2022-09-12

Geschichte der Belichtungsautomatik in 16 Beispielen

Die wichtigste Automatisierung in der Kamerageschichte ist die Belichtungsautomatik, die ich hier anhand vieler Beispiele aus meiner Sammlung nachzeichnen möchte. Viele Details zu diesen Kameras und den jeweiligen technischen Automatik-Implementierung findet man in den früheren Beiträgen. Die kleinen Bilder hier sind mit den jeweiligen Artikeln verlinkt. Also munter klicken!

Zunächst ein paar Begriffe: Um automatisch eine zur aktuellen Beleuchtungssituation richtige Kameraeinstellung zu finden, gibt es drei Parameter bzw. Variablen zu beachten: Die Empfindlichkeit des Films (oder Sensors), die Belichtungszeit und die Blende. Erstere ist bei analogem Film nicht verstellbar, muss aber mit bedacht, bzw. der Kamera/Belichtungsmesser mitgeteilt werden. Die anderen beiden können dann nacheinander so bestimmt werden, dass entweder die passende Verschlusszeit zur frei gewählten Blende ermittelt wird (Zeitautomatik, auf Englisch: Aperture priority, Kürzel: A), oder die passende Blende zur voreingestellten Verschlusszeit (Blendenautomatik, auf Englisch: Shutter priority, Kürzel: S). Es gibt aber auch automatische Kameras, die nach einem fest eingebauten Programm jeweilige Blende/Zeit-Kombinationen, definiert über ihren Lichtwert ansteuern. So was nennt man Lichtwert-, Voll- oder Programmautomatik (Kürzel: P). Späte elektronische Kameras ließen auch variable Programme zu. 

Nun noch etwas Technik: Zentrale Aufgabe einer Belichtungsautomatik ist es das Signal des eingebauten Lichtsensors zu nutzen und damit Zeit und/oder Blende bzw. beides bzgl. der eingestellten Filmempfindlichkeit richtig zu wählen. Als Lichtsensor dienten zunächst Selenzellen, die selbst einen kleinen Strom erzeugen und daher ohne Batterie auskommen. Später wurden Fotowiderstände (meist aus Cadmiumsulfid, CdS) oder Fotodioden (z.B. Si) verwendet, die beide eine Batterie zum Betrieb brauchen. 

Jetzt gab es für die Erfinder der automatischen Belichtungseinstellung ein zentrales Problem zu lösen: Die elektrischen Strömchen des Lichtsensors reichten geradeso aus, die Nadel am Drehspulinstrument zu bewegen, keinesfalls aber um Blende oder Zeit an der Kamera ohne das Zutun des Fotografen zu verstellen. Dazu wurden drei grundsätzliche Lösungen gefunden:

1) Das Trap-Needle Prinzip: Die Nadel des Belichtungsmessers darf sich zunächst frei bewegen. Beim Druck auf den Auslöser wird sie aber in ihrer jeweiligen Position durch eine speziellen Mechanismus eingeklemmt. Die sogenannte Steuerkurve (orange im Bild rechts) bestimmt, wie weit bestimmte Bewegungen innerhalb der Kameramechanik gehen dürfen. Damit lässt sich dann entweder durch die Fingerkraft des Fotografen auf dem Auslöser oder einen vorgespannten Federmechanismus die Blende und/oder Zeit so verstellen, dass es zum Zeigerausschlag passt. Das war nicht nur die erste Lösung, die gefunden wurde, sondern auch die in den meisten Kameras eingesetzte (bis hinein in die 1980er!). Meistens wurden Blendenautomatiken damit realisiert, aber auch Vollautomatiken bei oft einfachen Sucherkameras. 

2) Die Luft-Pneumatik: Wohl inspiriert vom alten Deckel‘schen Compound-Verschluss, der einen Luft gefüllten Zylinder als Hemmwerk verwendet hat. Diesmal wird statt der Nadel eine sehr dünne Plastikscheibe vom Drehspulinstrument bewegt. Diese verdeckt mehr oder weniger die Öffnung eines per Feder vorgespannten Luftzylinders. Nach dem Auslösen strömt die Luft proportional zur Öffnung schnell in den Zylinder und steuert damit die Zeit, die der Verschluss offen bleibt. Wurde zur Realisierung der ersten Zeitautomaten genutzt, war aber verglichen mit (1) nicht besonders akkurat und auch nicht erfolgreich.
3) Elektronik: Ab Mitte der 60er Jahren waren endlich Transistoren und andere elektronische Bauteile verfügbar, mit denen man ein elektronisches Hemmwerk für die Zeitsteuerung des Verschlusses bauen konnte. Die Geschwindigkeit der Auf- oder Entladung eines Kondensators hing am eingestellten Widerstand im Stromkreis, fast genauso wie die Größe des Lochs im Zylinder das Aus- oder Einströmen der Luft bestimmt. Ersetzt man nun den festen Widerstand durch einen Fotowiderstand, hat man den elektronischen Zeitautomaten zusammen.   Einziger Nachteil zur Trap-Needle Variante: während die eingeklemmte Nadel den Beleuchtungszustand bei der Auslösung festhielt, fehlte es der einfachen Elektronik anfangs an einem Messwertspeicher. Das verhinderte zunächst SLR-Zeitautomaten mit TTL-Messung, da es beim Auslösen auf dem CdS-Widerstand erst mal dunkel wurde. Erst komplexere elektronische Elemente in Form integrierter Schaltkreise erlaubten ab 1971 den Siegeszug der Automatisierung über Elektronik. 

Auf die eher noch als analog zu bezeichnen Elektronik aus den 60er und frühen 70er Jahren setzte fast nahtlos die Digitalisierung auf. Viele vorher mechanische Elemente wurden durch elektronische ersetzt, z.B. die Nadelanzeigen oder Suchereinspiegelungen durch LED oder gar LCD Displays. Oder das ehemalige Uhrwerk eines Selbstauslösers durch eine elektronische Variante mit immer schneller blinkender LED. Kamerakonstruktionen wurden dadurch modular und viel flexibler, da man Kabel eben einfacher ver- und umlegen kann als mechanische Verbindungen wie Zahnräder oder Seilzüge. Am Ende zogen echte Computer in die Kameras ein und die komplexe Beleuchtungssituation wurde mit gespeicherten Daten verglichen, um die richtige Belichtungzeit und Blende noch genauer zu bestimmen. 

