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2022-01-22

Zenith 80 (САЛЮТ, Salyut, Kiev 80)


Mit meinem Sammelanspruch nach bedeutenden Kameras, die die Entwicklung der Industrie über die Zeit geprägt haben, gehört eigentlich eine Hasselblad in meine Vitrine und auf diesen Blog. Hier natürlich entweder Victor Hasselblads erstes Modell 1600 F von 1948 oder eine 500 C/M (die vermutlich bedeutendste professionelle 6x6-Systemkamera). Aber die Dinger waren (und sind) als professionelle Arbeitsgeräte sehr teuer und auch heute in Sammlerkreisen sehr beliebt. Die aufgerufenen Preise (> 1000€) stoßen sich mit meinem anderen Anspruch möglichst preiswert bei meinen Sammelobjekten zu bleiben.
Daher wurde es statt dessen eine "Hasselbladski", so der Spitzname für die sowjetische САЛЮТ (Salyut), die ein sehr naher Hasselblad 1000 F Nachbau ist und sich zu einer eigenen Kameralinie weiterentwickelt hat, wobei die äußere Anmutung sehr nah am Original blieb. Während bei der Hasselblad immer wieder innovative neue Modelle eingeführt wurden, ist die Geschichte der Salyut/Kiev-Reihe relativ schnell erzählt: Die erste Version  der Salyut (1957-1959) hatte noch einen Selbstauslöser und eine schnellste Verschlusszeit von 1/1500 s. Beides wurde schrittweise aufgegeben, der sogenannte Typ 3 (1965-1974) hatte die hier gezeigten Features und wurde als Exportmodell (manchmal als Typ 4 bezeichnet) unter den Namen Zenith-80 und Revue 6x6 im westlichen Ausland verkauft. 
Systemkamera für den professionellen Einsatz. Vieles ist sogar mit dem originalen Hasselblad-Zubehör kompatibel. 

Ab 1972 gab es dann die Salyut-C mit modifiziertem Objektivanschluss (automatische Springblende). Diese wurde als Kiev-80 in den Westen exportiert. Ab ca. 1984 hießen alle Kameras dann Kiev-88 und hatten einen (heißen) Blitzschuh. Später (in den 1990ern ?) gab es die Kiev-88 CM mit Pentacon/Praktisix-Bajonett. Die eigentliche Produktion der Kamera endete wohl ca. 2004. Allerdings gibt es immer noch soviele Restbestände bzw. Ersatzteile, dass die Firma Arax in Kiev, die einige ehemalige Arsenal Mitarbeiter übernommen hat, manuell instandgesetzte und getestete Kameras heute immer noch verkauft. 
Im Netz liest man viel über die zum Teil schlechte Verarbeitung und fehlerhafte Verschlüsse und vieles mehr. Es wird immer wieder die Warnung ausgesprochen, bloß nicht die Verschlusszeit zu verstellen, wenn die Kamera nicht gespannt ist, das würde die Mechanik ruinieren. Man liest allerdings auch, dass die frühen Exemplare noch aus solidem Stahl gefertigt wurden, das ab den 80ern zum Teil durch weicheres Messing ersetzt wurde. Dadurch sind wohl die späteren Exemplare anfälliger für Fehler. Ich jedenfalls war sehr gespannt, bis ich mein Exemplar endlich bekommen habe.

Und, ich muss sagen, ich war sehr angetan. Der erste Eindruck war ein "Wow!", was ein Klotz. Sie liegt mit ihren ca. 1,5 kg schwer in der Hand und ist tatsächlich größer als sie auf Fotos wirkt. Der Druck auf den Auslöser lässt satt den Spiegel hochklappen und den Verschluss ablaufen und beim Dreh am großen Aufzugsdrehrad wackelt nichts. Meine Kamera hatte zwei kleine Dellen auf dem Lichtschachtdeckel, ansonsten ist sie fast tadellos in Schuss. Alle Chromleisten glänzen, keinerlei Kratzer oder abgeschubbelte Ecken, das Leder überall bis in alle Ecken solide verklebt. Trotzdem wirkt sie durchaus benutzt und ich habe auch keine Angst dies zu tun. Der Verschluss scheint bei allen Zeiten richtig abzulaufen und ich werde noch auf besseres Wetter und Lichtverhältnisse warten und dann mal den einen oder anderen Rollfilm riskieren, den ich noch besitze...

