2023-10-21

Kodak AG, Stuttgart - Nachkriegs Kameraproduktion

Nachkriegs-Kameraproduktion der Kodak AG in Stuttgart in Modellgruppen.
Es fehlen die einfacheren Instamatic-Kameras von 1963 bis zur Produktionseinstellung 1970.

Das hier ist die Fortsetzung meines Beitrags über die Kodak (Nagelwerk) Vorkriegs-Kameraproduktion. Methode und Quelle sind dieselben, diesmal geht es um die Wirtschaftswunderzeit nach dem 2. Weltkrieg, die in der (west-) deutschen Kameraindustrie insbesondere in den 1950er Jahren durch stetes Wachstum geprägt war. Das hielt bis hinein in die frühen 1960er und dann ging es Kodak wie allen anderen deutschen Mitbewerbern: Es ging wieder bergab, die Japaner kamen mit zum Teil besseren und gleichzeitig preiswerteren Kameras. Die westdeutsche Kameraindustrie rutschte reihenweise in die Pleite, konsolidierte oder schaute sich nach anderen Tätigkeitsfeldern um. Kodak in Stuttgart ging es vergleichsweise noch gut, war man doch Teil des weltweit größten Filmherstellers. In den 1970ern wurden in Stuttgart noch eine ganze Reihe eher einfacher Instamatic-Kameras produziert. Schließlich wurde die Kameraproduktion 1979 endgültig eingestellt. Letztes Modell war die EK8 Instant Camera (einzige Sofortbildkamera aus Stuttgart). Wieviele von diesen ganzen nicht-Retina Kameras produziert wurden konnte ich leider nicht rausbekommen, Helmut Nagel nennt in seinem Buch weder Zahlen noch Preise.
  
Wenn man sich die Grafik oben im Vergleich mit den Vorkriegszahlen anschaut, fallen zwei Dinge auf: Nach dem Krieg werden in Stuttgart nur noch Kleinbildkameras gebaut, keine preiswerten Box- oder Mittelformat-Balgenkameras mehr. Daher wird trotz anfangs steten Wachstums der Jahres-Produktionsrekord von 1936 zumindest zahlenmäßig nicht mehr eingestellt. Bei den Kleinbildkameras sieht es allerdings anders aus: hier werden schon 1948 mehr Retinas gebaut als im bisherigen Rekordjahr 1939.

Produktionszahlen der klassischen Modelle
(auf Basis der Vorkriegs-Designs)
Retina 010
Retina I (010)
Das Nagelwerk in Stuttgart-Wangen hat als einer der ersten Kamerahersteller nach dem Krieg wieder die Produktion aufnehmen können. Hilfreich war sicher, dass man als amerikanischer Konzern in der amerikanischen Besatzungszone wohl einige Hilfe bekam oder zumindest bevorzugt behandelt wurde. Schon Ende 1945 waren die gröbsten Schäden beseitigt und es ging da weiter, wo man 1941 aufgehört hatte: Mit der Retina-I natürlich, die unter der Typennummer 010 1946 wieder auf den Markt kam. Bis 1954 wurden davon nochmal genau so viele Kameras gebaut wie vor dem Krieg! Auch die Retina II (mit Entfernungsmesser) wurde in modifizierter Form wieder ins Programm genommen. Ab 1949 gab es dann zur Abrundung des Portfolios nach unten auch wieder eine Retinette, produziert auf demselben Chassis mit den selben Werkzeugen.  Ich habe alle diese Kameras daher hier als "Klassische Modelle" zusammengefasst. Neu-Entwicklungen brauchen seine Zeit und die brach bei Kodak 1954 an, als die gesamte Produktion auf moderner wirkende Gehäuse mit runderen Formen und Chrom-glänzenden Gehäusekappen umgestellt wurde:

Unterseite aller Retina und Retinette Kameras
ab 1954. Abgerundete Form und Schnellschalt-
Hebel an einer seltsamen Stelle. 
Die Retina Serie wurde entsprechend mit dem modernen Modell Ib fortgesetzt. Natürlich gab es auch das Modell II mit Entfernungsmesser, das interessanterweise nicht die Modellnummer IIb sondern IIc verpasst bekam. Die Palette wurde durch eine neue Variante mit eingebautem Belichtungsmesser (Selen) erweitert, die entsprechend IIIc genannt wurde. Die Kleinschreibung der Buchstaben ist in diesem Zusammenhang wichtig, da es 1957 für alle Varianten eine Modellpflege gab, die Updates bekamen schlicht den entsprechenden Großbuchstaben verpasst. Bis auf einen vergrößerten und technisch verbesserten Sucher und kleineren Designanpassungen blieben die sonstigen Kamerafeatures dieselben.

Modernere Sucher- und Messsucher-
Retinas, ab 1958 auch welche ohne
den klassischen Balgen.
Was alle diese Kameras noch mit ihrer „Großmutter“ Retina-I von 1934 verband war der Balgen und das damit versenkbare Objektiv. Kodak bediente damit eine gewisse Tradition und seine Fans, merkte aber natürlich, dass dieses Feature immer mehr aus der Mode kam und die Wettbewerber es so gut wie gar nicht mehr anboten. Und so gab es ab 1958 bzw. 1959 jeweils die Versionen IIS und IIIS mit fest angebautem (Wechsel-) Objektiv, dazu unten bei den Retina-Spiegelreflexkameras mehr. 
Retinette IA (044)

Mit der neuen runderen Gehäuseform gab es schon ab 1954 eine neue Retinette-Generation (Nagel-Nr. 022), die konsequent auf low-budget getrimmt war. Der komplizierte Balgen und Spreizenmechanismus fiel weg, alle Retinetten hatten von da an ein starr angebautes drei-linsiges Objektiv mit Frontlinsenfokussierung. In den meisten Fällen war dies das angeblich nur für die Retinette neu gerechnete und vergütete Schneider-Kreuznach Reomar 45 mm f/3.5. Die Retinetten für den französischen Markt bekamen ein entsprechendes Objektiv von Angenieux. Hatten frühere Retinetten noch einfachere Verschlüsse, so besaßen alle Modelle für den deutschen Markt zumindest einen Compur-Rapid (bis 1/500 s). Damit kostete die Retinette 118 DM, immerhin 80 DM (oder 40%) weniger als eine nur unwesentlich besser ausgestattete Retina Ib (198 DM) aus demselben Jahr. 