1938 - Kodak Super Six-20

Sie war tatsächlich schon 1938 die erste Kamera überhaupt mit einer Belichtungsautomatik („Electric Eye“) und teilte mit vielen anderen bahnbrechenden Innovationen ein Schicksal: Es gab ein Basispatent, was es zwanzig Jahre lang allen anderen Herstellern verbot, das Trap-Needle Prinzip für eine Blendenautomatik zu nutzen. Damit fehlte der weitere Innovation fördernde und den Marktpreis senkende Wettbewerb. Viel gravierendere Gründe für ihren sehr geringen Markterfolg aber waren zwei Dinge: Sie war mit 225 US$ sehr teuer, dafür bekam man 1938 in den USA einen halben Kleinwagen. Außerdem war sie wohl nicht sehr verlässlich und oft defekt. Daher wurden nur 719 Exemplare je produziert und verkauft. Eine solche für die Sammlung zu bekommen ist nahezu unmöglich, aber man kann sie sich im Museum anschauen, z.b. hier.

1956 - Agfa Automatic 66 und 1960 - Durst Automatica 

Die zweite Automatikkamera basierte nicht auf Kodak‘s Trap-needle Prinzip sondern auf der Erfindung von Julius Durst und war ein Zeitautomat nach dem Luft-Pneumatik Prinzip.  Durst hatte wohl zunächst nicht die finanziellen und technischen Möglichkeiten, seine Erfindung selbst umzusetzen und lizensierte das Ding an Agfa, Europas größtem Kamerahersteller. Die Agfa Automatic 66 kam 1956 auf den Markt und teilte in manchen Aspekten ein ähnliches Schicksal wie die Super Six-20. Auch sie war mit 498 DM sehr teuer und fand wohl weniger als 5000 Abnehmer. Die Kunden wollten inzwischen Kleinbild und keine überteuerte Rollfilm-Faltbalgenkamera mehr, die an alte Zeiten erinnerte.  
Eine solche brachte die Firma Durst dann endlich 1960 mit dem selben Prinzip. Sie ist ganz schick, aber leider nicht ganz zu Ende gedacht (es fehlte die korrekte Implementierung der Filmempfindlichkeits-Einstellung). Mit über 10.000 Exemplaren ist sie aber im Gegensatz zur Agfa für Sammler heute erschwinglich. Auch ich habe ein Exemplar, mehr Info's zur Kamera und zur Luft-Pneumatik siehe dort.

1959 - das Jahr der automatischen Einfachkameras

1959 kam Bewegung in die Szene, vermutlich waren Selenzellen endlich zu einem vernünftigen Preis und in ausreichender Anzahl verfügbar. Die genaue zeitliche Abfolge des Erscheinens kann heute nicht mehr rekonstruiert werden, aber innerhalb dieses Jahres gab es plötzlich einige einigermaßen erschwingliche Kameras mit dem "Electric Eye" zu kaufen, die meisten ansonsten relativ einfach gehalten, was z.B. Objektiv oder Verschluss anging. Sie alle steuerten die Blende mit der Selenzelle. Diese waren: Braun Paxette Electromatic,  Kodak Automatic 35,  Bell & Howell Electric Eye 127, Kodak Brownie Starmatic und die Revere Eye-Matic EE 127. 

1959 - Agfa Optima 

Der Star aber dieser "Klasse von 1959" war die Agfa Optima. Auch sie war eine Volks- und keine Eliten-Kamera und hatte als erste eine Vollautomatik an Bord. Der Druck auf die "Magische Taste" klemmte die Nadel ein und steuerte damit Verschlusszeit und Blende (in dieser Reihenfolge). Mehr Details in meinem Beitrag. Sie war mit ca. 500.000 Exemplaren selbst super erfolgreich und begründete eine ganze Serie von Agfa-Optima Nachfolgern. Eine davon war (1961) die Agfa Optima Reflex, eine zweiäugige Spiegelreflex, die erste mit Belichtungsautomatik, versteht sich. Natürlich inspirierte der Optima Erfolg auch die Konkurrenz, das Kodak'sche Trap-Needle Patent war ja gerade ausgelaufen. 

1960 - Royer Savoyflex

Sie wird gerne übersehen, weil sie die einzig signifikante französische SLR war und auch nur in Frankreich nennenswerte Verbreitung fand. Aber sie ist tatsächlich die weltweit erste SLR mit einer Belichtungsautomatik (Trap-Needle Blendenautomatik, natürlich). Sie hat ein fest eingebautes Objektiv und eine simple Implementierung der Filmempfindlichkeits-Einstellung per Plastik-Steckblende vor der Selenzelle, die ihr ein charakteristisches Aussehen verleiht.

1961- Voigtländer Ultramatic

Auch sie wird öfters übersehen, wenn es um die erste SLR mit Wechselobjektiven (DKL-Bajonett) und Blendenautomatik geht. Im Gegensatz zu den anderen DKL-Spiegelreflexen hatte sie sogar einen Rückschwingspiegel. Ab 1965 gab es ihre direkte Nachfolgering Ultramatic CS mit CdS-Fotowiderstand und TTL-Messung (allerdings nach der Tocon Uni, s.u.)

1962 - Wirgin Edixa Electronica

Ebenfalls eine deutsche DKL-SLR und ein teurer Designflopp, der am Ende die Firma Wirgin mit in die Pleite zog. Heinz Waaske entwicklete nicht mehr und nicht weniger als die erste SLR-Vollautomatik mit Wechselobjektiven, realisiert als Trap-Needle-Kontstruktion mit elektromotorischer Verstellung des Lichtwertes.  
1963 - Seikosha SLV-Automaten aus Japan 

Aus Japan kommen ab 1963 einige SLR auf den Markt. Mit fest eingebauten Objektiven und Trap-Needle Belichtungssteuerung rund um den Seikosha SLV Zentralverschluss waren sie einfach zu bedienende Spiegelreflexe und keine technische Meilensteine mehr. Sie holten (wie die Agfa Optima) die Belichtungsautomatik aus der Hochpreisecke. Hier die ggf. unvollständige Liste: Minolta ER, Fujicarex, Nikkorex auto 35, Ricoh 35 Flex, Mamiya Auto-Lux 35. 
1964 - Topcon Uni 

Ebenfalls eine Zentralverschlusskamera, aber mit Wechselobjektiven und der damals brandheißen TTL-Messung. Mit dieser Kombination und natürlich einer Trap-Needle Blendenautomatik war sie die weltweit erste ihrer Art und wirkt heute noch recht modern. Schon im Jahr darauf wirkten die Selenzellen-Wabenfenster wie von gestern. Leider hatte Topcon nicht den Erfolg am Markt, den sie mit ihren Innovationen bis dahin verdient hätten. 

