2021-06-01

Baldina

Diese Baldina von 1936 ist quasi ein Nachzögling für meine Sammlung von frühen Kleinbildkameras. Bisher wurde sie dort von der Jubilette vertreten. Es ist fast dieselbe Kamera, die Balda 1938 zur Feier ihres 30-jährigen Bestehens unter die Leute brachte. Die Baldina war ein Longseller, dieses Ur-Modell wurde von 1935 bis 1941 gebaut, aber auch nach dem 2. Weltkrieg wieder ab 1946 bis 1950. Ihre direkte und wieder fast identische Nachfolgerin hieß Belca Beltica und wurde in Dresden ab 1951 weitergebaut. Auch Balda in Westdeutschland baute ab 1951 eine Baldinette, die ihre Ahnin Baldina nicht verleugnen kann. Weitere Details und Links bei den entsprechenden Beiträgen und unten in der Tabelle.

Mein Exemplar lief mir für unter 20 € über den Weg, da konnte ich nicht widerstehen. Es ist sehr gut erhalten und voll funktionstüchtig mit einer schönen Patina, die zeigt, dass sie tatsächlich benutzt wurde. Mit der Seriennummer des Schneider Xenars (am Hinterlinsenglied) kann ich die Kamera recht genau ins Jahr 1936 einordnen. Die Kamera selbst oder der Prontor-Verschluss tragen lieder keine Nummern. 

Datenblatt Faltbalgen-Sucherkamera für KB-Film (135)
Objektiv Schneider Xenar 5cm f/2.9 (4 Linsen). Auch mit anderen Objektiven von Schneider oder Carl Zeiss erhältlich.
Verschluss Prontor II Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-175 (viele Kameras haben auch den Compur)
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab 0.55 m), keine Scharfstellhilfe.
Suchereinfacher Fernrohrsucher, mit Parallaxenkorrektur-Drehrad. 
Filmtransport Mit Drehknopf auf der Unterseite, Bildzählwerk mit Deckel zum Aufklappen (vorwärtszählend), Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Tiefenschärfe-Tabelle auf der Rückseite,  Anschluss für ISO-Drahtauslöser, Stativgewinde 3/8", Trageschlaufe,  Bereitschaftstasche als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 123x83x38 mm,  427 g 
Baujahr(e) 1935-1941, diese (lat. Seriennummer #904995 des Objektivs) von 1936
Kaufpreis, Wert heute ca. 80RM (1936), heute ca. 30 €.
externe Quellen und Links Camera-Wiki, Instruction manual (Jubilette, english), Kurt Tauber, Dresdener Kameras, Fotofreak, Wikipedia
bei KniPPsen weiterlesenKB-Kameras der 1930er, Balda Jubilette, Kodak Retina (118), Kodak Retina (010), Kodak Retina (126), Welta Welti, Zeiss Ikon Tenax I, Wichtigste KB-Kameras 1937 (Porst Katalog), VEB Belca,  Hapo 24

2021-05-23

Royer Savoyflex (3) automatic

Die erste SLR mit einer echten Belichtungsautomatik (Blendenautomatik) kommt aus Frankreich und ist vermutlich die einzige französische SLR, die in nennenswerter Stückzahl verkauft und verwendet wurde. (Es gab vorher lediglich die legendäre Alsaflex, von der wohl nur wenige Stück gebaut wurden). Die Kamera kombiniert geschickt einen eingebauten Metrawatt Selen-Belichtungsmesser mit dem Prontor-Reflex Zentralverschluss. Das Ganze ist natürlich eine sogenannte „Trap-needle“-Konstruktion, ich hatte das Prinzip schon ausführlich in meinen Beiträgen zur Agfa Optima und Fujica S2 erläutert. Diese ist natürlich eingebettet in den schon so komplizierten Ablauf von Spiegelreflexkameras mit Zentralverschluss. Aber der Reihe nach. Zunächst die Übersetzung des ersten Abschnitts aus der Bedienungsanleitung der Kamera:
Blick auf die Anzeige
des Belichtungsmessers.

Die Fotozelle wählt unabhängig die idealen Bedingungen für die korrekte Belichtung Ihrer Aufnahmen. Beim Drücken des Auslösers schließt ein automatischer, robuster, einfacher und batterieloser Mechanismus die Blende automatisch und stoppt sie an der Öffnung, die genau der Helligkeit des in Ihrem Sucher angezeigten Motivs entspricht. Dabei wird Folgendes berücksichtigt:  1) die von Ihnen gewählte Verschlusszeit, 2) die Empfindlichkeit des verwendeten Films. Dieser automatische Mechanismus kann durch manuelle Steuerung außer Betrieb genommen werden. Dann ist Ihre SAVOYFLEX "Automatik" eine herkömmliche Kamera (z. B. Blitzfotos, Posen oder Spezialeffekte).

Der robuste und einfache Mechanismus ist der eigentlich Clou der Kamera und hängt direkt am wohl längsten Auslöseweg aller meiner Kameras: 10 mm sind runterzudrücken! Dabei passieren auf den ersten  Millimetern Hub quasi gleichzeitig Folgendes: Der Verschluss schließt sich, der Spiegel klappt hoch und eine kleine metallene Blende verschließt den Suchereinblick vor Fremdlichteinfall. Auf den nächsten Millimetern wird dann wohl die Nadel des Belichtungsmessers eingeklemmt und die Blende entsprechend geschlossen. Falls man außerhalb des Blendenbereichs 2.8 bis 22 wäre, wird der weitere Auslöseweg blockiert, d.h. Fehlbelichtungen sind im Automatikmodus ausgeschlossen. Falls OK, dann reichen der letzte Millimeter um den Verschluss auszulösen. Hält man den Finger weiter gedrückt, passiert weiter nichts mehr. Erst wenn der Fotograf hier locker lässt, kehrt der Spiegel wieder in seine Ausgangsposition zurück und verschließt dabei das Filmfenster lichtdicht. Der Verschluss öffnet sich und der Suchereinblick ist wieder frei. Hier liegt die größte Schwäche der Kamera: Bei längeren Verschlusszeiten muss der Fotograf selbst daran denken, den Finger lange genug auf dem Auslöser zu belassen, sonst klappt der Spiegel runter bevor der Verschluss zu ist. 
Während die gewählte Verschlusszeit mechanisch an den Trap-Needle-Mechanismus übermittelt wird, muss der Fotograf beim Filmwechseln die Empfindlichkeit des Films selbst einstellen. Dies geschieht durch Einstecken einer entsprechend gelöcherten Plastik-Blende vor die Selenzelle. Der „ungeschützte“ Sensor entspricht dabei ca. 200-400 ASA, die Löcher in den Plastikblenden werden umso kleiner je niedriger die Filmempfindlichkeit ist. Ein Satz von 8 verschiedenen Blenden aus schwarzem Plastik lag jeder Kamera bei, leider hatte meine nur noch die Blende „25-50 ASA“ einstecken. Eigentlich ganz pfiffig, allerdings macht es die Kamera recht häßlich und verlorene Blenden machen Probleme...