Die Low-budget Kameras hießen Retinette
Ab 1958 wurde das Design-Update auch den Retinetten zuteil und man führte eine Modell-Differenzierung a la Retina ein. Es gab folglich eine Retinette II mit einem 2.8 Reomar (immer noch 3 Linsen!) und eine IIB mit eingebautem ungekuppelten Belichtungsmesser. Das zahlenmäßig erfolgreichste Modell blieb mit 781.000 Stück in 8 Jahren die Retinette IA, zu 98 DM (1959), 118 DM (1960), bzw. 128 DM ( ab 1963). Diese hatte auch keinen Compur-Rapid, sondern "nur" noch Pronto(r) Verschlüsse. 

Insgesamt scheinen die Grenzen zwischen Retina und Retinette mit der Zeit immer weiter zu verschwimmen, teilen sich doch alle Kameras seit 1954 das selbe Grundgehäuse mit dem seltsamen Schnellschalthebel auf der Unterseite. Immerhin hatte man damit einige Freiheitsgrade auf der Kameraoberseite, um Belichtungs- oder Entfernungsmesser unterzubringen, und das in fast allen Preisklassen. 
Retina's mit Belichtungsautomatik
bzw. Nachführmessung
Ab 1960 wird die Modellvielfalt fast unübersichtlich, denn auch Kodak musste auf den Optima-Schock reagieren und brachte gleich drei im Feature-Set abgestimmte "Retina automatic" (I bis III). Diese Trap-needle Kameras waren aber vergleichsweise wenig erfolgreich, die Kunden kauften wohl lieber das um 100 DM preiswertere Original von Agfa. Daher war schon nach knapp 3 Jahren wieder Schluss mit diesem Belichtungsautomatik-Ausflug. Kodak brachte im Design der automatic-Kameras noch drei letzte Retinas mit Nachführmessung, zwei davon mit eingebautem Blitzbirnchen-Halter, alle wenig erfolgreich. 

Mehr erfolgreich war allerdings die Retina Reflex Serie, mit der Kodak ab 1956 auf den Spiegelreflex-Zug aufsprang. Ich kenne keinen anderen Hersteller, der so konsequent Spiegelreflex in ein bestehendes Kamera-System integriert hat. Die erste Retina-Reflex basierte auf der Retina IIIc, verwendete also viele gleiche Bauteile und auch das selbe Zubehör, sprich die Satz-Objektive (Weitwinkel/ bzw. Tele-Vorsätze). 
Retina Reflex S

Ab 1959 kam dann auch konsequent parallel zur Retina IIIS die Retina Reflex S mit echten Wechselobjektiven (DKL). Die folgenden Updates Retina Reflex III und IV boten hingegen nur noch wenige neue Features, waren aber ab 1960 Kodaks alleinige Speerspitze im High-End Bereich, die Wechselobjektiv-Messsucherkameras IIS und IIIS wurden eingestellt. Ich wäre beinahe einem Druckfehler in Helmut Nagels Buch aufgesessen. Er nennt für die Retina Reflex IV 524,000 Exemplare, was für diese sehr teure Kamera ein enormer Erfolg gewesen wäre. Ich hatte ja schon vor ein paar Jahren die deutsche SLR-Produktion analysiert und dort andere (bessere) Quellen verwendet. Um es kurz zu machen, es ist einfach eine Null zu viel, es waren nur 52,400 Einheiten, was die anderen Quellen bestätigen.  

Kodak's Spiegelreflex-Kameras

1966 ist mit dem bisher so erfolgreichen Einheits-Retina-Gehäuse Schluss, die Verkaufzahlen gehen zurück. Kodak reagiert mit einem neuen Plastikgehäuse für die neue Retina S1/ S2 Serie, die aber auch nur mäßig verkauft werden und 1970 wieder in der Versenkung verschwinden. Daneben werden in Stuttgart nun eine Vielzahl von Instamatic Kamers gebaut, deren Produktionszahlen allerdings unbekannt sind. Immerhin zeigt Helmut Nagel in seinem Buch 36 verschiedene Modelle für beide Instamatic-Kassetten 126 und 110 aus deutscher Produktion.  
Instamatic Reflex

Ein Modell sticht allerdings heraus: Es ist die Instamatic Reflex, die Synthese aus Retina-Reflex und Instamatic. Sie konnte auf die ganze DKL-Objektivpalette zurückgreifen und war mit ca. 78,000 Exemplaren tatsächlich die erfolgreichste der nur insgesamt 5 Spiegelreflexkameras für die 126er-Kassette. Auch wenn auch sie schon einiges an Plastik verbaut hatte, ist sie quasi die letzte Qualitätskamera aus Stuttgart-Wangen, die noch in der alten Nagel-Tradition steht, die mit Kameras wie der Pupille und natürlich der Retina begründet wurde.

So wie Kodak in Stuttgart ging es in den 1970ern einigen anderen westdeutschen Kameraherstellern, aber eben nicht allen. Im Vergleich zu Kodak schlug sich DER europäische Erzkonkurrent AGFA damals noch wacker und konnte sich mit relativ modernen Kameras in den 1970ern zumindest in Europa noch gut gegen die immer stärker werdende japanische Konkurrenz behaupten. Aber auch bei Agfa war 1982 dann Schluss im Kamerawerk in München. Das wird hier vielleicht mal eine andere Geschichte.