Datenblatt Mittelformat-SLR (6x6, 120er Film) mit Wechselmagazin (Hasselblad Nachbau)
Objektiv Industar-29 80 mm f/2.8 (vergütet, Tessar Typ), auswechselbar über Salyut-B (Hasselblad 1600f/1000f) Bajonett. Halbautomatische Springblende.
Verschluss horizontaler Metallfolien-Schlitzverschluss, B-2-4-8-15-30-60-125-250-500-1000 1/s
Belichtungsmessung keine, mittels TTL-Prismensucher nachrüstbar
Fokussierung manuell am Objektiv, Naheinstellgrenze 90 cm, Fresnel-Mattscheibe.
Sucher Lichtschachtsucher, austauschbar gegen Prismensucher oder Lupensucher
Blitz Anschluss über PC-Buchse, umschaltbar M und X. Synchronzeit 1/30s
Filmtransport Mittels Drehrad an der rechten Kameraseite, ganze Umdrehung notwendig, dies spannt gleichzeitig den Verschluss. Mechanisches Bildzählwerk am Magazin, durch ein verschließbares zentrales Loch im Magazin kann auch auf die Nummer des Rückzeitenpapiers geschaut werden.
sonst. Ausstattung auswechselbares Filmmagazin für 120er Rollfilm (6x6), optional sind auch Magazine für 6x4.5 und Polaroid ansetzbar. Auslösesperre bei eingesetztem Magazinschieber, Drahtauslösergewinde, 2 x 3/8'' Stativgewinde, Gurtösen, Merkscheibe für Filmempfindlichkeit.
Maße, Gewicht ca. 170x100x100 mm, Objektiv 307g, Gehäuse 631g, Lichtschacht 71g, Magazin 456g, Gesamt: 1465g 
Baujahr(e) 1957-1973 (74?), 3 Versionen, diese letzte Version von ca. 1968-1973 auch unter den Export-Varianten Zenith-80 (UK) und Revue-6x6 (Foto Quelle, BRD), insgesamt ca. 50,000 Exemplare, diese #7104380 von 1971.
Kaufpreis, Wert heute UdSSR: 400 Rubel (6 durchschn. Monatsgehälter), heute je nach Zustand 100-300 €.
Links User-ManualCamera-WikiRepair Manual, Steve Ash, Commiecameras, Film einlegen, Fotoua.com, Kievaholic Club, Matt's Classic CamerasSovietcams.comWolfram Klein

2020-09-27

Smena 8M

Ich habe sie schon ca. 4 Jahre in meinem Regal stehen, damals für ganz wenig Geld auf einem Flohmarkt erworben. Auch wenn ich sonst Plastikkameras liegen lasse, hatte diese irgendwie mein Interesse geweckt und ich musste sie einfach mitnehmen. Dann stand sie also in meinem Regal neben den vielen anderen herum, wurde immer wieder verschoben und so recht wusste ich nicht, ob und wann ich sie hier in meinem Blog vorstellen sollte und was es überhaupt dazu zu erzählen gibt.

Dann stolperte ich neulich über diesen Beitrag der Leute von DPreview. Auch wenn dieser recht oberflächlich recherchiert ist und jegliche Quellenangaben fehlen, fragte ich mich, ob es wirklich stimmen kann, dass diese hier die am meisten produzierte 35mm Kamera der Welt ist. Ich habe also ein bisschen im weiten Netz gegraben und versucht diese Angabe zu bestätigen. In der Tat findet man auf der Sovietcams.com Seite (eine der besten spezialisierten Kameraseiten, die ich kenne, mit Quellenangaben!) die Zahl von 21.041.191 Einheiten (8M zusammen mit ihrer Vorgängerin Smena 8), die in 32 Produktionsjahren (!) zusammengekommen sind. Es gibt für mich keinen Grund an dieser Angabe zu zweifeln. Auch die Tatsache, dass von Smena 8 zu Smena 8M ein Designwechsel stattgefunden hat, disqualifiziert sie nicht. Das Objektiv, der Verschluss und alle wesentlichen Funktionen blieben dieselben. Auch entfallen auf das ältere Modell 8 vermutlich nur ca. 3 Millionen davon, und für die 8M verbleiben immer noch ca. 18 Millionen, die es zu schlagen gilt.
   
