2022-03-11

Certo Dolly Vest Pocket

Eigentlich war dies Dolly nur ein Beifang zur Icarette und ich habe nur 11€ dafür bezahlt. Allerdings hatte ihr Verkäufer sie schlecht bzw. falsch beschrieben. Es ist aber auch nicht ganz einfach, sie richtig einzuordnen, über sie wird viel widersprüchliches im Netz (und auch in Büchern) verbreitet. Daher passt sie ganz gut in meine wachsende Sammlung von Kameras für den Rollfilm 127 und aus den 1930er Jahren, und mir macht es Spaß, hier mal die Fakten von den Vermutungen und Falschmeldungen zu trennen. 
Mit 38 mm Dicke passt sie zusammengeklappt
gerade noch so in Jacken- oder Hosentaschen
Zunächst einmal ist sie eine kompakte (Taschen-) Version einer klassischen Faltbalgenrollfilmkamera mit selbst aufrichtenden Balgen. Sie steht außerdem voll in der Tradition der Vest Pocket Kodak von 1912, die das Format 4 x 6.5 cm und den dazugehörigen 127er Rollfilm eingeführt hatte. Das sollte man nicht mit dem fast genauso großen Format 4.5 x 6 cm (120er Rollfilm) verwechseln, für das Certo die sonst fast identische "Super Sport Dolly" (auch "SS Dolly") ab ca. 1934 im Programm hatte, siehe weiter unten. Tatsächlich hat sich letzteres Format am Markt durchgesetzt und auch schon zu Zeiten der Dolly (Mitte der 1930er) gab es mehr Kameras dafür als für den "Vest Pocket Film".

Die Dolly wurde als "Zweiformatkamera" beworben, der Kamera lag eine metallene Maske bei, die im Bildfenster platziert wird und das Negativ auf 3x4 beschränkt (ist bei meiner leider verloren gegangen). Entsprechende Markierungen gibt's auch im Sucher. Aus diesem Grund hat die Dolly auch die von 3x4-Kameras üblichen 2 roten Fensterchen für die Bildnummern auf dem Rückseitenpapier. Wenn man die Maske nicht drin hat und also das volle Format belichtet, kann man sich aussuchen, welches der beiden Fensterchen man zum Filmvorspulen verwendet. Man sollte es sich allerdings gut merken und dabei bleiben, ansonsten gibt es entweder überlappende Negative oder 3 cm breite Zwischenstege. Ich denke allerdings, dass die meisten Dolly-Fotografen das Halbformat eher nicht genutzt haben, denn die fest eingebaute 75 mm Brennweite ist dafür ja eher etwas lang und außer für Portraits unpraktisch.

Dies ist nicht die erste Dolly genannte Kamera, davor (ca. 1930-1932) hatte Certo zwei Varianten (oft mit A und B bezeichnet) einer 3x4-Halbformatkamera für den 127er Rollfilm unter diesem Namen auf dem Markt. Das Scheitern dieser Kamerklasse habe ich schon ausführlich beleuchtet. Certo reagiert auf die Markt mit neuen Modellen und Konzepten: 1932 erscheint das neue 127er-Modell "Sonny", das schon nach sehr kurzer Zeit wegen eines Konfliktes mit der Fa. Foth, die sich "Sonnyflex" hatte registrieren lassen, in den bekannten Namen "Dolly" umbenannt wurde: Eben diese Kamera hier. 

1934 kam dann die "Super Sport" (auch SS) Dolly auf den Markt, diesmal für den breiteren 120er Rollfilm wahlweise für 6x6 oder 4.5x6 große Negative (Variante A). Eine Variante B erlaubte die zusätzliche Verwendung von Glasplatten oder Filmpacks, auch das Objektiv ließ sich auswechseln und gegen ein Teleobjektiv eintauschen, was man ja bei Plattenaufnahmen per Mattscheibe fokussieren konnte. Die Topvariante C erlaubte gar Filmrückspulen, um zwischen all diesen Optionen beliebig wechseln zu können. Die absolute Krönung erfährt die Super Sport Dolly ab 1939 mit einem zusätzlich angebauten Entfernungsmesser.

Aber Certo hatte gleichzeitig auch das Kleinbildsegment im Blick: Mit der Dollina wird 1935 eine Kamera für den immer populärer werdenden Kleinbildfilm (135er) vorgestellt, auch sie erfährt bis zum Kriegsbeginn einiges an Innovatiion und Modellpflege. Andere Hersteller wie Welta oder Kochmann sind eine ähnliche Strategie gefahren, viele haben dem 127er aber den Rücken gekehrt und sich entweder auf den 120er Rollfilm (6x6, 4.5x6, 6x9) oder dem Kleinbildfilm konzentriert. 

Wie lange diese Dolly Vest Pocket am Markt war, konnte ich nicht abschließend klären. Ich vermute, dass ihre Produktion schon ca. 1935 eingestellt wurde, um sich ganz auf die Dollina zu konzentrieren. Die Restbestände wurden wohl weiter verkauft, Certo hat angeblich einen erklecklichen Teil exportiert. Da verwundert es nicht, dass sie in manchen Katalogen wohl noch bis ca. 1940 zu finden war.

Datenblatt Kompakte Faltbalgenkamera für Rollfilm 127 (4x6.5)
Objektiv C.Friedrich Corygon-Anastigmat 7.5 cm f/3.5 (Triplet, #168518), auch erhältlich mit Schneider Xenar oder Meyer Trioplan. Einfachste Version mit Certar f/4.5 im Vario-Verschluss.
Verschluss Compur (B) Zentralverschluss T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 (#3014878), auch erhältlich mit Vario (T-B-25-100).
Fokussierung durch Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung 1m.
Sucher faltbarer optischer Sucher, mit extra Markierungen für 3x4-Maske. In meinem Fall (wohl nachträglich) aufgemaltes Fadenkreuz.
Filmtransport mittel Drehrad an der Kameraunterseite. Zwei rote Fensterchen für 3x4 und 4x6 Betrieb (siehe Text).
sonst. Ausstattung ausklappbarer Standfuß für vertikalen Stand. 1/4'' Stativgewinde, Drahtauslöergewinde. 
Maße, Gewicht ca. 115 x 38 x 78 mm (zusammengefaltet), 381 g
Baujahr(e) 1932-1935?, diese #7494 laut Verschluss-# von 1934. 
Kaufpreis, Wert heute ca. 60-70 RM, ca. 50€
Links Camera-wiki, historiccamera, Reklame 1932, Dolly-Parade
Bei KniPPsen weiterlesen Fotofirmen in den 30ernDollina, 3x4-Halbformatkameras und ihr plötzliches Verschwinden 

