2022-08-31

Topcon Uni

Ich habe hier schon einige Meilensteinkameras zur automatischen Belichtungssteuerung vorgestellt (hier die Übersicht). Dies ist eine der wenigen, die mir bisher noch gefehlt haben. Die Topcon Uni von 1964 ist die erste SLR mit Wechselobjektiven und eingebauter Belichtungsautomatik, die das Licht durch das Objektiv (TTL) bei offener Blende misst. Das neue von dieser Liste war die Sache mit TTL, damals eine ganz große Sache in der Branche. Topcon hatte schon im Jahr zuvor mit der RE Super dem Rivalen Pentax Spotmatic damit die Schau gestohlen. 

Die RE Super sollte in der ersten SLR Liga mitspielen, wo Automatik erst mal verdächtig bzw. verpöhnt war. Aber Topcon hatte mit ihrer „Wink Mirror“ SLR Serie auch was für den Amateur. Es handelte sich um Zentralverschluss-SLRs, die ab 1961 schon Nachführmessung (Wink Mirror E, Selenzelle) konnten, ab 1963 gab es Wechselobjektive und Blendenautomatik (UV Bajonett, Wink Mirror S). Da lag es sehr nahe, die Selenzelle durch die neue TTL-Messung mit Batterie zu ersetzen und heraus kam die Topcon Uni. 
Die Kamera wirkt viel moderner als zum Beispiel ihre deutschen Zeitgenossen (Voigtländer oder Kodak, etc.) und man kann sie durchaus vom Stil her mit Kameras aus den 1970ern verwechseln. Topcon spendierte der Serie um das UV-Bajonett alle paar Jahre weitere kleinere technische Updates, die sich Unirex (EE) und schließlich IC-1 Auto nannten. Interessanterweise hatte letztere einen Schlitzverschluss bei ansonsten ähnlicher Spezifikation. 

Größtes Manko und sicherlich einer der Gründe, warum Topcon nicht den Markterfolg wie die heute bekannteren Japaner hatte, war das UV Bajonett, das wegen des Zentralverschlusses keine wirklich lichtstarken Objektivkonstruktionen zuließ. Auch war das Objektivangebot beschränkt und kein Fremdhersteller hat je eigene Modelle dafür angeboten. Wie wir heute wissen, kam die letzte Zentralverschluss-SLR 1975 auf den Markt (Mamiya 528 AL), da war Topcon schon auf Schlitzverschluss umgestiegen und kurz davor, ganz das Kamerageschäft aufzugeben. 

Eigentlich spricht ja technisch nichts dagegen, eine Blendenautomatik auch mit einem Schlitzverschluss zu kombinieren. Eine solche SLR brachte Konica mit der Auto-Reflex 1965, allerdings konnte diese noch kein TTL. Dieses Feature kam erst 1968 mit deren Nachfolgerin Konica Autoreflex T.  

Zum Schluss möchte ich noch auf ein interessantes Detail hinsichtlich der TTL- Implementierung von Topcon hinweisen, was man bei genauem Hinsehen auf dem Bild links sehen kann. Man erkennt auf dem Spiegel ein Muster sich kreuzender feiner Linien, die allerdings beim Blick durch den Sucher unsichtbar sind. Es handelt sich dabei um den CdS Lichtsensor, das Muster ist unregelmäßig, um die Mittenbetonung der Lichtmessung zu realisieren. Man findet im Netz dazu allerdings zwei verschiedene Erklärungsvarianten: a) die CdS-Linien sind auf den Spiegel aufgedruckt; b) die Linien sind durchsichtig/nicht spiegelnd und der CdS-Sensor als Schicht auf der Rückseite des Spiegels. Wie dem auch sei, am Ende läuft es fast auf das selbe hinaus. Bei der RE Super hat Topcon es genauso gemacht, allerdings bei späteren Kameras zugunsten der auch bei anderen Kameraherstellern üblichen Technik wieder aufgegeben. Hier schauen ein oder (meist) zwei CdS-Zellen durch das Pentaprisma auf die Mattscheibe. Ist vermutlich viel billiger zu realisieren und genauso gut wie Topcons Variante.

Datenblatt Erste SLR mit Belichtungsautomatik und TTL Messung
Objektiv Topcon UV Bajonett, hier mit UV Topcor 53 mm f/2 (Gauß-Typ, 6 Elemente in 4 Gruppen), eine Serie von Objektiven zwischen 28 und 200 mm war erhältlich.
Verschluss Seikosha SLV Hinterlinsen Zentralverschluss, B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500 1/s, Automatischer Rückschwingspiegel fungiert als Hilfsverschluss.
Belichtungsmessung TTL mittels CdS-Zelle, mittenbetont. EV 5-18 (100 ASA), Filmempfindlichkeit 25-400 ASA. Automatische Belichtungssteuerung (Blendenautomatik nach Trap-Needle Prinzip) für Zeiten <=1/8s.
Fokussierung SLR, Fresnellinse mit Mikroprismen
Sucher Eingebautes Pentaprisma, 0.75x Vergrößerung (Normalobjektiv), 95%, Nadelanzeige der vom Belichtungsmesser ausgewählten Blende. 
Blitz M, X Buchse, umschaltbar.
Filmtransport Schnellschalthebel, Rückspulkurbel, Bildzählwerk
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Selbstauslöser, Stativgewinde 1/4‘‘
Maße, Gewicht ca. 136x93x84 mm, 866 g (m. Objektiv und Batterie)
Batterie PX625 (1.35V Quecksilber oder Alternativen)
Baujahr(e) 1964-1969, #54102585
Kaufpreis, Wert heute 160 US$ (1964), ca. 40€
Links Manual, Camera-Wiki, mailch

2022-08-27

Revue SP (Konica Auto-Reflex P)

Ich bin schon länger auf der Suche nach ihrer großen Schwester: Konica Auto-Reflex. Diese ist eine Meilenstein-SLR, nämlich die erste moderne (Schlitzverschluss-) SLR mit einer Belichtungsautomatik (Blendenautomatik). Aber da ist noch was: Sie ist die einzige Kamera, die es erlaubte, zwischen den beiden Bildformaten 24x36 und 18x24 (Halbformat) umzuschalten, und das sogar jederzeit mitten im Film. Dieses Feature hat sie mit dieser abgespeckten Version gemein (ohne Belichtungsmesser und -automatik), ansonsten sind die Kameras identisch und ich zähle sie bzgl. dieser Eigenschaft als eine Kamerakonstruktion. Konica hat diese Version "Auto-Reflex P" genannt und in Deutschland wurde sie über Foto-Quelle als Revue SP vermarktet. Die eigentliche Auto-Reflex hieß auch unter der Marke Revue so. 

