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2025-12-12

Zulauf Bebe

Dieser ganz besondere Fang für meine Sammlung gelang mir am letzten Sonntag auf der Fotobörse Darmstadt. Es handelt sich um eine Zulauf Bébé Spreizenkamera für das Miniatur-Plattenformat 4.5 x 6 cm. Gebaut wurde sie ab ca. 1908 bis 1911 vom Schweizer Fotounternehmer Gottlieb Zulauf in Zürich. Zulauf hatte ursprünglich in seiner Züricher Werkstatt Mikroskope und andere optische Geräte produziert und wohl gegen 1901 begonnen, eigene Plattenkameras zu bauen. Einigen Erfolg hatte er dann mit diesem für damalige Plattenkameras sehr kompakten und entsprechend "Bébé" genannten Modell und mit der Stereokamera Polyscop, die im Wesentlichen eine doppelte Bébé war. Die Objektive kamen (unter anderem) von Carl Zeiss in Jena, deren Management auf diesen talentierten Schweizer und seine Kameras aufmerksam wurde.

Man machte Gottlieb Zulauf 1911 ein Angebot, dass er vermutlich nicht ablehnen konnte oder wollte: Er verkaufte seine Kamerakonstruktionen und die Firma an ICA in Dresden, bekam dafür ein signifikantes Aktienpaket der ICA und wurde Mitglied des Direktoriums und technischer Direktor. ICA (Internationale Camerafabriken Aktiengesellschaft) war 1909 als erster größerer Merger der deutschen Kameraindustrie aus den Firmen Hüttig (Dresden), Krügener (Frankfurt), Wünsche (Reick b. Dresden) und Carl Zeiss Palmos (Jena) entstanden. Die Carl Zeiss Stiftung als vermutlich wichtigster Aktionär der ICA zog im Hintergrund die Fäden. Bébé und Polyscop wurden ab 1912 dann als ICA Modelle weitergeführt, in Dresden bis ca. 1925 produziert und bekamen neben kleineren Design-Änderungen auch einen anderen Verschluss. Gottlieb Zulauf schied schon 1918 bei ICA aus und kaufte 1922 in Zürich eine Fotohandlung, die er noch bis zu seinem Ruhestand 1933 betrieb

Stichwort Verschluss: Ich war natürlich neugierig, habe aber nirgendwo etwas zum Verschluss der Bébé lesen können. Immerhin wird er mit einem Schieber in Form einer kleinen Messingkugel gespannt und erlaubt die Verschlusszeitenreihe B-2-3-5-10-25-50-100 (1/s). Diese wird mit einem Hebel am Objektiv eingestellt, eine Anordnung, die so gar nichts mit den Drehrädchen der damals üblichen Compound (Deckel) oder Kollos/Ibso (Gauthier) Zentralverschlüssen zu tun hatte. 
Wie man links sieht, habe ich also den Schraubenzieher zur Hand genommen und Objektiv und Frontplatte (Messing) abgeschraubt. Darunter kommt ein pneumatisch gehemmter Guillotinenverschluss zum Vorschein mit zwei rechteckigen Stahlblechen als verschließende Elemente. Den Zylinder des Hemmwerks erkennt man auf der linken Seite des GIFs. Dieser wird über eine Feder gespannt, pneumatisches Medium ist wohl Luft. Die verschiedenen Verschlusszeiten werden nicht wie bei anderen pneumatischen Verschlüssen (z.B. Compound) durch das Verändern der Luftauslass-Öffnung gebildet, sondern durch unterschiedlich lange Hebelwege der Sperrklinke des zweiten Verschlussbleches. 

Ich habe keine Ahnung, ob es solche Verschlüsse auch von anderen Herstellern und in anderen Kameras dieser Zeit gab, muss ich tatsächlich mal recherchieren. Jedenfalls hat der Verschluss als Zulauf'sche Eigenkonstruktion den Umzug der Bèbé Produktion nach Dresden nicht "überlebt": Die dann ICA-gelabelten Bébé Modelle bekamen einen modifizierten Compound-Verschluss (ebenfalls mit pneumatischen Hemmwerk), zu erkennen am charakterisitschen Drehrädchen neben dem Objektiv auf der Frontplatte.


