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2025-04-20

Compur Seriennummern - Compur serial numbers

 

Dial-set (Rädchen) Compur der Größe 0 an meiner 
Krauss Rollette von ca. 1926. Die Compur Seriennummer 
ist sechsstellig, aber leider nicht mehr lesbar
Vor über 4 Jahren habe ich an dieser Stelle ein modifiziertes Seriennummer-Schema für den Compur-Verschluss vorgeschlagen, dass ich dann vor 2 Jahren noch einmal verfeinert und berichtigt habe.  

Die wesentliche Erkenntnis: Deckel hat beim Compur nicht einfach nur hochgezählt, sondern es gab bewusste Sprünge innerhalb der Nummernsequenz, die bei der Einführung von Neuerungen (RIM-Set, bzw. Rapid) gemacht wurden. Auch hat Deckel Zeiss Ikon andere Nummernbereiche zugeordnet als ihren Konkurrrenten, was in den 1930er Jahren für Verwirrung sorgen sollte. 

In einem weiteren Beitrag zum Thema der vier- und fünfstelligen Nummern habe ich mich dann mit den ersten 20 Jahren der Compur-Produktion beschäftigt. Durch die Hilfe einiger meiner Leser konnte ich auch hier etwas Licht ins Dunkle bringen. Dieser Beitrag heute soll dieses Kapitel abschließen und ich will unten die wesentlichen Fakten zur Compur- (bzw. Compound) Nummernsequenz knapp aber präzise zusammenfassen...

Über 600 Compur- (und Compound-) Seriennummern, die an "Zeiss Ikon"-Kameras (bis 1926: ICA, Goerz und Contessa-Nettel) gefunden wurden. 
ROT: Compound, Dial-Set Compur: BLAU: ICA und Zeiss-Ikon Kameras, GELB: Goerz, LILA: Contessa Nettel, GRÜN: RIM-Set Compur 
Quelle: Pavel Krumphanzl.  
Doch zunächst löse ich mein Versprechen ein und präsentiere hier diese Grafik als Auswertung der großartigen Nummernliste von Kameras aus dem Zeiss-Ikon-Komplex (ICA, Goerz, Contessa-Nettel und ZI ab 1926), die ich vom Sammlerkollegen Pavel Krumphanzl bekommen habe. Ich habe den Kameras auf Basis ihrer eigenen Gehäusenummer (im Falle von Goerz: Objektivnummer) ein Produktionsdatum zugeordnet und stelle dies der am Verschluss gefundenen Seriennummer gegenüber. Wichtig zu betonen ist es, dass das Datum natürlich nicht das Produktionsdatum des Verschlusses ist. Dieser wurde vermutlich schon früher produziert, ggf. sogar schon Jahre früher. Außerdem hat natürlich auch die Kameradatierung ihre Fehler und bei manchen Kameras könnte auch nachträglich ein alter oder auch ein neuerer Verschluss als Reparatur verbaut worden sein. Daher ist das oben keine schöne Korrelation, sondern eher eine Datenwolke, der man wegen der großen Datenbasis aber durchaus ein paar Erkenntnisse entnehmen kann.

Hier nun aber wie versprochen die Zusammenfassung der "Fakten"...
  • Die frühen Jahre: Deckel begann mit der Compound-Fertigung ca. im Jahr 1905 und zählte von unten hoch. Vierstellige Compound-Nummern sind bekannt. Ab ca. 1912 kommt der Compur hinzu, beide Verschlüsse teilen sich einen Nummernkreis, der Compur startet schon 6-stellig bei ca. 214,xxx. Während des 1. Weltkrieges (ab 1915 bei ca. 340,xxx) werden keine Verschlüsse produziert.
  • 6-stellige Seriennummern (340,xxx bis 9xx,xxx): Während der 1920er Jahre wird die Produktion signifikant ausgebaut und fast nur noch der Compur produziert. Von Anfangs ca. 50-Tausend steigerte man sich auf über 300-Tausend Exemplare pro Jahr am Ende des Jahrzehnts. Die Kamerahersteller wurden wohl blockweise bedient: Man findet z.B. 300,xxx bis 450,xxx Nummern gehäuft bei ICA-Kameras, Contessa-Nettel Kameras haben häufig einen 6xx,xxx-Verschluss, etc. 
  • Niedrige Compur-Nummern (x,xxx bis 280,xxx): Mit dem Erfolg des Compur reicht der 6-stellige Nummerkreis nicht mehr lange, ca. 1926 wird die Millionenmarke erreicht. Vermutlich weil man die Nummern-Gravur-Maschinen nicht so schnell auf 7 Stellen umstellen konnte, erhalten Compur-Verschlüsse wieder 4-, 5- und niedrige 6-stellige Nummern bis ca. 280,xxx. Die meisten der gesichteten Kameras mit solchen Verschlüssen stammen aus dem Jahr 1927. 
  • 1,xxx,xxx: 1928 kommt der RIM-Compur auf den Markt und Deckel versieht alle Verschlüsse dieser Art für Zeiss Ikon und Carl Zeiss Jena mit einer 1,xxx,xxx Nummer während alle anderen Kamera- und Objektivhersteller einen 2,xxx,xxx bekommen. Inzwischen läuft aber auch die Produktion der Dial-Set-Verschlüsse auf längfristig niedrigerem Level weiter. Hier wird einfach weiter hochgezählt und so bekommen auch diese eine 1,xxx,xxx Nummer, diesmal aber für alle Abnehmer. Interessanterweise gibt es im oberen Bereich dieses Nummernkreises eine größere Lücke: Die höchste gesichtete Nummer in diesem Segment ist ca. 1,45x,xxx. 
  • 2,xxx,xxx und (ab ca. 1935) 3,xxx,xxx: Rim-Set Compur Verschlüsse (bis 1/300 s) für den allgemeinen Markt von 1928 bis ca. 1938. (Zeiss Ikon: 1,xxx,xxx)
  • 4,xxx,xxx: Compur Rapid (1/500 s in Größe 00, bzw. 1/400 s) für Zeiss Ikon Kameras (1934 bis ca. 1940)
  • 5,xxx,xxx: Compur Rapid (1/500 s in Größe 00, bzw. 1/400 s) für alle anderen Hersteller.
  • A,xxx,xxx und 0,0xx,xxx: Compur-Verschlüsse (nicht Rapid) ab irgendwann in 1938 als der Nummernkreis 3,xxx,xxx ausgereizt war, die 4,xxx,xxx aber schon an den ZI-Rapid vergeben. Ob beide Versionen parallel (auf verschiedenen Maschinen) oder nacheinander verwendet wurden, ist nicht belegt.
  • 6,xxx,xxx bis 8,6xx,xxx: Compur-Rapid (bis 1951) bzw. Synchro-Compur (1952 - 1954). Ob schon 1939 oder 1940 6,xxx,xxx verwendet wurde oder erst nach dem 2. Weltkrieg ist unsicher. Ab 1954 wird wieder mit neuem Seriennummern-System gezählt, allerdings ist diese Nummer nur noch intern und von außen an den Kameras nicht mehr sichtbar. 
  • 258,646 ist (bis auf eine Ausnahme) keine Seriennummer, auch wenn sie oft unbedarft als solche angegeben wird. Es ist die Nummer des Deutschen Patents zum Compur.
Fazit: Mit der Compur-Seriennummer allein ist prinzipiell keine genaue Altersbestimmung von Kameras oder Objektiven möglich. In Kombination aber mit einer Gehäuse- und im besten Fall auch Objektivnummer können uns diese Zahlen einiges erzählen. Insbesondere bleiben ungewöhnliche Kombinationen spannend. Ich werde der (möglicherweise) blockweisen Abgabe von Verschlüssen an einzelne Hersteller noch weiter nachgehen. 