In Sammlerkreisen erzielen alle Namensvarianten ganz ordentliche Preise und zwar unabhängig davon, ob Revue oder Konica draufsteht. Ursprünglich war die abgespeckte Version natürlich preiswerter. Da sie aber viel seltener verkauft (und damit gebaut) wurde, ist sie heute die teurere Sammlerkamera. Mir lief also diese Revue SP über den Weg und zu meiner eigenen Überraschung war mein relativ günstiges Gebot trotz des lichtstarken Normalobjektivs erfolgreich. Ich werde aber trotzdem weiter die Augen nach der „echten“ Auto-Reflex aufhalten.

Das Umschalten von Voll- auf Halbformat erfolgt bei der Kamera ganz einfach mit einem kleinen Hebel auf der Kameraoberseite, wie man auf meinem Bild (GIF) sehen kann. Dabei passieren drei Dinge gleichzeitig: 1) zwei Blenden werden von links und rechts in das Bildfenster geschwenkt, 2) im Sucher erscheinen von oben zwei kleine schwarze Dreiecke, die nochmal deutlich auf die permanent eingeritzten Halbformatmarkierungslinien hinweisen, 3) der Filmtransportmechanismus wird auf halben Vorschub umgestellt, so dass auf einen 36er Film bis zu 72 hochformatige Negative passen. Man kann zu beliebiger Zeit umstellen, allerdings wird in der Anleitung deutlich darauf hingewiesen, dass jeweils bei 24x36-Stellung transportiert werden sollte, d.h. bei Halbierung des Formates den Film VOR dem Umschalten transportieren, bei Verdoppelung NACH dem Umschalten. Sonst drohen überlappende Negative.

Die Tatsache, dass sie die einzige Kleinbild-Kamera mit diesem Feature ist, spricht Bände. Zwar war das Halbformat in den 60er Jahren insbesondere in Japan sehr populär (siehe die Olympus PEN-F und andere in meiner Sammlung), aber dessen Zweck war neben der doppelten Bilderzahl pro Film insbesondere der Bau kompakter Kameras. Die Konica hier war aber mit fast einem Kilogramm Kampfgewicht eher das Gegenteil von kompakt. Außerdem erfordert das Halbformat eine Normalbrennweite von 30 mm (heute würde man von einem Crop-Faktor 1.44 sprechen), d.h. die mitgelieferte Normalbrennweiten von 52 oder wie hier 57 mm entsprachen leichten Teleobjektiven. Wo war also der Vorteil des eingebauten optionalen Halbformats? Ich denke, Konica‘s Management hat bald eingesehen, dass das niemand wirklich braucht und ihre Konkurrenten haben sich heimlich gefreut, nicht selbst Geld in dieses Feature investiert zu haben. Die eigentliche Auto-Reflex war eine sehr erfolgreiche Kamera wegen der Blendenautomatik, die abgespeckte Version riss kaum jemanden vom Hocker, trotz Halbformat-Umschalter!

Datenblatt Einzige KB-SLR mit umschaltbarem Format 24x36 und 18x24 (zusammen mit der automatischen Schwester Auto-Reflex im selben Gehäuse)
Objektiv Konica AR Bajonett, hier mit Hexanon 57 mm f/1.4 (Gauß-Typ, 6 Linsen in 5 Gruppen, #5760574)
Verschluss vertikaler, mechanischer Metall-Schlitzverschluss (Copal Square), B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500-1000 1/s. 
Belichtungsmessung keine, Aufsteckbelichtungsmesser für das Zeitenrad erhältlich. Die Kamera war die Einfachversion der Konica Auto-Reflex mit eingebautem (kein TTL) CdS-Beli und Blendenautomatik.
Fokussierung Mattscheibe mit Mikroprismen im Zentrum.
Sucher Spiegelreflex mit Rückschwingspiegel. Halbformatmarkierungen. 
Blitz M und X Buchse. X-Synchronzeit 1/125 s.
Filmtransport mit Schnellschalthebel, Rückspulkurbel. Bildzählwerk (vorwärts) zählt im Halbformatmodus nur jedes zweite mal hoch.
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Stativgewinde 1/4‘‘, Filmmerkscheibe, Drahtauslöseranschluss, als Zubehör: Zubehörschuh zum Aufstecken, Belichtungsmesser
Maße, Gewicht ca. 142x94x46, 682 g (ohne Objektiv), 965g (mit 1.4/57)
Batterie keine
Baujahr(e) 1966-1968, #852502
Kaufpreis, Wert heute ca. 200 US$ (1966), ca. 200 €
Links Konicafilesbuhla.de, Camera-Wiki, Wikipedia, Bedienungsanleitung (Auto-Reflex, mehrsprachig), Mike Eckman, Konica-collector.org
Bei KniPPsen weiterlesen Konica Autoreflex TCKonica TC-X, Konica FS-1, Konica C35V, Konica C35AF







2022-07-17

Nagel Vollenda 48 (Version 1 vs. Version 2)

Mein heutiger Post ist die Fortsetzung meines Beitrags vom 14. März 2021. Diesmal geht es um die Unterschiede der beiden Versionen, die es von der Kamera gab und ein paar weitere Kleinigkeiten. 

Anlass war (wie sollte es auch anders sein...) der Fund der Kamera links auf einer bekannten online-Auktionsplattform. Irgendwas stimmte bei diesem Angebot nicht und nach kurzem Überlegen kam ich drauf: Das Objektiv (ein Ysar 5 cm f/3.5, Rodenstock's Tessar Variante) passt nicht zur Kamera. Zunächst glaubte ich an eine seltene und dementsprechend wertvolle Variante, aber kurzes Recherchieren machte diesen Traum schnell wieder zunichte. 

Das Ysar mit 5 cm Brennweite gab es in den späten 1940er Jahren z.B. an der Kodak Retina I (Modell 010) und die Seriennummer des Objektivs (2024049) zeigt klar auf 1945. Auch auf dem Bild sieht man es deutlich: das hell strahlend leuchtende Aluminium der Objektivfassung beißt sich fast mit dem gediegenen Glanz des Vorkriegs-Nickels der restlichen Kamera. Jemand hatte also später das Objektiv getauscht, was ich zum Zweck der besseren Authentizität für die folgenden Aufnahmen wieder rückgängig gemacht habe. Meine Retina I (118, von 1935) hat ihrer Tante Vollenda dafür das Schneider Xenar 5 cm f/3.5 geliehen:
Frühe Version (links) in Einfachausstattung vs. spätere Version (rechts)
mit gehobener Ausstattung und extra Zubehör.