2023-10-03

Mimosa II

Die Mimosa sticht auch für versierte Sammler aus der Masse der Kleinbildkameras über die Jahrzehnte wegen ihres besonderen quaderförmigen Designs hervor, sie ist darin einzigartig und bleibt in Erinnerung. Wenn man sich dann mit ihr beschäftigt, merkt man, dass sie technisch eigentlich nichts wirklich Besonderes zu bieten hat. Die sie umgebende Geschichte um ihre Entwicklung, Herstellung und Vermarktung macht dies aber locker wieder wett. Es gibt dort ein paar noch nicht 100%ig aufgeklärte Rätsel. Die meiner Meinung nach beste Darstellung der Fakten liefern Yves Strobelt und Marco Kröger. Meine Interpretation und Kurzfassung geht so:

Wir befinden uns in den Jahren 1947 und 1948, also in der schlimmen Zeit nach dem 2. Weltkrieg, die Dresdener Kameraproduktion, vor dem Krieg strahlendes Zentrum dieser Industrie, liegt am Boden. Die politischen Umstände sind alles andere als klar, viele Menschen verlassen die sowjetische Besatzungszone Richtung Westen. Da taucht im Frühjahr 1948 eine völlig neu konstruierte und sehr solide Kleinbildkamera auf. Als offizieller Hersteller der Kamera und Namensgeber (der inoffizielle im Hintergrund kommt gleich...) gilt der seit 1904 in Dresden ansässige Fotopapier- und Film-Hersteller Mimosa AG, ein fotochemischer Betrieb! Von Feinmechanik und Kamerafertigung hatte man keine Ahnung, Maschinen dafür schonmal gar nicht. Mimosa hatte allerdings das große Glück, dass ihre Fabrikgebäude im Gegensatz zum Großteil der übrigen Kamera- und Fotoindustrie in und um Dresden weitgehend unbeschädigt die Zerstörung Dresdens überstanden hatten. Außerdem gab es in und um Dresden jede Menge arbeitslose aber hochqualifizierte Fachkräfte, die wieder Kameras bauen wollten.

1947 dämmerte die deutsche Teilung und mit ihr die Auflösung des damals noch größten deutschen Kamerakonzerns Zeiss Ikon AG in einen westdeutschen Teil mit der neuen Konzernzentrale in Stuttgart und einen ostdeutschen um die alte Zentrale in Dresden. Viele führende Mitarbeiter verließen Dresden in Richtung Stuttgart und man stritt nicht nur um Vermögenswerte und Know-How sondern noch lange um den (Marken-) Namen Zeiss Ikon. In Dresden hatte man diese neue Kamerakonstruktion in der Schublade und wollte wohl vermeiden, dass sie mit in die Streitmasse geriet. Daher wurde der vordergründig unbeteiligten Mimosa AG eine neue Kameraabteilung „angegliedert“ (wie sich Hartmut Thiele in seinem „Wer ist Wer“ ausdrückt). 

Man schlüpfte also nicht nur in Wirklichkeit unter deren Dach, sondern auch rechtlich gehörte die nun Mimosa I genannte Kamera und deren Produktionsmaschinen etc. zur alten Fotochemiefirma. Innerhalb weniger Wochen geschah im Frühjahr 1948 folgendes: Der Aufsichtsrat der Zeiss Ikon AG beschließt die Verlegung des Gesellschaftssitzes nach Stuttgart, woraufhin die sowjetische Besatzungsmacht die Beschlagnahmung der ostdeutschen Vermögenswerte bestätigt, was faktisch die Spaltung zementierte. Mehr oder weniger gleichzeitig präsentiert die Mimosa AG ihre neue Kamera auf der Leipziger Frühjahrsmesse und die Fachwelt wundert sich. Am Ende ihrer Bauzeit 1951 übernimmt der zwischenzeitlich VEB Zeiss Ikon genannte ostdeutsche Teil der Firma offiziell Maschinen und Belegschaft der Mimosa Kameraproduktion und produziert in denselben Räumen ab 1952 die erfolgreichere Taxona (Tenax I Nachfolgerin). 

Doch nun zur Kamera selbst: In einem frühen Artikel wird ihre "besonders griffige Form" und das Fehlen von "Spreizen und Klappmechanismus" als Vorteile hervorgehoben. Ich muss zugeben: kompakt ist sie, allerdings keinesfalls "griffig". Um sie mit nur einer Hand zu halten, ist sie eigentlich zu schwer (fast 500 g mit Film!) und an den Seiten zu schmal. Beim zwangsläufigen Halten mit beiden Händen kommen diese sich selbst und den Einstellelementen in die Quere. Von Ergonomie also keine Spur. Allerdings ist sie super solide gebaut (Aluminium-Gussgehäuse) und die sehr pfiffig angebrachte und komplett abnehmbare Einheit von Rückwand und Bodenplatte kann die Verwandschaft zur Contax nicht verleugnen. Die beiden verfügbaren Triplet-Objektive mit Frontlinsenfokussierung sowie die angebotenen Verschlüsse sind hingegen nur Mittelmaß und passen nicht so recht zum doch sehr stattlichen Preis von 225 Mark.

Es gab im Prinzip drei Versionen der Mimosa: Die von Anfang an "Mimosa I" genannte Version (1948, bis zu 3000 Exemplare) hatte noch einen angeschraubten Aufklappsucher. Diese "Mimosa II" hier (1949-1951) repräsentiert die Mehrheit (ca. 15000 Exemplare) aller je produzierten Kameras und kann durch den ins Gehäuse integrierten optischen Sucher identifiziert werden. Die dritte Version mit Schneckengang zur Fokussierung mit dem gesamten Objektiv kam im Frühjahr 1951 auf den Markt, wurde aber weiter mit "Mimosa II" beschriftet. Auch hiervon existieren wohl nur bis zu 3000 Exemplare. Von den genannten Versionen existieren darüberhinaus unzählige Varianten: mit und ohne Gurtösen, mit schwarzem oder silbernen Rückwandhebel, verschiedene Verschlüsse und Objektive und entsprechend viele Kombinationen.
 
Vielleicht war der Schneckengang auch nur der erste Schritt hin zur angedachten "Mimosa III", die wohl schon seit Ende 1949 in Planung war und Schnellschalthebel und Entfernungsmesser bieten sollte. Realisiert wurde diese nicht mehr, der Aufwand war wohl zu groß und man musste sich heimlich eingestehen, dass die Mimosa insgesamt ein interessantes Experiment war, es am Markt aber inzwischen bessere und preiswertere Alternativen auch aus eigenem (VEB Zeiss Ikon) Hause gab. Die Mimosa ist aber heute mit nur ca. 21000 Exemplaren, den unzähligen Varianten und der tollen Geschichte dahinter eine exzellente Sammlerkamera, die jetzt auch meine Vitrine ziert.

