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2026-08-13

Exa Ic

Diese jüngste Erwerbung für meine Sammlung habe ich auf einem kleinen Flohmarkt in Neustrelitz (Mecklenburg-Vorpommern) entdeckt. Ich glaube es ist tatsächlich meine erste Kamera (und es gibt schon einige andere) aus der ehemaligen DDR, die ich tatsächlich auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gekauft habe. Dass dies eine DDR-Kamera ist, ist wichtig, denn nirgendwo sonst als in der sozialistischen Planwirtschaft wäre diese Kamera in den Jahren 1985 - 1987 noch so gebaut worden.

Richtig, denn 1985 war das Jahr als international die 5. Generation der analogen KB-SLR in Gestalt der Minolta AF 7000 das Licht der Welt erblickt (siehe meine Definition der Generationsfolge). Die Exa 1c ist im Gegensatz dazu lediglich die technologisch fast unveränderte Reinkarnation der ersten EXA von 1950, und gehört damit zur 1. Generation. Sie war nur deshalb (so wie ein Trabant etc.) noch verkäuflich, weil es schlicht in der DDR keine westlichen Alternativen gab.

Die Exa-Kameraserie ist mit 37 Jahren die am längsten produzierte SLR-Reihe der Welt und die 1c ihr letztes Modell. Gestartet 1950 als technisch vereinfachte Exakta und damit die erste günstige Einsteiger-SLR auf dem Markt (eine solche fehlt noch in meiner Sammlung). Ab 1959 gab es eine zweite Exa-Linie mit fest verbautem Prisma und weitere technische Verbesserungen, die dann mit der EXA 500 1966 ihren Höhepunkt erreichten. Ab 1968 und der Eingliederung der bisher noch einigermaßen unabhängig agierenden Ihagee in den VEB Pentacon ging es nur noch bergab. 1969 wird die zweite Linie wieder eingestellt und man nähert sich technologisch wieder dem ursprünglichen Einstiegsmodell. Außerdem stellt man ab 1977 vom bisherigen Exakta-Bajonett auf das M42-Gewinde um. Jegliche "Innovation" wird nur noch in die Vereinfachung sprich Reduzierung der Herstellkosten gesteckt und so hält in den 1980ern Kunststoff (oder wie man in der DDR sagte: Plaste) Einzug in die Produktion. Gerade die 1c hat mit Frontschild, Boden und Deckkappe sehr viel davon. Wer mehr Details möchte, dem seien die unten verlinkten Seiten wärmstens empfohlen.

Mein Exemplar ist in einem äußerlich exzellent Zustand und anscheinend sehr pfleglich von seinem Vorbesitzer behandelt worden. Das angeschraubte Pentacon auto 1.8/50 Normalobjektiv hieß früher einmal Meyer Oreston und spielt qualitätsmäßig eigentlich in einer anderen Liga als die Kamera selbst, wurde aber in den 80ern zu fast jeder Pentacon SLR geliefert. Ich denke, ich werde beides bei Gelegenheit wieder verkaufen, wer Interesse hat, bitte melden... 

Datenblatt Späte, mechanische Einsteiger-SLR mit M42
Objektiv Pentacon Auto 50 mm f/1.8 (Doppel-Gauss 6 Linsen), Blendeneinstellung rastend in halben Stufen, kleinste Blende 16, minimale Entfernung 0,33 m. Auswechselbar gegen eine riesige Auswahl an M42-Objektiven und Zubehör.
Verschluss spezieller Klappverschluss B-30-60-125-175, mit dem Spiegel als erstem "Vorhang" und einem gebogenem zweitem Verschluss-Blech. Spiegel kehrt erst mit Spannen wieder zurück.
Fokussierung Manuell am Objektiv, Einstellung über Mattscheibe
Sucher aufklappbarer Lichtschachtsucher mit optinaler Einstelllupe. Auswechselbar gegen Prismensucher (optionales Zubehör)
Blitz Anschluss über PC-Buchse, Synchronzeit 1/30 s
Filmtransport Schnellschalthebel mit integriertem Bildzählwerk und Filmempfindlichkeits-Merkscheibe, Rückspulkurbel. Filmpatronen können auch beidseitig eingesetzt werden.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Gurtösen
Maße, Gewicht 128x90x47/85 mm, 464 g/666 g (ohne/mit Objektiv)
Baujahr(e) 1985-1987, diese hier Nr. C 086350 von Anfang 1987
Kaufpreis, Wert heute 350 Mark (1987), je nach Zustand 20 - 50 €
Links Camera-Wiki, Exaklaus, Lomography, Dresdner-Kameras, Bedienungsanleitung, Photo but more - EXA, 
Bei KniPPsen weiterlesen Exa 500, Exa II, Kine-Exakta, Produktionszahlen deutscher SLR, die letzte deutsche SLR, 65 Jahre deutsche Spiegelreflex

2020-06-28

Yashica TL Electro X


Wieder ein Meilenstein in der Geschichte der Spiegelreflexkameras. Die Yashica TL Electro X war nach der einige Monate vor ihr erschienenen Praktica PL electronic und der nur einen Monat vor ihr in einer Kleinserie produzierten und super teuren Contarex SE zwar nur die dritte SLR mit elektronisch gesteuertem Verschluss. Allerdings war sie bei ihrem Debüt im Oktober 1968 eine komplette und höchst funktionale Kamera. Die Praktika ist eher eine Technologiestudie für den Verschluss, sie hatte keinen Belichtungsmesser! Die Contarex bediente wegen ihres extrem hohen Preises lediglich eine Nische. Die Yashica aber war gerade mit und wegen der Elektronik auf den Massenmarkt ausgerichtet und wurde auch kommerziell zu einem großen Erfolg. Yashica baute sie 6 Jahre lang und verkaufte wohl fast 300,000 Exemplare in alle Welt. Die Praktika hingegen wurde nach nur 3400 Exemplaren und wohl vielen Reklamationen nach einigen Monaten wieder eingestellt. Die Contarex SE blieb zwar auch noch bis 1975 im Zeiss Ikon Programm, aber auch von ihr gibt es nur ca. 3100 Exemplare. Welche von den dreien ist nun die signifikante SLR, die der Elektronik den Weg bereitet hat?
1968: Die erste und die erste wichtige Spiegelreflex-Kamera mit elektronisch gesteuertem Verschluss nebeneinander.