Ich bin besonders froh, dass ich nun mit den beiden Vollendas nicht nur die konstruktiven Änderungen zwischen Version 1 (bis ca. Seriennummer 126xxx) und Version 2 zeigen kann, sondern auch fast das gesamte Ausstattungsspektrum abdecke. Am einfachsten lässt sich die frühe Version am zylindrischen Drehknopf für den Filmtransport (mit der Beschriftung "Dr. August Nagel, Stuttgart") erkennen. Die spätere Version hat an der Stelle einen Drehschlüssel, der mit "Made in Germany" beschriftet ist. Daneben änderte sich noch der Rückwandverschluss, der in der zweiten Variante nun über die gesamte Kamerahöhe geht. Nur im direkten Vergleich nebeneinander erkennt man den breiteren Balgen der späten Version und die Änderung der Form der Metallplatte auf der Verschluss und Objektiv montiert sind. 
Auf diesem Bild sind fast alle Unterschiede und Ausstattungsvarianten gut sichtbar, siehe Text. 
Natürlich fallen die gehobenen Auststattungsmerkmale der späteren Version auf, diese gab es aber z.T. schon an frühen Kameras: 1) Der Compur-Verschluss und einen extra Schneckengang (2) zum Scharfstellen, der das komplette Objektiv samt Verschluss bewegt. (3) Ein optischer Sucher und (4) ein sog. "mechanischer Tiefenschärfer" (rechts obern auf der Kamera).  
 
Meine Kamera trägt die Seriennummer 150638 und läßt sich damit ins Jahr 1932 einsortieren, was auch durch die Seriennummer 2583829 des Compur-Verschlusses bestätigt wird. Sie ist nicht ganz so gut erhalten wie meine ältere Version 1, aber voll funktionstüchtig. Ich hoffe nur, dass das nachträglich eingebaute Ysar auch ordentlich justiert ist, mit Film ausprobiert habe ich es (bisher) nicht. 

Datenblatt Faltbalgenkamera für 3x4 cm Negative auf Rollfilm 127.
Zweite Version der Vollenda 48.
Objektiv Kamera war erhältlich mit Schneider Radionar 5 cm f/4.5 oder Radionar f/3.5, beide mit Frontlinsenfokussierung. Gehobene Ausstattung mit Schneckengang: Schneider Xenar f/3.5, oder f/2.9, Leitz Elmar f/3.5 oder Carl Zeiss Tessar f/3.5 oder f/2.8. (Das oben abgebildete Rodenstock Ysar ist von 1945 und wurde nachträglich ausgetauscht).
Verschluss Compur Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 (gehobene Ausstattung, einfache Version mit Pronto-S oder Nagel-Verschluss). Späte Kameras auch mit dem Compur-Rapid.
Fokussierung Mittels Schneckengang und Verschieben des gesamten Objektivs.
Sucher Optischer Aufklappsucher. Einfache Versionen haben einen  Aufklappsucher ohne optische Elemente.
Filmtransport Mittels Drehknopf (früher Version) oder Drehschlüssel (ab ca. Ende 1931), doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', Anschlussgewinde für Drahtauslöser
Maße, Gewicht ca. 33x76x110 mm (zusammengeklappt),  350 g
Baujahr(e) 1931-1933 und 1936,  ab Ende 1932 als Kodak Vollenda 48. Insgesamt ca. 43,000 Exemplare, davon ca. 30,000 im Jahr 1931.
Kaufpreis, Wert heute in dieser Version (Xenar) 88 RM, mit Tessar f/2.8 bis zu 129 RM. Wert heute je nach Zustand und Ausstattung 50-150 €
Links Camera-WikiUKCamera (Archiv), Living Image, Blende und Zeit Forum 
Bei KniPPsen weiterlesen Version 1August Nagel, Nagel/Kodak Vorkriegsproduktion in ZahlenKodak Vollenda 620, 3x4-Kameras von 1931, Nagel Pupille, Compur Seriennummern, 127 Film

2022-06-26

Deutsche Objektivproduktion 1925 bis 1942 in Zahlen

Objektivproduktion (Anzahl) der führenden 7 deutschen Produzenten für hochwertige Optik im Zeitraum von 1925 bis 1942. Daten abgeleitet von Seriennummersequenzen.

Die obige Grafik und die dazugehörige Excel-Tabelle schlummert schon länger auf meinem Computer, sind diese Daten doch ein Nebenprodukt meiner Recherchen zu Seriennummern. Sie finden sich in anderer Form in meinem kleinen Altersbestimmungswerkzeug hier links oben am Rand. Ich habe mich bisher gescheut, sie so zu veröffentlichen, weil die Datenbasis nicht komplett ist. 

Die gezeigten führenden 7 deutschen Objektivhersteller repräsentieren zwar den Großteil der höherwertigen Objektivproduktion im betrachteten Zeitraum. Für ein komplettes Bild fehlen aber mindestens die Firmen E. Ludwig, ENNA, Staeble und C. Friedrich (für die Jahre vor 1925 und nach 1945 wären noch viel mehr Hersteller zu betrachten). Bis jetzt ist es mir aber nicht gelungen mehr Details über diese kleineren Produktionen zusammen zu bekommen. Ich schätze ihren Beitrag zur Gesamtproduktion im obigen Zeitraum auf ca. 1 - 1.5 Millionen Objektive. Unter den Balken oben verbergen sich zum Vergleich 8.5 Millionen. 

Was außerdem fehlt ist Deutschland's größter Kamerahersteller: Das Agfa-Kamerawerk in München, welches inklusive der Vorgängerfirma Rietzschel bis zum 2. Weltkrieg ca. 7 Millionen Kameras mit eigenen Objektiven produziert und verkauft hat. In dieser Zahl sind zum großen Teil einfachste Boxkameras enthalten. Auch von anderen Herstellern gab es solche aus deutscher Produktion. Deren Objektive sind meist nicht extra nummeriert und entziehen sich somit einer getrennten Analyse.

