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2022-01-22

Zenith 80 (САЛЮТ, Salyut, Kiev 80)


Mit meinem Sammelanspruch nach bedeutenden Kameras, die die Entwicklung der Industrie über die Zeit geprägt haben, gehört eigentlich eine Hasselblad in meine Vitrine und auf diesen Blog. Hier natürlich entweder Victor Hasselblads erstes Modell 1600 F von 1948 oder eine 500 C/M (die vermutlich bedeutendste professionelle 6x6-Systemkamera). Aber die Dinger waren (und sind) als professionelle Arbeitsgeräte sehr teuer und auch heute in Sammlerkreisen sehr beliebt. Die aufgerufenen Preise (> 1000€) stoßen sich mit meinem anderen Anspruch möglichst preiswert bei meinen Sammelobjekten zu bleiben.
Daher wurde es statt dessen eine "Hasselbladski", so der Spitzname für die sowjetische САЛЮТ (Salyut), die ein sehr naher Hasselblad 1000 F Nachbau ist und sich zu einer eigenen Kameralinie weiterentwickelt hat, wobei die äußere Anmutung sehr nah am Original blieb. Während bei der Hasselblad immer wieder innovative neue Modelle eingeführt wurden, ist die Geschichte der Salyut/Kiev-Reihe relativ schnell erzählt: Die erste Version  der Salyut (1957-1959) hatte noch einen Selbstauslöser und eine schnellste Verschlusszeit von 1/1500 s. Beides wurde schrittweise aufgegeben, der sogenannte Typ 3 (1965-1974) hatte die hier gezeigten Features und wurde als Exportmodell (manchmal als Typ 4 bezeichnet) unter den Namen Zenith-80 und Revue 6x6 im westlichen Ausland verkauft. 
Systemkamera für den professionellen Einsatz. Vieles ist sogar mit dem originalen Hasselblad-Zubehör kompatibel. 

Ab 1972 gab es dann die Salyut-C mit modifiziertem Objektivanschluss (automatische Springblende). Diese wurde als Kiev-80 in den Westen exportiert. Ab ca. 1984 hießen alle Kameras dann Kiev-88 und hatten einen (heißen) Blitzschuh. Später (in den 1990ern ?) gab es die Kiev-88 CM mit Pentacon/Praktisix-Bajonett. Die eigentliche Produktion der Kamera endete wohl ca. 2004. Allerdings gibt es immer noch soviele Restbestände bzw. Ersatzteile, dass die Firma Arax in Kiev, die einige ehemalige Arsenal Mitarbeiter übernommen hat, manuell instandgesetzte und getestete Kameras heute immer noch verkauft. 
Im Netz liest man viel über die zum Teil schlechte Verarbeitung und fehlerhafte Verschlüsse und vieles mehr. Es wird immer wieder die Warnung ausgesprochen, bloß nicht die Verschlusszeit zu verstellen, wenn die Kamera nicht gespannt ist, das würde die Mechanik ruinieren. Man liest allerdings auch, dass die frühen Exemplare noch aus solidem Stahl gefertigt wurden, das ab den 80ern zum Teil durch weicheres Messing ersetzt wurde. Dadurch sind wohl die späteren Exemplare anfälliger für Fehler. Ich jedenfalls war sehr gespannt, bis ich mein Exemplar endlich bekommen habe.

Und, ich muss sagen, ich war sehr angetan. Der erste Eindruck war ein "Wow!", was ein Klotz. Sie liegt mit ihren ca. 1,5 kg schwer in der Hand und ist tatsächlich größer als sie auf Fotos wirkt. Der Druck auf den Auslöser lässt satt den Spiegel hochklappen und den Verschluss ablaufen und beim Dreh am großen Aufzugsdrehrad wackelt nichts. Meine Kamera hatte zwei kleine Dellen auf dem Lichtschachtdeckel, ansonsten ist sie fast tadellos in Schuss. Alle Chromleisten glänzen, keinerlei Kratzer oder abgeschubbelte Ecken, das Leder überall bis in alle Ecken solide verklebt. Trotzdem wirkt sie durchaus benutzt und ich habe auch keine Angst dies zu tun. Der Verschluss scheint bei allen Zeiten richtig abzulaufen und ich werde noch auf besseres Wetter und Lichtverhältnisse warten und dann mal den einen oder anderen Rollfilm riskieren, den ich noch besitze...

Datenblatt Mittelformat-SLR (6x6, 120er Film) mit Wechselmagazin (Hasselblad Nachbau)
Objektiv Industar-29 80 mm f/2.8 (vergütet, Tessar Typ), auswechselbar über Salyut-B (Hasselblad 1600f/1000f) Bajonett. Halbautomatische Springblende.
Verschluss horizontaler Metallfolien-Schlitzverschluss, B-2-4-8-15-30-60-125-250-500-1000 1/s
Belichtungsmessung keine, mittels TTL-Prismensucher nachrüstbar
Fokussierung manuell am Objektiv, Naheinstellgrenze 90 cm, Fresnel-Mattscheibe.
Sucher Lichtschachtsucher, austauschbar gegen Prismensucher oder Lupensucher
Blitz Anschluss über PC-Buchse, umschaltbar M und X. Synchronzeit 1/30s
Filmtransport Mittels Drehrad an der rechten Kameraseite, ganze Umdrehung notwendig, dies spannt gleichzeitig den Verschluss. Mechanisches Bildzählwerk am Magazin, durch ein verschließbares zentrales Loch im Magazin kann auch auf die Nummer des Rückzeitenpapiers geschaut werden.
sonst. Ausstattung auswechselbares Filmmagazin für 120er Rollfilm (6x6), optional sind auch Magazine für 6x4.5 und Polaroid ansetzbar. Auslösesperre bei eingesetztem Magazinschieber, Drahtauslösergewinde, 2 x 3/8'' Stativgewinde, Gurtösen, Merkscheibe für Filmempfindlichkeit.
Maße, Gewicht ca. 170x100x100 mm, Objektiv 307g, Gehäuse 631g, Lichtschacht 71g, Magazin 456g, Gesamt: 1465g 
Baujahr(e) 1957-1973 (74?), 3 Versionen, diese letzte Version von ca. 1968-1973 auch unter den Export-Varianten Zenith-80 (UK) und Revue-6x6 (Foto Quelle, BRD), insgesamt ca. 50,000 Exemplare, diese #7104380 von 1971.
Kaufpreis, Wert heute UdSSR: 400 Rubel (6 durchschn. Monatsgehälter), heute je nach Zustand 100-300 €.
Links User-ManualCamera-WikiRepair Manual, Steve Ash, Commiecameras, Film einlegen, Fotoua.com, Kievaholic Club, Matt's Classic CamerasSovietcams.comWolfram Klein