Diese Meilenstein-Kamera ist das Topmodell einer recht kurzen Serie von 35 mm SLR-Kameras aus dem Hause ROYER. 1959 kamen zunächst die Modelle I und II ohne Belichtungsmesser und Automatik auf den Markt. Dabei hatte das Modell I lediglich Frontelement-Fokus, während alle weiteren Modelle dann interessanterweise sowohl per Frontelement als auch mittels eines weiteren Schneckengangs durch Verschieben des gesamten Objektivs fokussiert werden können. Sowas habe ich bisher bei keiner anderen Kamera gesehen, ist beim wohl verwendeten Tessar-Typ aber kein Problem und hat den Vorteil einer  sehr kleinen Naheinstellgrenze. Das Modell I wurde dann gegen Ende 1960 zugunsten des neuen Modells III „automatic“ eingestellt. Ab Anfang 1962 gab es dann etwas Modellpflege, beide Modelle II und III erhielten ein „E“ angehängt und einen Zubehörschuh spendiert. Das Basismodell II E hatte als kürzeste Verschlusszeit nur noch die 1/300 s, während die Savoyflex automatic weiterhin die 1/500 s besaß. Die Produktion dieser SLR’s wurde wohl schon 1963 eingestellt. 1964 folgten auch alle anderen eigenen Kameras und Rene Royer entschied sich, sein Geld nur noch durch den Import japanischer Kameras (Yashica) zu verdienen. Verbreitung fanden die eigenen Kameras wohl überwiegend in Frankreich selbst, jedenfalls habe ich bisher nur französische Broschüren oder Anzeigen gesehen. Auch mein Exemplar habe ich aus Frankreich bekommen, relativ gut erhalten. Der Verschluss funktioniert, sogar der Belichtungsmesser reagiert noch etwas.

Datenblatt Erste SLR mit Belichtungsautomatik (Blende)
Objektiv Fest eingebautes SOM Berthiot 50 mm f/2.8 (vermutlich Tessar Typ)
Verschluss Prontor-Reflex Zentralverschluss, B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500
Belichtungsmessung mittels Selenzelle über dem Objektiv, Anzeige mit kleinem Drehspulinstrument an der rechten Kamera-Vorderseite. Für die Automatik: Einstellung der Filmempfindlichkeit über Einsteckblenden aus Plastik zur Abschattung des Sensors. 
Fokussierung doppelte Fokussiermöglichkeit: Auszug des gesamten Objektivs per Schneckengang (bis 80 cm), zusätzlich Frontlinsen-Verstellung, dadurch Nahaufnahmen bis 35 cm möglich.
Sucher Spiegelreflex, Fresnelllinse und Schnittbildindikator. Automatisch zurückkehrender Spiegel (siehe Text).
Blitz Blitzbuchse, Umschaltbar X/M
Filmtransport superweicher Schnellspannhebel mit integriertem Bildzählwerk (vorwärts), Rückspulknopf
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Zubehörschuh (kalt), Stativgewinde 1/4‘‘, Drahtauslöser-Gewinde, Filmmerkscheibe, Filmemfindlichkeitsblenden zum Einstecken, optionale Vorsatzlinsen "Ampliflex" (Tele 80mm), "Hyperflex" (WW 35mm) und "Macrofelx" (Nahlinse)
Maße, Gewicht 130 x 95 x 76 mm, 805 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1959-1963, die Version III automatic ab 1960
Kaufpreis, Wert heute ?, je nach Zustand und Ausstattung 50-300 €
Links Camera-Wiki, Pentax-SLR, Collection Appareils, Chronologie, Bedienungsanleitung (französisch)
Bei KniPPsen weiterlesen Geschichte der Belichtungsautomatik, andere SLR-Pioniere mit Blendenautomatik: Wirgin Edixa Electronica, Topcon Uni, Konica Auto-Reflex