Trotzdem kann man an dieser Stelle mal alles zusammensetzen und kommt größenordnungsmäßig auf ca. 20 Millionen Kameras bzw. Objektive aus Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Verteilung dieser 20 Mio folgt dem Muster der obigen Grafik: ca. 1/4 (5 mio) in den ersten 30 Jahren mit stetigem Wachstum der Industrie, inkl. ein paar schwierigen Jahren im 1. Weltkrieg. Dann die Weltwirtschaftskrise mit dem großen Einbruch im deutschen Krisenjahr 1932. In den späten 1920er Jahren    passiert zusätzlich einiges in der Fotoindustrie, was den Grundstein für den phänomenalen Kameraboom ab 1933 (3/4, also ca. 15 mio in nur 9 Jahren) legt: 1) die wirtschaftliche Konsolidierung, Zeiss Ikon geht aus einigen kleinen und angeschlagenen ehemaligen Konkurrenten hervor, Agfa etabliert sich als DER deutsche Filmhersteller und kauft Rietzschel, Kodak kauft Nagel; 2) Rollfilme werden technisch so gut, dass die bisher marktbeherrschenden Plattenkameras ab 1930 zu Ladenhütern werden, Leitz zeigt der Welt wie Hightech Kleinbild geht; 3) in vielen Fotofirmen kommt eine innovative Generation junger Ingenieure ans Ruder und löst die Gründergeneration aus den 1890ern ab. Sie erfinden und trauen sich an neue Dinge, z.B. Kleinbildkameras, Bakelit, oder billige Boxen für die Jugend. Der Boom der 1930er kommt ja bekanntlich wegen des von Deutschland ausgehenden Weltkriegs zu einem jähen Ende. Fast die gesamte Produktion wird ab 1941 Kriegsgüter herstellen, die Innovationen der 1930er (Farbfilm, Vergütung, Blitz, etc.) werden dann zu einem zweiten, noch größeren Boom in den 1950ern führen, aber das ist eine andere Geschichte…

2022-06-19

Kodak (Nagel) Vorkriegsproduktion in Zahlen

Mein Interesse für Produktionszahlen von Kameras (und deren Entwicklung) ist hier im Blog schon hinlänglich bekannt. Nun habe ich mich mal drangemacht und die Kameraproduktion des Kamerawerkes Nagel (ab 1932 Kodak AG Deutschland) in Stuttgart aufzuarbeiten. Gestützt habe ich mich im Wesentlichen auf Daten aus dem Buch "Zauber der Kamera" von Helmut Nagel (ISBN 3-421-02516-9). Helmut Nagel ist der Sohn des Firmengründers August Nagel und war selbst lange Jahre Chef von Kodak Deutschland. Ich gehe also mal davon aus, dass seine Daten zu Produktionszahlen, Produktionszeitraum  und Verkaufspreisen stimmen. Was ich dazu gedichtet habe, sind zwei Dinge: 1) habe ich für jedes der 52 Vorkriegsmodelle eine wahrscheinliche Verteilung der Produktionsmenge über den angegebenen Zeitraum angenommen; 2) Viele Kameras wurden in unterschiedlichen Ausstattungsvarianten (Objektiv, Verschluss) zu unterschiedlichen Preisen angeboten. Hier habe ich für die Umsatzverteilung einen mittleren Preis (niedrigster+höchster Preis geteilt durch zwei) angenommen.
Umsätze (geschätzt, in Tausend RM) mit Kameras (ohne Film etc.)
bei Kodak Deutschland vor dem 2. Weltkrieg 

Was man an den beiden Grafiken hier sieht, ist einerseits ein Spiegel der Entwicklung der gesamten Kameraindustrie in Deutschland. Man erkennt die beiden Einbrüche in der Produktion, 1932 als Folge der Weltwirtschaftskrise und 1940/1941 nach Ausbruch des Weltkriegs. Im Zeitraum von 1942 bis 1946 wurden in Deutschland so gut wie keine Kameras mehr produziert. Auf die kurze Blüte der 3x4-Kameras (127er Film) im Jahr 1931 bin ich hier schon eingegangen
Auf der anderen Seite war das Kodak Nagelwerk eben nicht typisch und ein Innovationstreiber für die Industrie. Man startet im Jahr 1928 quasi auf dem Zenit der Plattenkameraproduktion in Deutschland (siehe einen typischen Vertreter hier) und produziert selbst nur wenige Modelle. Aber schon 1930 zeichnete sich ab, dass diese umständlichen Kästen zu Ladenhütern würden und die Kundschaft kompaktere Film-Modelle wünschte. Nach dem ersten gescheiterten Kleinfilm-Versuch (3x4) brachte Kodak im Jahr 1934 die Retina und die universelle 135er Patrone und trieb damit die ganze Branche vor sich her. Die hier in den Jahren gezeigten Kleinbild-Umsätze hatte außer Leitz (Schraubleicas) kein anderer Kamerahersteller vor dem Krieg.
Vorkriegs-Kameraproduktion bei Kodak (Nagelwerk) in Deutschland (Stückzahl)

Das zahlen- und umsatzmäßig wichtigste Kodak-Modell war aber die 6x9-Klappbalgenkamera "Junior 620". Insgesamt 581.000 Exemplare für nur 32,25 RM verließen in den Jahren 1933 bis 1939 das Werk. (Ich kann mir gut vorstellen, dass man an der Kamera selbst nicht viel verdient hat, sondern die Margen am Ende mit den Film-Verkäufen realisiert hat). Sogar die noch viel preiswerteren 3 Stuttgarter Box-Modelle (ab 5 RM) kommen zahlenmäßig da nicht ran. Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass das Stuttgarter Nagelwerk Kodak's High-end Produktionsstätte war. Preiswerte Kodak-Boxen wurden millionenfach von anderen Kodak Standorten produziert (z.B. in UK und USA) und in alle Welt verkauft. 

Das hier soll erst ein Anfang sein. Zum einen plane ich noch einen zweiten Kodak Teil mit der Nachkriegsproduktion (ebenfalls aus Helmut Nagels Buch). Zum anderen sind diese Zahlen und Grafiken ja ganz nett, gewinnen aber erst dann wirklich an Wert, wenn man sie in die richtige Perspektive setzt. Sprich: Der gesamte Kameramarkt, bzw. wichtige Konkurrenten sollten ähnlich betrachtet werden. Rudimentäre Ansätze für Agfa und Co. habe ich schon, aber noch lange nichts so detailliertes wie das hier. Am weitesten gediehen ist schon eine Analyse der Vorkriegs-Objektivproduktion. Für jeglichen Input, Fragen und Kritik bin ich dankbar (Kommentare unten, bzw. e-mail an knippsen (at) icloud (punkt) com).  