2021-10-14

Rolleicord V




Eigentlich gehören zweiäugige Spiegelreflexkameras (Twin Lens Reflex, TLR) nicht in mein Beuteschema (diese Ausnahmen bestätigen die Regel ;-). Die schöne Rolleicord V habe ich neulich zum Geburtstag geschenkt bekommen und ihr gebührt natürlich ein Platz in meiner Sammlung und ein ordentlicher Beitrag hier. Sie stammt aus dem Nachlass eines ehemaligen Lehrers, der sie als junger Mann ca. 1955 gekauft und wohl bis in die 1980er Jahre hinein verwendet hat. Jedenfalls zeugte noch der Rollfilm davon, den ich im Inneren noch gefunden habe (war nichts drauf, siehe Verschlussdefekt unten).

Rollei, oder wie sie damals noch hießen: Franke & Heidecke aus Braunschweig hatten 1929 mit ihrer Rolleiflex den TLR-Standard gesetzt, der von vielen Kameraherstellern kopiert, aber auch von F&H selbst immer weiterentwickelt wurde. Schon 1933 kam die günstigere Rolleicord als Alternative, um selbst mit der Rolleiflex an der technologischen Spitze zu bleiben, aber den Wettbewerbern nicht den günstigeren Massenmarkt komplett zu überlassen. Die Rolleiflex hatte ab der 2. Version (1932) ihren berühmten Schnellschalthebel (die "Kurbel", engl. "Crank") für gleichzeitigen Filmtransport und Verschlussaufzug und andere technische Neuerungen an Bord. Mit etwas Verzögerung fanden viele dieser Features auch ihren Weg in eine neue Rolleicord Version, die Kurbel blieb aber bis zum Schluss alleine der Rolleiflex vorbehalten.


Rolleicords wurden von 1933 bis 1977 gebaut. Sammler unterscheiden heute insgesamt 19 Modelle. Diese Version V (1954-1957) war tatsächlich Variante Nummer 14 und hatte als bestes Erkennungsmerkmal den großen Scharfstellknopf auf der rechten Kameraseite, frühere Versionen hatten einen kleineren Knopf, spätere den großen auf der linken Kameraseite. Ansonsten war sie sehr gut ausgestattet (siehe Tabelle unten) und alle nachfolgenden Modelle brachten nur noch kosmetische Änderungen oder Erleichterungen bei der Bedienung.

Mein Exemplar hatte nach Jahrzehnten der Nichtbenutzung leider durch (zu viel) verharztes Öl verklebte Verschlusslamellen. Der Verschluss ließ sich zwar spannen und auslösen. Die Lamellen zuckten dabei kurz, öffneten aber nicht mehr. Ich habe mich also kurzerhand daran gemacht, das wieder zu beheben. Dazu habe ich die Kamera soweit wie auf dem Bild links zu sehen zerlegt und mit ein paar Tröpfchen Waschbenzin, die man gleich danach wieder wegtupft, das überschüssige Fett entfernt. Dabei immer wieder bei allen möglichen Zeiten auslösen und die Prozedur wiederholen bis alles wieder wie gewünscht läuft. Neues Öl sollte man sich lieber sparen. Wer das nachmachen möchte: eine Anleitung gibt es hier

 Insgesamt wurden im Laufe der 44 Produktionsjahre mehr als 450,000 Rolleicord produziert. Natürlich ist sie auch millionenfach kopiert worden. Die erfolgreichste Kopie ist vermutlich die Seagul 4B-1, sie war 1987 meine erste Mittelformatkamera. 
Im Gegensatz zur Rolleiflex, die noch bis in die 2010er Jahre gebaut wird (immer noch??) und bei Profis und Sammlern Käufer findet, wird die Produktion der Rolleicord 1977 eingestellt. Ihre Zielgruppe, der Fotoamateur, hatte sich endgültig der Kleinbildkamera zugewandt.

Datenblatt TLR, zweiäugige Spiegelreflexkamera (6x6 cm auf Rollfilm 120)
Objektiv Schneider  Xenar 75 mm f/3.5 (Tessar-Typ 4 Linsen in 3 Gruppen, #4040280) , Sucherobjektiv Heidosmat 75 mm f/3.2 (#40014).
Verschluss Synchro-Compur MXV, B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500 (1/s), Verschluss muss separat vom Filmtransport gespannt werden. Es gibt eine Doppelbelichtungssperre, die per Hebel aufgehoben werden kann. (interne Seriennummer 1320328).
Belichtungsmessung keine, EVS-System, damit einfache Übertragung von einem Handbelichtungsmesser.
Fokussierung mit großem Stellrad auf der rechten Kameraseite, kürzeste Entfernung 90 cm
Sucher Spiegelreflex-Lichtschachtsucher mit Mattscheibe (aufrechtes, aber seitenverkehrtes Bild), ausklappbare Sucherlupe. Optional zum Durchsicht-Sportsucher umzubauen.
Blitz Anschluss über PC-Buchse, umschaltbar M und X.
Filmtransport Mit Drehrad auf der rechten Kameraseite, Transport arretiert nach einem Bildvorschub, Bildzählwerk.
sonst. Ausstattung Bajonette an beiden Objektiven für die Aufnahme von Filtern oder Sonnenblenden, Drahtauslöseranschluss, Stativgewinde 3/8‘‘, auswechselbarer Rückwand, Belichtungstabelle, Filmtyp Merkscheibe.
Maße, Gewicht 97x99x142 mm, 830 g
Baujahr(e) 1954-1957, circa 84.000 Exemplare. Seriennummernbereich 1500000-1583xxx.  Diese #1514235 (1954).
Kaufpreis, Wert heute ca. 350 DM (1954), 100-200€ je nach Zustand.
Links User manual, Rolleiclub, Camera-Wiki, Antiquecameras.net, Collectiblend, Reparaturanleitung

