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2021-01-01

Vest Pocket Kodak Autographic Special



1901 Brownie No.2, Rollfilm 120
1912 Vest Pocket Kodak, Rollfilm 127
1934 Retina, 135er Patrone
1964 Instamatic 100, 126 Kassette
1972 Pocket Instamatic, 110 Kassette
1982 Kodak Disc 4000, Disc Film
Kodak Meilensteine bei der Einführung neuer Filmtypen
George Eastman hatte seiner Firma Eastman Kodak den griffigen Slogan "You press the button - We do the rest!" verpasst und sich ganz klar auf die fotografischen Laien als Zielgruppe konzentriert. Dabei hat er immer wieder erfolgreich neue (Massen-) Märkte erschlossen und nicht ganz uneigennützig gleichzeitig ein neues Filmformat eingeführt. Denn die von Kodak selbst produzierten, meist einfachen Kameras waren nur Mittel zum Zweck, und das hieß Filme verkaufen und damit den Gewinn machen. Die meisten anderen Meilensteine dieser Art habe ich hier schon vorgestellt, siehe die Liste links. Diesmal geht es also um den Rollfilm 127 und der wurde mit dieser Kamera 1912 eingeführt. 
Erstmalig gab es eine Kamera, die nicht nur einfach zu bedienen war, sondern die man immer dabei haben konnte, weil sie in die Westentasche passte. Und daher bedurfte es keines Kunstnamens, sondern sie hieß einfach Vest Pocket Kodak, der zugehörige nur 46 mm breite Rollfilm für 8 Aufnahmen a 4 x 6.5 cm, wurde entsprechend Vest Pocket Film ("VP") genannt. 
 
Die Kamera besteht im Wesentlichen aus gepresstem und schwarz lackiertem Aluminium-Blech, das eine nur 1 Zoll (2,54 cm) dicke "Dose" formt. Das zunächst sehr einfache Meniskus-Objektiv und der Verschluss sitzen im Zentrum der Frontplatte, die mittels eines Spreizenmechanismus in die Fotografierposition herausgezogen werden kann, dazwischen ein lichtdichter Lederbalgen. Der Filmtransport passiert super simpel mit einer Flügelschraube, kontrolliert durch ein rotes Fensterchen auf der Rückseite, durch das man die Zahlen auf dem Papierträger des Films lesen kann. Garniert wird das Ganze noch durch einen Brilliantsucher und einen Ausklappständer.  Dieses sogenannte "Standardmodell" kommt 1912 für nur US$ 6 auf den Markt und wird sofort ein Erfolg. 


Aber so wie heute bei den Smartphones kommen schnell Updates, das erste davon war das Autographic feature, etwas was nur Kodak (wg. Patentschutz) bieten konnte und wieder etwas für die Kundenbindung. Ab 1915 kamen dann auch besser ausgestattete Modelle der Kamera. Das hier abgebildete "Special" stammt von ca. 1918 und hat einen schicken (nach 102 Jahren recht abgegriffenen) Lederüberzug und ein deutlich besseres (anastigmatisches) Objektiv. Ein fast genau solches Modell hat auch Ansel Adams als 15-jähriger bei seinem zweiten Besuch im Yosemite National Park benutzt. Es gehört heute dem George Eastman House in Rochester, NY. 

Mit über 1.8 Millionen Exemplaren war die Kamera ein früher Megaseller und passt auch als solcher gut in meine Sammlung (siehe auch die anderen hier und hier). Für alles weitere möchte ich auf die guten Links im Internet unten verweisen. 

Datenblatt erste "Westentaschen"-Kamera für den 127er Rollfilm,
diese hier die "Autographic Special" Version, mit Lederbezug und Autographic Feature
Objektiv Kodak Anastigmat F/7.7 (ca. 87 mm Brennweite, vermutlich Dreilinser von Typ Cooke Triplet), andere Objektive waren auch erhältlich. 
Verschluss "Kodak Ball Bearing Shutter", selbstspannender Einfachverschluss, T-B-25-50 1/s. Dies war  die häufigste Ausführung, andere Verschlüsse wurden auch verbaut.
Filmtyp, Bildgröße 127er Rollfilm (mit oder ohne Autographic), 1 5/8'' x 2 1/2 '' (4x6 cm)
Fokussierung   Fixfokus in dieser Version. Andere Objektive waren auch in Grenzen fokussierbar.
Sucher schwenkbarer Brilliantsucher für Hoch- und Querformataufnahmen 
Filmtransport mit einfacher Flügelschraube, Bildzähler auf Filmträgerrückseite, Ansicht durch rotes Fenster.
sonst. Ausstattung einklappbarer Standfuß (auf der Rückseite ist die Kamera-Seriennummer 128420), Gewinde für Selbstauslöser, Autographic-Klappe und Stylus für Notizen auf dem Negativsteg zwischen den Bildern.
Maße, Gewicht 1'' x 2 3/8'' x 4 3/4'', 9 ounces (laut Prospekt), ca. 26 x 63 x 123 mm, 312 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1912-1915 ursprüngliche Standardversion,
1915-1926 Autographic Version,
1915-1926 Autographic Special mit Belederung und besseren Objektiven. Insgesamt mehr als 1,8 Millionen Kameras, diese hier von ca. 1918.
Kaufpreis, Wert heute diese Version 1918: US$ 13.50, Standardversion ab US$ 7.50.  Heutiger Wert je nach Version und Zustand ca. 30-100€. 
Links The Vest Pocket Kodak, Camera-Wiki, Mischa Koning's Kodak Site,  Camera Manual, 
Auf KniPPsen weiterlesen George Eastman, Rollfilm 127, Gevaert G27, Instamatic 100, Kodak Disc 4000, Autographic Film 116, Kodak Junior 1A, 