2021-05-16

Agfa Seriennummern - Agfa serial numbers

Mein Interesse an historischen Markt- und Produktionszahlen von Kameras ist hier im Blog schon hinlänglich bekannt. Seriennummern sind dafür eine sehr gute Primärquelle und lassen oft einen einigermaßen guten Rückschluss auf das Produktionsjahr oder gar die Produktionsmenge zu (siehe mein Dating-Tool hier links oben im Blog).  Manche Daten basieren auf offiziellen Produktionsbüchern der Kamerahersteller, ganz oft aber haben Sammler wie ich Nummern und weitere Infos gesammelt und sich das weitere zusammengereimt. Nicht immer ist alles korrekt und stimmig, wie mein Beitrag zu den Compur-Seriennummern gezeigt hat, aber das macht die ganze Sache ja auch spannend. 
My interest in historical market and production figures for cameras is already well known here on the blog. Serial numbers are a very good primary source for this and often allow a reasonably good conclusion about the year of production or even the production volume (see my dating tool here in the top left corner of the blog ). Some of the data is based on the camera manufacturer's official production books, but quite often collectors like me have collected numbers and other information and put together the rest of them. Not everything is always correct and consistent, as my article on the Compur serial numbers showed, but that makes the whole thing exciting.
Eine sehr niedrige Compur-Seriennummer war auch Grund für mich, meine erste Laufboden-Plattenkamera zu kaufen. Aber irgendwas daran war von Anfang an komisch. Mein Tool spuckt für die #546812 das Jahr 1919 aus, die traditionelle Zuordnung 1922/1923. Kameras unter dem orangen Agfa-Label gibt es aber erst ab 1926, als die neu gegründeten IG-Farben die Rietzschel-Kameraproduktion der Agfa zugeordnet haben. Was nun? Die Agfa Isolar trägt zum Glück noch zwei weitere Seriennummern, nämlich am Objektiv und etwas versteckt unter der Mattscheibe die Gehäusenummer, bestehend aus zwei Buchstaben und bis zu drei Ziffern. Aber auch zu diesen Nummern gibt es bisher keine klare Zuordnung zum entsprechenden Produktionszeitraum. 
A very low Compur serial number was also the reason for me to buy my first walking floor plate camera. But there was something weird about it from the start. My tool spits out the year 1919 for the # 546812, the traditional assignment 1922/1923. However, cameras under the orange Agfa label did not exist until 1926, when the newly founded IG Farben assigned the Rietzschel camera production to Agfa. What now? Fortunately, the Agfa Isolar has two more serial numbers, namely the housing number on the lens and a little hidden under the screen, consisting of two letters and up to three digits. But even these numbers have not yet been clearly assigned to the corresponding production period.

Daher habe ich mich selbst dran gemacht, etwas Licht ins Dunkel zu bringen und will hier meine Ergebnisse und einen Vorschlag dazu vorstellen. Gestützt habe ich mich zunächst auf eine Sammlung von frühen Seriennummern, die vor Jahren von Dirk Spennemann und anderen auf flickr mal zusammengetragen wurden (ca. 50 meist Agfa Standard Kameras). Ich habe diese Auswahl um 12 weitere Netzfunde ergänzt. Bei der Auswertung erkennt man Folgendes:

* An der ersten Stelle wurden nur die  Buchstaben A, B, C, D, E, F, G, H, J und K verwendet.

* An der zweiten Stelle wurden alle (25) Buchstaben relativ gleich verteilt verwendet, auch hier fehlt das I. Dies wurde von Agfa damals wohl grundsätzlich nicht benutzt, selbst ein Objektiv hieß Jge(s)tar.

* Es folgen zwei oder drei Ziffern, damit ergeben sich 1000 Kameras pro Buchstabenblock, 25.000 Kameras pro Startbuchstaben, bzw. 250.000 Kameras, die insgesamt mit diesem Schema abgedeckt werden können. 

Therefore, I have made it myself to shed some light on the darkness and want to present my results and a suggestion here. I initially relied on a collection of early serial numbers that were compiled years ago by Dirk Spennemann and others on Flickr (approx. 50 mostly Agfa standard cameras). I have added 12 more net finds to this selection. The evaluation shows the following:

* In the first place only the letters A, B, C, D, E, F, G, H, J and K were used.

* In the second place, all (25) letters were used relatively evenly distributed, the I is also missing here. This was probably not used by Agfa at the time, even a lens was called Jge (s) tar.

* This is followed by two or three digits, resulting in 1000 cameras per block of letters, 25,000 cameras per starting letter, or 250,000 cameras that can be covered by this scheme.

Das passt ganz gut zu den Objektiv-Seriennummern, die von 200.000 bis knapp über 500.000 reichen. Wenn man annimmt, dass die Gehäusenummern von AA[00]1 hochzählen (tatsächlich ist eines mit AA442 in der Liste), dann erkennt man eine ganz gute Korrelation mit den Objektiv-Seriennummern. In der oben genannten Quelle wurde die Vermutung geäußert, dass vielleicht die ersten Buchstaben A bis K ganz simple für die Jahre 1926 bis 1935 stehen. Aber das ist etwas zu kurz gesprungen, würde es doch bedeuten, dass Agfa in jedem Jahr maximal (!) 25.000 Kameras gebaut hat (s.u.). Und auch andere Tatsachen passen nicht, so wären alle gesichteten ISOLAR's in den 1930ern entstanden, wo sind dann die von 1927ff?
That goes very well with the lens serial numbers, which range from 200,000 to just over 500,000. If one assumes that the body numbers count up from AA[00]1 (in fact one with AA442 is in the list), then one can see a quite good correlation with the lens serial numbers. In the above-mentioned source, the assumption was made that perhaps the first letters A to K quite simply stand for the years 1926 to 1935. But that is a bit too short. It would mean that Agfa has built a maximum (!) of 25,000 cameras each year (see below). And other facts do not match neither, so all the ISOLARs that were listed would have originated in the 1930s, where are all those from the late 20ies?

Ich bin daher noch tiefer in die Agfa-Geschichte eingestiegen und habe mir zu diesem Zweck sogar „DAS" AGFA-Buch gekauft. Dieses liefert keinerlei Informationen direkt zu den Seriennummern, allerdings die Bestätigung, dass tatsächlich keine Produktionsaufzeichnungen aus dem Münchener Kamerawerk erhalten sind. Dafür viele andere Hintergrundinfo und grobe Produktionszahlen der ersten Agfa Jahre. Diese finden sich mit meinem Vorschlag einer Zuordnung in der folgenden Tabelle. 
So I went even deeper into the Agfa story and bought “THE" AGFA book for this purpose. This does not provide any information about the serial numbers directly, but confirms that no production records have actually been received from the Munich camera factory. Instead, lots of other background information and rough production figures from the first Agfa years were given. These can be found in the following table with my suggestion of an assignment.

Jahr
Kameraproduktion Gehäusenummer (ca.) Objektivnummer (ca.)
1926 45.000 AA xxx - BV xxx 200.000 - 250.000
1927 84.000 BW xxx - FE xxx 250.000 - 370.000
1928 90.000 (+ 40.000)* FF xxx - JU xxx 370.000 - 500.000
192960.000 (+200.000)* JV xxx - KH xxx** >500.000
year
camera production body serial no (c.) lens serial no (c.)
1926 45.000 AA xxx - BV xxx 200,000 - 250,000
1927 84.000 BW xxx - FE xxx 250,000 - 370,000
1928 90.000 (+ 40.000)* FF xxx - JU xxx 370,000 - 500,000
192960.000 (+200.000)* JV xxx - KH xxx** >500,000
* Im Jahr 1928 startete die sehr erfolgreiche Billy-Serie mit anderer Seriennummer und einfachen Objektiven ohne Nummer, die auch 1929 den Großteil der Produktion ausmachte.
** letzte bekannte Nummer

* In 1928 the very successful Billy series started with a different serial number and simple lenses without a number, which also accounted for the majority of production in 1929.
** last known serial no.


