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2025-10-31

Nerasport 3x4

Mein Interesse an 3x4-Halbformatkameras für den 127er Rollfilm ist schon lange bekannt. Die meisten dieser Kameras stammen aus einer sehr kurzen Periode zwischen 1930 und 1932, spätere Modelle sind eher selten, insbesondere solche nach dem 2. Weltkrieg. Bei irgendeiner Recherche begegnete ich dieser Einfachst-Plastikkamera eher zufällig. Die Kombination aus 60er-Jahre-Plastik und 3x4-Format sowie der Schriftzug "made in Spain" erregten meine Aufmerksamkeit.

Folgendes konnte ich inzwischen an Informationen zusammentragen: Die Kamera geht zurück auf ein Design von Dacora (eigentlich Dangelmayer & Co. in Reutlingen), die sie selbst als Digna 44 und für Ilford als Sporti-4 produziert haben. Dies waren allerdings 4x4-Kameras im selben Plastikgehäuse und als Produktionsjahre wird meist ca. 1960-1965 angegeben. Auch die Nerasport gibt es in dieser 4x4-Version, die anderen o.g. Kameras aber nicht für 3x4. Von der Nerasport gibt es 2 Versionen der 3x4-Variante, die sich lediglich in der Form des Auslösers unterscheiden, die eine hat eine Gehäuse-integrierten eckigen Knopf wie alle anderen genannten 4x4-Kameras, die andere den hier gezeigten kleinen Hebel am Objektiv. Außerdem hat die Nerasport zum Blitz-Anschluss einen Mittenkontakt, die anderen (noch) eine PC-Buchse am Objektiv.
Das oben sind die Fakten, jetzt kommen meine Schlussfolgerungen und Vermutungen. Glauben wir mal, dass diese Kamera wirklich in Spanien produziert wurde, dann vermutlich aber mit den alten Presswerkzeugen von Dacora und damit eher nach 1965, was gut zum hot-shoe passen würde. Negra Industrial SA war eigentlich ein Filmhersteller, der natürlich ein Interesse daran hatte, billige Kameras unter die Leute zu bringen. Die Nerasport 3x4 gab es jedenfalls Ende der 60er als Belohnung für das Sammeln von Aufklebern der Schokoladenmarke Loyola. Ob man sie auch im Fotoladen kaufen konnte, habe ich nicht rausfinden können. Wenn das stimmt, wäre sie die letzte 3x4-Kamera, die auf den Markt gekommen ist, und passt so trotz ihrer Einfachheit gut in meine Sammlung.

Datenblatt Einfache Plastikkamera für 127er Rollfilm (3x4 cm)
Objektiv Kronglas-Meniskus, ca. 50 mm, Lochblende mit 2 Einstellungen: Sonne (ca. f/11), Wolken (ca. f/8)
Verschluss Boxkamera-Einfachverschluss, ca. 1/100 s (?)
Fokussierung Fix-Fokus
Sucher einfacher Durchsichtsucher mit Plexiglas
Blitz Zubehörschuh mit Mittenkontakt (Hot-Shoe)
Filmtransport Drehrad, 2 rote Rückseitenfenster für Rückseitenpapiernummern, üblich für 3x4 Format.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4''
Maße, Gewicht 114x88x61 mm, 171 g
Baujahr(e) Ende der 1960er?
Kaufpreis, Wert heute Werbegeschenk, 10 €
Links Cameras Espanyoles, Blog de Muntanya, Borja Jordanfoticoscollection, Dacora Digna 44, Ilford Sporti-4

2024-08-24

Westdeutsche Nachkriegs-Kameraproduktion

Deutschland war schon vor dem 2. Weltkrieg Kameraland Nummer 1 und der bedeutendste Kameraexporteur. Bekanntermaßen kam die Kameraproduktion während des Krieges zum erliegen, erholte sich aber ab 1947 und speziell nach der Währungsreform 1948 recht zügig. In Westdeutschland wurde die Kameraindustrie eine - wenn auch kleine - Säule des Wirtschaftswunders der 1950er und 1960er Jahre. Neben alt-eingesessenen Firmen, die ihre Vorkriegsproduktion wieder aufnahmen, kamen eine ganze Reihe Neugründungen dazu. Insgesamt zähle ich Anfang der 1950er Jahre mehr als zwei Dutzend unabhängige Kamerabauer in Westdeutschland (siehe unten), die zusammen 3,3 Millionen Kameras (1956) produzierten. Davon wurden ca. 62% (2 Millionen) in alle Welt exportiert, 35.8% wiederum davon in die anderen Europäischen Staaten und 27.3% nach Nordamerika. Die Exportquote stieg bis 1960 sogar noch auf über 70%, wobei die Gesamtproduktion in der zweiten Hälfte der 50er eher stagnierte und erst 1961 wieder durchstartete (mit Automatikkameras wie der Optima!). 
Stolze ganzseitige Anzeige von Agfa
über die Produktionsmenge ihres neuen
Superstars am Kamerahimmel.
Diese Zahlen und auch die obige Grafik habe ich aus einem kurzen Artikel der Oktober 1961-Ausgabe von Photo-Technik und -Wirtschaft, dem offiziellen Organ des Verbandes der Deutschen Photographischen Industrie e.V.. Einen Scan davon verlinke ich hier gerne. In der selben Ausgabe findet sich auch die links abgebildete Anzeige von Agfa. 
Eigentlich hatte ich vor, diese Zahlen weiter aufzudröseln und auf die einzelnen Hersteller so gut wie es geht zu verteilen. Ich musste bei ersten Recherchen dazu aber feststellen, dass mir dazu schlicht im Moment die Zeit fehlt. Es ist halt ein Puzzle mit sehr vielen Teilen. Ich plane, hier in Zukunft im Stil meines Beitrags zu Kodak‘s Nachkriegsproduktion dies auch für die anderen Hersteller sukzessive aufzubereiten, kann aber dauern…
Fürs erste möchte ich hier lediglich einen Überblick über die westdeutschen Kameraproduzenten machen und die Akteure kurz vorstellen sowie (da wo es geht) eine grobe Schätzung ihres Anteils an der Produktionsmenge vornehmen. Während dieser Zusammenstellung habe ich bemerkt, dass man die Hersteller grob in vier Gruppen einteilen kann, die sich in ihrem Geschäftsmodell und ihrem entsprechenden Markterfolg unterscheiden:

1) Die Massenkamera-Hersteller

Diese Gruppe zeichnet sich dadurch aus, dass der Umsatz vornehmlich mit preiswerten aber in großer Zahl hergestellten Kameras gemacht wird. Mit Adox und Agfa sind auch zwei Filmhersteller darunter, die Kameras natürlich als Mittel zum Zweck begreifen und bei den Kameras mit geringeren Margen kalkulieren, die kommen ja dann bei den Filmen wieder rein. Ansonsten finden sich hier einige unbekannte Namen, einfach weil diese Hersteller ihre Kameras im Lohn für andere gebaut und unter verschiedensten Namen vertrieben haben:
Standorte der westdeutschen Kamera-
Produktion in den 1950ern.