2022-03-11

Certo Dolly Vest Pocket

Eigentlich war dies Dolly nur ein Beifang zur Icarette und ich habe nur 11€ dafür bezahlt. Allerdings hatte ihr Verkäufer sie schlecht bzw. falsch beschrieben. Es ist aber auch nicht ganz einfach, sie richtig einzuordnen, über sie wird viel widersprüchliches im Netz (und auch in Büchern) verbreitet. Daher passt sie ganz gut in meine wachsende Sammlung von Kameras für den Rollfilm 127 und aus den 1930er Jahren, und mir macht es Spaß, hier mal die Fakten von den Vermutungen und Falschmeldungen zu trennen. 
Mit 38 mm Dicke passt sie zusammengeklappt
gerade noch so in Jacken- oder Hosentaschen
Zunächst einmal ist sie eine kompakte (Taschen-) Version einer klassischen Faltbalgenrollfilmkamera mit selbst aufrichtenden Balgen. Sie steht außerdem voll in der Tradition der Vest Pocket Kodak von 1912, die das Format 4 x 6.5 cm und den dazugehörigen 127er Rollfilm eingeführt hatte. Das sollte man nicht mit dem fast genauso großen Format 4.5 x 6 cm (120er Rollfilm) verwechseln, für das Certo die sonst fast identische "Super Sport Dolly" (auch "SS Dolly") ab ca. 1934 im Programm hatte, siehe weiter unten. Tatsächlich hat sich letzteres Format am Markt durchgesetzt und auch schon zu Zeiten der Dolly (Mitte der 1930er) gab es mehr Kameras dafür als für den "Vest Pocket Film".

Die Dolly wurde als "Zweiformatkamera" beworben, der Kamera lag eine metallene Maske bei, die im Bildfenster platziert wird und das Negativ auf 3x4 beschränkt (ist bei meiner leider verloren gegangen). Entsprechende Markierungen gibt's auch im Sucher. Aus diesem Grund hat die Dolly auch die von 3x4-Kameras üblichen 2 roten Fensterchen für die Bildnummern auf dem Rückseitenpapier. Wenn man die Maske nicht drin hat und also das volle Format belichtet, kann man sich aussuchen, welches der beiden Fensterchen man zum Filmvorspulen verwendet. Man sollte es sich allerdings gut merken und dabei bleiben, ansonsten gibt es entweder überlappende Negative oder 3 cm breite Zwischenstege. Ich denke allerdings, dass die meisten Dolly-Fotografen das Halbformat eher nicht genutzt haben, denn die fest eingebaute 75 mm Brennweite ist dafür ja eher etwas lang und außer für Portraits unpraktisch.

Dies ist nicht die erste Dolly genannte Kamera, davor (ca. 1930-1932) hatte Certo zwei Varianten (oft mit A und B bezeichnet) einer 3x4-Halbformatkamera für den 127er Rollfilm unter diesem Namen auf dem Markt. Das Scheitern dieser Kamerklasse habe ich schon ausführlich beleuchtet. Certo reagiert auf die Markt mit neuen Modellen und Konzepten: 1932 erscheint das neue 127er-Modell "Sonny", das schon nach sehr kurzer Zeit wegen eines Konfliktes mit der Fa. Foth, die sich "Sonnyflex" hatte registrieren lassen, in den bekannten Namen "Dolly" umbenannt wurde: Eben diese Kamera hier. 

1934 kam dann die "Super Sport" (auch SS) Dolly auf den Markt, diesmal für den breiteren 120er Rollfilm wahlweise für 6x6 oder 4.5x6 große Negative (Variante A). Eine Variante B erlaubte die zusätzliche Verwendung von Glasplatten oder Filmpacks, auch das Objektiv ließ sich auswechseln und gegen ein Teleobjektiv eintauschen, was man ja bei Plattenaufnahmen per Mattscheibe fokussieren konnte. Die Topvariante C erlaubte gar Filmrückspulen, um zwischen all diesen Optionen beliebig wechseln zu können. Die absolute Krönung erfährt die Super Sport Dolly ab 1939 mit einem zusätzlich angebauten Entfernungsmesser.

Aber Certo hatte gleichzeitig auch das Kleinbildsegment im Blick: Mit der Dollina wird 1935 eine Kamera für den immer populärer werdenden Kleinbildfilm (135er) vorgestellt, auch sie erfährt bis zum Kriegsbeginn einiges an Innovatiion und Modellpflege. Andere Hersteller wie Welta oder Kochmann sind eine ähnliche Strategie gefahren, viele haben dem 127er aber den Rücken gekehrt und sich entweder auf den 120er Rollfilm (6x6, 4.5x6, 6x9) oder dem Kleinbildfilm konzentriert. 

Wie lange diese Dolly Vest Pocket am Markt war, konnte ich nicht abschließend klären. Ich vermute, dass ihre Produktion schon ca. 1935 eingestellt wurde, um sich ganz auf die Dollina zu konzentrieren. Die Restbestände wurden wohl weiter verkauft, Certo hat angeblich einen erklecklichen Teil exportiert. Da verwundert es nicht, dass sie in manchen Katalogen wohl noch bis ca. 1940 zu finden war.

