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2021-11-26

Sony Mavica FD-7 @work

Die beiden Menüs (Play oben,
Camera unten) mit allen wichtigen 
Funktionen
Hier kommt nun endlich der neulich schon angekündigte Beitrag über meinen Test mit der Mavica FD-7. Mein Exemplar war zum Glück in voll funktionsfähigem Zustand, was man leider heute nicht mehr oft über alte Elektronik sagen kann. Während viele der bis zu 100 Jahre alten analogen Kameras in meiner Sammlung noch funktionieren und es vermutlich in 20 Jahren auch noch tun werden, sind solche Funktionstests an nur 10 oder (wie diese hier) 20 Jahre alten Digitalkameras wirklich Glückssache. Meist sind es die Akkus, die versagen, auch meiner wurde vom Vorbesitzer irgendwann ausgetauscht. Irgendwann gibt es aber dafür keinen Ersatz mehr und auch die Peripherie muss passen: Kabel, Stecker, Speicherkarten. Im Falle der Mavica ist der Austausch der Bilddateien auf die 3.5'' Diskette beschränkt! Ich besitze glücklicherweise noch ein externes USB-Diskettenlaufwerk und alte Disketten. Wer weiß wie lange es sowas noch geben wird.

Das Diskettenlaufwerk bestimmt tatsächlich einiges an der Kamera. Nicht nur die Größe und das quaderförmige Grunddesign sind damit  vorgegeben, auch das Handling folgt oft den Beschränkungen des Laufwerkes. Man hört stets das charakteristische Schreib- und Lesegeräusch und ahnt damit zumindest, warum und worauf man viele Sekunden lang warten muss (und zwar bei jedem Bild, das man aufnimmt oder betrachten will!). Auch muss man nicht nur während der Aufnahme still halten (s.u.), sondern am Besten noch 5-7 Sekunden danach. Denn allzu heftige Beschleunigung ist schädlich für den filigranen Schreib/Lesekopf und könnte die gerade geschriebenen Daten unbrauchbar machen. Die ewigen sekundenlangen Wartezeiten sind tatsächlich für mich das eindrücklichste, was mir von meinem Test in Erinnerung bleiben wird.  

Ansonsten ist die Bedienung (zumindest mit unser heutigen Digitalerfahrung) sehr intuitiv und gut umgesetzt. Die Kamera liegt trotz ihres Quaderdesigns dank einer Griffleiste gut in der Hand, der rechte Zeigefinger ist automatisch am Auslöser und der Daumen bedient die Zoom-Wippe. Ein optischer Sucher fehlt komplett. Man muss sich also komplett auf das ansonsten sehr ordentliche 2.5'' Display fokussieren. Dies ist allerdings sehr dunkel und taugt nicht für helle Aussenumgebung. Ein Highlight der Kamera ist das 10-fach Zoomobjektiv, das von (KB-äquivalenten) 40 bis 400 mm Brennweite reicht und bei der kleinsten Brennweite bis zu einer kürzesten Entfernung von 1 cm (!) fokussieren kann. Damit gelingen dann auch Aufnahmen von kleinen Gegenständen.

Größtes Lowlight ist ironischerweise der eingebaute Blitz, den hätte Sony besser weggelassen und stattdessen eine Blitzbuchse oder einen hot-shoe spendiert. Der Blitz ist nämlich komplett ungeregelt, feuert also immer seine komplette aber ansonsten bescheidene Blitzleistung und taugt so nur für Motive in ca. 3 m Entfernung. Näheres ist stets über-, weiter entferntes stets unterbelichtet.  Außerdem schaltet der Blitz automatisch auf den Field-Modus um (s.u.) und reduziert damit die vertikale Auflösung des Sensors um die Hälfte.
Die vier möglichen 
Qualitätsstufen.
180x180 Pixel crop in
Originalgröße. Aufnahme:
2 m Entfernung, Stativ.
iPhone aus der Hand, 
runter gerechnet auf gleiche
Auflösung. Klicken für
4x Vergrößerung.  
Kommen wir damit also zum Herzstück, dem Sensor, der aus heutiger Sicht eine sehr bescheidene Auflösung und auch Bildqualität liefert. 1997 allerdings ist VGA (640x480 Pixel) eine immer noch sehr gängige Monitorgröße und bei Bild- bzw. Dateigröße fast an dem Limit dessen, was noch praktikabel verarbeitet werden konnte. Viele Computer waren nur über niedrige Datenraten mit dem Internet verbunden, das Übertragen von einzelnen Bilddateien dauerte da selbst in komprimierter Form oft mehrere Sekunden. Wenn Web-sites überhaupt Bilder hatten, dann lag deren Größe und Auflösung z.T. weit unter VGA. In dem Sinne war die Mavica ein höchst praktikable Kamera, deren recht stark komprimierte JPG-Bildchen genau den Bedürfnissen der Web-Designer und Poweruser entsprach. 