Sucher der TL Electro X (späte Version) mit den beiden
Über- und Unter
belichtungs-Warnpfeilen, die gleichzeitig die
Richtung an
geben, in die man das Blenden- oder Zeitenrad 
drehen soll. Sind beide beim Druck auf die Abblendtaste aus,
wird richtig 
belichtet.
Yashica kann man überhaupt als DEN Elektronik-Pionier unter den Kameraherstellern bezeichnen. Mit der Yashica Electro Half hatte man (in Kooperation mit Copal) schon 1965 die erste Halbformatkamera mit einem wirklich elektronisch gesteuerten Verschluss auf dem Markt. Dieser Verschluss machte dann ab 1966 in der Yashica Electro 35 Furore, einer Kamera mit einer Zeitautomatik, die am Ende mehr als 5 Millionen mal verkauft wurde. Die elektronisch gesteuerte Zeitautomatik ist natürlich das i-Tüpfelchen und funktionierte in der Messsucherkamera durch Messung des Lichtes während (!) der Belichtung.

Eine Spiegelreflex musste bei einem Erscheinungsdatum 1968 natürlich TTL-Messung haben, und da funktioniert sowas nicht mehr, weil der Spiegel bei der Aufnahme den Sucher und damit auch den Belichtungsmesser verdunkelt. Yashica konnte daher nicht dieselbe Logik in der SLR wie in der Messsucherkamera verbauen und auch (zunächst) keine Automatik anbieten. Dafür hätte es eines elektronischen Messwertspeichers bedurft, der aber erst später (1971 von Asahi Pentax) erfunden wurde. 
Schaltplan der Kamera. Man kann schön die eigentlich drei verschiedenen Schaltkreise erkennen: Ganz rechts außen mit nur einem Transistor die simple Batterie-Prüf-Schaltung mit grünem Lämpchen. Links neben der Batterie ist der Belichtungsmesser mit den beiden CdS-Zellen. Rechts neben der Batterie der Schaltkreis für die Steuerung des Verschlusses mit dem Elektromagnet und dem Kondensator C1. Mechanisch gekoppelt sind beide Schaltungen durch das Doppel-Drehpotentiometer VR/VR1 (Zeitenwahlrad/Filmempfindlichkeit). 
Elektronische Nachführmessung ohne Drehspulinstrument und Nadel, dafür mit Lämpchen in Pfeilform als Über- bzw. Unterbelichtungswarnung hat Yashica aber realisiert. Zentrales Bauelement dafür ist ein doppelt ausgeführtes Drehpotentiometer unterhalb des Zeitenwahlrads. Das eine von beiden gehört elektronisch zur Steuerung des Verschlusses (mit den anderen üblichen Komponenten eines elektronischen Hemmwerkes), das andere zum Belichtungsmesser. Ganz geschickt wurde auch die Einstellung der Filmempfindlichkeit hier mechanisch angekoppelt.  
Verdrahtungsdiagramm aus der
ausführlichen Reparaturanleitung,
unten: Platine mit Transistoren und
Kondensatoren.

Die meisten elektronischen Bauelemente befinden sich auf einer kleinen mit NEC MC-3011 bezeichneten Platine im Boden der Kamera unterhalb der Filmpatrone. Ausnahmen dazu sind die beiden CdS-Elemente, die beidseitig zum Sucherokular sitzen und wie der Fotograf auf die Mattscheiben "blicken" und dort die Helligkeit bei Arbeitsblende messen. Am hinteren Rand der Mattscheibe sitzen auch die beiden kleinen Lämpchen, die jeweils mit einer roten Pfeilblende versehen sind und wie oben zu sehen Unter- oder Überbelichtung anzeigen. Es handelt sich dabei NICHT um LEDs, wie man auf einigen Seiten im Internet fälschlicherweise lesen kann. Die erste Kamera, die für Sucheranzeigen LEDs eingesetzt hat ist die Fujica ST-801 von 1972. Ansonsten gibt es in der Yashica jede Menge bunte Kabel, die die Batterie, die Steuerelemente auf der Oberseite und den Verschluss schließlich mit der Platine verbinden. Das Verdrahtungsdiagramm und das Foto der geöffneten Kamera unten zeigt das deutlich. 

Der Verschluss ist übrigens der damals sehr moderne vertikale Metalllamellenverschluss Copal Square SE, vermutlich von Copal in Kooperation mit Yashica entwickelt. Der Ablauf des zweiten Verschlussvorhangs wird durch einen Elektromagneten getriggert und nicht mehr durch ein mechanisches Hemmwerk. Solche Verschlüsse auch vom Wettbewerber Seiko wurden in der Folge in Japan immer weiter perfektioniert und millionenfach in Kameras vieler Marken verbaut. Aber auch der klassische horizontale Tuchschlitzverschluss ließ sich entsprechend elektronisch steuern und wurde selbst noch in den 1980ern in einigen Kameras verwendet.
  
Mein erstes Exemplar der Kamera habe ich vor zwei Wochen für nur 1€ bei einer Auktion gekauft. Es war allerdings total verdreckt und hatte eine dicke Beule auf der Prismenkappe. Aber das war für mich nur Herausforderung und zu meinem Entzücken konnte ich nach Einlegen einer Batterie feststellen, dass die Elektronik für Verschluss und Belichtungsmesser noch tadellos funktionierten. Ich habe also das Ding zerlegt, gereinigt und etwas ausgebeult und hatte nach dem Zusammenbau wieder eine voll funktionierende Kamera für die Vielzahl der M42-Objektive, die ich noch besitze. 