Datenblatt Kompakte Faltbalgenkamera für Rollfilm 127 (4x6.5)
Objektiv C.Friedrich Corygon-Anastigmat 7.5 cm f/3.5 (Triplet, #168518), auch erhältlich mit Schneider Xenar oder Meyer Trioplan. Einfachste Version mit Certar f/4.5 im Vario-Verschluss.
Verschluss Compur (B) Zentralverschluss T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 (#3014878), auch erhältlich mit Vario (T-B-25-100).
Fokussierung durch Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung 1m.
Sucher faltbarer optischer Sucher, mit extra Markierungen für 3x4-Maske. In meinem Fall (wohl nachträglich) aufgemaltes Fadenkreuz.
Filmtransport mittel Drehrad an der Kameraunterseite. Zwei rote Fensterchen für 3x4 und 4x6 Betrieb (siehe Text).
sonst. Ausstattung ausklappbarer Standfuß für vertikalen Stand. 1/4'' Stativgewinde, Drahtauslöergewinde. 
Maße, Gewicht ca. 115 x 38 x 78 mm (zusammengefaltet), 381 g
Baujahr(e) 1932-1935?, diese #7494 laut Verschluss-# von 1934. 
Kaufpreis, Wert heute ca. 60-70 RM, ca. 50€
Links Camera-wiki, historiccamera, Reklame 1932, Dolly-Parade, 
Bei KniPPsen weiterlesen Fotofirmen in den 30ern, Dollina, 3x4-Halbformatkameras und ihr plötzliches Verschwinden 

2022-12-28

Contessa Nettel Piccolette

Sie ist um die 100 Jahre alt, genauer kann man das leider nicht sagen (später dazu mehr) und war Anfang der 1920er Jahre das Einstiegsmodell der noch jungen Stuttgarter Kameraschmiede Contessa Nettel. Eigentlich ist sie ein Klon der Vest Pocket Kodak, deren 127er Rollfilm auch sie verwendet. Auf dem folgenden Bild sieht man die große Ähnlichkeit, nicht nur in Größe und Form, sondern auch viele Details sind eine Kopie des Originals (auch wenn dieses hier in gehobener Ausstattung daherkommt). 
Aber die Piccolette hat auch ein paar Verbesserungen eingebaut. Insbesondere das Filmhandling mit dem herausnehmbaren Filmhalter war deutlich einfacher als bei der Kodak. Aber auch den festen, nach dem Gehäuse gebogenen Ständer finde ich sehr gelungen. Er ist in dieser Form einzigartig und ist damit das charakteristische Merkmal der Piccolette.


Ich denke, man darf August Nagel als treibende Kraft hinter der Piccolette vermuten, auch wenn ich dazu nichts konkretes gefunden habe. Er war ab 1919 (Teil-) Eigentümer und Direktor von Contessa Nettel und hat sicher den Erfolg der Vest Pocket Kodak am Markt neidisch zur Kenntnis genommen. Schon sein Vorgängerunternehmen Contessa hatte mit der Pixie eine Kamera mit ähnlicher Spezifikation am Markt. Jetzt behauptet McKeown (12. Auflage 2004), dass es eine Ur-Version der Piccolette von 1914 ab aus dem Kamerawerk Nettel gab. Ich möchte das stark bezweifeln. Erstens gibt es zu dieser frühen Version keinerlei Fotos noch Katalogabbildungen (ich habe einen Nettel-Katalog von 1918 geprüft), zweitens hatte Nettel zu der Zeit keinerlei Erfahrung mit Rollfilmkameras, sondern war bekannt für seine Plattenkameras.

Ich bleibe also bei der Einschätzung der meisten anderen Quellen: Die Piccolette kam ca. 1919 auf den Markt. Eine erste Version (A) hatte noch keinen Brilliantsucher, dafür den Namenszug Piccolette oberhalb des Objektives, darunter stand: "Contessa Nettel Stuttgart".  Bei der Version (B, ab ca. 1920) kam der Brilliantsucher dazu (oben links), oben rechts prangte das Contessa-Nettel Zeichen und Piccolette stand ab dann unterhalb des Objektivs. Nach der Fusion zu Zeiss Ikon im Jahre 1926 ging es mit der Kamera bis ca. 1930 weiter, jetzt mit dem Zeiss Ikon Logo (Zeiss Ikon Katalog-Nummer 545/12). Sowohl von Contessa Nettel als auch später von Zeiss Ikon (546/12) gab es eine "Piccolette De Luxe", mit edlem Leder bezogen und einem Laufboden zum Scharfstellen per Balgenauszug. 
Die Piccolette gab es (wie damals allgemein üblich) mit einer ganzen Reihe von Objektiven und Verschlüssen (siehe unten, auch in den Links). Meine hier ist die simpelste Version mit einem einlinsigen Meniskus-Objektiv (f/11), das sich hinter der Irisblende und dem Arco-Selbstspannverschluss versteckt. Diese Version gab es in den USA 1923 für nur 8 US$ zu kaufen (siehe Anzeige unten für besser bestückte Varianten). 
Keine der mir bekannten Quellen hat sich bisher an eine Schätzung der Produktionszahl dieser erfolgreichen Kamera getraut. Ich werde das demnächst mal auf Basis von Seriennummern versuchen (extra Beitrag). Diese sind sechsstellig und finden sich nach Herausnehmen des Filmhalters auf der Unterseite der Kamera, meist sehr stark korrodiert bis unlesbar. Die letzten 3 Ziffern werden auf dem Filmträger wiederholt. Ich konnte meine Seriennummer 234783 gerade so rekonstruieren. Ich hoffe, dass mir damit auch die genauere zeitliche Zuordnung gelingt.  