Adox, Wiesbaden-Biebrich: Eigentlich ein Filmhersteller, der sich mit dem Kauf von Wirgin (Zwangsverkauf 1938) eine eigene Kameraproduktion zulegte. Die Firma wird nach Kriegsende an die jüdischen Eigentümer zurückgegeben, die eigene Kameraproduktion aber in eigene Räumen verlagert und fortgeführt. Dort wird mit fast 400,000 Exemplaren in den 50ern hauptsächlich die günstige Golf Serie (6x6) produziert, ein Isolette Klon. Bei Wirgin lässt man die Polo Serie in Lohn produzieren (low budget 35 mm), wagt sich aber auch 1956 mit der Adox 300 recht erfolglos ins hochpreisige Segment. Die passt halt nicht ins Massensegment...

Agfa, München: Hervorgegangen aus dem kleinen Plattenkamera-Hersteller Rietzschel, der 1926 im Zuge der IG-Farben Gründung zum Agfa Kamerawerk und im Laufe der 30er Jahre zum größten Kameraproduzenten Europas wurde. Mit mehr als 3300 Mitarbeitern (1956) wurden hauptsächlich preiswerte Box- (Click und Clack) aber auch Mittelklassekameras (Isolette, Silette etc.) produziert. Die Tageskameraproduktion soll in Spitzenzeiten bei 2400 gelegen haben, das wären fast 700.000 im Jahr, bzw. 25% der deutschen Produktion. Ab Mitte der 1950er klarer Fokus auf Innovation (Belichtungsautomatik) und mit der Optima-Kameraserie ab 1959 super erfolgreich. Agfa hatte durchaus Ambitionen im gehobenen Segment (z.B. Ambiflex), war dort aber wegen des Massenhersteller-Images weniger erfolgreich. Ohne es heute mit Zahlen belegen zu können, vermutlich mit mindestens >10% Umsatz-Anteil der Marktführer der gesamten Liste.

Balda, Bünde: Einer der alten Herren der deutschen Kameraindustrie - Max Baldeweg - gründet 1948 im Alter von 71 Jahren in Bünde/Westfalen das Balda-Kamerawerk wieder neu, nachdem sein bisheriges Lebenswerk in Dresden zwangsverstaatlicht wurde. Bald in Dresden wird 1951 nach einem Markenrechtstreit mit der westdeutschen Neugründung schließlich in Belca-Werk umgenannt. Man startet auch in Bünde mit den Vorkriegsmodellen, schafft es aber mit der Industrie Schritt zu halten und wird so zu einem ernst zu nehmenden Wettbewerber zu Kodak, Agfa und Co. Neben der eigenen Marke produziert man dieselben Kameras auch im Lohn für andere wie z.B. Photo Porst. Mitte 1955 stirbt Max Baldeweg, gerade als sein neues Unternehmen durchstartet. Ich denke, Balda gehört definitiv zum oberen Drittel der Liste, wenn nicht sogar in die Top-5.

Bilora, Radevormwald: Eigentlich: Kürbi & Niggeloh, ein Fotozubehör-Hersteller, produziert ab 1935 auch Box-Kameras und das sehr erfolgreich. Ab 1948 ist man wieder im Geschäft und produziert die bekannte Bakelit-Box Boy und andere Boxen in größeren Mengen, auch für andere im Lohn.

Dacora, Reutlingen: Eigentlich Dangelmayer & Co., ein weniger bekannter aber dennoch wichtiger Hersteller preiswerter Massenkameras. Diese wurden vor allem im Lohn für ausländische Filmhersteller wie Ilford, Lumiere oder Ferrania, aber auch für Photo Porst und andere gefertigt. In den 1950er Jahren sollen so 2 Millionen Kameras zusammen gekommen sein.

Franka, Bayreuth: Franka war schon lange ein Produzent von Massenkameras und setzte diese Tradition auch nach dem Krieg fort. Wieviele Kameras produziert worden, ist schwer zu fassen, produzierte man auch viele Hausmarken für Porst, Quelle und andere. 1957 wagte man sich erfolglos an die Oberklasse- Kleinbildkamera Solida 35, aus dieser Klemme kam man wohl nur durch den Verkauf an den Konkurrenten Wirgin, der Ende 1961 erfolgte.

King & Bauser (Regula), Bad Liebenzell: Die Firma wird zwar schon in den 1930er Jahren in Pforzheim gegründet, mit dem Kamerabau beginnt man allerdings erst nach dem Krieg in Bad Liebenzell, und das relativ erfolgreich. Neben eigenen Mittelklassemodellen wird auch für andere im Lohn produziert. 

Montanus, Solingen: Ähnlich wie King ein eher unbekannter Hersteller, der nicht Ende der 1950er wieder untergeht, sonder sich durch geschickte Modellpolitik am unteren Rand des Marktes bis in die 1970er hält.

Vredeborch, Nordenham: Ein ansonsten recht unbekannter Hersteller von Box- und anderen Einfachkameras. Der Vertrieb erfolgte oft unter dem Namen von Distributoren bzw. Anderen Kameraherstellern, die ihr Portfolio damit nach unten abrundeten. 

Hermann Wolf, Wuppertal: In den 1950er Jahren hauptsächlich Lohnproduzent einfacher Box-Kameras aus Bakelit oder Metall, wie z.B. die Gevabox. Abnehmer waren Firmen wie Gevaert, Adox und Braun.

2) Die Vollsortimenter

Wie der Name dieser Gruppe schon verrät, versuchten diese Hersteller ein möglichst breites Portfolio an Kameras anzubieten, von einfachen Einstiegsmodellen bis zum komplexen Kamerasystem mit Wechselobjektiven oder gar Spiegelreflexkameras. Der größte Umsatz und Gewinn wurde mit Mittelklasse-Kameras gemacht, die immer noch in relativ großer Auflage erschienen. Markenname, Image und Qualität waren diesen Herstellern sehr wichtig, um sich von dem ein oder anderen ambitionierten Modell der Massenhersteller zu differenzieren und trotz gleicher Spezifikation einen höheren Preis zu erzielen. 

Braun, Nürnberg: Obwohl es die Karl Braun KG in Nürnberg schon seit 1915 als feinmechanischen und optischen Betrieb gab, starte man mit dem Kamerabau erst 1948 nach der Umbenennung in Carl Braun Camerawerk. Man schließt sehr schnell technologisch zur Spitze der Industrie auf, hat neben einfachen Boxkameras und Balgenkameras für den Rollfilm, Kleinbildsucherkameras (Paxette), Messsucherkamers (Super Colorette), Belichtungsautomatik (Electromatic) bis zur Spiegelreflex alles im Programm. Schon 1956 soll die millionste Kamera ausgeliefert worden sein!