Der CCD-Sensor ist eigentlich für die Verwendung in Video-Camcordern gedacht und so ausgelegt, dass das analoge Signal direkt nach den üblichen Fernseh-Normen auf einem Monitor wieder ausgegeben werden kann. Dazu wird das Bild in zwei Halbbilder ("Field") geteilt, wobei zunächst die ungeraden Zeilennummern zu einem Field zusammengefasst werden und danach die geraden. Zusammen ergeben sie einen "Frame".

Der Sensor der Mavica hat nominell 659x494 Pixel, die dann auf die VGA Auflösung 640x480 herunter gerechnet werden. Die volle Auflösung gibt es allerdings nur, wenn der Frame-Modus ausgewählt ist. Die Kamera fotografiert aber standardmäßig im Field-Modus, was bedeutet, dass nur das erste Halbbild verwendet (und zeilenweise verdoppelt wird), d.h. die vertikale Auflösung beträgt nur 240 Pixel. Leider ist Field tatsächlich die praktischere Einstellung. Denn, die beiden Halbbilder werden nacheinander im Abstand von 1/30s aufgenommen und bewegte Objekte erscheinen daher doppelt (siehe Auto-Fotos unten), bzw. bei 1/30s hat man schnell auch die Kamera verwackelt. Außerdem wird bei Blitzaufnahmen automatisch in den Field Modus zurückgeschaltet. Klar, denn der Blitz ist beim zweiten Field schon längst wieder aus. 


Interessant ist, dass weder an der Kamera noch in der Anleitung irgendetwas über die sonst üblichen Fotografie-Parameter Verschlusszeit, Blende oder Empfindlichkeit zu erfahren ist. Lediglich die Qualitätsparameter Frame/Field (s.o.) und der Kompressionsgrad der JPGs können gewählt werden. Stattdessen hat man die Wahl von 5 Sonderprogrammen für bestimmte Fotografiersituationen, bei denen allerdings auch nicht ganz klar wird, was sie genau bewirken oder ob die standardmäßige Überallautomatik nicht auch so ein ordentliches Bild liefert (vermutlich). Dann gibt es noch 4 Spezialbildeffekte (Pastel, Negativ, Sepia und Schwarz-Weiß), die im Prinzip auch im Nachhinein mit jeder Bildbearbeitung möglich wären.

Fazit für mich: Eine interessante frühe Digitalkamera, die vom Konzept her konsequent auf die Bedürfnisse der frühen Internet-Pioniere zugeschnitten war, die Bilder für's WWW brauchten. Die Verwendung der Floppy-Disk zum Datentransfer ist gleichzeitig für die damalige Zeit sehr gelungen, technologisch aber langfristig eine Sackgasse. Am Bemerkenswertesten für mich: 7 Sekunden braucht eine Aufnahme vom Druck auf den Auslöser bis alles auf der Scheibe ist.

2021-10-24

Sony Digital Mavica MVC-FD7

Kürzlich machte mich ein Freund auf diesen Petapixel-Review aufmerksam und hat bei mir sofort den Nerv getroffen. Ich habe zwar noch nicht viele Digitalkamera-Veteranen in meiner Sammlung, aber hier war mir sofort klar: Eine Digital-Mavica muss ich haben (und ausprobieren). Die FD7 (mit Zoom) und ihre kleine Schwester FD5 (einfaches Standard-Objektiv) kamen 1997 gleichzeitig auf den Markt. Im jährlichen Rhythmus folgten Modell-Updates und bis 2002 gab es insgesamt 18 verschiedene FD-Modelle, alle mit dem namensgebenden FD ("Floppy-Disk") 3.5'' Diskettenlaufwerk und einem 2.5'' LCD-Screen auf der Rückseite.

