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2022-09-12

Geschichte der Belichtungsautomatik in 16 Beispielen

Die wichtigste Automatisierung in der Kamerageschichte ist die Belichtungsautomatik, die ich hier anhand vieler Beispiele aus meiner Sammlung nachzeichnen möchte. Viele Details zu diesen Kameras und den jeweiligen technischen Automatik-Implementierung findet man in den früheren Beiträgen. Die kleinen Bilder hier sind mit den jeweiligen Artikeln verlinkt. Also munter klicken!

Zunächst ein paar Begriffe: Um automatisch eine zur aktuellen Beleuchtungssituation richtige Kameraeinstellung zu finden, gibt es drei Parameter bzw. Variablen zu beachten: Die Empfindlichkeit des Films (oder Sensors), die Belichtungszeit und die Blende. Erstere ist bei analogem Film nicht verstellbar, muss aber mit bedacht, bzw. der Kamera/Belichtungsmesser mitgeteilt werden. Die anderen beiden können dann nacheinander so bestimmt werden, dass entweder die passende Verschlusszeit zur frei gewählten Blende ermittelt wird (Zeitautomatik, auf Englisch: Aperture priority, Kürzel: A), oder die passende Blende zur voreingestellten Verschlusszeit (Blendenautomatik, auf Englisch: Shutter priority, Kürzel: S). Es gibt aber auch automatische Kameras, die nach einem fest eingebauten Programm jeweilige Blende/Zeit-Kombinationen, definiert über ihren Lichtwert ansteuern. So was nennt man Lichtwert-, Voll- oder Programmautomatik (Kürzel: P). Späte elektronische Kameras ließen auch variable Programme zu. 

Nun noch etwas Technik: Zentrale Aufgabe einer Belichtungsautomatik ist es das Signal des eingebauten Lichtsensors zu nutzen und damit Zeit und/oder Blende bzw. beides bzgl. der eingestellten Filmempfindlichkeit richtig zu wählen. Als Lichtsensor dienten zunächst Selenzellen, die selbst einen kleinen Strom erzeugen und daher ohne Batterie auskommen. Später wurden Fotowiderstände (meist aus Cadmiumsulfid, CdS) oder Fotodioden (z.B. Si) verwendet, die beide eine Batterie zum Betrieb brauchen. 

Jetzt gab es für die Erfinder der automatischen Belichtungseinstellung ein zentrales Problem zu lösen: Die elektrischen Strömchen des Lichtsensors reichten geradeso aus, die Nadel am Drehspulinstrument zu bewegen, keinesfalls aber um Blende oder Zeit an der Kamera ohne das Zutun des Fotografen zu verstellen. Dazu wurden drei grundsätzliche Lösungen gefunden:

1) Das Trap-Needle Prinzip: Die Nadel des Belichtungsmessers darf sich zunächst frei bewegen. Beim Druck auf den Auslöser wird sie aber in ihrer jeweiligen Position durch eine speziellen Mechanismus eingeklemmt. Die sogenannte Steuerkurve (orange im Bild rechts) bestimmt, wie weit bestimmte Bewegungen innerhalb der Kameramechanik gehen dürfen. Damit lässt sich dann entweder durch die Fingerkraft des Fotografen auf dem Auslöser oder einen vorgespannten Federmechanismus die Blende und/oder Zeit so verstellen, dass es zum Zeigerausschlag passt. Das war nicht nur die erste Lösung, die gefunden wurde, sondern auch die in den meisten Kameras eingesetzte (bis hinein in die 1980er!). Meistens wurden Blendenautomatiken damit realisiert, aber auch Vollautomatiken bei oft einfachen Sucherkameras. 

