Posts mit dem Label Tessar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tessar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

2025-12-12

Zulauf Bebe

Dieser ganz besondere Fang für meine Sammlung gelang mir am letzten Sonntag auf der Fotobörse Darmstadt. Es handelt sich um eine Zulauf Bébé Spreizenkamera für das Miniatur-Plattenformat 4.5 x 6 cm. Gebaut wurde sie ab ca. 1908 bis 1911 vom Schweizer Fotounternehmer Gottlieb Zulauf in Zürich. Zulauf hatte ursprünglich in seiner Züricher Werkstatt Mikroskope und andere optische Geräte produziert und wohl gegen 1901 begonnen, eigene Plattenkameras zu bauen. Einigen Erfolg hatte er dann mit diesem für damalige Plattenkameras sehr kompakten und entsprechend "Bébé" genannten Modell und mit der Stereokamera Polyscop, die im Wesentlichen eine doppelte Bébé war. Die Objektive kamen (unter anderem) von Carl Zeiss in Jena, deren Management auf diesen talentierten Schweizer und seine Kameras aufmerksam wurde.

Man machte Gottlieb Zulauf 1911 ein Angebot, dass er vermutlich nicht ablehnen konnte oder wollte: Er verkaufte seine Kamerakonstruktionen und die Firma an ICA in Dresden, bekam dafür ein signifikantes Aktienpaket der ICA und wurde Mitglied des Direktoriums und technischer Direktor. ICA (Internationale Camerafabriken Aktiengesellschaft) war 1909 als erster größerer Merger der deutschen Kameraindustrie aus den Firmen Hüttig (Dresden), Krügener (Frankfurt), Wünsche (Reick b. Dresden) und Carl Zeiss Palmos (Jena) entstanden. Die Carl Zeiss Stiftung als vermutlich wichtigster Aktionär der ICA zog im Hintergrund die Fäden. Bébé und Polyscop wurden ab 1912 dann als ICA Modelle weitergeführt, in Dresden bis ca. 1925 produziert und bekamen neben kleineren Design-Änderungen auch einen anderen Verschluss. Gottlieb Zulauf schied schon 1918 bei ICA aus und kaufte 1922 in Zürich eine Fotohandlung, die er noch bis zu seinem Ruhestand 1933 betrieb. 

Stichwort Verschluss: Ich war natürlich neugierig, habe aber nirgendwo etwas zum Verschluss der Bébé lesen können. Immerhin wird er mit einem Schieber in Form einer kleinen Messingkugel gespannt und erlaubt die Verschlusszeitenreihe B-2-3-5-10-25-50-100 (1/s). Diese wird mit einem Hebel am Objektiv eingestellt, eine Anordnung, die so gar nichts mit den Drehrädchen der damals üblichen Compound (Deckel) oder Kollos/Ibso (Gauthier) Zentralverschlüssen zu tun hatte. 
Wie man links sieht, habe ich also den Schraubenzieher zur Hand genommen und Objektiv und Frontplatte (Messing) abgeschraubt. Darunter kommt ein pneumatisch gehemmter Guillotinenverschluss zum Vorschein mit zwei rechteckigen Stahlblechen als verschließende Elemente. Den Zylinder des Hemmwerks erkennt man auf der linken Seite des GIFs. Dieser wird über eine Feder gespannt, pneumatisches Medium ist wohl Luft. Die verschiedenen Verschlusszeiten werden nicht wie bei anderen pneumatischen Verschlüssen (z.B. Compound) durch das Verändern der Luftauslass-Öffnung gebildet, sondern durch unterschiedlich lange Hebelwege der Sperrklinke des zweiten Verschlussbleches. 

Ich habe keine Ahnung, ob es solche Verschlüsse auch von anderen Herstellern und in anderen Kameras dieser Zeit gab, muss ich tatsächlich mal recherchieren. Jedenfalls hat der Verschluss als Zulauf'sche Eigenkonstruktion den Umzug der Bèbé Produktion nach Dresden nicht "überlebt": Die dann ICA-gelabelten Bébé Modelle bekamen einen modifizierten Compound-Verschluss (ebenfalls mit pneumatischen Hemmwerk), zu erkennen am charakterisitschen Drehrädchen neben dem Objektiv auf der Frontplatte.


Datenblatt Spreizenkamera für das Miniatur-Plattenformat 4.5 x 6 cm
Objektiv Carl Zeiss Tessar 7.5 cm f/4.5, #145472 (1910), abblendbar mit 9-Segment-Irisblende f/4.5-6.3-9-12.5-18-25-36
Verschluss pneumatisch gehemmter Guillotinen-Verschluss, B-2-3-5-10-25-50-100 (1/s). Eigene Zulauf-Konstruktion
Fokussierung Mit Fokushebel/Schneckengang, der das ganze rechteckige Verschlussgehäuse verschiebt. Skala bei meinem Exemplar in Fuß, kleinste Entfernung 3 Fuß (1 m).
Sucher ausklappbarer optischer Rechtecksucher mit Fadenkreuz.
Foto-Material Glasplatten oder Filmpacks im Format 4.5 x 6 cm
sonst. Ausstattung optinale Mattscheibe anstelle der Fotoplatte, 3/8'' Stativgewinde
Maße, Gewicht ca. 65x85x40/84 mm (zusammen-/aufgeklappt), 399 g
Baujahr(e) 1908(?) - 1911, diese #986 ca. 1910
Kaufpreis, Wert heute (ICA-Bebe: 72 US$, 192x), Zulauf ?, heute: ca. 200 - 400€
Links Camera-Wiki, Coeln-Cameras,  ICA Bebe, EarlyPhotography

2022-03-20

Super Nettel (Zeiss Ikon 536/24)

Mit dieser wundervollen Super Nettel aus dem Hause Zeiss Ikon wächst meine Sammlung von Kleinbildkameras aus den 1930ern um einen wichtigen Baustein. Zeiss Ikon hatte sich nach der erzwungenen Fusion seiner Vorgängerunternehmen (1926) in wenigen Jahren zum Technologieführer gemausert. Die interne Konsolidierung des Produktportfolios (viele gleichartige Platten und Rollfilmkameras für 'zig Formate) setzte Resourcen in der Entwicklung und Produktionskapazität frei. Gleichzeitig hatte man das Glück, dass ein Generationswechsel stattfand, und ein paar junge Ingenieure bekamen die Chance, ihre frischen Ideen in leitenden Positionen tatsächlich in die Tat umzusetzen. Bei Zeiss Ikon in Dresden waren das insbesondere Heinz Küppenbender und etwas später auch Hubert Nerwin. 