2024-09-25

Compur Verschluss mit fünfstelliger Seriennummer - Compur shutter with 5 digit serial number

Über den Compur-Verschluss selbst und die zugehörige Seriennummer-Sequenz habe ich ja schon mehrfach geschrieben (hier und zuletzt hier). Mein Sammlerkollege Attila hat mir gestern morgen dort einen Kommentar hinterlassen und über seinen Compur mit der fünfstelligen Seriennummer #70009 berichtet. Ich war natürlich gleich hellwach, steht doch bisher in allen Internet-Quellen, dass die Compur Zählung bei ca. 214.000 und im Jahre 1912 anfängt.  Ich habe ihn gebeten, mir (und damit der Sammel-Community) die entsprechenden Bilder dazu zur Verfügung zu stellen, hier sind sie. 

Bevor ich mich an Erklärungsversuche mache, zunächst die anderen Fakten und noch ein bisschen mehr Hintergrund-Recherche. Es handelt sich um einen Rädchen-Compur ("Dial-set") der Größe #0 mit der minimalen Verschlusszeit von 1/200 s. Darin gefasst ist ein Meyer-Görlitz Doppel-Anastigmat Helioplan 13.5 cm f/4.5 mit der Seriennummer #404208, die auf ca. 1930, evtl. etwas davor zeigt. Eine Kamera ist zu der Kombination nicht mehr vorhanden, vermutlich handelte es sich um eine Laufbodenkamera für das Format 9x12, wie z.B. meine Agfa Isolar. Das äußere Erscheinungsbild des Verschlusses gleicht bezüglich Lackierung, Material und Beschriftung anderen Compur-Verschlüssen  aus den späten 20er und frühen 30er Jahren. Aus dieser Zeit sind die allermeisten dieser Verschlüsse bekannt, und sie haben (fast) alle hohe 6-stellige Seriennummern. Bei einer kurzen dezidierten Suche nach fünstelligen Compur-Nummern ist mir noch ein anderer über den Weg gelaufen, auch mit Foto, diesmal ist es die #11443 auch an einer Kamera vom Ende der 1920er Jahre. 


Jetzt könnte man natürlich das Naheliegende annehmen: Warum sollte es eigentlich keine frühen fünfstelligen Seriennummern geben, also ca. für die Jahre 1910 oder 1911? Das Patent (mit der unter dem Objektiv angegebenen Nummer 258646) stammt aus dem Juni 1910, das wäre der Startpunkt. Ich finde, die Indizien sprechen dagegen:
  • Wenn es so wäre, müßten eigentlich noch Kombinationen solcher Verschlüsse existieren mit Kameras und oder Objektiven, die nachweislich den frühen Vorkriegsjahren 1910-1914 zugeordnet werden können.
  • Der technische Fortschritt oder schlicht Geschmacksfragen sollten sich in kleinen Detailunterschieden zwischen den frühen Verschlüssen und den nachweislich am Ende der 20er Jahre produzierten zeigen. 
Daher postuliere ich mal folgendes: 
  • Die Verschlüsse mit den fünfstelligen Seriennummern stammen vom Ende der 1920er Jahre. Ich gehe weiterhin davon aus, dass die ersten Compurverschlüsse mit der Seriennummer 214xxx starten und Deckel damit einfach seine schon bei Compound und Co. eingeführte Zählung fortsetzt.
  • Eine für mich sehr plausible Erklärung für die fünfstelligen Nummern könnte sein, dass die Werkzeugmaschine(n), die die Seriennummer gestanzt haben, nur auf sechs Stellen ausgelegt waren und erst einmal aufgerüstet werden mussten. Sprich: die 70009 ist eigentlich als 1070009 zu lesen. Deckel konnte mit dieser Übergangslösung leben, da ein möglicher anderer Verschluss mit der selben Seriennummer definitiv kein Compur war.
Es kann natürlich noch andere Erklärungen geben. Wer eine andere Idee hat, bitte unten kommentieren. Außerdem wäre es toll, wenn wir gemeinsam noch weitere Belege sammeln könnten: Wer einen Compur mit fünf- oder niedriger sechsstelliger Seriennummer (< 214.000) hat, bitte auch mit Angaben zu Kamera und/oder Objektiv entweder hier kommentieren oder mir eine e-mail (knippsen (at) icloud.com) schicken. Danke nochmal an Attila für dieses wertvolle Geschichts-Puzzlestück und natürlich die Fotos hier.

Nachtrag am 3. Oktober 2024

4-stelliger Compur (Größe1), gefunden an 
einer Voigtländer Bergheil 9x12, mit einem
Heliar 13,5 f/4,5 (beides 1927)
Rad-Compur (Größe 2), an einer
Voigtländer Bergheil 10x15, mit 
einem Skopar 16,5 f/4.5 (1927)
Eure Rückmeldungen waren diesmal sehr schnell und ich bin sehr erfreut hier noch weitere sehr niedrige Seriennummern zeigen zu dürfen. Der Sammler-Kollege Jan Seifert hat sogar vier Kameras in seiner Sammlung, die Nummern unterhalb der 214.000 haben. Darunter sogar eine nur vierstellige Nummer. Neben den beiden hier per Foto gezeigten gibt es noch die #101689 (Größe 00, Zeiss Ikon Cocarette 207U mit Tessar 9cm f/4.5, von 1927) und die #145582 (Größe 2, Zeiss Ikon (ehem. Ernemann) Heag IX 13x18, Tessar 18 cm f/4.5, 1927). Na, fällt was auf? Alle Kameras sind anhand anderer Merkmale eindeutig dem Jahr 1927 zuzuordnen. Damit bekommt meine These von oben gehörige Unterstützung.

Ja, und dann erhielt ich noch eine fast unglaubliche Liste vom Kollegen Pavel Krumphanzl aus Prag. Sie enthielt 891 frühe Kameras mit Compound und Compur-Verschlüssen. Alle davon sind aus dem Zeiss Ikon "Verbund" (sprich ICA, Contessa-Nettel, Ernemann, Goerz und ab 1926 "ZI"), 650 davon haben eine Seriennummer nach dem ICA/ZI-Schema, die mir eine grobe Zuordnung der Kameras zum Herstelljahr erlaubten. Auch Objektiv-Seriennummern waren da, die habe ich aber für meine Schnellanalyse außen vor gelassen. Hier die Grafik dazu:

Und man sieht es ganz deutlich: Compur-Verschlüsse mit Seriennummern unter 250,000 wurden in den späten 1920er Jahren verbaut. In Pavels Liste sind 150 davon, auch ein paar mit fünfstelliger Nummer. Bei Gelegenheit werde ich noch weiter in die Liste eintauchen und meine Analyse(n) verfeinern. Pavel hat mich auf seine Beobachtungen hingewiesen, dass in den 1920er Jahren bestimmte Nummernblöcke gehäuft bei bestimmten Produzenten auftauchen (z.B. ICA hat oft 300xxx-450xxx, Goerz und Contessa Nummern über 500-Tausend). Und natürlich die Sache, dass Zeiss Ikon Kameras den RIM-Compur ab 1928 mit den Nummern 1.xxx.xxx bekamen, alle anderen Hersteller mit 2.xxx.xxx. Genauso hat es Deckel mit dem Compur Rapid ab 1934 gemacht (ZI: 4.xxx.xxx, andere: 5.xxx.xxx). Aber mehr dazu ein anderes mal... Ganz großen Dank an Pavel und Jan, und an alle anderen, die hier unten ggf. noch kommentieren und eigene Erkenntnisse beitragen.

2023-10-21

Kodak AG, Stuttgart - Nachkriegs Kameraproduktion

Nachkriegs-Kameraproduktion der Kodak AG in Stuttgart in Modellgruppen.
Es fehlen die einfacheren Instamatic-Kameras von 1963 bis zur Produktionseinstellung 1970.