Die FD7 und FD5 gehörten nicht zu den ersten Digitalkameras auf dem Markt, aber zu ihrer Zeit zu den kommerziell erfolgreichsten (angeblich hatte Sony mit ihnen in den USA einen Marktanteil von 40%). Der ganze Digitialkameramarkt steckte noch in den Kinderschuhen, der Durchbruch kam bekanntlich in den frühen 2000er Jahren. In den 1990ern fehlte es insbesondere noch an allgemein verfügbarer digitaler Infrastruktur, aber hier genau setzte Sony an: Wie bekommen die Nutzer ihre digitalen Fotos schnell und einfach dahin, wohin sie sie haben wollen? Antwort: Die damals in jedem Computer vorhandene 3.5''-Diskette.


Die Konkurrenz hatte (nur) das serielle Kabel (wo hab ich das hingelegt?) oder die ebenfalls sehr langsame IrDA-Drahtlosverbindung. Sony machte also in Sachen Benutzerfreundlichkeit alles richtig und kam außerdem mit dem richtigen Produkt zur richtigen Zeit. Versetzen wir uns also ins Jahr 1997. Computer erobern die Büros und mit etwas Verzögerung auch viele private Haushalte. Hauptmedium für den Datenaustausch ist (noch) die 3.5'' Diskette, die dann später durch die CD-Rom, Memory Sticks und letztlich durch das Überall-Internet abgelöst wird. Das WWW als die Killer-Anwendung des Internets ist 1997 gerade 4 Jahre alt, hier entstehen die ersten Webshops, News-Kanäle und Firmen-Repräsentationen. Und diese Web-sites verlangen nach Bildmaterial, was die Mavica FD viel einfacher und direkter liefert als jede andere analoge oder digitale Kamera auf dem Markt.

Das technische Design der Mavica FD-Serie war konsequent auf diesen Einsatz ausgerichtet. Die Diskette war billig und überall verfügbar. Interessanterweise fasste sie mit ca. 40 JPEG-Fotos ungefähr so viele wie ein KB-Film. Dazu wurde das Bild in VGA-Auflösung (640x480 Pixel) in zwei wählbaren Stufen komprimiert (Std und Fine), wobei der Unterschied nur in der Dateigröße (ca. 30KB vs. 60 KB pro Bild) wirklich auffällt. Die Bildqualität ist nach heutigen Maßstäben sehr bescheiden, für die genannten Anwendungen damals aber mehr als ausreichend. Im Übrigen verbirgt die Kamera (und auch die Anleitung) konsequent jegliche Fototechnik vom Fotografen, nirgendwo kann man etwas über Belichtungszeit oder Blende erfahren, man braucht das auch nicht wirklich.

Größenvergleich mit einer kompakten Kleinbildkamera
Das zeigt schon recht deutlich, dass Sony's Zielgruppe nicht die Amateurfotografen oder gar die Gelegenheitsfotografen waren, dafür war die Bildqualität noch zu schlecht und die Kamera im Vergleich zur analogen Filmknipse zu teuer.
Käufer der Kamera waren eher Menschen die mit oder über das Internet Geld verdienen wollten und dafür Bilder brauchten, die einfach verfügbar aber nicht besonders gut sein mussten. 

Die Geschichte der Mavica FD-Serie hört konsequenterweise im Jahr des allgemeinen Durchbruchs der kompakten Digitalkamera (2003) auf, was wiederum eng verbunden ist mit den nun verfügbaren (und genügend großen) Speicherkarten sowie dem USB-Port am Computer. Hier konnten weder der lausige CCD-Sensor der Mavica noch die 3.5'' Diskette mehr mithalten. Insofern war die Mavica FD nur ein Zwischenschritt und die Sache mit der Diskette eine technische Sackgasse. Allerdings ein wichtiger Schritt, denn sie hat das digitale Bild hoffähig gemacht und den Weg für ihre Speicherkarten-Nachfolger bereitet.

Ich habe mein FD7-Exemplar sehr günstig und in voll funktionsfähigem Zustand erwerben können. Natürlich habe ich schon damit rumgespielt und Testaufnahmen gemacht. Zum Glück besitze ich noch ein externes Diskettenlaufwerk mit USB-Anschluss, ansonsten hätte ich ganz schön in die Röhre geschaut. Denn die Kamera kennt keinen anderen Modus die Bilder zu übertragen und ich habe (wie die meisten wohl) keinen Computer mehr mit einem eingebauten Laufwerk. In einem zweiten Blog-Beitrag werde ich von meinen Erfahrungen berichten und einen kleinen Kamera-Review schreiben. Nur dies als kleinen Vorgeschmack: Ein Bild aufzunehmen dauert immer mindestens 7 Sekunden, anschauen auf dem eingebauten Monitor 5 Sek. Dafür hat man es in max. 20 Sekunden auf dem PC und im Nu im Internet!