1965 - Konica Auto-Reflex

Die Konica Auto-Reflex wird oft als die erste SLR mit Belichtungsautomatik genannt, aber das stimmt natürlich nicht, siehe oben. Aber sie war die erste "moderne" SLR mit diesem Feature, sprich: sie hatte einen Schlitzverschluss und Wechselobjektive mit modernem Bajonett. Ansonsten war alles beim alten: eine Trap-Needle Blendenautomatik, allerdings konsequent zu Ende gedacht und  implementiert. Lediglich der CdS-Sensor war zwar eingebaut, aber nicht TTL, das kam erst 1968 mit der nächsten Generation Autoreflex T. 

1965 - Yashica Electro half und 1966 - Yashica Electro 35

Yashica kann man als den Elektronik-Pionier im Kamerabau bezeichnen. Zunächst kam 1965 in kleiner Serie eine Halbformatkamera als erste Zeitautomatik mit elektronischem Hemmwerk. Richtig zum Durchbruch gelangte die Technik aber ab 1966 mit der super erfolgreichen Electro 35-Serie, die über 5 Millionen mal gebaut und verkauft wurde. Der CdS-Sensor maß das Licht extern während der Belichtung und konnte Verschlusszeiten bis zu ca. 30 Sekunden stufenlos steuern.

1971 - Pentax ES

Die erste Zeitautomatik-SLR ließ noch lange fünf Jahre auf sich warten und hieß Pentax ES. Das lag an einem erst spät gelösten technischen Problem. Während man bei der Trap-Needle Blendenautomatik mit dem Einklemmen der Messnadel den Belichtungswert fixierte und für den weiteren Verschlussablauf merkte, gab es sowas bei der zunächst archaischen Elektronik nicht. Das war aber wegen des zwischenzeitlich sich verdunkelnden Sucherbildes nötig. Die Asahi Pentax Elektroniker waren die ersten, die es lösten, viele andere SLR Hersteller folgten aber schnell. Mitte der 1970er gab es mehr Zeit- als Blendenautomatik SLR-Modelle und für die nächsten fast 30 Jahre ein fast religiös anmutendes Automatik-Schisma. 

1976 - Canon AE-1

Die Elektronik entwickelte sich rasant und erlaubte es bald, viele bisher mechanische Komponenten im Kamerabau durch entsprechende elektronische zu ersetzen. Die Canon AE-1 war 1976 die erste, die dies sehr erfolgreich umsetzte. Genau: Sie war die erste Blendenautomatik, die NICHT auf dem Trap-Needle Prinzip beruhte. Dem Fotografen war das egal, er schaute im Sucher auf keine Nadel mehr, sondern ihn blinkten LED's an. 
1977 - Minolta XD7

Mit modularer Elektronik sind die Entwicklungszyklen kürzer als mit komplexer Mechanik. So ging es am Ende der 1970er Schlag-auf-Schlag. Schon 1977 brachte Minolta mit der XD7 die erste SLR die beide Automatikvarianten beherrschte. Heimlich, am jeweiligen Bereichsende, konnte sie sogar vollautomatisch die Belichtung steuern, hat aber mit Blick auf die Zielgruppe des ambitionierten Amateurs darauf verzichtet, einen Programmautomatik-Modus anzubieten. 

1978 - Canon A-1

Schon 1978 kam der Gegenschlag von Canon. Die A-1 hatte frei wählbar fünf Automatik-Modi, neben Blenden- und Zeitautomatik waren das die nun auch so genannte Programmautomatik, die manuelle Einstellung sowie eine Zeitautomatik bei Arbeitsblende. Viele nachfolgende Kameramodelle benutzen diese "PASM"-Wahlmodi bis in die heutige Digitalzeit.

1983 - Nikon FA

Damit schien auf dem Feld der Belichtungsautomatik zunächst einmal alles erfunden zu sein. Einiges habe ich hier bisher nicht erwähnt. Es gab natürlich auch noch die automatische Blitzsteuerung durch die Kameraelektronik, aber auch die Frage nach dem (TTL-)Messmodus (Spot- vs. mittenbetont). Da überraschte 1983 Nikon die SLR-Welt mit der sog. Matrix- oder Mehrfeldmessung. Hierbei erkennt die Kamera quasi automatisch knifflige Beleuchtungssituationen (durch Vergleich der Lichtverteilung im Sucherbild mit einer internen Datenbank) und ermittelt daraus die richtige Zeit/Blenden-Kombination.  

Damit ist die Geschichte der Belichtungsautomatik tatsächlich abgeschlossen. Die Kameragenerationen danach brachten mit dem Autofokus die andere wichtige Automatik. Bei den heutigen Digitalkameras ist natürlich kein extra Belichtungsmesser mehr eingebaut, das Signal kommt vom Bildsensor selbst, aber die damals entwickelten Logiken gibt es immer noch: Die meisten Kameras heute bieten die Wahl zwischen Zeit- Blenden- oder Programmautomatik, aber auch mittenbetonter, Spot- oder Mehrfeld-Messung. Drehspulelemente oder eingeklemmte Messnadeln gibt es natürlich nicht mehr und manchmal ist auch heute noch der Fotograf die bessere Automatik. 

2022-09-10

Nikon FA

Normalerweise poste ich hier nur Kameras, die ich selber besitze, diesmal ist es anders. Ich habe schon einige Auktionen verfolgt und auch das eine oder andere Mal mitgeboten, bisher erfolglos. Das liegt natürlich daran, dass ich in diesem Fall unbedingt eine funktionierende Kamera bräuchte, einfach um ihre Belichtungsautomatik zu testen und zu würdigen. Solche Kameras werden natürlich von anderen Interessenten zum Fotografieren gesucht und daher sind die Preise außerhalb meines Sammelbudgets. Dafür besitze ich schon seit den Zeiten ihres Erscheinens (1983) den deutschen Kameraprospekt, dessen Scan ich hier gerne verlinke. Auch die beiden Bilder hier sind daher.  
Nikon hat sich lange Jahre bei Innovationen zur Belichtungsautomatik zurückgehalten und immer so ein Jahr nach der Konkurrenz entsprechende Dinge (dann aber sorgfältig) implementiert. Seit der Nikkormat EL (1972) gehörte Nikon zur Zeitautomatik-Fraktion, eine Programmautomatik gab es ab 1982 in der Consumer-SLR Nikon FG. Erst 1983 kam mit der Nikon FA der Multi-Automat, der Canon A-1 und Minolta XD7 das Fürchten lehren sollte. Neben der wohl ergonomischsten Automatik-Implementierung dieser drei hatte sie als tatsächlich letzte Belichtungsautomatik-Innovation die Matrixmessung (von Nikon AMP-Prozess genannt) eingeführt. 
Wer möchte, kann sich Nikon's detaillierte Erklärung auf obiger Doppelseite durchlesen. Kurz zusammengefasst: Das Bild wird in 5 Segmente aufgeteilt, deren Belichtung gemessen wird. Das entsprechende Muster wird nun vom Kameracomputer mit einer internen Datenbank ähnlicher Belichtungssituationen verglichen und der entsprechende und ggf. vom üblichen (mittenbetonten) Messwert abweichende Datenbank-Lichtwert zurückgegeben. 
Die FA war bzw. ist eine tolle Kamera, war aber nicht sonderlich erfolgreich. "Nur" ca. 350.000 Exemplare wurden in ca. 6 Jahren verkauft, das war in der Hochphase der analogen SLR nicht genug um wirklich zu den Bestsellern zu gehören.  Ich verzichte hier mal auf weitere technische Daten, die gibt es sogar bei Wikipedia.  Matrix- bzw. Mehrfeldmessung gab es danach in weiteren Nikon- später auch in vielen anderen Kameras und ist heute in Digitalkameras meist eine Option unter anderen.