Das hier ist die Fortsetzung meines Beitrags über die Kodak (Nagelwerk) Vorkriegs-Kameraproduktion. Methode und Quelle sind dieselben, diesmal geht es um die Wirtschaftswunderzeit nach dem 2. Weltkrieg, die in der (west-) deutschen Kameraindustrie insbesondere in den 1950er Jahren durch stetes Wachstum geprägt war. Das hielt bis hinein in die frühen 1960er und dann ging es Kodak wie allen anderen deutschen Mitbewerbern: Es ging wieder bergab, die Japaner kamen mit zum Teil besseren und gleichzeitig preiswerteren Kameras. Die westdeutsche Kameraindustrie rutschte reihenweise in die Pleite, konsolidierte oder schaute sich nach anderen Tätigkeitsfeldern um. Kodak in Stuttgart ging es vergleichsweise noch gut, war man doch Teil des weltweit größten Filmherstellers. In den 1970ern wurden in Stuttgart noch eine ganze Reihe eher einfacher Instamatic-Kameras produziert. Schließlich wurde die Kameraproduktion 1979 endgültig eingestellt. Letztes Modell war die EK8 Instant Camera (einzige Sofortbildkamera aus Stuttgart). Wieviele von diesen ganzen nicht-Retina Kameras produziert wurden konnte ich leider nicht rausbekommen, Helmut Nagel nennt in seinem Buch weder Zahlen noch Preise.
  
Wenn man sich die Grafik oben im Vergleich mit den Vorkriegszahlen anschaut, fallen zwei Dinge auf: Nach dem Krieg werden in Stuttgart nur noch Kleinbildkameras gebaut, keine preiswerten Box- oder Mittelformat-Balgenkameras mehr. Daher wird trotz anfangs steten Wachstums der Jahres-Produktionsrekord von 1936 zumindest zahlenmäßig nicht mehr eingestellt. Bei den Kleinbildkameras sieht es allerdings anders aus: hier werden schon 1948 mehr Retinas gebaut als im bisherigen Rekordjahr 1939.

Produktionszahlen der klassischen Modelle
(auf Basis der Vorkriegs-Designs)
Retina 010
Retina I (010)
Das Nagelwerk in Stuttgart-Wangen hat als einer der ersten Kamerahersteller nach dem Krieg wieder die Produktion aufnehmen können. Hilfreich war sicher, dass man als amerikanischer Konzern in der amerikanischen Besatzungszone wohl einige Hilfe bekam oder zumindest bevorzugt behandelt wurde. Schon Ende 1945 waren die gröbsten Schäden beseitigt und es ging da weiter, wo man 1941 aufgehört hatte: Mit der Retina-I natürlich, die unter der Typennummer 010 1946 wieder auf den Markt kam. Bis 1954 wurden davon nochmal genau so viele Kameras gebaut wie vor dem Krieg! Auch die Retina II (mit Entfernungsmesser) wurde in modifizierter Form wieder ins Programm genommen. Ab 1949 gab es dann zur Abrundung des Portfolios nach unten auch wieder eine Retinette, produziert auf demselben Chassis mit den selben Werkzeugen.  Ich habe alle diese Kameras daher hier als "Klassische Modelle" zusammengefasst. Neu-Entwicklungen brauchen seine Zeit und die brach bei Kodak 1954 an, als die gesamte Produktion auf moderner wirkende Gehäuse mit runderen Formen und Chrom-glänzenden Gehäusekappen umgestellt wurde:

Unterseite aller Retina und Retinette Kameras
ab 1954. Abgerundete Form und Schnellschalt-
Hebel an einer seltsamen Stelle. 
Die Retina Serie wurde entsprechend mit dem modernen Modell Ib fortgesetzt. Natürlich gab es auch das Modell II mit Entfernungsmesser, das interessanterweise nicht die Modellnummer IIb sondern IIc verpasst bekam. Die Palette wurde durch eine neue Variante mit eingebautem Belichtungsmesser (Selen) erweitert, die entsprechend IIIc genannt wurde. Die Kleinschreibung der Buchstaben ist in diesem Zusammenhang wichtig, da es 1957 für alle Varianten eine Modellpflege gab, die Updates bekamen schlicht den entsprechenden Großbuchstaben verpasst. Bis auf einen vergrößerten und technisch verbesserten Sucher und kleineren Designanpassungen blieben die sonstigen Kamerafeatures dieselben.

Modernere Sucher- und Messsucher-
Retinas, ab 1958 auch welche ohne
den klassischen Balgen.
Was alle diese Kameras noch mit ihrer „Großmutter“ Retina-I von 1934 verband war der Balgen und das damit versenkbare Objektiv. Kodak bediente damit eine gewisse Tradition und seine Fans, merkte aber natürlich, dass dieses Feature immer mehr aus der Mode kam und die Wettbewerber es so gut wie gar nicht mehr anboten. Und so gab es ab 1958 bzw. 1959 jeweils die Versionen IIS und IIIS mit fest angebautem (Wechsel-) Objektiv, dazu unten bei den Retina-Spiegelreflexkameras mehr. 
Retinette IA (044)

Mit der neuen runderen Gehäuseform gab es schon ab 1954 eine neue Retinette-Generation (Nagel-Nr. 022), die konsequent auf low-budget getrimmt war. Der komplizierte Balgen und Spreizenmechanismus fiel weg, alle Retinetten hatten von da an ein starr angebautes drei-linsiges Objektiv mit Frontlinsenfokussierung. In den meisten Fällen war dies das angeblich nur für die Retinette neu gerechnete und vergütete Schneider-Kreuznach Reomar 45 mm f/3.5. Die Retinetten für den französischen Markt bekamen ein entsprechendes Objektiv von Angenieux. Hatten frühere Retinetten noch einfachere Verschlüsse, so besaßen alle Modelle für den deutschen Markt zumindest einen Compur-Rapid (bis 1/500 s). Damit kostete die Retinette 118 DM, immerhin 80 DM (oder 40%) weniger als eine nur unwesentlich besser ausgestattete Retina Ib (198 DM) aus demselben Jahr. 


Die Low-budget Kameras hießen Retinette
Ab 1958 wurde das Design-Update auch den Retinetten zuteil und man führte eine Modell-Differenzierung a la Retina ein. Es gab folglich eine Retinette II mit einem 2.8 Reomar (immer noch 3 Linsen!) und eine IIB mit eingebautem ungekuppelten Belichtungsmesser. Das zahlenmäßig erfolgreichste Modell blieb mit 781.000 Stück in 8 Jahren die Retinette IA, zu 98 DM (1959), 118 DM (1960), bzw. 128 DM ( ab 1963). Diese hatte auch keinen Compur-Rapid, sondern "nur" noch Pronto(r) Verschlüsse. 

Insgesamt scheinen die Grenzen zwischen Retina und Retinette mit der Zeit immer weiter zu verschwimmen, teilen sich doch alle Kameras seit 1954 das selbe Grundgehäuse mit dem seltsamen Schnellschalthebel auf der Unterseite. Immerhin hatte man damit einige Freiheitsgrade auf der Kameraoberseite, um Belichtungs- oder Entfernungsmesser unterzubringen, und das in fast allen Preisklassen. 
Retina's mit Belichtungsautomatik
bzw. Nachführmessung
Ab 1960 wird die Modellvielfalt fast unübersichtlich, denn auch Kodak musste auf den Optima-Schock reagieren und brachte gleich drei im Feature-Set abgestimmte "Retina automatic" (I bis III). Diese Trap-needle Kameras waren aber vergleichsweise wenig erfolgreich, die Kunden kauften wohl lieber das um 100 DM preiswertere Original von Agfa. Daher war schon nach knapp 3 Jahren wieder Schluss mit diesem Belichtungsautomatik-Ausflug. Kodak brachte im Design der automatic-Kameras noch drei letzte Retinas mit Nachführmessung, zwei davon mit eingebautem Blitzbirnchen-Halter, alle wenig erfolgreich. 