Auf den meisten Bildern hier ist allerdings das äußerlich viel schönere Exemplar zu sehen, was ich letzte Woche inklusive des Super Carenar Objektivs (Cosina) für nur 10€ spontan noch dazu gekauft habe. Bis auf die fehlende Kappe des Batteriefachs funktioniert auch bei dieser noch alles. Hier habe ich ein echtes Schnäppchen gemacht: Es handelt sich nämlich um ein recht frühes Exemplar vom März 1969 (Yashica kodiert das Herstelldatum in der Seriennummer, siehe Links in der Tabelle unten), das noch ein paar Besonderheiten hatte, die die Mehrzahl der späteren Kameras noch nicht oder nicht mehr haben: 1) eine kleine "Beule" am oberen Rand des Suchereinblicks, äußerer Indikator für die frühe Sucherkonfiguration mit den Lämpchen am oberen Bildrand. Spätere Kameras haben einen etwas größeren Einblick und die Belichtungsmesserpfeile unten; 2) die extra FP-Blitzbuchse fehlt noch. Schon bei den Kameras vom April 1969 kann man dieses Feature dann finden;
Sucher der TL Elctro X (frühe Version bis ca. Mitte 1969)
3) Yashica hat damit Werbung gemacht, dass der elektronische Verschluss kontinuierliche Zeiteinstellung erlaubt, man also auch Zwischenwerte einstellen kann. Bei den späteren Kameras fehlt daher für Verschlusszeiten länger als 1/30 s die Rasterung, bei der frühen Kamera hier war sie aber (noch) vorhanden.
Wichtigster Unterschied allerdings waren die beiden Über- und Unterbelichtungslämpchen im Sucher, die bei der frühen Version als Text oberhalb des Sucherbildes erschienen (siehe Bild rechts, es leuchtet allerdings immer jeweils nur ein Lämpchen, oder keines). Man erkennt schon an diesem Bild hier (Abdunkelung), wie schwierig es war, diese Lämpchen überhaupt zu sehen (geschweige denn zu fotografieren!) und ich habe zunächst geglaubt, dass der Belichtungsmesser dieser Kamera kaputt ist, weil ich sie beim Blick in den Sucher schlicht übersehen hatte. Man muss seine Augen und die Haltung der Kamera wirklich verrenken, um ihrer Ansichtig zu werden, eindeutig eine Fehlkonstruktion. Hier musste Yashica nachbessern und hat es recht zügig getan. 

Datenblatt Erste SLR mit elektronisch gesteuertem Verschluss und TTL-Belichtungsmessung
Objektiv M42-Gewinde, Standard-Objektiv war Auto-Yashinon DX 50mm f/1.7 oder f/1.4
Verschluss Elektronisch gesteuerter, vertikaler Metalllamellenverschluss (Copal Square SE), kontinuierlich 2s bis 1/1000 s und B.
Belichtungsmessung TTL-Messung bei Arbeitsblende beim Druck auf die Abblendtaste. 2 CdS-Zellen, Nachführmessung mit 2 Lämpchen (Pfeile) im Sucher. Empfindlichkeitsbereich 25-800 ASA.
Fokussierung Manuell am Objektiv, Mikroprismen als Scharfstellhilfe
Sucher SLR, Mikroprismen im Zentrum, Anzeige des Belichtungsmessers am unteren Bildrand. Wenn keiner beiden Warnpfeile leuchtet, ist richtig belichtet.
Blitz X und FP-Buchse (ab 04/1969), X-Mittenkontakt in Zuberhörschuh, Synchronzeit ca. 1/90s.
Filmtransport Schnellschalthebel, Rückspulkurbel, Zählwerk (vorwärts).
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Batterietest, Spiegel-Arretierung, Selbstauslöser (10s), Iso-Drahtauslöser, Stativgewinde ¼ ''
Maße, Gewicht ca.  151 x 96 x 51 mm, 731g (ohne Objektiv, Batterie und Film)
Batterie 6V, PX28 (oder Alternative)
Baujahr(e) 10/1968-12/1974, ca. 300.000 Exemplare, diese hier von 03-1969 und 10-1970. Spätere schwarze Version hieß TL Electro X ITS.
Kaufpreis, Wert heute 245 US$ (mit 1.7/50, 1969), 598 DM (1975), heute je nach Zustand 20-50€
Links Camera-Wiki, Repair Manual, Instruction Manual, Yashicasailorboy (1), Yashicasailorboy (2), Yashicasailorboy (3), Sammlung Tauber, Wikipedia, Werbung, Werbung 1969, Testbericht von 1969

2019-03-10

Asahi Pentax ES


Und wieder ein Meilenstein: Die erste SLR mit Zeitautomatik und dem entsprechend dazu gehörigen elektronischen Schlitzverschluss hieß Pentax ES. Eigentlich hieß die erste Serie der Kamera noch "Elektro Spotmatik" und war 1971 nur auf dem japanischen Markt zu haben (Seriennummern 55xxxxx, ca. 60.000 Exemplare). Im Netz gibt es die Vermutung, dass zunächst noch eine nicht so robuste elektronische Platine an Bord war, was ihr einen gewissen Ruf bzgl. mangelnder Zuverlässigkeit einbrachte. Ab Ende 1971 hieß die Kamera für den Weltmarkt dann Pentax ES und hatte eine in Massenfertigung erstellte und bessere Platine an Bord. Die Seriennummern lauteten nun 65xxxxx und es wurden nochmal ca. 60.000 Exemplare gebaut. Meines ist vom Anfang dieser zweiten Serie. Ansonsten waren die Kameras aber identisch und basierten auf dem bewährten Spotmatik Gehäuse.

Um die Elektronik unterzubringen, haben die Ingenieure die Bodenkappe auf 9 mm verbreitert, die Kamera selbst wird dadurch 5 mm höher und kippt mit angesetztem Objektiv mal gern nach vorne. Der Selbstauslöser und (vermutlich) das Langzeitenwerk des mechanischen Verschlusses mussten der Batterie weichen. Die Standardfarbe der ES war nun schwarz, Chrome war die Sonderausführung. Außerdem gab es den nun standardmäßigen Zubehörschuh mit Mittenkontakt.
Dass man einen Schlitzverschluss mittels elektronischem Hemmwerk steuern kann, hatten die Ingenieure vom VEB Pentacon in der DDR schon an der Praktica PL Electronic im Jahr 1968 gezeigt. Allerdings war diese Kamera noch nicht wirklich ausgereift und hatte noch einige Schwächen. Im dazugehörigen Patent wird auch schon die Möglichkeit zur automatischen Verschluss-Steuerung durch den Belichtungsmesser erwähnt, aber eben nicht realisiert. Das haben die Asahi Ingenieure nun erledigt. Aber auch bei Pentax hat man sich nicht mit einer reinen Elektronik-Kamera auf den Markt getraut, zu groß war die Skepsis gegenüber der Zuverlässigkeit der Elektronik, bzw. der Batterie. Es gab also noch mechanische Zeiten, mit denen man auch ohne Batterie und Elektronik fotografieren konnte. 