Kodak (Nagel-Werke), Stuttgart: Natürlich gehört Kodak als größter Filmhersteller global gesehen zu den Massenkamera-Produzenten, ihr deutsches Werk war aber ihr technisches Vorzeige-Unternehmen und produzierte ein Portfolie ähnlich dem von Voigtländer oder Braun. Einziger Hersteller dieser Liste, dessen Produktionszahlen ich schon aufbereitet habe

Voigtländer, Braunschweig: Als ältester Kamerahersteller der Welt knüpfte man nach dem Krieg da an, wo man vorher aufgehört hatte: mit einem etwas modernisierten aber breiten Portfolio an Mittel- bis Oberklassekameras. Man profitiert definitiv vom großen Namen. Das zeigt sich auch daran, dass nachdem ihr Eigentümer Schering Voigtländer an Zeiss 1956 verkauft hatte, erst einmal sich wenig am Programm änderte und Zeiss Ikon Kameras weiterhin als Konkurrenten am Markt wahrgenommen wurden. 

Wirgin Edixa, Wiesbaden: Henry Wirgin knüpfte nach seiner Rückkehr aus der US-Emigration dort an, wo er aufgehört hatte, als Hersteller innovativer Kameras. Wirgin war 1954 der erste Westdeutsche Hersteller, der eine SLR mit Wechselobjektiven anbot, seine Edixa-SLR-Reihe war mit ihrem Schlitzverschluss preiswerter als die sonstige westdeutsche Konkurrenz mit dem Compur Zentralverschluss. Aber Wirgin hatte auch einfachere Kameras im Programm, produzierte für Adox im Lohn, und ließ selbst andere Wirgin Kameras im Lohn herstellen. 1962 kaufte man das Franka Werk in Bayreuth, um eine breitere Basis zu haben. 

Zeiss Ikon, Stuttgart: Neben der Carl Zeiss Stiftung als Eigentümer wird auch die Kamerasparte Zeiss Ikon durch den Krieg geteilt und im Westen erstaunlich erfolgreich neu gegründet. Die vorherige Zentrale in Dresden wird nach Stuttgart verlagert, wo eine ehemalige Wurzel, das Contessa Kamerawerk beheimatet war. So heißen dann auch wieder eine Reihe von Mittelklasse-Kameras. Als einziger Vollsortimenter ist man mit der Neuauflage der Contax Messsucherkameras in der Lage, mit Leica technologisch und preislich mitzuhalten. Der Zeiss Konzern spielt auch im Hintergrund eine wichtige Rolle, nicht immer eine rühmliche. Man kontrolliert die beiden wichtigen Verschlusshersteller Deckel und Gauthier und zieht auch sonst seine Strippen bei den Zeiss Objektiven, 1956 stößt auch noch Voigtländer zum Konzern. Kleinere Hersteller leiden darunter hauptsächlich am Ende der 1950er Jahre. Ich denke, Zeiss Ikon war bezüglich Umsatz an der Spitze der Herstellerliste, was die Anzahl der Kameras angeht sicher nicht, hier fehlten einfache Massenkameras im Portfolio.

3) Die Spezialisten

Die folgenden vier Hersteller hatten in den 50er Jahren jeweils eine spezielle Nische des Kameramarktes für sich besetzt und konnten dort mit hoher Qualität und sonst kleinen Stückzahlen durch hohe Preise profitabel produzieren (und weltweit exportieren). Natürlich gab es die eine oder andere Konkurrenzkamera von den Vollsortimentern, aber bis auf Berning waren in den 1960er und 1970er Jahren diese Firmen in der Lage ihr Portfolio um weitere High-Tech Spezialitäten zu erweitern. 

Franke & Heidecke (Rollei), BraunschweigRollei produzierte nach dem Krieg einfach ihre erfolgreichen Rolleiflex- und Rolleicord-Reihen weiter, die ganz gut dokumentiert sind. Mitte der 1950er waren es ca. 80,000 bis 90,000 Kameras pro Jahr, damit sind sie zahlenmäßig Mittelfeld. Erst ab 1963 wird das Angebot verbreitert und man produziert auch die bekannten Kleinbildkameras etc.

Leitz, Wetzlar: Ernst Leitz blieb auch nach dem Krieg Technologieführer in Sachen Kleinbild-Messsucherkameras und produzierte in den 50er Jahren noch einmal ca. 300,000 Schraubleicas, also im Schnitt nur 30,000 pro Jahr. Ab 1954 kam dann die M3 und sukzessive ihre Ableger und Nachfolger (bis zu 50,000 Kameras pro Jahr), die die Schraubleicas dann ersetzten und verdrängten. Alles ist sehr gut dokumentiert (Quelle für die Grafik hier rechts: Pacificrimcamera.com). Bei den Produktionszahlen ist man eher hinten dabei, was die Umsätze und den Exportanteil in alle Welt betrifft, sicher mit vorne in der Gesamtliste.

Minox, Wetzlar: Der Kamerakonstrukteur Walter Zapp gründete 1945 die Minox GmbH neu in Westdeutschland (Vorkriegsproduktion war in Riga) und produzierte erfolgreich seine Kleinstbildkamera Minox über Jahrzehnte hinweg. Ab den 1970ern wird die bekannte Minox 35 Serie zu einem zweiten Standbein der Firma.

Berning Robot, Schwelm/Düsseldorf: Die Firma Otto Berning aus Schwelm fertigte ab Mitte der 1930er die Robot, eine spezielle Federmotor Kleinbildkamera konstruiert von Heinz Kilfit. Dies blieb ihr Spezialgebiet, auch als die Kameraproduktion nach dem Krieg 1951 in Düsseldorf wieder aufgenommen wird. Die Firma war nie besonders groß, man besetzte aber eine wohl profitable Hochpreisnische, die der Firma als Überwachungs- und Verkehrskamera- Spezialist auch beim Zusammenbruch der westdeutschen Kameraindustrie in den 1970ern das Überleben sicherte. Ich tippe mal auf ca. 5000 bis 10000 Kameras im Jahr und damit einen Platz relativ hinten in der Liste, auch wenn sich vermutlich die Umsätze sehen lassen konnten.
Verteilung der westdeutschen Kameraproduktion des Jahres 1960 nach Anzahl (links) und Umsatz (rechts). Boxkameras u. ähnliche Einfachstkameras bis 30 DM, einfache Kameras bis 150 DM, Mittelklasse-Kameras zwischen 150 und 300 DM, Oberklasse >300 DM.


4) Die 50er Jahre-Start-ups 

Die folgenden acht Hersteller teilen fast alle dieselbe Geschichte. Entweder sind es Nachkriegs-Neugründungen oder frühere optische bzw. mechanische Fabriken, die erst Ende der 1940er mit dem Kamerabau begannen. Anfang der 1950er in der Wirtschaftswunderzeit wuchsen alle relativ rasant und versuchten zu den Spezialisten oder zumindest Vollsortimentern aufzuschließen. Auf den zunächst hungrigen Nachkriegsmarkt folgte Mitte der 1950er eine gewisse Sättigung und damit wuchs der Konkurrenzdruck. Die kleinen Spieler hatten inzwischen ein (zu) komplexes Portfolio und gegenüber den großen Vollsortimentern einen zu kleinen Umsatz, um sich die Entwicklung neuer Modelle leisten zu können. Ab 1957 gingen diese Firmen reihenweise pleite oder wurden geschluckt. Sowohl bei der Anzahl der Kameras als auch beim Umsatz spielten diese Hersteller nur Statisten.