Die Frage ist eher nach den "Gegnern" in diesem "Wettbewerb" um die meist produzierte Kamera der Welt. Hier also das Ergebnis meiner ersten (nicht umfassenden) Recherchen: Zunächst möchte ich auf meine SLR-Liste verweisen, die mit der Zenit E auch eine Sowjet-Kamera an der Spitze hat (12 mio). Aber auch die Canon AE-1 und AE-1 Programm haben es mit zusammen mehr als 10 mio. auf eine erkleckliche Zahl gebracht. Bei DPreview wird die Olympus Trip 35 auf Platz zwei genannt, mit 5.4 mio Einheiten. Ganz nahe daran käme wohl auch die Yashica Electro 35 (Serie) mit ebenfalls über 5 mio Stück. Leider gibt es nur von den wenigsten Kameras oder Herstellern verlässliche Produktionszahlen. Aber ich vermute, dass auch andere Kameras insbesondere aus den 1970ern auf ähnliche Zahlen gekommen sind. Mir fallen hier die Canonet QL17, Konica C35 oder die  Minolta Himatic (Serien) ein. Diese Kameras waren alle super erfolgreich, standen aber miteinander im (kapitalistischen) Wettbewerb und wurden so regelmäßig durch verbesserte Modelle ersetzt. Keine Chance also, die mit langem Atem erreichten Zahlen aus der Planwirtschaft zu übertreffen. Einen anderen Longseller gibt es aber noch aus den USA zu berichten: Die Argus C3 bringt es immerhin auch auf ca. 3 Millionen Stück in 28 Jahren (1938 bis 1966).
Alle diese o.g. Kameras betreffen den 135er Film und das 24x36 mm Format. Aber auch bei anderen Filmformaten gab und gibt es Topseller: Insbesondere Kodak war in der Massenproduktion von einfachen Kameras sehr erfolgreich. Schon die frühen Box-Kameras und Folders gingen in die Hunderttausende. Der erste wirkliche Megaseller (ca. 10 Millionen) war die Starflex-Serie für den 127er Film in den 1950ern, der dann in den 1960ern durch die 126er Instamatic-Serie deutlich übertroffen wurde. Angeblich wurden alleine von Kodak mehr als 60 Millionen 126er Kameras bis Mitte der 1970er gebaut. Es kann gut sein, dass ein einzelnes Modell davon (Instamatic 104 ?) auch mehrere Millionen erreichte. Zahlen konnte ich keine finden. Aber auch Agfa und ihr amerikanischer "Ableger" Ansco produzierten zeitweise mehrere Millionen Kameras pro Jahr, allerdings ebenfalls viele Modelle mit häufigen Modellwechseln. 
Grundsätzlich nahm die Zahl der produzierten Kameras im Laufe des letzten Jahrhunderts kontinuierlich zu. Dass es nach 1980 allerdings ein einzelnes Modell auf mehr als ein paar Millionen gebracht hat, ist wegen der ebenfalls zunehmenden Modellvielfalt sehr unwahrscheinlich.  Also bleibt mir zu konstatieren: Die Smena 8M ist höchstwahrscheinlich die Kamera mit der höchsten Produktionszahl eines einzelnen Modells. Aber Stop! Dies gilt nur für Film und vermutlich auch für reine Digitalkameras, auch wenn ich hier noch nicht in Details geschaut habe. Aber es gibt ja... das iPhone 6 (inkl. 6plus), welches mit seiner 8MP Rückseitenkamera insgesamt 224 Millionen Mal verkauft wurde, davon allein 4 Millionen am ersten Verkaufstag, dem 19. September 2014. Auch viele andere populäre Smartphones schlagen die Smena 8M noch.    