Die ES war nicht nur Pentax' erste SLR mit Zeitautomatik, sondern mit ihr führte man auch die neue Offenblend-Variante für M42 ein. Endlich, Pentax! Man erkennt es am innerhalb des Gewindes und unterhalb des Pentax Schriftzugs liegenden Hebels (kleines Bild rechts). Über einige andere M42-Varianten habe ich ja schon geschrieben (Praktica, Fujica). Trotz des Fortschritts hier blieb der M42-Anschluss der schwächste Punkt dieser ansonsten so fortschrittlichen Kamera. Asahi brachte schon 1974 mit der ES-II einen fast baugleichen Nachfolger, neben internen Verbesserungen an der Elektronik kam der Selbstauslöser zurück, indem man einen neuen Platz für die Batterien fand. Parallel arbeitete man aber schon am K-Bajonett, dass dann schon 1975 Premiere feierte. Die erste Kamera damit war die Pentax K2, ebenfalls ein Zeitautomat, allerdings nun mit einem vertikalen Metalllamellenverschluss.


Datenblatt Erste SLR mit Zeitautomatik
Objektiv Wechselobjektive mit M42 Schraubgewinde (Offenblendvariante Pentax). Hier mit SMC Takumar 105 mm f/2.8 (5 Linsen in 4 Gruppen). 
Verschluss Elektronisch sowie mechanisch gesteuerter,  horizontaler Tuchverschluss. Automatisch und stufenlos gesteuert zwischen 8 s - 1/1000 s. Mechanische Zeiten 1/60 - 1/1000s und B. Blitzsynchronisation bei 1/60s.
Belichtungsmessung TTL, wählbar zwischen offener oder Arbeitsblende, CdS-Zelle. 20-1600 ASA. 
Belichtungsautomatik Erste SLR mit Zeitautomatik durch elektronisch gesteuerten stufenlosen Verschluss.
Fokussierung Manuell am Objektiv, Einstellscheibe mit Mikroprismenzentrum.
Sucher Fest eingebauter Pentaprismensucher mit Nadel-Anzeige für Belichtungszeit. 
Blitz Zubehörschuh mit Mittenkontakt (X) sowie separate Blitzbuchsen für X und FP.
Filmtransport Schnellschalthelbel, Rückspulknopf, Bildzählwerk (vorwärts zählend)
sonst. Ausstattung Abblendhebel (aktiviert Arbeitsblenden Messung), ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Stativgewinde, Belichtungskorrektur (+2/-1 Stufen) bei Automatik, Filmtyp-Merkschieber, Batterietest-Taste.
Maße, Gewicht ca. 143x98x91 mm, 678 g (Gehäuse inkl. Batterien), 960g mit Objektiv.
Batterie6V PX28, 4LR44, Eveready #544, oder 4x LR44 bzw. SR44.
Baujahr(e) 1971-1973, ca. 130.000 Einheiten, dieses #6502640 von 1971
Kaufpreis, Wert heute ca. US$320 (mit 55mm f/1.8), heute ca. 30 €(Gehäuse), 100€ inkl. Objektiv.
Links Camera Manual (english), Camera-Wiki, Simon Hawkett, Pentax-SLR.com, Chemicalcameras, Pentax Forum, Kleinbildkamera.ch,
Meine anderen Pentax-SLR Posts: Spotmatic, Spotmatic F, K-1000, ME-F, SLR production, Super-Takumar 55 f/2, SMC-Pentax A 50 f/1.7, Pentax Auto-110

2018-10-05

M42 Fujica Variante


Das M42 Objektivgewinde (eigentlich M42x1mm, Auflagemaß: 45.46mm) war lange Zeit DER Standard zum Anschluss von Wechselobjektiven an Spiegelreflexkameras. Eingeführt 1949 für die Contax S sowie spätere Praktica Kameras wurde es lange Zeit auch Praktica-Gewinde genannt. Weltweit populär wurde es auch durch die Verwendung durch Asahi Pentax (damals japanischer Marktführer) und anderen Herstellern, die sich kein umfangreiches eigenes Objektivprogramm leisten konnten oder wollten und gerne auf die riesige Auswahl an verfügbaren Objektiven verwiesen. Mit der Praktica F.X2 kam 1956 die automatische Springblende (zu erkennen am kleinen silbernen Pin). Dieses Update kam wohl noch früh genug, um allgemein auch von allen anderen Herstellern angenommen und damit zum Standard zu werden.    
Was dann nicht mehr geklappt hat, war einen Standard für die Offenblend-Belichtungsmessung abzustimmen. Hier kochte dann jeder Hersteller sein eigenes Süppchen, um der Kamera irgendwie die am Objektiv eingestellte Blende mitzuteilen, ohne vor dem Auslösen abzublenden. Während Pentacon bei der Praktica LLC auf elektrische Kontakte setzte, beruhen alle anderen Lösungen auf mechanischer Übertragung: 1968: Pentacon Super, 1970: ZeissIkon Ikarex TM,  1971: Olympus FTL, Pentax ES, 1972: Fujica ST-801, 1974: Mamiya MSX 1000.
Hier ist also die Fujica-Variante, realisiert durch einen maximal 1mm breiten Mitnehmer am Blendenring des Objektives, der einen Ring rund ums Kameragewinde schiebt, gekuppelt durch einen ebenfalls winzigen Pin. Weil ja beim M42-Gewinde das Objektiv nicht immer gleich fest "angezogen" wird, rastet es bei Fujica nun ein. Zum Abnehmen des Objektivs muss wieder entriegelt werden. Es kommt fast Bajonett-Feeling auf! 


Das Ganze ist abwährtskompatibel, das heißt, andere M42-Objektive können (ohne Offenblendfunktion) an der Fujica-Kamera verwendet werden. Allerdings verhindert der etwas überstehende Blendenmitnehmer die Verwendung von entsprechenden Fujinon-Objektiven an vielen anderen M42-Kameras. Bei meiner Praktica LTL3 jedenfalls ging es nicht.