Datenblatt Frühe Consumer-Digitalkamera mit Diskettenlaufwerk
Objektiv optisches 10x Zoom 4.2-42 mm f/1.8-2.9 (40-400 mm KB-äquivalent)
Sensor und Verschluss ¼'' CCD, vermutlich Sony ICX098BQ mit 659 x 494 Px (0.3 MP), elektronischer Verschluss, Bildgröße 640x480 (VGA). Zwei Qualitätsstufen wählbar ("Field", "Frame"), wobei nur Frame die volle Auflösung liefert, Field aber bewegte Motive scharf abbildet.
Belichtungssteuerung Belichtungsregelung und Weißabgleich automatisch, verschiedene Programmoptionen per Menü wählbar.
Fokussierung Autofokus, manuelle Fokussierung per Drehrad. Naheinstellgrenze ca. 1 cm (!)
Sucher kein (!) optischer Sucher, TFT-LCD Schirm mit 61380 Px (ca. 286x215), Helligkeit in Grenzen regelbar, für Außenaufnahmen tendenziell zu dunkel.
Blitz Eingebaut, per Taste zuschaltbar. Blitz ist ungeregelt und gibt stets volle Leistung ab, die nur für ca. 3 m Entfernung ausreichend ist
Speichermedium 3.5'' 2HD-Diskette (1.44 MB). Speicherkapazität ca. 30-40 JPEG Fotos im Standard- oder 15-20 im Fine-Kompressionsmodus.
sonst. Ausstattung 1/4'' Stativgewinde, 4 Software-Bildeffekte (Pastell, Negative, Sepia, B&W), 5 extra Motivprogramme (Softportait, Sport, Strand, Sonnenuntergang/Mondschein, Landschaft)
Maße, Gewicht ca. 127 x 111 x 74 mm, 714 g (mit Akku und Diskette)
Batterie 7.2 V Li-Ionen Akku (Ladegerät im Lieferumfang), CR2025 Li-Batterie als Memory-Buffer (nicht essentiell)
Baujahr(e) 1997
Kaufpreis, Wert heute 899 US$ (1997), in funktionsfähigem Zustand: 30-50 €
Links Camera-wiki, WikipediaDigitalkamera MuseumRFWilmut, Lucas P Sample shotsNotes on CCD sensors, Petapixel

2020-04-22

Nikkorex 35 Zoom und die Geschichte der Zoomkameras

1963-1965, die erste Zoomkamera der Welt.
Ich habe es bei meinem Beitrag über die Nikkorex 35 Zoom schon erwähnt: Sie ist als allererste Kamera mit fest eingebautem Zoom-Objektiv ein Meilenstein. Allerdings ein seltsamer Meilenstein, weil sie selbst ab 1963 nur ca. 2 Jahre am Markt war und erst mal ohne Nachahmer wieder verschwand und es dann fast 25 Jahre dauerte bis das Prinzip Zoomkamera (fest eingebautes Zoomobjektiv) sich langsam durchsetzte und danach zum Standard wurde.

Das ist natürlich eng verbunden mit der technischen Entwicklung des Zooms und die steckte seit dem ersten Voigtländer Zoomar (1959) 1963 noch in den Anfängen. Die allermeisten Hertsteller brachten zunächst Telezooms (so auch Nikon), weil diese wohl einfacher zu realisieren waren, außerdem spielte bei diesen die zusätzlich benötigte Größe im Vergleich zur Festbrennweite keine so große Rolle. Auch die Nikon-Ingenieure  mussten erst die Erfahrung machen, dass ein Standard-Zoom bei der Konzentration auf die optischen Qualitäten schnell größen-, gewichts- und kostenmäßig aus dem Ruder laufen kann. So geschehen beim geplanten und später nicht realisierten 35-85 f/2.8-3.5. Man musste also weitere Kompromisse machen und die Branche lernte dies im darauf folgenden Jahrzehnt. Auch das 43-86 war ein solcher Kompromiss, aber ein fauler. Der Brennweitenbereich und die optischen Leistungen waren nicht da, wo sie eigentlich sein sollten, trotzdem war das Ding immer noch groß und teuer. Das war der Grund, warum die Nikkorex und mit ihr das Konzept Zoomkamera 1965 erstmal wieder in der Versenkung verschwanden.

