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2025-04-20

Compur Seriennummern - Compur serial numbers

 

Dial-set (Rädchen) Compur der Größe 0 an meiner 
Krauss Rollette von ca. 1926. Die Compur Seriennummer 
ist sechsstellig, aber leider nicht mehr lesbar
Vor über 4 Jahren habe ich an dieser Stelle ein modifiziertes Seriennummer-Schema für den Compur-Verschluss vorgeschlagen, dass ich dann vor 2 Jahren noch einmal verfeinert und berichtigt habe.  

Die wesentliche Erkenntnis: Deckel hat beim Compur nicht einfach nur hochgezählt, sondern es gab bewusste Sprünge innerhalb der Nummernsequenz, die bei der Einführung von Neuerungen (RIM-Set, bzw. Rapid) gemacht wurden. Auch hat Deckel Zeiss Ikon andere Nummernbereiche zugeordnet als ihren Konkurrrenten, was in den 1930er Jahren für Verwirrung sorgen sollte. 

In einem weiteren Beitrag zum Thema der vier- und fünfstelligen Nummern habe ich mich dann mit den ersten 20 Jahren der Compur-Produktion beschäftigt. Durch die Hilfe einiger meiner Leser konnte ich auch hier etwas Licht ins Dunkle bringen. Dieser Beitrag heute soll dieses Kapitel abschließen und ich will unten die wesentlichen Fakten zur Compur- (bzw. Compound) Nummernsequenz knapp aber präzise zusammenfassen...

Über 600 Compur- (und Compound-) Seriennummern, die an "Zeiss Ikon"-Kameras (bis 1926: ICA, Goerz und Contessa-Nettel) gefunden wurden. 
ROT: Compound, Dial-Set Compur: BLAU: ICA und Zeiss-Ikon Kameras, GELB: Goerz, LILA: Contessa Nettel, GRÜN: RIM-Set Compur 
Quelle: Pavel Krumphanzl.  
Doch zunächst löse ich mein Versprechen ein und präsentiere hier diese Grafik als Auswertung der großartigen Nummernliste von Kameras aus dem Zeiss-Ikon-Komplex (ICA, Goerz, Contessa-Nettel und ZI ab 1926), die ich vom Sammlerkollegen Pavel Krumphanzl bekommen habe. Ich habe den Kameras auf Basis ihrer eigenen Gehäusenummer (im Falle von Goerz: Objektivnummer) ein Produktionsdatum zugeordnet und stelle dies der am Verschluss gefundenen Seriennummer gegenüber. Wichtig zu betonen ist es, dass das Datum natürlich nicht das Produktionsdatum des Verschlusses ist. Dieser wurde vermutlich schon früher produziert, ggf. sogar schon Jahre früher. Außerdem hat natürlich auch die Kameradatierung ihre Fehler und bei manchen Kameras könnte auch nachträglich ein alter oder auch ein neuerer Verschluss als Reparatur verbaut worden sein. Daher ist das oben keine schöne Korrelation, sondern eher eine Datenwolke, der man wegen der großen Datenbasis aber durchaus ein paar Erkenntnisse entnehmen kann.