2022-02-27

Icarette


Einen sehr glücklichen Fang für meine Sammlung habe ich letzte Woche mit dieser Icarette gemacht, nach interner Seriennummer im Zeitraum von 1916 bis 1918 gebaut und damit ca. 105 Jahre alt. Ich habe mir noch kein komplettes Bild der damaligen Marktsituation machen können, diese war aber auf alle Fälle komplex und sehr interessant. Die Icarette I war wie die Vest Pocket Kodak eine frühe sehr kompakte Rollfilmkamera, die zusammengeklappt tatsächlich in eine Westen- oder Hosentasche passte. Dass sie mit  dem quadratischen 6x6 cm Negativ auf ein später sehr populäres Format setzte, konnten ihre Konstrukteure bei ihrem Erscheinen im Jahr 1912 noch nicht wissen, bescherte ihr selbst aber eine sehr lange Karriere bis hinein in die 1930er Jahre. Die Kamera verwendete Rollfilm 117 (Agfa B1), der nur 6 Bilder lieferte.
Der Rollfilm selbst (unabhängig von einigen verschiedenen Typen und Formaten) steckte Anfang des 20. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen und hatte durch allerlei technische Kinderkrankheiten mit einem schlechten Ruf zu kämpfen. Anfangs gab es ihn zusammen mit billigen Boxkameras wie der Brownie No.2 . Agfa stieg wegen Qualitätsproblemen nach nur kurzer Zeit 1905 aus der Produktion von Rollfilm aus, nur um 10 Jahre später (1915) wegen stark gestiegener Nachfrage wieder einzusteigen. Das war genau die Zeit der Icarette und anderer ähnlicher faltbarer Rollfilmkameras, die damals die Zukunft der Fotografie aufzeigten.

Es sollte allerdings bis zum Anfang der 1930er Jahre dauern, bis Roll- und dann die Kleinbildkameras die bis dahin vorherrschenden (Glas-)Plattenkameras auch bei anspruchsvollen Fotografen verdrängten. (Planfilme in speziellen Kassetten stellen sicher eine Übergangsform dar).
Hier kommt der andere Teil der Geschichte ins Spiel und das betrifft die deutsche Fotoindustrie am Anfang des 20. Jahrhunderts: Viele kleine unabhängige Firmen bauen jeweils unzählige Modelle sehr ähnlicher Plattenkameras und liefern sich gegenseitig einen ruinösen Wettbewerb. Das entscheidende High-Tech (Verschlüsse und Objektive) kommt jedoch nur von wenigen Spielern. Insbesondere die Zeiss Stiftung zieht im Hintergrund die Strippen und zwingt am Ende den Markt in die Konsolidierung. So entsteht von 1909 bis 1926 die Firma ICA („International Camera AG“), die spätere Keimzelle der Zeiss Ikon (ab 1926). Details kann man woanders nachlesen (siehe Links unten). ICA produzierte natürlich viele Plattenkameras-Konstruktionen ihrer Vorgängerfirmen weiter, allerdings wurden durch die gehobenen Synergien auch Resourcen frei, die man z.B. in die Icarette als das erste gemeinsame Projekt der ICA steckte. 
Meine Icarette ist für ihr Alter noch sehr gut erhalten. Der Compound Verschluss mit seinem Luft-pneumatischen Hemmwerk scheint noch klaglos zu funktionieren. Das Objektiv musste ich putzen, aber sonst ist nichts auszusetzen. Selbst Film würde man für das Schätzchen noch bekommen. Die Bedienung ist allerdings verglichen mit späteren Kameras noch sehr archaisch: Den Laufboden muss man recht fummelig von Hand ausziehen, wie bei vielen Plattenkameras halt. Das Hebelchen für die Blendeneinstellung hätte ich fast übersehen. Und warum Brilliantsucher so heißen, muss mir auch nochmal jemand erklären. 

Datenblatt Icarette I, Typ 495. Frühe kompakte Rollfilmkamera (6x6) mit Faltbalgen auf Laufboden für Rollfilm 117.
Objektiv Ica Novar 7,5 cm f/6.8 , Seriennummer 294710
Verschluss Compound Zentralverschluss, T-B- 1-2-5-10-25-50-100-250, Seriennummer 234262
Fokussierung durch Verschieben des Balgenauszugs, kürzeste Entfernung 1m
Sucher faltbarer Brilliantsucher, ausklappbarer Sportsucher.
Filmtransport mit Drehschlüssel, rotes Rückseitenpapierfenster.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8‘‘, Drahtauslöseranschluss
Maße, Gewicht ca. 72 x 125 x 25 mm, 397g 
Baujahr(e) 1912-1925, als Zeiss Ikon Kamera noch bis ca. 1934. Dieses Exemplar mit Seriennummer E20182 von ca. 1916-1918.
Kaufpreis, Wert heute ?, 30 €
Links Camera-Wiki, ICA Geschichte K. Ries, Wikipedia, Collectiblend, Oldcamera-Blog
Bei KniPPsen weiterlesen Kodak Junior No.1a, Hannibal Goodwin, Vest Pocket Kodak, Rollfilm 117

P.S. In einer früheren Version dieses Beitrags hatte ich behauptet, die Icarette würde 120er Rollfilm verwenden. Der passt tatsächlich wegen der breiteren Spule nicht in schlanke Kamera.