2022-08-31

Topcon Uni

Ich habe hier schon einige Meilensteinkameras zur automatischen Belichtungssteuerung vorgestellt (hier die Übersicht). Dies ist eine der wenigen, die mir bisher noch gefehlt haben. Die Topcon Uni von 1964 ist die erste SLR mit Wechselobjektiven und eingebauter Belichtungsautomatik, die das Licht durch das Objektiv (TTL) bei offener Blende misst. Das neue von dieser Liste war die Sache mit TTL, damals eine ganz große Sache in der Branche. Topcon hatte schon im Jahr zuvor mit der RE Super dem Rivalen Pentax Spotmatic damit die Schau gestohlen. 

Die RE Super sollte in der ersten SLR Liga mitspielen, wo Automatik erst mal verdächtig bzw. verpöhnt war. Aber Topcon hatte mit ihrer „Wink Mirror“ SLR Serie auch was für den Amateur. Es handelte sich um Zentralverschluss-SLRs, die ab 1961 schon Nachführmessung (Wink Mirror E, Selenzelle) konnten, ab 1963 gab es Wechselobjektive und Blendenautomatik (UV Bajonett, Wink Mirror S). Da lag es sehr nahe, die Selenzelle durch die neue TTL-Messung mit Batterie zu ersetzen und heraus kam die Topcon Uni. 
Die Kamera wirkt viel moderner als zum Beispiel ihre deutschen Zeitgenossen (Voigtländer oder Kodak, etc.) und man kann sie durchaus vom Stil her mit Kameras aus den 1970ern verwechseln. Topcon spendierte der Serie um das UV-Bajonett alle paar Jahre weitere kleinere technische Updates, die sich Unirex (EE) und schließlich IC-1 Auto nannten. Interessanterweise hatte letztere einen Schlitzverschluss bei ansonsten ähnlicher Spezifikation. 

Größtes Manko und sicherlich einer der Gründe, warum Topcon nicht den Markterfolg wie die heute bekannteren Japaner hatte, war das UV Bajonett, das wegen des Zentralverschlusses keine wirklich lichtstarken Objektivkonstruktionen zuließ. Auch war das Objektivangebot beschränkt und kein Fremdhersteller hat je eigene Modelle dafür angeboten. Wie wir heute wissen, kam die letzte Zentralverschluss-SLR 1975 auf den Markt (Mamiya 528 AL), da war Topcon schon auf Schlitzverschluss umgestiegen und kurz davor, ganz das Kamerageschäft aufzugeben. 

Eigentlich spricht ja technisch nichts dagegen, eine Blendenautomatik auch mit einem Schlitzverschluss zu kombinieren. Eine solche SLR brachte Konica mit der Auto-Reflex 1965, allerdings konnte diese noch kein TTL. Dieses Feature kam erst 1968 mit deren Nachfolgerin Konica Autoreflex T.  

Zum Schluss möchte ich noch auf ein interessantes Detail hinsichtlich der TTL- Implementierung von Topcon hinweisen, was man bei genauem Hinsehen auf dem Bild links sehen kann. Man erkennt auf dem Spiegel ein Muster sich kreuzender feiner Linien, die allerdings beim Blick durch den Sucher unsichtbar sind. Es handelt sich dabei um den CdS Lichtsensor, das Muster ist unregelmäßig, um die Mittenbetonung der Lichtmessung zu realisieren. Man findet im Netz dazu allerdings zwei verschiedene Erklärungsvarianten: a) die CdS-Linien sind auf den Spiegel aufgedruckt; b) die Linien sind durchsichtig/nicht spiegelnd und der CdS-Sensor als Schicht auf der Rückseite des Spiegels. Wie dem auch sei, am Ende läuft es fast auf das selbe hinaus. Bei der RE Super hat Topcon es genauso gemacht, allerdings bei späteren Kameras zugunsten der auch bei anderen Kameraherstellern üblichen Technik wieder aufgegeben. Hier schauen ein oder (meist) zwei CdS-Zellen durch das Pentaprisma auf die Mattscheibe. Ist vermutlich viel billiger zu realisieren und genauso gut wie Topcons Variante.

Datenblatt Erste SLR mit Belichtungsautomatik und TTL Messung
Objektiv Topcon UV Bajonett, hier mit UV Topcor 53 mm f/2 (Gauß-Typ, 6 Elemente in 4 Gruppen), eine Serie von Objektiven zwischen 28 und 200 mm war erhältlich.
Verschluss Seikosha SLV Hinterlinsen Zentralverschluss, B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500 1/s, Automatischer Rückschwingspiegel fungiert als Hilfsverschluss.
Belichtungsmessung TTL mittels CdS-Zelle, mittenbetont. EV 5-18 (100 ASA), Filmempfindlichkeit 25-400 ASA. Automatische Belichtungssteuerung (Blendenautomatik nach Trap-Needle Prinzip) für Zeiten <=1/8s.
Fokussierung SLR, Fresnellinse mit Mikroprismen
Sucher Eingebautes Pentaprisma, 0.75x Vergrößerung (Normalobjektiv), 95%, Nadelanzeige der vom Belichtungsmesser ausgewählten Blende. 
Blitz M, X Buchse, umschaltbar.
Filmtransport Schnellschalthebel, Rückspulkurbel, Bildzählwerk
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Selbstauslöser, Stativgewinde 1/4‘‘
Maße, Gewicht ca. 136x93x84 mm, 866 g (m. Objektiv und Batterie)
Batterie PX625 (1.35V Quecksilber oder Alternativen)
Baujahr(e) 1964-1969, #54102585
Kaufpreis, Wert heute 160 US$ (1964), ca. 40€
Links Manual, Camera-Wiki, mailch, 