Und es dämmerte tatsächlich ein neues Zeitalter der Fotografie, genau: die Kleinbildfotografie wurde zum neuen Wachstumstreiber der ganzen Branche. Nach ersten eher weniger erfolgreichen Gehversuchen mit der Klasse der 3x4-Kameras (auch von Zeiss Ikon), erschienen spätestens ab 1934 immer mehr KB-Kameras für den 35mm breiten Kinofilm. Mit der Leica gab es schon seit 1925 ein Rollenmodell auf dem Markt, was für viele Wettbewerber Ansporn war und den Weg vorzeigte. Zeiss Ikon war 1932 der erste, der mit der Contax Leica was entgegenzusetzen hatte. Das später dann Contax I genannte Modell hatte noch die eine oder andere Kinderkrankheit und galt nicht wirklich als zuverlässig. Die Verbesserungen dazu wurden bei Zeiss Ikon in der laufenden Produktion sukzessive umgesetzt. Man perfektionierte seine Prozesse und die daraus hervorgehenden Produkte, so dass die 1936 vorgestellten Contax II und Contax III sich tatsächlich (auch preislich) an die Spitze des KB-Kameramarktes setzten. 

Aber mit der technologischen Spitze lässt sich alleine nicht genug Geld verdienen. Zeiss Ikons Wettbewerber waren auch nicht untätig, insbesondere Kodak (Nagelwerk) in Stuttgart trieben die Konkurrenz mit der günstigen aber leistungsfähigen Retina Serie vor sich her. Und so musste auch bei Zeiss Ikon ein Modell für den anspruchsvollen Amateur her, der sich im Gegensatz zu den Profis keine Contax leisten konnte. Man nehme also den Schlitzverschluss der Contax und viele Gleichteile aus Gehäuse und Filmhandling, greife in die Carl Zeiss Jena Objektivkiste und baue dies fest an einen schlichten Faltbalgen mit Scherenspreizen. Gewürzt wird das Ganze mit dem innovativen Drehkeil-Entfernungsmesser der Super-Ikonta, voila: Fertig ist die „Super Nettel“, auch vermarktungstechnisch geschickt anknüpfend an die Stuttgarter Contessa-Nettel Tradition. 
Als die Super Nettel 1935 auf den Markt kommt hat sie sogar schon das verbesserte Verschlussdesign mit dem zentralen Auslöser an Bord, das erst ein Jahr später mit der Contax II (wieder verbessert) auf den Markt kommt. Auch sonst wirkt sie selbst heute noch sehr durchdacht und fertig. Bei meinem Exemplar ist fast der gesamte schwarze Lack noch intakt, selbst bei den sonst üblichen Zeiss bumps gibt es nur auf der rechten Kameravorderseite was zu bemängeln. Zeiss Ikon hat während ihrer 4-jährigen Bauzeit nur minimale Änderungen vorgenommen. Allerdings gab es mit der Super Nettel II (537/24) ab 1936 etwas Differenzierung. Das ansonsten baugleiche Modell hatte Chrome statt schwarzem Lack, außerdem wurde es exklusiv mit dem 2.8-Tessar verkauft (angeblich in limitierter Auflage von 2000 Stück). Das nun Super Nettel I genannte Basimodell gab es nur noch mit dem 3.5-Tessar oder dem günstigeren Triotar. Zum Ende wurden gar die Preise noch gesenkt, vermutlich um sie den direkten Konkurrenten am Markt anzupassen. Eine tolle Kamera, für meinen Geschmack mit über 600 g etwas zu schwer und groß für das was sie am Ende kann. Aber vielleicht mach ich ja trotzdem mal ein paar Bilder damit…

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera mit Schlitzverschluss für den anspruchsvollen Amateur
Objektiv Carl Zeiss Triotar 5cm f/3.5 (Triplet, nicht vergütet, #1651145, 1935) . Kamera war auch erhältlich mit Tessar 5cm f/2.8 oder f/3.5.
Verschluss Vertikaler Metallrollo-Schlitzverschluss, B-5-10-25-50-100-200-500-1000 1/s. Keine Blitzsynchronisation vorgesehen. Auslöser mit Drahtauslösergewinde im Zentrum des Spanndrehknopfes. Herausziehen dieses Knopfes dient zur Wahl der Verschlusszeit.
Fokussierung mittels Rändelschraube am Drehkeil-Entfernungsmesser. Kürzeste Entfernung ca. 1m. Dieses Exemplar hat die Skala in feet.
Sucher optischer Durchsichtsucher direkt neben Entfernungsmessereinblick. Keine Parallaxenkorrektur.
Filmtransport Mittels Drehknopf an der Kameraoberseite, womit auch der Verschluss gespannt wird. Die Kamera akzeptiert Standard-135er Film und die normale Contaxaufwickelspule. Alternativ können auch Zeiss Ikon Tageslicht-Kassetten verwendet werden, die mit den Schlüsseln an der Unterseite der Rückwand verschlossen werden.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Abnehmbare Rückwand, kompatibel zu Contax-Zubehör wie z.B. Platten/Planfilmadapter, Stativgewinde 1/4‘‘. Vorwärtszählender Bildzähler, Trageösen (nicht selbstverständlich zu der Zeit)
Maße, Gewicht ca. 42 x 70 x 132 mm, 621g
Baujahr(e) 1935-1938, diese #C20968 von 1936. 
Kaufpreis, Wert heute 165 RM (1938), ca. 200€
Links Camera-Wiki, Operating manual, Bedienungsanleitung, Mike Elek, Klaus-Eckard Riess, Meyer.de, Earlyphotography.co.uk, 
Bei KniPPsen weiterlesen Contax II, Leica III, Tenax I, KB Balgenkameras der 30er, Certo Dollina, Zeiss Ikon Kolibri, Dr. Paul Rudolph, Weltini II

Die Super Nettel kostete bei Photo Porst im Jahr 1935 mindestens 198 Reichsmark.  Im Jahr 1938 war die Spitzenversion mit dem 2.8 Tessar nicht mehr im Porst Programm, dafür die Einstiegsversion mit dem Triotar für 165 RM.

