Vor ein paar Wochen schrieb mich ein Sammlerkollege per e-mail an, schickte mir ein paar Fotos dieser Kamera und bat mich, ihm beim Identifizieren zu helfen. Ich habe dann ein paar Stunden geknobelt und recherchiert, leider war der im Leder geprägte Schriftzug kaum zu entziffern. Aber irgendwann hatte ich es. Als ich ihm mein Ergebnis gemeldet habe, stellte sich heraus, dass er das gute Stück verkaufen wollte. Was soll ich sagen, nach kurzer Verhandlung war es meins und steht jetzt in der 3x4-Vitrine zwischen den beiden Dresdener Konkurrentinnen mit ähnlicher Spreizenkonstruktion:
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| Die Balda Piccochic zwischen ihren Dresdener Konkurrentinnen Welta Gucki und Kochmann Korelle |
Das Balda-Werk, Max Baldeweg GmbH fertigte ab ca. 1913 Fotozubehör und begann 1925 mit dem Bau von (Platten-) Kameras. Schnell kamen auch Rollfilmkameras dazu und man legte eine enorme Expansion hin. Anfang der 1930er wurden mit über 1000 Mitarbeitern an vier Standorten in und um Dresden hauptsächlich preiswerte Box- und andere Amateurkameras produziert und Balda-Kameras waren meist etwas günstiger als ihre direkten Konkurrenten.
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Mit der Piccochic brachte man 1931 die erste Kleinbild-Kamera der Firma, wie viele andere zu der Zeit als Halbformat 3x4 für den eigentlich für 4x6.5 cm konfektionierten 127er Rollfilm. Sie ist genau wie ihre lokalen Konkurrentinnen Welta-Gucki und der Korelle 3x4 eine Spreizenkamera mit auf Knopfdruck herauspoppendem Objektiv. Von der Größe her sortiert sie sich zwischen die beiden anderen ein. Alle drei (und viele andere Modelle) sind von 1931 und es ist heute kaum noch zu ergründen, welche zuerst auf dem Markt war, bzw. wer was von wem abgeschaut hat.
Die Piccochic wurde wohl nicht sehr lange gebaut, ich vermute maximal bis 1933. Der unten abgebildete Balda-Prospekt ist (wegen des erwähnten Rapid-Compur) von 1934 und dort wird per Stempel darauf hingewiesen, dass die Kameras nur noch aus dem Vorrat stammen. Es gab nämlich von Balda ab 1934 auch die 3x4-Kamera Baldi und ab 1935 die berühmte Kleinbildkamera Baldina für die 135er Patrone. Beide Neukonstruktionen teilen sich die für fast alle folgenden Balda-Kleinbildkameras typische Aufklapp-Konstruktion. Ab 1936 wird die Baldi in einer Einfachversion auch als Rigona vermarktet. Auch hat Balda schon damals die Kameras unter anderen Namen für (meist ausländische) Vertriebsgesellschaften gebaut.
| Datenblatt | Kompakte Halbformat-Kamera (3x4 cm) für 127er Rollfilm |
| Objektiv | Meyer Trioplan 5 cm f/3.5 (Triplet, #556224, ca. 1933). Kamera war auch mit anderen Objektiven erhältlich (siehe unten). |
| Verschluss | F. Deckel Compur T-B-1-2-5-10-20-50-100-300 1/s, #2426887 (ca. 1931). Kamera war auch mit anderen Verschlüssen erhältlich (siehe unten). |
| Fokussierung | per Frontlinsenverstellung, minimal 1 m. Mit höherwertigen Objektiven auch per separatem Schneckengang. |
| Sucher | optischer Newton Aufklapp-Sucher, klappt gemeinsam mit Spreizenkonstruktion auf, nach Druck auf Öffnungsknopf. |
| Filmtransport | mittels Drehrad auf der "Unterseite", doppelte rote Fenster für Filmrückseiten-Nummerierung (wie alle 3x4 Kameras) |
| sonst. Ausstattung | 3/8'' Stativgewinde, Ausklappständer für Querformat-Aufnahmen. Trageschlaufe aus Leder. |
| Maße, Gewicht | ca. 108 x 72 x 41/65 (ein-/ausgeklappt), 360 g |
| Baujahr(e) | 1931 - ca.1933, im Verkaufsprogramm bis ca. 1935 |
| Kaufpreis, Wert heute | ca. 70 RM (siehe unten), heute ca. 50-100€, seltene Varianten (z.B. mit Macro-Plasmat oder Elmar) deutlich mehr. |
| Links | Camera-wiki, Engel-Art, Kamerasammlung.ch, Collection Appareils, CJ's classic cameras, |
| Bei KniPPsen weiterlesen | Meine 3x4-Sammlung, Das plötzliche Verschwinden der 3x4-Kameras, Baldina, Jubilette, Korelle 3x4 |