2022-08-27

Revue SP (Konica Auto-Reflex P)

Ich bin schon länger auf der Suche nach ihrer großen Schwester: Konica Auto-Reflex. Diese ist eine Meilenstein-SLR, nämlich die erste moderne (Schlitzverschluss-) SLR mit einer Belichtungsautomatik (Blendenautomatik). Aber da ist noch was: Sie ist die einzige Kamera, die es erlaubte, zwischen den beiden Bildformaten 24x36 und 18x24 (Halbformat) umzuschalten, und das sogar jederzeit mitten im Film. Dieses Feature hat sie mit dieser abgespeckten Version gemein (ohne Belichtungsmesser und -automatik), ansonsten sind die Kameras identisch und ich zähle sie bzgl. dieser Eigenschaft als eine Kamerakonstruktion. Konica hat diese Version "Auto-Reflex P" genannt und in Deutschland wurde sie über Foto-Quelle als Revue SP vermarktet. Die eigentliche Auto-Reflex hieß auch unter der Marke Revue so. 

In Sammlerkreisen erzielen alle Namensvarianten ganz ordentliche Preise und zwar unabhängig davon, ob Revue oder Konica draufsteht. Ursprünglich war die abgespeckte Version natürlich preiswerter. Da sie aber viel seltener verkauft (und damit gebaut) wurde, ist sie heute die teurere Sammlerkamera. Mir lief also diese Revue SP über den Weg und zu meiner eigenen Überraschung war mein relativ günstiges Gebot trotz des lichtstarken Normalobjektivs erfolgreich. Ich werde aber trotzdem weiter die Augen nach der „echten“ Auto-Reflex aufhalten.

Das Umschalten von Voll- auf Halbformat erfolgt bei der Kamera ganz einfach mit einem kleinen Hebel auf der Kameraoberseite, wie man auf meinem Bild (GIF) sehen kann. Dabei passieren drei Dinge gleichzeitig: 1) zwei Blenden werden von links und rechts in das Bildfenster geschwenkt, 2) im Sucher erscheinen von oben zwei kleine schwarze Dreiecke, die nochmal deutlich auf die permanent eingeritzten Halbformatmarkierungslinien hinweisen, 3) der Filmtransportmechanismus wird auf halben Vorschub umgestellt, so dass auf einen 36er Film bis zu 72 hochformatige Negative passen. Man kann zu beliebiger Zeit umstellen, allerdings wird in der Anleitung deutlich darauf hingewiesen, dass jeweils bei 24x36-Stellung transportiert werden sollte, d.h. bei Halbierung des Formates den Film VOR dem Umschalten transportieren, bei Verdoppelung NACH dem Umschalten. Sonst drohen überlappende Negative.

Die Tatsache, dass sie die einzige Kleinbild-Kamera mit diesem Feature ist, spricht Bände. Zwar war das Halbformat in den 60er Jahren insbesondere in Japan sehr populär (siehe die Olympus PEN-F und andere in meiner Sammlung), aber dessen Zweck war neben der doppelten Bilderzahl pro Film insbesondere der Bau kompakter Kameras. Die Konica hier war aber mit fast einem Kilogramm Kampfgewicht eher das Gegenteil von kompakt. Außerdem erfordert das Halbformat eine Normalbrennweite von 30 mm (heute würde man von einem Crop-Faktor 1.44 sprechen), d.h. die mitgelieferte Normalbrennweiten von 52 oder wie hier 57 mm entsprachen leichten Teleobjektiven. Wo war also der Vorteil des eingebauten optionalen Halbformats? Ich denke, Konica‘s Management hat bald eingesehen, dass das niemand wirklich braucht und ihre Konkurrenten haben sich heimlich gefreut, nicht selbst Geld in dieses Feature investiert zu haben. Die eigentliche Auto-Reflex war eine sehr erfolgreiche Kamera wegen der Blendenautomatik, die abgespeckte Version riss kaum jemanden vom Hocker, trotz Halbformat-Umschalter!

Datenblatt Einzige KB-SLR mit umschaltbarem Format 24x36 und 18x24 (zusammen mit der automatischen Schwester Auto-Reflex im selben Gehäuse)
Objektiv Konica AR Bajonett, hier mit Hexanon 57 mm f/1.4 (Gauß-Typ, 6 Linsen in 5 Gruppen, #5760574)
Verschluss vertikaler, mechanischer Metall-Schlitzverschluss (Copal Square), B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500-1000 1/s. 
Belichtungsmessung keine, Aufsteckbelichtungsmesser für das Zeitenrad erhältlich. Die Kamera war die Einfachversion der Konica Auto-Reflex mit eingebautem (kein TTL) CdS-Beli und Blendenautomatik.
Fokussierung Mattscheibe mit Mikroprismen im Zentrum.
Sucher Spiegelreflex mit Rückschwingspiegel. Halbformatmarkierungen. 
Blitz M und X Buchse. X-Synchronzeit 1/125 s.
Filmtransport mit Schnellschalthebel, Rückspulkurbel. Bildzählwerk (vorwärts) zählt im Halbformatmodus nur jedes zweite mal hoch.
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Stativgewinde 1/4‘‘, Filmmerkscheibe, Drahtauslöseranschluss, als Zubehör: Zubehörschuh zum Aufstecken, Belichtungsmesser
Maße, Gewicht ca. 142x94x46, 682 g (ohne Objektiv), 965g (mit 1.4/57)
Batterie keine
Baujahr(e) 1966-1968, #852502
Kaufpreis, Wert heute ca. 200 US$ (1966), ca. 200 €
Links Konicafiles, buhla.de, Camera-Wiki, Wikipedia, Bedienungsanleitung (Auto-Reflex, mehrsprachig), Mike Eckman, Konica-collector.org, 
Bei KniPPsen weiterlesen Konica Autoreflex TC, Konica TC-X, Konica FS-1, Konica C35V, Konica C35AF







2022-07-17

Nagel Vollenda 48 (Version 1 vs. Version 2)

Mein heutiger Post ist die Fortsetzung meines Beitrags vom 14. März 2021. Diesmal geht es um die Unterschiede der beiden Versionen, die es von der Kamera gab und ein paar weitere Kleinigkeiten. 

Anlass war (wie sollte es auch anders sein...) der Fund der Kamera links auf einer bekannten online-Auktionsplattform. Irgendwas stimmte bei diesem Angebot nicht und nach kurzem Überlegen kam ich drauf: Das Objektiv (ein Ysar 5 cm f/3.5, Rodenstock's Tessar Variante) passt nicht zur Kamera. Zunächst glaubte ich an eine seltene und dementsprechend wertvolle Variante, aber kurzes Recherchieren machte diesen Traum schnell wieder zunichte. 