2021-03-08

Dr. Paul Rudolph


Heute vor 86 Jahren, am 8. März 1935 starb Paul Rudolph in Nürnberg im Alter von 76 Jahren (geb. am 14.11.1858 in Kahla). Paul Rudolph war der wichtigste Angestellte der Firma Carl Zeiss in Jena und man kann ihn in aller Bescheidenheit den Vater des modernen fotografischen Objektivs nennen. Er schuf die wichtigsten Objektivkonstruktionen, die wir z.T. auch heute noch verwenden. Natürlich hat er nicht alles alleine erfunden und auch bei der Konkurrenz von Zeiss gab es einige gute Köpfe, die andere wichtige Designs erdacht haben. Aber die Lebensleistung dieses Menschen ist im Rückblick sehr beachtlich, der Lebensweg höchst interessant. 
Der begann in relativ bescheidenden Verhältnissen und führte über den zweiten Bildungsweg. Nach mittlerer Reife und einjährigem Militärdienst machte er als Externer das Abitur am Gymnasium in Altenburg (mit Auszeichnung) und studierte dann Physik und Mathematik an den Universitäten von München, Leipzig und Jena. Dort wurde er Assistent seines Professors Ernst Abbe. Nach der Promotion zum Dr. phil. 1884 holte ihn Abbe 1886 als Objektivrechner zu Carl Zeiss, wo er sich zunächst mit Konstruktionen von Mikroskop-Objektiven und Feldstechern beschäftigte.  
Rudolphs erste erfolgreiche Konstruktion war
der Anastigmat, später von Zeiss als PROTAR 
vermarktet. Front- und Rückgruppe konnten
auch als einzelne Objektive verwendet werden. 

Ab 1888 standen fotografische Objektive im Zentrum seines Schaffens und schon am 2. April 1890 wurde seine größte Erfindung zum Patent DRP 56109 angemeldet. Es handelte sich um den ersten Anastigmaten, also ein Objektiv, bei dem dem der berüchtigte Abbildungsfehler Astigmatismus weitgehend korrigiert ist. Er kombinierte dabei geschickt Zerstreuungs- sowie Sammellinsen aus verschiedenen Glassorten, so dass sich deren einzelne Abbildungsfehler gegenseitig aufheben. Erst 1893 brachte der englische Konkurrent Cooke sein berühmtes Triplet auf den Markt, das ebenso gute Abbildungsleistungen zeigte, allerdings mit seinen drei Einzellinsen viel einfacher und günstiger zu bauen war. 
Planar (1896)

Aber da war Rudolph mit seinem Team in Jena schon weiter und berechnete immer neue Kombinationen von Glaslinsen aus neuartigen optischen Gläsern, die vom Jenaer Glaswerk Schott & Genossen, an dem auch  Abbe und Zeiss beteiligt waren, zur Verfügung gestellt wurden. 1896 wurde das berühmte Planar patentiert (DRP 92313), ein sechslinsiger "Doppel-Gauß" mit relativ großer Öffnung und besonders geringer Bildfeldwölbung, ein anderer wichtiger Abbildungsfehler. Das Planar bildet die Basis für die meisten hochwertigen Standard-Objektive bis in die heutige Zeit, trat seinen Siegeszug aber erst nach der Erfindung der Linsen-Vergütung (und damit auch Rudolphs Tod 1935) an.
Tessar f/6.3 (1902)
Paul Rudolph konzentrierte seine Arbeit nach dem guten, aber komplizierten Planar auf einfachere und damit billiger zu realisierende Systeme. 1899 entwickelte er zunächst das vierlinsige UNAR (DRP 134408), das aber nur ein Zwischenschritt darstellte zu seinem berühmtesten Objektiv, dem ebenfalls vierlinsigem TESSAR (DRP 142294), das 1902 rauskam. Zunächst in der damals beachtlichen Lichtstärke f/6.3 gerechnet, wurde es im Laufe der nächsten Jahrzehnte immer weiter durch Verwendung neuer Glassorten auf f/3.5 oder gar f/2.8 verbessert. Mit seinen 4 Linsen in drei Gruppen war es ähnlich simpel zu bauen wie das Cook'sche Triplet, hatte aber deutlich bessere Abbildungsleistungen. Nicht von ungefähr erhielt es seinen Spitznamen "Adlerauge" und wurde für mehr als 70 Jahre DAS Standardobjektiv vieler Kameras. Darin eingeschlossen sind natürlich seine vielfältigen Klone, die schon vor Ablauf der Patentzeit unter Lizenz gebaut wurden, aber natürlich besonders danach. Bekannte Namen sind das Leitz ELMAR, Voigtländer SKOPAR, Schneider XENAR und viele mehr. 

Ab ca. der Jahrhundertwende war das Verhältnis von Rudolph zu seinem Arbeitgeber Carl Zeiss von immer mehr Spannungen geprägt. Es ging wohl auch um Lizenzzahlungen für die vielfältigen und wertvollen Patente, aber auch um Aktivitäten außerhalb seiner eigentlichen Aufgaben als Objektivrechner und Konstrukteur. So war Paul Rudolph auch am Palmos Camerwerk in Jena beteiligt, das 1902 schon nach nur zwei Jahren Betrieb in wirtschaftliche Schieflage geriet und verlustreich von Carl Zeiss gerettet bzw. geschluckt wurde. Der Streit zog sich über ein paar Jahre und wurde schließlich 1910 mit einem Vergleich beendet. Rudolph schied aus dem Angestelltenverhältnis aus, erhielt weiterhin großzügige Lizenzeinnahmen aus seinen Patenten, die ihm ein sorgenfreies Leben als Privatier ermöglichten, durfte aber im Gegenzug nicht bei der Konkurrenz Voigtländer in Braunschweig anheuern. 