2022-02-19

Kodak Retina I (117)


Ich konnte nicht widerstehen und habe neulich meine sechste Retina I erstanden. Ich habe hier schon mehrfach berichtet (Links siehe unten in der Tabelle), diesmal handelt es sich wirklich um das Urmodell 117 von 1934, also die erste Kleinbildkamera für den universellen Kleinbildfilm 135 in der Wegwerfpatrone. Dieses Exemplar hat einige Gebrauchsspuren, ist aber vergleichsweise sehr gut erhalten und voll funktionsfähig. Mit der Seriennummer 419847 stammt es aus der allerersten Serie und wird damit den Platz in der Vitrine einnehmen, den bisher ihre deutlich abgerissenere jüngere Schwester 118 eingenommen hatte. 
Natürlich will ich den Platz hier für ein Vergleichsbild meiner Retina I Vorkriegsmodelle nutzen. Von links nach rechts sieht man die kleinen Unterschiede zwischen 117 (1934), 118 (1935) und 126 (1936), die alle mit dem Bildzählwerk zu tun haben. Markantestes Merkmal der 118 ist ein kleiner Drehknopf neben dem großen Filmtransportknopf auf der rechten Kameraoberseite. Dieser wird unbedarft gerne mit einem Gehäuseauslöser verwechselt, dieses Feature gibt es bei der Retina I aber erst mit dem Modell 141 (ab 1937). Es handelt sich um den Entsperrknopf für den Filmtransport, der bei den Modellen 118, 119 und 126 dann als kleines Hebelchen auf der Gehäuserückseite realisiert wird und schließlich ab Modell 141 wegfällt, da der Gehäuseauslöser diese Funktion mit übernimmt. Aber wozu ist "Entsperren" wirklich notwendig? Nun, die Vorgängerinnen der Retina (namentlich die Pupille und die Vollenda 48 aus dem Hause Nagel) verwendeten den Rollfilm 127 mit Rückseitenpapier inkl. aufgedruckter Bildnummern, die der Fotograf beim simplen Filmtransport durch das rote Rückseitenfensterchen beobachten konnte. Beim Kleinbildfilm (ohne Rückseitenpapier) ging das nicht mehr, hier muss der Filmtransport nach einer definierten Strecke einrasten. Genau diese Raste wird mit dem Entsperrknopf wieder aufgehoben für den nächsten Bildtransport. Dies war zunächst komplett unabhängig vom eigentlichen Auslöser, der vorne am Compur-Zentralverschluss sitzt und extra gespannt werden musste. 
Die weitere Vorkriegsmodellpflege betrifft das Bildzählwerk, das kleiner wird und von der linken auf die rechte Kameraoberseite wandert und langfristig seinen Platz für einen Zubehörschuh freimacht. Ansonsten sind sich alle Modelle sehr ähnlich. 


Datenblatt Kleinbild-Balgenkamera, erste Kamera für die universelle Kleinbildpatrone 135
Objektiv Schneider Xenar 5 cm f/3.5 (Tessar Typ). Spätere Modelle auch mit Kodak Ektar oder Zeiss Tessar.
Verschluss Compur Zentralverschluss T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 1/s. Auch erhältlich mit Compur-Rapid (bis 1/500 s).
Fokussierung manuell durch Verschieben des gesamten Objektivs.  kürzeste Entfernung 1m.
Sucher einfacher optischer Sucher
Filmtransport mit Drehknopf, daneben Entsperrknopf, Bildzählwerk (vorwärts). 
sonst. Ausstattung superkurzer Drahtauslöser am Objektiv, Tiefenschärferechenschieber an der Unterseite, Stativgewinde 1/4''
Maße, Gewicht ca. 75 x 35 x 120 mm, 445 g
Baujahr(e) 1934, spätere Retina I Modelle bis 1941 und dann wieder von 1946-1954. Insgesamt 460,000 Exemplare. Dieses erste Modell 117: 29,299.
Kaufpreis, Wert heute 75 RM (1935), heute ca. 150 € (Modell 117), andere Modelle ab ca. 30 €.
bei KniPPsen weiterlesen meine anderen Retina I (118126010), August Nagel, Nagel Pupille, Nagel Vollenda 48, Welti, Baldina, Vergleich, Certo Dollina, Agfa KaratWichtigste KB-Kameras 1937 (Porst Katalog)
Links Camera-Wiki, Chris Sherlock's Retina Sammlung, Bedienungsanleitung (Modell 119)
Sehr gut erhaltene Ledertasche, innen gibt es roten
Samt mit Kodak Schriftzug.
Auch der geprägte Retina Schriftzug änderte
sich im Laufe der Zeit. Links: 117, Rechts: 010

2022-01-22

Zenith 80 (САЛЮТ, Salyut, Kiev 80)


Mit meinem Sammelanspruch nach bedeutenden Kameras, die die Entwicklung der Industrie über die Zeit geprägt haben, gehört eigentlich eine Hasselblad in meine Vitrine und auf diesen Blog. Hier natürlich entweder Victor Hasselblads erstes Modell 1600 F von 1948 oder eine 500 C/M (die vermutlich bedeutendste professionelle 6x6-Systemkamera). Aber die Dinger waren (und sind) als professionelle Arbeitsgeräte sehr teuer und auch heute in Sammlerkreisen sehr beliebt. Die aufgerufenen Preise (> 1000€) stoßen sich mit meinem anderen Anspruch möglichst preiswert bei meinen Sammelobjekten zu bleiben.
Daher wurde es statt dessen eine "Hasselbladski", so der Spitzname für die sowjetische САЛЮТ (Salyut), die ein sehr naher Hasselblad 1000 F Nachbau ist und sich zu einer eigenen Kameralinie weiterentwickelt hat, wobei die äußere Anmutung sehr nah am Original blieb. Während bei der Hasselblad immer wieder innovative neue Modelle eingeführt wurden, ist die Geschichte der Salyut/Kiev-Reihe relativ schnell erzählt: Die erste Version  der Salyut (1957-1959) hatte noch einen Selbstauslöser und eine schnellste Verschlusszeit von 1/1500 s. Beides wurde schrittweise aufgegeben, der sogenannte Typ 3 (1965-1974) hatte die hier gezeigten Features und wurde als Exportmodell (manchmal als Typ 4 bezeichnet) unter den Namen Zenith-80 und Revue 6x6 im westlichen Ausland verkauft. 
Systemkamera für den professionellen Einsatz. Vieles ist sogar mit dem originalen Hasselblad-Zubehör kompatibel. 