Das Ysar mit 5 cm Brennweite gab es in den späten 1940er Jahren z.B. an der Kodak Retina I (Modell 010) und die Seriennummer des Objektivs (2024049) zeigt klar auf 1945. Auch auf dem Bild sieht man es deutlich: das hell strahlend leuchtende Aluminium der Objektivfassung beißt sich fast mit dem gediegenen Glanz des Vorkriegs-Nickels der restlichen Kamera. Jemand hatte also später das Objektiv getauscht, was ich zum Zweck der besseren Authentizität für die folgenden Aufnahmen wieder rückgängig gemacht habe. Meine Retina I (118, von 1935) hat ihrer Tante Vollenda dafür das Schneider Xenar 5 cm f/3.5 geliehen:
Frühe Version (links) in Einfachausstattung vs. spätere Version (rechts)
mit gehobener Ausstattung und extra Zubehör.

Ich bin besonders froh, dass ich nun mit den beiden Vollendas nicht nur die konstruktiven Änderungen zwischen Version 1 (bis ca. Seriennummer 126xxx) und Version 2 zeigen kann, sondern auch fast das gesamte Ausstattungsspektrum abdecke. Am einfachsten lässt sich die frühe Version am zylindrischen Drehknopf für den Filmtransport (mit der Beschriftung "Dr. August Nagel, Stuttgart") erkennen. Die spätere Version hat an der Stelle einen Drehschlüssel, der mit "Made in Germany" beschriftet ist. Daneben änderte sich noch der Rückwandverschluss, der in der zweiten Variante nun über die gesamte Kamerahöhe geht. Nur im direkten Vergleich nebeneinander erkennt man den breiteren Balgen der späten Version und die Änderung der Form der Metallplatte auf der Verschluss und Objektiv montiert sind. 
Auf diesem Bild sind fast alle Unterschiede und Ausstattungsvarianten gut sichtbar, siehe Text. 
Natürlich fallen die gehobenen Auststattungsmerkmale der späteren Version auf, diese gab es aber z.T. schon an frühen Kameras: 1) Der Compur-Verschluss und einen extra Schneckengang (2) zum Scharfstellen, der das komplette Objektiv samt Verschluss bewegt. (3) Ein optischer Sucher und (4) ein sog. "mechanischer Tiefenschärfer" (rechts obern auf der Kamera).  
 
Meine Kamera trägt die Seriennummer 150638 und läßt sich damit ins Jahr 1932 einsortieren, was auch durch die Seriennummer 2583829 des Compur-Verschlusses bestätigt wird. Sie ist nicht ganz so gut erhalten wie meine ältere Version 1, aber voll funktionstüchtig. Ich hoffe nur, dass das nachträglich eingebaute Ysar auch ordentlich justiert ist, mit Film ausprobiert habe ich es (bisher) nicht. 

Datenblatt Faltbalgenkamera für 3x4 cm Negative auf Rollfilm 127.
Zweite Version der Vollenda 48.
Objektiv Kamera war erhältlich mit Schneider Radionar 5 cm f/4.5 oder Radionar f/3.5, beide mit Frontlinsenfokussierung. Gehobene Ausstattung mit Schneckengang: Schneider Xenar f/3.5, oder f/2.9, Leitz Elmar f/3.5 oder Carl Zeiss Tessar f/3.5 oder f/2.8. (Das oben abgebildete Rodenstock Ysar ist von 1945 und wurde nachträglich ausgetauscht).
Verschluss Compur Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 (gehobene Ausstattung, einfache Version mit Pronto-S oder Nagel-Verschluss). Späte Kameras auch mit dem Compur-Rapid.
Fokussierung Mittels Schneckengang und Verschieben des gesamten Objektivs.
Sucher Optischer Aufklappsucher. Einfache Versionen haben einen  Aufklappsucher ohne optische Elemente.
Filmtransport Mittels Drehknopf (früher Version) oder Drehschlüssel (ab ca. Ende 1931), doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', Anschlussgewinde für Drahtauslöser
Maße, Gewicht ca. 33x76x110 mm (zusammengeklappt),  350 g
Baujahr(e) 1931-1933 und 1936,  ab Ende 1932 als Kodak Vollenda 48. Insgesamt ca. 43,000 Exemplare, davon ca. 30,000 im Jahr 1931.
Kaufpreis, Wert heute in dieser Version (Xenar) 88 RM, mit Tessar f/2.8 bis zu 129 RM. Wert heute je nach Zustand und Ausstattung 50-150 €
Links Camera-Wiki, UKCamera (Archiv), Living Image, Blende und Zeit Forum 
Bei KniPPsen weiterlesen Version 1, August Nagel, Nagel/Kodak Vorkriegsproduktion in Zahlen, Kodak Vollenda 620, 3x4-Kameras von 1931, Nagel Pupille, Compur Seriennummern, 127 Film

2022-06-26

Deutsche Objektivproduktion 1925 bis 1942 in Zahlen

Objektivproduktion (Anzahl) der führenden 7 deutschen Produzenten für hochwertige Optik im Zeitraum von 1925 bis 1942. Daten abgeleitet von Seriennummersequenzen.

Die obige Grafik und die dazugehörige Excel-Tabelle schlummert schon länger auf meinem Computer, sind diese Daten doch ein Nebenprodukt meiner Recherchen zu Seriennummern. Sie finden sich in anderer Form in meinem kleinen Altersbestimmungswerkzeug hier links oben am Rand. Ich habe mich bisher gescheut, sie so zu veröffentlichen, weil die Datenbasis nicht komplett ist. 

Die gezeigten führenden 7 deutschen Objektivhersteller repräsentieren zwar den Großteil der höherwertigen Objektivproduktion im betrachteten Zeitraum. Für ein komplettes Bild fehlen aber mindestens die Firmen E. Ludwig, ENNA, Staeble und C. Friedrich (für die Jahre vor 1925 und nach 1945 wären noch viel mehr Hersteller zu betrachten). Bis jetzt ist es mir aber nicht gelungen mehr Details über diese kleineren Produktionen zusammen zu bekommen. Ich schätze ihren Beitrag zur Gesamtproduktion im obigen Zeitraum auf ca. 1 - 1.5 Millionen Objektive. Unter den Balken oben verbergen sich zum Vergleich 8.5 Millionen. 

Was außerdem fehlt ist Deutschland's größter Kamerahersteller: Das Agfa-Kamerawerk in München, welches inklusive der Vorgängerfirma Rietzschel bis zum 2. Weltkrieg ca. 7 Millionen Kameras mit eigenen Objektiven produziert und verkauft hat. In dieser Zahl sind zum großen Teil einfachste Boxkameras enthalten. Auch von anderen Herstellern gab es solche aus deutscher Produktion. Deren Objektive sind meist nicht extra nummeriert und entziehen sich somit einer getrennten Analyse.