2) Die Luft-Pneumatik: Wohl inspiriert vom alten Deckel‘schen Compound-Verschluss, der einen Luft gefüllten Zylinder als Hemmwerk verwendet hat. Diesmal wird statt der Nadel eine sehr dünne Plastikscheibe vom Drehspulinstrument bewegt. Diese verdeckt mehr oder weniger die Öffnung eines per Feder vorgespannten Luftzylinders. Nach dem Auslösen strömt die Luft proportional zur Öffnung schnell in den Zylinder und steuert damit die Zeit, die der Verschluss offen bleibt. Wurde zur Realisierung der ersten Zeitautomaten genutzt, war aber verglichen mit (1) nicht besonders akkurat und auch nicht erfolgreich.
3) Elektronik: Ab Mitte der 60er Jahren waren endlich Transistoren und andere elektronische Bauteile verfügbar, mit denen man ein elektronisches Hemmwerk für die Zeitsteuerung des Verschlusses bauen konnte. Die Geschwindigkeit der Auf- oder Entladung eines Kondensators hing am eingestellten Widerstand im Stromkreis, fast genauso wie die Größe des Lochs im Zylinder das Aus- oder Einströmen der Luft bestimmt. Ersetzt man nun den festen Widerstand durch einen Fotowiderstand, hat man den elektronischen Zeitautomaten zusammen.   Einziger Nachteil zur Trap-Needle Variante: während die eingeklemmte Nadel den Beleuchtungszustand bei der Auslösung festhielt, fehlte es der einfachen Elektronik anfangs an einem Messwertspeicher. Das verhinderte zunächst SLR-Zeitautomaten mit TTL-Messung, da es beim Auslösen auf dem CdS-Widerstand erst mal dunkel wurde. Erst komplexere elektronische Elemente in Form integrierter Schaltkreise erlaubten ab 1971 den Siegeszug der Automatisierung über Elektronik. 

Auf die eher noch als analog zu bezeichnen Elektronik aus den 60er und frühen 70er Jahren setzte fast nahtlos die Digitalisierung auf. Viele vorher mechanische Elemente wurden durch elektronische ersetzt, z.B. die Nadelanzeigen oder Suchereinspiegelungen durch LED oder gar LCD Displays. Oder das ehemalige Uhrwerk eines Selbstauslösers durch eine elektronische Variante mit immer schneller blinkender LED. Kamerakonstruktionen wurden dadurch modular und viel flexibler, da man Kabel eben einfacher ver- und umlegen kann als mechanische Verbindungen wie Zahnräder oder Seilzüge. Am Ende zogen echte Computer in die Kameras ein und die komplexe Beleuchtungssituation wurde mit gespeicherten Daten verglichen, um die richtige Belichtungzeit und Blende noch genauer zu bestimmen. 

1938 - Kodak Super Six-20

Sie war tatsächlich schon 1938 die erste Kamera überhaupt mit einer Belichtungsautomatik („Electric Eye“) und teilte mit vielen anderen bahnbrechenden Innovationen ein Schicksal: Es gab ein Basispatent, was es zwanzig Jahre lang allen anderen Herstellern verbot, das Trap-Needle Prinzip für eine Blendenautomatik zu nutzen. Damit fehlte der weitere Innovation fördernde und den Marktpreis senkende Wettbewerb. Viel gravierendere Gründe für ihren sehr geringen Markterfolg aber waren zwei Dinge: Sie war mit 225 US$ sehr teuer, dafür bekam man 1938 in den USA einen halben Kleinwagen. Außerdem war sie wohl nicht sehr verlässlich und oft defekt. Daher wurden nur 719 Exemplare je produziert und verkauft. Eine solche für die Sammlung zu bekommen ist nahezu unmöglich, aber man kann sie sich im Museum anschauen, z.b. hier.