Ab 1972 gab es dann die Salyut-C mit modifiziertem Objektivanschluss (automatische Springblende). Diese wurde als Kiev-80 in den Westen exportiert. Ab ca. 1984 hießen alle Kameras dann Kiev-88 und hatten einen (heißen) Blitzschuh. Später (in den 1990ern ?) gab es die Kiev-88 CM mit Pentacon/Praktisix-Bajonett. Die eigentliche Produktion der Kamera endete wohl ca. 2004. Allerdings gibt es immer noch soviele Restbestände bzw. Ersatzteile, dass die Firma Arax in Kiev, die einige ehemalige Arsenal Mitarbeiter übernommen hat, manuell instandgesetzte und getestete Kameras heute immer noch verkauft. 
Im Netz liest man viel über die zum Teil schlechte Verarbeitung und fehlerhafte Verschlüsse und vieles mehr. Es wird immer wieder die Warnung ausgesprochen, bloß nicht die Verschlusszeit zu verstellen, wenn die Kamera nicht gespannt ist, das würde die Mechanik ruinieren. Man liest allerdings auch, dass die frühen Exemplare noch aus solidem Stahl gefertigt wurden, das ab den 80ern zum Teil durch weicheres Messing ersetzt wurde. Dadurch sind wohl die späteren Exemplare anfälliger für Fehler. Ich jedenfalls war sehr gespannt, bis ich mein Exemplar endlich bekommen habe.

Und, ich muss sagen, ich war sehr angetan. Der erste Eindruck war ein "Wow!", was ein Klotz. Sie liegt mit ihren ca. 1,5 kg schwer in der Hand und ist tatsächlich größer als sie auf Fotos wirkt. Der Druck auf den Auslöser lässt satt den Spiegel hochklappen und den Verschluss ablaufen und beim Dreh am großen Aufzugsdrehrad wackelt nichts. Meine Kamera hatte zwei kleine Dellen auf dem Lichtschachtdeckel, ansonsten ist sie fast tadellos in Schuss. Alle Chromleisten glänzen, keinerlei Kratzer oder abgeschubbelte Ecken, das Leder überall bis in alle Ecken solide verklebt. Trotzdem wirkt sie durchaus benutzt und ich habe auch keine Angst dies zu tun. Der Verschluss scheint bei allen Zeiten richtig abzulaufen und ich werde noch auf besseres Wetter und Lichtverhältnisse warten und dann mal den einen oder anderen Rollfilm riskieren, den ich noch besitze...

Datenblatt Mittelformat-SLR (6x6, 120er Film) mit Wechselmagazin (Hasselblad Nachbau)
Objektiv Industar-29 80 mm f/2.8 (vergütet, Tessar Typ), auswechselbar über Salyut-B (Hasselblad 1600f/1000f) Bajonett. Halbautomatische Springblende.
Verschluss horizontaler Metallfolien-Schlitzverschluss, B-2-4-8-15-30-60-125-250-500-1000 1/s
Belichtungsmessung keine, mittels TTL-Prismensucher nachrüstbar
Fokussierung manuell am Objektiv, Naheinstellgrenze 90 cm, Fresnel-Mattscheibe.
Sucher Lichtschachtsucher, austauschbar gegen Prismensucher oder Lupensucher
Blitz Anschluss über PC-Buchse, umschaltbar M und X. Synchronzeit 1/30s
Filmtransport Mittels Drehrad an der rechten Kameraseite, ganze Umdrehung notwendig, dies spannt gleichzeitig den Verschluss. Mechanisches Bildzählwerk am Magazin, durch ein verschließbares zentrales Loch im Magazin kann auch auf die Nummer des Rückzeitenpapiers geschaut werden.
sonst. Ausstattung auswechselbares Filmmagazin für 120er Rollfilm (6x6), optional sind auch Magazine für 6x4.5 und Polaroid ansetzbar. Auslösesperre bei eingesetztem Magazinschieber, Drahtauslösergewinde, 2 x 3/8'' Stativgewinde, Gurtösen, Merkscheibe für Filmempfindlichkeit.
Maße, Gewicht ca. 170x100x100 mm, Objektiv 307g, Gehäuse 631g, Lichtschacht 71g, Magazin 456g, Gesamt: 1465g 
Baujahr(e) 1957-1973 (74?), 3 Versionen, diese letzte Version von ca. 1968-1973 auch unter den Export-Varianten Zenith-80 (UK) und Revue-6x6 (Foto Quelle, BRD), insgesamt ca. 50,000 Exemplare, diese #7104380 von 1971.
Kaufpreis, Wert heute UdSSR: 400 Rubel (6 durchschn. Monatsgehälter), heute je nach Zustand 100-300 €.
Links User-ManualCamera-WikiRepair Manual, Steve Ash, Commiecameras, Film einlegen, Fotoua.com, Kievaholic Club, Matt's Classic CamerasSovietcams.comWolfram Klein

2021-12-29

Penti II

Diese Penti II besitze ich schon seit über 5 Jahren, irgendwann hat sie ihren Platz bei den anderen Halbformatkameras in der Vitrine gefunden, trotzdem ist sie mir hier in der virtuellen Sammlung bisher durchgerutscht. Aber jetzt soll sie auch hier den ihr gebührenden Platz bekommen. 

Über die Kamera und ihre Geschichte ist schon viel geschrieben worden (auch widersprüchlich), die besten Web-sites habe ich unten unter Links in der Tabelle aufgeführt. Ich möchte daher hier nur die für mich besonderen Aspekte betonen und begründen, warum sie in jede anspruchsvolle Kamerasammlung gehört: Sie ist ein Design-Juwel, auch wenn ihr goldenes Kleid und die abgerundete Formensprache heute nicht mehr den Zeitgeschmack treffen. Technisch hingegen, sowohl für den Fotografen als auch ihre Produzenten kann sie für mich volle Punktzahl einfahren. Ihre genial simple Konstruktion mit einem zentralen Kunststoffrahmen, der auf der Rückseite das Filmhandling und auf der Vorderseite die restliche Fotomechanik, -optik und -elektrik aufnimmt, beides abgedeckt mit jeweils einem Deckel aus gestanztem Aluminiumblech, der innen schwarz lackiert und außen golden eloxiert wurde, erlaubte einen sehr einfachen und damit preiswerten Produktionsablauf.  


Die Wahl der alten Karat-Patrone in Kombination mit dem Halbformat war neu und wirklich innovativ, erlaubte es doch eine wirkliche Hosen- oder besser Handtaschen-Größe. Wirklich genial zu Ende gedacht ist aber die Sache mit der Schiebestange, die nach dem Auslösen per Federkraft aus der linken Kameraseite ausfährt. Ihr Zurückschieben transportiert den Film in die Aufnahmepatrone, denn beim Karat-, Rapid- bzw. im DDR-Jargon SL- ("Schnell-Lade") System gibt es kein Wickeln und kein Ziehen, sondern nur Schieben. Dadurch kommt die Konstruktion der Penti fast ohne drehende Teile, Achsen und Kugellager aus, lediglich das Filmzählwerk dreht sich noch.