Trotz Weltwirtschaftskrise stieg das Agfa-Kamerwerk in München zahlenmäßig ab 1930 zu Europas größtem Hersteller auf und wurde weltweit nur noch von Kodak in Rochester, NY übertroffen. Im Zentrum des Erfolges standen zunächst die eher einfachen und preiswerten Kameras wie die Billy-Serie sowie ab 1930 die Box, die sich im ersten Jahr 44,000 mal verkaufte. Die Laufboden- und Rollfilmkameras der Standard- und Isolar-Serien mit hochwertigen Objektiven, die hier der Gegenstand sind, waren plötzlich nicht mehr gefragt. Laut Kadlubek's Buch stapelten sich über 70,000 solcher Kameras 1930 in Agfa's Lägern, die sich danach nur langsam leerten. Ich bin aufgrund dieser Information und den gesichteten Kameras geneigt zu behaupten, das deren Produktion spätestens im Jahr 1930 eingestellt wurden. Viele Modelle blieben bis ca. 1935 im Agfa Verkaufsprogramm und wurden (wie uns der Photo Porst Katalog von 1932 verrät) zu Ramschpreisen an den Mann gebracht (die Isolar 408 für 75,90 RM statt zunächst 138 RM). 
Eine wichtige Stütze dieser These und meiner ganzen Zuordnung sind auch auch die gesichteten Kameras mit dem RIM-Compur, der bekanntlich 1928 auf den Markt kam. Einige der Standard-Kameras tragen einen solchen und zwar alle mit sehr niedrigen 2.0xx.xxx Nummern, die sich den Produktionsjahren 1928 und 1929 zuordnen lassen. 
Despite the global economic crisis, from 1930 the Agfa camera factory in Munich grew to Europe's largest manufacturer and was only surpassed worldwide by Kodak in Rochester, NY. The focus of success was initially on the rather simple and inexpensive cameras such as the Billy series and, from 1930, the Box, which sold 44,000 times during the first year. The plate and roll film cameras of the Standard and Isolar series with high-quality lenses, which are the subject here, were suddenly no longer in demand. According to Kadlubek's book, over 70,000 such cameras were piled up in Agfa's warehouses in 1930, which then only emptied slowly. Based on this information and the cameras I have seen, I am inclined to say that their production was discontinued by 1930 at the latest. Many models remained in the Agfa sales program until around 1935 and (as the Photo Porst catalog from 1932 reveals) were sold at junk prices (the Isolar 408 for RM 75.90 instead of RM 138 at first). The cameras sighted with the RIM Compur shutter, which, as is well known, were launched on the market in 1928, are also an important support of my theory and the entire assignment. Some of the standard cameras have one, all with very low 2.0xx.xxx numbers that can be assigned to the production years 1928 and 1929.
Typische Agfa Seriennummer
an meiner Optima Reflex
Typical Agfa serial number
on my Optima Reflex
Die Billy-Kameras, die ab 1929 (und später zusammen mit der Box) einen Großteil der Produktion ausmachten, verwendeten eine leicht modifiziertes Seriennummer Schema, das noch tiefergehend ergründet werden will. Die Zahl ist nun vierstellig und tritt immer noch in Kombination mit einer vorangestellten Buchstabenfolge auf, die manchmal aber auch Ziffern enthält. Die einfachen Agfa Objektive (Jgestar, Agnar, Bilinar, etc.) verwenden keine eigenen Seriennummern mehr. Ab Mitte der 1930er bis  ca. Ende der 1960er Jahre tragen die hochwertigeren Kameras dann alle Seriennummern mit zwei Buchstaben gefolgt von vier Ziffern. Ich habe schon ‘zig davon gesichtet und es sieht so aus, als ob die Kameras in Blöcken mit ähnlichen Seriennummern produziert wurden. So habe ich für die Optima Reflex (1961-1963) insgesamt 9 Nummern mit den Buchstabenkombinationen "ZU", "ZV" oder "ZW" gefunden, für "ZU" gibt es allerdings auch andere Agfa-Kameras.   Aber um hier wirklich Licht reinzubringen, braucht es vermutlich hunderte Seriennummern mit weiteren Infos. Ich bleibe dran und bereite auch das vielleicht irgendwann mal auf. Wer Lust hat zu helfen: Bitte schickt mir eure Agfa Seriennummern mit Kamera, Objektiv (-Nr), Bild, etc. an knippsen (at) icloud (.) com. 
The Billy cameras, which made up a large part of production volume of 1929, used a slightly modified serial number scheme that needs to be explored in more detail. The number now has four digits and still occurs in combination with a preceding sequence of letters, which sometimes also contains digits. The simple Agfa lenses (Jgestar, Agnar, Bilinar, etc.) no longer carry own serial numbers. From the mid-1930s to around the end of the 1960s, the higher-end cameras then all have serial numbers with two letters followed by four digits. I've seen dozens of them and it looks like the cameras were produced in blocks with similar serial numbers. E.g., the Optima Reflex (1961-1963) a total of 9 units with the letter combinations "ZU", "ZV" or "ZW" have been sighted, but there are also other Agfa cameras for "ZU". But to really shed some light on this, you will probably need hundreds of serial numbers with further information. I will stick with it and maybe at some point publish more work here, too. If you want to help: Please send me your Agfa serial numbers with camera, lens (-no.), pictures, etc. to knippsen (at) icloud (.) Com.
Jetzt habe ich also die zeitliche Zuordnung der frühen Agfa-Kameras nach ihrer Gehäuse oder Objektiv-Nummer vorgeschlagen, die Ausgangsfrage nach der niedrigen Compur-Nummer an meiner ISOLAR noch nicht beantwortet. Zum Glück verhält es sich mit den anderen von mir gesichteten ISOLARs genauso: alle haben einen "Dial-Set" Compur mit 6-stelliger Seriennummer und wurden nach Gehäuse-Nr. zwischen 1928 und 1930 gebaut. Damals führte Deckel gerade den "RIM-Set" Compur am Markt ein und ich behaupte mal kühn, dass alle danach produzierten Kameras mit Dial-Set-Verschlüssen nur noch aus (Jahre alten) Lagerbeständen versorgt wurden. Außerdem ist z.B. von Photo Porst bekannt, dass alte Kameras von den Händlern bei Neukauf in Zahlung genommen wurden. Ich kann mir gut vorstellen, dass wertvolle Teile wie der Verschluss durchaus wiederverwendet wurden ("refurbished" würde man heute sagen). Daher kann mein Verschluss an der Isolar durchaus aus den frühen 1920ern stammen, die Kamera selbst wurde 1928 zusammengeschraubt.
However, now I have suggested the chronological assignment of the early Agfa cameras according to their body or lens number, but so far missed to answer the initial question about the low Compur number on my ISOLAR. Fortunately, all the other ISOLARs I have sighted are the same: they all have a "Dial-Set" Compur shutter carrying a 6-digit serial number but according to body no. were built between 1928 and 1930. At that time, Deckel was just launching the "RIM-Set" Compur shutter on the market. I just boldly claim that all cameras with dial-set shutters produced afterwards were only supplied from (year-old) stocks. It is also known from Photo Porst, for example, that dealers took old cameras in as part of a new purchase. I can well imagine that valuable parts such as the shutter have been reused ("refurbished" would be called today). So my shutter on the Isolar could well be made in the early 1920s; the camera itself was assembled in 1928.