Datenblatt Spreizenkamera für das Miniatur-Plattenformat 4.5 x 6 cm
Objektiv Carl Zeiss Tessar 7.5 cm f/4.5, #145472 (1910), abblendbar mit 9-Segment-Irisblende f/4.5-6.3-9-12.5-18-25-36
Verschluss pneumatisch gehemmter Guillotinen-Verschluss, B-2-3-5-10-25-50-100 (1/s). Eigene Zulauf-Konstruktion
Fokussierung Mit Fokushebel/Schneckengang, der das ganze rechteckige Verschlussgehäuse verschiebt. Skala bei meinem Exemplar in Fuß, kleinste Entfernung 3 Fuß (1 m).
Sucher ausklappbarer optischer Rechtecksucher mit Fadenkreuz.
Foto-Material Glasplatten oder Filmpacks im Format 4.5 x 6 cm
sonst. Ausstattung optinale Mattscheibe anstelle der Fotoplatte, 3/8'' Stativgewinde
Maße, Gewicht ca. 65x85x40/84 mm (zusammen-/aufgeklappt), 399 g
Baujahr(e) 1908(?) - 1911, diese #986 ca. 1910
Kaufpreis, Wert heute (ICA-Bebe: 72 US$, 192x), Zulauf ?, heute: ca. 200 - 400€
Links Camera-WikiCoeln-CamerasICA Bebe, EarlyPhotography

2024-12-25

Weihnachtsfotos auf alten Glasplatten

Diese Schachtel mit alten Glasplatten-Negativen fiel mir auf der Darmstädter Fotobörse vor 4 Wochen  in die Hände und ich habe sie spontan für ein paar Euro gekauft. Das aufgeklebte, handgeschriebene Schildchen mit „Familienphotos bis 1914“ weckte meine Neugier. Ein erster Kontrollblick auf der Börse zeigte einen Stapel gut erhaltener Glasnegative in Cellophanhüllen, drei davon im kleinen Plattenformat 6.5x9 cm, die anderen waren 9x12 cm groß. 

Diese Negative wurden natürlich mit Plattenkameras aufgenommen, wie ich sie hier oder hier schon beschrieben habe. Früher hat man von solchen Glasplatten Kontaktkopien hergestellt, z.B. mit Agfa Lupex Kopierpapier. Ich habe heute natürlich andere Möglichkeiten und die digitalen Abzüge, die ich hier auf der Seite veröffentliche, habe ich mit dem Aufbau links gemacht, mit einfacher Bildbearbeitung ins Positiv verwandelt und in brauchbare Form gebracht. 

Zwei der kleineren Platten zeigen eine Familie unter dem Weihnachtsbaum. Wenn man genau hinschaut, sieht man mindestens zwei Details, die eine zeitliche Einordnung erlauben: Zum einen trägt der mittlere Sohn der Familie ein Hemd mit Reißverschluss (erstmals ab Mitte der 1930er für weite Kreise verfügbar), außerdem weht auf der Ritterburg des Jüngsten eine kleine Hakenkreuzflagge.


Die größeren 9x12 Platten zeigen vermutlich ältere Motive. Nach der Mode zu urteilen, würde ich allerdings nur bei der Frau mit dem Kinderwagen und eventuell bei der Silberhochzeitsgesellschaft (?) von frühem 20. Jahrhundert ausgehen. Die anderen beiden Aufnahmen wirken für mich etwas moderner (evtl. 1920er Jahre?). Aber, urteilt selbst! Ich hoffe, ich trete mit der Veröffentlichung dieser alten Familienaufnahmen niemanden auf die Füße. Wenn jemand die Fotos kennt und mehr dazu erzählen kann, bitte unten kommentieren. Ansonsten: Frohe Weihnachten!