Aber auch für den Fotografen ist fast alles dabei: Die Kamera ist nur etwas größer als eine Zigarettenschachtel und wiegt mit Film unter 300g. Der Blick durch den hellen Sucher mit Leuchtrahmen zeigt die Nadeln des Selen-Belichtungsmessers und der Zeit-Blendenkombination, die man nur zur Deckung bringen muss. Lediglich das Scharfstellen bleibt (wie üblich) der Schätzometrie überlassen. Blitzgeräte können per Kabel angeschlossen werden. Im elegant in den Kamerarahmen integrierten Zubehörschuh gibt es eine metallene Federplatte, die aber leider nicht als Mittenkontakt ausgeführt wurde. 

Mit nur 155 Mark war sie auch in der DDR vergleichsweise erschwinglich. Da verwundert es nicht, dass sie mit ihrem Eigenschaftsprofil zu einem Best- und Longseller avancierte. Angeblich wurden von 1961 bis 1977 ca. 800,000 Exemplare gebaut und sie gehört damit zu den erfolgreichsten deutschen Nachkriegskameras. Die überwiegende Zahl entfällt auf dieses Modell II, die einfacheren Modelle Penti I und die Ur-Penti/Orix hatten keinen Belichtungsmesser und wurden jeweils nur kurze Zeit gebaut.

Bei mir steht sie in der Vitrine neben anderen Halbformatkameras, aber auch anderen kompakten Taschenkameras wie der Tenax und dem späteren anderen Design-Juwel Olympus XA, mit denen ich sie durchaus vergleichen möchte. 

Datenblatt kompakte Halbformat-Kamera (18x24mm) für die SL-Kassette
Objektiv Meyer Domiplan 30 mm f/3.5 (Triplet)
Verschluss selbst-spannender Zentralverschluss, B-30-60-125
Belichtungsmessung Nachführ-Belichtungs-"automatik" mit Selenzelle und zwei in Deckung zu bringenden Zeigern im Sucher. 15-24 DIN (manuell einzustellen)
Fokussierung manuell, keine Scharfstellhilfe, kürzeste Entfernung: 1m
Sucher optischer Durchsichtsucher (hochkant) mit Leuchtrahmen und Parallaxenmarkierung, Anzeigenadeln des Belichtungsmessers.
Blitz Anschluss über PC-Buchse an der Kameraoberseite, X-Synchronisation bei allen Zeiten, FP bei 1/30s
Filmtransport mittels Schiebestange (ca. 2.5cm Hub) auf der linken Seite, die beim Auslösen ausfährt und beim Reinschieben den Film von der Filmpatrone in die leere Aufnahmenpatrone schiebt. Keine Rückspulung notwendig. Zählwerk (vorwärts von 1-24), manuelle Rückstellung mit durch Rückwand verborgenem Zahrad.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (kalt), ISO-Drahtauslöser, ¼'' Stativgewinde, M18x0.5 Filtergewinde, Öse für Handschlaufe
Maße, Gewichtca. 109 x 76 x 47 mm, 261g (ohne Film und Leerpatrone)
Batterie keine
Baujahr(e) 1961-1977, ca. 800,000 Exemplare (alle 3 Versionen), davon die meisten von der Penti II. Diese Kamera #236932 von ca. 1965 
Kaufpreis, Wert heute 155 Mark (DDR), 49.50 DM, heute je nach Zustand 5-30 €. Sammler zahlen für die farbigen Varianten auch mehr.
Links Dresdner-Kameras.de, Camera-Wiki, Optiksammlung, Bedienungsanleitung,  Mike Eckman, Zeissikonveb.de, Günter Posch
Bei KniPPsen weiterlesen Korelle K, Agfa KaratRapid-Film verwenden, Olympus PEN, Pentacon Electra

2021-11-26

Sony Mavica FD-7 @work

Die beiden Menüs (Play oben,
Camera unten) mit allen wichtigen 
Funktionen
Hier kommt nun endlich der neulich schon angekündigte Beitrag über meinen Test mit der Mavica FD-7. Mein Exemplar war zum Glück in voll funktionsfähigem Zustand, was man leider heute nicht mehr oft über alte Elektronik sagen kann. Während viele der bis zu 100 Jahre alten analogen Kameras in meiner Sammlung noch funktionieren und es vermutlich in 20 Jahren auch noch tun werden, sind solche Funktionstests an nur 10 oder (wie diese hier) 20 Jahre alten Digitalkameras wirklich Glückssache. Meist sind es die Akkus, die versagen, auch meiner wurde vom Vorbesitzer irgendwann ausgetauscht. Irgendwann gibt es aber dafür keinen Ersatz mehr und auch die Peripherie muss passen: Kabel, Stecker, Speicherkarten. Im Falle der Mavica ist der Austausch der Bilddateien auf die 3.5'' Diskette beschränkt! Ich besitze glücklicherweise noch ein externes USB-Diskettenlaufwerk und alte Disketten. Wer weiß wie lange es sowas noch geben wird.

Das Diskettenlaufwerk bestimmt tatsächlich einiges an der Kamera. Nicht nur die Größe und das quaderförmige Grunddesign sind damit  vorgegeben, auch das Handling folgt oft den Beschränkungen des Laufwerkes. Man hört stets das charakteristische Schreib- und Lesegeräusch und ahnt damit zumindest, warum und worauf man viele Sekunden lang warten muss (und zwar bei jedem Bild, das man aufnimmt oder betrachten will!). Auch muss man nicht nur während der Aufnahme still halten (s.u.), sondern am Besten noch 5-7 Sekunden danach. Denn allzu heftige Beschleunigung ist schädlich für den filigranen Schreib/Lesekopf und könnte die gerade geschriebenen Daten unbrauchbar machen. Die ewigen sekundenlangen Wartezeiten sind tatsächlich für mich das eindrücklichste, was mir von meinem Test in Erinnerung bleiben wird.  

