Achtung: Letztere bitte nicht verwechseln mit der Korelle 4.5x6 für 16 hochformatige Aufnahmen auf 120er Rollfilm. Das ist diese Kamera hier, vermutlich die zweit-häufigste Variante. Da es sich quasi um eine Halbformatkamera für den eigentlich für 6x9 konfektionierten Film handelt gibt es auf der Rückseite entsprechend ZWEI rote Filmzähl-Fensterchen.
* Von dieser gibt es eine von Vorne äußerlich kaum zu unterscheidende Schwester Korelle 6x6. Deren Rückseite ziert ein spezielles Filmzählwerk (12 Aufnahmen 6x6 cm), da damals der 120er Film (noch) nicht für 6x6 konfektioniert war. Bei beiden 120er Kameras klappen die Spreizen senkrecht zur Kameraoberseite (vertikal). 

Kochmann Anzeige von 1934.

Die beiden 120er Kameras kamen angeblich 1933 auf den Markt und wurden wohl bis Kriegsausbruch 1939 produziert. Meine Kamera hat ein Schneider Xenar 7.5 cm f/2.8 mit der (rückseitigen) Seriennummer #1676660, die recht genau 1939 zugeordnet werden kann. Für den Compur Rapid #5459540 spuckt mein Tool 1937 aus. Die Kameras selbst haben leider keine eigene Gehäusenummer, so dass ein Schätzen der Produktionszahl sehr schwierig ist. Basierend auf heutigen Sammlerpreisen und anderen Vergleichen würde ich mal von einer mittleren 5-stelligen Zahl ausgehen (für alle Varianten zusammen). 
Während der 1930er, speziell ab 1933 als es wirtschaftlich nach der Krise wieder aufwärts ging war die Vielfalt an Kameratypen besonders groß und es wurde viel Neues ausprobiert. Die alten Plattenkameras wollte niemand mehr, Rollfilm oder gar Kleinbild waren angesagt. Das Rollfilmformat, was sich am meisten durchsetzte, war 6x9 cm auf 120er oder 620er Film. Diese Negative konnten einfach per Kontaktkopie abgezogen werden. Aber auch  4.5x6 (120er) oder 4x6.5 (127er) erschienen als gerade noch akzeptable Kleinbildalternative. So entstand ein Markt für diese Kameras, die nicht so teuer wie echte Kleinbildkameras und nicht so klobig wie die 6x9 Kameras waren. Die direkten Korelle Konkurrentinnen hießen Voigtländer Virtus, Welta Perle, Certo Dolly, Beier Precisa oder ZI Nettar und ein paar andere. Zum Ende des Jahrzehnts verlor der 127er Film immer mehr an Bedeutung, dafür wurde 6x6 populärer, was auch der Grund für die verschiedenen Korelle Varianten gewesen sein wird.

Meine Kamera wurde definitiv intensiv benutzt, zu sehen am Lack und Leder, beides schon sehr strapaziert. Außerdem fehlen ein paar Schräubchen etc. und der Verschluss hängt halb offen, vermutlich ein gescheiterter Reparaturversuch eines Vorbesitzers. Ich hatte kurz überlegt, ob sich eine Reparatur lohnt, mich dann aber dagegen entschieden. Sie passt aber auch so schön in meine Sammlung und mal sehen, ob sich noch weitere Kochmann Kameras dazugesellen…

Datenblatt Rollfilm-Spreizenkamera für 4,5x6 cm Negative auf 120er Rollfilm
Objektiv Schneider Xenar 7,5 cm f/2.8 (4 Linsen, 3 Gruppen), Kamera auch erhältlich mit anderen 75mm Objektiven, siehe Anzeige unten.
Verschluss Compur Rapid, T-B-1-2-5-10-25-50-100-200-400 1/s. Einfachere Objektivvarianten auch mit Pronto-S oder Vario Verschluss.
Fokussierung Am Objektiv, per Frontlinsenverstellung, kleinste Entfernung: 90 cm.
Sucher Optischer Fernrohrsucher, aufklappbar.
Filmtransport Mittels Drehrad, zwei rote Fenster für Rückseitenpapier-Nummern
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (für Entfernungsmesser), Stativgewinde 3/8‘‘, Tiefenschärfetabelle, eingebaute Objektivschutzkappe/Sonnenblende
Maße, Gewicht 122x77x34 mm, 556 g
Baujahr(e) 1933-1939, diese hier ca. 1939. 
Kaufpreis, Wert heute 95 RM, je nach Zustand 30-100 €.
Links Camera-wiki, Mike Eckman (Korelle 6x6), fotohistoricum.dk, Franz Kochmann
Bei KniPPsen weiterlesen Korelle 3x4, Korelle K Certo Dolly VPReflex-Korelle, Beier Precisa