2024-10-09

Plattenkameras 6,5 x 9 aus Photo Porst Katalog 1932 und der "Niedergang der Plattenkamera"

Angeregt durch meinen Beitrag über die Kenngott Supra No.2, eine Laufboden-Plattenkamera für das Format 6.5 x 9, möchte ich hier anhand der Beispiele aus meinem Photo-Porst Katalog von 1932 zeigen, welche Auswahl der Fotoamateur damals noch hatte. Einfach auf eins der Bildchen klicken und die entsprechende Katalogseite öffnen. Wer es lieber am Stück liest, kann sich hier das PDF runterladen, das noch einige Extraseiten u.a. zur Wahl der richtigen Kamera enthält. Viel Spaß!

Die 16 Plattenkameras im Format 6.5x9 aus dem Photo Porst Katalog von 1932. Daneben gibt es dort eine sehr ähnliche Auswahl an 9x12-Modellen (insgesamt 20) sowie ein paar Stereo- sowie Spiegelreflex-Kameras (9x12) für Glasplatten oder Filmpacks.

Ein Klick auf die Bilder öffnet die entsprechende Katalogseite.

Photo Porst Kameraverkäufe 1931
Porst hat im Jahr 1931 31-Tausend Kameras verkauft (und damit 3.45 mio Reichsmark Umsatz gemacht), „nur“ 6500 davon (21%) waren 6.5x9 Modelle. Die allermeisten (44%) waren noch (!) die großen (9x12) Laufboden-Plattenkameras, wie man an der Grafik rechts ablesen kann. Im 1932er Katalog spielten sogenannte Kleinfilm-Kameras (3x4 und 35 mm) schon eine gewisse Rolle (hatte ich schon von berichtet), und rückblickend wissen wir, welche Revolution am Kameramarkt zugange war: Plattenkameras wollten die Kunden ab ca. 1932 nicht mehr kaufen. Der 1935er Porst Katalog, den ich ebenfalls besitze, spricht eine eindeutige Sprache. Leider fehlt darin die entsprechende Statistik, aber 9x12-Kameras werden überhaupt nicht mehr angeboten, nur ein paar Modelle der 6.5 x 9 Klasse halten der alten Fotoplatte noch die Stange. Die Kunden kauften Kleinbild- und Rollfilmkameras, die Filme waren inzwischen so gut und lichtempfindlich geworden, dass es nicht nur billiger und praktischer war, sondern auch qualitativ ebenbürtig zur Plattenkamera wurde. Plattenkameras wurden regelrecht zu Ladenhütern, alleine Agfa hatte 1932 plötzlich 70.000 Plattenkameras auf Lager, die sich nur langsam über die nächsten Jahre verkaufen ließen. Dies betraf die gesamte Branche, diejenigen Hersteller, die nichts anderes anbieten konnten als Platte (sowie Kenngott) gingen pleite. Der Ausverkauf der auf Lager liegenden Plattenkameras dauerte fast 10 Jahre, wie die Seite aus dem Porst-Katalog von 1938 beweist (mehr oder weniger alles zum halben Preis oder weniger im Vergleich zu 1932!):



2024-09-15

Kenngott Supra No. 2 (6.5 x 9 cm)

Wie ich schon bei meinem Beitrag zur Agfa Isolar 408 (eine 9x12 Kamera) geschrieben habe, gehören Platten- bzw. Laufbodenkameras eigentlich nicht in mein Sammler-Beuteschema. Auf einem Flohmarkt am letzten Wochenende lief mir allerdings diese Kenngott Supra No.2 über den Weg und ich habe spontan zugeschlagen. Sie ist für das kleinere Plattenformat 6.5 x 9 cm gebaut (es gab auch eine entsprechend große 9x12 Variante als Supra No.4) und außerdem war mir Kenngott in anderen Zusammenhängen schonmal untergekommen, und deren Kameras sind einigermaßen selten. Das versprach einiges an Spaß bei der Hintergrundrecherche. 