Datenblatt frühe Westentaschen-Kamera für Rollfilm 127, 4x6.5 cm
Objektiv simpler Meniskus Achromat 7.5 cm f/11. Kamera war auch mit vielen anderen (besseren) 7.5cm Objektiven erhältlich, die hochwertigste Version: Zeiss Tessar f/4.5 mit Frontlinsen Fokussierung.
Verschluss Acro Selbstspannverschluss T-B-25-50-75. Kamera war auch mit mit Piccar, Derval, Pronto oder Compur-Verschluss erhältlich. 
Fokussierung Fixfokus, hochwertige Objektive mit Frontlinsenfokussierung.
Sucher ausklappbarer Rahmensucher, kleiner Brilliantsucher (ab ca. 1920) 
Filmtransportmit einfacher Flügelschraube, Bildzähler auf Filmträgerrückseite, Ansicht durch rotes Fenster.
sonst. Ausstattung Drahtauslösergewinde, kein (!) Stativgewinde (erst ab ca. 1927)
Maße, Gewicht 30x122x64 mm, 251g
Baujahr(e) 1919-1926, als Zeiss Ikon Piccolette bis ca. 1930. Diese #234783 von ca. 1923
Kaufpreis, Wert heute 8 US$ (USA 1923), je nach Zustand und Ausstattung 20-100 €
Links Camera-Wiki, Earlyphotography, Zeiss Ikon Brochure 1928, Pacificrim instruction booklet, Mike Elek Video manual, Sammlung Kurt Tauber, Engel-Art, Emtus, John's cameras, Britische Anzeige 1924, Französische Anzeige 1924?, Dänische Anzeige 1922
Bei KniPPsen weiterlesen Vest Pocket Kodak, 127er Rollfilm, August Nagel, Ernemann Bobette, 

 

2023-04-01

C.P. Goerz Roll-Tenax (4 x 6.5)

Die Firma C.P. Goerz aus Berlin gehörte einmal zu den ganz großen der Fotobranche. Gegründet 1886 von Carl Paul Goerz wuchs die Firma kontinuierlich bis zum Ende des 1. Weltkriegs. Man produzierte fast alles was dazu gehörte: Kameras, Objektive, Filme, Entfernungsmesser, Verschlüsse, und dazu noch die nötigen Maschinen. Fernrohre, Schließzylinder und vieles mehr gehörten dann zu den Dingen, die Goerz im 1.Weltkrieg zum führenden Militär-Equipment Hersteller werden ließen. Der Krieg ging verloren und Goerz geriet durch das Verbot des Versailler Vertrages, weiter Kriegsgerät zu produzieren, in eine gehörige wirtschaftliche Schieflage. Die Zwangsfusion zur Zeiss Ikon (mit ICA, Contessa Nettel, Ernemann und anderen), betrieben durch den eigentlichen Konkurrenten Carl Zeiss rettete 1926 die Fabriken und Arbeitsplätze, der Name Goerz wurde fallengelassen. 
Genau aus der schwierigen Zeit nach dem Weltkrieg und vor der Zeiss Ikon Fusion stammt diese kleine Kamera. Es handelt sich um eine Roll-(Pocket) Tenax für das Format 4 x 6.5 auf 127er Film, angeblich seit 1914 auf dem Markt. Goerz produzierte (wie viele andere Kamerahersteller auch) die Roll-Tenax auch in anderen Größen, sprich für andere Rollfilme. Dies ist die kleinste Variante, die auf dem Markt der Westentaschenkameras mitmischte. Die genaue Datierung meiner Kamera ist kaum möglich, ich tippe anhand der Seriennummern von Objektiv und Verschluss mal auf 1919 oder 1920, weil  es ca. ab 1920 ein etwas verbessertes Design mit großem ledergeprägtem GOERZ-Schriftzug und anderen Laufbodenstreben gab, dieses hier aber noch das alte Design ist. Meine Kamera hat außerdem noch den heute selten anzutreffenden Compound-Verschluss, was auf eher frühe Produktion hindeutet.
Die Laufboden Roll-Tenax eingerahmt von ihren Spreizen-Schwestern Vest Pocket Kodak und Piccolette.

Ansonsten ist an der Kamera nichts außergewöhnliches, sie repräsentiert einen Standard, den man Anfang der 1920er Jahre in Deutschland von einigen Kamera-Manufakturen für die jeweils gängigen Rollfilme kaufen konnte. Die meisten von denen verwendeten Objektive von Carl Zeiss, gerne das vierlinsige Tessar oder ein einfacheres Triplet (nach Cooke), das oft ebenfalls von Zulieferern aus dem Zeiss-Konzern (z.B. die Optische Anstalt Saalfeld) stammte. Goerz gehörte zu den ernstzunehmenden Konkurrenten von Zeiss, was hochwertige Objektive anging. Das Dogmar war 1916 ihre letzte eigenständige Objektivkonstruktion (patentiert 1912, DRP258.495), die wegen ihrer Abbildungsleistung und großen Öffnung von f/4.5 gelobt wurde. Es ähnelt beim Linsenschnitt dem Tessar, wobei hier die beiden rückseitigen Linsen getrennt und nicht verkittet sind. Dogmare für Großformat-Kameras konnten auseinandergenommen werden (sog. Doppelobjektiv), um Front- und Hinterglied als einzelne Objektive (stark abgeblendet!) zu verwenden. Dabei hatte das Frontelement die 1.92-fache und das Rückelement die 1.52-fache Brennweite des kombinierten Objektivs. Goerz musste (so wie Ernemann) die Objektiv-Fertigung nach der Zeiss Ikon Fusion einstellen. 

Meine Kamera ist recht passabel in Schuss, der Verschluss funktioniert, auch wenn ich auf die Zeiten nicht mehr wetten würde. Alles ist etwas schwergängig und ich habe ein paar Tage gebraucht bis ich verstanden habe, wie man die Rückwand öffnet. Dies ist recht eigenwillig gelöst: Das Scharnier (zu sehen auf dem kleinen Bild oben ganz links) ist federgespannt verschiebbar, war aber festkorrodiert. Außerdem ist der Ausklappständer abgebrochen, ich habe ihn für die Bilder durch ein kleines Stückchen schwarzen Plastiks ersetzt.