Ansonsten ist die Bedienung (zumindest mit unser heutigen Digitalerfahrung) sehr intuitiv und gut umgesetzt. Die Kamera liegt trotz ihres Quaderdesigns dank einer Griffleiste gut in der Hand, der rechte Zeigefinger ist automatisch am Auslöser und der Daumen bedient die Zoom-Wippe. Ein optischer Sucher fehlt komplett. Man muss sich also komplett auf das ansonsten sehr ordentliche 2.5'' Display fokussieren. Dies ist allerdings sehr dunkel und taugt nicht für helle Aussenumgebung. Ein Highlight der Kamera ist das 10-fach Zoomobjektiv, das von (KB-äquivalenten) 40 bis 400 mm Brennweite reicht und bei der kleinsten Brennweite bis zu einer kürzesten Entfernung von 1 cm (!) fokussieren kann. Damit gelingen dann auch Aufnahmen von kleinen Gegenständen.

Größtes Lowlight ist ironischerweise der eingebaute Blitz, den hätte Sony besser weggelassen und stattdessen eine Blitzbuchse oder einen hot-shoe spendiert. Der Blitz ist nämlich komplett ungeregelt, feuert also immer seine komplette aber ansonsten bescheidene Blitzleistung und taugt so nur für Motive in ca. 3 m Entfernung. Näheres ist stets über-, weiter entferntes stets unterbelichtet.  Außerdem schaltet der Blitz automatisch auf den Field-Modus um (s.u.) und reduziert damit die vertikale Auflösung des Sensors um die Hälfte.
Die vier möglichen 
Qualitätsstufen.
180x180 Pixel crop in
Originalgröße. Aufnahme:
2 m Entfernung, Stativ.
iPhone aus der Hand, 
runter gerechnet auf gleiche
Auflösung. Klicken für
4x Vergrößerung.  
Kommen wir damit also zum Herzstück, dem Sensor, der aus heutiger Sicht eine sehr bescheidene Auflösung und auch Bildqualität liefert. 1997 allerdings ist VGA (640x480 Pixel) eine immer noch sehr gängige Monitorgröße und bei Bild- bzw. Dateigröße fast an dem Limit dessen, was noch praktikabel verarbeitet werden konnte. Viele Computer waren nur über niedrige Datenraten mit dem Internet verbunden, das Übertragen von einzelnen Bilddateien dauerte da selbst in komprimierter Form oft mehrere Sekunden. Wenn Web-sites überhaupt Bilder hatten, dann lag deren Größe und Auflösung z.T. weit unter VGA. In dem Sinne war die Mavica ein höchst praktikable Kamera, deren recht stark komprimierte JPG-Bildchen genau den Bedürfnissen der Web-Designer und Poweruser entsprach. 

Der CCD-Sensor ist eigentlich für die Verwendung in Video-Camcordern gedacht und so ausgelegt, dass das analoge Signal direkt nach den üblichen Fernseh-Normen auf einem Monitor wieder ausgegeben werden kann. Dazu wird das Bild in zwei Halbbilder ("Field") geteilt, wobei zunächst die ungeraden Zeilennummern zu einem Field zusammengefasst werden und danach die geraden. Zusammen ergeben sie einen "Frame".

Der Sensor der Mavica hat nominell 659x494 Pixel, die dann auf die VGA Auflösung 640x480 herunter gerechnet werden. Die volle Auflösung gibt es allerdings nur, wenn der Frame-Modus ausgewählt ist. Die Kamera fotografiert aber standardmäßig im Field-Modus, was bedeutet, dass nur das erste Halbbild verwendet (und zeilenweise verdoppelt wird), d.h. die vertikale Auflösung beträgt nur 240 Pixel. Leider ist Field tatsächlich die praktischere Einstellung. Denn, die beiden Halbbilder werden nacheinander im Abstand von 1/30s aufgenommen und bewegte Objekte erscheinen daher doppelt (siehe Auto-Fotos unten), bzw. bei 1/30s hat man schnell auch die Kamera verwackelt. Außerdem wird bei Blitzaufnahmen automatisch in den Field Modus zurückgeschaltet. Klar, denn der Blitz ist beim zweiten Field schon längst wieder aus. 


Interessant ist, dass weder an der Kamera noch in der Anleitung irgendetwas über die sonst üblichen Fotografie-Parameter Verschlusszeit, Blende oder Empfindlichkeit zu erfahren ist. Lediglich die Qualitätsparameter Frame/Field (s.o.) und der Kompressionsgrad der JPGs können gewählt werden. Stattdessen hat man die Wahl von 5 Sonderprogrammen für bestimmte Fotografiersituationen, bei denen allerdings auch nicht ganz klar wird, was sie genau bewirken oder ob die standardmäßige Überallautomatik nicht auch so ein ordentliches Bild liefert (vermutlich). Dann gibt es noch 4 Spezialbildeffekte (Pastel, Negativ, Sepia und Schwarz-Weiß), die im Prinzip auch im Nachhinein mit jeder Bildbearbeitung möglich wären.

Fazit für mich: Eine interessante frühe Digitalkamera, die vom Konzept her konsequent auf die Bedürfnisse der frühen Internet-Pioniere zugeschnitten war, die Bilder für's WWW brauchten. Die Verwendung der Floppy-Disk zum Datentransfer ist gleichzeitig für die damalige Zeit sehr gelungen, technologisch aber langfristig eine Sackgasse. Am Bemerkenswertesten für mich: 7 Sekunden braucht eine Aufnahme vom Druck auf den Auslöser bis alles auf der Scheibe ist.

2021-10-24

Sony Digital Mavica MVC-FD7

Kürzlich machte mich ein Freund auf diesen Petapixel-Review aufmerksam und hat bei mir sofort den Nerv getroffen. Ich habe zwar noch nicht viele Digitalkamera-Veteranen in meiner Sammlung, aber hier war mir sofort klar: Eine Digital-Mavica muss ich haben (und ausprobieren). Die FD7 (mit Zoom) und ihre kleine Schwester FD5 (einfaches Standard-Objektiv) kamen 1997 gleichzeitig auf den Markt. Im jährlichen Rhythmus folgten Modell-Updates und bis 2002 gab es insgesamt 18 verschiedene FD-Modelle, alle mit dem namensgebenden FD ("Floppy-Disk") 3.5'' Diskettenlaufwerk und einem 2.5'' LCD-Screen auf der Rückseite.