Makro Plasmat f/2.7
Von seinem Gut im Vogtland kehrte er 1918 während des ersten Weltkriegs zu einem sog. Zivildiensteinsatz zu Zeiss in Jena zurück und entwickelte in dieser Zeit das Plasmat Objektiv (f/4.5), welches danach in kleiner Stückzahl von Hugo Meyer in Görlitz gebaut wurde. Bei dieser Firma heuerte er im Anschluss mit über 62 Jahren wieder an, weil seine Lizenzeinnahmen in den Zeiten der Inflation wertlos wurden und er davon nicht mehr leben konnte. Für Meyer entwickelte und verfeinerte er die Plasmat Konstruktion immer weiter. Es entstanden die super lichtstarken Kino-Plasmate f/2 und f/1.5 (für Filmkameras) sowie das Macro-Plasmat f/2.7 (DRP 456912) für Kleinbildkameras. Von Meyer-Optik Görlitz wurde es in einer Broschüre als "absolut frei von Verzeichnung und anderen optischen Defekten" beschrieben, war aber zu seiner Zeit auch eines der teuersten Objektive am Markt. Auch heute noch zehrt es von seinem Ruf und Sammler zahlen Unsummen dafür, wie ich neulich feststellen konnte.

Wie es danach mit Paul Rudolph weiterging ist nicht im Detail bekannt, 1928 mit immerhin 70 Jahren muss er wohl noch gearbeitet haben, damals ist das Portrait oben entstanden. Was er in seinem Leben geleistet hat, ist beachtlich. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, solche komplexen mathematischen Optimierungsaufgaben mit Papier, Stift und Rechenschieber zu erledigen. Er starb schließlich 1935 in dem Jahr, in dem seine Nachfolger bei Zeiss in Jena die optische Vergütung von Linsen im Markt eingeführt haben. Ob er das und die damit verbundenen Möglichkeiten für zukünftige Konstruktionen noch realisiert hat, ist leider nicht bekannt.


2021-02-21

Korelle K


Mein neuestes Schmuckstück für die Vitrine heißt Korelle K und ist eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte kleine Kamera. Die Firma Kochmann aus Dresden brachte sie wohl um Ende 1932/Anfang 1933 als Ersatz ihrer Korelle 3x4 auf den Markt, denn dort tummelten sich schon etliche andere 3x4-Kameras mit fast identischen Spezifikationen und man wollte (und konnte) sich hiermit vom Mainstream abheben. Das "K" steht meines Erachtens für Kino-Film (andere behaupten Kleinbild, Kunststoff könnte auch passen), was das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zu den damals "Kleinfilm" genannten 3x4-Kameras für den 127er Rollfilm war. 
Die Korelle K ist eine der ersten Halbformatkameras (18x24 mm auf perforiertem 35mm Kinofilm), die wie eine "normale" Kamera daherkam und einigermaßen kompakt war. Es gab schon in den 1920ern einige Kameras für dieses beim bewegten 35 mm Film übliche Negativformat. Diese sahen allerdings auch aus wie Filmkameras und waren recht groß und umständlich in der Bedienung (z.B. Roth's Minnigraph oder die Ellison Kamra). Lediglich die sehr seltene französische „Les Cent Vues“ (Mollier, ca. 1925)  kann als Vorbild für die Korelle K gelten. Interessanterweise fand das Konzept erst einmal keine weiteren  Nachahmer. Halbformatkameras wurden erst ab Ende der 1950er in Japan wieder populär, z.B. mit so großartigen Kameras wie der Olympus PEN Serie.

Die Korelle K war aber auch in technischer Hinsicht bemerkenswert. Sie war in keinem der folgenden Punkte wirklich die erste Kamera, gehörte aber jeweils zu den Pionieren und zeigte schon 1932, was erst Jahre später technischer Standard werden sollte. 
  • Da ist das Gehäuse aus Bakelit, dem ersten synthetischen Kunststoff mit Relevanz. Obwohl schon 1907 erfunden dauerte es wegen Weltkrieg und anderen Gründen ca. 20 Jahre bis die ersten Alltagsgegenstände daraus verfügbar waren. Als erste Bakelit-Kamera gilt die QRS-Kamra von 1928, ein seltener Ellison Abkömmling. Die erste in größeren Stückzahlen produzierte Kamera aus diesem Kunststoff war 1930 die Kodak No. 2 Hawkette. Meiner Recherche nach war die Korelle K die erste Bakelit-Kamera aus deutscher bzw. europäischer Produktion. Äußerlich geprägt wie feines Leder fasst sich die Korelle auch heute noch sehr gut an. Abnutzung ist an meinem Exemplar nur an den Metallteilen zu erkennen, das Plastik ist erstaunlich arm an Kratzern und hervorragend erhalten. Meine ist schwarz, es gab sie aber auch in braun bzw. rot-braun. 

  • Man sieht es der Kamera nicht direkt an, aber es gab Wechselobjektive mit 5, 7.5 und 10 cm Brennweite. Die Kamera hatte Zeit-typisch einen Compur Zentralverschluss, der aus diesem Grund zusammen mit der Blende hinter dem und nicht im Zentrum des Objektivs zu finden ist. Das übliche 3.5 cm Standard-Objektiv sitzt in einem 22mm Gewinde im Verschluss und kann durch einige Umdrehungen einfach abgeschraubt werden. Objektive wurden von Meyer, Schneider, Zeiss und später auch Leitz angeboten. Vermutlich hat die Kundschaft davon keinen großen Gebrauch gemacht: Kameras mit diesen Teleobjektiven sind heute extrem rar und teuer. 

  • Im Gegensatz zu fast allen anderen Zentralverschluss-Kameras am Markt, hatte die Korelle K als eine der ersten von ihnen einen Gehäuseauslöser.  Gekoppelt mit dem Filmtransport konnte so eine Doppelbelichtungssperre realisiert werden. Dabei entsperrt der Filmtransport den Auslöser nur, spannt aber leider nicht gleichzeitig den Verschluss. Vergisst man dies und drückt dann den Auslöser, erzeugt man leider ein leeres Negativ, weil der Auslöser wieder gesperrt wird und man den Film (ohne Aufnahme) transportieren muss, um ihn wieder zu entsperren. Trotzdem ein Fortschritt, der sich in den 1930er Jahren und dann besonders in den 50ern als Standard durchsetzt.