2022-05-13

Agfa Selecta-m

Die Geschichte der Iloca Electric geht bekanntlich mit der Agfa Selecta-m weiter. Das Agfa Kamerawerk in München hatte aus der Iloca Konkursmasse den fertig entwickelten Prototypen Auto-Electric und vermutlich viele Werkzeuge und Bauteile übernommen. Die gelegentlich zu findende Behauptung, Agfa hätte die ganze Firma Iloca übernommen und die Kamera in Hamburg weiter produziert, ist sicher falsch (auch wenn vermutlich einige Iloca Techniker nach München umgezogen sind). Agfa hat den Prototypen überarbeitet und ans damalige Agfa Design angepasst. Ich war natürlich neugierig und wollte wissen: Wieviel Iloca Electric steckt noch in der Selecta-m? Daher musste ein Exemplar her und sich dem direkten Vergleich stellen:

Und man findet tatsächlich sehr viele Gemeinsamkeiten. Das Spritzguss-Gehäuse mit dem Filmhandling, die Elektrik (Filmtransportmotor und Batteriefach, etc.) sind quasi identisch, genauso die Rückwand und Bodenplatte, letztere mit kleinen Abweichungen. Das fest eingebaute Objektiv, der Automatikverschluss sowie die Anordnung von Sucher und Belichtungsmesser sind natürlich anders als bei der ursprünglichen Iloca Electric, entsprechen aber dem Auto-Electric Prototypen. Sogar die Zulieferer der Komponenten blieben wohl dieselben: Das 45 mm f/2.8 Iloca-Ysarex wurde lediglich in Color-Solinar-R („R“ für Rodenstock) umgelabelt. Auch blieb es beim Compur-Automat Verschluss von Deckel, wohingegen die nicht-motorisierte Schwester Agfa Selecta einen Prontor-matic P Verschluss von Gauthier hatte. 
Agfa Optima und Selecta-m im Design und 
Größenvergleich 
Die Agfa Formensprache bekam die Selecta-m durch folgende vergleichsweise funktionsfreien Änderungen: Die Gehäusekappe aus verchromten Blech wurde ca. 7 mm höher als sie eigentlich hätte sein müssen. Dafür wird diese nach obenhin schlanker und gibt der Kamera zusammen mit dem charakteristischen Auslöseschieber (statt Knopf) und dem geriffelten Fokusring das typische Agfa-Aussehen der Zeit. Der direkte Vergleich mit der Agfa Optima auf dem Bild hier links zeigt das sehr schön, offenbart aber auch, welch ein Klotz die Motorkamera ist. Obwohl die Selecta-m nach wie vor eine Messsucherkamera war (die einfache Selecta war nur eine Sucherkamera!), bekam sie Zonenfokus-Symbole. Auch die farblich markierten Verschlusszeiten (Vorwahl für die Blendenautomatik) passen ins Agfa-Schema. 

Mit stolzen 598 DM war die Selecta-m 1962 mehr als doppelt so teuer wie ihre kleine Schwester Selecta (278 DM), mit der sie die Blendenautomatik und die sonstige Anmutung gemein hat. Ob allerdings der motorische Filmtransport, der Messsucher sowie das etwas bessere Objektiv diesen Preisunterschied rechtfertigen, kann im Rückblick bezweifelt werden. Allerdings hatten beide Kameras mit ihrer selektiven Automatik (daher der Name) nicht den Markterfolg, den Agfa von der Vollautomatik Optima gewohnt war. Diese verkaufte sich millionenfach (in nur drei Jahren) und verdiente das Geld, das Agfa in solche Experimente wie motorischen Filmtransport steckte. Agfa bewies einen relativ langen Atem und produzierte die Selecta-m noch bis ca. 1965. Damit dürfte sie deutlich häufiger zu finden sein als die Iloca Electric, ich schätze mal so 20,000 Exemplare, und ist trotzdem eine der seltensten Agfa-Nachkriegskameras. Aber Agfa (und andere) merkten auch, dass die Zeit (und die Technik) für eingebauten motorischen Filmtransport noch nicht reif war. Die kam erst 20 Jahre später zusammen mit Plastik und Elektronik.
Mein Exemplar sieht zwar äußerlich klasse aus, ist aber leider ein Totalschaden. Weder lässt sich die Elektrik und der Motor zu irgendeinem Zucken bewegen, noch der Verschluss auslösen oder irgendetwas daran einstellen. Ich hab sie natürlich aufgeschraubt und dabei Zeichen eines früheren erfolglosen Reparaturversuchs entdeckt. Ich fürchte, dass die allermeisten dieser Kameras in einem ähnlichen Zustand sind. Wer eine funktionierende besitzt, mag sich gerne bei mir mit einem kurzen Video (mit Ton) vom Auslösen und Filmtransport melden. Ich würde das gerne hier zeigen…

Datenblatt Motorisierte KB-Messsucherkamera mit Blendenautomatik
Objektiv Color-Solinar-R 45 mm f/2.8 (4 Linsen, Tessar Typ, gebaut von Rodenstock)
Verschluss Compur-Automat Zentralverschluss, B-30-60-125-250-500, automatische Blendensteuerung durch Selenzelle. 
Belichtungsmessung mit Selenzelle, Filmempfindlichkeit 12-1600 ASA, 11-33 DIN.
Fokussierung manuell durch Frontlinsenverstellung. Zonensymbole, Gekuppelter Messsucher, kürzeste Entfernung 1m.
Sucher gekuppelter Messsucher mit Parallaxenkorrektur, rotes und grünes Fähnchen als Signale für falsche und richtige Belichtung.
Blitz per PC-Buchse, 1/30s Synchronzeit.
Filmtransport motorisch mit 3V Elektromotor, ca. 2 Bilder in 3s.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (kalt), ISO-Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 1/4‘‘
Maße, Gewicht ca. 125x100x68 mm, 842 g (ohne Batterien und Film)
Batterie 2xAA für den motorischen Filmtransport
Baujahr(e) 1962-1965. Seriennummerbereich HAxxxx bis HBxxxx, ca. 20,000 Exemplare.
Kaufpreis, Wert heute 598 DM (1962), ca. 50-100€, mit funktionierendem Motor auch deutlich mehr.
Links Camera-Wiki, Deutsches Museum Digital, Udo Spickmann, Bleckedermoor.de, Anleitung

2022-05-04

DKL universell (Iloca Electric)

Iloca Electric nach DKL-Modifikation. Hier mit Voigtländer Color-Skopar X 2.8/50, Voigtländer Zoomar 2.8/36-82, Schneider Retina-Curtagon 4/28, Schneider Retina-Tele-Xenar 4/135 und Schneider Edixa-Xenar 2.8/50

Nach reiflicher Überlegung, ob ich dieser doch seltenen und wertvollen Kamera eine kleine, aber dennoch unwiderrufliche Korrektur beibringen soll, hab ich es tatsächlich getan. Nun habe ich aus dem proprietären DKL-Iloca-Bajonett durch Wegfräsen der störenden Iloca-Nase ein wirklich universelles DKL-Bajonett gemacht. Nun passen alle (!) DKL-Objektive (zumindest die ohne eigenen Blendenring), wie man oben an meinen Beispielen sieht.
Vorher mit Nase Nach der Operation

Oft wird im Internet zu dem Thema geschrieben, dass die Objektive durch kleinere Modifikation kompatibel gemacht werden können. Das stimmt zwar, aber dann muss man das für jedes Objektiv einzeln machen. Viel einfacher und sinnvoller ist es, an den Kameras die störenden Nasen zu entfernen.
Meine Iloca steht jetzt im Regal mit dem Skopar von Voigtländer, da dieses an der Bessamatic durch das Zoomar verdrängt wurde. Leider kann man mit der Iloca immer noch nicht fotografieren, vermutlich ist die Elektrik tot. Aber mal sehen, vielleicht wage ich mich auch noch an die größere Operation. 