2016-10-31

Kodak Vollenda 620



Meine Tochter überraschte mich neulich mit einem Anruf von einem Flohmarkt, wo sie diese Kamera für mich entdeckt hatte. Sie wollte natürlich wissen, ob ich interessiert wäre und 30€ bereit sei zu zahlen. Nach kurzer Recherche rief ich sie zurück und riet ihr maximal 20€ zu bieten, ich hatte ja das Teil ja nicht gesehen und getestet. Dass es mit dieser Strategie geklappt hat, sieht man an diesem Post. Allerdings war ich  wirklich beglückt, am Abend das gute Stück in dieser exzellenten Verfassung in Händen zu haben. Lediglich wenige Gebrauchspuren deuten an, dass diese Faltbalgenkamera überhaupt mal benutzt wurde. Alles funktioniert wie es soll, sogar die zugehörige Ledertasche hatte eine sehr gepflegte Patina. Über die Seriennummer des Compur-Verschlusses gelingt die Altersbestimmung (anhand dieser Liste). Das gute Stück stammt also tatsächlich von 1934 und damit aus dem ersten Produktionsjahr dieses Modells.
Solche Faltbalgenkameras für Rollfilm waren in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts nichts Besonderes. Es gab sie  mit fast identischer Spezifikation von vielen Kameraherstellern (z.B. Agfa Billy, Voigtländer Bessa, …). Das zentrale Bauelement ist der Zentralverschluss, der in diesem Fall (Compur) von Marktführer Deckel stammt und jeweils mit einem entsprechenden Objektiv kombiniert wird. Oft konnten die Kunden die jeweilige Kamera frei konfigurieren, d.h. Verschluss und Objektivwählen, zum entsprechenden Preis natürlich. Der Rest der Kamera war dann relativ generisch, Faltbalgen und Gehäuse, inklusive Filmführung und Klapp- bzw. Diamantsucher. 


Diese hier stammt aus dem Kamerawerk Dr. August Nagel in Stuttgart, das allerdings damals schon zu Kodak gehörte. Der Name Vollenda stammt noch aus vor-Kodak-Zeiten, die "620" bezieht sich natürlich auf Kodaks "neuen" Rollfilm, die meisten Wettbewerber damals verwendeten den 120-Film. Da es 620er Film heute nicht mehr zu kaufen gibt, ich aber einige Spulen davon besitze, habe ich einen 120er umgespult und mit der Kamera verschossen. Der Film ist gerade beim Entwickeln, Ergebnisse demnächst hier...

Von der Kamera gibt es zwei Varianten (Typ 107 und 110), die sich in kleineren Details unterscheiden. Die wohl frühere Variante 107, zu der diese Kamera gehört, hat einen zierlicheren Klappmechanismus für den Balgen sowie den ganz oben gezeigten geradlinigen Vollenda-Schriftzug auf der Rückseite. Typ 110 hat einen wuchtigeren Klappmechanismus, Vollenda wird geschwungen geprägt und auf der Vorderseite prangt eine zusätzliche "Kodak"-Prägung. Außerdem ist der Ausklapp-Rahmensucher bei manchen Kameras auf der anderen Seite des Gehäuses und das rote Filmfenster hat einen Schiebeverschluss. Laut Collectiblend ist Typ 107 der seltenere und wertvollere (hier Typ 110). Viel mehr Infos zu beiden Typen konnte ich allerdings nicht finden. Zu allem Überfluss gibt es auch noch andere Vollenda-620 Typen (109, 128, 153, 567 bis 570). Bei diesen handelt es sich aber um horizontale Faltbalgenkameras für das Format 6x6.

Datenblatt Faltbalgenkamera 6x9 für Rollfilm 620
Objektiv Kodak Anastigmat 10.5 cm f/4.5 (vermutlich 4-Element Tessar Typ, nur Frontelemente werden zur Schärfeeinstellung verwendet). Die Kamera war auch mit anderen Objektiven erhältlich.
Verschluss Compur Zentralverschluss im Objektiv, 1-2-5-10-25-50-100-250, sowie T und B.
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv (nur Frontelemente)
Sucher Schwenkbarer Brilliantsucher sowie ausklappbarer Rahmensucher
Blitz kein Anschluss.
Filmtransport mittels Drehknopf und rotem Filmfenster auf Kamerarückwand.
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Stativgewinde (2x 3/8"), ISO-Gewinde für Drahtauslöser, ausklappbarer Standfuß
Maße, Gewicht ca. 38x85x138 mm (zusammengeklappt), 608 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1934-1939, 100,890 Exemplare, diese #317328, Verschluss #2722446 vermutlich 1934.
Kaufpreis, Wert heute 55 RM (1934), ca. 30-50 € je nach Zustand und Typ.
Links Sammlung TauberMischa Koning, Emtus, Bedienungsanleitung (engl.), Camera-wiki

2013-05-23

Rolleiflex Original @work

Am letzten Aprilwochenende, wunderschönes Wetter bei uns in New Jersey, war es so weit: Ein erster Testfilm für meine Rolleiflex Original, immerhin schon 83 Jahre alt und gerade verschlussmäßig neu gereinigt und geölt. Den Film, einen Kodak Professional Porta 400 VC mit Ablaufdatum August 2012 habe ich im dunklen Keller auf eine 620er Spule umgespult. Wie ich an die Spulen gekommen bin, habe ich auch schon berichtet. Und natürlich habe ich den fertigen Film auch wieder auf die 120er Spule zurückbefördert, ich wollte ja die wertvollen 620er nicht an das Labor opfern.