2021-05-01

Agfa Isolar 408 (9x12)

Normalerweise gehören Platten- bzw. Laufbodenkameras nicht in mein Beuteschema und es soll auch keine neue Sammelkategorie werden. Aber bei dieser Agfa Isolar 408 (9x12) von ca. 1927 konnte ich nicht widerstehen. Einziger Grund für den Kauf war mein bekanntes Interesse für den Aufstieg der Kleinbildkameras am Anfang der 1930er Jahre und da wollte ich den "Gegner" mal besser kennenlernen. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber noch im Jahr 1931 (als ganz viele "Kleinfilmkameras" auf den Markt kamen) betrug der Marktanteil der Plattenkameras ca. 67%. Jedenfalls bei Photo Porst, dem größten deutschen (Versand-) Händler damals. 44% allein fielen auf 9x12-Plattenkameras, die alle ein fast identisches Featureset aufwiesen. Diese Agfa Isolar war die populärste und wurde bei Porst mehr als 5000 mal pro Jahr verkauft (das sind über 20 pro Werktag), für 1931 entspricht das fast 12% des gesamten Photo Porst Umsatzes, der stolz mit 3.49 Millionen RM angegeben wird. 

Kurz mal zu den Eigenschaften und Funktionsweise dieser Kamera, die wie gesagt für die ganze Klasse zutreffen: Zusammengeklappt ist das Ding ungefähr so groß wie ein dickeres Taschenbuch. Dann klappt man durch einen kleinen Knopf die Frontseite auf und läßt diese gehalten von seitlichen Streben genau im 90° Winkel einrasten. Das wird der Laufboden. Auf dessen Schienen zieht man nun Objektiv und Verschluss bis zum Unendlich-Anschlag heraus, wobei sich der Balgen auffaltet. Es gibt drei Suchervarianten: 1) einen sog. Brilliantsucher zum Anpeilen des Objektes, wenn man die Kamera vor dem Bauch hält und von oben drauf guckt; 2) einen Sport- bzw. Actionsucher, ausklappbar aus Draht; und 3) die Mattscheibe an der Stelle, wo später die Platte oder der (Plan-)Film sitzt. Dies meist für Stilleben vom Stativ, für das die Kamera im Übrigen drei Stativgewinde besitzt. Auf der Mattscheibe erscheint das Bild seitenverkehrt und auf dem Kopf, man kann aber genau scharfstellen und für Nahaufnahmen gibt es sowieso keine andere Sucheralternative. 



Für solche Nahaufnahmen (oder auch "Tele"-Aufnahmen mittels einer die Brennweite verlängernden Vorsatzlinse) besitzt die Kamera einen "Doppelten Auszug", sprich eine Verlängerung des Laufbodens um mehr als eine weitere Brennweite. Mit diesem kann die Isolar Objekte bis zur Naheinstellgrenze von nur 26 cm scharfstellen und damit in Originalgröße abbilden.  Das ist übrigens der Grund, warum die meisten Laufbodenkameras quasi standardmäßig im Hochformat ("Portrait") stehen: Einfach, weil dadurch die lange Seite runterklappt und man so einfacher auf den nötigen Auszug kommt, als beim Querformat ("Landschaft").


Solche Laufbodenkameras waren die vorherrschende Kameraklasse des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, jedenfalls für alle die sich ernsthaft mit Fotografie beschäftigten. Fast jeder Kamerahersteller hatte mehrere solcher Modelle im Programm. Agfa, eigentlich eine reine Chemie-Firma, die sich auf Photochemie und Filme spezialisiert hatte, kam im Rahmen der großen Industriefusion zur IG-Farben im Jahr 1926 zur eigenen Kameraproduktion. Der zuvor zu Bayer in Leverkusen gehörende Kamerahersteller Rietzschel aus München wurde in die unter Agfa firmierende Photosparte des Konzerns eingegliedert und die bestehende Modellpalette nun unter diesem Namen vertrieben. Die Isolar 408 basiert auf der früheren Rietzschel Condor Luxus und wurde wohl von ca. 1928 bis 1930 produziert. 
Wann genau mein Exemplar hier produziert wurde ist nicht einfach zu sagen. Mich lockte beim Kauf u.a. die sehr niedrige Computer-Seriennummer (#546812), allerdings widersprechen die beiden anderen (wenig erforschten) Seriennummern am Gehäuse und Objektiv einer frühen Einordnung. Hier werde ich mich nochmal in einem Extra-Beitrag auslassen...

