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2021-03-08

Dr. Paul Rudolph


Heute vor 86 Jahren, am 8. März 1935 starb Paul Rudolph in Nürnberg im Alter von 76 Jahren (geb. am 14.11.1858 in Kahla). Paul Rudolph war der wichtigste Angestellte der Firma Carl Zeiss in Jena und man kann ihn in aller Bescheidenheit den Vater des modernen fotografischen Objektivs nennen. Er schuf die wichtigsten Objektivkonstruktionen, die wir z.T. auch heute noch verwenden. Natürlich hat er nicht alles alleine erfunden und auch bei der Konkurrenz von Zeiss gab es einige gute Köpfe, die andere wichtige Designs erdacht haben. Aber die Lebensleistung dieses Menschen ist im Rückblick sehr beachtlich, der Lebensweg höchst interessant. 
Der begann in relativ bescheidenden Verhältnissen und führte über den zweiten Bildungsweg. Nach mittlerer Reife und einjährigem Militärdienst machte er als Externer das Abitur am Gymnasium in Altenburg (mit Auszeichnung) und studierte dann Physik und Mathematik an den Universitäten von München, Leipzig und Jena. Dort wurde er Assistent seines Professors Ernst Abbe. Nach der Promotion zum Dr. phil. 1884 holte ihn Abbe 1886 als Objektivrechner zu Carl Zeiss, wo er sich zunächst mit Konstruktionen von Mikroskop-Objektiven und Feldstechern beschäftigte.  
Rudolphs erste erfolgreiche Konstruktion war
der Anastigmat, später von Zeiss als PROTAR 
vermarktet. Front- und Rückgruppe konnten
auch als einzelne Objektive verwendet werden. 

Ab 1888 standen fotografische Objektive im Zentrum seines Schaffens und schon am 2. April 1890 wurde seine größte Erfindung zum Patent DRP 56109 angemeldet. Es handelte sich um den ersten Anastigmaten, also ein Objektiv, bei dem dem der berüchtigte Abbildungsfehler Astigmatismus weitgehend korrigiert ist. Er kombinierte dabei geschickt Zerstreuungs- sowie Sammellinsen aus verschiedenen Glassorten, so dass sich deren einzelne Abbildungsfehler gegenseitig aufheben. Erst 1893 brachte der englische Konkurrent Cooke sein berühmtes Triplet auf den Markt, das ebenso gute Abbildungsleistungen zeigte, allerdings mit seinen drei Einzellinsen viel einfacher und günstiger zu bauen war. 
Planar (1896)

Aber da war Rudolph mit seinem Team in Jena schon weiter und berechnete immer neue Kombinationen von Glaslinsen aus neuartigen optischen Gläsern, die vom Jenaer Glaswerk Schott & Genossen, an dem auch  Abbe und Zeiss beteiligt waren, zur Verfügung gestellt wurden. 1896 wurde das berühmte Planar patentiert (DRP 92313), ein sechslinsiger "Doppel-Gauß" mit relativ großer Öffnung und besonders geringer Bildfeldwölbung, ein anderer wichtiger Abbildungsfehler. Das Planar bildet die Basis für die meisten hochwertigen Standard-Objektive bis in die heutige Zeit, trat seinen Siegeszug aber erst nach der Erfindung der Linsen-Vergütung (und damit auch Rudolphs Tod 1935) an.
Tessar f/6.3 (1902)
Paul Rudolph konzentrierte seine Arbeit nach dem guten, aber komplizierten Planar auf einfachere und damit billiger zu realisierende Systeme. 1899 entwickelte er zunächst das vierlinsige UNAR (DRP 134408), das aber nur ein Zwischenschritt darstellte zu seinem berühmtesten Objektiv, dem ebenfalls vierlinsigem TESSAR (DRP 142294), das 1902 rauskam. Zunächst in der damals beachtlichen Lichtstärke f/6.3 gerechnet, wurde es im Laufe der nächsten Jahrzehnte immer weiter durch Verwendung neuer Glassorten auf f/3.5 oder gar f/2.8 verbessert. Mit seinen 4 Linsen in drei Gruppen war es ähnlich simpel zu bauen wie das Cook'sche Triplet, hatte aber deutlich bessere Abbildungsleistungen. Nicht von ungefähr erhielt es seinen Spitznamen "Adlerauge" und wurde für mehr als 70 Jahre DAS Standardobjektiv vieler Kameras. Darin eingeschlossen sind natürlich seine vielfältigen Klone, die schon vor Ablauf der Patentzeit unter Lizenz gebaut wurden, aber natürlich besonders danach. Bekannte Namen sind das Leitz ELMAR, Voigtländer SKOPAR, Schneider XENAR und viele mehr. 

Ab ca. der Jahrhundertwende war das Verhältnis von Rudolph zu seinem Arbeitgeber Carl Zeiss von immer mehr Spannungen geprägt. Es ging wohl auch um Lizenzzahlungen für die vielfältigen und wertvollen Patente, aber auch um Aktivitäten außerhalb seiner eigentlichen Aufgaben als Objektivrechner und Konstrukteur. So war Paul Rudolph auch am Palmos Camerwerk in Jena beteiligt, das 1902 schon nach nur zwei Jahren Betrieb in wirtschaftliche Schieflage geriet und verlustreich von Carl Zeiss gerettet bzw. geschluckt wurde. Der Streit zog sich über ein paar Jahre und wurde schließlich 1910 mit einem Vergleich beendet. Rudolph schied aus dem Angestelltenverhältnis aus, erhielt weiterhin großzügige Lizenzeinnahmen aus seinen Patenten, die ihm ein sorgenfreies Leben als Privatier ermöglichten, durfte aber im Gegenzug nicht bei der Konkurrenz Voigtländer in Braunschweig anheuern. 