Das Motiv waren die Great Falls of the Passaic River in Paterson, NJ, immerhin die zweitgrößten Wasserfälle der USA östlich des Missisipi (nach den Niagara Fällen). Als ich die Fotos endlich vom Labor zurückbekam, war ich ehrlich positiv überrascht. Bis auf zwei Aufnahmen, die ich aus Versehen verschossen hatte, waren alle anderen z.T. sehr gut geworden, so wie die beiden hier. Bei der (bei Sonne fast zwangsläufigen) Einstellung Blende 16, 1/300 s (kürzeste Verschlusszeit) kann man sicher gute Schärfe erwarten. Die Farben und Kontraste sind etwas flauer als wir es heute von vergüteten Objektiven gewohnt sind. Man muss aber bedenken, dass die Kamera damals für Schwarz-Weiß-Film gedacht war, erste Farbfilme gab es erst 10 Jahre, für den Massenmarkt erst 30 Jahre später.

Den Spass war's wert. Dennoch werde ich jetzt nicht regelmäßig mit dem Ding fotografieren. Das Scharfstellen mit der alten Mattscheibe ist eine Qual, und auch sonst fehlt es an den gewohnten Bequemlichkeiten modernerer Fotoapparate. Ich habe aber noch andere Filme, die ich für weitere Tests anderer alter Schätzchen aufbewahre.

2012-12-12

Gevaert Superchrom Express Film

Dieser bisher unbenutzte, aber mindestens 66 Jahre alte Rollfilm fiel mir auf dem letzten Kameramarkt am Stand zweier älterer Damen in die Hände, die die Fotobestände ihres verstorbenen Vaters loswerden wollten. Es handelt sich um einen 127er Rollfilm (bei Gevaert hieß das Format "G27", bei Agfa "A8"), vor dem Siegeszug der Kleinbildpatrone ein sehr erfolgreiches Format für kompakte Kameras. Für mich Gelegenheit etwas über Geschichte und Chemie der Sensibilisierung zu schreiben.
Gevaert Express Superchrom

Es handelt sich also um einen hochempfindlichen orthochromatischen Schwarz-Weiß-Film. Orthochromatisch bedeutet nach dem Wortsinn eigentlich "recht farblich" und wurde eingeführt zur Unterscheidung zu den ersten verfügbaren Filmmaterialien auf Silberbasis, die nur für kurzwelliges blaues Licht empfindlich waren (A im Diagramm).
Verschiedene Sensilibisierungen von Schwarz-
Weiß-Filmen: A) ohne, B) orthochromatisch,
C) panchromatisch. Quelle: Ullmann's Encyclopedia
of Industrial Chemistry
Orthochromatische Filme (B) sind zusätzlich noch für grünes Licht empfindlich und setzen damit die Farben einigermaßen natürlich in Graustufen um. Einigermaßen aber nur, denn der Rotanteil fehlt immer noch, der wird erst mit den panchromatischen Filmen (C) eingefangen. Fotopapiere sind oft orthochromatisch sensibilisiert, denn man kann sie im roten Dunkelkammerlicht ungefährdet verarbeiten. Nur für SW-Abzüge von Farbnegativen braucht man panchromatisches Papier.
Das Prinzip der Sensibilisierung wurde schon 1873 vom Berliner Chemiker Hermann Wilhelm Vogel gefunden, als er erkannte, dass Beimischungen bestimmter Farbstoffe die spektrale Empfindlichkeit der Silberemulsionen erweitern konnten, um so zu einer natürlicheren Grautonwiedergabe zu kommen. Ab den 1880er Jahren gab es immer besser werdende orthochromatische Fotoplatten, -papiere und schließlich auch -filme. Im Jahre 1902 erfanden die beiden Chemiker und Fotopioniere Adolf Miethe und Arthur Traube die panchromatische Sensibilisierung durch die Verwendung einer intelligenten Mischung verschiedener Farbstoffe auf der Oberfläche der Silberbromidkristalle. Es dauerte allerdings noch einige Jahrzehnte bis sich panchromatische SW-Filme als allgemeiner Standard durchsetzten. Orthochromatische Filme hat es aber immer gegeben und gibt es sogar heute noch. Gezielte Sensibilisierung von Silberhalogenid-Emulsionen ist natürlich auch Grundlage und notwendige Voraussetzung von Farbfilmen. Siehe hier... 

Bei KniPPsen gibt es inzwischen einige Kameras für den 127er Rollfilm...

2012-11-18

Kodak No. 4 Bullet Gebrauchsanweisung

"Ehe man eine Aufnahme mit der Bullet Camera No. 4 macht, lese man aufmerksam die nachstehende Gebrauchsanweisung, und mache sich mit der Handhabung des Apparates, namentlich mit der Construction des Verschlusses, vertraut. Man setze denselben mehrmals für Zeit- sowohl als Daueraufnahmen in Thätigkeit, ehe man den Film aufspannt.
      Vor allen Dingen vergesse man nicht dass das Licht, welches genügt in der kürzesten Zeit durch das Objectiv der empfindlichen Fläche ein Bild aufzuprägen, auch ebenso schnell das Bild zerstören kann." 