Und tatsächlich: Die Informationslage zur Firma Kenngott in Stuttgart ist sehr lückenhaft und verschiedene Quellen widersprechen sich zum Teil. Hier ist mein Destillat, ohne Gewähr: Die Firma geht zurück auf (Georg) Wilhelm Kenngott (*30.9.1864 in Reutlingen), der um die Jahrhundertwende als wohl erfolgreicher Fotounternehmer seine Firma/Firmen aufbaut. Als Startpunkte werden die Jahre 1894 bis 1901 genannt, die Orte Reutlingen, Stuttgart und Paris tauchen auf, es wird mit Fotobedarf mal nur gehandelt und dann auch produziert. Es geht um Objektive, Kameras, Stative und einen Verschluss. Belegt ist nämlich, dass Wilhelm Kenngott als alleiniger Erfinder eines Zentralverschlusses auf dem französischen Patent 350870 vom 19.2.1906 genannt ist. Dieser Verschluss wird als "Koilos" ab 1904 bei Alfred Gauthier in Calmbach gebaut und ist der Vorläufer des Ibso(r), der an dieser Kamera hier zu finden ist. Angeblich war Kenngott Teilhaber von Gauthier und (laut Harmut Thiele) auch von Fr. Deckel in München. Vielleicht war seine Verschluss-Erfindung so gelungen, dass beide Firmen Lizenzen davon gegen Teilhaberschaften erwarben (reine Spekulation).  Ab wann und wo es mit der eigenen Kameraproduktion wirklich losging, bleibt im Unklaren. Eine Quelle spricht von 1905, andere melden Kenngott-Kameras erst aus den 1920ern. Da war Wilhelm Kenngott schon tot, er starb am 25.7.1919. Seine Söhne Karl und Willi erbten die Firma und spätestens ab dann wird nur noch Stuttgart genannt. 1932, im Jahr der größten Wirtschaftskrise in Deutschland muss Konkurs angemeldet werden. Qualifizierte Arbeiter und Angestellte hatten wohl kein Problem wieder Anstellung bei den anderen Stuttgarter Kameraproduzenten (Kodak/Nagel, Zeiss Ikon, Ebner, Krauss) zu finden. 

Die Kamera selbst ist gehobener Standard. Genau solche Laufbodenkameras gab es Ende der 1920er Jahre von nahezu jedem Kamerahersteller. Es ist eine erstaunlich homogene Kameraklasse, die Unterschiede zwischen den Herstellern beschränken sich auf ein paar rein gestalterische Kleinigkeiten, technisch ist fast alles identisch und sogar die Bedienung ist gleich. Als Käufer konnte man zwischen Ausstattungsvarianten bzgl. Objektiv und Verschluss wählen, diese Unterschiede (auch im Preis) waren innerhalb eines Modells größer als zwischen Modellen verschiedener Hersteller. 
Am Ende der 1920er Jahre waren Laufbodenkameras wie diese immer noch erste Wahl für jeden der ambitioniert fotografieren wollte. Die kleinere 6.5x9-Klasse war populär, weil man sie gut mitnehmen konnte. Allerdings war das Resultat auch nur ein ebenso großes Foto, denn Vergrößerungen waren eine sehr seltene Ausnahme. Mit den enormen Fortschritten, die der fotografische Film damals machte, kamen Rollfilmkameras immer mehr in Mode, auch Kenngott hatte mindestens ein Modell im Programm. 
Doch auf den gewaltigen Umbruch, der zwischen 1930 und 1933 am Kameramarkt passierte, waren nicht alle Hersteller gut vorbereitet. Zusätzlich zur allgemeinen Wirtschaftskreise wollten die Kunden plötzlich die altbackenen Laufboden-Plattenkameras nicht mehr kaufen und fast von heute auf morgen war das Zeitalter der Rollfilm und Kleinbildkameras angebrochen. Laufboden/Platten-kameras wurden zu Ladenhütern, blieben bei einigen Herstellern aber noch bis 1939 im Verkaufsprogramm. Ich bin davon überzeugt, dass diese dann schon ein paar Jahre auf Lager lagen und die eigentliche Produktion Anfang der 1930er aufgegeben wurde. Entweder um Rollfilm- und Kleinbildkameras Platz zu machen, oder wie im Falle Kenngott durch Konkurs. 