2023-10-03

Mimosa II

Die Mimosa sticht auch für versierte Sammler aus der Masse der Kleinbildkameras über die Jahrzehnte wegen ihres besonderen quaderförmigen Designs hervor, sie ist darin einzigartig und bleibt in Erinnerung. Wenn man sich dann mit ihr beschäftigt, merkt man, dass sie technisch eigentlich nichts wirklich Besonderes zu bieten hat. Die sie umgebende Geschichte um ihre Entwicklung, Herstellung und Vermarktung macht dies aber locker wieder wett. Es gibt dort ein paar noch nicht 100%ig aufgeklärte Rätsel. Die meiner Meinung nach beste Darstellung der Fakten liefern Yves Strobelt und Marco Kröger. Meine Interpretation und Kurzfassung geht so:

Wir befinden uns in den Jahren 1947 und 1948, also in der schlimmen Zeit nach dem 2. Weltkrieg, die Dresdener Kameraproduktion, vor dem Krieg strahlendes Zentrum dieser Industrie, liegt am Boden. Die politischen Umstände sind alles andere als klar, viele Menschen verlassen die sowjetische Besatzungszone Richtung Westen. Da taucht im Frühjahr 1948 eine völlig neu konstruierte und sehr solide Kleinbildkamera auf. Als offizieller Hersteller der Kamera und Namensgeber (der inoffizielle im Hintergrund kommt gleich...) gilt der seit 1904 in Dresden ansässige Fotopapier- und Film-Hersteller Mimosa AG, ein fotochemischer Betrieb! Von Feinmechanik und Kamerafertigung hatte man keine Ahnung, Maschinen dafür schonmal gar nicht. Mimosa hatte allerdings das große Glück, dass ihre Fabrikgebäude im Gegensatz zum Großteil der übrigen Kamera- und Fotoindustrie in und um Dresden weitgehend unbeschädigt die Zerstörung Dresdens überstanden hatten. Außerdem gab es in und um Dresden jede Menge arbeitslose aber hochqualifizierte Fachkräfte, die wieder Kameras bauen wollten.

1947 dämmerte die deutsche Teilung und mit ihr die Auflösung des damals noch größten deutschen Kamerakonzerns Zeiss Ikon AG in einen westdeutschen Teil mit der neuen Konzernzentrale in Stuttgart und einen ostdeutschen um die alte Zentrale in Dresden. Viele führende Mitarbeiter verließen Dresden in Richtung Stuttgart und man stritt nicht nur um Vermögenswerte und Know-How sondern noch lange um den (Marken-) Namen Zeiss Ikon. In Dresden hatte man diese neue Kamerakonstruktion in der Schublade und wollte wohl vermeiden, dass sie mit in die Streitmasse geriet. Daher wurde der vordergründig unbeteiligten Mimosa AG eine neue Kameraabteilung „angegliedert“ (wie sich Hartmut Thiele in seinem „Wer ist Wer“ ausdrückt). 

Man schlüpfte also nicht nur in Wirklichkeit unter deren Dach, sondern auch rechtlich gehörte die nun Mimosa I genannte Kamera und deren Produktionsmaschinen etc. zur alten Fotochemiefirma. Innerhalb weniger Wochen geschah im Frühjahr 1948 folgendes: Der Aufsichtsrat der Zeiss Ikon AG beschließt die Verlegung des Gesellschaftssitzes nach Stuttgart, woraufhin die sowjetische Besatzungsmacht die Beschlagnahmung der ostdeutschen Vermögenswerte bestätigt, was faktisch die Spaltung zementierte. Mehr oder weniger gleichzeitig präsentiert die Mimosa AG ihre neue Kamera auf der Leipziger Frühjahrsmesse und die Fachwelt wundert sich. Am Ende ihrer Bauzeit 1951 übernimmt der zwischenzeitlich VEB Zeiss Ikon genannte ostdeutsche Teil der Firma offiziell Maschinen und Belegschaft der Mimosa Kameraproduktion und produziert in denselben Räumen ab 1952 die erfolgreichere Taxona (Tenax I Nachfolgerin). 