Datenblatt Platten- bzw. Laufbodenkamera für 9x12 Glasplatten oder Filmpacks
Objektiv Agfa Solinear 4.5/13.5 cm (4 Linsen in drei Gruppen, Tessar Typ), Blende aus 10 Lamellen, Stufen: 4.5-5.6-8-11-16-22-32-44
Verschluss "Dial-Set" Compur (T-B-1-2-5-10-25-50-100-200), #546812
Fokussierung über Verschieben des ganzen Objektivs auf dem Laufboden, Anschlag für Unendlich, Feinjustierung mit Mikrometerschraube.
Sucher 1) Brilliantsucher, drehbar für Hoch- und Querformat; 2) Sportsucher, ausklappbar; 3) Mattscheibe mit aufklappbaren Sichtschutz
Filmthandling Mattscheibenrückteil wird gegen Platten- oder Filmhalter ausgetauscht. Filmpack- und Rollfilmadapter (für 6x9 Ausschnitt) als Zubehör erhältlich.
sonst. Ausstattung Anschluss für Drahtauslöser, 3 Stativgewinde 3/8‘‘, Verschieben des Objektiv auch nach oben/unten sowie rechts/links mit Mikrometerschrauben möglich, optionaler Gelbfilter oder Tele-Linsen in Aufsteckfassung.
Maße, Gewicht ca. 53 x 107 x 150 mm (zugeklappt), 1250 g
Baujahr(e) 1928-1930, diese #FZ265 von 1928
Kaufpreis, Wert heute 138 RM (1928), 75,90 RM (Porst, 1932), heute ca. 50 €
Links IFM-Wolfen, Anleitung, Camera-Wiki, 

Die Agfa Isolar Seiten aus dem Photo-Porst Katalog von 1932. Porst konnte wohl wegen der großen Anzahl die Kamera besonders günstig anbieten. Andere Kameras aus dieser Klasse finden sich z.T. deutlich teurer in diesem Katalog. 
Zubehör (siehe rechts) wurde mehr oder weniger normiert für alle Kameras gleich angeboten.

2021-04-15

Beira

Eine frühe Kleinbildkamera für 35 mm Film gehört ab sofort zu meiner wachsenden Sammlung auf diesem speziellen Gebiet. Die Beira von der Kamerafabrik Woldemar Beier in Freital/Sachsen ist technisch gesehen ein interessanter Zwitter zwischen verschiedenen Konzepten und zeigt an ihrer eigenen Entwicklung innerhalb weniger Jahre sehr schön, wohin die Reise ging: letztlich zur Kleinbildkamera für die 135er Patrone, wie wir sie alle kennen.
Die Beira wurde als günstigere Alternative zur Leica auf der Frühjahrsmesse 1931 vorgestellt. Viele Kamerahersteller hatten deren Erfolg am Markt zum Anlass genommen, eigene Kleinbildkameras zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Die meisten waren Faltbalgenkameras für das Format 3x4 cm auf 127er Rollfilm (darüber habe hier ich schon einiges geschrieben). Die Beira gehörte allerdings zu den wenigen, die sich an den 35 mm Film und das kompliziertere Handling ohne Rückseitenpapier trauten. Allerdings belichtete auch die Beira 3x4 cm (exakt nachgemessen: 30 x 38.5 mm) auf (natürlich dann:) unperforierten 35 mm Film. Den konnte man damals als Meterware in geschlossenen Blechdosen erwerben und ihn selbst (in der "Dunkelkammer") konfektionieren (1,60m ergeben 36 Aufnahmen) und in die (nicht lichtdichte!) Patrone füllen, oder das Ganze den Fotohändler machen lassen. 
Der Blick in die offene Kamera lässt einen noch rückblickend mit dem Kopf schütteln. Der Film wurde ausgehend von der kernlosen Vorratspatrone über eine Gummiwalze geführt, die bei meinem Modell nach 90 Jahren arg brüchig, ausgetrocknet und damit funktionslos ist. Auf der linken Seite der Kamera wird aufgespult. Hierfür soll es statt der einfachen, offenen Spule auch aufnehmende Kassetten gegeben haben. Vorgespult wird nach jeder Aufnahme mit dem Drehknopf links oben, dabei dreht sich die Gummiwalze und mit ihr der kleine Zeiger des Bildzählwerks. Wenn der wieder auf das Zählwerk zeigt, heißt es aufhören zu drehen. 
Eine mechanische Sperre für den korrekten Filmvorschub gibt es genauso wenig wie gleichzeitiges Spannen des Verschlusses oder eine Doppelbelichtungssperre. Da war die Leica schon viel weiter, allerdings auch deutlich teurer!  Auch eine Rückspulmöglichkeit gibt es nicht, der Film muss also im Dunkeln direkt in die Entwicklerdose. Wirklich benutzerfreundlich war das nicht. Allerdings gab es sogenannte Tageslichtkapseln, siehe die Porst-Katalogseite unten. Das Filmhandling und die Verwendung des unperforierten 35mm Films ist das eigentlich Spezielle an diesem Kleinbildpionier. Alles andere war damals Standard und die Beira unterscheidet sich nicht sehr von ihren vielen 3x4 Wettbewerbern: Verschlüsse waren entweder der einfache Pronto oder ein Compur, die 5 cm Objektive kamen meist von Meyer in Görlitz oder Rodenstock. Die federgespannte Spreizenkonstruktion poppte auf Knopfdruck das Objektiv in die Fotoposition, sanfter Druck ließ es wieder fast komplett im Gehäuse verschwinden. 