Datenblatt Laufbodenkamera für Platten oder Planfilm 6.5 x 9 cm 
Objektiv Meyer Helioplan 10.5 cm f/4.5 (Doppel-Anastigmat, 4 Linsen), Kamera war auch mit Schneider Radionar f/6.3, Radionar f/4.5 oder Xenar f/4.5 erhältlich.
Verschluss Ibsor Selbstspann-Zentralverschluss, T-B-125-50-25-10-5-2-1 1/s, Blende stufenlos, Blendenskala 4.5-6.3-9-12.5-18-25. Kamera war auch mit Vario oder Compur-Verschluss erhältlich (s. Anzeige unten)
Fokussierung Manuell mit Schneckentrieb, Skala bis 1m, doppelter Auszug (20cm)
Sucher schwenkbarer Brilliantsucher für Hoch- und Querformat, ausklappbarer Rahmensucher, alternativ Motivwahl und Fokussierung über Mattscheibe anstelle der Filmplatte.
sonst. Ausstattung Wasserwaage für horizontale Ausrichtung, Drahtauslösergewinde, 2 x Stativgewinde 3/8'', horizontale und vertikale Verschiebung des Objektivträgers mit Drehschrauben möglich
Maße, Gewicht 115 x 83 x 38 mm (geschlossen), 607 g
Baujahr(e) 1929 bis vermutlich 1932, diese Kamera (ohne Seriennummer) laut Objektiv-Seriennummer von 1930 oder 1931.
Kaufpreis, Wert heute 94 RM (in dieser Ausführung, siehe unten), ca. 50 €
Links engel-art.ch, Collection Appareils, Collectiblend, Gauthier Heimatgeschichte, Camera-Wiki
Bei KniPPsen weiterlesen Kleinfilmkameras Anfang der 1930er, Agfa Isolar, August Nagel, Krauss Rollette





2021-05-01

Agfa Isolar 408 (9x12)

Normalerweise gehören Platten- bzw. Laufbodenkameras nicht in mein Beuteschema und es soll auch keine neue Sammelkategorie werden. Aber bei dieser Agfa Isolar 408 (9x12) von ca. 1927 konnte ich nicht widerstehen. Einziger Grund für den Kauf war mein bekanntes Interesse für den Aufstieg der Kleinbildkameras am Anfang der 1930er Jahre und da wollte ich den "Gegner" mal besser kennenlernen. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber noch im Jahr 1931 (als ganz viele "Kleinfilmkameras" auf den Markt kamen) betrug der Marktanteil der Plattenkameras ca. 67%. Jedenfalls bei Photo Porst, dem größten deutschen (Versand-) Händler damals. 44% allein fielen auf 9x12-Plattenkameras, die alle ein fast identisches Featureset aufwiesen. Diese Agfa Isolar war die populärste und wurde bei Porst mehr als 5000 mal pro Jahr verkauft (das sind über 20 pro Werktag), für 1931 entspricht das fast 12% des gesamten Photo Porst Umsatzes, der stolz mit 3.49 Millionen RM angegeben wird. 

Kurz mal zu den Eigenschaften und Funktionsweise dieser Kamera, die wie gesagt für die ganze Klasse zutreffen: Zusammengeklappt ist das Ding ungefähr so groß wie ein dickeres Taschenbuch. Dann klappt man durch einen kleinen Knopf die Frontseite auf und läßt diese gehalten von seitlichen Streben genau im 90° Winkel einrasten. Das wird der Laufboden. Auf dessen Schienen zieht man nun Objektiv und Verschluss bis zum Unendlich-Anschlag heraus, wobei sich der Balgen auffaltet. Es gibt drei Suchervarianten: 1) einen sog. Brilliantsucher zum Anpeilen des Objektes, wenn man die Kamera vor dem Bauch hält und von oben drauf guckt; 2) einen Sport- bzw. Actionsucher, ausklappbar aus Draht; und 3) die Mattscheibe an der Stelle, wo später die Platte oder der (Plan-)Film sitzt. Dies meist für Stilleben vom Stativ, für das die Kamera im Übrigen drei Stativgewinde besitzt. Auf der Mattscheibe erscheint das Bild seitenverkehrt und auf dem Kopf, man kann aber genau scharfstellen und für Nahaufnahmen gibt es sowieso keine andere Sucheralternative. 