...und so weiter, und so weiter, der geneigte Photograph [von 1898 !] lese weiter in den 30 Seiten , die man hier herunterladen kann. Die Frage ist, ob damals auch ursprünglich deutsche Bedienungsanleitungen in einem solch schwülstigen Kaiserreichs-Deutsch verfasst wurden, oder ob auch die Übersetzung aus dem Englischen dazu beitrug. In ähnlichen Anleitungen von Kodak findet sich nämlich fast der selbe Text...

"Before taking any pictures with the No. 4 Bullet Camera read the following instructions carefully, and make yourself perfectly familiar with the instrument, taking special care to learn how to operate the shutter. Work it for both time and instantaneous exposures several times before threading up the film.
       The first and most important thing to bear in mind is that the light which serves to impress the photographic image upon the sensitive film in a small fraction of a second when it comes through the lens, can destroy the film as quickly as it make the picture." 

This is literally the same text taken out of another Kodak manual of the time. However, the German translation appears to be a little bit more old-fashioned, especially because of some old spellings not in use anymore.

2012-07-01

Agfa Clack

Die letzte und erfolgreichste (mit fast 1.7 mio Exemplaren) von Agfa's Box Kameras ist nun auch in meiner Sammlung. Sie wurde von 1954 bis 1965 im Agfa Camera-Werk in München gebaut. Auch wenn sie nicht mehr so aussieht wie die Urgroßmutter der 120er-Film 6x9 Box-Kameras, die Kodak Brownie No.2 oder viele andere Nachahmner (hier eine andere Agfa-Box aus meiner Sammlung), fast alle Ausstattungsmerkmale sind Box-typisch (einlinsiges Meniskus-Objektiv, Einfachverschluss mit B und 1/30s, zwei Blendenwerte: ca. f/11 und f/13). Nur der wirklich ordentliche optische Sucher zum direkten Durchschauen gehört eher zu technisch anspruchsvolleren Kameras der Zeit.
   

Über die Kamera ist wirklich schon viel geschrieben worden im Netz, so dass ich mich hier auf die Bilder und ein paar Links beschränke. Der meiner Meinung nach beste Zusammenfassung stammt von Eric Fiss, andere Seiten finden sich im Camera-wiki, in Wikipedia oder auch hier. Meine Kamera ist wohl ein eher frühes Exemplar mit Blechhülle und ohne eingebautem Gelbfilter, wurde mal in Enschede in Holland gekauft und fand irgendwie den Weg in die USA.


Datenblatt Ungewöhnliche Boxkamera (6x9) aus Bakelit
Objektiv Meniskus 95 mm f/11, abblendbar um eine Stufe
Verschluss selbstspannender Boxkamera- ("Guillotinen") Verschluss, ca. 1/30 s (M) und B
Film(format) Rollfilm 120, 6x9 cm
Fokussierung Fixfokus, ab ca. 3m, einschwenkbare "Nah"-Linse für 1.5m bis 3m.
Sucher Einfacher, optischer Durchsichtsucher.
Blitz Synchronkontakte an der Oberseite, Agfa-Blitz Clibo zum Aufstecken als Zubehör.
Filmtransport Drehknopf an der Oberseite, rotes Filmfenster in der Rückwand
sonst. Ausstattung gebogene Rückwand, aufsteckbare Filter (30mm), Stativgewinde, Trageschlaufe
Maße, Gewicht ca. 111 x100 x 93 mm, 328 g (ohne Film)
Baujahr(e) 1954-1965, made in Germany (München)
Kaufpreis, Wert heute 19,50 DM (1954), ca. 5 €/US
Links Manual (english)Bedienungsanleitung (deutsch)
Bei KniPPsen weiterlesen Agfa Click I, Agfa Click IIalle Box-Kameras

Seiten aus dem Photo Porst "Photohelfer" Katalog von 1956

2012-04-30

Kodak Brownie No. 2

Meine neueste Erwerbung auf einem kleinen Flohmarkt in Denville, NJ, meine zweite Brownie (die erste ist viel jünger und sieht ganz anders aus) und ab sofort die älteste Kamera in meiner Sammlung (siehe unten...). Die Geschichte fängt in den 1880'er Jahren an, als Georg Eastman erkennt, dass er seinen Film in Massen verkaufen kann, wenn es denn nur a) erschwingliche Kameras gibt und b) den Leuten das komplizierte Entwickeln der Filme abgenommen wird. Die ersten Kameras (Kodak No.1 etc.) sahen im Prinzip schon wie diese hier aus, waren a) noch zu teuer ($25), um von Jedermann gekauft zu werden und b) gab es noch keine Papierrückseite für den Rollfilm und die Kunden mussten zum Fotohändler für einen Filmwechsel.
Das änderte sich 1900 mit der "Brownie", einer Kamera, die für $1 verkauft wurde. Schon 1901 kam die Brownie No. 2 auf den Markt, statt quadratischer 57x57 mm nun mit dem neuen 120er Rollfilm für das Format 6x9 cm. Und wegen der größeren Bilder kostete sie $2. Ja, die Brownie No.2 war die erste Kamera für den populärsten und heute letzten noch produzierten Rollfilm.


Die Brownie No. 2 wurde fast 35 Jahre lang produziert und während dieser Zeit wurden immer wieder Verbesserungen vorgenommen. Grob lassen sich 6 Generationen der Kamera beschreiben, die als Modelle A bis F bezeichnet werden (siehe Link). Aber auch innerhalb einer Generation wurden kleinere Veränderungen vorgenommen. Meine hier ist ein Modell C aus den ersten Jahren der Produktion zwischen 1907 und 1910.