Datenblatt kompakte Kleinbildkamera - frühe Nachkriegsneukonstruktion mit interessanter Geschichte dahinter
Objektiv Meyer Trioplan 50 mm f/2.9 (Triplet, vergütet). Kamera war auch erhältlich mit Ludwig Meritar (gleiche Spezifikation).
Verschluss Prontor-S (B-1-2-5-10-25-50-100-300), auch erhältlich mit "eigenem" Mimosa Velax (B-10-25-50-100-200) Selbstspannverschluss. Frühe Versionen auch mit Stelo-Verschluss
Fokussierung per Frontlinsenverstellung am Objektiv, minimal ca. 1.30 m. Eine spätere Version der Kamera (siehe Text) hatte einen Schneckengang für Verschiebung des gesamten Objektivs.
Sucher optischer Fernrohrsucher im Kameragehäuse. Die Mimosa I hatte nur einen angeschraubten Aufklappsucher (siehe Text).
Blitz PC-Synchronbuchse am Verschluss, allerdings kein Zubehörschuh.
Filmtransport Mit Drehknopf auf der Kameraoberseite, Doppel- und Leerbelichtungssperre, Bildzählwerk (vorwärts).
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', ISO-Drahtauslösergewinde, Filtergewinde 25 mm
Maße, Gewicht 95x73x72 mm (Gehäusequader ohne Objektiv und Anbauteile: 95x66x49), 453 g
Baujahr(e) 1949-1950 (gesamte Serie 1948-1951), insgesamt ca. 21000 Exemplare, diese #9885 von ca. 1950.
Kaufpreis, Wert heute 225 Mark, ca. 40 - 100 € je nach Version und Ausstattung.
Links Camera-Wiki, ZeissikonVEB, Andere Dresdener Kameras, Mike Eckman
Bei KniPPsen weiterlesen Tenax I, Tenax II, Contax II, andere Post mit Bezug zu Dresden

2023-09-16

Adox 300

Die Wirtschaftswunder-50er Jahre in Westdeutschland brachten auch im Kamerabau einige seltene Blüten hervor, und diese Adox 300 ist eine davon. Alles technisch denk- und machbare wurde auch realisiert und kam auf den Markt, unabhängig davon, ob ein technisches Feature (hier: das Wechselmagazin) auch wirklich gebraucht wurde. Andere Beispiele aus meiner Sammlung in dieser Kategorie sind die Durst Automatica (unvollständig implementierte Zeitautomatik), die Witt Iloca Electric (eingebauter elektrischer Motor) oder die Wirgin Edixa electronica (elektromotorische Vollautomatik). Der Adox 300 und den anderen genannten Kameras ist gemein, dass sie seltene Blüten blieben, d.h. es verkauften sich nur ein paar Tausend Exemplare und keine davon dürfte die Entwicklungskosten des speziellen Features wieder eingespielt haben. Im Gegenteil: Der finanzielle Schaden war zum Teil so groß, dass keiner der genannten Kamerahersteller danach noch länger als solcher existiert hat.  

Aber der Reihe nach und zu dieser schicken Kleinbildkamera der Dr. C. Schleussner Fotowerke GmbH, besser unter ihrem (Film-) Markennamen ADOX bekannt. Zur Geschichte dieser Firma hatte ich bei der Adox Golf schon was geschrieben. Die Adox 300 ist eine sehr solide gebaute, aber ansonsten eher einfach gehaltene Sucherkamera mit fest eingebautem Objektiv. Der Compur-Synchro-Zentralverschluss und der eingebaute aber ungekuppelte Selenbelichtungsmesser sind gehobener Standard, sowas gab in den späten 50ern von fast jedem renomierten Kamerahersteller (z.B. Voigtländer Vito BL, Zeiss Ikon Contessa, Kodak Retinette IIB, Braun Super Colorette IB). Das besondere an der Adox 300 ist das 1956 im Kleinbildbereich einmalige Wechselmagazin für den Film, was es dem Fotografen erlaubt (weitere optional erhältliche extra Magazine für je 56 DM vorausgesetzt) mitten im Film, ggf. mehrfach hin und her, verlustfrei von Schwarz-Weiss zu Farbe oder von Dia- auf Negativ-Film zu wechseln.
Das Magazin ist quasi die halbe Kamera, enthält es doch die gesamte Filmführung inklusive Aufwickelspule, Bildzählwerk und Rückspulkurbel. Zusätzlich bedarf es natürlich eines metallenen, flexiblen Schiebers, der das Filmfenster lichtdicht verschließbar macht und Kupplungen zum Rest der Kamera für Filmtransport und um eben diesen Schieber zu bedienen. Außerdem gibt es zwei Merkscheiben für Filmmaterialart und -Empfindlichkeit, die (wie das Bildzählwerk auch) durch Fenster in der äußeren Kamera sichtbar sind. Nachtrag (10. Mai 2024: Ich habe inzwischen ein zweites Magazin zur Kamera, siehe hier). 

Das Magazin verschwindet also komplett in der Kamera, dahinter geht eine fast normale Rückwand zu. Ohne Magazin funktioniert die Kamera natürlich nicht, darin unterscheidet sich die Adox 300 von Zeiss Ikon‘s späteren SLR Modellen Contarex und Contaflex, bei denen eine normale Rückwand durch ein optionales Magazin ersetzt werden konnte (aber nicht musste). Wo wir gerade dabei sind: Es gab noch wenige andere Kleinbildkameras mit Filmwechselmagazinen: Die beiden Rolleiflex SL2000F und SL3003, sowie die Mamiya Magazine 35, die 1957 auf den Markt kam und bezüglich Markterfolg das Schicksal mit der Adox teilte. Die allererste Kleinbildkamera mit diesem Feature war allerdings die Kodak Ektra von 1941 und daneben noch viele weitere Schmankerl wie Wechselobjektive und Messsucher bot. 
Aber nochmal zurück zum Magazin, der eigentlichen Erfindung hinter der Kamera: Das Deutschen Patent 1 044 601 wurde am 20.4.1956 angemeldet und am 20.11.1958 den Adox Fotowerken erteilt. Erfinder waren die Adox-Ingenieure Hermann Ploss und Hans Hell. Die beiden hatten an alles gedacht, damit der Magazinwechsel wirklich auch beim dümmsten anzunehmenden Nutzer ohne Bildverlust und Fehlbedienung vonstatten geht. Dazu mussten sie einige mechanische Sperren vorsehen, die ich versucht habe im Schaubild links zu skizzieren. Um es kurz zu machen: Das Magazin kann nur gewechselt werden nachdem ein Bild gemacht wurde, aber bevor der Verschluss wieder gespannt und der Film transportiert wurde. Nur dann läßt sich der Magazinschlüssel drehen, wobei das Magazin mit einem metallischen Schieber lichtdicht verschlossen wird, danach poppt die Rückwand auf. 
Leider gibt es einen eher zufällig auftretenden Zustand, bei dem in dieses sonst so geniale Sperren-Räderweg eingegriffen werden muss: Wenn nach dem letzten Bild der Film zu kurz ist, um einen ganzen Spannvorgang zu machen, dann verbleibt das System in einem komplett gesperrten Zustand und nichts geht mehr, sogar die Rückwand bleibt zu. Nur dafür gibt es dann ein kleines Hebelchen neben dem Sucherokular. Wenn man dies gedrückt hält, kann man den Verschluss zu Ende spannen, ohne den Film zu transportieren. Danach muss man noch einmal den Auslöser drücken (mit aufgesetzter Objektivkappe), dann kann man den Magazinschlüssel wieder drehen.