1977: Das erste Zoom, was als Standardobjektiv
mit einer SLR zusammen verkauft wird. 
Erst ca. 10 Jahre später kam wieder Fahrt in die Sache und ab ca. 1973 kamen die ersten wirklich brauchbaren Standard-Zooms auf den Markt. Als erstes optisch fast ebenbürtiges Standardzoom gilt das Canon FD 35-70 f/2.8-3.5, aber auch das war noch groß und teuer. Fast alle wichtigen Objektivhersteller brachten innerhalb der folgenden Jahre akzeptable und immer kompakter werdende Modelle. Unterstützt wurde das von der Tatsache, dass die Kameras inzwischen TTL-Messung beherrschten und die Zooms daher auch in ihrer Anfangsöffnung variieren konnten. Ein entscheidender Freiheitsgrad mehr für die Ingenieure. Es war dann Fuji, die sich als erste trauten, ein Zoom (Fujinon-Z 43-75 f/3.5-4.5) als Standardobjektiv mit einer SLR zu verkaufen. Von hier aus -sollte man meinen- wäre der Weg zu einer zweiten Zoomkamera nicht mehr weit gewesen. Aber beim allseits beliebten 35mm Film tat sich auch die nächsten 10 Jahre nichts.

1976-1979: Die zweite Zoomkamera ist
eine SLRfür die Pocketkassette 110
In der Zwischenzeit (1976) betrat allerdings die zweite Zoomkamera der Welt die Bühne. Sie war ebenfalls eine SLR, allerdings für die 110er Kassette: Die Minolta 110 Zoom wurde sogar sehr konsequent als Zoom-SLR für den Massenmarkt vermarktet und fiel durch ihr sehr ungewöhnliches Äußeres auf. Das schreckte aber wohl die potentiellen Käufer eher ab, sodass sie von Minolta ab 1979 durch eine zweite eher konventionell als SLR gestylete Version ersetzt wurde. Ihr Zoom ist angeblich eines der besten überhaupt für den Pocketfilm 110 erhältlichen Objektive. Man muss aber erwähnen, dass bei beiden Kameras der Zoombereich erst bei KB-äquivalenten 50mm startete, sie streng genommen also keine echten Standardzooms, sondern leichte Telezooms waren. Aber auch diese beiden Versuche von Minolta waren nicht lange am Markt und verschwanden schnell wieder und es kamen einige Jahre, in denen man keine Zoomkamera kaufen konnte.
Pentax Zoom 70 (IQ Zoom) war ab 1987 die
erste kompakte Zoomkamera (35-70 f/3.5-6.7) 
So gab es Anfang der 1980er wieder keine Kamera mit fest eingebautem Zoom am Markt. Es war die Zeit der Automatisierung. Fast alle Kameras hatten inzwischen irgendeine Art von Belichtungsautomatik an Bord, viele einen Elektronenblitz eingebaut, fast überall Elektronik und natürlich eine Batterie an Bord. Autofokus gab es bei den Kompakten seit der Konica 35 AF (1977) und bei den Kleinbild-SLR's seit 1981 (Pentax ME-F). Das einzige dazu verfügbare AF-Objektiv war (natürlich) ein Standardzoom, aber eben nicht fest eingebaut. Den umfassendsten Automatisierungsgrad erreichte dann 1985 die SLR-Königin Minolta 7000 AF. Gerade an ihr erkennt man einen anderen Trend in der Kameraproduktion: der Einzug von Kunststoff und Plastik als Hauptmaterial der Kameras (sogar bei SLR's). Kunststoff, die Verwendung von Elektronik und weitere Fortschritte beim (Zoom-) Objektivdesign ermöglichten dann den dritten und letztendlich nachhaltigen Versuch der Einführung von Zoomkameras. Angekündigt schon 1986 erschien dann ein Jahr später die Pentax Zoom 70 (in anderen Märkten auch Pentax IQZoom). Allerdings muss man der Fairness halber erwähnen, dass es schon einige meist "TW" (Tele/Wide, TWin-Focal) genannte Kameras in dieser Klasse gab (z.B. Fuji TW-300, Nikon TW2, Vivitar TW35 u.a.) , allerdings eben keine echte Zooms. Aber der Pentax Zoom folgten bald fast alle anderen Kamerahersteller und diese Kamerklasse war spätestens ab Mitte der 1990er Jahre in den meisten Haushalten zu finden.  Auch ich habe irgendwann eine solche sehr preiswert bei Aldi erworben.     
Yashica Samurai X3.0: der dritte Versuch eine
Zoom-SLR Kameraklasse am Markt zu etablieren