Hier nun aber wie versprochen die Zusammenfassung der "Fakten"...
  • Die frühen Jahre: Deckel begann mit der Compound-Fertigung ca. im Jahr 1905 und zählte von unten hoch. Vierstellige Compound-Nummern sind bekannt. Ab ca. 1912 kommt der Compur hinzu, beide Verschlüsse teilen sich einen Nummernkreis, der Compur startet schon 6-stellig bei ca. 214,xxx. Während des 1. Weltkrieges (ab 1915 bei ca. 340,xxx) werden keine Verschlüsse produziert.
  • 6-stellige Seriennummern (340,xxx bis 9xx,xxx): Während der 1920er Jahre wird die Produktion signifikant ausgebaut und fast nur noch der Compur produziert. Von Anfangs ca. 50-Tausend steigerte man sich auf über 300-Tausend Exemplare pro Jahr am Ende des Jahrzehnts. Die Kamerahersteller wurden wohl blockweise bedient: Man findet z.B. 300,xxx bis 450,xxx Nummern gehäuft bei ICA-Kameras, Contessa-Nettel Kameras haben häufig einen 6xx,xxx-Verschluss, etc. 
  • Niedrige Compur-Nummern (x,xxx bis 280,xxx): Mit dem Erfolg des Compur reicht der 6-stellige Nummerkreis nicht mehr lange, ca. 1926 wird die Millionenmarke erreicht. Vermutlich weil man die Nummern-Gravur-Maschinen nicht so schnell auf 7 Stellen umstellen konnte, erhalten Compur-Verschlüsse wieder 4-, 5- und niedrige 6-stellige Nummern bis ca. 280,xxx. Die meisten der gesichteten Kameras mit solchen Verschlüssen stammen aus dem Jahr 1927. 
  • 1,xxx,xxx: 1928 kommt der RIM-Compur auf den Markt und Deckel versieht alle Verschlüsse dieser Art für Zeiss Ikon und Carl Zeiss Jena mit einer 1,xxx,xxx Nummer während alle anderen Kamera- und Objektivhersteller einen 2,xxx,xxx bekommen. Inzwischen läuft aber auch die Produktion der Dial-Set-Verschlüsse auf längfristig niedrigerem Level weiter. Hier wird einfach weiter hochgezählt und so bekommen auch diese eine 1,xxx,xxx Nummer, diesmal aber für alle Abnehmer. Interessanterweise gibt es im oberen Bereich dieses Nummernkreises eine größere Lücke: Die höchste gesichtete Nummer in diesem Segment ist ca. 1,45x,xxx. 
  • 2,xxx,xxx und (ab ca. 1935) 3,xxx,xxx: Rim-Set Compur Verschlüsse (bis 1/300 s) für den allgemeinen Markt von 1928 bis ca. 1938. (Zeiss Ikon: 1,xxx,xxx)
  • 4,xxx,xxx: Compur Rapid (1/500 s in Größe 00, bzw. 1/400 s) für Zeiss Ikon Kameras (1934 bis ca. 1940)
  • 5,xxx,xxx: Compur Rapid (1/500 s in Größe 00, bzw. 1/400 s) für alle anderen Hersteller.
  • A,xxx,xxx und 0,0xx,xxx: Compur-Verschlüsse (nicht Rapid) ab irgendwann in 1938 als der Nummernkreis 3,xxx,xxx ausgereizt war, die 4,xxx,xxx aber schon an den ZI-Rapid vergeben. Ob beide Versionen parallel (auf verschiedenen Maschinen) oder nacheinander verwendet wurden, ist nicht belegt.
  • 6,xxx,xxx bis 8,6xx,xxx: Compur-Rapid (bis 1951) bzw. Synchro-Compur (1952 - 1954). Ob schon 1939 oder 1940 6,xxx,xxx verwendet wurde oder erst nach dem 2. Weltkrieg ist unsicher. Ab 1954 wird wieder mit neuem Seriennummern-System gezählt, allerdings ist diese Nummer nur noch intern und von außen an den Kameras nicht mehr sichtbar. 
  • 258,646 ist (bis auf eine Ausnahme) keine Seriennummer, auch wenn sie oft unbedarft als solche angegeben wird. Es ist die Nummer des Deutschen Patents zum Compur.
Fazit: Mit der Compur-Seriennummer allein ist prinzipiell keine genaue Altersbestimmung von Kameras oder Objektiven möglich. In Kombination aber mit einer Gehäuse- und im besten Fall auch Objektivnummer können uns diese Zahlen einiges erzählen. Insbesondere bleiben ungewöhnliche Kombinationen spannend. Ich werde der (möglicherweise) blockweisen Abgabe von Verschlüssen an einzelne Hersteller noch weiter nachgehen. 


2023-04-01

C.P. Goerz Roll-Tenax (4 x 6.5)

Die Firma C.P. Goerz aus Berlin gehörte einmal zu den ganz großen der Fotobranche. Gegründet 1886 von Carl Paul Goerz wuchs die Firma kontinuierlich bis zum Ende des 1. Weltkriegs. Man produzierte fast alles was dazu gehörte: Kameras, Objektive, Filme, Entfernungsmesser, Verschlüsse, und dazu noch die nötigen Maschinen. Fernrohre, Schließzylinder und vieles mehr gehörten dann zu den Dingen, die Goerz im 1.Weltkrieg zum führenden Militär-Equipment Hersteller werden ließen. Der Krieg ging verloren und Goerz geriet durch das Verbot des Versailler Vertrages, weiter Kriegsgerät zu produzieren, in eine gehörige wirtschaftliche Schieflage. Die Zwangsfusion zur Zeiss Ikon (mit ICA, Contessa Nettel, Ernemann und anderen), betrieben durch den eigentlichen Konkurrenten Carl Zeiss rettete 1926 die Fabriken und Arbeitsplätze, der Name Goerz wurde fallengelassen. 
Genau aus der schwierigen Zeit nach dem Weltkrieg und vor der Zeiss Ikon Fusion stammt diese kleine Kamera. Es handelt sich um eine Roll-(Pocket) Tenax für das Format 4 x 6.5 auf 127er Film, angeblich seit 1914 auf dem Markt. Goerz produzierte (wie viele andere Kamerahersteller auch) die Roll-Tenax auch in anderen Größen, sprich für andere Rollfilme. Dies ist die kleinste Variante, die auf dem Markt der Westentaschenkameras mitmischte. Die genaue Datierung meiner Kamera ist kaum möglich, ich tippe anhand der Seriennummern von Objektiv und Verschluss mal auf 1919 oder 1920, weil  es ca. ab 1920 ein etwas verbessertes Design mit großem ledergeprägtem GOERZ-Schriftzug und anderen Laufbodenstreben gab, dieses hier aber noch das alte Design ist. Meine Kamera hat außerdem noch den heute selten anzutreffenden Compound-Verschluss, was auf eher frühe Produktion hindeutet.
Die Laufboden Roll-Tenax eingerahmt von ihren Spreizen-Schwestern Vest Pocket Kodak und Piccolette.