Trotzdem kann man an dieser Stelle mal alles zusammensetzen und kommt größenordnungsmäßig auf ca. 20 Millionen Kameras bzw. Objektive aus Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Verteilung dieser 20 Mio folgt dem Muster der obigen Grafik: ca. 1/4 (5 mio) in den ersten 30 Jahren mit stetigem Wachstum der Industrie, inkl. ein paar schwierigen Jahren im 1. Weltkrieg. Dann die Weltwirtschaftskrise mit dem großen Einbruch im deutschen Krisenjahr 1932. In den späten 1920er Jahren    passiert zusätzlich einiges in der Fotoindustrie, was den Grundstein für den phänomenalen Kameraboom ab 1933 (3/4, also ca. 15 mio in nur 9 Jahren) legt: 1) die wirtschaftliche Konsolidierung, Zeiss Ikon geht aus einigen kleinen und angeschlagenen ehemaligen Konkurrenten hervor, Agfa etabliert sich als DER deutsche Filmhersteller und kauft Rietzschel, Kodak kauft Nagel; 2) Rollfilme werden technisch so gut, dass die bisher marktbeherrschenden Plattenkameras ab 1930 zu Ladenhütern werden, Leitz zeigt der Welt wie Hightech Kleinbild geht; 3) in vielen Fotofirmen kommt eine innovative Generation junger Ingenieure ans Ruder und löst die Gründergeneration aus den 1890ern ab. Sie erfinden und trauen sich an neue Dinge, z.B. Kleinbildkameras, Bakelit, oder billige Boxen für die Jugend. Der Boom der 1930er kommt ja bekanntlich wegen des von Deutschland ausgehenden Weltkriegs zu einem jähen Ende. Fast die gesamte Produktion wird ab 1941 Kriegsgüter herstellen, die Innovationen der 1930er (Farbfilm, Vergütung, Blitz, etc.) werden dann zu einem zweiten, noch größeren Boom in den 1950ern führen, aber das ist eine andere Geschichte…

2022-06-19

Kodak (Nagel) Vorkriegsproduktion in Zahlen

Mein Interesse für Produktionszahlen von Kameras (und deren Entwicklung) ist hier im Blog schon hinlänglich bekannt. Nun habe ich mich mal drangemacht und die Kameraproduktion des Kamerawerkes Nagel (ab 1932 Kodak AG Deutschland) in Stuttgart aufzuarbeiten. Gestützt habe ich mich im Wesentlichen auf Daten aus dem Buch "Zauber der Kamera" von Helmut Nagel (ISBN 3-421-02516-9). Helmut Nagel ist der Sohn des Firmengründers August Nagel und war selbst lange Jahre Chef von Kodak Deutschland. Ich gehe also mal davon aus, dass seine Daten zu Produktionszahlen, Produktionszeitraum  und Verkaufspreisen stimmen. Was ich dazu gedichtet habe, sind zwei Dinge: 1) habe ich für jedes der 52 Vorkriegsmodelle eine wahrscheinliche Verteilung der Produktionsmenge über den angegebenen Zeitraum angenommen; 2) Viele Kameras wurden in unterschiedlichen Ausstattungsvarianten (Objektiv, Verschluss) zu unterschiedlichen Preisen angeboten. Hier habe ich für die Umsatzverteilung einen mittleren Preis (niedrigster+höchster Preis geteilt durch zwei) angenommen.
Umsätze (geschätzt, in Tausend RM) mit Kameras (ohne Film etc.)
bei Kodak Deutschland vor dem 2. Weltkrieg 

Was man an den beiden Grafiken hier sieht, ist einerseits ein Spiegel der Entwicklung der gesamten Kameraindustrie in Deutschland. Man erkennt die beiden Einbrüche in der Produktion, 1932 als Folge der Weltwirtschaftskrise und 1940/1941 nach Ausbruch des Weltkriegs. Im Zeitraum von 1942 bis 1946 wurden in Deutschland so gut wie keine Kameras mehr produziert. Auf die kurze Blüte der 3x4-Kameras (127er Film) im Jahr 1931 bin ich hier schon eingegangen. 
Auf der anderen Seite war das Kodak Nagelwerk eben nicht typisch und ein Innovationstreiber für die Industrie. Man startet im Jahr 1928 quasi auf dem Zenit der Plattenkameraproduktion in Deutschland (siehe einen typischen Vertreter hier) und produziert selbst nur wenige Modelle. Aber schon 1930 zeichnete sich ab, dass diese umständlichen Kästen zu Ladenhütern würden und die Kundschaft kompaktere Film-Modelle wünschte. Nach dem ersten gescheiterten Kleinfilm-Versuch (3x4) brachte Kodak im Jahr 1934 die Retina und die universelle 135er Patrone und trieb damit die ganze Branche vor sich her. Die hier in den Jahren gezeigten Kleinbild-Umsätze hatte außer Leitz (Schraubleicas) kein anderer Kamerahersteller vor dem Krieg.
Vorkriegs-Kameraproduktion bei Kodak (Nagelwerk) in Deutschland (Stückzahl)

Das zahlen- und umsatzmäßig wichtigste Kodak-Modell war aber die 6x9-Klappbalgenkamera "Junior 620". Insgesamt 581.000 Exemplare für nur 32,25 RM verließen in den Jahren 1933 bis 1939 das Werk. (Ich kann mir gut vorstellen, dass man an der Kamera selbst nicht viel verdient hat, sondern die Margen am Ende mit den Film-Verkäufen realisiert hat). Sogar die noch viel preiswerteren 3 Stuttgarter Box-Modelle (ab 5 RM) kommen zahlenmäßig da nicht ran. Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass das Stuttgarter Nagelwerk Kodak's High-end Produktionsstätte war. Preiswerte Kodak-Boxen wurden millionenfach von anderen Kodak Standorten produziert (z.B. in UK und USA) und in alle Welt verkauft. 

Das hier soll erst ein Anfang sein. Zum einen plane ich noch einen zweiten Kodak Teil mit der Nachkriegsproduktion (ebenfalls aus Helmut Nagels Buch). Zum anderen sind diese Zahlen und Grafiken ja ganz nett, gewinnen aber erst dann wirklich an Wert, wenn man sie in die richtige Perspektive setzt. Sprich: Der gesamte Kameramarkt, bzw. wichtige Konkurrenten sollten ähnlich betrachtet werden. Rudimentäre Ansätze für Agfa und Co. habe ich schon, aber noch lange nichts so detailliertes wie das hier. Am weitesten gediehen ist schon eine Analyse der Vorkriegs-Objektivproduktion. Für jeglichen Input, Fragen und Kritik bin ich dankbar (Kommentare unten, bzw. e-mail an knippsen (at) icloud (punkt) com).  