1956 - Agfa Automatic 66 und 1960 - Durst Automatica 

Die zweite Automatikkamera basierte nicht auf Kodak‘s Trap-needle Prinzip sondern auf der Erfindung von Julius Durst und war ein Zeitautomat nach dem Luft-Pneumatik Prinzip.  Durst hatte wohl zunächst nicht die finanziellen und technischen Möglichkeiten, seine Erfindung selbst umzusetzen und lizensierte das Ding an Agfa, Europas größtem Kamerahersteller. Die Agfa Automatic 66 kam 1956 auf den Markt und teilte in manchen Aspekten ein ähnliches Schicksal wie die Super Six-20. Auch sie war mit 498 DM sehr teuer und fand wohl weniger als 5000 Abnehmer. Die Kunden wollten inzwischen Kleinbild und keine überteuerte Rollfilm-Faltbalgenkamera mehr, die an alte Zeiten erinnerte.  
Eine solche brachte die Firma Durst dann endlich 1960 mit dem selben Prinzip. Sie ist ganz schick, aber leider nicht ganz zu Ende gedacht (es fehlte die korrekte Implementierung der Filmempfindlichkeits-Einstellung). Mit über 10.000 Exemplaren ist sie aber im Gegensatz zur Agfa für Sammler heute erschwinglich. Auch ich habe ein Exemplar, mehr Info's zur Kamera und zur Luft-Pneumatik siehe dort.

1959 - das Jahr der automatischen Einfachkameras

1959 kam Bewegung in die Szene, vermutlich waren Selenzellen endlich zu einem vernünftigen Preis und in ausreichender Anzahl verfügbar. Die genaue zeitliche Abfolge des Erscheinens kann heute nicht mehr rekonstruiert werden, aber innerhalb dieses Jahres gab es plötzlich einige einigermaßen erschwingliche Kameras mit dem "Electric Eye" zu kaufen, die meisten ansonsten relativ einfach gehalten, was z.B. Objektiv oder Verschluss anging. Sie alle steuerten die Blende mit der Selenzelle. Diese waren: Braun Paxette Electromatic,  Kodak Automatic 35,  Bell & Howell Electric Eye 127Kodak Brownie Starmatic und die Revere Eye-Matic EE 127

1959 - Agfa Optima 

Der Star aber dieser "Klasse von 1959" war die Agfa Optima. Auch sie war eine Volks- und keine Eliten-Kamera und hatte als erste eine Vollautomatik an Bord. Der Druck auf die "Magische Taste" klemmte die Nadel ein und steuerte damit Verschlusszeit und Blende (in dieser Reihenfolge). Mehr Details in meinem Beitrag. Sie war mit ca. 500.000 Exemplaren selbst super erfolgreich und begründete eine ganze Serie von Agfa-Optima Nachfolgern. Eine davon war (1961) die Agfa Optima Reflex, eine zweiäugige Spiegelreflex, die erste mit Belichtungsautomatik, versteht sich. Natürlich inspirierte der Optima Erfolg auch die Konkurrenz, das Kodak'sche Trap-Needle Patent war ja gerade ausgelaufen. 

1960 - Royer Savoyflex

Sie wird gerne übersehen, weil sie die einzig signifikante französische SLR war und auch nur in Frankreich nennenswerte Verbreitung fand. Aber sie ist tatsächlich die weltweit erste SLR mit einer Belichtungsautomatik (Trap-Needle Blendenautomatik, natürlich). Sie hat ein fest eingebautes Objektiv und eine simple Implementierung der Filmempfindlichkeits-Einstellung per Plastik-Steckblende vor der Selenzelle, die ihr ein charakteristisches Aussehen verleiht.

1961- Voigtländer Ultramatic

Auch sie wird öfters übersehen, wenn es um die erste SLR mit Wechselobjektiven (DKL-Bajonett) und Blendenautomatik geht. Im Gegensatz zu den anderen DKL-Spiegelreflexen hatte sie sogar einen Rückschwingspiegel. Ab 1965 gab es ihre direkte Nachfolgering Ultramatic CS mit CdS-Fotowiderstand und TTL-Messung (allerdings nach der Tocon Uni, s.u.)

1962 - Wirgin Edixa Electronica

Ebenfalls eine deutsche DKL-SLR und ein teurer Designflopp, der am Ende die Firma Wirgin mit in die Pleite zog. Heinz Waaske entwicklete nicht mehr und nicht weniger als die erste SLR-Vollautomatik mit Wechselobjektiven, realisiert als Trap-Needle-Kontstruktion mit elektromotorischer Verstellung des Lichtwertes.  
1963 - Seikosha SLV-Automaten aus Japan 