Zurück zur Smena. Die Kamera selbst ist ein durch ihren Minimalismus fast unkaputtbares Fotografierwerkzeug. Gespart wurde an Belichtungs- und Entfernungsmesser, Schätzometrie ist also angesagt. Auch ist der Filmaufzug nicht mit dem Verschluss-Spannen gekoppelt, beides muss separat betätigt werden. Vergisst man das eine oder andere, kommt es zu Doppel- oder Leerbelichtungen. Wenn man sich als Fotograf aber konzentriert und richtig schätzt, hat der kleine Apparat alles, um zu guten Bildern zu kommen. Das Objektiv ist ein vergütetes Triplet mit 40 mm Brennweite, die Blende hat 8 (!) Lamellen und die solide Filmführung glänzt durch eine ordentliche Andruckplatte für exakte Planlage. Blitzlichter lassen sich per Kabel und PC-Buchse anschließen und die Beschriftungen rund ums Objektiv richten sich sowohl per Piktogramme an die Anfänger wie auch mit den üblichen Skalen an erfahrenere Fotografen. Ich schätze, dass sehr viele gelungene Schnappschüsse und Familienerinnerungen damit festgehalten wurden. Mein Exemplar ist von 1990 (Seriennummer 90107993) und aus der PK3470-Serie. Als ich sie auf dem Flohmarkt gekauft habe, war sogar noch ein Film drin, den ich allerdings bei der überraschenden Entdeckung ruiniert habe. Sie bekommt jetzt natürlich einen gebührenden Platz in meiner Sammlung, vermutlich neben meinem inzwischen auch ausgedienten iPhone 6!

2018-01-28

Zenit E



Das ist sie: Die meist gebaute Spiegelreflexkamera der Welt. Mehr als 30 Jahre lang wurde sie von KMZ und später MMZ/Belomo in der Sovietunion produziert. Natürlich gab es kleinere Variationen während der Bauzeit, in den ersten zwei Jahren z.B. noch ein M39-Gewinde (sowie bei ihrer Großmutter Zenit S), erst ab 1967 kam das populäre M42. Es gab sie in Chrome oder wie hier in Schwarz, und viele verschiedene Schriftzüge zieren die Kameras, seien es kyrillische oder lateinische Buchstaben, oder gar andere Namen (für den Export). Trotzdem bleibt es im Prinzip dieselbe Kamera, von der am Ende über 8 Millionen Stück gebaut werden sollten. Zählt man ihre beiden sehr ähnlichen Schwestern Zenit EM (mit Springblende) und Zenit ET (leicht modernisierte EM) dazu kommt man sogar auf über 12 Millionen Einheiten. Das ist soviel, wie die gesamte deutsche Kameraindustrie (Ost plus West) zusammen an SLR's produziert hat.  

Die Kamera selbst hat nur das nötigste zum Fotografieren, das aber klappt zu 100%. Es gibt wohl kaum eine robustere Spiegelreflex (vielleicht würde ich meine Nikkormat noch in den Ring werfen). Der Verschluss basiert auch bei meinem Exemplar von 1975 auf dem Leica-Design aus den 1920ern, hat aber kein Langzeitwerk an Bord, d.h. für Belichtungen länger als 1/30 s muss man "B" bemühen. Der eingebaute Selenbelichtungsmesser ist ungekuppelt, funktioniert bei meinem Exemplar aber noch! Eine Springblende gibt es zunächst nicht (erst beim Modell EM), immerhin kehrt der Spiegel nach der Auslösung in seine normale Position zurück. Heute ist die Kamera bei Lomografen recht beliebt, gerade weil sie so archaisch ist. 

Gegen Devisen produzierte KMZ und MMZ die Kameras auch für westliche Distributoren, wo sie unter anderen folgende Namen hatte: Revueflex-E (Foto Quelle), Phokina, Phokina-XE, Delta 1, Kalimar SR200, Kalimar SR300, Prinzflex-500E, Cosmorex SE, Spiraflex, Meprozenit-E, Diramic-RF100.

Datenblatt KB-Spiegelreflexkamera mit Wechselobjektiven
Objektiv M42 Schraubgewinde (ohne Springblendensteuerung). Standardobjektiv: Industar-50-2 50 mm f/3.5 (Tessar-Typ, 4 Linsen in 3 Gruppen), oder Helios-44-2 58mm f/2 (=Zeiss Biotar, 6 Linsen in 4 Gruppen).
Verschluss mechanischer, horizontaler Tuchschlitzverschluss 1/30-1/500 s und B, kein Langzeitwerk.
Belichtungsmessung eingebauter, ungekuppelter Selenbelichtungsmesser, 13-28 DIN, bzw. 16-500 GOST
Fokussierung Manuell am Objektiv, einfache Mattscheibe, keine weitere Scharfstellhilfe.
Sucher Spiegelreflex, keine weiteren Anzeigen.
Blitz Synchronbuchse, umschaltbar X und M. X-Synchronzeit 1/30 s.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (vorwärtszählend), Rückspuldrehknopf (versenkbar).
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, aufsteckbarer Zubehörschuh.
Maße, Gewicht ca. 138x90x49 mm, 701 (769) g (ohne/mit Objektiv)
Batterie keine
Baujahr(e) 1965-1981, 3.334.540 Exemplare bei KMZ, diese 1975 (#75079674).
1976-1989, ca. 5 mio bei MMZ/Belomo. Siehe auch hier.
Kaufpreis, Wert heute 100 Rubel (1980), heute ca. 15 €.
Links KMZ bei Wikipedia, Bedienungsanleitung, Sovietcams, TomTiger, USSRphoto.com, Camera-Wiki