2018-09-30

Fujica ST801


Wieder mal ein (kleiner) Meilenstein in der Geschichte der Kleinbild-Spiegelreflexkameras. Die Fujica ST801 war bei ihrem Erscheinen 1972 die erste SLR mit Leuchtdioden (LEDs) anstatt eines Drehspulinstruments mit Nadel. Jetzt kann man berechtigterweise fragen, wo der wirkliche Vorteil für den Fotografen liegt, vielleicht mal von ein paar wenigen Situationen bei schlechtem Licht abgesehen. 

Trotzdem war die Sache mit den LED's ein sichtbares Zeichen des Fortschritts, der sich allerdings eher im Verborgenen abspielte. Die Kamera hatte nämlich (wie ihre ein Jahr frühere Schwester ST701, noch mit Nadel) Silizium Photodioden anstatt CdS-Photowiderständen als Messelemente eingebaut, das ganze mit einer integrierten Schaltung, also echte Elektronik, keine langsamen halb-analogen Belichtungsmesser mehr. Bei der ST801 war das jetzt auch noch gepaart mit einer Offenblendvariante für M42, sowie einem schnellen Verschluss bis1/2000 s. Das Ganze in einem relativ kompakten Gehäuse und garniert mit einem damals noch seltenen Hot-Shoe (Blitz-Mittenkontakt im Zuberhörschuh). 



Elektronik war Anfang der 1970er einfach schwer angesagt und schickte sich an, auch in der Kameratechnik immer mehr Bereiche zu übernehmen. Zunächst wurden die elektrisch-analogen Belichtungsmesser durch präzisere und schnellere elektronische Varianten ersetzt. Wie eben hier in der ST801. Der nächste Schritt war die elektronische Verschluss-Steuerung, die dann in Fuji's nächstem Modell ST901 gleich zusammen mit einer Zeitautomatik realisiert wurde. Pionier dafür war keine japanische Kameraschmiede sondern 1968 der VEB Pentacon mit der Praktica PL electronic. Diese war aber eher ein technischer Pilotstudie, das Prinzip hat Pentacon erst mit der Praktica EE2 im Jahr erst 1977 wirklich umgesetzt. Da waren die japanischen Hersteller alle schneller und brachten Anfang der 70er alle "Elektronic"-Kameras mit Automatikfunktionen. Das kann man zum Beispiel in der Juni-Ausgabe von Popular Science von 1973 nachlesen. Auf Seite 80 gibt es dort ein anschauliches Schema über die Elektronic in der ST801 (siehe Bild). 
Fujifilm, oder wie sie früher hieß: Fuji Photo Film Co., ist eine bedeutende Firma, die nicht nur einer der drei großen Filmhersteller der Welt war, sondern immer schon auf verwandten Gebieten aktiv war. Im Gegensatz zu Agfa, die ja bekanntlich pleite und untergegangen sind, und auch Kodak, die zwar nach vorübergehender Insolvenz noch existieren, aber nur noch ein Schatten ihrer ehemaligen Größe und Bedeutung besitzen, ist Fuji immer noch da und auch heute (wieder) im Kamerabau aktiv. Respekt! Als Kamerahersteller gehörten sie nie zu den ganz großen, mit solch innovativen Kameras wie der ST801 haben sie der Industrie aber immer wieder Impulse gegeben. 


Datenblatt Erste KB-Spiegelreflexkamera mit LED-Anzeige
Objektiv M42 Schraubgewinde mit Fujica Offenblend-Variante. 
Verschluss Mechanischer, horizontaler Tuchschlitzverschluss 1s bis 1/2000 s und B.
Belichtungsmessung Si-Photodioden, TTL-Nachführmessung bei offener Blende, Fujinon-Objektive vorausgesetzt. Anzeige durch 7 LED's im Sucher. 25-3200 ASA (15-36 DIN)
Fokussierung Manuell am Objektiv, Mikorprismen und Schnittbildindikator als Scharfstellhilfen.
Sucher Spiegelreflex, Anzeige der eingestellten Verschlusszeit und LED's des Nachführbelichtungsmessers.
Blitz Mittenkontakt im Zuberhörschuh, FP und X Buchsen, Synchronzeit 1/60 s.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (vorwärtszählend), Rückspulkurbel. Hilfe beim Filmeinfädeln.
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Trageösen, Aufschraub-Okular für Zubehör, Zubehörschuh, Selbstauslöser, Arretierung für den Auslöser, Abblendtaste.
Maße, Gewicht ca. 133x91x50 mm, 635g (mit Batterie), 840g (mit Objektiv)
Batterie PX-28 (6V, Silberoxid), 4xLR44 möglich.
Baujahr(e) 1972-1978, ca. 200,000? Exemplare, diese #3050869  
Kaufpreis, Wert heute 125 £ (1974), heute ca. 50€ mit Objektiv
Links Camera Protraits, Instruction Manual, The Camera Site, Camera-Wiki, 


2018-05-26

KW Zwischenringe und Doppeldrahtauslöser

Zwischenringe sind die technisch simpelste Methode den Objektivauszug mechanisch zu verlängern und damit Nahaufnahmen zu ermöglichen. Bei M42 reichen simple Metallringe (wie diese hier aus Aluminium) mit vorne und hinten dem jeweiligen Gewinde. Diese hier, gebaut von den Kamerawerkstätten Niedersedlitz ("KW") in den 1950 oder 1960ern, sind 7, 14 und 28 mm breit. Beliebig kombinierbar erlauben sie einen maximalen Auszug von 49 mm und mit einem 50 mm-Objektiv einen maximalen Abbildungsmaßstab von ca. 1:1:

Ab 1956 hatten die Dresdener Kameras Praktica FX2 und später die Contax F mit entsprechenden Objektiven die automatische Springblende, d.h. die Blende blieb zum Scharfstellen maximal geöffnet und schloss sich erst beim Auslösen auf den eingestellten Wert.  Das ist natürlich auch bei Makrofotografie sinnvoll und dafür gab es noch einen Spezialzwischenring (14mm), der direkt hinter das Objektiv kam und den silbernen Pin bedienen konnte. Dazu brauchte man noch den mitgelieferten Doppeldrahtauslöser, der mit einem Druck dann die Blende schloss und die Kamera auslöste.