Die FD7 und FD5 gehörten nicht zu den ersten Digitalkameras auf dem Markt, aber zu ihrer Zeit zu den kommerziell erfolgreichsten (angeblich hatte Sony mit ihnen in den USA einen Marktanteil von 40%). Der ganze Digitialkameramarkt steckte noch in den Kinderschuhen, der Durchbruch kam bekanntlich in den frühen 2000er Jahren. In den 1990ern fehlte es insbesondere noch an allgemein verfügbarer digitaler Infrastruktur, aber hier genau setzte Sony an: Wie bekommen die Nutzer ihre digitalen Fotos schnell und einfach dahin, wohin sie sie haben wollen? Antwort: Die damals in jedem Computer vorhandene 3.5''-Diskette.


Die Konkurrenz hatte (nur) das serielle Kabel (wo hab ich das hingelegt?) oder die ebenfalls sehr langsame IrDA-Drahtlosverbindung. Sony machte also in Sachen Benutzerfreundlichkeit alles richtig und kam außerdem mit dem richtigen Produkt zur richtigen Zeit. Versetzen wir uns also ins Jahr 1997. Computer erobern die Büros und mit etwas Verzögerung auch viele private Haushalte. Hauptmedium für den Datenaustausch ist (noch) die 3.5'' Diskette, die dann später durch die CD-Rom, Memory Sticks und letztlich durch das Überall-Internet abgelöst wird. Das WWW als die Killer-Anwendung des Internets ist 1997 gerade 4 Jahre alt, hier entstehen die ersten Webshops, News-Kanäle und Firmen-Repräsentationen. Und diese Web-sites verlangen nach Bildmaterial, was die Mavica FD viel einfacher und direkter liefert als jede andere analoge oder digitale Kamera auf dem Markt.

Das technische Design der Mavica FD-Serie war konsequent auf diesen Einsatz ausgerichtet. Die Diskette war billig und überall verfügbar. Interessanterweise fasste sie mit ca. 40 JPEG-Fotos ungefähr so viele wie ein KB-Film. Dazu wurde das Bild in VGA-Auflösung (640x480 Pixel) in zwei wählbaren Stufen komprimiert (Std und Fine), wobei der Unterschied nur in der Dateigröße (ca. 30KB vs. 60 KB pro Bild) wirklich auffällt. Die Bildqualität ist nach heutigen Maßstäben sehr bescheiden, für die genannten Anwendungen damals aber mehr als ausreichend. Im Übrigen verbirgt die Kamera (und auch die Anleitung) konsequent jegliche Fototechnik vom Fotografen, nirgendwo kann man etwas über Belichtungszeit oder Blende erfahren, man braucht das auch nicht wirklich.

Größenvergleich mit einer kompakten Kleinbildkamera
Das zeigt schon recht deutlich, dass Sony's Zielgruppe nicht die Amateurfotografen oder gar die Gelegenheitsfotografen waren, dafür war die Bildqualität noch zu schlecht und die Kamera im Vergleich zur analogen Filmknipse zu teuer.
Käufer der Kamera waren eher Menschen die mit oder über das Internet Geld verdienen wollten und dafür Bilder brauchten, die einfach verfügbar aber nicht besonders gut sein mussten. 

Die Geschichte der Mavica FD-Serie hört konsequenterweise im Jahr des allgemeinen Durchbruchs der kompakten Digitalkamera (2003) auf, was wiederum eng verbunden ist mit den nun verfügbaren (und genügend großen) Speicherkarten sowie dem USB-Port am Computer. Hier konnten weder der lausige CCD-Sensor der Mavica noch die 3.5'' Diskette mehr mithalten. Insofern war die Mavica FD nur ein Zwischenschritt und die Sache mit der Diskette eine technische Sackgasse. Allerdings ein wichtiger Schritt, denn sie hat das digitale Bild hoffähig gemacht und den Weg für ihre Speicherkarten-Nachfolger bereitet.

Ich habe mein FD7-Exemplar sehr günstig und in voll funktionsfähigem Zustand erwerben können. Natürlich habe ich schon damit rumgespielt und Testaufnahmen gemacht. Zum Glück besitze ich noch ein externes Diskettenlaufwerk mit USB-Anschluss, ansonsten hätte ich ganz schön in die Röhre geschaut. Denn die Kamera kennt keinen anderen Modus die Bilder zu übertragen und ich habe (wie die meisten wohl) keinen Computer mehr mit einem eingebauten Laufwerk. In einem zweiten Blog-Beitrag werde ich von meinen Erfahrungen berichten und einen kleinen Kamera-Review schreiben. Nur dies als kleinen Vorgeschmack: Ein Bild aufzunehmen dauert immer mindestens 7 Sekunden, anschauen auf dem eingebauten Monitor 5 Sek. Dafür hat man es in max. 20 Sekunden auf dem PC und im Nu im Internet!

Datenblatt Frühe Consumer-Digitalkamera mit Diskettenlaufwerk
Objektiv optisches 10x Zoom 4.2-42 mm f/1.8-2.9 (40-400 mm KB-äquivalent)
Sensor und Verschluss ¼'' CCD, vermutlich Sony ICX098BQ mit 659 x 494 Px (0.3 MP), elektronischer Verschluss, Bildgröße 640x480 (VGA). Zwei Qualitätsstufen wählbar ("Field", "Frame"), wobei nur Frame die volle Auflösung liefert, Field aber bewegte Motive scharf abbildet.
Belichtungssteuerung Belichtungsregelung und Weißabgleich automatisch, verschiedene Programmoptionen per Menü wählbar.
Fokussierung Autofokus, manuelle Fokussierung per Drehrad. Naheinstellgrenze ca. 1 cm (!)
Sucher kein (!) optischer Sucher, TFT-LCD Schirm mit 61380 Px (ca. 286x215), Helligkeit in Grenzen regelbar, für Außenaufnahmen tendenziell zu dunkel.
Blitz Eingebaut, per Taste zuschaltbar. Blitz ist ungeregelt und gibt stets volle Leistung ab, die nur für ca. 3 m Entfernung ausreichend ist
Speichermedium 3.5'' 2HD-Diskette (1.44 MB). Speicherkapazität ca. 30-40 JPEG Fotos im Standard- oder 15-20 im Fine-Kompressionsmodus.
sonst. Ausstattung 1/4'' Stativgewinde, 4 Software-Bildeffekte (Pastell, Negative, Sepia, B&W), 5 extra Motivprogramme (Softportait, Sport, Strand, Sonnenuntergang/Mondschein, Landschaft)
Maße, Gewicht ca. 127 x 111 x 74 mm, 714 g (mit Akku und Diskette)
Batterie 7.2 V Li-Ionen Akku (Ladegerät im Lieferumfang), CR2025 Li-Batterie als Memory-Buffer (nicht essentiell)
Baujahr(e) 1997
Kaufpreis, Wert heute 899 US$ (1997), in funktionsfähigem Zustand: 30-50 €
Links Camera-wiki, WikipediaDigitalkamera MuseumRFWilmut, Lucas P Sample shotsNotes on CCD sensors, Petapixel