Makro Plasmat f/2.7
Von seinem Gut im Vogtland kehrte er 1918 während des ersten Weltkriegs zu einem sog. Zivildiensteinsatz zu Zeiss in Jena zurück und entwickelte in dieser Zeit das Plasmat Objektiv (f/4.5), welches danach in kleiner Stückzahl von Hugo Meyer in Görlitz gebaut wurde. Bei dieser Firma heuerte er im Anschluss mit über 62 Jahren wieder an, weil seine Lizenzeinnahmen in den Zeiten der Inflation wertlos wurden und er davon nicht mehr leben konnte. Für Meyer entwickelte und verfeinerte er die Plasmat Konstruktion immer weiter. Es entstanden die super lichtstarken Kino-Plasmate f/2 und f/1.5 (für Filmkameras) sowie das Macro-Plasmat f/2.7 (DRP 456912) für Kleinbildkameras. Von Meyer-Optik Görlitz wurde es in einer Broschüre als "absolut frei von Verzeichnung und anderen optischen Defekten" beschrieben, war aber zu seiner Zeit auch eines der teuersten Objektive am Markt. Auch heute noch zehrt es von seinem Ruf und Sammler zahlen Unsummen dafür, wie ich neulich feststellen konnte.

Wie es danach mit Paul Rudolph weiterging ist nicht im Detail bekannt, 1928 mit immerhin 70 Jahren muss er wohl noch gearbeitet haben, damals ist das Portrait oben entstanden. Was er in seinem Leben geleistet hat, ist beachtlich. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, solche komplexen mathematischen Optimierungsaufgaben mit Papier, Stift und Rechenschieber zu erledigen. Er starb schließlich 1935 in dem Jahr, in dem seine Nachfolger bei Zeiss in Jena die optische Vergütung von Linsen im Markt eingeführt haben. Ob er das und die damit verbundenen Möglichkeiten für zukünftige Konstruktionen noch realisiert hat, ist leider nicht bekannt.


2020-12-24

Bentzin Primarette mit Meyer Makro Plasmat


Manchmal erstaunen mich Dinge so sehr, dass ich es nicht lassen kann, darüber zu schreiben. Wie zum Beispiel extreme Preise, die bei Kamera-Auktionen erzielt werden. Ich hatte hier schon mal eine Nikon F, die nur wegen ihrer niedrigen Seriennummer plötzlich für ein Vielfaches ihres "normalen" Wertes verkauft wurde. Bei dieser Primarette des eher unbekannten Kamerahersteller Bentzin war mir erst nicht klar, was (in diesem Fall) mehrere Bieter dazu bewegt, ein gutes Brutto-Monatsgehalt für eine seltsame, ca. 85 Jahre alte Kamera zu bieten. 
Zugegeben, die Kamera selbst ist schon etwas Besonderes mit ihrem extra Sucherobjektiv, das ein umgekehrtes Bild auf eine Mattscheibe projiziert. Damit ließ sich sicher besonders präzise scharf stellen, fast wie bei einer zwei-äugigen Spiegelreflex (TLR), die sie aber nicht war.  
Nach etwas recherchieren ist mir jetzt aber klar, was hier den Preis nach oben getrieben hat: Es ist das Objektiv! Mit anderen Objektiven (z.B. einem Zeiss Tessar oder einem Meyer Trioplan) liegt das normale Preisniveau für die Kamera so um die 1000€, immer noch viel für eine eher unbekannte Marke der 1930er. 

Das Objektiv aber scheint unter einigen Photographica Sammlern einen gewissen Kultstatus zu besitzen und hatte wohl schon in den 1930ern den Ruf, eines der besten, wenn nicht DAS beste Objektiv auf dem Markt zu sein. Von Meyer wird es in einer Broschüre recht unbescheiden als "absolut frei von Verzeichnung und anderen optischen Defekten" bezeichnet. Es wurde in seiner späten Zeit bei Meyer Optik in Görlitz vom ehemaligen Zeiss-Forscher Dr. Paul Rudolph entwickelt, dem "Vater" von u.a. Tessar und Planar. Weil es vermutlich damals schon vergleichsweise teuer war, ist es heute eher selten anzutreffen, und sowas treibt natürlich Sammlerpreise nach oben. 
Trotzdem ist es mir schleierhaft, warum das Objektiv heute in relativ aktuellen Fassungen (z.B. Leica M) als Umbau angeboten wird und dafür 4 bis 5-stellige Summen verlangt werden. Man muss bedenken, die Linsen sind nicht vergütet und können wohl trotz der damaligen Leistungsdaten mit heutigen Spitzenobjektiven nicht mehr mithalten! Ich möchte jeden einladen, mal bei ebay "Plasmat 2.7" zu suchen und zu staunen, welche Preise für so alte Objektive noch aufgerufen werden. Ich werde jedenfalls am Thema nochmal dranbleiben und hoffe, dass mir der Verkäufer der Kamera verzeiht, dass ich seine Fotos für diesen Beitrag "geklaut" habe.