2022-04-20

Beier Precisa

"Allerweltskameras" sind in vielen Kamerasammlungen meist unterrepräsentiert, einfach weil sie nichts Besonderes an sich haben. Wenn man aber sich mit ihnen etwas beschäftigt, können auch sie eine Geschichte erzählen. So ist es mir mit dieser Beier Precisa gegangen, auf die ich in einem spontanen Moment einfach mal 10 € geboten haben. Nach ihrem Zustand und Erscheinungsbild dachte ich eine Vorkriegskamera "geschossen" zu haben, lag aber daneben ... 

Solche Faltbalgenkameras für Rollfilme haben im Laufe der 1920er und 1930er Jahre das Erbe der Laufboden-Plattenkameras angetreten, deren Grundprinzip sie übernommen haben: Sie ließen sich durch den Balgen zusammenklappen und so leicht transportieren. Die wesentliche Technik sitzt vorne im Zentralverschluss bzw. im Objektiv. Das Rollfilmhandling selbst ist relativ simpel, ein einfacher Drehknopf genügt, der Filmvorschub wird über das rote Filmfensterchen auf der Rückseite kontrolliert. 

Es gab sie in fast identischer Ausführung von fast allen Kameraproduzenten in unterschiedlichen Modellen, viele Hersteller hatten zumindest in der Frühzeit identische Kameras für verschiedene Rollfilm-Formate (z.B. 6.5x11, 5x7.5, 6x9) im Programm. Das konsolidierte sich ab ca. 1933 : Der 120er (bzw. 620er) Rollfilm und die rechteckigen Formate 6x9 und 6x4.5 setzten sich als Standard durch. Daneben gab es noch einige Zeit den kleinen Bruder 127 (für 4x6.5 und 3x4).  
 
Größenvergleich verschiedener vertikaler Balgenkameras aus meiner Sammlung. Die Beier Precisa hatte vor dem 2. Weltkrieg den Sucher ebenfalls auf der rechten Seite. Erst ab den 1950er Jahren kristallisierte sich sowas wie eine Gehäuseoberseite mit allen Bedienelementen (Gehäuseauslöser, Filmvorschub, etc.) auch bei solchen Balgenkameras heraus. 

Das Format 6x6 (auf 117 Rollfilm) wurde meines Wissens mit der Icarette schon 1912 eingeführt. Diese war als wirklich kompakte Taschenkamera recht erfolgreich, fand aber zunächst nur wenig Nachahmer. Das quadratische Format erlangte durch die Rolleiflex (und ihre Klone) ab 1928 wieder vermehrt die Aufmerksamkeit und Akzeptanz der Fotografen, es dauerte aber ein paar Jahre bis ab ca. 1936/1937 auch Faltbalgenkameras von verschiedenen Herstellern dafür auf den Markt kamen. Einige waren wie die Icarette als horizontale Konstruktion ausgeführt (die Frontklappe geht nach unten auf), ein prominentes und langfristig sehr erfolgreiches Beispiel war die Agfa Isolette. Andere waren vertikale Modelle, quasi verkürzte Ausführungen der üblichen 6x9-Konstruktion. Dazu zählten z.B. die Weltax, die Baldax und eben diese Beier Precisa, die 1937 auf den Markt kam. Durch Einlegen einer Maske und ein zweites rotes Fensterchen konnte man sie auch für das zunächst populärere Rechteckformat 6x4.5 nutzen. 

Einen wahren Boom erlebten die 6x6 Kameras dann aber nach dem Krieg in den 1950er Jahren. Insbesondere in Westdeutschland wurden 100-tausende davon verkauft, siehe meine Isolette II oder die Adox Golf. Aber auch in der DDR wurden die jeweiligen Vorkriegsmodelle wieder aufgelegt und noch gut verkauft. 
Beier Kameras ziert oft ein 
handschriftliches Produktionsdatum
unter der Filmandruckplatte.

Über das Kamerawerk Woldemar Beier habe ich ja schon im Zusammenhang mit der Beira geschrieben. In der Nachkriegszeit versuchte man zunächst, so gut es im Sozialismus möglich war, als privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen zu überleben. Man kam aber nicht mehr an Hochleistungsverschlüsse (aus Westdeutschland) und war auch bei der Objektivauswahl nicht mehr frei (Carl Zeiss Jena war staatlich). Daher kooperierte Beier mit zwei anderen (eher) privatwirtschaftlich geführten Unternehmen aus ihrer Region: Die Gebrüder Werner ("GW") aus Tharandt lieferten die einfachen Automatverschlüsse (Junior oder Binor) ins nur wenige Kilometer entfernte Freital, die Objektive kamen von E. Ludwig aus Weixdorf auf der anderen Seite von Dresden. Alle drei Unternehmen ereilt in den 1960er und 1970er Jahren das selbe Schicksal: Sie werden sukzessive immer abhängiger vom planwirtschaftlich agierenden Staat. Aus Beier wird 1972 die VEB Kamerafabrik Freital, der auch der andere Freitaler Kamerabauer Pouva und die VEB Fotoverschlüsse Tharandt (GW) sowie das Optische Werk Ernst Ludwig eingegliedert werden. 1980 gehen alle zusammen schließlich im VEB Pentacon auf.  Von den Rollfilmmodellen Beirax (6x9) und der Precisa (6x6) sollen bis Ende der 1950er insgesamt 161.000 Stück verkauft worden sein. Respekt! In den 1960ern geht die Zeit für Rollfilmbalgenkameras aber zu Ende. Bei Beier schlägt die Stunde der Kleinbildkamera Beirette. 