Datenblatt Laufboden-Rollfilmkamera für Rollfilm 127 (4 x 6.5 cm)
Objektiv Dogmar 7.5 cm f/4.5 (4 einzelne Linsen), #400214
Verschluss F.Deckel Compound Zentralverschluss, T ("Z")-B-1-2-5-10-25-50-100-300, #342938 
Fokussierung keine Scharfstellhilfe, Verschieben von Objektiv und Verschluss auf dem Laufboden, kürzeste Entfernung ca. 80 cm.
Sucher kleiner Brilliantsucher, drehbar für für Hoch- oder Querformat.
Filmtransport mittels kleiner Schlüsselschraube. Rotes Filmfenster in Rückwand
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Drahtauslösergewinde.
Maße, Gewicht ca. 64 x 122 x 25 mm (geschlossen), 340 g
Baujahr(e) 1914-1926 (ab 1920 in etwas modifizierter Ausführung), diese #9248 ca. 1919.
Kaufpreis, Wert heute ??, ca. 40 €
Links Wikipedia, Camera-Wiki (Goerz), Camera-Wiki, Goerz Lenses,  Jahrbuch Artikel Dogmar 1914.
bei KniPPsen weiterlesen Rollfilm 127, Piccolette, Vest Pocket Kodak, Rollette, Icarette

2025-01-18

Orionwerk Rio 84A

Diese sehr gut erhaltene kleine Rollfilmkamera ist mein dritter "Fang" von der letzten Darmstädter Foto-Börse im Dezember. Ich hielt sie im ersten Augenblick für den mir noch fehlenden Krauss Rollette Typ 1, nach etwas Inspektion habe ich aber die Hersteller-Prägung entdeckt: ORIONWERK Akt.Ges. HANNOVER.

Vom Orionwerk hatte ich schonmal gelesen, eine Kamera von ihnen ist mir in all den Jahren, die ich jetzt schon sammele aber noch nicht untergekommen. Ein erster schneller Internet-Check hat auch nicht viel rausgeworfen. Da habe ich beschlossen, das mal zu ändern und habe (sehr günstig) zugeschlagen. 

Das Orionwerk war eine 1921 gegründete Aktiengesellschaft, die sich in Anzeigen als „ältestes und grösstes Kamerawerk Norddeutschlands“ auf das Gründungsjahr 1893 berief. Vorgängerfirmen waren Bülter & Stammer (1903-1921) sowie davor Glunz & Bülter (1893 - 1903). Hauptanteilseigner und langjähriger Geschäftsführer war seit 1913 Friedrich Augstein, der Vater des später bekannten Journalisten und Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein. 

Das Orionwerk produzierte hauptsächlich die in den 1920er Jahren vorherrschenden Plattenkameras in der üblichen Laufboden-Variante, aber auch verschiedene Rollfilmkameras. Es gab eine fast unübersichtliche Vielzahl an Modellen, die interessanterweise alle "Rio" hießen, gefolgt von einer Modellnummer und einem optionalen Großbuchstaben (A bis E). Die Buchstaben liefern einen Hinweis auf das Film- oder Plattenformat. Bei den Plattenkameras bedeutete B: 6.5x9 cm und C: 9x12 cm, bei den Rollfilmen A: 4x6.5 (127er), B: 5x7.5 (129er), C: 6x9 (120er), D: 6.5x11 (116er), E 8x10.5 (118er). 

Keine dieser Rio-Kameras hatte ein technisch herausstehendes Merkmal, noch wurde viel in Marketing und Vertrieb investiert, sonst würden wir heute über diese Kameras viel mehr wissen. In den 1920er Jahren konnte man wohl im allgemeinen Aufschwung mit dieser Geschäftspolitik noch überleben, doch die Weltwirtschaftskrise, die in Deutschland insbesondere das Jahr 1932 betraf, brach Orion das Genick. 1933 wurde Insolvenz angemeldet. Friedrich Augstein hatte das schon kommen sehen und seine Anteile bereits 1928 verkauft und in einen Fotohandel in Hamburg investiert.  
Diese Rio 84A war tatsächlich die kleinste Kamera aus dem Rio-Sortiment und zielte natürlich auf das von der Vest Pocket Kodak begründete Marktsegment, deren Film sie auch verwendet. Die relativ simple Spreizen-Konstruktion wurde von der C.P.Goerz Pocket-Tenax abgeguckt, findet sich aber auch bei anderen Herstellern (z.B. bei der oben erwähnten Krauss Rollette Typ 1). Daher würde ich die Kamera tatsächlich in die frühen 20er Jahre verorten, die einzige Quelle, die ich finden konnte, gibt mir mit 1924 Recht. Mein Exemplar ist für die 100 Jahre extrem gut erhalten und anscheinend voll funktionsfähig. Man findet sie (wie viele andere Rio-Kameras) sehr selten. Eine Schätzung der Produktionsmenge traue ich mir bei dieser Datenlage nicht zu, wer immer Informationen hat, bitte melden. Ich werde weiterhin die Augen offenhalten.