Für solche Nahaufnahmen (oder auch "Tele"-Aufnahmen mittels einer die Brennweite verlängernden Vorsatzlinse) besitzt die Kamera einen "Doppelten Auszug", sprich eine Verlängerung des Laufbodens um mehr als eine weitere Brennweite. Mit diesem kann die Isolar Objekte bis zur Naheinstellgrenze von nur 26 cm scharfstellen und damit in Originalgröße abbilden.  Das ist übrigens der Grund, warum die meisten Laufbodenkameras quasi standardmäßig im Hochformat ("Portrait") stehen: Einfach, weil dadurch die lange Seite runterklappt und man so einfacher auf den nötigen Auszug kommt, als beim Querformat ("Landschaft").


Solche Laufbodenkameras waren die vorherrschende Kameraklasse des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, jedenfalls für alle die sich ernsthaft mit Fotografie beschäftigten. Fast jeder Kamerahersteller hatte mehrere solcher Modelle im Programm. Agfa, eigentlich eine reine Chemie-Firma, die sich auf Photochemie und Filme spezialisiert hatte, kam im Rahmen der großen Industriefusion zur IG-Farben im Jahr 1926 zur eigenen Kameraproduktion. Der zuvor zu Bayer in Leverkusen gehörende Kamerahersteller Rietzschel aus München wurde in die unter Agfa firmierende Photosparte des Konzerns eingegliedert und die bestehende Modellpalette nun unter diesem Namen vertrieben. Die Isolar 408 basiert auf der früheren Rietzschel Condor Luxus und wurde wohl von ca. 1928 bis 1930 produziert. 
Wann genau mein Exemplar hier produziert wurde ist nicht einfach zu sagen. Mich lockte beim Kauf u.a. die sehr niedrige Computer-Seriennummer (#546812), allerdings widersprechen die beiden anderen (wenig erforschten) Seriennummern am Gehäuse und Objektiv einer frühen Einordnung. Hier werde ich mich nochmal in einem Extra-Beitrag auslassen...

Datenblatt Platten- bzw. Laufbodenkamera für 9x12 Glasplatten oder Filmpacks
Objektiv Agfa Solinear 4.5/13.5 cm (4 Linsen in drei Gruppen, Tessar Typ), Blende aus 10 Lamellen, Stufen: 4.5-5.6-8-11-16-22-32-44
Verschluss "Dial-Set" Compur (T-B-1-2-5-10-25-50-100-200), #546812
Fokussierung über Verschieben des ganzen Objektivs auf dem Laufboden, Anschlag für Unendlich, Feinjustierung mit Mikrometerschraube.
Sucher 1) Brilliantsucher, drehbar für Hoch- und Querformat; 2) Sportsucher, ausklappbar; 3) Mattscheibe mit aufklappbaren Sichtschutz
Filmthandling Mattscheibenrückteil wird gegen Platten- oder Filmhalter ausgetauscht. Filmpack- und Rollfilmadapter (für 6x9 Ausschnitt) als Zubehör erhältlich.
sonst. Ausstattung Anschluss für Drahtauslöser, 3 Stativgewinde 3/8‘‘, Verschieben des Objektiv auch nach oben/unten sowie rechts/links mit Mikrometerschrauben möglich, optionaler Gelbfilter oder Tele-Linsen in Aufsteckfassung.
Maße, Gewicht ca. 53 x 107 x 150 mm (zugeklappt), 1250 g
Baujahr(e) 1928-1930, diese #FZ265 von 1928
Kaufpreis, Wert heute 138 RM (1928), 75,90 RM (Porst, 1932), heute ca. 50 €
Links IFM-Wolfen, Anleitung, Camera-Wiki

Die Agfa Isolar Seiten aus dem Photo-Porst Katalog von 1932. Porst konnte wohl wegen der großen Anzahl die Kamera besonders günstig anbieten. Andere Kameras aus dieser Klasse finden sich z.T. deutlich teurer in diesem Katalog. 
Zubehör (siehe rechts) wurde mehr oder weniger normiert für alle Kameras gleich angeboten.