Aus Japan kommen ab 1963 einige SLR auf den Markt. Mit fest eingebauten Objektiven und Trap-Needle Belichtungssteuerung rund um den Seikosha SLV Zentralverschluss waren sie einfach zu bedienende Spiegelreflexe und keine technische Meilensteine mehr. Sie holten (wie die Agfa Optima) die Belichtungsautomatik aus der Hochpreisecke. Hier die ggf. unvollständige Liste: Minolta ER, Fujicarex, Nikkorex auto 35, Ricoh 35 Flex, Mamiya Auto-Lux 35
1964 - Topcon Uni 

Ebenfalls eine Zentralverschlusskamera, aber mit Wechselobjektiven und der damals brandheißen TTL-Messung. Mit dieser Kombination und natürlich einer Trap-Needle Blendenautomatik war sie die weltweit erste ihrer Art und wirkt heute noch recht modern. Schon im Jahr darauf wirkten die Selenzellen-Wabenfenster wie von gestern. Leider hatte Topcon nicht den Erfolg am Markt, den sie mit ihren Innovationen bis dahin verdient hätten. 

1965 - Konica Auto-Reflex

Die Konica Auto-Reflex wird oft als die erste SLR mit Belichtungsautomatik genannt, aber das stimmt natürlich nicht, siehe oben. Aber sie war die erste "moderne" SLR mit diesem Feature, sprich: sie hatte einen Schlitzverschluss und Wechselobjektive mit modernem Bajonett. Ansonsten war alles beim alten: eine Trap-Needle Blendenautomatik, allerdings konsequent zu Ende gedacht und  implementiert. Lediglich der CdS-Sensor war zwar eingebaut, aber nicht TTL, das kam erst 1968 mit der nächsten Generation Autoreflex T. 

1965 - Yashica Electro half und 1966 - Yashica Electro 35

Yashica kann man als den Elektronik-Pionier im Kamerabau bezeichnen. Zunächst kam 1965 in kleiner Serie eine Halbformatkamera als erste Zeitautomatik mit elektronischem Hemmwerk. Richtig zum Durchbruch gelangte die Technik aber ab 1966 mit der super erfolgreichen Electro 35-Serie, die über 5 Millionen mal gebaut und verkauft wurde. Der CdS-Sensor maß das Licht extern während der Belichtung und konnte Verschlusszeiten bis zu ca. 30 Sekunden stufenlos steuern.

1971 - Pentax ES

Die erste Zeitautomatik-SLR ließ noch lange fünf Jahre auf sich warten und hieß Pentax ES. Das lag an einem erst spät gelösten technischen Problem. Während man bei der Trap-Needle Blendenautomatik mit dem Einklemmen der Messnadel den Belichtungswert fixierte und für den weiteren Verschlussablauf merkte, gab es sowas bei der zunächst archaischen Elektronik nicht. Das war aber wegen des zwischenzeitlich sich verdunkelnden Sucherbildes nötig. Die Asahi Pentax Elektroniker waren die ersten, die es lösten, viele andere SLR Hersteller folgten aber schnell. Mitte der 1970er gab es mehr Zeit- als Blendenautomatik SLR-Modelle und für die nächsten fast 30 Jahre ein fast religiös anmutendes Automatik-Schisma

1976 - Canon AE-1

Die Elektronik entwickelte sich rasant und erlaubte es bald, viele bisher mechanische Komponenten im Kamerabau durch entsprechende elektronische zu ersetzen. Die Canon AE-1 war 1976 die erste, die dies sehr erfolgreich umsetzte. Genau: Sie war die erste Blendenautomatik, die NICHT auf dem Trap-Needle Prinzip beruhte. Dem Fotografen war das egal, er schaute im Sucher auf keine Nadel mehr, sondern ihn blinkten LED's an. 
1977 - Minolta XD7

Mit modularer Elektronik sind die Entwicklungszyklen kürzer als mit komplexer Mechanik. So ging es am Ende der 1970er Schlag-auf-Schlag. Schon 1977 brachte Minolta mit der XD7 die erste SLR die beide Automatikvarianten beherrschte. Heimlich, am jeweiligen Bereichsende, konnte sie sogar vollautomatisch die Belichtung steuern, hat aber mit Blick auf die Zielgruppe des ambitionierten Amateurs darauf verzichtet, einen Programmautomatik-Modus anzubieten. 