Mehr erfolgreich war allerdings die Retina Reflex Serie, mit der Kodak ab 1956 auf den Spiegelreflex-Zug aufsprang. Ich kenne keinen anderen Hersteller, der so konsequent Spiegelreflex in ein bestehendes Kamera-System integriert hat. Die erste Retina-Reflex basierte auf der Retina IIIc, verwendete also viele gleiche Bauteile und auch das selbe Zubehör, sprich die Satz-Objektive (Weitwinkel/ bzw. Tele-Vorsätze). 
Retina Reflex S

Ab 1959 kam dann auch konsequent parallel zur Retina IIIS die Retina Reflex S mit echten Wechselobjektiven (DKL). Die folgenden Updates Retina Reflex III und IV boten hingegen nur noch wenige neue Features, waren aber ab 1960 Kodaks alleinige Speerspitze im High-End Bereich, die Wechselobjektiv-Messsucherkameras IIS und IIIS wurden eingestellt. Ich wäre beinahe einem Druckfehler in Helmut Nagels Buch aufgesessen. Er nennt für die Retina Reflex IV 524,000 Exemplare, was für diese sehr teure Kamera ein enormer Erfolg gewesen wäre. Ich hatte ja schon vor ein paar Jahren die deutsche SLR-Produktion analysiert und dort andere (bessere) Quellen verwendet. Um es kurz zu machen, es ist einfach eine Null zu viel, es waren nur 52,400 Einheiten, was die anderen Quellen bestätigen.  

Kodak's Spiegelreflex-Kameras

1966 ist mit dem bisher so erfolgreichen Einheits-Retina-Gehäuse Schluss, die Verkaufzahlen gehen zurück. Kodak reagiert mit einem neuen Plastikgehäuse für die neue Retina S1/ S2 Serie, die aber auch nur mäßig verkauft werden und 1970 wieder in der Versenkung verschwinden. Daneben werden in Stuttgart nun eine Vielzahl von Instamatic Kamers gebaut, deren Produktionszahlen allerdings unbekannt sind. Immerhin zeigt Helmut Nagel in seinem Buch 36 verschiedene Modelle für beide Instamatic-Kassetten 126 und 110 aus deutscher Produktion.  
Instamatic Reflex

Ein Modell sticht allerdings heraus: Es ist die Instamatic Reflex, die Synthese aus Retina-Reflex und Instamatic. Sie konnte auf die ganze DKL-Objektivpalette zurückgreifen und war mit ca. 78,000 Exemplaren tatsächlich die erfolgreichste der nur insgesamt 5 Spiegelreflexkameras für die 126er-Kassette. Auch wenn auch sie schon einiges an Plastik verbaut hatte, ist sie quasi die letzte Qualitätskamera aus Stuttgart-Wangen, die noch in der alten Nagel-Tradition steht, die mit Kameras wie der Pupille und natürlich der Retina begründet wurde.

So wie Kodak in Stuttgart ging es in den 1970ern einigen anderen westdeutschen Kameraherstellern, aber eben nicht allen. Im Vergleich zu Kodak schlug sich DER europäische Erzkonkurrent AGFA damals noch wacker und konnte sich mit relativ modernen Kameras in den 1970ern zumindest in Europa noch gut gegen die immer stärker werdende japanische Konkurrenz behaupten. Aber auch bei Agfa war 1982 dann Schluss im Kamerawerk in München. Das wird hier vielleicht mal eine andere Geschichte.

2023-03-01

Compur Seriennummern - Compur Serial Numbers (2)


Vor etwas über 2 Jahren habe ich an dieser Stelle eine neue Variante der Seriennummersequenz für den Compur-Verschluss vorgeschlagen, für die ich viel Lob aber auch Kritik bekommen habe. Es blieben halt noch ein paar Ungereimtheiten, die auch mich weiter beschäftigt haben. Sehr gefreut habe ich mich über einige kritische Kommentatoren, die viele neue Seriennummern sowohl für den Verschluss als auch die zugehörigen Kameras und Objektive geliefert haben. So ist meine Datenbasis nun über 80 Kamera- und Verschluss-Kombinationen groß und ich bin in der Lage, Fehler zu korrigieren und ein viel genaueres Update hier zu posten:
A little over 2 years ago I suggested a new variant of the serial number sequence for the Compur shutter, for which I received a lot of praise but also some criticism. There were still a few inconsistencies that also kept me busy. I was very happy about some critical commentators who provided many new serial numbers for both the shutter and the associated cameras and lenses. My database contains over 80 camera and shutter combinations now and I am able to correct errors and post a much more accurate update here:
  • Es gab nicht nur eine Seriennummersequenz für den Compur, sondern vier, dargestellt durch die farbigen Linien oben. Zwischen 1934 und 1939 wurden alle vier gleichzeitig benutzt.
  • Bei der Basissequenz, die im Jahr 1912 6-stellig startet (blaue Linie) schließe ich mich wieder mehr der Originalsequenz an. Erst ab dem Jahr 1923 vermute ich eine etwas höhere Produktion, da ich einige Kameras mit 7xx.xxx Nummern dem Jahr 1924 zuverlässig zuordnen kann. Ungefähr im Jahr 1928 wird die Million erreicht. Dann geht es mit dieser Sequenz allerdings nicht steil nach oben, sondern es erfolgt eine Aufspaltung: Der klassische Dial-Set Verschluss behält die 1.xxx.xxx Nummerierung, er wird noch ein paar Jahre in der größeren Version für Plattenkameras gebaut, allerdings in eher geringen Stückzahlen. Die höchste Nummer, die ich gesehen habe, startete mit 1.45x.xxx. Später werden einfache Compurverschlüsse auch intern verbaut (weder RIM- noch Dial-set). Auch diese haben die 1.xxx.xxx Nummer: meine Tenax I von 1938 hat 1.344.446.
  • Ab 1928 brachte Deckel den RIM-Compur und begann mit dessen Nummerierung bei 2.000.000 (rote Linie). Dieser war sehr erfolgreich und wohl schon 1934 wurde die 3-Millionen-Marke überschritten, ca. 1938 auch die 4-Millionen, was zu Nummerierungsproblemen führte (siehe unten).
  • 1934 erschien dann mit dem Compur-Rapid (1/500 s, bzw. 1/400 s für die Größe 0) die nächste Innovation und Deckel entschied sich, hierfür wieder mit der Nummer zu springen. Und zwar auf die 4.xxx.xxx für Zeiss Ikon Kameras (gelbe Linie) und 5.xxx.xxx für alle anderen Fabrikate (grüne Linie). 
  • Nach dem zweiten Weltkrieg wurde nur noch der Rapid produziert (dann auch als Synchro-Variante und man führte konsequenterweise nur noch eine Zählweise fort, beginnend mit der 6-Millionen-Marke, die aber vermutlich schon kurz vor Kriegsbeginn erreicht wurde, auch wenn meine Datenbasis dort relativ dünn ist.
  • Ab ungefähr 1938 kamen sich die Zählungen des normalen Compurs mit denen des Zeiss-Ikon-Rapids in die Quere und der normale Compur bekam statt der 4.xxx.xxx (die ja schon vergeben war) die A.xxx.xxx, was diesen Sonderfall erklärt. Ob für den anderen Sonderfall 00xx.xxx das selbe gilt (immerhin ist meine Jubilette nachweislich auch von 1938) oder die Spekulationen über fremde Lohnfertigung stimmen, muss ich noch weiter eruieren.