AKA, Friedrichshafen: Eine kleinere Nachkriegs-Neugründung mit großen Ambitionen. Mitte der 50er werden aber maximal 20,000 Kameras pro Jahr produziert, am Ende reicht dieses Level nicht um profitabel zu sein. 1960 ist die Firma nach internem Streit insolvent.

Finetta, Goslar: Nachkriegs-Neugründung vom Holländer Piet Sarabèr, der ehemalige Konstrukteure der Dresdener Vorkriegszeit anheuert und in Goslar anspruchsvolle Kleinbildkameras entwickelt und baut. Es fehlt vermutlich eine preiswerte Massenkamera und so wird bei der ersten kleineren Nachkriegsdelle 1957 der Weg in die Insolvenz angetreten.

Futura, Freiburg: Die Optische Anstalt Firtz Kuhnert war schon vor dem Krieg ein Hersteller feinmechanisch-optischer Präzissionserzeugnisse und begann nach dem Wiederaufbau mit dem Bau von Kleinbildkameras. Das ambitionierte Modell Futura wurde als Leica Konkurrent positioniert und 1951 auf der Photokina vorgestellt. Nach einer ersten Pleite 1951 stiegen die Hamburger Kaufleute Komrowski ein und benannten die Firma nach der Kamera die sie produzieren sollte. Nach vermutlich 20-30 Tausend schicken Futura Kameras wurde die Produktion 1957 eingestellt und die Maschinen etc. an die Konkurrenz verkauft.

Foitzik, Lübeck/Trier: Karl Foitzik gründete 1945 in Lübeck seine Feinmechanische Werkstätte, die mit der Foica eine Leica-Kopie herstellten. Nach Intervention von Leitz (Patentverletzungsklage etc.) war damit 1948 Schluss. Foitzik zog mit seiner Firma daraufhin nach Trier um, weil er dort Landes-Subventionen bekommen konnte. Dort wurden ab 1950 eher Mittelklassekameras gebaut, das durchaus erfolgreich und in der Spitze mit 150 Mitarbeitern. Karl Foitzik kam im Juni 1955 bei einem Autounfall um, von dem sich die Firma nicht erholen sollte und 1958 aufgelöst wurde. 

Leidolf, Wetzlar: Der 1921 gegründete Mikroskoplinsen-Hersteller Leidolf beginnt 1949 Kleinbildkameras zu produzieren und ist damit in den 1950er Jahren sogar relativ erfolgreich. Man produziert gehobene Mittel- bis Oberklasse, reicht aber nicht an den lokalen Konkurrenten Leitz heran. 1962 wird die Firma von Wild übernommen, die die Kameraproduktion in Wetzlar aufgeben und andere Dinge dort produzieren lassen. Interessanterweise fusioniert Wild 1987 mit Leitz. Von allen 8 Herstellern in dieser Kategorie vermutlich der erfolgreichste.

Diax, Ulm: Eigentlich Walter Voss GmbH, und eine ähnliche Geschichte wie Aka. Insgesamt ca. 50,000 Diax Kameras wurden in den 10 Jahren des Firmenbestehens zwischen 1947 und 1957 gebaut. Am Schluss der Geschichte müssen sich knapp 60 Mitarbeiter einen neuen Job suchen.

Bolta Photavit, Nürnberg: Diese Firma passt nicht ganz in diese Kategorie, weil man Kameras schon ab 1935 produzierte. Der Eigentümer John Bolten kehrt nach dem Krieg als US-Bürger nach Nürnberg zurück, baut die Firma wieder auf und produziert die Vorkriegsserie an Kleinbildkameras weiter, die allerdings mit dem deutlich sichtbaren Zentralverschluss nicht mehr zeitgemäß waren. Auch ich habe eine davon. Ab 1956 wagt man sich mit der Photavit 36 an eine moderne obere Mittelklasse-Kamera (im Prinzip ähnlich der Braun Super Paxette III). Ich schätze damit hatte man sich übernommen, die Kameraproduktion wird 1958 komplett aufgegeben. 

Witt Iloca, Hamburg: Die Geschichte des Iloca Kamerawerkes habe ich in meinem Beitrag zur Iloca Electric schon beschrieben. Man war in den 1950ern vergleichsweise erfolgreich, scheitert dann aber 1959/1960 an dem zu riskanten Schritt alles auf eine High-End Kamera zu setzen. Nach dem Konkurs werden Maschinen, die fertige Konstruktion und auch Mitarbeiter von Agfa übernommen.

2024-03-02

Filmhersteller - Kurzportraits (Teil 4, sonstiges West-Europa)

Hier nun zu Teil 4 meiner Serie über die Geschichte(n) der Filmhersteller. Diesmal geht es um die anderen (nicht deutschen) West-Europäer, zumindest die wichtigsten von ihnen. Links zu den anderen Teilen siehe unten in der Tabelle.

Gevaert 

Mein Gevaert 127er Rollfilm,
Ablaufdatum Sep. 1946
Lieven Gevaert (*28.5.1868, +2.2.1935) übernahm nach der Ausbildung zum Chemiker die kleine Papiermanufaktur seiner Familie und produzierte dort ab ca. 1890 Fotopapier. 1894 gründete er mit seinem Partner Armand Seghers die Firma L. Gevaert & Cie, die nach einiger Zeit einen Pariser Wettbewerber übernahm (Blue Star Papers), die ein hervorragendes Gelatine-Papier hatten. 
Die Firma war sehr erfolgreich und schon 1904 zog man aus (dem engen und dreckigen) Antwerpen nach Mortsel um, auf ein großes Produktionsareal, das noch heute Sitz der Nachfolgefirma ist. Wann genau mit der Filmherstellung begonnen wurde, kann ich nicht genau nachvollziehen. Jedenfalls gibt es erste Rollfilmpatente von Lieven Gevaert aus 1919. 1920 wird die Firma in Gevaert Photo-Producten N.V. umbenannt und in den 20er und 30er Jahren wird man zu einer der wichtigsten europäischen Fotofirmen. Schon vor dem 1.  Weltkrieg hatte man Vertriebsniederlassungen in Paris, Wien, Berlin, Mailand, Moskau, London und in Südamerika gegründet. 
1928 kommt ein zweiter Produktionsstandort für die Filmunterlage (erst Nitrozellulose, später Triacetylzellulose)  in Heult bei Westerlo dazu. Ab 1935 bildet man mit Voigtländer das Joint Venture Voigtländer-Gevaert GmbH mit Sitz in Berlin. Gespräche mit Fujifilm in Japan über eine engere Zusammenarbeit scheitern, zeigen aber sehr schön, dass Gevaert damals in der 1. Liga der Filmhersteller mitspielte. Auch Kameras trugen einige Zeit den Markennamen Gevaert, diese ließ man allerdings im Lohn von kleineren Herstellern bauen. Auch ich habe eine davon von meinem Großvater geerbt
Während die großen Konkurrenten sich vornehmlich auf den Massenmarkt konzentrierten, eroberte sich Gevaert schon früh bestimmte Hightech-Nischen:  1929 wurde der erste Röntgenfilm vorgestellt, 1935 ein spezielles Papier für Dokumentenfotografie. Nach dem 2. Weltkrieg wurde Gevaert zum Weltmarktführer in der Röntgenfilmtechnologie, produzierte Filme mit herausragenden technischen Merkmalen und nahm in den 1950er Jahren Filme und Platten für Astronomen und Kernphysiker ins Programm. Auch in den Bereichen Infrarotfotografie und Mikrofotografie (später Mikrofilm) machte man sich einen Namen.
In den 1950er Jahren bemühte man sich auch um eine Übernahme der am Boden liegenden Agfa in Deutschland, was allerdings scheiterte und schließlich in die 1964er Fusion beider Firmen in Form einer gegenseitigen Überkreuzbeteiligung mündete. Fortan gab es eine Agfa-Gevaert AG in Leverkusen und eine Gevaert-Agfa NV in Mortsel. Die Geschichten um den Niedergang der Filmindustrie ab den 1990er plane ich ein anderes Mal aufzubereiten. Jedenfalls existiert heute noch in Mortsel eine Agfa-Gevaert NV, die sich u.a. um die eben genannten Hightech-Nischen kümmert.  