1978 - Canon A-1

Schon 1978 kam der Gegenschlag von Canon. Die A-1 hatte frei wählbar fünf Automatik-Modi, neben Blenden- und Zeitautomatik waren das die nun auch so genannte Programmautomatik, die manuelle Einstellung sowie eine Zeitautomatik bei Arbeitsblende. Viele nachfolgende Kameramodelle benutzen diese "PASM"-Wahlmodi bis in die heutige Digitalzeit.

1983 - Nikon FA

Damit schien auf dem Feld der Belichtungsautomatik zunächst einmal alles erfunden zu sein. Einiges habe ich hier bisher nicht erwähnt. Es gab natürlich auch noch die automatische Blitzsteuerung durch die Kameraelektronik, aber auch die Frage nach dem (TTL-)Messmodus (Spot- vs. mittenbetont). Da überraschte 1983 Nikon die SLR-Welt mit der sog. Matrix- oder Mehrfeldmessung. Hierbei erkennt die Kamera quasi automatisch knifflige Beleuchtungssituationen (durch Vergleich der Lichtverteilung im Sucherbild mit einer internen Datenbank) und ermittelt daraus die richtige Zeit/Blenden-Kombination.  

Damit ist die Geschichte der Belichtungsautomatik tatsächlich abgeschlossen. Die Kameragenerationen danach brachten mit dem Autofokus die andere wichtige Automatik. Bei den heutigen Digitalkameras ist natürlich kein extra Belichtungsmesser mehr eingebaut, das Signal kommt vom Bildsensor selbst, aber die damals entwickelten Logiken gibt es immer noch: Die meisten Kameras heute bieten die Wahl zwischen Zeit- Blenden- oder Programmautomatik, aber auch mittenbetonter, Spot- oder Mehrfeld-Messung. Drehspulelemente oder eingeklemmte Messnadeln gibt es natürlich nicht mehr und manchmal ist auch heute noch der Fotograf die bessere Automatik. 

2020-05-10

Fujica Rapid S2 (Teil 3: Der automatische Lichtwertverschluss)


Für diesen Teil 3 der kleinen Serie über die Fujica Rapid S2 habe ich die obere Gehäusekappe abgenommen, um mal einen Blick auf die Belichtungsautomatik zu werfen. Dazu werden einfach zwei Schräubchen links und rechts sowie der Schnellschalthebel abgeschraubt. Der Fotograf muss normalerweise dem A außen auf dem Blendenring blind vertrauen. Es gibt keinerlei Hinweis, ob und wie der Belichtungsmesser wirklich arbeitet und was eingestellt wird. Halt! Doch, es gibt ein kleines rotes Fähnchen im Sucher, wenn Unter- oder Überbelichtung drohen (Auslösen kann man in diesen Fällen trotzdem!). 

Nach Öffnen der Kamera kommt ein Drehspulinstrument zum Vorschein, das auf den Strom reagiert, den die Selenzelle rund um das Objektiv liefert. Beim Runterdrücken des Auslösers drückt der Fotograf gleichzeitig zwei Messingplättchen runter, die wiederum die Messnadel in ihrer jeweiligen Stellung einklemmen. Auf dem Bild rechts habe ich sie mal orange und blau hervorgehoben. Das verdeckte orange ist die sogenannte Steuerkurve für Verschluss und Blende, je heller es ist, desto weiter nach rechts schlägt die Nadel aus und desto tiefer läßt sich die orange Platte runterdrücken. Damit wird direkt der darunter liegende Seikosha-L Lichtwertverschluss gesteuert und ist der eigentliche Kern und erste Teil der Belichtungsautomatik. Das blaue markierte Plättchen davor ist nur für das Warnfähnchen da. Es ist im mittleren Bereich unten gerade. Wenn die Nadel dort ist, passiert sonst weiter nichts. Ist es aber zu dunkel (Nadel ganz links) oder zu hell (Nadel ganz rechts), läßt sich das Plättchen ca. 2 mm weiter runterdrücken und schwenkt dabei das rote Fähnchen in den Sucher (im Bild links unten zu erahnen).