Und was ist mit SLR? Auch hier kam 1987 eine recht außergewöhliche Kamera auf den Markt: Yashica Samurai X3.0, eine vollautomatische SLR mit eingebautem Dreifachzoom 25-75 mm f/3.5-4.3 für das Halbformat 18x24 mm auf Kleinbildfilm 135. Zusammen mit den 1988 erschienenen Ricoh Mirai und Chinon Genesis (beide für 24x36 mm) begründete sie die neue Klasse der sogenannten Bridge-Kameras, Olympus bezeichnete seine entsprechenden Kameras als ZLR (Zoom Lens Reflex). Diese Klasse hat sich am Ende sogar irgendwie ins digitale Zeitalter gerettet: Heute bezeichnet man als "Bridge" solche Kameras mit relativ großen Sensoren, aber simpler und vollautomatischer Bedienung. Und natürlich mit fest-eingebautem Zoomobjektiv, das vom Weitwinkel in den Telebereich reicht. Danke Nikon, für die frühe Studie dazu von vor 57 Jahren! 

2019-10-26

Praktica BX-20S


Die Praktica BX20S ist die letzte 35mm SLR "made in Germany", hat aber bis auf ein etwas moderneres Plastikdesign und ein paar Kleinigkeiten dieselben technischen Fähigkeiten wie ihre Vorgängerin BX20, welches wiederum das letze kommerziell erhältliche SLR-Modell des VEB Pentacon aus der DDR war. Ich habe schon einige Praktica Kameras in meiner Sammlung, bisher alle mit M42-Objektivgewinde. Eine Praktica mit dem ab 1979 erhältlichen B-Bajonett fehlte noch und mir war schon lange klar, dass wenn überhaupt eine B-Kamera, dann diese BX20S. Eben weil sie die letzte ihrer Art war und die ganze Geschichte mit der Wende dranhängt
Ich habe mich also schon seid einiger Zeit umgesehen und feststellen müssen, dass für das Ding ganz schöne Preise aufgerufen werden. Zum einen gibt es sogar noch unbenutzte und originalverpackte Einheiten, zum anderen gab es am Ende der Produktion kleinere Sonderserien (insbesondere die letzten 100, sowie 280 grüne und 155 grün-schwarze), die wegen der limitierten Zahl die Sammler auf den Plan rufen. Deren hohe Preise von ein paar 100 Euros scheinen auch auf die ganz normalen gebrauchten Exemplare abzufärben. Ich habe jetzt endlich recht günstig ein sehr gut erhaltenes Exemplar, sogar mit frischer Batterie und etwas Zubehör ergattert. 

Mein persönlicher Eindruck von der Kamera war dann in mehrerer Hinsicht ambivalent. Auf der einen Seite das äußere konsequent durchgängige Plastikgehäuse, durchaus wohlgeformt und angenehm in der Hand liegend. Gleichzeitig merkt man am Gewicht der Kamera, dass drinnen durchaus noch einiges an Metall und Glas verbaut wurde. Der Druck auf den Auslöser startet einen satten und warmen Spiegel- und Verschlussablauf, während das anschließende Spannen mit dem wackligen Schnellschalthebel einem die Nackenhaare aufstellen lässt: Am Ende des Aufziehens gibt es stets ein lautes Knacken und man glaubt etwas kaputt zu machen. Mit dem hellen und übersichtlichen Sucher und seinem innovativen Tripelmesskeil in der Mitte macht das Scharfstellen Spaß, während an der Seite kleine rote LED's nervös flackern.
Ansonsten bietet die Kamera einen technischen Standard, den man unbedarft in die frühen 80er verorten würde. Allerdings gab es nach Einführung der Autofokusgeneration ab Mitte der 80er und bis spät in die 90er weiter einen Markt für solche pre-AF SLR Kameras, man denke z.B. an die Nikon FE10 und ähnliche Cosina-made Gehäuse. Hier war die BX20S durchaus eine unabhängige Alternative für die es preiswerte, aber durchaus leistungsfähige Objektive gab. Ob allerdings das "Made in Germany" irgendwen hier überzeugen konnte, möchte ich bezweifeln. Das war sicher für die Leica R7 der Fall, die andere in den 90ern noch in Deutschland hergestellte SLR. Die spielte aber technisch und preislich in einer anderen Liga.  