  • Und dann war da natürlich der Kino-Film, der zusammen mit dem kleinen Negativformat die für diese kompakte Kamera unglaubliche Anzahl von bis zu 100 Aufnahmen pro Filmladung ermöglichte. Es wurden spezielle Patronen mitgeliefert, die vom Fotohändler oder dem Fotografen selbst mit loser 35mm Kinofilm Meterware befüllt wurden. Das war damals auch bei der Leica und der im gleichen Jahr wie der Korelle erschienenen Contax I üblich. Jeder Hersteller hatte eine eigene spezielle Kassette. Erst 1934 erschien mit der Retina Kodak's 135er Kassette. Diese wurde zur Norm, weil sie vor-konfektioniert verkauft wurde und in alle Kameras passte. Zum Glück auch in die Korelle K!
Auf mein eigenes Exemplar habe ich lange gewartet. Die Kamera ist relativ selten, ich vermute nur wenige Tausend Stück, die von Ende 1932 bis ca. 1935 produziert und verkauft wurden. Daher und auch wegen ihrer interessanten Features erzielt sie ordentliche Sammlerpreise. Ich habe also viele der relativ seltenen e-bay Auktionen ziehen lassen müssen und nun recht günstig zuschlagen können. Meine Kamera ist, wie man an den Bildern sieht, super erhalten und funktioniert auch zu 100%. Lediglich der Fokus-Schneckengang ist recht schwergängig und die Filmkassette bzw. Aufwickelspule fehlen. Allerdings passt ja die 135er Patrone und ich habe mir schon eine Aufwickelpatrone gebastelt, sodass ich demnächst mal einen Film riskieren werde. 
Nur die Sache mit dem Filmtransportknopf hat mich zunächst verwirrt: Auf allen offiziellen Darstellungen (Katalogseiten, s.u.) ziert die Kamera ein flacher Knopf, während fast alle Fotos von Kameras den breiten Knopf wie meine zeigen. Die Lösung ist vermutlich simpel: Schraubt man mit den beiden Schräubchen den breiten Knopf ab, kommt darunter der flache zum Vorschein. Ich glaube, dass der breite Knopf wie auch die metallene Kappe auf dem Bildzählwerk es erst im letzten Moment in die Serienproduktion der Kamera geschafft haben. Daher haben sie alle Serienkameras, die Katalogdarstellungen wurden aber von einem Prototypen genommen.   

Datenblatt Frühe Halbformatkamera 18x24 für 35mm-Film in modernem Design. Erste Bakelit-Kamera aus Europa.
Objektiv Carl Zeiss Tessar 3.5 cm f/2.8 (#1415228), auswechselbar über Gewinde. Weitere Objektive erhältlich: Meyer Trioplan 2.8/3.5, 2.8/5 und 2.8/7.5 cm; Tessar 3.5/3.5, 3.5/7 cm; Schneider Xenar 2.9/3.5, 3.5/3.5, 3.5/5, 3.8/7.5, 3.8/10 cm; Leitz Elmar 3.5/3.5, 3.5/5, 4.5/7.5 cm.  
Verschluss Compur T-B-1-2-5-10-25-50-100-300, später auch mit Compur Rapid (1/500 s), Verschluss und Blende hinter dem Objektiv. Compur #2487320
Fokussierung Schneckengang, Verschieben des ganzen Objektivs. Naheinstellgrenze 0.5 m
Sucher optischer Newton-Sucher
Filmtransport Drehrad, Transport entsperrt Gehäuseauslöser, Filmvorschub in aufnehmende Filmpatrone, keine Rückspulung! Filmzählwerk, automatisch vorwärts zählend bis 100, manuelle Rückstellung
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', Drahtauslöseranschluss, Tiefenschärfetabelle aus Metall. Als Zubehör gab es spezielle Filmkassetten und Aufwickelspulen, sowie einen Objektivdeckel aus Bakelit.
Maße, Gewicht Bakelit-Gehäuse: 90x32x56 mm, Kamera gesamt: 90x54x65, 338 g (mit Film)
Baujahr(e) 1932-1935, diese hier laut Objektivseriennummer von 1932
Kaufpreis, Wert heute 130 RM (mit Tessar f/2.8), ca. 300 €, rote erzielen höhere Preise. Solche mit den Teleobjektiven sind sehr wertvoll.
Links Pacific Rim Camera, Camera-Wiki, EarlyPhotography, Half-frame cameras, 
Korelle K im Photo Porst Katalog, 13. Auflage 1935


2020-12-20

Certo Dollina (Ur-Modell)




Was für ein Schnäppchen habe ich da neulich mit dieser Kamera gemacht! Wer meinen Blog hier verfolgt weiß, dass es mir die Kleinbildkameras der 1930er Jahre besonders angetan haben. Also habe ich fast automatisch beim Stöbern durch die ebay Auktionen diese Kamera auf die Beobachtungsliste gesetzt und dann erst nach und nach realisiert, was ich schließlich recht günstig ersteigern konnte. 
Es handelt sich um das Ur-Modell der Certo Dollina von 1935, zu erkennen an der noch offen liegenden Mechanik zum Film-Entsperren und zum Ausklappen des Objektives, oberhalb desselben. Beim später Dollina I genannten, aber fast baugleichen Modell verschwand beides hinter einer Blende. Meine Kamera ziert im Inneren die Seriennummer 387 (!), nur ein einziges Foto einer identisch aussehenden Kamera konnte ich im Internet finden, diese mit der Seriennummer 874. Außerdem sehr ungewöhnlich und an einer Dollina I wohl nicht (mehr) zu finden, ist der Compur-Rapid Verschluss (bis 1/500s). In der einschlägigen Sammlerliteratur wird die Kamera stets mit dem Compur Verschluss (bis 1/300s) beschrieben. Zunächst habe ich an einen späteren Umbau gedacht, allerdings stammen sowohl Objektiv (von 1934) als auch Verschluss (Anfang 1935) aus der Anfangszeit der Certo Dollina Produktion.  