Wer aber brauchte ein Wechselmagazin wirklich, bzw. war bereit dafür extra zu bezahlen? Nicht so viele, wie sich herausstellen sollte. Laut Seriennummern wurden nur knapp 9000 Exemplare der Kamera und ungefähr doppelt so viele Magazine verkauft. Mit 298 DM plus 56 DM für ein zweites Magazin kostete die Kamera 57% mehr als eine Braun Super Colorette IB (225 DM), die ansonsten fast identisch ausgestattet war und sogar noch einen gekuppelten Entfernungsmesser besaß. Für 352 DM bekam man 1956 auch die Einstiegs-Leica (1f mit 50 mm f/3.5 Elmar, Quelle: Photo Porst Katalog). Profis und betuchte Amateure, die wirklich parallel mit zwei Filmen operieren wollten, hatte entsprechend zwei Kameras. Laut McKeown gab es Pläne für eine Adox 500, die die für eine halbprofessionelle Kamera fehlenden Ausstattungsmerkmale (gekuppelter) Entfernungsmesser und (DKL?) Wechselobjektive gebracht hätte. Natürlich hätte das die Attraktivität der Kamera erhöht, mit Wechselmagazin wäre sie aber wieder teurer als ihre direkten Konkurrenten ohne solches gewesen.

Ich denke Adox fehlte auch das Geld dafür. Immerhin bewiesen sie ein paar Jahre lang Geduld und versuchten die 300 unters Volk zu bringen. 1962 wurde die Firma ja an DuPont verkauft. Ob nur der Tod von Carl Adolf Schleussner die treibende Kraft hinter dem Verkauf war, oder gar eine finanzielle Schieflage verursacht von der defizitären Kamerasparte, kann ich von heute aus nicht mehr beurteilen. 

Zumindest das Magazin hat die Kamera überlebt: Adox verkaufte die Rechte an dem Patent und auch wohl die Werkzeuge zur Herstellung an die Firma Leitz, die es noch lange für ihre Mikroskopkamera Orthomat im Programm hatte. So findet man heute auch Magazine mit Leitz Logo, sogar in unterschiedlichen Farben. Alle Leitz-Magazine passen in die Adox 300. Auch wenn Leitz (im Gegensatz zu Adox) die Patentnummer 1,044,601 auf die Magazine druckt, handelt es sich noch lange nicht um ein Leitz-Patent, wie eine unten zitierte Quelle schreibt. Dies wurde definitiv den Adox Fotowerken erteilt.


Datenblatt Kleinbildsucherkamera mit Wechselmagazin
Objektiv Steinheil Cassar 45mm f/2.8 (Triplet), Kamera war auch mit dem hochwertigeren Schneider Xenar 45 f/2.8 (Tessar Typ) erhältlich.
Verschluss
Synchro-Compur Zentralverschlass, B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500 (1/s). Einige Kameras auch mit Compur-Rapid bei ansonsten gleicher Spezifikation und Ausstattung.
Belichtungsmessung Eingebauter, ungekuppelter Selenbelichtungsmesser (Bewi Automat) mit Lichtwertanzeige. Aktivierung per Knopfdruck.
Fokussierung Manuell per Frontlinseneinstellung, kürzeste Entfernung 0,9 m.
Sucher einfacher, optischer Sucher.
Blitz Anschluss per PC-Buchse, umschaltbar M und X.
Filmtransport Schnellspannhebel auf der Kameravorderseite, links neben dem Objektiv. Bildzählwerk (rückwärts, Teil jedes Film-Magazins)
sonst. Ausstattung Wechselmagazin für beliebigen verlustfreien Filmwechsel mitten in der Rolle, ein zweites optionales Magazin vorausgesetzt. Selbstauslöser, Filtergewinde 32mm, Zubehörschuh, Iso-Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 1/4'', Merkscheiben für Filmart und -empfindlichkeit an jedem Magazin. Trageösen sowie optionale Bereitschaftstasche aus Leder.
Maße, Gewicht ca. 143 x 90 x 67 mm, 834 g (592 g + 242 g Magazin, ohne Film)
Baujahr(e) 1956-1962, diese #003323 ca. 1957, Magazin #007732, insgesamt weniger als 9000 Kameras.
Kaufpreis, Wert heute 298 DM (1957), heute ca. 200 €
Links Camera-Wiki, Photobutmore, Harrisson, DBP1044601, USP 2,980,000, Classic Camera Collection
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Zweites WechselmagazinAdox GolfWitt Iloca ElectricDurst AutomaticaWirgin Edixa electronica, DKL, Braun Colorette, Zeiss Ikon Tenax II, Mittelformat mit Wechselmagazin

2023-08-21

SIDA


Kleine Kamera GANZ GROSS! Das Bild zeigt die Sida auf den meisten Monitoren in ca. doppelter Größe, ihre wahren Dimensionen stehen unten in der Tabelle. Am Besten ist sie mit einer Streichholzschachtel zu vergleichen, die an beiden Seiten jeweils eine AA-Batterie angeklebt hat. Es ist (neben der ähnlichen Simplex Snapper) die kleinste Boxkamera in meiner Sammlung. Auch wenn sie keine Boxform hat gehört sie mit Fixfokus-Meniskus und Einfachverschluss definitiv in diese Klasse. Gefertigt ist sie aus drei Teilen Zink-Druckguss: abnehmbare Rückwand, eigentlicher Kamerakörper und die rechteckige Verschlusskappe mit dem Objektiv im Zentrum. Nimmt man diese ab, kommt der einfache Selbstspannverschluss zum Vorschein, der auch nur aus drei Blechteilen, drei Schrauben und einer Feder besteht. Insgesamt hat die Kamera weniger als 30 Einzelteile und ist zudem wegen der Ganzmetallkonstruktion super robust.