2015-05-20

Kiev 4


Dass die Kiev Messsucherkameras fast originalgetreue und (kriegsbedingt) lizensierte sovietische Contax Nachbauten sind, wissen viele Kamera-Interessierte. Man kann die Geschichte an vielen Stellen (siehe Links unten) nachlesen. Dass die Arsenal Fabrik in Kiev diese Kameras mit nur geringfügigen Modifikationen bis in die späten '80er hinein produziert hat, verblüfft dann doch. Es ist, als ob die Geschichte der Kameraentwicklung für 50 Jahre angehalten wird. Mein Modell Kiev-4 (Typ 4) hier, stammt aus dem Jahr 1978 und ist eine interessante Melange aus Technik und Grunddesign der Contax III von 1936, wenigen Designelementen angelehnt an die westdeutsche Neuentwicklung Contax IIIa von 1951 (Belichtungsmesser), sowie planwirtschaftlich bedingten Qualitätsabstrichen (z.B. 1/1000 s statt 1/1250 s). 

Hält man die Kiev heute in der Hand kann man dennoch dem Geist der Contax III von 1936 nachspüren. Diese war damals eine der modernsten Kameras überhaupt am Markt: Es gab hochlichtstarke Objektive, einen kombinierten Sucher/Entfernungsmesser ("Messucher", der erste am Markt!), eine superbreite Entfernungsmesserbasis für sehr präzises Scharfstellen, einen eingebauten Belichtungsmesser (eine der ersten) und den schnellsten Schlitzverschluss (1/1250 s). Kein Wunder, dass dieser Vorsprung in Technik (auch kriegsbedingt) fast 20 Jahre reicht, bis Konkurrenten (z.B. Leica M3) und Nachahmer (z.B. Nikon S) Mitte der 50er die Contax technisch einholen und schließlich vorbeiziehen. Die originalen Contax Produktionsmaschinen aus Dresden stehen ja seit Ende der 40er in Kiev und produzieren diese Kameras noch weitere 40 Jahre.
Im Gegensatz zu den originalen Vorkriegs Contax' sind Kiev's heute für billiges Geld zu bekommen. Meine hier hat mich ca. $30 (inkl. Objektiv und Versand) gekostet. Ich habe sie generalüberholt (gereinigt und das Leder neu angeklebt), jetzt funktioniert sie wieder zu 100%. Ja, auch der Belichtungsmesser zeigt vernüftige Werte an, ich habe erfolgreich  einen Testfilm verschossen, dazu demnächst hier ein eigener Beitrag. Allen, die mal Messsucherfeeling a la Großvater ausprobieren möchten kann ich die Kiev's wärmstens empfehlen, es sind sehr solide Kameras, die Objektive sind scharf und alles zusammen zum Diskountpreis! 