Das hier vorgestellte Urmodell wurde in dieser Form wohl nur 1931-1932 produziert. Nach Kadlubek sollte es erst Beika heißen, wurde dann aber (vermutlich wegen der Nähe zu Leica?) in Beira umbenannt. Trotz intensiver Suche im Internet ist es mir aber nicht gelungen, irgendwelche Belege dafür zu finden. Weder gibt es ein Bild oder Foto, noch eine Anzeige oder sonstige Broschüre von bzw. mit Beika. Wer derartiges hat, bitte melden! Ich bin daher geneigt zu glauben, dass es nur eine Ankündigung war oder vielleicht sogar eine Fehlinformation ist. Keine Beika Kamera dürfte in irgeneiner Sammlervitrine stehen, sonst wäre die Szene schon durchgedreht.
Ab ca. 1933 gab es dann Modellpflege und ein Upgrade erschien in Form der Beira Ia. Bei dieser wurde die Gummiwalze durch die bekannte Zahnradwelle für (jetzt) perforierten 35 mm Film ersetzt und natürlich das Bildformat auf 24x36 mm reduziert. Die Kamera akzeptierte nun die auch für andere Kameras verwendeten 35 mm Kassetten, auch wenn diese noch nicht der 135er Norm entsprachen (die kam erst mit der Kodak Retina 1934). Außerdem hat die Ia nun einen fest montierten optischen Fernrohrsucher, an dem sie sich leicht erkennen läßt. 
Auf dieser Basis kam 1935 dann das Spitzenmodell Beira II, oder auch Beira Okula genannt. Diese hatte neben dem normalen Sucher einen gekoppelten Entfernungsmesser mit Prisma an Bord, beides zusammen in einem Gehäuse auf der Oberseite der Kamera, das ihr fast die Anmutung einer SLR mitgibt. Die Okula gab es auch mit dem Compur Rapid und in der Topausstattung mit einem Schneider Xenon 4.5 cm f/2. Sammler zahlen für sowas in gutem Zustand mehr als 1000 €. Ich bin allerdings froh, hier ein sehr frühes Basismodell von 1931 relativ günstig ergattert zu haben. Ich weiß noch nicht, ob ich es in der Vitrine zu den 3x4 Kameras oder zu den anderen frühen Kleinbildkameras (Leica, Contax, Retina, Dollina, Welti, ...) stellen soll...?

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera für unperforierten 35mm Film (Bildformat 3x4 cm)
Objektiv Rodenstock Trinar 5cm f/4.5 (Triplet). Kamera war auch mit Meyer Trioplan (bis f/2.9) oder Schneider Xenar f/3.5 erhältlich.
Verschluss Pronto, T-B-100-50-25, auch mit Compur T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 erhältlich.
Fokussierung Per Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung 0.5 m
Sucher großer optischer Aufklappsucher. 
 Filmtransport mit Drehknopf, drehender Metallpfeil am Bildzählwerk dient zur einzigen Orientierung. Rückspulen nicht vorgesehen. 
sonst. Ausstattung Selbstauslöser und Drahtauslöser-Gewinde am Pronto. Stativgewinde 3/8‘‘
Maße, Gewicht 130 x 62 x 40/60 (geschl./offen), 393 g (inkl. Patrone)
Baujahr(e) 1931-1933, diese hier laut Objektiv-Seriennummer (470356) von 1931. Vermutlich nur wenige tausend Exemplare. 
Kaufpreis, Wert heute je nach Objektiv und Verschluss 48 bis 110 RM (1932), heutiger Wert je nach Zustand 200-400 € (siehe auch Collectiblend.com)
Links CJ‘s Classic Camera Collection, Camera-Wiki, Kamerafarbik Woldemar Beier (Wikipedia), Corsopolaris (frühe 24x36 Kameras), Thomas Knorre‘s Beier-Seite

2021-04-07

Weltini II

In den letzten Jahren vor dem zweiten Weltkrieg etablierte sich eine Kameraklasse von hochwertigen Kleinbildkameras für den jungen "Kinofilm in der Tageslichtpatrone" wie der 135er Film damals noch genannt wurde. Ich meine nicht die sehr teuren Leica III oder Contax II, die sicherlich die Sperspitze der technischen Entwicklung repräsentierten, sondern Kleinbild-Kameras für (fast) jedermann. Dieses Ziel wurde erst nach dem Krieg in den 1950er und insbesondere 1960er Jahren erreicht. Erste Designelemente der erfolgreichen Nachkriegskameras tauchen aber schon vor dem Krieg auf. Ich halte die Welta Weltini für ein besonders gutes Beispiel einer solchen Kamera, die mit ihrer modernen Gehäuseform in Zukunft wies, allerdings auch manch einen technischen Anachronismus noch mit sich herumtrug. Weltini's schärfste Konkurrentin war Kodak's Retina II, die nicht ganz so futuristisch aussah, allerdings die modernere von beiden war.
An diesem Bild oben und am Vergleich mit ihrer "kleinen Schwester" Welti kann man viel ablesen. Mit ihr teilt die Weltini nämlich das Gehäuse, den Filmtransportmechanismus und einiges weitere. Dazugekommen ist neben ein paar Kleinigkeiten der gekoppelte Entfernungsmesser. Weil dieser aber an die ehemalige Unterseite der Kamera geschraubt wurde, wich das Stativgewinde auf die Oberseite. Dadurch ist an ihr fast alles andersherum, verglichen mit den meisten Kameras ihrer Zeit. Die Frontklappe klappt nach links, der Gehäuseauslöser (!) muss mit dem linken Zeigefinger gedrückt werden. Die Rückwand öffnet sich nach links, genauso läuft der Film quasi falsch herum von rechts nach links. Der Drehknauf zu dessen Transport sitzt links unten, die meisten Menschen werden die Kamera zum Filmtransport umgedreht haben. 
Die Weltini existiert in 2 Varianten. Bei der ersten (1937-1938) hatte der Entfernungsmesser lediglich eine kantige Kappe (siehe Porst Katalog unten) und stand auch noch auf recht hohen Drehknöpfen. Erst diese überarbeitete Version II bekam 1938 dann die futuristische Gehäusekappe und flache Drehknöpfe. Technisch unterscheiden sich die beiden sonst nur in kleineren Detailverbesserungen. Verzichtet wurde komplett auf den Zuberhörschuh. An Blitzgeräte dachte damals noch niemand und der Entfernungsmesser war ja schon eingebaut! Dafür gab es (damals und bis in die 60er hinein selten!) Ösen für einen Kameragurt. Den brauchte man aber auch, denn die Weltini ist nicht gerade klein und mit 652g recht schwer. 
Wieviele Weltinis gebaut wurden lässt sich mangels eigener Gehäusenummer und sonstiger Informationen nicht wirklich nachvollziehen. Von ihrer größten Konkurrentin Retina II wurden vor dem Krieg ca. 71,000 Stück verkauft. So viele werden es bei der gleich teuren, aber etwas komplizierteren Weltini nicht gewesen sein (Ich schätze mal die Hälfte davon). Es gab auch noch die etwas preiswerteren Balda Super Baldina und Certo Dollina III, sowie die teuren Zeiss Ikon Kameras Super Nettel 1 und 2 (4500 Stück) und Nettax (3000 Stück).