Der Verschluss meines Exemplars funktionierte nicht mehr. Korrosion hatte zugeschlagen, die ich aber mit feinem Schmirgelpapier entfernen konnte. Jetzt geht er wieder und auf dem GIF links kann man gut die Funktionsweise für Momentaufnahmen („M“, ca. 1/25 s) sowie Zeitaufnahmen („T“, Schieber Links oben) erkennen. 

Bei meiner Kamera fehlt leider der Drehknopf für den Filmtransport (oben auf dem rechten Zylinder). Dafür war noch eine Spule für den speziellen Sida-Rollfilm mit Rückseitenpapier in der Kamera. Dieser ist 32 mm breit (nicht 35 mm, wie manchmal behauptet wird!) und bot 10 Aufnahmen vom Format 25x25 mm. Auf der Kamerarückseite ist das Rollfilm-typische rote Fenster, die Unterseite hat ein Stativgewinde mit sehr unüblich kleinem (3mm) Gewinde, die Oberseite einen winzigen Fernrohrsucher, gerade noch so zum groben Anpeilen des Motivs geeignet. 


Der einlinsige Meniskus hat eine angegebene Brennweite von 35 mm und wird mittels eingelegter Unterlegscheibe auf f/8 abgeblendet. Damit ergibt sich eine akzeptable Tiefenschärfe für das Fixfokusobjektiv sowie eine durchschnittliche Belichtung für mittlere Beleuchtungssituationen draußen. Viel sollte man aber nicht von der Qualität der Aufnahmen erwarten. Diese ist eher bescheiden bis ungenügend, wie die fünf Originalaufnahmen beweisen, die ich mit großer Freude zusammen mit der Kamera auspacken durfte. Es handelt sich um Kontaktabzüge im Briefmarkenformat, mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Ich hab sie mit 2400 dpi eingescannt und etwas digital aufgepeppt. Vielleicht könnte man aus echten Vergrößerungen noch etwas mehr rausholen, aber das hat sich wohl kaum einer der Kameranutzer wirklich geleistet. 


Die Sida (der Name kommt angeblich von "Sieh da!") ist eine Kreation von Fritz Kaftanski (*18.11.1899), einem deutschen Erfinder und Kameraunternehmer, der wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis fliehen und auch sich selbst und seine Kamerafirmen immer wieder neu erfinden musste. Am Ende war er insgesamt an 9 Kamerafirmen maßgeblich beteiligt gewesen und starb 1988 hochbetagt in seiner neuen Heimat Frankreich. Die "Sida Gesellschaft für photographische Apparate mbH" wurde 1934 von zwei Geschäftspartnern in Berlin gegründet, er selbst blieb im Hintergrund. 1936 kam die kleine Kamera auf den Markt, Kaftanski musste 1937 nach Prag in die Tschecheslowakei fliehen, wo er wieder eine neue Firma gründete und die Kamera auch dort produzierte. Am Ende gab es wohl noch weitere Produktionsstätten (England, Polen, ...) und Varianten aus Bakelit statt Metalldruckguss. Aber die Geschichte von Fritz Kaftanski und den mit ihm verbundenen Kameras arbeite ich vielleicht ein anderes Mal auf.
Wie erfolgreich die Sida in den wenigen Jahren vor und auch während des 2. Weltkriegs wirklich war, läßt sich im Nachhinein schwer rekonstruieren. Auf der einen Seite war sie billig zu bekommen, und damit eine gute Einstiegskamera für die breite Masse. Auf der anderen Seite war vermutlich der spezielle Rollfilm nicht überall verfügbar und auch wegen seiner unüblichen Breite nicht von jedem Labor zu entwickeln. Ich glaube, dass auch die Nutzer nach schon wenigen Filmrollen von den Ergebnissen enttäuscht und vom entsprechend aufwändigen Filmhandling frustriert waren und sich entweder besseren Kameras zuwandten oder ganz die Finger von der Fotografie ließen. 
Als Sammelgegenstand taugt die Sida aber allemal, wegen der vielen Varianten und der intersessanten Geschichte dahinter.

Datenblatt Einfachkamera für Sida-Rollfim (25x25 mm)
Objektiv Meniskus 35 mm f/8.
Verschluss Selbstspann-Verschluss M (1/25 s) und T.
Fokussierung Fixfokus
Sucher einfacher Fernrohrsucher
Filmtransport Mit Drehrad auf der Kameraoberseite. Kontrolle über rotes Rückseiten-Fensterchen.
sonst. Ausstattung Stativgewinde ca. 3 mm, lederne Kameratasche
Maße, Gewicht ca. 70x50x40 mm, 180 g
Baujahr(e) ca. 1936, verschiedene Varianten bis 194x. Vermutlich mehrere 10-Tausend Exemplare
Kaufpreis, Wert heute 1,50 RM (1936), ca. 10-30€ je nach Zustand und Zubehör.
Links Camera-Wiki, Submin.com, Fotofex Camerapage, Collection Appareils, Wikipedia-Artikel über Fritz Kaftanski (französisch)

2023-07-09

Baby Minolta

Diese Baby Minolta lief mir schon letzten Sommer über den Weg, ich habe wegen des günstigen Preises zugeschlagen und sie dann erstmal lange im Regal stehen lassen. Sie ist meine erste Vorkriegskamera aus Japan, passt noch einigermaßen in meine 3x4-Kamerasammlung und auch noch zu der einen oder anderen Bakelit-Kamera, die ich schon habe. Ich habe solange mit einem Post hier gezögert, weil ich dachte, mich noch tiefer in die japanische Vorkriegs-Kamerageschichte einlesen und -arbeiten zu können. Dazu bin ich leider bisher nicht gekommen. Über die Baby-Minolta gibt es allerdings einen exzellenten Artikel bei Camera-Wiki, auf den ich an dieser Stelle verweisen möchte.