Datenblatt Vertikale Faltbalgenkamera für 6x6 und 4.5x6 auf Rollfilm 120
Objektiv E. Ludwig Meritar 75 mm f/3.5 (Triplet, vergütet). Frühe (Vorkriegs-) Kameras haben auch Schneider Xenar oder Rodenstock Trinar 75 mm f/2.9.
Verschluss GW (Gebrüder Werner, Tharandt) Junior-Automatverschluss B-100-50-25. Vorkriegskameras auch mit Compur oder Pronto II Spannverschluss.
Fokussierung Manuell durch Frontlinsenverstellung, minimal 1m. Keine Scharfstellhilfe    
Sucher optischer Aufklappsucher. Vorkriegskameras haben diesen auf der "Unterseite".
Blitz Synchronbuchse am Verschluss.
Filmtransport mittels Drehrad, verschließbare rote Rückseitenpapierfenster für beide Formate.
sonst. Ausstattung Gehäuseauslöser inkl. Drahtauslösergewinde, 3/8'' Stativgewinde. Leder-Trageschlaufe.
Maße, Gewicht ca. 136x84x44 mm, 509 g (zusammengeklappt)
Baujahr(e) 1937-1941 und wieder 1950-1956. Diese hier vom 20.10.1955 (siehe Bild)
Kaufpreis, Wert heute ca. 60 RM (1938), ?? Mark/DM (1955), je nach Zustand heute 10-30€
Links Bedienungsanleitung, Dresdner Kameras, Zeissikonveb (Meritar), Beier- Kameras.de, Camera-wiki (Beier), Camera-wiki (Ludwig), Camera-Wiki (Werner)
Bei KniPPsen weiterlesen Kodak Vollenda 620, Certo Dolly, Baby-Ikonta, Folding Cameras und die vielen Links im Text.

2022-04-10

Witt Iloca Electric


Hinter ihr war ich schon länger her! Nicht nur weil sie in meine Sammlung von DKL-Kameras passt, sondern weil sie eine Meilensteinkamera ist: Die erste Kleinbildkamera mit elektromotorischem Filmtransport (und Verschlussaufzug). Außerdem stammt sie aus relativ unbekanntem Hause, dessen Geschichte auch nicht ganz uninteressant ist. Natürlich hätte ich sie hier gerne mit ihrem Originalobjektiv präsentiert, aber leider gibt es viel zu viele sogenannte "Sammler", die ganz bewusst die Objektive von den Kameras trennen, einfach weil mit ersteren mehr Geld zu machen ist. Insbesondere, wenn, wie im meinem Fall hier, die Kamera defekt ist und keinen Mucks mehr tut (außer schön auszusehen). Ich habe guten Grund zur Annahme, dass es sich beim Objektiv, mit dem die Kamera ausgeliefert wurde, um ein Rodenstock Iloca-Heligon 50 mm f/1.9 handelt. Mit dem Objektiv zusammen hätte ich mir den Spaß hier allerdings nicht leisten wollen.
Aber vielleicht verirrt sich ja mal das preiswertere Standard-Objektiv Rodenstock Ysarex 50mm f/2.8 zu mir und komplettiert die Kamera. Oder ich modifiziere eines meiner anderen DKL-Objektive bzw. feile an der Kamera die kleine Nase im Bajonett weg, um alle DKL-Objektive ansetzen zu können.

Die Kamera selbst ist ein echtes Design-Juvel. Der Elektromotor sitzt in der Filmaufwickeltrommel unterhalb des Suchereinblicks (s. Bild links). Die zwei (auch heute noch) handelsüblichen AA-Batterien finden im Kameraboden Platz und sollen angeblich für bis zu 1500 Fotos (also ca. 40 Filme) gereicht haben. Die ganze Kamera wirkt wohl proportioniert, ist aber wegen der Unterbringung von Motor und Batterien für eine Kleinbildkamera recht groß und auch schwer geraten. Sie hat ungefähr die Dimensionen einer Agfa Isolette, und die macht immerhin 6x6 cm große Negative. 

Aber ansonsten hat die Iloca Electric (bzw. ihr US-Exportmodell Graflex Graphic 35 Electric) alles, was sich der Fotoamateur im Jahre 1959 wünschen konnte: einen hellen Messsucher für ein 35 mm Objektiv mit eingespiegelten Leuchtrahmen für 50 mm und 135 mm. Hochwertige Wechselobjektive von Rodenstock oder Steinheil und einen eingebauten Selen-Belichtungsmesser, kombiniert mit einer elegant gelösten Nachführ-"Automatik". Damit und mit ihrem Alleinstellungsmerkmal Elektromotor zielte sie auf die Spitze des Marktsegmentes Kleinbild-Sucherkameras und rief entsprechende Preise auf (einen Preisvergleich mit anderen Top-Kameras findet sich hier). 


Ob man jetzt tatsächlich einen Elektromotor, der 1 Bild pro Sekunde schafft, braucht oder nicht, ist sicherlich Geschmackssache. 1959 allerdings kam jede Menge Innovation in die (Kleinbild-) Kameras (z.B. das Zoom) und Elektr(on)ik war ebenfalls en vogue. Ich habe hier ja schon die andere exotische DKL-Kamera von 1959 vorgestellt, die sich auch der Elektrik verschrieben hatte: Wirgin Edixa Electronica. Aber bei dieser ging es um eine echte Belichtungsvollautomatik, die mit der Agfa Optima ebenfalls 1959 auf dem Markt erschien. Und interessanterweise ist mit solch einer Automatik das Ende der Firma Witt verbunden, so dass die Iloca Electric ihr letztes Modell bleiben sollte...

Aber der Reihe nach: Das Iloca Camerawerk wurde ca. 1947 von A. Walter Illing in Hamburg als technische Werkstatt gegründet. Die erste Kamera hieß entsprechend Ilca ("Illing Camera"), was aber vermutlich zu Nahe an ICA war, so dass Zeiss Ikon entsprechend erfolgreich einsprach. Ab ca. 1950 hießen die Kameras dann Iloca, in diesem Jahr übernahm auch der Hamburger Kaufmann Wilhelm Witt die Firma und es folgte ein Jahrzehnt eines sehr steilen wirtschaftlichen und insbesondere technologischen Aufstiegs. War die Iloca I von 1950 noch eine sehr einfache Kamera, so spielte man am Ende des Jahrzehnts schon in der ersten Liga mit (eben mit der Electric hier). Schlüssel des Erfolgs war natürlich immer neue Innovation (Schnellschalthebel, eingebaute Belichtungsmesser, etc.), aber auch einen guten Draht zum Exportmarkt USA. Obwohl die Firma nie besonders groß war (200 Angestellte am Ende), war man stolz die wesentlichen Schlüsseltechnologien zum Kamerabau im eigenen Hause zu haben und damit relativ unabhängig von Zulieferern zu sein und wesentliche Teile der Wertschöpfung selbst zu machen. Aber ganz unabhängig war man als kleiner Spieler eben nicht. Bei den Objektiven kooperierte man mit ISCO und später Steinheil, die hochwertigen Verschlüsse bezog man ab Mitte der 1950er ausschließlich von Fr. Deckel (Compur) und das sollte sich letztendlich als fatal erweisen.