2018-05-20

Praktica F.X2


Einen überaus erfreulichen Flohmarktsfund hatte ich letzten Samstag: Eine quasi komplette und extrem gut erhaltene Kamera-Ausrüstung von ca. 1959. Neben der Praktica F.X2 waren drei Objektive dabei, ein Ihaagee Kolben-Blitzgerät, zwei funktionierende Selen-Handbelichtungsmesser, alte Filmdöschen, Zwischenringe, Drahtauslöser, Gelbfilter etc. Alles quasi wie neu, zum großen Teil im Originalkarton mit Anleitungen, was will da das Sammlerherz mehr. Der Verkäufer wollte 50 Euro für einen guten Zweck, da habe ich ich mir das sonst obligatorische Handeln verkniffen...
Die Kamera ist ein typischer Vertreter der Dresdener Kameraindustrie der 1950er. Als Nachfolger der Praktiflex kam von den Kamerawerken in Niedersedlitz 1949 die Praktica, von der im Laufe der nächsten 10 Jahre immer weiter verbesserte Varianten als FX und später FX2/FX3 gebaut und verkauft wurden (Details gibt es hier). Die Buchstaben FX sind übrigends eine Referenz an die eingebaute Blitzsynchronisation für Kolben und später Elektronenblitzgeräte. Alle Praktica-Varianten der 1950er hatten den aufklappbaren Lichtschachtsucher mit einschwenkbarer Sucherlupe. Als Zuberhör gab es einen Aufsteckprismensucher, der genau in den Lichtschacht passte:
Der Spiegel klappte nach dem Auslösen nicht wieder automatisch runter, ein Feature, was man von der Praktiflex leider nicht übernommen hatte. Der Verschluss ist ein horizontal ablaufender Tuchschlitzverschluss a la Leica, allerdings mit Zeiten von 1/2 bis 1/500 s und B an nur einem (mitdrehenden) Einstellring. 1956 wurde dann während der FX2 Produktion die automatische Springblende für das M42-Gewinde eingeführt, zu erkennen am breiten Hebel unterhalb des Spiegels bzw. objektivseitig am charakteristischen silbernen Pin.

Insofern ist die FX2 also doch ein technisches Meilensteinchen. Im letzten Jahr der Produktion wurde noch die Blitzsynchronisation um 10 Millisekunden korrigiert und die Bezeichnung bekam den Punkt zwischen F und X. Meine Kamera ist aus diesem Zeitraum und auch das Objektiv ist laut Seriennummer von 1958. Ich bin mir noch nicht sicher, was ich langfristig mit ihr anstellen werde. Erstmal werde ich auch noch einige andere Teile aus der Ausrüstung hier dokumentieren. Fotos sind schon gemacht. Aber eventuell verkaufe ich auch das eine oder andere. Ich bin sicher, dass ich in Summe ein vielfaches meines Kaufpreises erzielen werde.


Datenblatt KB-Spiegelreflexkamera mit Lichschachtsucher und erstmalig automatischer Springblende bei M42.
Objektiv M42 Schraubgewinde, hier Carl Zeiss Jena Tessar 50 mm f/2.8 (4 Linsen in 3 Gruppen).
Verschluss mechanischer, horizontaler Tuchschlitzverschluss 2, 5, 10, 50, 100, 200, 500 1/s und B.
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv, SLR.
Sucher Spiegelreflex, kombinierter (Durchsicht-)Sport und Lichtschachtsucher mit ausklappbarer Sucherlupe. Keine weiteren Scharfstellhilfen.
Blitz 2 Buchsen für F und X, Synchronzeit 1/40 s.
Filmtransport Drehknpof mit Bildzählwerk (vorwärtszählend), Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Trageösen, Aufsteckprimensucher (optionales Zubehör).
Maße, Gewicht ca. 152x91x49 mm, 624g (Gehäuse), 890g (mit Objektiv und Prisma)
Batterie keine.
Baujahr(e) 1958-1959, 29.000 Exemplare ("F.X2" Hummel 137), diese #317322 
Kaufpreis, Wert heute 521 Mark (1959, mit Tessar), heute ca. 50€
Links Camera-Wiki, Wikipedia, Dresdner Kameras, Praktica Collector, Bedienungsanleitung, Kurt Tauber, Prakticas reparieren lassen.

2018-04-15

Praktica LLC


Ende der 1960er Jahre war der VEB Pentacon der deutsche Kamerahersteller, der es noch am ehesten mit der immer besser werdenden japanischen Konkurrenz aufnehmen konnte. Nicht von ungefähr wurde die 1969 eingeführte L-Serie die erfolgreichste deutsche SLR. Allen L-Kameras (L von Lamelle) gemein ist der neue (relativ) kompakte vertikale Stahllamellenverschluss, der den bis dahin fast überall zu findenden langsamen horizontalen Tuchschlitzverschluss a la Leica in fast allen Belangen ins Abseits stellt. Aber dazu mal irgendwann etwas in einem extra-Post.  
Schon die erste Generation kam 1969 mit verschieden ausgestatteten Kameras. Neben dem Basismodell L gab es die LB (mit eingebautem nicht-TTL Belichtungsmesser), das Hauptmodell "LTL" (TTL bei Arbeitsblende), sowie die zwei Spitzenmodelle LLC und VLC. Letztere bot auswechselbare Sucher, beide hatten aber die andere große Innovation an Bord, TTL bei offener Blende, realisiert über die weltweit erstmalige Verwendung von elektrischen Kontakten zwischen Objektiv und Gehäuse.