Ansonsten ist an der Kamera nichts außergewöhnliches, sie repräsentiert einen Standard, den man Anfang der 1920er Jahre in Deutschland von einigen Kamera-Manufakturen für die jeweils gängigen Rollfilme kaufen konnte. Die meisten von denen verwendeten Objektive von Carl Zeiss, gerne das vierlinsige Tessar oder ein einfacheres Triplet (nach Cooke), das oft ebenfalls von Zulieferern aus dem Zeiss-Konzern (z.B. die Optische Anstalt Saalfeld) stammte. Goerz gehörte zu den ernstzunehmenden Konkurrenten von Zeiss, was hochwertige Objektive anging. Das Dogmar war 1916 ihre letzte eigenständige Objektivkonstruktion (patentiert 1912, DRP258.495), die wegen ihrer Abbildungsleistung und großen Öffnung von f/4.5 gelobt wurde. Es ähnelt beim Linsenschnitt dem Tessar, wobei hier die beiden rückseitigen Linsen getrennt und nicht verkittet sind. Dogmare für Großformat-Kameras konnten auseinandergenommen werden (sog. Doppelobjektiv), um Front- und Hinterglied als einzelne Objektive (stark abgeblendet!) zu verwenden. Dabei hatte das Frontelement die 1.92-fache und das Rückelement die 1.52-fache Brennweite des kombinierten Objektivs. Goerz musste (so wie Ernemann) die Objektiv-Fertigung nach der Zeiss Ikon Fusion einstellen. 

Meine Kamera ist recht passabel in Schuss, der Verschluss funktioniert, auch wenn ich auf die Zeiten nicht mehr wetten würde. Alles ist etwas schwergängig und ich habe ein paar Tage gebraucht bis ich verstanden habe, wie man die Rückwand öffnet. Dies ist recht eigenwillig gelöst: Das Scharnier (zu sehen auf dem kleinen Bild oben ganz links) ist federgespannt verschiebbar, war aber festkorrodiert. Außerdem ist der Ausklappständer abgebrochen, ich habe ihn für die Bilder durch ein kleines Stückchen schwarzen Plastiks ersetzt.

Datenblatt Laufboden-Rollfilmkamera für Rollfilm 127 (4 x 6.5 cm)
Objektiv Dogmar 7.5 cm f/4.5 (4 einzelne Linsen), #400214
Verschluss F.Deckel Compound Zentralverschluss, T ("Z")-B-1-2-5-10-25-50-100-300, #342938 
Fokussierung keine Scharfstellhilfe, Verschieben von Objektiv und Verschluss auf dem Laufboden, kürzeste Entfernung ca. 80 cm.
Sucher kleiner Brilliantsucher, drehbar für für Hoch- oder Querformat.
Filmtransport mittels kleiner Schlüsselschraube. Rotes Filmfenster in Rückwand
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Drahtauslösergewinde.
Maße, Gewicht ca. 64 x 122 x 25 mm (geschlossen), 340 g
Baujahr(e) 1914-1926 (ab 1920 in etwas modifizierter Ausführung), diese #9248 ca. 1919.
Kaufpreis, Wert heute ??, ca. 40 €
Links Wikipedia, Camera-Wiki (Goerz), Camera-Wiki, Goerz LensesJahrbuch Artikel Dogmar 1914.
bei KniPPsen weiterlesen Rollfilm 127, Piccolette, Vest Pocket Kodak, Rollette, Icarette