Datenblatt Rollfilm-Spreizenkamera 4x6.5 cm für Rollfilm 127
Objektiv Orionwerk Spezial-Aplanat 7.5 cm f/8, abblendbar auf f/32
Verschluss Alfred Gauthier Pronto Zentralverschluss, selbst-spannend. T-B-25-50-100
Fokussierung Fixfokus
Sucher Brilliant-Sucher (nur hochkannt) und aufklappbarer Rahmensucher mit Kimme.
Filmtransport mittels Filmschlüssel, rotes Rückseitenpapierfenster
sonst. Ausstattung ausklappbarer Standfuß für Hochformat-Aufnahmen, Drahtauslösergewinde. Kein Stativgewinde!
Maße, Gewicht 126 x 70 x ca. 30/80 mm (ein-/aus-geklappt), 360 g
Baujahr(e) ca. 1924, dieses Exemplar hat die Seriennummer #167328
Kaufpreis, Wert heute ??, ca. 100€
Links Camera-wiki, Wikipedia, Collectiblend, Photographica-World (Prospekt 1923)
Bei KniPPsen weiterlesen Vest Pocket Kodak, Picolette, Rolette, Roll Tenax, Rollfilm 127, Rollfilme (Übersicht)

2022-02-27

Icarette


Einen sehr glücklichen Fang für meine Sammlung habe ich letzte Woche mit dieser Icarette gemacht, nach interner Seriennummer im Zeitraum von 1916 bis 1918 gebaut und damit ca. 105 Jahre alt. Ich habe mir noch kein komplettes Bild der damaligen Marktsituation machen können, diese war aber auf alle Fälle komplex und sehr interessant. Die Icarette I war wie die Vest Pocket Kodak eine frühe sehr kompakte Rollfilmkamera, die zusammengeklappt tatsächlich in eine Westen- oder Hosentasche passte. Dass sie mit  dem quadratischen 6x6 cm Negativ auf ein später sehr populäres Format setzte, konnten ihre Konstrukteure bei ihrem Erscheinen im Jahr 1912 noch nicht wissen, bescherte ihr selbst aber eine sehr lange Karriere bis hinein in die 1930er Jahre. Die Kamera verwendete Rollfilm 117 (Agfa B1), der nur 6 Bilder lieferte.
Der Rollfilm selbst (unabhängig von einigen verschiedenen Typen und Formaten) steckte Anfang des 20. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen und hatte durch allerlei technische Kinderkrankheiten mit einem schlechten Ruf zu kämpfen. Anfangs gab es ihn zusammen mit billigen Boxkameras wie der Brownie No.2 . Agfa stieg wegen Qualitätsproblemen nach nur kurzer Zeit 1905 aus der Produktion von Rollfilm aus, nur um 10 Jahre später (1915) wegen stark gestiegener Nachfrage wieder einzusteigen. Das war genau die Zeit der Icarette und anderer ähnlicher faltbarer Rollfilmkameras, die damals die Zukunft der Fotografie aufzeigten.

Es sollte allerdings bis zum Anfang der 1930er Jahre dauern, bis Roll- und dann die Kleinbildkameras die bis dahin vorherrschenden (Glas-)Plattenkameras auch bei anspruchsvollen Fotografen verdrängten. (Planfilme in speziellen Kassetten stellen sicher eine Übergangsform dar).
Hier kommt der andere Teil der Geschichte ins Spiel und das betrifft die deutsche Fotoindustrie am Anfang des 20. Jahrhunderts: Viele kleine unabhängige Firmen bauen jeweils unzählige Modelle sehr ähnlicher Plattenkameras und liefern sich gegenseitig einen ruinösen Wettbewerb. Das entscheidende High-Tech (Verschlüsse und Objektive) kommt jedoch nur von wenigen Spielern. Insbesondere die Zeiss Stiftung zieht im Hintergrund die Strippen und zwingt am Ende den Markt in die Konsolidierung. So entsteht von 1909 bis 1926 die Firma ICA („International Camera AG“), die spätere Keimzelle der Zeiss Ikon (ab 1926). Details kann man woanders nachlesen (siehe Links unten). ICA produzierte natürlich viele Plattenkameras-Konstruktionen ihrer Vorgängerfirmen weiter, allerdings wurden durch die gehobenen Synergien auch Resourcen frei, die man z.B. in die Icarette als das erste gemeinsame Projekt der ICA steckte. 
Meine Icarette ist für ihr Alter noch sehr gut erhalten. Der Compound Verschluss mit seinem Luft-pneumatischen Hemmwerk scheint noch klaglos zu funktionieren. Das Objektiv musste ich putzen, aber sonst ist nichts auszusetzen. Selbst Film würde man für das Schätzchen noch bekommen. Die Bedienung ist allerdings verglichen mit späteren Kameras noch sehr archaisch: Den Laufboden muss man recht fummelig von Hand ausziehen, wie bei vielen Plattenkameras halt. Das Hebelchen für die Blendeneinstellung hätte ich fast übersehen. Und warum Brilliantsucher so heißen, muss mir auch nochmal jemand erklären. 

Datenblatt Icarette I, Typ 495. Frühe kompakte Rollfilmkamera (6x6) mit Faltbalgen auf Laufboden für Rollfilm 117.
Objektiv Ica Novar 7,5 cm f/6.8 , Seriennummer 294710
Verschluss Compound Zentralverschluss, T-B- 1-2-5-10-25-50-100-250, Seriennummer 234262
Fokussierung durch Verschieben des Balgenauszugs, kürzeste Entfernung 1m
Sucher faltbarer Brilliantsucher, ausklappbarer Sportsucher.
Filmtransport mit Drehschlüssel, rotes Rückseitenpapierfenster.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8‘‘, Drahtauslöseranschluss
Maße, Gewicht ca. 72 x 125 x 25 mm, 397g 
Baujahr(e) 1912-1925, als Zeiss Ikon Kamera noch bis ca. 1934. Dieses Exemplar mit Seriennummer E20182 von ca. 1916-1918.
Kaufpreis, Wert heute ?, 30 €
Links Camera-Wiki, ICA Geschichte K. Ries, Wikipedia, Collectiblend, Oldcamera-Blog, 
Bei KniPPsen weiterlesen Kodak Junior No.1a, Hannibal Goodwin, Vest Pocket Kodak, Rollfilm 117

P.S. In einer früheren Version dieses Beitrags hatte ich behauptet, die Icarette würde 120er Rollfilm verwenden. Der passt tatsächlich wegen der breiteren Spule nicht in schlanke Kamera.