Lumiere

Die Brüder Auguste und
Louis Lumiere
Die Société Lumière, wie die Firma ab 1928 (nach dem Tod von Joseph Jougla) und bis zu ihrer Fusion mit Ilford hieß, bestand schon seit 1911 und trug zunächst den sehr sperrigen Namen Union Photographique Industrielle des Etablissementss Lumière et Jougla reunis. Daran kann man schon ablesen, das es zwei Wurzeln gibt: 

1) die 1884 gegründeten Etablissements Graffe & Jougla, die sehr erfolgreich die Trockenplatten der Marke As de Trèfle produzieren und vermarkten. Ab 1900 wird die Firma nach dem Tod von Graffe durch Joseph Jougla alleine geführt und zieht in eine neuen Fabrik in Jointville-le-Pont bei Paris, der auch später ein Produktionsstandort von Lumiere bleiben sollte. 

2) die 1882 gegündete Firma Société Antoine Lumière et ses fils in Lyon, wobei die genannten Söhne die berühmten Brüder Auguste und Louis Lumière sind. Deren Geschichte ist faszinierend und ihre Bedeutung für die Entwicklung des Kinos und damit natürlich des fotografischen Films enorm, würde aber diesen Rahmen hier sprengen.
Auch die Lumiers produzieren zunächst erfolgreich Trockenplatten unter der Marke Blue Label. Beide Wurzelfirmen entwickeln unabhängig voneinander je ein Farbfotografie-Verfahren (Jougla: Omnicolor , Lumiere: Autochrome), und wurden schließlich durch den auch in Frankreich größer werdenden Konkurrenzdruck durch Kodak 1911 in die Fusion gedrängt. 
Ab wann genau Lumiere in Lyon tatsächlich Film auf Zelluloid hergestellt hat, konnte ich nicht herausfinden. Jedenfalls verwendeten sie schon 1895 einen 35 mm breiten Filmstreifen für die Produktion des 45 Sekunden langen Kurzfilms La Sortie de l'usine Lumière à Lyon, der die Brüder (insbesondere Louis) neben Thomas Edison zu DEN Kinopionieren macht. Aber beide haben vielfältige andere Interessen und überlassen das Kino bald anderen. Auch aus ihrer Firma ziehen sie sich in den 20er Jahren aktiv zurück und überlassen die Geschäftsführung irgendwann komplett Auguste's Sohn Henri Lumière, der die Firma bis zu seiner Pensionierung 1964 führt. Als letzte Amtshandlung hat er seine Firma an die Schweizer Ciba verkauft, die fast gleichzeitig auch die Mehrheit an Ilford übernommen hat und so neben der Chemie auch zu einem Fotounternehmen wurde (mehr dazu siehe unten bei Ilford). Die Produktion in Lyon wird 1975 eingestellt, im Werk in Paris wurden schon seit 1928 keine fotosensitiven Materialien mehr produziert, sondern Kameras, die ebenfalls die Marke Lumiere trugen. Wann dort Schluss war, habe ich nirgends gefunden. 

Pathé Frères

Die Gebrüder Pathé hatte ich lange nicht auf dem Zettel, aber der Name Pathé tauchte hier und da (z.B. bei Kodak und ferrania) auf und da habe ich doch mal genauer hingeschaut.  Wie man am Bild links sieht, gab es tatsächlich mal Rollfilme, aber Pathé war insbesondere bei der Herstellung von Kinefilm und allgemein bei der Produktion und Vermarktung von frühen Kinofilmen aktiv und in der frühen Zeit des Kinos größter Konkurrent von Eastman Kodak. Treibende Kraft war insbesondere Charles Pathé, allerdings bleiben verschiedene Wikipedia-Seiten recht wage bei den Einzelheiten rund um die Filmherstellung selbst. Ich reime es mir ungefähr so zusammen: Die Firma wird 1897 gegründet und Pathé wird schon um die Jahrhundertwende der erste große Konkurrent zu Eastman Kodak. Angeblich erreicht man beim Kinefilm 1904 einen (Welt-) Marktanteil von 30-50%. 1907 wird die neue Filmfabrik in Vincennes eröffnet, allerdings steigt zwar weltweit die Nachfrage nach Kinefilm rasant, der Marktanteil von Pathé schrumpft aber mittelfristig, weil auch andere in die Filmproduktion einsteigen (Perutz, Agfa, Lumiere, usw.), Pathé selbst gründet in Italien das Joint Venture FILM, das später zu Ferrania werden sollte (siehe unten). In den 1920er Jahren - Charles Pathé geht aufs Rentenalter zu - teilt sich der Pathé Frères Konzern in verschiedene eigenständige Firmen auf, deren Nachfolger zum Teil heute noch existieren. 1927 verkauft man das Filmwerk in Vincennes an Kodak. Charles Pathé behält eine Minderheitsbeteiligung und die Firma heißt offiziell auch Kodak-Pathé, ist de facto aber Kodak's Arm in Frankreich, genauso wie die Kodak AG in Deutschland. Von wann bis wann es Rollfilme unter der Marke Pathé tatsächlich gegeben hat, konnte ich nicht rausfinden.  

Tellko - Ciba

Viel findet man nicht zu diesem kleinen schweizerischen Filmhersteller, der 1935 in Fribourg angeblich von 3 Italienern gegründet wurde und wohl sehr anständige Schwarzweiß-Filme produzierte. Die Geschichte bekommt ab 1946 mehr Substanz, als man Wilhelm Schneider als Technischen Direktor anheuert, einer der Erfinder des Agfa-Farbfilms, dessen Rezepturen und Patente nun wegen des verloren Krieges allen Wettbewerbern zur Verfügung standen. Tellko leiht Schneider auch als Berater an Ferrania aus und ich vermute, dass zwischen den beiden Firmen sowieso eine engere Kooperation bestand. Telcolor kommt Anfang der 1950er auf den Markt, als einer der ersten Agfacolor-Klone, mit ähnlich geringen Empfindlichkeiten wie die meisten anderen Farbfilme der Zeit (13/10° DIN, entspricht heute ISO 32/16). 