Datenblatt KB-Messsucherkamera mit Selen-Belichtungsmesser
Objektiv Contax Bajonett, Standard-Objektive: Jupiter-8M 50 mm f/2 (Zeiss Sonnar Klon)
Verschluss Vertikal ablaufender Metalllamellen-Schlitzverschluss, 2-5-10-25-50-125-250-500-1000 1/s und B. Blitzsynchronisation 1/25 s.
Belichtungsmessung Eingebauter, aber ungekuppelter Selen-Belichtungsmesser, Filmenpfindlichkeit 8-500 GOST
Fokussierung Kombinierter, heller Messsucher mit sehr breiter 9 cm Basis. Rädchen zur Feinfokussierung, Arretierung bei unendlich.
Sucher Messsucher, Sucherfeld für 50 mm (0.8 x), keine Parallaxenkorrektur oder Markierung.
Blitz Synchronbuchse X (und FP), 1/25s Synchronzeit, Zubehörschuh (ohne Kontakt)
Filmtransport Drehknopf, spannt auch den Verschluss. Verschlusszeiten sollten nur in gespanntem Zustand verstellt werden. Rückspulen ebenfalls mit einfachem Drehknopf.
sonst. Ausstattung ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Selbstauslöser (9-15 s), Stativgewinde, Bildzählwerk
Maße, Gewicht ca. 40/90/138 mm, 761/630 g (m/o Objektiv)
Batterie keine
Baujahr(e) 1957-1980 (diese 1978).
Kaufpreis, Wert heute 2140 HUF (1979), heutiger Wert ca. US$50
Links Sovietcams, Manual (english), Camera-Wiki (mit noch mehr Links), Camerajunky, Matt's Classical Cameras, Fotua (alle Modellvarianten)

2015-01-18

Zenit C

Bei meinen Recherchen zu sovietischen Spiegelreflex (siehe hier) wurde mein Interesse an diesen Kameras soweit geweckt, dass natürlich ein Exemplar für meine Sammlung her musste. Bei e-bay stieß ich für nur $30 auf dieses wirklich gut erhaltene Stück, voll funktionstüchtig und sehr wenige Gebrauchspuren. Überrascht war ich beim Auspacken wie kompakt die Kamera ist, alle anderen SLR der 50er und 60er Jahre waren größer und wuchsen über die Jahre sogar noch mit zunehmender Funktionsvielfalt. Erst 20 Jahre später erreichten die geniale Olympus OM-1 und danach die Pentax M-Modelle wieder die Ausmaße der frühen Zenit Kameras. 
Die Зени́т-C (übersetzt: Zenit-S für Synchronisation) war das zweite Modell von KMZ und unterscheidet sich von der allerersten sovietischen KB-Spiegelreflex Zenit ("1") durch die Blitzbuchse und die Möglichkeit die Verzögerungszeit für die Blitzauslösung zwischen 0 (X) und 25 ms (M) variable einstellen zu können. Mir ist bisher keine andere Kamera untergekommen, bei der man das kann. 

Man sieht der Kamera ihre Verwandschaft zu den im gleichen Werk gefertigten Zorki Messsucher-Kameras an, diese wiederum basieren auf den ukrainischen FED, die mehr oder weniger direkte Leica-Kopien waren. Sogar der Objektivanschluss ist ein M39-Gewinde, allerdings mit wegen des Spiegelkastens erweitertem Auflagemaß. Ein erwähnenswertes Merkmal ist die Kordel zum Zurückholen des Spiegels (siehe Foto oben). Vielleicht fädele ich ja irgendwann mal einen Film ein, Leica-mäßig von unten.


Datenblatt KB-Spiegelreflexkamera
Objektiv Wechselobjektive mit M39x1 Schraubgewinde, z.B. Industar-50 5cm f/3.5, 4 Linsen in 3 Gruppen (Tessar, vergütet).
Verschluss Horizontaler Tuchschlitzverschluss mit 30-60-125-250-500 /s und B (ab ca. 1960, frühe Exemplare haben 25-50-100-250-500)
Fokussierung Manuell am Objektiv, Spiegelreflex, keine sonstigen Einstellhilfen.
Sucher Spiegelreflex
Blitz Synchronbuchse, aber kein Zuberhörschuh. Variable Einstellung der Synchronverzögerung von 0 bis 25 ms
Filmtransport Drehknopf, Bildzählwerk, Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung ISO-Anschluss für Drahtauslöser, Stativgewinde.
Maße, Gewicht ca. 140x90x50mm, 520/584 g (o/m Objektiv)
Batterie keine.
Baujahr(e) 1955-1961, insgesamt 232.949 Exemplare
diese Kamera (Serien-Nr. 60024693): 1960
Kaufpreis, Wert heute 1955: ?,
heutiger Wert ca. US$ 80
Links Wikipedia, Sovietcameras, Camera-Wiki, Bedienungsanleitung (Engl.), USSRPhoto