Der Compur-Rapid Verschluss war damals noch sehr neu auf dem Markt und Dollina's wichtigste Konkurrentin Kodak Retina hatte ihn serienmäßig. Daher vermute ich, dass es ein paar Ur-Modelle mit dem Rapid Verschluss gab, Certo aber ab ca. 1936 mit Einführung der anderen Modellvarianten Dollina 0 (unteres Segment mit Einfachverschlüssen und 3-linsigen Objektiven)  und Dollina II (mit gekuppeltem Entfernungsmesser, oberes Segment) den Rapid-Verschluss nur noch am Top-Modell angeboten hat. Die ansonsten baugleiche Dollina I (mittleres Segment) musste danach mit dem Compur vorlieb nehmen. Weitere Details auch zu späteren Dollina Modellen kann man am Besten hier nachlesen. 
Meine Kamera hat für ihre 85 Jahre einen sehr guten Erhaltungszustand, vermutlich wurde sie stets in der ledernen Bereitschaftstasche getragen und sorgfältig behandelt oder/und wenig benutzt. Lediglich der Filmtransport ist sehr schwergängig, funktioniert aber noch! Wie bei vielen Zentralverschlusskameras der Zeit waren Auslöser und Filmtransport noch nicht miteinander gekoppelt, d.h. Doppelbelichtungen oder gar leere Negative musste der Fotograf selbst verantworten. Bei der Dollina muss der Filmtransport erst durch einen Knopf entriegelt werden, der dann aber nach ca. 40 mm Filmvorschub wieder einrastet. Dabei zählt immerhin der Bildzähler automatisch eins hoch. Wer genau wissen will, wie das oder auch das Rückspulen geht, kann das in der Bedienungsanleitung nachlesen, die (leicht zerfleddert) dabei war und die ich hier als Scan gerne zur Verfügung stelle. 
Certo war mit der gesamten Dollina-Serie recht erfolgreich, insbesondere mit den späteren Super-Dollina Modellen, die sogar bis zum Anfang der 1970er Jahre in Dresden produziert wurden. Certo hatte lange trotz der sozialistischen Planwirtschaft eine gewisse Selbständigkeit und wurde erst 1980 in den VEB Pentacon eingegliedert.   

Datenblatt frühe Kleinbildkamera 24x36 für 135er Standard-Kassetten
Objektiv Carl Zeiss Jena Tessar 5cm f/2.8 (#1515140), auch erhältlich mit Schneider Xenar oder Radionar, Meyer Trioplan, Steinheil Cassar. Einfahrbar per Spreizenmechanismus und Balgen, verschwindet hinter belederter Frontkappe.
Verschluss Compur-Rapid (#5059923), T-B-1-2-5-10-25-50-100-250-500. Kamera wurde allerdings meist mit dem Compur ausgeliefert ( bis 1/300s) 
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Gehäusefokussierung per Drehknopf auf Kameraoberseite (bis <0,7m)
Sucher im Gehäuse integrierter optischer Durchsichtsucher
Blitz keine Synchronisation vorgesehen
Filmtransport per Drehrad, manuelle Entriegelung per Knopf, nicht mit dem Auslöser am Objektiv gekoppelt. Automatischer Bildzähler (vorwärts), Rückspulrad. 
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (z.B. für Entfernungsmesser), Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 3/8'', Kameragurtösen, ausklappbarer Hilfsständer für geöffnete Kamera, Tiefenschärfetabelle auf Kamerarückseite. Lederne Bereitschaftstasche, Gelbfilter und Sonnenblende (aufsteckbar) als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 121 x 83 x 38 mm (eingeklappt), 525g
Batterie keine
Baujahr(e) 1935 (Ur-Modell), 1936-1937 als Dollina I, ca. 40,000 Exemplare
Kaufpreis, Wert heute ca. 80-100 RM (1935), ca. 200 € (Ur-Modell), 50-100 € Dollina I
Links Compur History, Wikipedia, Camera-Wiki, Dresdner Kameras, Earlyphotography.co.uk, The Living Image, 
Bei KniPPsen weiterlesen      Kodak Retina 118, Kodak Retina 126, Kodak Retina I, Agfa Karat 6.3, Welta Welti, Baldina, 3x4-Kleinfilmkameras,  Bedienungsanleitung

2020-02-23

VEB Belca Beltica (Balda Baldina)

Kommt irgendwem dieses Kameradesign bekannt vor? Na klar, diese Kamera habe ich hier schonmal vorgestellt, und zwar als Balda Jubilette von 1938. Eigentlich heißt die Kamera Baldina, war eine der Konkurrentinnen zur Kodak Retina und wurde ab 1935 angeboten. Gebaut wurde sie vom Balda Werk-Max Baldeweg in Dresden bis 1941 und dann wieder nach Kriegsende von 1946 bis 1950. Max Baldeweg (1877-1955), damals schon Ende 60 verließ bei der Enteignung seiner Firma 1946 Dresden und gründete seine Firma im Westen (Bünde/Westfahlen) neu. Nach Namenstreitigkeiten firmierte das Werk in Dresden dann ab 1951 ein paar Jahre unter dem Namen VEB Belca und wurde letztendlich vom VEB Pentacon absorbiert. Aus der Baldina wurde 1951 die Beltica, auch der VEB-eigene Verschluss hieß nun Cludor. Ansonsten änderte sich nicht viel. Balda im Westen produzierte ab 1951 eine sehr ähnliche Kamera unter dem Namen Baldinette. 

Die Beltica von 1951 neben ihrer Ahnin Jubilette von 1938.
Mein Exemplar habe ich auf der Kamerabörse in Groß-Umstadt gefunden. Sie ist sehr gut erhalten und im Prinzip fotografierbereit. Hier und da ein paar "Zeiss Bumps", ansonsten in einem sehr gepflegten Zustand. Technisch gesehen, ist die Kamera kein Meilenstein, die wesentliche Neuerung im Vergleich zum Vorkriegsmodell ist die T-Vergütung des Objektivs. Aber ihr Beispiel ist irgendwie ein Zeitzeugnis, sowohl für den Stillstand bei der technischen Entwicklung, den der Krieg erzeugte, als auch für die Geschichte der deutschen Teilung.  