Auch hier unten wieder die neuen Sequenzen in Tabellenform und die Bitte an alle Leser ausgiebig zu kommentieren und mir weitere Nummern zu schicken (Compur plus zugehörige Kamera/Objektiv zur Einordnung).
  • There wasn't just one serial number sequence for the Compur, there were four, represented by the colored lines in the graph above. Between 1934 and 1939 all four were used simultaneously.
  • In the basic sequence, which started in 1912 with 6 digits (blue line), I am more in line now with the original suggested assignement. Only from the year 1923 on I suspect a slightly higher production rate, since I can reliably assign some cameras with 7xx.xxx numbers to the year 1924. Around the year 1928 the million is reached. But then this sequence does not rise sharply, but there is a split: the classic Dial-Set shutter retains the 1.xxx.xxx numbering, it will be built for a few more years in the wider version for plate cameras, albeit in rather small quantities. The highest number I saw started with 1.45x.xxx.
  • In 1928, Deckel launched the RIM-Compur and started numbering it at 2,000,000 (red line). This was very successful and the 3 million mark was probably exceeded as early as 1934, and around 1938 also the 4 million mark, which led to numbering problems (see below). 
  • In 1934 the next innovation appeared with the Compur-Rapid (1/500 s, or 1/400 s for size 0) and Deckel decided to jump again with the number.  Zeiss Ikon cameras (yellow line) got the 4.xxx.xxx  and all other brands received shutters with a 5.xxx.xxx (green line). 
  • After the Second World War, only the Rapid was produced (then also as a synchro variant and consequently only one counting method was continued, starting with the 6 million mark, which was probably reached shortly before the start of the war, even if my database there is relatively thin.
  • From around 1938 the counts of the normal Compur got in the way of those of the Zeiss-Ikon-Rapid and the normal Compur got the A.xxx.xxx instead of the 4.xxx.xxx (which was already assigned), which was this special case explained. I still have to find out whether the same applies to the other special case 00xx.xxx (after all, my jubilee is demonstrably from 1938) or whether the speculation about third-party contract manufacturing is correct. 
Please see below again the new sequences in table form. May I request everybody to comment extensively and to send me more serial numbers (Compur plus associated camera/lens numbers for correct assignement).

 Year old assignment new assignment


    Dial-Set         RIM-Set         Rapid ZI         Rapid    
1912 214.000 214.000


1914 250.000 250.000


1920 450.000 500.000


1922 500.000 600.000


1925 600.000 850.000


1926 750.000 920.000


1927 850.000 950.000


1928 950.000 1.020.000 2.000.000

1929 1.000.000 1.100.000 2.050.000

1930 1.150.000 1.180.000 2.150.000

1931 1.500.000 1.190.000 2.350.000

1932 1.800.000 1.200.000 2.500.000

1933 2.250.000 1.210.000 2.700.000

1934 2.700.000 1.230.000 2.900.000 4.000.000 5.000.000
1935 3.200.000 1.250.000 3.250.000 4.050.000 5.050.000
1936 3.750.000 1.290.000 3.600.000 4.100.000 5.150.000
1937 4.250.000 1.330.000 3.950.000 4.200.000 5.300.000
1938 4.850.000 1.370.000 A.250.000 4.350.000 5.500.000
1939 5.400.000 1.450.000 A.450.000 4.450.000 6.000.000
1947 6.000.000


6.100.000
1948 6.200.000


6.150.000
1949 6.500.000


6.500.000
1950 7.000.000


7.000.000
1951 7.700.000


7.700.000
1952 8.500.000


8.500.000

2022-12-30

Contessa Nettel Seriennummern

Bei meinem Versuch, über die Seriennummern der Piccolette ihre Produktionsmenge abzuschätzen bin auch ich gescheitert. Nach der Sichtung von -zig Quellen und Bildern war ich kurz davor ca. 700-Tausend Stück auszuloben (inkl. der Zeiss-Ikon Produktion von 1927-1930). Ich hatte allerdings einen entscheidenden Fehler gemacht, der meine ganze Abschätzung über den Haufen wirft. Die Contessa-Nettel Leute haben die Seriennummern für alle ihrer Modelle hochgezählt und nicht separat für jedes einzelne Modell. Die folgenden Überlegungen und Erkenntnisse sind es trotzdem wert festgehalten zu werden, erlauben sie doch wenigstens grob eine zeitliche Einordnung der Contessa Nettel Kameras in den Jahren 1919-1926.

Basis meiner Recherchen waren Piccolette Seriennummern, die hauptsächlich von Dirk Spennemann auf Camera-Wiki zusammengetragen wurden. Diese habe ich durch eigenes Suchen erweitert und dabei auch andere Contessa Nettel Kameras, insbesondere die Cocarette hinzugezogen. Insgesamt sind bisher 24 Seriennummern zum Teil mit weiteren Information (zuhörige Objektiv- oder Verschluss-Nummern) zusammengekommen.
  • Leider habe ich bisher nur eine einzige fünfstellige Nummer (26571, eine "Tropical Sonnet") gefunden, die 1919 zugeordnet wurde. Man kann annehmen, dass sowohl die Vorgängerfirmen Contessa und Nettel eigene Zählungen hatten, die man irgendwie weitergeführt hat.
  • Das Ende der Zählung im Jahr 1926 ist etwas klarer.  Ein Schlüssel für mich ist die 661720, die schon das Zeiss Ikon Logo trägt und damit frühestens ab Oktober 1926 hergestellt wurde. Das nächste Puzzlestück ist die M34300, die nun der ZI-Seriennummerlogik mit dem führenden Buchstaben folgt und somit von 1927 ist. Ich habe noch zwei andere Kameras mit 6xxxxx-Nummern, die eindeutig 1926 zugeordnet werden können.
  • Jetzt liegt es nahe, die erste Ziffer der Seriennummer als Produktionsjahr zu interpretieren (6 für 1926, 5 für 1925, etc.). Ich glaube, das taugt tatsächlich als grober Anhaltspunkt zumindest für die Jahre 1923-1926, was den Großteil der Produktion ausmachen dürfte.
  • Aber war Contessa Nettel überhaupt in der Lage ca. 100.000 Kameras pro Jahr zu produzieren? Ich kann mir das nach Sachlage höchstens für das letzte Jahr 1926 vorstellen. Laut Hartmut Thiele ("Die Deutsche Photoindustrie") hatte das Werk in Stuttgart zu diesem Zeitpunkt 480 Mitarbeiter und 600 Werkzeugmaschinen. Das ist interessanterweise nur etwas mehr als die 450 Mitarbeiter des Agfa-Kamerawerkes in München (ehemals Rietzschel) in diesem Jahr. Die hatten ein ähnliches Portfolio und schafften in diesem Jahr 45.000 Kameras. Die Jahre davor waren von starkem Wachstum und auch Rationalisierung geprägt, insgesamt haben die Münchner von 1921-1926 aber nur 93.250 Kameras gebaut (Günther Kadlubek, "AGFA - Geschichte eines deutschen Weltunternehmens von 1867 bis 1997"). Bei den Stuttgartern von Contessa Nettel wird es ähnlich gewesen sein. Selbst mit großzügigem Aufschlag werden es nicht viel mehr als 150.000 Kameras insgesamt (nicht pro Jahr!) gewesen sein.
  • Die Jahre von 1919 bis 1923 waren ja geprägt von Hyperinflation und werden nicht sonderlich produktiv gewesen sein. Kapital für Investitionen in Maschinen war knapp, Arbeitskräfte hingegen relativ preiswert. Die meisten Deutschen konnten sich in dieser Zeit keine Kameras leisten. Auf der anderen Seite ist solch eine Situation auch gut für den Export, die Mehrzahl der Kameras dürften so ihren Weg in die USA oder andere Länder mit stabilerer Währung gefunden haben. Die entsprechenden Devisen waren bei Contessa Nettel vermutlich sehr willkommen.
  • Ab 1923 und der Währungsreform ging es auch für Deutschland in die Golden Twenties und daher vermute ich den Großteil und Höhepunkt der Contessa Nettel Produktion im Zeitraum 1923-1926. Man merkt den Aufschwung auch an den gesichteten Kameras. Während die einfachen Piccoletten eher 2xxxxx und 3xxxxx Nummern haben, beginnen die hochwertigen Kameras meist mit 4 oder 5.  
Am Ende ist es also ein unvollständiges Puzzle. Wie gehen ca. 600.000 mögliche Seriennummern mit ca. 150.000 Kameras zusammen? Falls jemand auf die Idee kommen sollte, dass die Seriennummern irgendeiner anderen Logik oder Muster folgen: Ich habe es geprüft: Bis auf die führende Ziffer (wo ja 0, 7, 8 und 9 fehlen) sind alle Zahlen relativ gleich verteilt, wie es sich für eine aufsteigende lückenlose Zählung gehört. 
Wie immer bin ich für weitere Ideen, Anregungen und Kritik dankbar (knippsen (at) icloud.com oder hier unten im Kommentar. Welcher Stuttgarter Heimatforscher weiß noch mehr über Contessa Nettel in den Jahren 1919-1926?