Die Baby Minolta ist ein Zweiformat-Kamera, 
per einsetzbarer Blechmaske kann von
4x6.5 auf 3x4 umgebaut werden.  

Aber auch diesen Informationen sollte man nicht ungefiltert trauen. Ich wurde beim Objektiv skeptisch, das mit 75-80 mm f/8 abgeschätzt wurde. Nun habe ich ja ein eigenes Exemplar in den Händen und kann nachmessen, was an offiziellen Angaben zum Objektiv fehlt. Ich gehe mal davon aus, dass die Info mit dem verkitteten 2-linisgen Meniskus stimmt, zumindest letzteres ist sehr plausibel wegen der gebogenen Rückwand, die zumindest teilweise (in einer Achse) der gewölbten Bildebene der Einfachoptik folgt. Aber egal ob es nur eine Linse wäre oder eine verkittete Gruppe aus zweien, die Hauptebene läge innerhalb des Glases. Damit kann man mit dem Lineal bis zur Filmebene messen und da komme ich auf ca. 60 mm Brennweite. Ähnlich geht das mit der maximalen Öffnung (gemessen in der B-Stellung: ca. 4-5 mm), damit ergibt sich ca. f/12. Ich habe natürlich auch noch andere Internet-Quellen gesucht und bin bei einer japanischen Seite fündig geworden, der wohl auch selbst nachgemessen hat. 60 mm macht auch für diese Zweiformat-Kamera Sinn, für 4x6.5 wären eigentlich 75 mm "normal", bei 3x4 50 mm, daher ist 60 ein guter Kompromiss.  

Mein Exemplar ist nicht besonders gut erhalten, wie man an den Bildern sieht. An einer Ecke fehlt etwas Bakelit, der (Kunst-)Lederbezug blättert zum Teil ab und eines der beiden roten Fensterchen auf der Rückseite fehlt. Reste eines Klebestreifen lassen sich leider nicht ohne weiteren Schaden entfernen. Filmtransport und auch der Verschluss funktionieren anscheinend tadellos und auch der Objektivtubus lässt sich rausziehen und rastet per Drehung ein. Mit ein bisschen Improvisieren könnte ich also ggf. einen Film riskieren (wenn der nich so schwierig zu bekommen wäre). Vielleicht ergattere ich ja irgendwann eine andere japanische Vorkriegskamera, dann nehme ich den Faden hier wieder auf...

Datenblatt einfache japanische Vorkriegskamera aus Bakelit für 3x4 und 4x6.5 auf 127er Film
Objektiv 2-linsiger verkitteter Meniskus, ohne nähere Angaben. Vermutlich (siehe Text) 60 mm f/12.
Verschluss Selbstspann-Zentralverschluss B-100-50-25
Fokussierung Fix-Fokus. Rückwand und Filmführung sind gekrümmt
Sucher Einfacher Aufklapp-Rahmensucher (4x6.5) mit senkrechten Streben als 3x4 Markierung
Filmtransport Mittels Drehrad auf der Kameraoberseite, zwei rote Rückseitenfenster für Bildnummern auf dem Rückseitenpapier.
sonst. Ausstattung herausnehmbare Blechmaske für 3x4, versenkbares Objektiv, Stativgewinde 1/4'', Zubehör: Kameratasche.
Maße, Gewicht ca. 54x72x120 mm (Objektiv eingeschoben), 297 g.
Baujahr(e) 1935-1940, dieses 2. Modell ca. 1936, insgesamt 30,000 bis 50,000 Exemplare.
Kaufpreis, Wert heute ¥9.50 (1936) + ¥2.00 für die Tasche, heute je nach Zustand 50-150€
Links Camera-Wiki, Collectiblend, Subclub, Ranzosha

2023-06-17

WERRA

Heute, zum 70. Jahrestag des Volksaufstands in der ehemaligen DDR am 17. Juni 1953 präsentiere ich die zugehörige Kamera. Nein, die Kamera selbst gab es damals noch nicht, aber sie ist eines der greifbaren Ergebnisse des "Neuen Kurses", den die SED-Führung im Mai 1953 verkündet hatte. Die Details und wie das alles zusammenhängt, kann man in Marco Krögers tollem Aufsatz und in Geschichtsbüchern zur DDR nachlesen. Jedenfalls sollten mehr Konsumgüter statt Schwerindustrieprodukte produziert werden und der DDR zum Wirtschaftswunder a la BRD verhelfen. 

Warum dann gerade der Optik-Spezialist Carl Zeiss Jena am bisher auf Ferngläser spezialisierten Standort Eilsfeld in Thüringen (nahe der Quelle der Werra, daher der Name) eine Volkskamera bauen sollte, bleibt mir auch nach der Lektüre vieler Artikel zur Kamera immer noch rätselhaft. In Dresden und Umgebung hätte es genügend Kameraexpertise gegeben, aber vielleicht ging es ja gerade auch um das Schaffen von Arbeitsplätzen im strukturschwachen Thüringen.

Aber gerade die bisher im Kamerabau unbedarften, aber hochbegabten Ingenieure Werner Broche und Kurt Wagner schufen ein sehr innovatives und modernes Kamerakonzept, das von Anfang an eine im Featureset abgestufte Serie vorsah. Die Werra I bis V genannten Modelle unterschieden sich in ihrer Ausstattung mit Details (z.B. eingebauter Belichtungsmesser, Messsucher, oder Wechselobjektive). Der Grundkörper aus Aluminiumspritzguss und viele Einzelteile blieben bei allen Modellen dieselben, was neben vielen anderen pfiffigen Detaillösungen auch eine effektive und kostengünstige Produktion der Kamera(s) ermöglichte. Ich möchte die Werra daher gerne in eine Reihe mit anderen später erfolgreichen Kameraserien wie der Olympus XA oder der Minox 35 stellen. 

Ein wesentliches Konstruktionsmerkmal hatten sich die Werra-Designer von der Tenax abgeguckt: Der Zentralverschluss sitzt auch hier hinter (!) und nicht mehr im Zentrum des Objektivs. Dies ermöglicht eine kompakte und modern wirkende Konstruktion. Der Schnellspannhebel der Tenax hätte allerdings auch der WERRA gut gestanden. Ich musste nämlich feststellen, dass deren Drehring zwar schick aussieht und die Kamera elegant macht, aber nicht besonders ergonomisch zu betätigen ist.