DatenblattLetzte KB-Spiegelreflexkamera made in Germany 
Objektiv Wechselobjektive mit Praktica-B Bajonett. Hier mit PRAKTICAR MC 28-50 mm f/2.8-3.5 (made by Sigma, Japan). Elektrische Übertragung der eingestellten Blende an die Kamera.
Verschluss Elektronisch gesteuerter, vertikaler Metalllamellenverschluss . Stufenlos 40s - 1/1000 s bei Zeitautomatik, 1s - 1/1000 s und B bei Nachführmessung. Blitzsynchronisation bei 1/100s.
Belichtungsmessung TTL, mittenbetont integral, Si-Photodioden, 12-3200 ASA (DX). Automatische Belichtungssteuerung (Zeitautomatik) oder Nachführmessung mit wählbaren Zeiten. Belichtungskorrektur +/-2 in ganzen Stufen. Messwertspeicherfunktion (AEL).
Fokussierung Manuell am Objektiv, Einstellscheibe mit Tripelmesskeil (Schnittbild) und Mikroprismenring.
Sucher Fest eingebauter Pentaprismensucher (95%), eingespiegelte Blende, LED-Anzeige(n) für Belichtungsmessung (Zeiten), Blitzbereitschaft, Batteriekontrolle und AEL. 
Blitz Zubehörschuh mit Mittenkontakt, Extra-Kontakte für TTL-Blitzsteuerung nach SCA-321 Standard, kompatibel zu Olympus
Filmtransport Schnellschalthelbel, Rückspulkurbel, Bildzählwerk (vorwärts zählend), Anschluss für Motoraufzug.
sonst. Ausstattung mechanischer Selbstauslöser (10s), gleichzeitig Abblendtaste, ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Stativgewinde, Hauptschalter, Filmdosenfenster in der Rückwand.
Maße, Gewicht ca. 141/88/49 mm, 510g (ohne Batterie und Objektiv)
BatteriePX28 (6V, 4 x LR44 oder SR44 möglich)
Baujahr(e) 1992-2001, ca. 33.000 Exemplare, dieses #5138412 von 03-1995, eigentliche Serienfertigung endete 1999, eine limitierte Serie von 100 Kameras wurde 06-2001 das offizielle Ende der deutschen SLR Produktion)
Kaufpreis, Wert heute ca. 300 DM (?, 1995), heute ca. 100€
Links Bedienungsanleitung (dreisprachig)Dresdner Kameras, BX20 Teardown video, Praktica B-Kameras
Bei KniPPsen weiterlesenPraktiflex, Contax F, Praktica F.X2Praktica LLC, Praktica PL electronic, Praktica LTL3, 65 Jahre deutsche SLR, Deutsche SLR Statistik

2018-12-30

Carena SX-300 (Seagull DF-300)


Ein Weihnachtsgeschenk für mich, allerdings bin ich vorher gefragt worden, ob ich diese nicht mehr funktionierende und schon beim Kauf eher sehr preiswerte Spiegelreflex wirklich haben will. Ich wollte natürlich, weil ich mich schon länger für chinesische Kameranachbauten interessiere (siehe Pearl River S-201 oder auch hier). Zum anderen sind nicht funktionierende Kameras wegen einer möglichen Reparatur immer eine Herausforderung...

Die hier als Carena SX-300 bezeichnete Kamera ist für das geübte Auge schnell anhand des charakteristischen und einzigartigen Ensembles von Schnellschalthebel, Auslöser und verstecktem Zeitenrad als Minolta X-300 Nachbau zu identifizieren.  Minolta hat Ende der 1980er Jahre die Produktion der X-300 an die Shanghai General Camera Factory ("Seagull") verlagert, vermutlich um Platz für die Produktion der neuen AF-Generation in Japan zu bekommen. Minolta hatte schon länger mit den Chinesen kooperiert und das Minolta Bajonett war auch an vielen Seagull und anderen chinesischen SLRs zu finden und entsprechende Objektive in China recht verbreitet. Wie genau dieser Lizenzdeal aussah konnte ich nicht wirklich rausbekommen. Aber vermutlich hat Minolta von Anfang an erlaubt oder auch achselzuckend hingenommen, dass die Chinesen die Kamera als Seagull DF-300 auf dem heimischen Markt selbst verkauften. Spätestens mit Einstellung der Minolta X-300 Vermarktung um 1990 haben die Chinesen die Kamera auch für viele westliche Handelsmarken unter deren Namen produziert. Eine Liste der Namen habe ich unten in die Tabelle eingefügt.   