2022-06-26

Deutsche Objektivproduktion 1925 bis 1942 in Zahlen

Objektivproduktion (Anzahl) der führenden 7 deutschen Produzenten für hochwertige Optik im Zeitraum von 1925 bis 1942. Daten abgeleitet von Seriennummersequenzen.

Die obige Grafik und die dazugehörige Excel-Tabelle schlummert schon länger auf meinem Computer, sind diese Daten doch ein Nebenprodukt meiner Recherchen zu Seriennummern. Sie finden sich in anderer Form in meinem kleinen Altersbestimmungswerkzeug hier links oben am Rand. Ich habe mich bisher gescheut, sie so zu veröffentlichen, weil die Datenbasis nicht komplett ist. 

Die gezeigten führenden 7 deutschen Objektivhersteller repräsentieren zwar den Großteil der höherwertigen Objektivproduktion im betrachteten Zeitraum. Für ein komplettes Bild fehlen aber mindestens die Firmen E. Ludwig, ENNA, Staeble und C. Friedrich (für die Jahre vor 1925 und nach 1945 wären noch viel mehr Hersteller zu betrachten). Bis jetzt ist es mir aber nicht gelungen mehr Details über diese kleineren Produktionen zusammen zu bekommen. Ich schätze ihren Beitrag zur Gesamtproduktion im obigen Zeitraum auf ca. 1 - 1.5 Millionen Objektive. Unter den Balken oben verbergen sich zum Vergleich 8.5 Millionen. 

Was außerdem fehlt ist Deutschland's größter Kamerahersteller: Das Agfa-Kamerawerk in München, welches inklusive der Vorgängerfirma Rietzschel bis zum 2. Weltkrieg ca. 7 Millionen Kameras mit eigenen Objektiven produziert und verkauft hat. In dieser Zahl sind zum großen Teil einfachste Boxkameras enthalten. Auch von anderen Herstellern gab es solche aus deutscher Produktion. Deren Objektive sind meist nicht extra nummeriert und entziehen sich somit einer getrennten Analyse.

Trotzdem kann man an dieser Stelle mal alles zusammensetzen und kommt größenordnungsmäßig auf ca. 20 Millionen Kameras bzw. Objektive aus Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Verteilung dieser 20 Mio folgt dem Muster der obigen Grafik: ca. 1/4 (5 mio) in den ersten 30 Jahren mit stetigem Wachstum der Industrie, inkl. ein paar schwierigen Jahren im 1. Weltkrieg. Dann die Weltwirtschaftskrise mit dem großen Einbruch im deutschen Krisenjahr 1932. In den späten 1920er Jahren    passiert zusätzlich einiges in der Fotoindustrie, was den Grundstein für den phänomenalen Kameraboom ab 1933 (3/4, also ca. 15 mio in nur 9 Jahren) legt: 1) die wirtschaftliche Konsolidierung, Zeiss Ikon geht aus einigen kleinen und angeschlagenen ehemaligen Konkurrenten hervor, Agfa etabliert sich als DER deutsche Filmhersteller und kauft Rietzschel, Kodak kauft Nagel; 2) Rollfilme werden technisch so gut, dass die bisher marktbeherrschenden Plattenkameras ab 1930 zu Ladenhütern werden, Leitz zeigt der Welt wie Hightech Kleinbild geht; 3) in vielen Fotofirmen kommt eine innovative Generation junger Ingenieure ans Ruder und löst die Gründergeneration aus den 1890ern ab. Sie erfinden und trauen sich an neue Dinge, z.B. Kleinbildkameras, Bakelit, oder billige Boxen für die Jugend. Der Boom der 1930er kommt ja bekanntlich wegen des von Deutschland ausgehenden Weltkriegs zu einem jähen Ende. Fast die gesamte Produktion wird ab 1941 Kriegsgüter herstellen, die Innovationen der 1930er (Farbfilm, Vergütung, Blitz, etc.) werden dann zu einem zweiten, noch größeren Boom in den 1950ern führen, aber das ist eine andere Geschichte…

2022-06-19

Kodak (Nagel) Vorkriegsproduktion in Zahlen

Mein Interesse für Produktionszahlen von Kameras (und deren Entwicklung) ist hier im Blog schon hinlänglich bekannt. Nun habe ich mich mal drangemacht und die Kameraproduktion des Kamerawerkes Nagel (ab 1932 Kodak AG Deutschland) in Stuttgart aufzuarbeiten. Gestützt habe ich mich im Wesentlichen auf Daten aus dem Buch "Zauber der Kamera" von Helmut Nagel (ISBN 3-421-02516-9). Helmut Nagel ist der Sohn des Firmengründers August Nagel und war selbst lange Jahre Chef von Kodak Deutschland. Ich gehe also mal davon aus, dass seine Daten zu Produktionszahlen, Produktionszeitraum  und Verkaufspreisen stimmen. Was ich dazu gedichtet habe, sind zwei Dinge: 1) habe ich für jedes der 52 Vorkriegsmodelle eine wahrscheinliche Verteilung der Produktionsmenge über den angegebenen Zeitraum angenommen; 2) Viele Kameras wurden in unterschiedlichen Ausstattungsvarianten (Objektiv, Verschluss) zu unterschiedlichen Preisen angeboten. Hier habe ich für die Umsatzverteilung einen mittleren Preis (niedrigster+höchster Preis geteilt durch zwei) angenommen.
Umsätze (geschätzt, in Tausend RM) mit Kameras (ohne Film etc.)
bei Kodak Deutschland vor dem 2. Weltkrieg 

Was man an den beiden Grafiken hier sieht, ist einerseits ein Spiegel der Entwicklung der gesamten Kameraindustrie in Deutschland. Man erkennt die beiden Einbrüche in der Produktion, 1932 als Folge der Weltwirtschaftskrise und 1940/1941 nach Ausbruch des Weltkriegs. Im Zeitraum von 1942 bis 1946 wurden in Deutschland so gut wie keine Kameras mehr produziert. Auf die kurze Blüte der 3x4-Kameras (127er Film) im Jahr 1931 bin ich hier schon eingegangen
Auf der anderen Seite war das Kodak Nagelwerk eben nicht typisch und ein Innovationstreiber für die Industrie. Man startet im Jahr 1928 quasi auf dem Zenit der Plattenkameraproduktion in Deutschland (siehe einen typischen Vertreter hier) und produziert selbst nur wenige Modelle. Aber schon 1930 zeichnete sich ab, dass diese umständlichen Kästen zu Ladenhütern würden und die Kundschaft kompaktere Film-Modelle wünschte. Nach dem ersten gescheiterten Kleinfilm-Versuch (3x4) brachte Kodak im Jahr 1934 die Retina und die universelle 135er Patrone und trieb damit die ganze Branche vor sich her. Die hier in den Jahren gezeigten Kleinbild-Umsätze hatte außer Leitz (Schraubleicas) kein anderer Kamerahersteller vor dem Krieg.
Vorkriegs-Kameraproduktion bei Kodak (Nagelwerk) in Deutschland (Stückzahl)

Das zahlen- und umsatzmäßig wichtigste Kodak-Modell war aber die 6x9-Klappbalgenkamera "Junior 620". Insgesamt 581.000 Exemplare für nur 32,25 RM verließen in den Jahren 1933 bis 1939 das Werk. (Ich kann mir gut vorstellen, dass man an der Kamera selbst nicht viel verdient hat, sondern die Margen am Ende mit den Film-Verkäufen realisiert hat). Sogar die noch viel preiswerteren 3 Stuttgarter Box-Modelle (ab 5 RM) kommen zahlenmäßig da nicht ran. Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass das Stuttgarter Nagelwerk Kodak's High-end Produktionsstätte war. Preiswerte Kodak-Boxen wurden millionenfach von anderen Kodak Standorten produziert (z.B. in UK und USA) und in alle Welt verkauft. 