Doch nun zur Kamera selbst: In einem frühen Artikel wird ihre "besonders griffige Form" und das Fehlen von "Spreizen und Klappmechanismus" als Vorteile hervorgehoben. Ich muss zugeben: kompakt ist sie, allerdings keinesfalls "griffig". Um sie mit nur einer Hand zu halten, ist sie eigentlich zu schwer (fast 500 g mit Film!) und an den Seiten zu schmal. Beim zwangsläufigen Halten mit beiden Händen kommen diese sich selbst und den Einstellelementen in die Quere. Von Ergonomie also keine Spur. Allerdings ist sie super solide gebaut (Aluminium-Gussgehäuse) und die sehr pfiffig angebrachte und komplett abnehmbare Einheit von Rückwand und Bodenplatte kann die Verwandschaft zur Contax nicht verleugnen. Die beiden verfügbaren Triplet-Objektive mit Frontlinsenfokussierung sowie die angebotenen Verschlüsse sind hingegen nur Mittelmaß und passen nicht so recht zum doch sehr stattlichen Preis von 225 Mark.

Es gab im Prinzip drei Versionen der Mimosa: Die von Anfang an "Mimosa I" genannte Version (1948, bis zu 3000 Exemplare) hatte noch einen angeschraubten Aufklappsucher. Diese "Mimosa II" hier (1949-1951) repräsentiert die Mehrheit (ca. 15000 Exemplare) aller je produzierten Kameras und kann durch den ins Gehäuse integrierten optischen Sucher identifiziert werden. Die dritte Version mit Schneckengang zur Fokussierung mit dem gesamten Objektiv kam im Frühjahr 1951 auf den Markt, wurde aber weiter mit "Mimosa II" beschriftet. Auch hiervon existieren wohl nur bis zu 3000 Exemplare. Von den genannten Versionen existieren darüberhinaus unzählige Varianten: mit und ohne Gurtösen, mit schwarzem oder silbernen Rückwandhebel, verschiedene Verschlüsse und Objektive und entsprechend viele Kombinationen.
 
Vielleicht war der Schneckengang auch nur der erste Schritt hin zur angedachten "Mimosa III", die wohl schon seit Ende 1949 in Planung war und Schnellschalthebel und Entfernungsmesser bieten sollte. Realisiert wurde diese nicht mehr, der Aufwand war wohl zu groß und man musste sich heimlich eingestehen, dass die Mimosa insgesamt ein interessantes Experiment war, es am Markt aber inzwischen bessere und preiswertere Alternativen auch aus eigenem (VEB Zeiss Ikon) Hause gab. Die Mimosa ist aber heute mit nur ca. 21000 Exemplaren, den unzähligen Varianten und der tollen Geschichte dahinter eine exzellente Sammlerkamera, die jetzt auch meine Vitrine ziert.

Datenblatt kompakte Kleinbildkamera - frühe Nachkriegsneukonstruktion mit interessanter Geschichte dahinter
Objektiv Meyer Trioplan 50 mm f/2.9 (Triplet, vergütet). Kamera war auch erhältlich mit Ludwig Meritar (gleiche Spezifikation).
Verschluss Prontor-S (B-1-2-5-10-25-50-100-300), auch erhältlich mit "eigenem" Mimosa Velax (B-10-25-50-100-200) Selbstspannverschluss. Frühe Versionen auch mit Stelo-Verschluss
Fokussierung per Frontlinsenverstellung am Objektiv, minimal ca. 1.30 m. Eine spätere Version der Kamera (siehe Text) hatte einen Schneckengang für Verschiebung des gesamten Objektivs.
Sucher optischer Fernrohrsucher im Kameragehäuse. Die Mimosa I hatte nur einen angeschraubten Aufklappsucher (siehe Text).
Blitz PC-Synchronbuchse am Verschluss, allerdings kein Zubehörschuh.
Filmtransport Mit Drehknopf auf der Kameraoberseite, Doppel- und Leerbelichtungssperre, Bildzählwerk (vorwärts).
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', ISO-Drahtauslösergewinde, Filtergewinde 25 mm
Maße, Gewicht 95x73x72 mm (Gehäusequader ohne Objektiv und Anbauteile: 95x66x49), 453 g
Baujahr(e) 1949-1950 (gesamte Serie 1948-1951), insgesamt ca. 21000 Exemplare, diese #9885 von ca. 1950.
Kaufpreis, Wert heute 225 Mark, ca. 40 - 100 € je nach Version und Ausstattung.
Links Camera-Wiki, ZeissikonVEB, Andere Dresdener Kameras, Mike Eckman
Bei KniPPsen weiterlesen Tenax I, Tenax II, Contax II, andere Post mit Bezug zu Dresden