Um es nochmal klar herauszustellen: Die LLC ist nicht die erste Spiegelreflex mit TTL bei offener Blende, sondern "nur" die erste Kamera, die für die notwendige Blendensimulation die Informationen vom Objektiv an die Kamera per elektrischen Kontakten (siehe Bild oben) übertrug. Schon die allererste Spiegelreflex mit TTL-Messung (Topcon RE Super) konnte stets bei offener Blende messen, auch andere Kameras der späten 1960er Jahre boten das (z.B. Minolta SRT-101, Nikkormat FTn), alle mit mechanischer Blendenwert-Übertragung. Der Marktführer und Prakticas größter Konkurrent bei Kameras mit dem defakto Standard M42 konnte es allerdings nicht: Pentax Spotmatic SP. Pentax brauchte sogar bis 1971 (Electro Spotmatic) bzw. 1973 Spotmatic F, um hier am Markt nachzuziehen. 
Wichtigstes Bauteil der neuen elektrischen Blendenwert-
Übertragung: Schiebewiderstand im Objektiv.
Es ist aber vermutlich viel schwieriger eine mechanische Übertragung des Blendenwertes beim M42-Schraubgewinde zu realisieren als bei immer in der gleichen Position einrastenden Bajonett-Verbindungen. Unmöglich ist es aber nicht, wie schließlich 6 verschiedene andere untereinander nicht kompatibele mechanische M42-Modifikationen beweisen (1968: Pentacon Super, 1970: ZeissIkon Ikarex TM,  1971: Olympus FTL, Pentax ES, 1972: Fujica ST-801, 1974: Mamiya MSX 1000). Leider wollten oder konnten sich diese Hersteller nicht auf ein einheitliches System einigen. Vermutlich auch aufgrund der Tatsache, dass man verstanden hatte, dass M42 eh ein Auslaufmodell war und im Hintergrund schon an Bajonetten gearbeitet wurde. Der wichtigste M42 Nachfolger ist natürlich Pentax' K-Bajonett (1975) und das hatte eine genormte (mechanische) Blendenwert-Übertragung. Praktica kam erst 1979 mit einem Bajonett (daher der Name: B-Reihe) und das hatte wieder: Elektrische Kontakte (als  EDC, elektronische Blendenkontrolle beworben). 
Elektrische Kontakte in anderen Objektivfassungen tauchen dann erst wieder in AF-Kameras (1981: Pentax ME-F) auf, diesmal zur Übertragung der Entfernungs-Informationen. Hier hat kein Hersteller jemals versucht, auch diese mechanisch zu übermitteln. Spätere, konsequent mit der mechanischen Vergangenheit brechende Systeme (z.B. Canon EF) übertragen heute alles nur noch elektrisch, bzw. elektronisch. Saß in den Pentacon "electric" Objektiven nur ein einfacher Schiebewiderstand, so sind es heute Mikroprozessoren mit eigenem Betriebsystem (Firmware), die mit den Kameras kommunizieren. 

Meine Kamera hier habe ich als teilweise defekt, aber in äußerlich sehr gutem Zustand mit zwei Objektiven (darunter das exzellente und damals originale Zeiss Pancolar) für nur 40€ bei e-bay ergattert. Zu meiner Überraschung war auch die seltene PX-21 Batterie dabei, noch mit Spannung! Besonders stolz bin ich, dass ich die festsitzenden Blendenlamellen des Pancolars wieder gängig bekommen habe. Bei der nötigen Komplett-Zerlegung des Objektivs habe ich schon arg geschwitzt, aber am Ende flutscht alles wieder! Auch der Belichtungsmesser in der Kamera zuckt nach etwas Pflege wieder, allerdings scheinen die Blendenwerte vom Objektiv nicht übertragen zu werden. Schade, denn hierum geht es ja gerade. Mal sehen, was sich noch machen läßt. Im Übrigen wird die Kamera in der Vitrine den Platz ihrer jüngeren Schwester LTL3 übernehmen, den sie quasi für den Meilenstein hier stellvertretend eingenommen hatte. 


Datenblatt Erste KB-Spiegelreflexkamera mit elektrischer Übertragung des Blendenwerts für Offenblendmessung
Objektiv M42 Schraubgewinde, hier Carl Zeiss Jena Pancolar 50 mm f/1.8 (6 Linsen in 4 Gruppen)
Verschluss mechanischer, vertikaler Stahllamellenverschluss 1s bis 1/1000 s und B.
Belichtungsmessung CdS, Nachführmessung bei offener Blende, "Electric"-Objektive vorausgesetzt.  12-1600 ASA (12-33 DIN)
Fokussierung Manuell am Objektiv, Mikorprismen als Scharfstellhilfe.
Sucher Spiegelreflex, nicht gespannter Zustand wird durch Dreieck im Sucher angezeigt.
Blitz Mittenkontakt im Zuberhörschuh, keine extra Buchse. Synchronzeit 1/125 s.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (vorwärtszählend), Rückspulkurbel. Hilfe beim Filmeinfädeln.
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Trageösen, Aufsteck-Okular für Zubehör, Zubehörschuh, Selbstauslöser, Arretierung für den Auslöser.
Maße, Gewicht ca. 145x98x50 mm, 613g (mit Batterie), 840g (mit Objektiv)
Batterie PX-21 (4.5 V)
Baujahr(e) 1969-1975, 176.697 Exemplare, diese #272497 
Kaufpreis, Wert heute 660 Mark (1969), heute ca. 50€
Links Camera-Wiki, Wikipedia, Dresdner Kameras, Praktica Collector, Bedienungsanleitung, Vielseitige Praktica (Buch), Prakticas reparieren lassen.