Ab 1963 gibt es endlich eine neue höher empfindliche Farbfilmgeneration, die allerdings nicht mehr von Tellko selbst hergestellt, sondern von Ferrania im Lohn produziert wird. Tellko selbst wurde 1960 von der Ciba AG übernommen und bildete die Keimzelle von Ciba's weiterer Expansion als Fotokonzern. 1963 und 1964 werden eine Mehrheitsbeteiligung an Ilford und Lumiere übernommen und man baut außerhalb von Fribourg in Marly ein neues hochmodernes Fotowerk, um dort hauptsächlich Cibachrome zu produzieren, basierend auf einem ursprünglich vom ungarischen Chemiker Bela Gaspar erfundener Silber-Farbstoff-Bleichprozess, der direkte Farbabzüge vom Diafilm in hoher Qualität zuließ. 

Ilford

Das "Paddle-Steamer" Warenzeichen
wurde in Variationen von 1886 bis 1945
verwendet.
Die Firma Ilford geht zurück auf einen Trockenplatten- und Fotopapierhersteller der 1879 vom Fotografen Alfred Hugh Harman (*1841, +1913) im kleinen Ort Ilford in der damaligen Grafschaft Essex unter dem Namen Britannia Works gegründet wird. Die Firma wächst und gedeiht und bleibt fat 20 Jahre in Privatbesitz. 1898 erfolgt die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und Harman zieht sich von der Leitung der Firma zurück, bleibt aber als Berater und Teilhaber verbunden. Ein Namensstreit mit dem Konkurrenten Marion über die Marke Britannia führt letztlich (1900) zur Umbenennung der Firma in Ilford, Limited (das Komma ist wichtig).
Kodak war in Großbritannien ab 1885 mit einer Vertriebsgesellschaft aktiv und startete die eigene lokale Produktion in Harrow 1891. Es gab wohl ab 1897 einige Versuche von Kodak, Ilford zu übernehmen oder zu fusionieren, die aber am Widerstand von Ilfords Eigentümern scheiterten. Angeblich war Alfred Harman 1902 oder 1903 für eine solche Fusion, hatte aber nicht mehr genügend Einfluss. Wie viele internationale Wettbewerber hat Ilford über die Jahrzehnte (seit 1900 bis ca. 1967) auch Kameras produziert, oder meist von anderen im Lohn produzieren lassen. Viele davon waren einfache und billige Kameras, einfach zu dem Zweck Film und Foto zu den Massen zu bringen. Angeblich hatte man Ende der 50er und Anfang der 60er mit ihrer Sportsman-Serie (produziert von Dacora in Deutschland) in Großbritannien einen Marktanteil von über 50%!
 
Ab Ende der 1890er Jahre wurden wohl (Plan-)Filme auf Zelluloid-Unterlage produziert, die nicht selbst hergestellt, sondern zunächst aus den USA und später von Gevaert in Belgien importiert wurde. Ab 1912 gab es Bemühungen auch Rollfilme zu produzieren, der tatsächliche Start am Markt damit war aber erst 1915.   
In der Zeit zwischen 1918 und 1939 gewinnt Ilford, Limited schrittweise die vollständige Kontrolle über fast alle Fotounternehmen im United Kingdom mit Ausnahme von Kodak. Dies geschieht zunächst (1920) über die Selo Company, wobei mir trotz mehrfachen Lesens der Quellen unklar ist, ob damit ein Hersteller-Kartell oder tatsächliche (Überkreuz-)Beteiligungen der beteiligten Firmen, ein Joint Venture (immerhin wird in Brentwood, Essex ein neues Filmwerk gebaut) bzw. die Übernahme durch Ilford gemeint ist. Jedenfalls gehen im Laufe von 10 Jahren die folgenden Trockenplatten-, Fotopapier-, Fotochemie- und Filmhersteller in Ilford auf: Imperial Dry Plate Co.Ltd, Thomas Illingworth & Co.Ltd, Gem Dry Plate Co.Ltd, Wellington & Ward Co. Ltd, Paget Prize Plate Co. Ltd., Rajar (Apem, Ltd.). Interessanterweise wird der Name Selo ab 1930 als Marke für Rollfilm gebraucht, der im Selo Werk hergestellt wird, aber von 6 dieser Firmen inklusive Ilford irgendwie noch unabhängig vermarktet wird. Dieser Markenname wird in den 1940er und 1950er Jahren immer mehr fallengelassen, Ilford bringt Filmprodukte unter eigener Marke neben Selo-Produkten heraus. Ab 1946 tritt man selbstbewusst mit der neuen Dachmarke ILFORD auf allen Produkten auf, behält aber den Namen Selochrome für einen speziellen SW-Film bis 1968 im Programm. 

Ilford's Geschichte im zweiten Teil des 20. Jahrhunderts ist geprägt von dem Versuch, Anschluss an den Farbfilmarkt zu bekommen. Während Kodak und Agfa bekanntlich 1935/36 den modernen Farbfilm erfanden, investierte Ilford in Dufaycolor, einem additiven Film a la Autochrome, mit wenig Erfolg. Versuche ab 1938 es Agfa und Kodak nachzumachen scheiterten letztendlich am Ausbruch des 2. Weltkriegs. Auch nach dem Krieg, als die Agfa-Patente allen zugänglich waren, schaffte man es nicht richtig Fuß zu fassen. Es gab zwar 1948 einen Ilford Colour "D" Diafilm, ähnlich zu Kodachrome, aber richtig durchstarten mit Farbfilmen tat Ilford nicht. In den 1950er Jahren kooperierte man daher mit der ICI (Imperial Chemicals Industries Ltd.), DEM britischen Chemie-Konzern, der auf eigene Faust Entwicklungen zum chromogenen Farbfilm angestellt hatte und sogar Patente dazu besaß. 1959 übernimmt die ICI die Mehrheit an Ilford und Anfang der 1960 kommt Ilfocolor in die Läden.