Das hier soll erst ein Anfang sein. Zum einen plane ich noch einen zweiten Kodak Teil mit der Nachkriegsproduktion (ebenfalls aus Helmut Nagels Buch). Zum anderen sind diese Zahlen und Grafiken ja ganz nett, gewinnen aber erst dann wirklich an Wert, wenn man sie in die richtige Perspektive setzt. Sprich: Der gesamte Kameramarkt, bzw. wichtige Konkurrenten sollten ähnlich betrachtet werden. Rudimentäre Ansätze für Agfa und Co. habe ich schon, aber noch lange nichts so detailliertes wie das hier. Am weitesten gediehen ist schon eine Analyse der Vorkriegs-Objektivproduktion. Für jeglichen Input, Fragen und Kritik bin ich dankbar (Kommentare unten, bzw. e-mail an knippsen (at) icloud (punkt) com).  

2021-05-16

Agfa Seriennummern - Agfa serial numbers

Mein Interesse an historischen Markt- und Produktionszahlen von Kameras ist hier im Blog schon hinlänglich bekannt. Seriennummern sind dafür eine sehr gute Primärquelle und lassen oft einen einigermaßen guten Rückschluss auf das Produktionsjahr oder gar die Produktionsmenge zu (siehe mein Dating-Tool hier links oben im Blog).  Manche Daten basieren auf offiziellen Produktionsbüchern der Kamerahersteller, ganz oft aber haben Sammler wie ich Nummern und weitere Infos gesammelt und sich das weitere zusammengereimt. Nicht immer ist alles korrekt und stimmig, wie mein Beitrag zu den Compur-Seriennummern gezeigt hat, aber das macht die ganze Sache ja auch spannend. 
My interest in historical market and production figures for cameras is already well known here on the blog. Serial numbers are a very good primary source for this and often allow a reasonably good conclusion about the year of production or even the production volume (see my dating tool here in the top left corner of the blog ). Some of the data is based on the camera manufacturer's official production books, but quite often collectors like me have collected numbers and other information and put together the rest of them. Not everything is always correct and consistent, as my article on the Compur serial numbers showed, but that makes the whole thing exciting.
Eine sehr niedrige Compur-Seriennummer war auch Grund für mich, meine erste Laufboden-Plattenkamera zu kaufen. Aber irgendwas daran war von Anfang an komisch. Mein Tool spuckt für die #546812 das Jahr 1919 aus, die traditionelle Zuordnung 1922/1923. Kameras unter dem orangen Agfa-Label gibt es aber erst ab 1926, als die neu gegründeten IG-Farben die Rietzschel-Kameraproduktion der Agfa zugeordnet haben. Was nun? Die Agfa Isolar trägt zum Glück noch zwei weitere Seriennummern, nämlich am Objektiv und etwas versteckt unter der Mattscheibe die Gehäusenummer, bestehend aus zwei Buchstaben und bis zu drei Ziffern. Aber auch zu diesen Nummern gibt es bisher keine klare Zuordnung zum entsprechenden Produktionszeitraum. 
A very low Compur serial number was also the reason for me to buy my first walking floor plate camera. But there was something weird about it from the start. My tool spits out the year 1919 for the # 546812, the traditional assignment 1922/1923. However, cameras under the orange Agfa label did not exist until 1926, when the newly founded IG Farben assigned the Rietzschel camera production to Agfa. What now? Fortunately, the Agfa Isolar has two more serial numbers, namely the housing number on the lens and a little hidden under the screen, consisting of two letters and up to three digits. But even these numbers have not yet been clearly assigned to the corresponding production period.

Daher habe ich mich selbst dran gemacht, etwas Licht ins Dunkel zu bringen und will hier meine Ergebnisse und einen Vorschlag dazu vorstellen. Gestützt habe ich mich zunächst auf eine Sammlung von frühen Seriennummern, die vor Jahren von Dirk Spennemann und anderen auf flickr mal zusammengetragen wurden (ca. 50 meist Agfa Standard Kameras). Ich habe diese Auswahl um 12 weitere Netzfunde ergänzt. Bei der Auswertung erkennt man Folgendes:

* An der ersten Stelle wurden nur die  Buchstaben A, B, C, D, E, F, G, H, J und K verwendet.

* An der zweiten Stelle wurden alle (25) Buchstaben relativ gleich verteilt verwendet, auch hier fehlt das I. Dies wurde von Agfa damals wohl grundsätzlich nicht benutzt, selbst ein Objektiv hieß Jge(s)tar.

* Es folgen zwei oder drei Ziffern, damit ergeben sich 1000 Kameras pro Buchstabenblock, 25.000 Kameras pro Startbuchstaben, bzw. 250.000 Kameras, die insgesamt mit diesem Schema abgedeckt werden können. 

Therefore, I have made it myself to shed some light on the darkness and want to present my results and a suggestion here. I initially relied on a collection of early serial numbers that were compiled years ago by Dirk Spennemann and others on Flickr (approx. 50 mostly Agfa standard cameras). I have added 12 more net finds to this selection. The evaluation shows the following:

* In the first place only the letters A, B, C, D, E, F, G, H, J and K were used.

* In the second place, all (25) letters were used relatively evenly distributed, the I is also missing here. This was probably not used by Agfa at the time, even a lens was called Jge (s) tar.

* This is followed by two or three digits, resulting in 1000 cameras per block of letters, 25,000 cameras per starting letter, or 250,000 cameras that can be covered by this scheme.

Das passt ganz gut zu den Objektiv-Seriennummern, die von 200.000 bis knapp über 500.000 reichen. Wenn man annimmt, dass die Gehäusenummern von AA[00]1 hochzählen (tatsächlich ist eines mit AA442 in der Liste), dann erkennt man eine ganz gute Korrelation mit den Objektiv-Seriennummern. In der oben genannten Quelle wurde die Vermutung geäußert, dass vielleicht die ersten Buchstaben A bis K ganz simple für die Jahre 1926 bis 1935 stehen. Aber das ist etwas zu kurz gesprungen, würde es doch bedeuten, dass Agfa in jedem Jahr maximal (!) 25.000 Kameras gebaut hat (s.u.). Und auch andere Tatsachen passen nicht, so wären alle gesichteten ISOLAR's in den 1930ern entstanden, wo sind dann die von 1927ff?
That goes very well with the lens serial numbers, which range from 200,000 to just over 500,000. If one assumes that the body numbers count up from AA[00]1 (in fact one with AA442 is in the list), then one can see a quite good correlation with the lens serial numbers. In the above-mentioned source, the assumption was made that perhaps the first letters A to K quite simply stand for the years 1926 to 1935. But that is a bit too short. It would mean that Agfa has built a maximum (!) of 25,000 cameras each year (see below). And other facts do not match neither, so all the ISOLARs that were listed would have originated in the 1930s, where are all those from the late 20ies?

Ich bin daher noch tiefer in die Agfa-Geschichte eingestiegen und habe mir zu diesem Zweck sogar „DAS" AGFA-Buch gekauft. Dieses liefert keinerlei Informationen direkt zu den Seriennummern, allerdings die Bestätigung, dass tatsächlich keine Produktionsaufzeichnungen aus dem Münchener Kamerawerk erhalten sind. Dafür viele andere Hintergrundinfo und grobe Produktionszahlen der ersten Agfa Jahre. Diese finden sich mit meinem Vorschlag einer Zuordnung in der folgenden Tabelle. 
So I went even deeper into the Agfa story and bought “THE" AGFA book for this purpose. This does not provide any information about the serial numbers directly, but confirms that no production records have actually been received from the Munich camera factory. Instead, lots of other background information and rough production figures from the first Agfa years were given. These can be found in the following table with my suggestion of an assignment.