Für dieses Alter und der Tatsache, dass ein Großteil der Kamera aus Holz und Pappe (!) besteht ist sie noch super in Schuss und voll funktionsfähig! Den Frontdeckel kann man leicht entfernen und darunter kommt der einfache, aber geniale Rotationsverschluss zum Vorschein (siehe Video). Drei unscheinbare Hebelchen steuern die Kamera. Der Schieber in der Mitte regelt die Blende (ich würde schätzen: f/8, f/11 und f/16), der kleine daneben schaltet von Zeitaufnahme ("B") auf Momentaufnahme (ca. 1/10 -1/15 s). Und dann gibt es nur noch den Auslöser selbst, den man einmal hoch, beim nächsten Mal wieder runterschieben, aber nie spannen muss!


Das einzige, was an dieser Kamera nicht mehr ganz ist, ist der alte Lederriemen, aber immerhin ist er noch dran. Die Brownie No. 2 ist natürlich nicht nur für Kodak's 6x9 Rollfilmkameras die Ahnherrin, sondern fast jeder Hersteller, der im Massenmarkt mitspielen wollte, hatte eine im Programm und das bis in die 1960er Jahre. Ich besitze noch zwei andere: eine Gevabox und eine Agfabox, beide aus den 1950er Jahren und nicht mehr aus Pappe!



2012-04-18

Yashica 44

Diese schnuckelige TLR (Twin Lens Reflex, auf deutsch: zweiäugige Spiegelreflex) habe ich neben der Retina und der kleinen Pentax auf der letzten Camera-Show günstig erwerben können. Ich war echt überrascht über den wirklich guten Zustand der Kamera, alles funktioniert, sieht gut aus und es gibt wirklich sehr wenige Gebrauchsspuren. Dabei ist das Ding schon 54 Jahre alt. 
TLR's sind wohl die homogenste aller Kameragattungen. Mich erstaunt immer wieder wie sich verschiedene Modelle auch unterschiedlicher Hersteller sogar im Detail gleichen. Alle scheinen irgendwie ein Nachbau der legendären Rolleiflex zu sein. Barry Toogood hat die meisten in seiner Sammlung und anhand seiner exzellenten Website kann man meine These leicht nachprüfen. 


Yashima Seiki, eine kleine Feinmechanik-Firma aus dem japanischen Nagano, beschloss 1949 in den rasant wachsenden Kameramarkt einzusteigen und TLR schienen der perfekte Einstieg. Schwierige Komponenten, wie Objektiv und Verschluss konnte man quasi komplett zukaufen, das Design stand mehr oder weniger seit 20 Jahren (Rolleiflex), der Rest war schlicht Handwerk. 1953 kam die erste Kamera unter dem Namen Yashica raus, eine klassische 6x6 Kamera für den 120er Rollfilm. 1958 kopierte man recht dreist auch noch die sog. Baby-Rollei (Rolleiflex 4x4 für 127er Rollfilm), inklusive der besonderen grauen Belederung. Als Yashica die Kameras auch noch in die USA und nach Europa zu exportieren begann und nur ca. 40% des Preises verlangte, verklagte Rollei Yashica vor einem US Gericht, langfristig erfolglos.  Yashica änderte zwar daraufhin recht zügig Lackierung und brachte schnell das etwas einfacherere Modell 44A das hochwertigere Modell 44 LM (mit Belichtungsmesser), Rollei konnte aber den Erfolg von Yashica keineswegs bremsen.
Ein Größenvergleich zu einer 6x6 TLR, wirkt ein bißchen wie zu heiß gewaschen...
Yashica baute TLR's übrigens bis 1986 und damit länger als die allermeisten anderen Hersteller. Heute kann man noch die russische Lubitel (für billig Geld) oder auch eine nagelneue Rolleiflex (für teuer Geld) kaufen. An TLR's scheint also was dran zu sein, selbst im digitalen Zeitalter. Fast alles über Yashica's TLR Kameras kann man auch auf Paul Sokk's Seite nachlesen. Interessanterweise listet er die Seriennummern der zur Yashica 44 gehörenden Objektive zwischen 340xxx-345xxx, hier hab ich wohl ein wirklich frühes Modell erwischt (siehe Foto: 333455!). Das mit der Seriennummer hätte er auch schon anhand der im Netz verfügbaren Bedienungsanleitung (333079) wissen können, ich werde ihm mal eine e-mail schreiben.

2011-09-20

Rollfilm 127


Der kleine Bruder des klassischen 6x6 Rollfilms (120er) heißt Rollfilm 127 und ist statt 6 cm nur 4 cm breit, vom Aufbau (Rückseitenpapier, Spule, etc.) aber fast identisch. Er wurde 1912 schon von Kodak für kleinere KniPPsen (wie die im Hintergrund abgebildete Brownie Starflex) auf den Markt gebracht und erlebte seine Blüte in den 1930er Jahren. Hier mal ein Größenvergleich:
The little brother of the classic # 120 roll film is roll film # 127, which instead of 6 cm (exactly 2.4" = 6.1 cm) is only 4 cm (exactly 4.6 cm) wide. However, the rest of the design (backing paper, coil, etc.) is almost identical. It was launched on the market already in 1912 by Kodak, intended for smaller cameras (like the   Brownie Starflex shown in the background). Usage reached its peak in the 1930s. Here is a size comparison: 


Mit dem Siegeszug des Kleinbildfilms 135 (24x36 mm auf 35 mm breitem Kinofilm) insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren gingen die Verkaufszahlen des 127ers immer mehr zurück, auch wenn er ähnlich kompakte Kameras erlaubte und dennoch (wegen der fehlenden Perforation und bei effektiven 38,1 x 38,1 mm) ein um 68% größeres Negativ (oder Diapositiv) erlaubte und damit einhergehend qualitativ hochwertigere Bilder. Leider gab es nur wenige hochwertige Kameras für diesen Film, wie z.B. die Baby-Rollei oder die Yashica 44, die daraus Kapital schlagen konnten. So wundert es nicht, dass Kodak 1995 die Produktion aufgab.
With the advent of the 135 film (24x36 mm on 35 mm wide film), especially in the 1950s and 1960s, the sales figures of the 127 shrank more and more, even it allowed similar compact cameras while having a 68% larger negative. Due to the lack of perforation and effective 38.1 x 38.1 mm2 area it permitted higher quality images. Unfortunately, there were only a few high-end cameras for this film format, such as the Baby Rollei or Yashica 44, which could make use of it. So it is no surprise that Kodak ceased production eventually in 1995.