Doch die Konsolidierung am Film- und Fotomarkt ist voll im Gange, schon ab 1963 steigt die schweizerische CIBA AG in Ilford ein und übernimmt bis 1969 die kompletten Anteile der ICI. CIBA formt aus Ilford, der zuvor schon übernommenen französischen Société Lumière und dem Schweizer Foto-Unternehmen Tellko einen neuen multinationalen, europäischen Filmhersteller. Fokus ist Cibachrome (siehe oben bei Tellko), Ciba/Ilford entwickeln das Verfahren zur Marktreife und errichten dafür ein neues hochmodernes Film- und Fotopapierwerk in Marly (Schweiz), Ilford's sonstige Aktivitäten (SW-Film, SW-Fotopapier) werden mittelfristig in  Mobberly (ehemals Rajar, s.o.) konzentriert. Die ehemaligen "Selo-Werke" in Brentwood, Essex werden schon 1983 geschlossen, Lumiere in Lyon schon 1976. Die Farbfilme (Cilcolor, Ilfocolor) sind ab den spätern 1960ern "nur" noch zugekauft (Konica !) und umkonfektioniert.
1989 verkauft Ciba-Geigy (seit 1970) seine gesamte Fotosparte als Ilford Ltd. an den amerikanischen Papierhersteller International Paper, der sie 1990 mit seiner eigenen Grafik-Papierfirma Anitec zu Ilford Anitec Ltd. fusioniert. Der Abstieg hatte aber schon begonnen, 1997 übernimmt ein Finanzinvestor, 2004 ist die Firma pleite. Die Digitalfotografie hat der Analogfotografie schneller als gedacht komplett den Wind aus den Segeln genommen. Es folgt die Aufspaltung des UK-Teils in Mobberley und des Schweizer Teils in Marly, die eine Zeitlang unabhängig voneinander am Markt mit der Marke ILFORD auftreten, jetzt beide mit z.T. digitalen Fotoprodukten wie Inkjet-Fotopapieren. Es folgen schwierige Jahre, deren Geschichte ich ein anderes Mal aufbereiten will.

Ferrania - 3M

Die Ursprünge von Ferrania gehen zurück auf das im Jahr 1882 gegründete Sprengstoffunternehmen  SIPE (Società Italiana Prodotti Esplodenti) aus Mailand, das während des 1. Weltkriegs im kleinen Ort Ferrania in Ligurien ein Nitrozellulose-Werk (Schießbaumwolle bzw. Zelluloid) errichtet. Am Ende des  Krieges stellt man auf Zelluloidfilm als Produkt um und gründet mit den Pathé Frères (siehe oben) das Joint Venture FILM (Fabbrica Italiana Lamine Milano), um dem wachsenden Bedarf an Kinefilm zu decken, der 1923 von der Firma erstmalig auf der Turiner Industriemesse präsentiert wird. 
1926 verkauft Pathè seine Beteiligung an eine italienische Bank. 1932 übernimmt man den Trockenplattenhersteller Cappelli und nennt sich schließlich Cappelli-Ferrania. Die Firma expandiert weiter unter wechselnden Besitzern, übernimmt den anderen Mailänder Trockenplattenhersteller Tensi und landet schließlich bei der in Turin ansässigen IFI (Familie Agnelli, FIAT). Ab Ende der 1930er-Jahre werden auch Kameras produziert und 1938 der Firmenname in schlicht Ferrania geändert.
Die größte Expansion und der Höhepunkt der Popularität von Ferrania erfolgt in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als Filme wie Ferraniacolor oder der Schwarzweißfilm Pancro 30 (P30) produziert werden. Ferraniacolor wurde nach dem Agfa-Prozess hergestellt und in Zusammenarbeit mit Tellko unter Beratung durch Wilhelm Schneider entwickelt. 
In der globalen Filmkonsolidierungsphase 1964 erfolgt die Übernahme durch die amerikanische Minnesota Mining and Manufacturing Company (3M), wonach man als Ferrania 3M weiter firmierte. Ab den 1970ern avanciert 3M neben Konishiroku zum wichtigsten Hausmarkenhersteller, bot aber auch eigene Marken wie Solaris, Dynachrome und Scotch Chrome an. Bis 2007 blieb Ferrania der einzige Hersteller von 126 „Instamatic“-Filmen, nachdem Kodak diese 1999 einstellte.
Ab 1999 gab es wieder ein paar Eigentümerwechsel und Rettungsversuche bis 2009 nach der Pleite die Produktion eingestellt wurde. Mit Resten aus der Konkursmasse und neuem Kapital wurde 2013 FILM Ferrania s.r.l. neu gegründet und produziert inzwischen wieder Filme für die wieder aufkeimende Analogfotonische.


Bei KniPPsen weiterlesen Kleinbildfotografie aus der FilmperspektiveFilmhersteller (Teil 1, Deutschlands große)Filmhersteller (Teil 2, Deutschlands kleine), Filmhersteller (Teil 3, japanische Hersteller), Gevaert Superchrom Express Film, Ilford PE Fotopapier, Ferrania Tanit
Links fr.wikipedia.org/Societe  Lumiere, Gevaert (Filmlexikon), Historic Camera (Gevaert), Ilford Chronology, Ilford history (analougewonderland)Adox in Marly

2021-08-01

Adox Golf 63


Diese Kamera bekam ich aus einer Haushaltsauflösung geschenkt und ich muss zugeben, dass ich sie sonst wohl kaum beachtet hätte. Von der Fotomarke Adox hatte ich schon mal gehört und ich konnte die Kamera auch zeitlich richtig ans Ende der 1950er Jahre einordnen, besitze ich doch mit der Agfa Isolette II eine direkte Konkurrentin. Aber so bin ich gezwungen gewesen, mich mit der Geschichte von Adox und der "Golf" zu beschäftigen. Als Bewohner des Rhein-Main-Gebietes ist es für mich sogar fast Lokalgeschichte, denn diese spielt in Frankfurt und der näheren Umgebung und nicht wie sonst in Dresden, München oder Stuttgart. Ich habe also einiges Interessantes gelernt.


Bei den Recherchen zur Kamera selbst bin ich relativ schnell auf Michael Spenglers exzellente Adox Golf Seite gestoßen. Dem gibt es wohl nichts hinzuzufügen und ich will es hier auch nicht wiederholen. Mein Exemplar ist die späte Basisversion der Golf 63 (Typ 2c), mit der Seriennummer 489619 des Adoxar gehört sie fast ganz ans Ende der Produktion, die wohl 1959 bei knapp über Seriennummer 500000 endete. 

Was Michael Spengler allerdings nicht gemacht hat, ist "die Golf" in den damaligen Marktkontext einzuordnen. Ihre größte Konkurrentin (mit fast identischen Merkmalen und Dimensionen) hieß Agfa Isolette II. Die Isolette hatte diese Kameraklasse der relativ kompakten Faltbalgen-6x6-Rollfilmkameras einst in der Mitte der 1930er Jahre begründet und spätestens nach dem Krieg viele Nachahmer gefunden. So wie die Adox Golf wurden die allermeisten im Jahrzehnt zwischen 1950 und 1959 produziert und verkauft. Hier mal eine schnelle Liste ähnlicher Kameras (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Dacora 120, Balda Baldix, Franka Solida, Zeiss Ikon Nettar II (517/16 bzw. 518/16), Voigtländer Perkeo 6x6.  Sie waren Kameras für's Wirtschaftswunder-Volk, preislich über den einfachen Boxkameras, dafür lieferten sie aber mit den meist dreilinsigen Objektiven und präziseren Zentralverschlüssen deutlich bessere Bildqualität. Im Vergleich zur Kleinbildkamera konnte man sich eine 6x6 cm Kontaktkopie notfalls auch so anschauen, Photo Porst lieferte 1956 sogar 9x9 cm Vergrößerungen zum selben Preis. Und wie bei der Adox Golf gab es stets verschieden lichtstarke Objektive und schnelle Verschlüsse zur Auswahl, Topmodelle hatten eingebaute Entfernungsmesser. Das alles natürlich zum entsprechenden Aufpreis. Adox hat (so wie Agfa auch) Kameras hauptsächlich gebaut, um den eigenen Filmabsatz anzukurbeln, daher wurden eher einfache Kameras gebaut und die Produktion der Kameras auf geringe Kosten getrimmt. 
Die Adox Golf 63 neben ihrer wichtigsten Konkurrentin Agfa Isolette II.
 