2022-05-13

Agfa Selecta-m

Die Geschichte der Iloca Electric geht bekanntlich mit der Agfa Selecta-m weiter. Das Agfa Kamerawerk in München hatte aus der Iloca Konkursmasse den fertig entwickelten Prototypen Auto-Electric und vermutlich viele Werkzeuge und Bauteile übernommen. Die gelegentlich zu findende Behauptung, Agfa hätte die ganze Firma Iloca übernommen und die Kamera in Hamburg weiter produziert, ist sicher falsch (auch wenn vermutlich einige Iloca Techniker nach München umgezogen sind). Agfa hat den Prototypen überarbeitet und ans damalige Agfa Design angepasst. Ich war natürlich neugierig und wollte wissen: Wieviel Iloca Electric steckt noch in der Selecta-m? Daher musste ein Exemplar her und sich dem direkten Vergleich stellen:

Und man findet tatsächlich sehr viele Gemeinsamkeiten. Das Spritzguss-Gehäuse mit dem Filmhandling, die Elektrik (Filmtransportmotor und Batteriefach, etc.) sind quasi identisch, genauso die Rückwand und Bodenplatte, letztere mit kleinen Abweichungen. Das fest eingebaute Objektiv, der Automatikverschluss sowie die Anordnung von Sucher und Belichtungsmesser sind natürlich anders als bei der ursprünglichen Iloca Electric, entsprechen aber dem Auto-Electric Prototypen. Sogar die Zulieferer der Komponenten blieben wohl dieselben: Das 45 mm f/2.8 Iloca-Ysarex wurde lediglich in Color-Solinar-R („R“ für Rodenstock) umgelabelt. Auch blieb es beim Compur-Automat Verschluss von Deckel, wohingegen die nicht-motorisierte Schwester Agfa Selecta einen Prontor-matic P Verschluss von Gauthier hatte. 
Agfa Optima und Selecta-m im Design und 
Größenvergleich 
Die Agfa Formensprache bekam die Selecta-m durch folgende vergleichsweise funktionsfreien Änderungen: Die Gehäusekappe aus verchromten Blech wurde ca. 7 mm höher als sie eigentlich hätte sein müssen. Dafür wird diese nach obenhin schlanker und gibt der Kamera zusammen mit dem charakteristischen Auslöseschieber (statt Knopf) und dem geriffelten Fokusring das typische Agfa-Aussehen der Zeit. Der direkte Vergleich mit der Agfa Optima auf dem Bild hier links zeigt das sehr schön, offenbart aber auch, welch ein Klotz die Motorkamera ist. Obwohl die Selecta-m nach wie vor eine Messsucherkamera war (die einfache Selecta war nur eine Sucherkamera!), bekam sie Zonenfokus-Symbole. Auch die farblich markierten Verschlusszeiten (Vorwahl für die Blendenautomatik) passen ins Agfa-Schema. 

Mit stolzen 598 DM war die Selecta-m 1962 mehr als doppelt so teuer wie ihre kleine Schwester Selecta (278 DM), mit der sie die Blendenautomatik und die sonstige Anmutung gemein hat. Ob allerdings der motorische Filmtransport, der Messsucher sowie das etwas bessere Objektiv diesen Preisunterschied rechtfertigen, kann im Rückblick bezweifelt werden. Allerdings hatten beide Kameras mit ihrer selektiven Automatik (daher der Name) nicht den Markterfolg, den Agfa von der Vollautomatik Optima gewohnt war. Diese verkaufte sich millionenfach (in nur drei Jahren) und verdiente das Geld, das Agfa in solche Experimente wie motorischen Filmtransport steckte. Agfa bewies einen relativ langen Atem und produzierte die Selecta-m noch bis ca. 1965. Damit dürfte sie deutlich häufiger zu finden sein als die Iloca Electric, ich schätze mal so 20,000 Exemplare, und ist trotzdem eine der seltensten Agfa-Nachkriegskameras. Aber Agfa (und andere) merkten auch, dass die Zeit (und die Technik) für eingebauten motorischen Filmtransport noch nicht reif war. Die kam erst 20 Jahre später zusammen mit Plastik und Elektronik.
Mein Exemplar sieht zwar äußerlich klasse aus, ist aber leider ein Totalschaden. Weder lässt sich die Elektrik und der Motor zu irgendeinem Zucken bewegen, noch der Verschluss auslösen oder irgendetwas daran einstellen. Ich hab sie natürlich aufgeschraubt und dabei Zeichen eines früheren erfolglosen Reparaturversuchs entdeckt. Ich fürchte, dass die allermeisten dieser Kameras in einem ähnlichen Zustand sind. Wer eine funktionierende besitzt, mag sich gerne bei mir mit einem kurzen Video (mit Ton) vom Auslösen und Filmtransport melden. Ich würde das gerne hier zeigen…

Datenblatt Motorisierte KB-Messsucherkamera mit Blendenautomatik
Objektiv Color-Solinar-R 45 mm f/2.8 (4 Linsen, Tessar Typ, gebaut von Rodenstock)
Verschluss Compur-Automat Zentralverschluss, B-30-60-125-250-500, automatische Blendensteuerung durch Selenzelle. 
Belichtungsmessung mit Selenzelle, Filmempfindlichkeit 12-1600 ASA, 11-33 DIN.
Fokussierung manuell durch Frontlinsenverstellung. Zonensymbole, Gekuppelter Messsucher, kürzeste Entfernung 1m.
Sucher gekuppelter Messsucher mit Parallaxenkorrektur, rotes und grünes Fähnchen als Signale für falsche und richtige Belichtung.
Blitz per PC-Buchse, 1/30s Synchronzeit.
Filmtransport motorisch mit 3V Elektromotor, ca. 2 Bilder in 3s.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (kalt), ISO-Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 1/4‘‘
Maße, Gewicht ca. 125x100x68 mm, 842 g (ohne Batterien und Film)
Batterie 2xAA für den motorischen Filmtransport
Baujahr(e) 1962-1965. Seriennummerbereich HAxxxx bis HBxxxx, ca. 20,000 Exemplare.
Kaufpreis, Wert heute 598 DM (1962), ca. 50-100€, mit funktionierendem Motor auch deutlich mehr.
Links Camera-Wiki, Deutsches Museum Digital, Udo Spickmann, Bleckedermoor.de, Anleitung