Datenblatt Faltbalgen-Sucherkamera für KB-Film (135)
Objektiv Carl-Zeiss Jena Tessar 5cm f/3.5 (4 Linsen, vergütet). Auch mit Meyer Trioplan oder Ludwig Meritar erhältlich.
Verschluss Cludor Zentralverschluss, B-1-2-5-10-25-50-100-200. Muss einzeln gespannt werden, allerdings Auslöser am Gehäuse.
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell durch Verschieben des gesamten Objektivs (ab 0.8 m), keine Scharfstellhilfe.
Suchereinfacher, Fernrohrsucher, mit Parallaxenkorrektur-Drehrad. 
Blitz Blitzbuchse am Verschluss.
Filmtransport Mit Drehknopf auf der Unterseite, Bildzählwerk (vorwärtszählend), Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Gehäuseauslöser, Anschluss für ISO-Drahtauslöser, Stativgewinde 3/8", Trageschlaufe.
Maße, Gewicht ca. 123x83x38 mm,  442 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1951-(?), davor von 1946-1950 als  Balda Baldina. Diese hier laut Objektiv-Seriennummer von 1951.
Kaufpreis, Wert heute 260 M (1951), heute ca. 30 €.
externe Quellen und Links Camera-Wiki, Instruction manual (english), Die-Fischers-Online, Fotoapparate Meier, Dresdener Kameras, Wikipedia, Lippisches Kameramuseum
bei KniPPsen weiterlesenBalda Jubilette, Kodak Retina (118), Kodak Retina (010), Kodak Retina (126), Welta Welti, Zeiss Ikon Tenax I.

2019-06-17

Welta Welti



Faltbalgenkameras für Rollfilm (wie z.B. diese Vollenda) waren in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine sehr beliebte und weit verbreitete Kameraklasse. Kodak (Nagel Kamerawerke) waren die ersten, die dieses Design auch für den Kleinbildfilm nutzten. Mit der Kodak Retina von 1934 führten sie auch gleich die noch heute gebräuchliche 135er Patrone ein. Aber schon 1935 gab es erste Konkurrenten mit fast identischen Merkmalen auf dem Markt. Eine der wichtigsten davon war die Welti vom Welta Kamerawerk in Freital bei Dresden.  

Die Welti im Porst Katalog von 1938.
Ich war schon länger an einer interessiert, jetzt hat es endlich sehr günstig geklappt. Allerdings ist mein Exemplar ganz schön ramponiert (wie man an den Fotos sieht), das Leder ist an allen vier Ecken der Frontklappe abgeschubbelt und der kleine Klappständer fehlt. Ich habe ihn für das Foto oben durch ein kleines Stück Plastik ersetzt. Ansonsten schein alles zu funktionieren.
Die Kamera wurde von 1935 an bis zum Kriegsbeginn mit (wie damals üblich) kleineren Modifikationen und immer weiteren Verbesserungen gebaut. Die allerersten Versionen hatten noch sehr flache Drehknöpfe für Filmtransport und Rückspulen, außerdem fehlte zunächst der Gehäuseauslöser (man musste stattdessen vorne am Verschluss einen Hebel betätigen). Der Sucher tauschte im Laufe der Zeit seinen Platz mit dem Zubehörschuh und wanderte auf die linke Seite.
Diese Evolution war spätestens 1937 abgeschlossen, wie die Abbildung im Photo-Porst Katalog von 1937 links zeigt. Man konnte die Kamera mit zwei verschiedenen Verschlüssen und mindestens vier Objektiven kaufen, später kamen weitere solche Varianten dazu und andere fielen weg. Welta verkaufte auch eine Low-Budget-Version unter dem Namen Weltix, eine ebenfalls einfache Export-Version mit Namen Watson, sowie die High-End Variante Weltini mit eingebautem Entfernungsmesser und besseren Objektiv-Varianten.
Wie viele andere Feinmechanik-Betriebe wurde auch das Welta Kamerawerk in die Rüstungsproduktion für den Krieg eingespannt, wann genau die Welti-Produktion zum Erliegen kam ist mir nicht bekannt, aber ab 1940 dürften kaum welche mehr gebaut worden sein.  Ab 1942 war es jedenfalls ganz aus mit dem Kamerabau bei Welta und 1946 wurden dann die Produktionsmaschinen demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion geschafft. Ab 1947 ging es allerdings mit dem Wiederaufbau los, zunächst wurden die Werkzeuge neu gebaut, dann die Kameraproduktion mit den alten Modellen hochgefahren. Spätestens ab 1949, vermutlich früher,  wurden auch wieder Weltis hergestellt, wie mein Exemplar beweist. Sowohl die Serienummern des Objektivs (3238132) als auch des Compur Veschlusses (657xxxx) gehören ins Jahr 1949, leider hat Welta seine Gehäuse nie mit einer eigenen Nummer versehen. Damit entfällt leider auch die Möglichkeit daraus Produktionszahlen abzuleiten.   


Irgendwann Anfang der 1950er (vermutlich 1953) gab es endlich wieder ein Update, aus der Welti I wurde die Welti 1c, im Prinzip immer noch die selbe Kamera, allerdings mit einer mehr zeitgemäßen Gehäuseoberkappe. Außerdem griffen die Handelsbarrieren (z.B. Währung) zwischen Ost- und Westdeutschland: Die Compur Verschlüsse von Deckel in München wurden zunehmend durch ostdeutsche Varianten wie den Vebur ersetzt, als Objektive kamen am Ende fast ausschließlich das Carl Zeiss Jena Tessar (f/2.8, 4 Linsen) sowie das Meyer Trioplan (f/2.9, 3 Linsen) zum Einsatz. Bis in die 1960er Jahre hinein soll diese Kamera produziert worden sein, Genaues weiß ich leider nicht.

Zum Schluss hier links noch ein kleines Feature der Kamera, was die Welti der Retina vorraus hatte. Von einer Feder gespannt und einem kleine Hebelchen gehalten bzw. verstellt gibt es einen Parallaxenausgleich des Suchers für Nahaufnahmen. Ansonsten spricht im direkten Vergleich nicht viel für die Welti. Sie ist die deutlich klobigere Kamera und kostete (1937) bei ähnlichem Objektiv und Verschluss ca. 12 RM (15%) mehr als die nach meinem Geschmack einfacher zu bedienende Retina. Aber mal sehen, ich habe noch einen Konkurrenten ergattern können und da mache ich dann einen umfassenderen Vergleich...