2022-02-27

Icarette


Einen sehr glücklichen Fang für meine Sammlung habe ich letzte Woche mit dieser Icarette gemacht, nach interner Seriennummer im Zeitraum von 1916 bis 1918 gebaut und damit ca. 105 Jahre alt. Ich habe mir noch kein komplettes Bild der damaligen Marktsituation machen können, diese war aber auf alle Fälle komplex und sehr interessant. Die Icarette I war wie die Vest Pocket Kodak eine frühe sehr kompakte Rollfilmkamera, die zusammengeklappt tatsächlich in eine Westen- oder Hosentasche passte. Dass sie mit  dem quadratischen 6x6 cm Negativ auf ein später sehr populäres Format setzte, konnten ihre Konstrukteure bei ihrem Erscheinen im Jahr 1912 noch nicht wissen, bescherte ihr selbst aber eine sehr lange Karriere bis hinein in die 1930er Jahre. Die Kamera verwendete Rollfilm 117 (Agfa B1), der nur 6 Bilder lieferte.
Der Rollfilm selbst (unabhängig von einigen verschiedenen Typen und Formaten) steckte Anfang des 20. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen und hatte durch allerlei technische Kinderkrankheiten mit einem schlechten Ruf zu kämpfen. Anfangs gab es ihn zusammen mit billigen Boxkameras wie der Brownie No.2 . Agfa stieg wegen Qualitätsproblemen nach nur kurzer Zeit 1905 aus der Produktion von Rollfilm aus, nur um 10 Jahre später (1915) wegen stark gestiegener Nachfrage wieder einzusteigen. Das war genau die Zeit der Icarette und anderer ähnlicher faltbarer Rollfilmkameras, die damals die Zukunft der Fotografie aufzeigten.

Es sollte allerdings bis zum Anfang der 1930er Jahre dauern, bis Roll- und dann die Kleinbildkameras die bis dahin vorherrschenden (Glas-)Plattenkameras auch bei anspruchsvollen Fotografen verdrängten. (Planfilme in speziellen Kassetten stellen sicher eine Übergangsform dar).
Hier kommt der andere Teil der Geschichte ins Spiel und das betrifft die deutsche Fotoindustrie am Anfang des 20. Jahrhunderts: Viele kleine unabhängige Firmen bauen jeweils unzählige Modelle sehr ähnlicher Plattenkameras und liefern sich gegenseitig einen ruinösen Wettbewerb. Das entscheidende High-Tech (Verschlüsse und Objektive) kommt jedoch nur von wenigen Spielern. Insbesondere die Zeiss Stiftung zieht im Hintergrund die Strippen und zwingt am Ende den Markt in die Konsolidierung. So entsteht von 1909 bis 1926 die Firma ICA („International Camera AG“), die spätere Keimzelle der Zeiss Ikon (ab 1926). Details kann man woanders nachlesen (siehe Links unten). ICA produzierte natürlich viele Plattenkameras-Konstruktionen ihrer Vorgängerfirmen weiter, allerdings wurden durch die gehobenen Synergien auch Resourcen frei, die man z.B. in die Icarette als das erste gemeinsame Projekt der ICA steckte. 
Meine Icarette ist für ihr Alter noch sehr gut erhalten. Der Compound Verschluss mit seinem Luft-pneumatischen Hemmwerk scheint noch klaglos zu funktionieren. Das Objektiv musste ich putzen, aber sonst ist nichts auszusetzen. Selbst Film würde man für das Schätzchen noch bekommen. Die Bedienung ist allerdings verglichen mit späteren Kameras noch sehr archaisch: Den Laufboden muss man recht fummelig von Hand ausziehen, wie bei vielen Plattenkameras halt. Das Hebelchen für die Blendeneinstellung hätte ich fast übersehen. Und warum Brilliantsucher so heißen, muss mir auch nochmal jemand erklären. 

Datenblatt Icarette I, Typ 495. Frühe kompakte Rollfilmkamera (6x6) mit Faltbalgen auf Laufboden für Rollfilm 117.
Objektiv Ica Novar 7,5 cm f/6.8 , Seriennummer 294710
Verschluss Compound Zentralverschluss, T-B- 1-2-5-10-25-50-100-250, Seriennummer 234262
Fokussierung durch Verschieben des Balgenauszugs, kürzeste Entfernung 1m
Sucher faltbarer Brilliantsucher, ausklappbarer Sportsucher.
Filmtransport mit Drehschlüssel, rotes Rückseitenpapierfenster.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8‘‘, Drahtauslöseranschluss
Maße, Gewicht ca. 72 x 125 x 25 mm, 397g 
Baujahr(e) 1912-1925, als Zeiss Ikon Kamera noch bis ca. 1934. Dieses Exemplar mit Seriennummer E20182 von ca. 1916-1918.
Kaufpreis, Wert heute ?, 30 €
Links Camera-Wiki, ICA Geschichte K. Ries, Wikipedia, Collectiblend, Oldcamera-Blog
Bei KniPPsen weiterlesen Kodak Junior No.1a, Hannibal Goodwin, Vest Pocket Kodak, Rollfilm 117

P.S. In einer früheren Version dieses Beitrags hatte ich behauptet, die Icarette würde 120er Rollfilm verwenden. Der passt tatsächlich wegen der breiteren Spule nicht in schlanke Kamera.