2018-03-01

Praktica PL electronic


Vor genau 50 Jahren, im März 1968 begann die Produktion dieses unscheinbaren Meilensteins des Kamerabaus. Von außen sieht die PL electronic fast genauso aus wie ihre Schwester PL Nova I, im Boden versteckt sich die Innovation: Der erste elektronisch gesteuerte Schlitzverschluss in einer kommerziellen Kamera, bestehend aus einem Elektromagneten als Sperrklinke für den zweiten Verschlussvorhang, einer Platine als variable Verzögerungsschaltung (adieu Räderhemmwerk) und natürlich der dafür unverzichtbaren Batterie.
Die Ingenieure vom VEB Pentacon in Dresden (namentlich Hubertus Reimann, Siegfried Müller und Fritz Lindner) waren mit ihrer Erfindung (Patent DD44166) schneller am Markt als ihre westdeutschen Konkurrenten von Zeiss Ikon mit der Contarex SE "electronic". Diese wird oft als die weltweit erste bezeichnet, wurde schon für 1967 angekündigt, war aber erst ab Herbst 1968 erhältlich. Auch in Japan arbeitete man zu der Zeit wohl schon an dem Thema, als erste Kamera dort mit einem solchen Verschluss kann wohl die Yashica TL electro X von 1969 gelten.
Schaltplan der Elektronik aus dem Patent DD44166. Die
realisierte Schaltung der Kamera ist einfacher (kein 
Photowiderstand, nur 2 Transistoren).
Man sollte allerdings erwähnen, dass das Thema irgendwo in der Luft lag. Die Entwicklung der Elektronik machte überall Riesenfortschritte, die entsprechenden Bauelemente (insbesondere Transistoren) waren endlich erhältlich. Ende der 1950er kamen die ersten Transistorradios auf den Markt, und die eigentliche Erfindung (DE1095107, das elektronische Hemmwerk) wurde schon 1956 von Paul Fahlenberg gemacht, der zu dieser Zeit für das Compur-Werk Friedrich Deckel in München arbeitete. Die Firma gehörte damals zum Zeiss Konzern, realisierte einen solchen Verschluss aber erstmal nicht, bzw. dann erst in der Contarex SE. Die Herren Reimann et al. haben sich vermutlich die eine oder andere Inspiration davon geholt, und ein paar Ausführungspatente in der DDR selbst angemeldet. VEB Pentacon war angeblich vergeblich mit Compur in Verhandlungen, hatte aber wegen der deutschen Teilung wenig Skrupel die Technik trotzdem zumindestens für den ostdeutschen Markt einzusetzen.
Beide oben erwähnten Patente deuten die Möglichkeit zur automatische Belichtungssteuerung  durch die Verwendung eines Photowiderstands an, später auch als Zeitautomatik realisiert. Allerdings besitzt die Praktica PL Electronic keinen Belichtungsmesser und man kann sie daher eher als Pilotstudie nur für den Verschluss betrachten. Mit dem Drehrad um die Rückspulkurbel wird lediglich der entsprechende Widerstand eingestellt, der die Oszillation zwischen Kondensator und Spule stärker oder schwächer dämpft. Allerdings ist der enorme Zeitenbereich von 30 bis zu 1/500 Sekunden bis dahin von keinem anderen (einzelnen) mechanischen Hemmwerk erzeugt worden. Auch dürfte die Genauigkeit der elektronisch gesteuerten Zeiten prinzipiell höher als die der mechanischen gebildeten gewesen sein.
Dennoch muss festgehalten werden, dass für den Fotografen diese Innovation erstmal keinen wirklichen Vorteil brachte. Mit einer PL electronic kann man bestenfalls genausogut oder schlecht fotografieren wie mit einer PL Nova. Im schlechten Fall ist allerdings die Batterie leer, was bei dieser Praktica hier wohl wegen des hohen Stromverbrauch recht schnell der Fall war. Daher wurde die Produktion nach nur ca. 3400 Exemplaren wieder eingestellt. Die elektronische Steuerung eines Verschlusses gab es von Pentacon erst wieder ab 1977 mit der Praktica EE2, einem Zeitautomaten.
Aber die Kameraindustrie war 1968 natürlich aufgewacht und erkannte den Wert der Erfindung recht schnell. Elektronische Verschlüsse sind viel simpler aufgebaut und billiger zu bauen als komplizierte Räderhemmwerke, dazu genauer und sie erlauben die einfache Integration in eine Belichtungsautomatik.  So verwundert es nicht, dass ab 1969 von fast jedem renomiertem Kamerahersteller "Elektronik"-Kameras auf den Markt gebracht wurden, die meisten hatten ein E im Namen (z.B. Pentax ES 1971,  Nikkormat EL 1972, Minolta XE 1974). Besonders die frühen elektronischen Kameras hatten nicht immer den besten Ruf und die Hersteller behielten zunächst ihre mechanischen Baureihen im Angebot. Canon war mit der AE1 1976 der erste, der konsequent auf Elektronik und moderne Produktionsverfahren setzte und damit den Markt aufrollte. Aber diese Geschichte kann man hier nachlesen.


Die Praktica PL electronic ist mit nur 3400 Stück ziemlich selten und als Meilenstein entsprechend bei Sammlern gefragt. Ich hatte Glück bei einer Auktion und mein Exemplar hat die außergewöhnliche Seriennummer 500005. Meine Vermutung ist, dass die Nummerierung des Modells bei 500001 startete, jedenfalls habe ich bisher keine Fotos mit Nummern unter dieser Zahl gesehen. Sie ist ansonsten sehr gut erhalten, keine Kratzer oder Beulen. Sie löst auch aus und läßt sich spannen, allerdings entweder bei B (mit eingelegter Batterie) oder (ohne Batterie) bei ihrer einzigen mechanischen Zeit (ca. 1/60s). Wie man an den Fotos sieht, hatte ich sie schon offen um die Elektronik zu fotografieren. Ob ich/man sowas reparieren kann...?

Datenblatt Erste KB-Spiegelreflexkamera mit elektronischem Verschluss
Objektiv M42 Schraubgewinde.
Verschluss elektronisch gesteuerter, horizontaler Tuchschlitzverschluss 30s bis 1/500 s und B.
Belichtungsmessung keine.
Fokussierung Manuell am Objektiv, Mikorprismen als Scharfstellhilfe.
Sucher Spiegelreflex, nicht gespannter Zustand wird durch rotes Dreieck angezeigt.
Blitz Synchronbuchse, X und FP umschaltbar. Synchronzeit ca. 1/40 s.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (vorwärtszählend), Rückspulkurbel.
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Merkscheiben für Filmempfindlichkeit und Filmtyp, Trageösen, Okularbajonett für Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 150x95x47 mm, 636g (mit Batterie)
Batterie PX-21 (4.5 V)
Baujahr(e) 1968-1969, ca. 3400 Exemplare, diese #500005 März 1968
Kaufpreis, Wert heute 900 Mark, ca. 200 € (eigene Schätzung)
Links Club Daguerre, Blende und Zeit Forum, Dresdner Kameras, Praktica Collector, Bedienungsanleitung, ZeisikonVEB (Schaltung), Patent DD44166.