2021-07-04

Ernemann Bobette I

Je länger ich mich mit der Geschichte kleiner und kompakter Kameras beschäftige, desto mehr frühe und später in Vergessenheit geratene Modelle tauchen auf. Und so bin ich besonders glücklich, auch diese Ernemann Bobette in meiner Sammlung begrüßen zu dürfen. Auch wenn die 1925 erschienene Leica im Rückblick oft als Beginn der Kleinbildfotografie verklärt und als Geniestreich bezeichnet wird,  ist dies nicht richtig. Spätestens seit der Vest Pocket Kodak und dem dazugehörigen Rollfilm 127 von 1912 war klar, dass es einen Markt für Westen- oder Jackentaschen-taugliche Kleinbildkameras gab, mögen die Bildresultate doch erstmal nicht Studiokameraqualität erreicht haben.

Die Firma Ernemann in Dresden war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der führenden (noch von Zeiss unabhängigen) Kamerahersteller in Deutschland und beschäftigte sich auch mit bewegtem Film und Kino-Projektion. Sie hatten also alles im Haus, um fast zeitgleich zur Leica zwei eigene Kleinbildkameras für den 35 mm Film rauszubringen. Die erste war 1924 die Miniaturbox Unette und ab 1925 kam dann die Bobette, die ganz in der Tradition der Vest Pocket Kodak stand, wie man unschwer sieht. Beide Ernemann Kameras verwendeten einen proprietären 35 mm breiten Rollfilm mit Rückseitenpapier, der 24 Bilder lieferte. Bei  der allerersten Version der Bobette I war das Filmfenster noch 18x24 mm groß (das übliche Kinoformat, wohl sehr selten), was aber zügig auf 22x33 mm erweitert wurde, da der Film ja keine Perforation hatte und der Platz auf dem Film bestmöglich ausgenutzt werden wollte.
Wer diesen Film am Anfang für Ernemann produziert hat, oder ob sie gar selbst die Konfektionierung von entsprechenden 35mm Streifen vorgenommen haben, konnte ich nicht herausfinden. Ein heißer Kandidat wäre das Goerz Photochemische Werk in Berlin, welches 1926 genauso wie Ernemann selbst in der neu gegründeten Zeiss Ikon aufging. Zeiss Ikon jedenfalls hat den entsprechenden Rollfilm bis mindestens Mitte der 1930er Jahre unter eigenem Namen produziert. Chris Sherlock besitzt einen solchen Film und stellt ihn auf seiner tollen Web-Site aus. Auch die leere Spule in meiner Kamera ziert der Schriftzug Zeiss Ikon Film.

Neben der Spreizenkonstruktion der Bobette I gab es eine Version als Laufbodenkamera, die Ernemann als Bobette II vermarktet hat. Beide Konstruktionen haben es geschafft, als Modelle 548 und 549 ins Zeiss Ikon Programm übernommen zu werden, wo sie vermutlich bis 1929 blieben. 
Meine Kamera ist - wie man an den Fotos sieht - sehr gut erhalten. Wenn es noch Film gäbe, könnte man noch damit fotografieren. Mit nur 332 g liegt sie leicht in der Hand, fühlt sich allerdings wie eine mit Leder bezogene Blechbüchse an, was sie auch ist. Der Auslöser liegt etwas versteckt unter dem Frontblech, was wirksam Fehlbelichtungen verhindert, wenn die Kamera zusammengefaltet in der Tasche steckt. Mein Exemplar trägt die Seriennummer L97324, was ohne Kenntnis entsprechender Hintergrundinfos erstmal keine weiteren Schlüsse bezüglich möglicher Produktionsmenge zulässt. Ich schätze aber, dass es vielleicht ein paar Tausend waren. Zeiss Ikon brachte mit der (dem?) Kolbri (1930) und der Baby-Ikonta (1931) dann 3x4 Kleinbildkameras für den 127er Rollfilm, um schließlich mit der Contax (1932, Contax II: 1936) endgültig Leica anzugreifen. Auch andere schicke Kleinbildkameras wie die Tenax I (1939) sollten auch nicht unerwähnt bleiben. Den Namen Ernemann verbinden Foto-Interessierte meist mit der berühmten Ermanox, die zur selben Zeit wie die Bobette auf dem Markt war, für die ich als Sammler aber leider nicht genügend Kleingeld habe...

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera für 35mm Rollfilm
Objektiv Ernemann-Anastigmat "ERNOPLAST" 5cm f/4.5 (Tessar-Typ). Kamera war auch mit dem Ernemann Erid 4 cm f/8 Fix-Fokus erhältlich.
Verschluss Selbst spannender Automatik-Verschluss mit Z-100-50-25 (1/s)
Fokussierung Frontlinsenverstellung, Naheinstellgrenze 0,7 m.
Sucher Ausklappbarer Rahmensucher
Filmtransport mittels Drehschlüssel und rotes Filmfenster für bedrucktes Rückseitenpapier.
sonst. Ausstattung Ausklappständer, Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 3/8''.
Maße, Gewicht ca. 65x110x45 mm (zusammengeklappt), 332g.
Baujahr(e) 1926, danach als Zeiss Ikon Bobette (549) bis ca. 1929
Kaufpreis, Wert heute ?, heute ca. 100-300 €
Links Camera-wiki, Collectiblend, Wikipedia, IFM-Wolfen

2019-12-21

Korelle 3x4


Und noch eine historische Halbformat (3x4) Kamera für den 127er Rollfilm. Im Gegensatz zur Foth Derby - mit ihrem Tuchschlitzverschluss eher die Spezialität in ihrer Klasse - war Kochmann's Korelle für dieses Format quasi der Archetyp. Solche Kameras hatten einen ausklappbarem Balgen, (jeweils wählbar) Zentralverschluss sowie Standardobjektiv, und auch sonst eine sehr ähnliche Ausstattung und Größe. Am Ende dieses Beitrags stelle ich die 1932 bei Photo Porst erhältlichen anderen Kameras dieser Klasse kurz vor, es gab im Laufe der Zeit noch ein paar mehr davon.  