Der nächste Technologieschritt war im Jahr 1959 schon fertig entwickelt und fest eingeplant in die Produktion. Die Kamera sollte Iloca auto-electric heißen (hier ein Foto des Prototypen von einer Auktion), basierte auf der Electric (eingebauter Motor), hatte aber ein fest eingebautes Objektiv und eine Trap-Needle Blendenautomatik. Zentrales Bauelement war der Compur-automat Verschluss, von dem Iloca bei Deckel am 22. Mai 1959 3200 Stück zum Einzelpreis von 16,50 DM bestellte (eintreffend im August und September). Aber es passierte: Nichts! Sprich: Deckel lieferte einfach nicht und riss das Iloca Camerawerk damit in die Insolvenz, die Anfang April 1960 vollzogen wurde. Witt hatte alles auf eine Karte gesetzt und die Produktion nicht-motorisierter Kameras auslaufen lassen. In Q4-1959 und in den ersten Monaten von 1960 wurden noch wenige Tausend Electric produziert (siehe unten), aber deren Markt war wegen des hohen Preises gedeckelt, und die vorhandenen Teile dafür endlich. 

Witt zeigte Deckel und deren Mutterkonzern Carl Zeiss wegen Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung an, letztendlich zu spät für die Firma. Ob es eine Entscheidung dazu gab und später eine gewisse Entschädigung gezahlt wurde, konnte ich nicht rausfinden. Aber es macht Sinn: Iloca muss als kleiner David mit seinem Vorstoß in die technologische Elite die Großen der Branche (insbesondere Zeiss Ikon) gehörig geärgert haben. Zeiss hatte im Jahr 1958 nicht nur die volle Kontrolle über Friedrich Deckel übernommen, sondern seit 1956 auch bei Voigtländer das Sagen. Vielleicht hatte man ja der Familie Witt auch ein Übernahmeangebot gemacht, was abgelehnt wurde? Nun, alles Spekulation. Jedenfalls hat Witt nach der Insolvenz die fertig entwickelte auto-electric an Agfa verkauft, die sie nach Agfa-Anpassungen als Selecta-m 1962 auf den Markt brachten. Manche schreiben, Agfa hätte die Firma von der Familie Witt übernommen, was vermutlich falsch ist. Die 200 Angestellten und Arbeiter in Hamburg wurden schon Anfang April 1960 endgültig nach Hause geschickt (siehe der Zeit-Artikel vom 8.4.1960). Agfa hat lediglich Verschiedenes aus der Konkursmasse übernommen, insbesondere die Konstruktionszeichnungen, speziellen Werkzeuge und Elemente für die auto-electric.

Datenblatt Erste Kleinbildkamera mit elektromotorischem Filmtransport
Objektiv DKL-Wechselfassung (Typ Iloca). Standard-Objektiv Rodenstock-Iloca-Ysarex 50 mm f/2.8 oder Rodenstock-Iloca-Heligon 50 mm f/1.9. Weitere Objektive von 35 bis 135 mm erhältlich von Rodenstock und Steinheil. DKL-Objektive anderer Typen nach Anpassung verwendbar. 
Verschluss Compur-Rapid Hinterlinsen-Zentralverschluss. B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500 1/s. 
Belichtungsmessung Mittels Selenzelle, Blendennachführung nach Verschlussvorwahl mittels Drehrad unter dem Objektiv. Zeiger auf dem Kameradeckel und im Sucher ablesbar.  DIN/ASA-Einstellung 10-5000 ASA.  
Fokussierung Manuell am Objektiv. Gekuppelter Messsucher mit Parallaxenausgleich.
Sucher Heller optischer Sucher (35 mm Feld) mit eingespiegelten Leuchtrahmen für 50 und 135 mm. Zeiger des Belichtungsmessers am oberen Bildrand sichtbar.
Blitz Anschluss über PC-Buchse, umschaltbar X und M. 
Filmtransport Mittels eingebautem Elektromotor, ca. 1 Bild/sec. Serienaufnahmen möglich. Rückspulen mit Handkurbel. Bildzählwerk (rückwärts).
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (kalt), 1/4'' Stativgewinde. (Tragriehmenösen fehlen!)
Maße, Gewicht ca. 93 x 130 x 62 mm, 753g (nur Gehäuse), ca. 1100 g mit Objektiv und Batterien.
Batterie 2 x AA (3 V). 
Baujahr(e) Q2-1959 bis Q1-1960, < 5000 Exemplare (inkl. Graflex Graphic 35 Electric), diese # 80 0085 259 ca. April 1959.
Kaufpreis, Wert heute ca. 600 DM (mit 1.9/50, 1959, entspr. ca. 1500€ heute), >500 € für funktionierende Kamera mit Objektiv, ca. 100-200€ für defekte Kamera.
Links Camera-Wiki, Bedienungsanleitung (english)CJS Classic Cameras, Iloca.weebly.com, Bleckedermoor.de, Collection-Appareils.fr, Graflex-Journal, Electric Innenleben und Umbau (Flickr Stream), Zeit-Online Artikel über Witt's Insolvenz
Bei KniPPsen weiterlesen DKL-Bajonett (und alle Links dort), Konica FS-1 (eine andere erste Motorkamera), 111 Jahre Compur, Durst Automatica (ähnliche Zeit, ähnlicher Fall), Robot (Motorisierung mit Federmotor), Agfa Selecta-m

Einige Bemerkungen zu den Seriennummern, die ich mir natürlich genau angeschaut habe. Zum Glück gab es da schon bei CJ's classic cameras eine solide Vorarbeit. Die Seriennummern bestehen aus drei Blöcken, wobei der erste Block bei der Electric stets "80" ist. Dann folgt im zweiten Block eine 4-stellige fortlaufende Zahl, die eigentliche Seriennummer, und als letzter Block ein Zeitstempel im Format QJJ. Im Netz gefunden habe ich folgende Nummern: 80 0054 259, 80 0085 259 (diese hier), 80 0236 259, 80 0701 359, 80 3213 459, 80 3414 459 (alle bisher als Iloca Electric), dann als Graphic 35 Electric: 80 1743 459, 80 2116 459, 80 2293 459, 80 2436 459, 80 2532 459, und 80 4615 160. Ich folgere also (vielleicht voreilig), dass die ersten ca. 1000 Exemplare im (späten?) Q2 und frühen Q3-1959 gebaut wurden und allesamt als Iloca gelabelt wurden, dann sehe ich eine "Sommerpause", was ganz gut zur Misere mit der auto-electric passt. In Q4-1959 wurde dann der Großteil (ca. 2500) der Kameras gebaut und zwar sowohl für die USA als auch für den hiesigen Markt. Vielleicht noch 1000 wurden dann noch im Q1-1960 gebaut, Schluss war ja am 1.4.1960. Wer noch weitere Nummern beisteuern kann, bitte hier unten als Kommentar oder per e-mail an KniPPsen (at) icloud.com.