2021-10-14

Rolleicord V




Eigentlich gehören zweiäugige Spiegelreflexkameras (Twin Lens Reflex, TLR) nicht in mein Beuteschema (diese Ausnahmen bestätigen die Regel ;-). Die schöne Rolleicord V habe ich neulich zum Geburtstag geschenkt bekommen und ihr gebührt natürlich ein Platz in meiner Sammlung und ein ordentlicher Beitrag hier. Sie stammt aus dem Nachlass eines ehemaligen Lehrers, der sie als junger Mann ca. 1955 gekauft und wohl bis in die 1980er Jahre hinein verwendet hat. Jedenfalls zeugte noch der Rollfilm davon, den ich im Inneren noch gefunden habe (war nichts drauf, siehe Verschlussdefekt unten).

Rollei, oder wie sie damals noch hießen: Franke & Heidecke aus Braunschweig hatten 1929 mit ihrer Rolleiflex den TLR-Standard gesetzt, der von vielen Kameraherstellern kopiert, aber auch von F&H selbst immer weiterentwickelt wurde. Schon 1933 kam die günstigere Rolleicord als Alternative, um selbst mit der Rolleiflex an der technologischen Spitze zu bleiben, aber den Wettbewerbern nicht den günstigeren Massenmarkt komplett zu überlassen. Die Rolleiflex hatte ab der 2. Version (1932) ihren berühmten Schnellschalthebel (die "Kurbel", engl. "Crank") für gleichzeitigen Filmtransport und Verschlussaufzug und andere technische Neuerungen an Bord. Mit etwas Verzögerung fanden viele dieser Features auch ihren Weg in eine neue Rolleicord Version, die Kurbel blieb aber bis zum Schluss alleine der Rolleiflex vorbehalten.


Rolleicords wurden von 1933 bis 1977 gebaut. Sammler unterscheiden heute insgesamt 19 Modelle. Diese Version V (1954-1957) war tatsächlich Variante Nummer 14 und hatte als bestes Erkennungsmerkmal den großen Scharfstellknopf auf der rechten Kameraseite, frühere Versionen hatten einen kleineren Knopf, spätere den großen auf der linken Kameraseite. Ansonsten war sie sehr gut ausgestattet (siehe Tabelle unten) und alle nachfolgenden Modelle brachten nur noch kosmetische Änderungen oder Erleichterungen bei der Bedienung.

Mein Exemplar hatte nach Jahrzehnten der Nichtbenutzung leider durch (zu viel) verharztes Öl verklebte Verschlusslamellen. Der Verschluss ließ sich zwar spannen und auslösen. Die Lamellen zuckten dabei kurz, öffneten aber nicht mehr. Ich habe mich also kurzerhand daran gemacht, das wieder zu beheben. Dazu habe ich die Kamera soweit wie auf dem Bild links zu sehen zerlegt und mit ein paar Tröpfchen Waschbenzin, die man gleich danach wieder wegtupft, das überschüssige Fett entfernt. Dabei immer wieder bei allen möglichen Zeiten auslösen und die Prozedur wiederholen bis alles wieder wie gewünscht läuft. Neues Öl sollte man sich lieber sparen. Wer das nachmachen möchte: eine Anleitung gibt es hier

 Insgesamt wurden im Laufe der 44 Produktionsjahre mehr als 450,000 Rolleicord produziert. Natürlich ist sie auch millionenfach kopiert worden. Die erfolgreichste Kopie ist vermutlich die Seagul 4B-1, sie war 1987 meine erste Mittelformatkamera. 
Im Gegensatz zur Rolleiflex, die noch bis in die 2010er Jahre gebaut wird (immer noch??) und bei Profis und Sammlern Käufer findet, wird die Produktion der Rolleicord 1977 eingestellt. Ihre Zielgruppe, der Fotoamateur, hatte sich endgültig der Kleinbildkamera zugewandt.

Datenblatt TLR, zweiäugige Spiegelreflexkamera (6x6 cm auf Rollfilm 120)
Objektiv Schneider  Xenar 75 mm f/3.5 (Tessar-Typ 4 Linsen in 3 Gruppen, #4040280) , Sucherobjektiv Heidosmat 75 mm f/3.2 (#40014).
Verschluss Synchro-Compur MXV, B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500 (1/s), Verschluss muss separat vom Filmtransport gespannt werden. Es gibt eine Doppelbelichtungssperre, die per Hebel aufgehoben werden kann. (interne Seriennummer 1320328).
Belichtungsmessung keine, EVS-System, damit einfache Übertragung von einem Handbelichtungsmesser.
Fokussierung mit großem Stellrad auf der rechten Kameraseite, kürzeste Entfernung 90 cm
Sucher Spiegelreflex-Lichtschachtsucher mit Mattscheibe (aufrechtes, aber seitenverkehrtes Bild), ausklappbare Sucherlupe. Optional zum Durchsicht-Sportsucher umzubauen.
Blitz Anschluss über PC-Buchse, umschaltbar M und X.
Filmtransport Mit Drehrad auf der rechten Kameraseite, Transport arretiert nach einem Bildvorschub, Bildzählwerk.
sonst. Ausstattung Bajonette an beiden Objektiven für die Aufnahme von Filtern oder Sonnenblenden, Drahtauslöseranschluss, Stativgewinde 3/8‘‘, auswechselbarer Rückwand, Belichtungstabelle, Filmtyp Merkscheibe.
Maße, Gewicht 97x99x142 mm, 830 g
Baujahr(e) 1954-1957, circa 84.000 Exemplare. Seriennummernbereich 1500000-1583xxx.  Diese #1514235 (1954).
Kaufpreis, Wert heute ca. 350 DM (1954), 100-200€ je nach Zustand.
Links User manual, Rolleiclub, Camera-Wiki, Antiquecameras.net, Collectiblend, Reparaturanleitung