Die Kameraserie kam dann im zweiten Halbjahr 1954 auf den Markt. Bis 1968 wurden die fünf Grundmodelle in drei Generationen produziert, was zu 22 verschieden Versionen und mehr als vierzig Varianten führte. Insgesamt wurden mehr als 560.000 Kameras gebaut und verkauft. Ein tolles Feld für Sammler, die meines Erachtens beste Seite für den Einstieg ist diese hier

Mein Exemplar (#76362) gehört zur zweiten Serie des lediglich WERRA genannten Grundmodells und ist wohl noch in 1954 (oder Anfang 1955) produziert worden. Es hat die charakteristischen Features: Die zur Schutzkappe umfunktionierbare Sonnenblende, Verschlussaufzug und (!) Filmtransport durch Drehring um das Objektiv, welches auch alle anderen Einstellelemente beheimatet (Fokus, Blende, Verschlusszeit). Dadurch verbleibt auf der ansonsten blanken Kameraoberseite nur der eingelassene Auslöser. Die Kameraunterseite hat dafür die Elemente, die man nicht immer braucht: Rückspulkurbel, Stativgewinde und Bildzählwerk. Charakteristisch für die Kamera war in ihren ersten Jahren auch der grüne Vulkanit-Bezug: ein Kunstleder, für das der technische Direktor Rudolph Müller verantwortlich zeichnete. Aus diesem Material war auch der anfänglich erhältliche weiche Reißverschlussbeutel. Beides wurde mit der zweiten Kamerageneration Ende der 1950er wieder zugunsten einer klassisch-schwarzen Belederung und einer traditionellen Bereitschaftstasche aufgegeben.
Mein Exemplar wurde zur Reinigung und
inneren Inspektion rudimentär zerlegt... 

Mein Exemplar hat aber auch zwei historisch interessante Merkmale, die nicht alle WERRA Kameras haben: Zum einen den Compur-Rapid (#8646122, Baujahr 1952 in München!) und zum anderen die markenlose Beschriftung des Objektivs (T statt Tessar und einfach Jena statt Carl Zeiss Jena). 

Beides hat mit dem sich verschärfendem Ost-West-Konflikt und dem aufkeimenden kalten Krieg Anfang der 1950er zu tun. Das wesentliche Zentralverschluss-Knowhow gehörte zwar zum Zeiss-Konzern war aber komplett bei Deckel und Gauthier in Westdeutschland beheimatet. Die DDR musste daher erstmal dieses Rad neu erfinden und eigene Expertise aufbauen. Das war zum Beginn der Werra-Produktion noch nicht soweit, so dass viele Kameras noch teure Compur-Verschlüsse eingebaut bekamen, die meisten allerdings den Synchro-Compur, nur wenige den Rapid

Der Markenstreit zwischen Carl Zeiss Ost und West eskalierte gerade zur Markteinführung der Werra im Jahr 1954. In der anfänglichen Verunsicherung wurde wohl für einige Kameras, die für den West-Export vorgesehen waren, die Marken Carl Zeiss und Tessar einfach weggelassen. Ansonsten gäbe es noch viele weitere Details zu erwähnen. Allerdings gibt es schon viele Seiten im Netz, die sich mit der Werra befassen (siehe Links unten), ich möchte nicht alles nur wiederholen.


Datenblatt kompakte Kleinbild-Sucherkamera (24x36)
Objektiv Carl Zeiss Jena Tessar 50 mm f/2.8 (4 Linsen, 3 Gruppen), "Jena T", #4242160. Die Grundversion war auch mit dem Novonar 50 mm f/3.5 (Triplet) erhältlich. Die späteren Modelle mit Messsucher besaßen auswechelbare Objektive, verfügbar neben dem Tessar: Flektogon 35 mm f/2.8, Cardinar 100 mm f/4.
Verschluss Compur Rapid bzw. Synchro-Compur Zentralverschluss hinter dem Objektiv, zu spannen mit dem breiten Drehring um den Verschluss herum, der auch den Film transportiert. B-1-2-5-10-25-50-100-250-500 1/s. Spätere Modelle hatten den Vebur 250, Prestor RVS 500, oder Prestor RVS 750.
Belichtungsmessung Keine. Die späteren WERRA II, IV und mit eingebautem Selen-Belichtungsmesser.
Fokussierung Manuell am Objektiv, kürzeste Entfernung 0.90 m. Ab Modell III ff. Messsucher mit Schnittbild-Entfernungsmesser. 
Sucher Einfacher Durchsichtsucher (1x) mit Glasblock. Ab Modell III ff. komplexer Messsucher mit Schnittbild-Entfernungsmesser. 
Blitz Synchronbuchse (alle Modelle), nur späte Modelle hatten einen Zubehörschuh.
Filmtransport Mittels zentralem Spannring um das Objektiv. Rückspulrad, vorwärtszählendes Bildzählwerk auf der Kamera-Unterseite. Spezielle Filmspreiz-Führung für bessere Planlage.
sonst. Ausstattung 3/8'' Stativgewinde, ISO-Drahtauslöseranschluss, Kameragurt-Ösen, Sonnenblende, die umgekehrt als Objektivschutz aufgesteckt wird. (Kunst-)lederne Reißverschlusstasche.
Maße, Gewicht 117x72x80 mm, 450g (inkl. Sonnenblende)
Batterie keine
Baujahr(e) 1954-1955 (dieses Grundmodell), gesamte Serie: 1954-1968, insgesamt ca. 560.000 Kameras, davon ca. 281.000 des einfachen Grundmodells/Werra I.  
Kaufpreis, Wert heute 100 Mark (1954), andere Modelle siehe hier. Heute je nach Zustand und Modell: ca. 20 - 40 €, Wechselobjektive z.T. deutlich mehr.
Links Camera Manual (english)ZeissIkonVEB, Les WERRA, Alfred KlompLippisches Kameramuseum, Camera-Wiki, Dirapon.be, Wikipedia, Optiksammlung.DE, Chris Osborne, Mike Eckman