2015-01-12

Soviet (and post-Soviet) 135 film SLRs

My project to assess the production numbers of all classical 135 film SLRs is still alive (to jump to the general overview and links to all other parts click here). Today's post is about all the cameras made in the former USSR and (after its dissolution) the respective post-Soviet states. There are only three factories/companies, which actually produced 135-type SLR cameras. The biggest one is KMZ (Красногорский механический завод, Krasnogorsk Mechanical Works) located in Russia close to Moscow. The smallest one is Arsenal in Kiev/Ukraine, normally known for their Contax RF copies named after the town Kiev. The third  is BelOMO (formerly MMZ) in Minsk/Belarus.KMZ (Красногорский механический завод, Krasnogorsk Mechanical Works) located in Russia All of them weren't actual competitors, they even cooperated and exchanged technologies and got their orders for production and development from a central administration in Moscow.
Mein Projekt, die Anzahl aller jemals produzierten Kleinbild-Spiegelreflexkameras abzuschätzen geht weiter (Hier gibt es die Übersicht). Heute geht es um alle Kameras, die in der früheren UDSSR und (nach deren Auflösung) ihren Nachfolgestaaten hergestellt wurden. Interessanterweise gibt es nur drei Fabriken, die SLR produzierten. Der größte Hersteller ist KMZ (Красногорский механический завод, Krasnogorsk Mechanical Works) in Russland nahe Moskau. Der kleinste ist Arsenal in Kiev (Ukraine), bekannt durch ihre Contax Messsucher-Klone mit dem Namen Kiev. Der dritte  ist BelOMO (früher auch MMZ) in Minsk (Weißrussland). Alle drei waren nicht wirklich Konkurrenten, sie kooperierten und tauschten Technologie aus und erhielten ihre Anweisungen von einer Zentralbehörde in Moskau.
KMZ was the first Soviet  producer to build an 135 film SLR. They took their Zorki RF and added a mirror cage. Result is a remarkable well designed and small SLR, called Zenit. After this KMZ continued to develop new Zenit models, a total of about more than 30. However, most of them have many features and also design elements in common and they can easily be grouped into about 10 bigger groups. Fortunately, KMZ reported all their production numbers and they still can be found on the internet today. Therefore this part is one of the most accurate of my entire assessments (with a total of 13,743,440 cameras). KMZ war der erste der sovietischen Hersteller mit einer KB-Spiegelreflex. Sie nahmen einfach ihre Zorki Messsucherkamera und erweiterten diese um einen Spiegelkasten. Resultat war die bemerkenswert wohlgeformte und kompakte SLR mit dem Namen Zenit. Danach entwicklete KMZ eine lange Folge weiterer Zenit Modelle, insgesamt mehr als 30. Weil viele von ihnen gemeinsame Merkmale aufweisen oder sich sehr ähnlich sind, lassen sie sich einfach als 10 größere Gruppen betrachten. Glücklicherweise hat KMZ sher gut über ihre Produktion Buch geführt und ide Zahl der produyierten Kameras läßt sich heute noch im Internet finden. Daher ist dieser Teil eines der genauesten meines gesamten Projektes (mit 13.743.440 KMZ Kameras).
As accurate the KMZ numbers are, the MMZ/Belomo numbers are definitely the least accurate of all my estimates, although Belomo just took some of the successful Zenit cameras from KMZ and continued to produce them in huge quantities (they've probably been ordered to do so).  Especially the 5 million of the Zenit E I could not believe in first, and I still have my doubts. However, I found multiple souces, claiming that the Zenit E series (KMZ and MMZ together) has been build in more than 12 million units (8 for the E + 4 for the ET) , making this the highest production number of any 135 film SLR in the world. The total SLR production of MMZ/Belomo I've estimated to be 9.1 million +/- 0.5 million). So akurat die KMZ Zahlen auch sind, die MMZ/Belomo Zahlen sind die betimmt ungenaueste Schätzung des gesamten Projekts. Das liegt daran, dass Belomo einfach große Mengen and KMZ-Zenit SLR nachgebaut bzw. quasi in Lohn gefertigt hat. Nur leider wurde nicht wirklich genau Buch geführt. Zunächst konnte ich die 5 Millionen für die Zenit E nicht glauben, aber verschiedene Quellen besagen, dass KMZ und MMZ zusammen über 12 Millionen Einheiten gebaut haben (genauer 8 mio von der E und 4 von der ET), was bedeuten würde, dass die Zenit E/ET die häufigste SLR der Welt ist. Die Gesamtproduktion von Belomo/MMZ habe ich auf 9,1 +/- 0.5 Millionen abgeschätzt. 