Mit viel Interesse habe ich mich auch in die Geschichte der Firma und Marke ADOX vertieft. Hier die Kurzform, meine Quellen habe ich unten in der Tabelle verlinkt. Alles beginnt mit dem Chemiker Carl Schleussner (1830-1899), der nach Promotion und Heirat die Siegellackfabrik seines Schwiegervaters im Frankfurter Bahnhofsviertel übernimmt und dort sich ab 1860 auf Fotochemie spezialisiert. Angeblich die erste fotochemische Fabrik der Welt. Als eines der ersten Unternehmen wurden ab 1881 Trockenplatten angeboten. Ab 1892 übernahmen seine Söhne, insbesondere der ebenfalls zum Chemiker ausgebildete und promovierte Carl Moritz (1868-1943) kooperierte mit Wilhelm Röntgen und produzierte als einer der ersten ab 1896 Röntgenfilme. Die Firma expandierte und wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, von der die Kurzform ADOX (Aktiengesellschaft DOktor C. Schleussner) abegeleitet wurde. Ab 1920 übernahm die dritte Generation. Carl Adolf Schleussner (1895-1959) verlegte die Produktionsstätten aus Frankfurt ins neu errichtete Werk in Neu-Isenburg und etabliert eine Celluloidfilm-Produktion in Wiesbaden-Biebrich. Ab 1938 übernimmt ADOX die Kameraproduktion von Wirgin in Wiesbaden, deren jüdische Eigentümer vor den Nazis nach USA fliehen mussten. Nach dem Krieg wird der Kauf rück-abgewickelt, Adox verlegt die eigene Kameraproduktion ins Werk in Biebrich, wo dann die Golf produziert wird. Wirgin produziert im Lohn für Adox die Polo KB-Kameraserie. Nach dem Unfalltod von Carl Adolf 1959 zieht sich die Familie Schleussner aus dem Fotogeschäft zurück und verkauft 1962 das Werk in Neu-Isenburg und das daran hängende Geschäft an den Chemiegiganten Dupont. Der behält mittelfristig nur das Medizinproduktegeschäft und verkauft Röntgenfilme unter der Marke ADOX. Die übrigen Fotofilm-Maschinen werden 1973 an Fotokemia im damaligen Jugoslawien verkauft, der die alten ADOX-Rezepturen als Efke-Film auf den Markt bringt und bis in die 1990er Jahre verkauft. Dupont veräußert sein Röntgengeschäft 1999 mit der Marke ADOX an seinen Konkurrenten Agfa-Gevaert in Belgien, der die Marke allerdings nicht weiterverwendet und 2003 fallen lässt (DuPont selbst verwendet die Marke immer noch für die Chemikalie Natriumchlorit). Das Berliner Analog-Foto-Start-up Fotoimpex sichert sich die Markenrechte für Fotoprodukte in 2003 und baut seitdem das Portfolio an ADOX Filmen und Fotochemikalien immer weiter aus. Basis sind alte Adox und Agfa Rezepturen. Tolle Geschichte mit Happy End.


Datenblatt Einfache 6x6 cm Faltbalgenkamera für 120er Rollfilm
Objektiv Adoxar 75mm f/6.3 (Dreilinser, Hersteller: Will, Wetzlar). Am Ende der Baureihe auch mit Adoxar f/4.5 erhältlich. Die frühen Golfmodelle I, II und IV, sowie die entsprechenden Mess-Golf hatten ein Steinheil Cassar f/4.5 oder f/3.5 (Vierlinser, Tessar-Typ)
Verschluss Gauthier Vario (B-25-50-200), separat vom Filmvorschub zu spannen. Auch erhältlich mit dem Pronto (B-25-50-100-200) oder Prontor-S (B-1-2-5-10-25-50-100-300, mit Selbstauslöser)
Fokussierung manuell per Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung: 1 m
Sucher einfacher optischer Newton-Sucher
Blitz per Synchronbuchse am Verschluss
Filmtransport per Drehknopf und rotem Filmfenster in der Rückwand, Doppelbelichtungssperre am Gehäuseauslöser
sonst. Ausstattung Zubehörschuh für Blitz oder Entfernungsmesser, ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Stativgewinde ¼''. Modelle mit Prontor-S: Selbstauslöser. Mess-Golf: eingebauter, ungekoppelter Entfernungsmesser
Maße, Gewicht ca. 138 x 92 x 40 mm, 474 g 
Baujahr(e) Modelle I, II, IV: 1952-1954, ca. 50.000 Exemplare, davon ca. 20.000 "Mess-Golf"
Modelle 63, 63S und 45S: 1954-1959, ca. 362.000 Exemplare. Dieses #489619 zum Ende der Bauzeit.
Kaufpreis, Wert heute Modell 63 (1954): 49,75 DM, Spitzenmodell Mess-Golf IV: 169,-- DM
Wert heute je nach Zustand und Modell: 5-30 €
Links Die Adox Golf (M. Spengler)Bleckedermoor.de, Bedienungsanleitung, Adox Geschichte, Schleussner Biographie, Sabine Hock's biografischer ArtikelWikipedia (engl.), Camera-wiki (Golf), Camera-Wiki (Adox)

2011-01-21

Dacora digna 6x6 Achromat

Diese Dacora digna stammt aus den Beständen meines Schwiegervaters, auch er hat sie irgendwann von Verwandten übernommen und nie viel damit selbst fotografiert. Diese Kamera wurde von 1954 bis 1959 vom Kamerawerk Dangelmaier & Co, Reutlingen produziert und anfangs für sagenhaft günstige 18 DM angeboten. Es ist eine sogenannte Springtubus-Kamera und ist von der Ausstattung (und vom Preis)  eher mit den Boxkameras vergleichbar, trägt aber um den Hals hängend nicht so auf und sieht auch schicker aus.
Das Ding gab es in verschiedenen auch höherwertigen Ausführungen, diese hier ist die billigste und verbreitetste und besitzt mit dem 80mm f8 Achromaten ein wirklich simples, zweilinsiges Objektiv, welches man nur auf f11 abblenden konnte. Der Verschluss konnte auch nur 1/50 s oder B(eliebig). Die besseren Ausfürungen hatten lichtstärkere Objektive und variablere Verschlüsse. Alle hatten sonst das selbe Gehäuse für 120er Rollfilm für das Mittelformat 6x6 cm.