Jahr
Kameraproduktion Gehäusenummer (ca.) Objektivnummer (ca.)
1926 45.000 AA xxx - BV xxx 200.000 - 250.000
1927 84.000 BW xxx - FE xxx 250.000 - 370.000
1928 90.000 (+ 40.000)* FF xxx - JU xxx 370.000 - 500.000
192960.000 (+200.000)* JV xxx - KH xxx** >500.000
year
camera production body serial no (c.) lens serial no (c.)
1926 45.000 AA xxx - BV xxx 200,000 - 250,000
1927 84.000 BW xxx - FE xxx 250,000 - 370,000
1928 90.000 (+ 40.000)* FF xxx - JU xxx 370,000 - 500,000
192960.000 (+200.000)* JV xxx - KH xxx** >500,000
* Im Jahr 1928 startete die sehr erfolgreiche Billy-Serie mit anderer Seriennummer und einfachen Objektiven ohne Nummer, die auch 1929 den Großteil der Produktion ausmachte.
** letzte bekannte Nummer

* In 1928 the very successful Billy series started with a different serial number and simple lenses without a number, which also accounted for the majority of production in 1929.
** last known serial no.


Trotz Weltwirtschaftskrise stieg das Agfa-Kamerwerk in München zahlenmäßig ab 1930 zu Europas größtem Hersteller auf und wurde weltweit nur noch von Kodak in Rochester, NY übertroffen. Im Zentrum des Erfolges standen zunächst die eher einfachen und preiswerten Kameras wie die Billy-Serie sowie ab 1930 die Box, die sich im ersten Jahr 44,000 mal verkaufte. Die Laufboden- und Rollfilmkameras der Standard- und Isolar-Serien mit hochwertigen Objektiven, die hier der Gegenstand sind, waren plötzlich nicht mehr gefragt. Laut Kadlubek's Buch stapelten sich über 70,000 solcher Kameras 1930 in Agfa's Lägern, die sich danach nur langsam leerten. Ich bin aufgrund dieser Information und den gesichteten Kameras geneigt zu behaupten, das deren Produktion spätestens im Jahr 1930 eingestellt wurden. Viele Modelle blieben bis ca. 1935 im Agfa Verkaufsprogramm und wurden (wie uns der Photo Porst Katalog von 1932 verrät) zu Ramschpreisen an den Mann gebracht (die Isolar 408 für 75,90 RM statt zunächst 138 RM). 
Eine wichtige Stütze dieser These und meiner ganzen Zuordnung sind auch auch die gesichteten Kameras mit dem RIM-Compur, der bekanntlich 1928 auf den Markt kam. Einige der Standard-Kameras tragen einen solchen und zwar alle mit sehr niedrigen 2.0xx.xxx Nummern, die sich den Produktionsjahren 1928 und 1929 zuordnen lassen. 
Despite the global economic crisis, from 1930 the Agfa camera factory in Munich grew to Europe's largest manufacturer and was only surpassed worldwide by Kodak in Rochester, NY. The focus of success was initially on the rather simple and inexpensive cameras such as the Billy series and, from 1930, the Box, which sold 44,000 times during the first year. The plate and roll film cameras of the Standard and Isolar series with high-quality lenses, which are the subject here, were suddenly no longer in demand. According to Kadlubek's book, over 70,000 such cameras were piled up in Agfa's warehouses in 1930, which then only emptied slowly. Based on this information and the cameras I have seen, I am inclined to say that their production was discontinued by 1930 at the latest. Many models remained in the Agfa sales program until around 1935 and (as the Photo Porst catalog from 1932 reveals) were sold at junk prices (the Isolar 408 for RM 75.90 instead of RM 138 at first). The cameras sighted with the RIM Compur shutter, which, as is well known, were launched on the market in 1928, are also an important support of my theory and the entire assignment. Some of the standard cameras have one, all with very low 2.0xx.xxx numbers that can be assigned to the production years 1928 and 1929.
Typische Agfa Seriennummer
an meiner Optima Reflex
Typical Agfa serial number
on my Optima Reflex
Die Billy-Kameras, die ab 1929 (und später zusammen mit der Box) einen Großteil der Produktion ausmachten, verwendeten eine leicht modifiziertes Seriennummer Schema, das noch tiefergehend ergründet werden will. Die Zahl ist nun vierstellig und tritt immer noch in Kombination mit einer vorangestellten Buchstabenfolge auf, die manchmal aber auch Ziffern enthält. Die einfachen Agfa Objektive (Jgestar, Agnar, Bilinar, etc.) verwenden keine eigenen Seriennummern mehr. Ab Mitte der 1930er bis  ca. Ende der 1960er Jahre tragen die hochwertigeren Kameras dann alle Seriennummern mit zwei Buchstaben gefolgt von vier Ziffern. Ich habe schon ‘zig davon gesichtet und es sieht so aus, als ob die Kameras in Blöcken mit ähnlichen Seriennummern produziert wurden. So habe ich für die Optima Reflex (1961-1963) insgesamt 9 Nummern mit den Buchstabenkombinationen "ZU", "ZV" oder "ZW" gefunden, für "ZU" gibt es allerdings auch andere Agfa-Kameras.   Aber um hier wirklich Licht reinzubringen, braucht es vermutlich hunderte Seriennummern mit weiteren Infos. Ich bleibe dran und bereite auch das vielleicht irgendwann mal auf. Wer Lust hat zu helfen: Bitte schickt mir eure Agfa Seriennummern mit Kamera, Objektiv (-Nr), Bild, etc. an knippsen (at) icloud (.) com. 
The Billy cameras, which made up a large part of production volume of 1929, used a slightly modified serial number scheme that needs to be explored in more detail. The number now has four digits and still occurs in combination with a preceding sequence of letters, which sometimes also contains digits. The simple Agfa lenses (Jgestar, Agnar, Bilinar, etc.) no longer carry own serial numbers. From the mid-1930s to around the end of the 1960s, the higher-end cameras then all have serial numbers with two letters followed by four digits. I've seen dozens of them and it looks like the cameras were produced in blocks with similar serial numbers. E.g., the Optima Reflex (1961-1963) a total of 9 units with the letter combinations "ZU", "ZV" or "ZW" have been sighted, but there are also other Agfa cameras for "ZU". But to really shed some light on this, you will probably need hundreds of serial numbers with further information. I will stick with it and maybe at some point publish more work here, too. If you want to help: Please send me your Agfa serial numbers with camera, lens (-no.), pictures, etc. to knippsen (at) icloud (.) Com.
Jetzt habe ich also die zeitliche Zuordnung der frühen Agfa-Kameras nach ihrer Gehäuse oder Objektiv-Nummer vorgeschlagen, die Ausgangsfrage nach der niedrigen Compur-Nummer an meiner ISOLAR noch nicht beantwortet. Zum Glück verhält es sich mit den anderen von mir gesichteten ISOLARs genauso: alle haben einen "Dial-Set" Compur mit 6-stelliger Seriennummer und wurden nach Gehäuse-Nr. zwischen 1928 und 1930 gebaut. Damals führte Deckel gerade den "RIM-Set" Compur am Markt ein und ich behaupte mal kühn, dass alle danach produzierten Kameras mit Dial-Set-Verschlüssen nur noch aus (Jahre alten) Lagerbeständen versorgt wurden. Außerdem ist z.B. von Photo Porst bekannt, dass alte Kameras von den Händlern bei Neukauf in Zahlung genommen wurden. Ich kann mir gut vorstellen, dass wertvolle Teile wie der Verschluss durchaus wiederverwendet wurden ("refurbished" würde man heute sagen). Daher kann mein Verschluss an der Isolar durchaus aus den frühen 1920ern stammen, die Kamera selbst wurde 1928 zusammengeschraubt.
However, now I have suggested the chronological assignment of the early Agfa cameras according to their body or lens number, but so far missed to answer the initial question about the low Compur number on my ISOLAR. Fortunately, all the other ISOLARs I have sighted are the same: they all have a "Dial-Set" Compur shutter carrying a 6-digit serial number but according to body no. were built between 1928 and 1930. At that time, Deckel was just launching the "RIM-Set" Compur shutter on the market. I just boldly claim that all cameras with dial-set shutters produced afterwards were only supplied from (year-old) stocks. It is also known from Photo Porst, for example, that dealers took old cameras in as part of a new purchase. I can well imagine that valuable parts such as the shutter have been reused ("refurbished" would be called today). So my shutter on the Isolar could well be made in the early 1920s; the camera itself was assembled in 1928.