Datenblatt Faltbalgen-Sucherkamera für KB-Film (135)
Objektiv Carl Zeiss Jena Tessar 5cm f/3.5. Auch mit Schneider Xenar oder Xenon, bzw. weiteren Objektiven erhältlich.
Verschluss Compur-Rapid Zentralverschluss, B-1-2-5-10-25-50-100-250-500. Einfachere Version auch mit Compur (bis 1/300 s).
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab 1 m), keine Scharfstellhilfe.
Suchereinfacher, Fernrohrsucher, mit schaltbarer Parallaxenkorrektur.
Blitz kein Anschluss.
Filmtransport Mit Drehknopf, Bildzählwerk (vorwärtszählend 1-36), Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Automatische Rückstellung auf Unendlich beim Einklappen, Gehäuseauslöser,  Tiefenschärfe-Tabelle auf der Rückseite, Zubehörschuh (z.B. für Aufsteck-Entfernungsmesser), Stativgewinde 3/8", keine Trageösen, Bereitschaftstasche als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 125x80x40 mm,  540 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1935-1939 (1941?), und 1948-1953(?), diese hier von 1949.
Kaufpreis, Wert heute 87 -137 RM (1938, je nach Objektiv), heute ca. 30 €.
externe Quellen und Links Camera-Wiki, Instruction manual (english), Welta Prospekt 1939, Kurt Tauber, Dresdener Kameras, Wikipedia
bei KniPPsen weiterlesenKodak Retina (118), Kodak Retina (010), Kodak Retina (126), Balda Jubilette,Weltini II, Zeiss Ikon Tenax I, Wichtigste KB-Kameras 1937 (Porst Katalog)

2018-09-09

Zeiss Ikon Contessa (10.0632)


Diese interessante Kamera fiel mir gestern auf einem Flohmarkt in die Hände. Äußerlich extrem gut erhalten, der Belichtungsmesser funktionierte, nur leider ließ sie sich weder auslösen noch spannen. Für mich die Gelegenheit den Preis auf 5€ zu drücken. Zuhause habe ich kurzentschlossen den Schraubenzieher in die Hand genommen und hatte in wenigen Minuten das Ding wieder vollständig funktionstüchtig. Lediglich ein Häkchen des Verschlussaufzugs war aus seiner Nut gerutscht.

Contessa ist ein berühmter Kameraname. So hieß zunächst im Jahr 1908 ein 9x12-Modell der Kamerawerke Drexler&Nagel, das später sogar der Firma ihren Namen gab. Diese Firma wurde in den 20er Jahren zur Fusion zum Kameragiganten Zeiss Ikon gezwungen, der nicht nur die Produktionsstätte in Stuttgart, sondern natürlich auch den Namen Contessa übernahm. Ihr Gründer August Nagel wurde später Direktor und Chefentwickler der deutschen Kodak, der mit den Retina Kameras einer der größten Konkurrenten von Zeiss Ikon wurde.


Nach dem zweiten Weltkrieg erinnerte sich Zeiss Ikon wieder seiner Marke und brachte 1950 mit der Contessa 35 (interne Modellnummer 533/24) eine hochwertige Messsucher-Faltbalgenkamera für den Kleinbildfilm. Nach einem kleineren Upgrade 1953 (Synchro-Compur, MX) wurde deren Produktion aber schon 1955 wieder eingestellt. Zu groß war die Konkurrenz am Markt, insbesondere Kodak Retina und auch Voigtländer Vitessa boten z.T. mehr zu kleinerem Preis.  Auch griff, wer sich die super-teure Contessa leisten konnte, ggf. lieber zur Contax oder Leica. Zeiss Ikon war (mal wieder) zu kompliziert und teuer. 

Erfolg hatte man allerdings mit den einfacheren Contina Modellen. Ab 1960 gab es dann wieder eine zeitgemäße, einfachere, aber doch gut ausgestattete Kameraserie unter dem Namen Contessa. Diese Kamera hier machte den Anfang. Spätere Kameras der Serie trugen auch Bezeichnungen wie Contessamat oder Contessamatik, auch wurden Buchstabenkürzel verwendet, um die Modelle untereinander abzugrenzen. Diese hier wurde aber noch schlicht Contessa genannt, selbst auf das 35 verzichtete man.

Diese Kameras waren am Anfang der 60er Jahre wohl noch recht erfolgreich. Aber schon während dieses Jahrzehnts zeigte sich auch in Deutschland, was die Japaner zu produzieren im Stande waren, und das meist preiswerter als die heimischen Produkte. Anfang der 1970er dann kam mit der S310 die letzte Contessa-Generation auf den Markt. Es war ein fast schon verzweifelter Versuch von Zeiss Ikon mit einem von Voigtländer entwickelten Modell der japanischen Marktmacht noch etwas entgegen zu setzen. Aber darüber habe ich ja schon geschrieben.


Datenblatt KB-Sucherkamera
Objektiv 50 mm f/2.8 Carl Zeiss Tessar (4 Linsen in 3 Gruppen).
Verschluss Pronto Zentralverschluss, B-30-60-125-250
Belichtungsmessung eingebauter, ungekuppelter Selenbelichtungsmesser, 9-33 DIN
Fokussierung Manuell am Objektiv, keine Scharfstellhilfe.
SucherGroßer, optischer Sucher mit eingespiegeltem Leuchtrahmen
Blitz Synchronbuchse.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (rückwärtszählend), Rückspulkurbel im Boden der Kamera.
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Zubehörschuh.
Keine (!) Trageösen, Bereitschaftstasche notwendig (s. Bild).
Maße, Gewicht ca. 117x84x70 mm, 559 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1960-1961 (andere Quelle: 1963?). Diese Y71457 ca. 1960
Kaufpreis, Wert heute ca. 250 DM (1960), heute ca. 40 €.
Links Collection Appareils,  Camera-Wiki