Bei Fotoimpex kann man immer noch 127er Film kaufen, produziert von Fotokemika in Kroatien und verkauft unter der Efke-Marke. Meinen 127er hier, einen Kodacolor II Farbnegativfilm habe ich neulich auf einem Kameraflohmarkt gefunden. Er war zwar schon 1984 "abgelaufen", aber noch original verpackt, ist also noch unbelichtet. Der Agfacolor CN17 auf der 120er Spule, den ich vor einiger Zeit belichtet in einer Kamera gefunden habe, ist ca. 20 Jahre und eine Filmgeneration älter und damit trotz aller Ähnlichkeit ein schöner Kontrast, oder?
At Fotoimpex you can still buy 127 roll film, produced by Fotokemika in Croatia and sold under the brand Efke. My roll here is a Kodacolor II color negative film, which I recently found in a flea market camera. Although it  "expired" in 1984, it is still in its original carton, still unexposed. The Agfacolor CN17 I've found on a 120 spool partially exposed in an old camera, is about 20 years and a film generation older. Despite all similarity a nice contrast, right?

2011-01-21

Dacora digna 6x6 Achromat

Diese Dacora digna stammt aus den Beständen meines Schwiegervaters, auch er hat sie irgendwann von Verwandten übernommen und nie viel damit selbst fotografiert. Diese Kamera wurde von 1954 bis 1959 vom Kamerawerk Dangelmaier & Co, Reutlingen produziert und anfangs für sagenhaft günstige 18 DM angeboten. Es ist eine sogenannte Springtubus-Kamera und ist von der Ausstattung (und vom Preis)  eher mit den Boxkameras vergleichbar, trägt aber um den Hals hängend nicht so auf und sieht auch schicker aus.
Das Ding gab es in verschiedenen auch höherwertigen Ausführungen, diese hier ist die billigste und verbreitetste und besitzt mit dem 80mm f8 Achromaten ein wirklich simples, zweilinsiges Objektiv, welches man nur auf f11 abblenden konnte. Der Verschluss konnte auch nur 1/50 s oder B(eliebig). Die besseren Ausfürungen hatten lichtstärkere Objektive und variablere Verschlüsse. Alle hatten sonst das selbe Gehäuse für 120er Rollfilm für das Mittelformat 6x6 cm.


2011-01-05

Agfacolor CN17

Ich hatte ja von meinem Schwiegervater vor ein paar Monaten ein paar alte Kameras geschenkt bekommen, darunter die Agfa Click-II. Bei solchen Rollfilm-120 Kameras kann man immer über das Bildzählwerk-Fensterchen sehen, ob noch ein Film drin ist und das war bei dem alten Schätzchen der Fall. Ich habe aber fest mit einem Schwarz-Weiß-Film gerechnet und schon mal neuen Entwickler bestellt. Dann habe ich in den letzten tagen den Film vollgekniPPst. Beim Öffnen der Kamera dann die große Überraschung: Es ist ein Farb-Negativfilm!
Es handelt sich um den Agfacolor CN 17, vermutlich vom Anfang bis Mitte der 60er Jahre aus Westdeutscher Produktion (bis 1964 gab es auch Agfa-Filme aus Wolfen). Agfa Leverkusen führte den Film 1956 als "Universalfilm" ein. Der Film war Agfas letzter unmaskierter Negativfilm und wurde bis ca. 1968 produziert. Wer die hohen Kosten für Farbbilder scheute oder den Film falsch belichtet hatte, konnte nämlich von den noch unmaskierten, das heisst nicht mit einem orangefarben «Gegenpositiv» überlagerten Farbnegativen unschwer auf das übliche Schwarzweisspapier kopieren lassen oder das im Heimlabor selber tun.
Tja, jetzt muss ich entscheiden, was ich weiter mit dem Film mache, denn eigentlich wollte ich ja sehen, was auf den Fotos drauf war, bzw. wie gut der Film nach über vierzig Jahren in der Kamera immer noch ist. Also 4 Optionen bestehen:
1) Film nach England an ein Fotolabor schicken, das sich auf solche Fälle spezialisiert hat (ca. 40 €). Ist mir eigentlich für den Spaß zu teuer.
2) Film selbst im Schwarz-Weiß-Entwickler entwicklen. Laut einiger Aussagen im Netz soll das durchaus funktionieren. Gibt natürlich nur S/W-Negative und dann noch schlechte.
3) Film im modernen C41-Prozess entwickeln. Muss laut Herrn Google bei niedrigen Temperaturen durchgeführt werden, da sich sonst die Schichten ablösen. Außerdem habe ich noch nie einen farbfilm selbst entwickelt. Eher unwahrscheinlich, dass ich das mache.
4) Gar nichts tun und den Film so in meine "Vitrine" stellen.
Nun mal sehen, ich werde berichten, wenn ich mich doch für 1-3 entscheide.