Das Namensschild am Pentaprisma wird dazu praktischerweise von zwei Kreuzschlitz-schrauben gehalten und ist sehr einfach gegen andere Markennamen austauschbar. Das gilt übrigens schon für die Minolta! Auch sonst sind die Nachbauten mehr oder weniger 100% am Original. Das sieht man gut an einer technischen Schwäche, den die Minolta all ihren Klonen vererbt hat. Ein kleiner Elektrolyt-Kondensator in der Verzögerungsschaltung des elektonischen Verschlusses läuft mit den Jahren gerne aus. Dies führt dazu, dass der Belichtungsmesser im Sucher nach Einschalten der Kamera und leichtem Druck auf den Auslöser noch funktioniert. Drückt man den Auslöser dann für eine Aufnahme durch, passiert gar nichts mehr und die LED's im Sucher werden dunkel. Spannen geht natürlich auch nicht und damit ist die Kamera unbrauchbar. Glücklicherweise kann man einen solchen Kondensator für 25 Cent kaufen. Also habe ich meinen Lötkolben zur Hand genommen und mittels Transplantation die Kamera wieder zum Leben erweckt. 

Mein Exemplar hier ist ganz schön "abgemackelt", an einigen Ecken scheint sowas wie Metall durch die schwarze Lackierung. Die gesamte Deckkappe ist allerdings aus Kunststoff, wie es sich seit der Canon AE-1 durchgesetzt hat. Dem mitgelieferten Standard-Zoomobjektiv fehlt die Gummierung des Fokusrings, ansonsten ist es aber optisch wie mechanisch OK, trotz mehr oder weniger vollständiger Konstruktion aus Plastik. Auch dieses trägt wie die Kamera den Namen einer Handelsmarke. Exakta war damals als Marke im Besitz einer Nürnberger Vertiebsgesellschaft und hatte nichts mehr mit den Herstellern der ersten SLR für den Kleinbildfilm zu tun! Carena, ebenfalls Name eines untergegangenen Kameraherstellers aus Lichtenstein, wurde dann Handelsmarke der Schweizer Interdiscount AG und schließlich auch von Photo Porst für Spiegelreflexkameras und Zubehör benutzt. Meine Kamera wurde ca. 1995 bei Photo Porst zusammen mit dem Objektiv und einem Carena TZ250 Blitzgerät im Set gekauft.


Datenblatt KB-Spiegelreflexkamera, China Nachbau der Minolta X-300
Objektiv Wechselobjektive mit Minolta MC oder MD-Bajonett. Hier mitgeliefertes Standardzoom Exakta 35-70 mm f/3.5-4.8 ( 
Verschluss Elektronisch gesteuerter, horizontaler Tuchschlitzverschluss. 4s - 1/1000 s und B. Blitzsynchronisation bei 1/60s. Stufenlos bei Zeitautomatik.
Belichtungsmessung TTL, mittenbetont integral, Si-Photodiode. 12-3200 ASA. 
Fokussierung Manuell am Objektiv, Einstellscheibe mit mit Schnittbildindikator und Mikroprismenring.
Sucher Fest eingebauter Pentaprismensucher mit LED-Anzeige für Belichtungsmessung und Verschlußzeit.
Blitz Zubehörschuh mit Mittenkontakt und Extrafunktionen bei Minolta-Blitzen
Filmtransport Schnellschalthelbel, Rückspulknopf, Bildzählwerk (vorwärts zählend)
sonst. Ausstattung elektonischer Selbstauslöser (10s), Messwertspeichertaste, ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Filmlaschenhalter, Stativgewinde, Anschluss für Motorantrieb
Maße, Gewicht ca. 137/90/52 mm, 475g (ohne Objektiv)
Batterie3V, entweder 2x LR44 (Alkali), 2x SR44 (Silberoxid) oder 1x CR-1 (Lithium)
Baujahr(e) 1991-1999 (?), dieses #9565002 von 1995 (?)
baugleiche Handelsmarken Vivitar V50, Centon DF-300, Soligor SR-300 MD, Kalimar KX-5000, Safari DF-300, Texer EX-3, Zenit DF-300, Revue DF-300, Exakta HS50
Kaufpreis, Wert heute 349 DM (199x, Porst Katalog),  ca. 10€
Links Manual (Seagull DF-300, english)Manual (Minolta X-300, english)Camera-Wiki, Kamera-Geschichte.de