Datenblatt Kleinbild-Faltbalgenkamera mit Messsucher
Objektiv Schneider Xenar 5 cm f/2.8 (#1569040, 1939), auch erhältlich mit Schneider Xenon 5 cm f/2, Carl Zeiss Tessar 5 cm f/2.8 und (selten) auch Leitz Elmar f/3.5.
Verschluss Compur Rapid (B-1-2-5-10-25-50-100-250-500), #5972016, 1938
Fokussierung mit Schneckengang, Verschiebung des gesamten Objektivs, gekoppelter Messsucher mit 4 cm Basis, Naheinstellgrenze 1 m. 
Sucher optischer Messucher mit eingespiegelter gelblicher Fokushilfe
Filmtransport Drehknopf auf Kameraunterseite mit separatem Entsperrknopf, Doppelbelichtungssperre, Rückspulen mit zweitem Drehknopf, Bildzählwerk (vorwärts) auf Kameraoberseite.
sonst. Ausstattung Ausklappständer für vertikale Aufnahmen, ISO-Drahtauslöser Gewinde, Stativgewinde 3/8'', Tiefenschärfetabelle, Gehäuseauslöser. Beim Einklappen des Objektivs wird das Objektiv auf unendlich zurückgestellt und der Auslöseknopf eingefahren. Trageösen für einen Kameragurt.
Maße, Gewicht ca. 84x126x40 mm (geschlossen), 652g
Baujahr(e) 1937-1938 (Typ I), 1938-1941 (dieser Typ II), diese hier von 1939. 
Kaufpreis, Wert heute 155 RM (1937, mit Xenar), 110 US$ (1938 mit Xenon), heute ca. 50-100€ je nach Objektiv und Zustand. Mit Leitz Elmar ca. 350€.
Links Camera-wiki, Camera manual (English), Photo-Analogue, Wikipedia
Bei KniPPsen weiterlesen Welta Welti, Vergleich KB-Balgenkameras der 1930er, Welta Gucki, 
Weltini (Typ 1) aus dem Photo Porst Katalog 
von 1937. In dieser Version kostete sie mit
155 RM genau so viel wie ihre direkte Konkurrentin
Kodak Retina II.

2021-04-01

King Regula Reflex 2000 CTL (Prototyp silbern)


Eine tolle Geschichte kann ich heute hier erzählen. Das Foto oben bekam ich gestern von einem Sammlerkollegen geschickt, der über meinen Artikel zur Regula Reflex 2000 CTL vom Februar 2016 gestolpert ist. Dort habe ich kess behauptet, dass es eigentlich nur das eine schwarze Modell der Kamera gibt und alle anderen Versionen (bis auf die Ringfoto oder Kalimar Vertriebsversionen) ins Reich der Mythen gehören. Dazu habe ich auch die silberne bzw. verchromte Version gezählt, die auf der Bedienungsanleitung abgebildet ist (siehe Bild links). 
I can tell a great story here today. I got the photo above yesterday from a collector friend who stumbled upon my post about the Regula Reflex 2000 CTL from February 2016. There I made the breezy statement that there exists only one black model of the camera and that all other versions (except for the Ringfoto or Kalimar distributor branded versions) belong in the realm of myths. I also called the silver or chromium version shown on the operating instructions (see picture on the left) a myth.

Das Foto oben beweist es: Es gibt zumindest diese eine Kamera in silbern, die vermutlich ein früher Prototyp ist. Es gibt nämlich keine eingestanzte Seriennummer, sondern an deren Stelle an der inneren Rückwand lediglich eine eingeritzte "5". Interessant in diesem Zusammenhang auch die Seriennummer des Steinheil-Objektivs, das sich damit nach 1965/1966 datieren lässt (also deutlich vor der eigentlichen Vermarktung der Kamera).
The photo above proves it: There is at least this one camera in chromium finish, which is probably an early prototype. There is no stamped serial number, just a scratched "5" on the inner rear door instead. Also interesting in this context is the serial number of the Steinheil lens, which can be dated to 1965/1966 (i.e. well before the camera was actually marketed).

Aber das Beste kommt noch: Der Kollege hat diesen Prototyp 2009 von einer Dame in Bad Liebenzell (Sitz des ehemaligen Kamerawerkes King&Bauser) geschenkt bekommen als er (erfolglos) dort auf der Suche nach jemandem war, der seine defekte schwarze Regula Reflex reparieren könnte. Glück muss man haben!
But the best is yet to come: The friend received this prototype in 2009 from a lady in Bad Liebenzell (headquarters of the former camera factory King & Bauser) when he was looking there (unsuccessfully) for someone who could repair his defective black Regula Reflex. You have to be lucky!

Ich jedenfalls werde meinen Artikel berichtigen bzw. ergänzen und hoffe auf vielleicht noch mehr Meldungen über andere silberne oder gar andere Varianten der Kamera (wie immer hier unten im Kommentar oder direkt per e-mail an knippsen (at) icloud.com). Danke an den Kollegen für das Foto und die tolle Geschichte dazu (und die Erlaubnis es hier zu veröffentlichen)!  
In any case, I will correct or add to my article and hope for maybe more reports about other chromium or any other variants of the camera (as always down here in the comment section or directly by e-mail to knippsen (at) icloud (dot) com). Thanks to the friend for the photo and the great story about it (and the permission to publish it here)!