Nachtrag, Januar 2024: Wie sollte es auch anders sein, ich habe mich nicht für eine der Optionen 1 bis 3 entscheiden können, der Film steht neben viel anderem Foto-Kleinkram in einem Setzkasten. Über den CN17 und seine Fotos habe ich aber inzwischen hier geschrieben und die ganze Geschichte des Farbfilms in einer kleinen Serie aufbereitet: 

2010-10-24

Seagull 4B-1

Die Seagull war (und ist es immer noch) der preiswerteste Einstieg in die Mittelformatfotografie. Das Modell 4B-1 ist (nicht zu 100%) ein Rolleicord-Nachbau, von Seagull gibt es auch die 4A-Typen, die eher der berühmteren Rolleiflex nachempfunden sind. Die Rolleiflex war der Archetyp der zweiäugigen Spiegelreflexkameras und kam 1928 auf den Markt. 1956 feierte man die Produktion des 1-millionsten  Modells.  1958 wurde die Firma Seagull in Shanghai gegründet und produziert selbst heute noch die genannten Modelle mit geringen Modifikationen. In Shanghai wurden bisher 21 Millionen Kameras hergestellt! Über die Kamera selbst ist schon viel geschrieben worden, z.B. hier. Ich will hier nicht die technischen Details wiederholen, nur soviel: Mein Exemplar ist sehr robust und funktioniert auch nach 24 Jahren in meinem Besitz immer noch. Das Objektiv, ein Triplet (3 Linsen in drei Gruppen) ist recht scharf und zusammen mit dem Aufnahmeformat von 6x6 cm und einem guten Film ergibt sich eine abgeschätze Auflösung von ca. 20 MP.
The Seagull was ( and still is ) the most reasonable entrance into the medium format photography. The model 4B-1 is (not to 100%) a Rolleicord copy. Seagull also offered the 4A-types, copies of the more famous Rolleiflex. The Rolleiflex was the archetype of the twin-lens reflex cameras and was launched on the market in 1928. 1956 Franke&Heidecke celebrated the production of the 1-millionth model. In 1958, the company Seagull in Shanghai has been founded and they even today produce the said models with slight modifications. In Shanghai 21 million cameras have been produced so far! There is a lot you can read about the camera, for example here. I'm not going to repeat the technical details here, only this: My copy is very robust and even after 24 years in my possession it's still in working condition. The lens, a triplet (3 lenses in three groups) is quite sharp and considering the negative format of 6x6 cm and a high quality film results in a estimated  resolution of about 20 MP.

Meine 4B-1 habe ich im Herbst 1986 bei der "Fotostube Weiden" (heute Foto Brenner) per Nachnahme bestellt. Inklusive etwas Zubehör und 4 120er-Filmen hat das Ding 149 DM plus Nachnahmegebühr (7,50 DM) gekostet. Ich wohnte damals als Zivi noch bei meinen Eltern und hatte diesen nichts von dem Kauf gesagt. Also musste ich das Päckchen bei der Hauptpost abholen, da meine Mutter die Annahme verweigert hatte. Ich habe einige (hauptsächlich schwarz-weiße) Filme damit verschossen. Es ist tatsächlich so, wie immer geschrieben wird: Durch die archaische (aber komplette) Fototechnik, das quadratische Format und die spezielle Handhabung der Zweiäugigen (man trägt die Kamera vor dem Bauch und schaut von oben auf das seitenverkehrte Sucherbild) erlebt man den Akt des Fotografierens viel bewusster und achtet genauer auf Bildkomopsition, wo soll die Schärfeebene hin etc. Jedem, der Fotografieren lernen will, sei die zeitweise Verwendung einer solchen Kamera wärmstens empfohlen. Hier, zum Abschluss heute ein Bild meines letzten Films, welches ich nach dem Einscannen noch etwas digital verfremdet habe. Trotzdem erkennt man in den Bildecken noch die bei offener Blende recht deutliche Vignettierung, die erst bei Abblenden verschwindet.
I got my 4B-1 in the fall of 1986 at the "Fotostube Weiden" (today Photo Brenner) as a mail order. Including some accessories and 4 120 films the price was 149 DM plus freight (7.50 DM). Back then I still was living with my parents and did not mention this purchase to them. So I had to pick up the package at the main post office, because my mother refused to accept it with the mail man. I have shoot some (mainly black and white) rolls of film. I have to confirm what people wrote about the archaic (but complete) photo technology, the square format and the special handling of the TLR (carrying the camera in front of the body and looked into it from above on the laterally reversed viewfinder image). You can experience the act of photographing with much more awareness and pay more attention specifically to image composition or the focus point etc. Anyone who wants to learn photography is highly recommended the temporary use of such a camera. Today, as a conclusion below is a picture from my last film I shot with the camera. After scanning I did a little bit of digital editing. Nevertheless, at full aperture one can see quite significant vignetting in the image, which disappears only when stopping down.

Mein "über mich Bild" oben in der Ecke zeigt natürlich diese Kamera und deren recht helle Mattscheibe.  Aufgenommen wurde dieses Bild mit meiner Nikon FE-2, die dritte Kamera (zum Digitalisieren des Dias) kriegen wir bald...
Nachtrag, Januar 2015: Die Seagull gibt es nicht mehr, zumindest nicht mehr neu zu kaufen. Der presiwerteste Einstieg in die Mittelformat-Fotografie heißt heute Holga, interessanterweise verweist mein Link oben immer noch darauf. Ich vermute, es war 2012 als die Produktion und schließlich auch der Vertrieb eingestellt wurde. Die Firma Seagull gibt es immer noch, nur produzieren sie heute meistens fotografisches Zubehör. Die preiswerteste TLR heißt heuteLubitel 166+, mal sehen wie lange noch...

My picture in "about me" (top corner of this blog) shows of course this camera and its pretty bright focusing screen. This was taken with my Nikon FE-2 , the third camera (for digitizing the slides) we"ll get to soon ...

Addendum, January 2015: The Seagull no longer exists, at least not to buy new. The least expensive entry into medium format photography today is the Holga, interestingly my link at the top still refers to this. I suppose it was in 2012 when the production and finally the distribution has been ceased. The company Seagull is still existing. However, they now produce mostly photographic accessories. The cheapest TLR today is the Lubitel 166+ , let's see for how long ...