Betrachtet man diese großen Zahlen, kann man Arsenal fast vernachlässigen. Meine Schätzung für sie ist gerademal 261.000 (+/- 25%). Trotzdem ist Arsenal es Wert genannt zu werden, da sie einige innovative und interessante Produkte zu Wege brachten. Ihre erste SLR Kiev-10 ist eine sehr innovative Kamera mit automatischer Belichtungssteuerung in einem einzigartigen Gehäusedesign. Späte Kameras htten Nikon Bajonett. Meine Schätzung basiert auf recht wenigen Serien-Nummern, die ich im Netz finden konnte. Considering these huge numbers you can almost forget about the last producer on my list. My estimation for them is just 261,000 (+/- 25%). However, Arsenal is worth mentioning as they produced some very nice and innovative models. Their first model Kiev-10 is a very innovative camera featuring automatic exposure control in a unique body design. Later cameras had Nikon's F mount. My estimates are based on a few serial numbers I found on a couple of web-sites.
My most important source is the very comprehensive website Sovietcams.com, which reports most of the information from other sources in a nice and informative way. Other sources were USSRPhoto.com, Tigers Lair (repair manuals...),ACP, ...In total there are about 23 million (+/- 0.5 million) 135 film SLRs produced in Russia and Belarus, within the time frame of 52 years (1952-2004). Most of them probably stayed within the former Soviet Union, although there was significant export into the capitalistic West as almost from every model a variant can be found with Roman instead of Cyrillic letters. However, I could not find a percentage (or the like) how much have been exported. Interestingly, the production number distribution goes in-line with the world wide development. The 1980íes were THE SLR decade, world wide as well as in the USSR most of these cameras have been produced and sold within this ten years. 
Mein wichtigste Quelle ist die sehr umfangreiche website Sovietcams.com, die andere Internet Quellen hübsch und sehr informativ aufbereitet. Andere Quellen waren noch USSRPhoto.com, Tigers Lair (Reperaturanleitungen...), ACP, Insgesmat wurden also ungefähr 23 Millionen (+/- 0.5) KB-Spiegelreflexkameras innerhalb von 52 Jahren (1952-2004) auf dem Boden der ehemaligen Sovietunion produziert. Die meisten davon werden auch in Russland etc. geblieben sein, auch wenn es von fast jedem Modell eine Variante mit lateinischer statt kyrillischer Beschriftung für den Export ins kapatalistische Ausland gab. Ich konnte dazu allerdings keine Zahlen finden. Interessanterweise folgen die Produktionsmengen dem weltweiten Trend. The 1980er waren DIE Spiegelreflexdekade, weltweit wie auch in der UDSSR wurden die meisten SLR innerhalb dieser 10 Jahre gebaut.
When KMZ started producing SLRs in 1952 they were technologically in-line with German and later Japanese companies. During the late 50ies and early 60ies there was even some innovation coming from Russian camera engineers. However, over the decades they lost more and more contact to their western competitors. Automation and other innovation did arrive much later if at all. Some say Zenit or Kiev cameras from the late 1990ies would have been quite competitive in Western markets if offered in the mid 1970ies. 
Als KMZ 1952 begann Spiegelreflexkameras zu bauen, waren sie noch auf Augenhöhe mit duetschen und später japanischern Herstellern. In den späten 50ern und frühen 60ern konnte man sogar etwas Innovation von den russischen Ingenieuren finden. Mit der Zeit verlor man aber den Anschluss an den westlichen Wettbewerb. Alles Neue kam mit großer verzögerung, wenn überhaupt. Manche sagen Zenit oder Kiev Kmaeras aus den 90ern wären konkurrenzfähig gewesen, wenn sie schon 20 Jahre früher auf den Markt gekommen wären. 
Anyway, 23 million cameras is almost double the German SLR production (12 million) and the USSR is a serious candidate for second place behind Japan (I don't know yet, how China is doing). 
Wie dem auch sei, 23 Millionen Kameras sind immerhin doppelt so viele wie jemals in Deutschland produziert wurden (12 million) und die UdSSR ist ein ernsthafter Kandidat für den zweiten Platz nach Japan (wobei ich noch nicht weiß, wie sich China schlägt).