Beworben wurde die Kamera insbesondere über ihre schnelle "Schussbereitschaft", erreicht durch den Druck auf den einzigen Knopf auf der Kameraoberseite, der sowohl das Objektiv ausfahren lässt als auch gleichzeitig den Sucher aufklappt. Schussbereit ist man natürlich nur, wenn man vorher den Verschluss gespannt hatte, und Verschlusszeit, Blende und Entfernung richtig geschätzt und eingestellt hatte. Der Filmtransport per Drehrad auf der Unterseite war gänzlich entkoppelt vom Verschluss, weder gab es eine Doppelbelichtungssperre, noch die Erinnerung daran, dass man schon transportiert hatte.

Mein Exemplar ist für sein Alter recht gut erhalten und hat lediglich die üblichen Gebrauchspuren. Dem Federmechanismus im Aufklappsucher fehlt die Spannkraft, die Blenden- und Entfernungs-Skalen sind nur noch schwer abzulesen. Der Verschluss läuft, allerdings wohl nicht mehr präzise, manchmal bleibt er einfach offen stehen. Fotografieren kann man also nicht mehr verlässlich damit. Trotzdem ein schönes Stück für die Vitrine. Eine Altersbestimmung per Seriennummern lässt einen etwas ratlos zurück: Die Kamera selbst trägt keine eigene Seriennummer, allerdings jeweils der Compur-Verschluss (2306954) und das Schneider Obkjektiv (398798). Obwohl die jeweiligen Quellen als einigermaßen gesichert gelten, erhält man für das Objektiv das Baujahr 1931, der Verschluss stammt aber von 1933. Die meisten Quellen über die Kamera sprechen von ca. 1931 als Baujahr der Kamera, wobei sie im Photo Porst Katalog von 1932 zum Verkauf angeboten wird.


Wie diese Werbeanzeige aus dem Jahr 1934 zeigt, war die 3x4 Korelle zu dem Zeitpunkt nicht mehr im Programm. Ich kann mir vorstellen, dass sie zugunsten der innovativeren Korelle K (18x24 mm auf Kinofilm) eingestellt wurde. Diese wurde 1932 vorgestellt. Ich bleibe dran und freuen mich über weitere Hinweise (z.B. unten per Kommentar..)

Datenblattfrühe Halbformat (3x4 cm) Kamera für den 127er Rollfilm
Objektiv Schneider Xenar 5 cm f/3.5. Auch mit Trioplan 5/4.5, Rodenstock Trinar 5/2.9, Schneider Xenar 5/2.9, Zeiss Tessar 5/3.5 und anderen Objektiven erhältlich. Objektivplatte per Balgen versenkbar. 
Verschluss Compur Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-300. Verschluss wird unabhängig vom Filmaufzug gespannt. Auch mit Vario, Pronto-S und anderen Zentralverschlüssen erhältlich. Keine Doppelbelichtungssperre. Compur Seriennummer: 2306954
Belichtungsmessung keine
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab ca. 75 cm) durch Verschieben des gesamten Objektivs.
Sucherausklappbarer optischer Sucher. Einfachere Kameraversionen auch ohne Linsen.
BlitzKein Anschluss vorgesehen.
Filmtransport Mit Drehknopf auf Kameraunterseite, doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat.
sonst. Ausstattung Ausklappbarer Standfuß, Stativgewinde 3/8", Anschluss für Drahtauslöser, Bereitschaftstasche als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 115 x 70 x 37/63 mm (geschlossen, offen), 364 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1931 bis vermutlich 1932 oder 1933.
Kaufpreis, Wert heute 87.30 RM (Photo Porst, 1932), andere Objektiv/Verschluss-Varianten von 36RM bis 115 RM. Heutiger Wert je nach Zustand ca. 50-150 €.
externe Quellen und Links Kochmann, Wikipedia, Camera-Wiki, OneTwoSeven.org, 127er Rollfilm, Collectiblend, Johannstadtarchiv
bei KniPPsen weiterlesenFoth Derby, Ferrania Tanit, Gevaert 127er Film, Rollfilm 127, Ising Puck, Reflex-Korelle

Ich besitze einen Photo Porst "Photohelfer" von 1932. Ab Seite 161 und bis Seite 193 geht es darin über Kleinbild-Kameras. Damals waren damit nicht nur die (sehr wenigen) Kameras für den 35mm Kinofilm (Leica, Contax und Co.) gemeint, sondern insbesondere die 3x4-Kameras für den 127er (Vest Pocket, "VP") Rollfilm. Diese verwendeten dieselben Standardobjektive mit 50 mm Brennweite und auch dieselben Zentralverschlüsse. Mit einklappbarem Objektiv waren die Kameras insgesamt sehr kompakt und passten bequem in die Jacken-, Hosen- oder die Damenhandtasche. Was sonst noch zu den Kameras im Katalog stand, kann durch einfachen Klick auf die Bilder hier angeschaut werden. Viel Spaß bei der Lektüre!
Nagel Vollenda 3x4
Plaubel Makinette 3x4
Voigtländer Perkeo 3x4
Zeiss Ikon ("Baby") Ikonta 3x4