Der zweite Teil der Belichtungsautomatik ist natürlich der sogenannte Lichtwertverschluss Seikosha-L. Eigentlich ist es ein relativ einfacher Zentralverschluss (1/30s bis 1/250s) mit direkt dahinter liegenden Blendenlamellen (2.8 bis 22). Beides ist aber so miteinander (mechanisch) verschaltet, dass man mit einem einzigen Steuerhebel auskommt. Dieser stellt den entsprechenden Lichtwert ein, und zwar analog des rechts abgebildeten linearen Zusammenhangs. Bei LW=8 (z.B. Innenräume) ist das 1/30s und f/2.8, das andere extrem ist LW=17 (am sonnigen Strand) und bedeutet 1/250 bei f/22 (Werte jeweils für 100 ASA Film). Dazwischen werden linear alle möglichen Zwischenwerte verwendet, LW 12 (wolkiger Himmel draußen) ist z.B. 1/80s bei Blende 7.1. Der eben erwähnte Steuerhebel ist für den Fotografen nicht direkt zugänglich, das erledigt die Belichtungsautomatik mit der oben von mir orange markierten Steuerkurve. Man kann allerdings für die Blitzfotografie zumindest die Blenden manuell anwählen. Ob dann der Verschluss immer mit 1/30s läuft, oder auch entsprechend der oben gezeigten Automatiklinie, konnte ich nicht herausbekommen. Ich vermute letzteres, da einfacher zu realisieren. Außerdem ist bei einem Zentralverschluss die Verschlusszeit beim Blitzen (fast) irrelevant.

Sucher mit Beli-Infos aus der
Fujica Half.
Diese Art von Belichtungs-Vollautomatik war bei einigen besseren Sucherkameras in den 60ern und insbesondere in den 70ern sehr populär. Die erste Kamera mit einer solchen war die Agfa Optima von 1959. Die meisten dieser Point-And-Shoot Kameras kamen wohl aus Japan und hatten oft genau diesen Seikosha-L Verschluss an Bord. Neben den Fujica Kameras sind insbesondere die Canon Demi (Halbformat) oder Canonet Serien zu nennen. Olympus verbaute etwas ähnliches in seine populäre PEN-Serie und die millionenfach verkaufte Olympus Trip 35.
Meine Kenntnisse zum Lichtwertverschluss Seikosha-L habe ich mir aus mehreren Anleitungen zu diesen Kameras zusammengesucht. Die Abbildung rechts stammt aus derjenigen der Fujica Half, einer Halbformatkamera für den 135-er Kleinbildfilm mit exakt derselben Objektiv/Verschluss-Kombination. Eine entsprechende Anleitung zu meiner Rapid S2 konnte ich bisher im Netz nicht finden. Die Anleitung zur Konica L enthält im Prinzip obiges Lichtwertdiagramm.

Drehspulinstrument und einklemmende Steuerkurve
für den Copal B mat Verschluss der Konica C35 Serie.
Das Prinzip des Lichtwertverschlusses wurde auch von anderen (meist) für automatische Zentralverschlüsse übernommen und verbaut. Auch als die Selenzelle vom CdS-Fotowiderstand plus Batterie abgelöst wurde, lebte das Prinzip weiter. Ich habe mal meine Konica C35V (1971-1976) aufgeschraubt, und siehe da: auch hier intern ein Drehspulinstrument und der Abgriff des Lichtwertes per Steuerkurve beim Runterdrücken des Auslösers. Ich muss hier wirklich meinen früheren Beitrag korrigieren, es ist mitnichten ein elektronischer Verschluss, dieser "Copal B mat" (diesmal 1/30s f/2.8 bis 1/650 s f/14), der auch in sehr vielen anderen automatischen Sucherkameras der Zeit seinen Dienst tat (s.u.). Ich habe mal einen Fotokatalog von 1975 durchgesehen und von fast jedem mehr oder weniger renommierten Hersteller findet sich eine solche Vollautomatik-Kamera. Und ich würde mich nicht wundern, dieses Prinzip bis in die 80er Jahre hinein in einfacheren Automatik-Knippsen zu finden. Erst ab Mitte der 80er werden die allermeisten Kameras wirklich elektronisch.
Aber nicht nur in Japan gab es solche Lichtwertverschlüsse. In Deutschland kamen Anfang der 1960er (nach dem großen Erfolg der Optima) auch viele andere vollautomatische Kameras auf den Markt. Viele davon hatten einen Prontormator oder Prontormat-S Verschluss von Gauthier mit fast derselben Spezifikation wie mein Seikosha-L hier.  Hier nun, ohne Anspruch auf Vollständigkeit eine kleine Liste vollautomatischer Kameras der 60er und 70er Jahre mit den entsprechenden Lichtwertverschlüssen:

Verschluss Liste der vollautomatischen Kameras mit Lichtwertverschluss
(ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
Prontormator,
Prontormat-S, u.ä.
(Gauthier)
Agfa Optima II (1960) und spätere Nachfolger,  Kodak Retina automatic I , Voigtländer Dynamatic, Rollei Magic (TLR), Braun Paxette Electromatic III, Zeiss Ikon Tenax Automatic, Adox Polomatic III, Rollei A26 (Instamatic, 1972), Rollei A110 (1975)
Seikosha-L Konica L, Canonet Junior, Fujica Half 2.8, Fujica Rapid S2 und D1, Canon Demi
Olympus Eigenentwicklung Olympus Trip 35, Olympus PEN EE Serie (Halbformat), 
Copal B mat Canon Canonet 28, Konica C35 (1968) und ihre Klone und Nachfolger: Cosina compact 35eYashica 35-MFVoigtländer VF 135Porst 135 SEdixa compact 35ERevue 700 SELBeroflex quick spot 135EERollei XF 35Revue electronic CVivitar 35EEChinon 35 EEGAF Memo 35 ETMinolta Hi-Matic G
Citizen UNI-E Minolta Hi-Matic, Ansco Autoset,
unbekannt Canon A35F (1978), Minolta AF-C (1983)

Hier die Links zu den anderen Teilen dieser Miniserie:

2020-03-09

Wirgin Edixa Electronica

Zählt eine Kamera als Meilenstein, wenn das sie auszeichnende Merkmal eher in eine technologische Sackgasse führt und die Kamera ein regelrechter Flop am Markt wird? So geschehen mit diesem schicken Exemplar, designed von Heinz Waaske, der später durch die Rollei 35 berühmt werden sollte. Die Kamera war weltweit die erste Spiegelreflex mit Wechselobjektiven, die nach Druck auf die sogenannte Reglertaste die Belichtung vollautomatisch (Blende und Zeit!) mit Hilfe eines eingebauten Elektromotors einstellte. 
Als die Kamera 1962 auf den Markt kam, gab es schon andere Kameras mit Belichtungsautomatik. Hier ein kleiner Überblick:
  • Die allererste war Kodak's Super Six-20 (1938-1944, nur 719 Exemplare wegen des extrem hohen Preises). Eine Faltbalgenkamera für 620er Rollfim (6x9) mit einem Compur Zentralverschluss und einer Blendenautomatik.
  • Die zweite war die ebenfalls sehr teure, aber ansonsten einfache Agfa Automatik 66 von 1956. Sie war eine Weiterentwicklung der Isolette, hatte einen Prontor Zentralverschluss und als erste Kamera überhaupt eine Zeitautomatik!
  • 1959 war DAS Jahr der "einfacheren" Sucherkameras mit Belichtungsautomatik. Es gab insgesamt 6, die sicherlich einflussreichste und auch erfolgreichste war die Agfa Optima. Die anderen: siehe hier. Einige dieser Kameras hatten nur eine Verschlusszeit und waren daher Blendenautomaten, die Optima kontrollierte aber auch den Verschluss zwischen 1/30s udn 1/250 s und war demnach ein Vollautomat!
  • 1959 erschien in Frankreich die Royer Savoyflex Automatic, die erste SLR mit Blendenautomatik (ebenfalls Zentralverschluss).
  • 1961 kam dann noch die Agfa Optima Reflex, eine TLR für den Kleinbildfilm mit der Optima-Technik unter der Haube, also die erste Spiegelreflex mit Vollautomatik.
  • Ebenfalls 1961 erschien die Voigtländer Ultramatic, eine Bessamatic mit Blendenautomatik und mit (fast) dem selben Bajonett und Verschluss der größte Konkurrent der Edixa Electronica.
Alle diese Kameras hatten für die automatische Belichtungseinstellung das selbe Problem zu lösen: Es gab mit der Selenzelle eine einigermaßen zuverlässige Belichtungsmessung, die sogar ihren eigenen Strom erzeugte und daher ohne Batterie auskam. Allerdings ist dieser Strom so klein (im µA Bereich), dass damit gerade einmal die Nadel im Drehspulinstrument bewegt werden, keinesfalls aber die Kraft aufgewendet werden kann, um Blende, Verschlusszeit oder sogar beides automatisch einzustellen.  
Daher bedienen sich alle oben genannten Automatikkameras eines Tricks, indem sie die Fingerkraft des Fotografen verwenden, der eine Taste drückt. Der Ausschlag des Drehspulinstruments wird dabei irgendwie abgegriffen und bestimmt den Umfang der Einstellbewegung. Bei der Optima habe ich es mir mal genauer angeschaut und auch beschrieben.
Im Prinzip macht es die Edixa Electronica nicht viel anders, allerdings wird noch ein batteriebetriebener Elektromotor für die Stellbewegung mit eingespannt. Dieser Elektromotor und die dazugehörigen Batterien machen die Kamera relativ schwer, teuer und vergleichsweise unzuverlässig. Man kann zwar auch ohne Batterie noch alles manuell einstellen, aber das ist recht umständlich per Daumenrad neben dem Okular. 
Wenn man das jetzt mit den direkten Konkurrenten Voigtländer Bessamatic und Kodak Retina Reflex S vergleicht, versteht man, warum die Edixa 1962 eigentlich keine Chance (mehr) am Markt hatte. Beide Konkurrentinnen waren schon seit 1959 auf dem Markt, verwenden das selbe Wechselobjektiv- und Verschluss-System mit jeweils einer sehr praxistauglichen und zuverlässigen Nachführmessung. Auch preislich liegen die beiden unterhalb der Edixa (Bessamatik: 575 DM, Retina Reflex: 629 DM).  

Heinz Waaske hatte sich mit seinem Elektromotor also etwas verrannt. Und zwar in dem Sinne, dass er an seiner Zielgruppe, dem ambitionierten und wohlhabenden Amateur, vorbeigeplant hat. Dieser wollte eigentlich keine halbgare Vollautomatik, sondern hochwertige und zuverlässige Fotografier-Werkzeuge. Der Markt für sein Segment war 1962 schon mit den oben erwähnten Kameras plus Contaflex/Contarex gesättigt. Und dann sprach sich wohl langsam in der Szene rum, was da so aus Japan kommen könnte in Form von Pentax Spotmatik, Topcon RE Super, Minolta SR-2 oder Nikon F
Eigentlich hätten Heinz Waaske und sein Arbeitgeber Wirgin gute Vorraussetzungen gehabt, bei den zukünftig gefragten SLR's mitzuspielen. Mit ihrer Edixa-Mat Serie waren sie Anfang der 1960er der einzige westdeutsche Kamerahersteller mit einem Schlitzverschluss und dem universalen M42-Gewinde, dass sowohl Pentax als auch Praktica verwendeten. Man stelle sich vor, Waaske hätte nicht einen Zentralverschluss-Vollautomat mit Elektromotor, sondern eine Schlitzverschluss SLR mit TTL-Messung entwickelt, wer weiß, wie die deutsche Kameraindustrie heute aussehen würden.
Stattdessen war der wirtschaftliche Flop mit der Electronica (es wurde nur ca. 4100 Einheiten gebaut) für Wirgin der Anfang des Niedergangs. Waaske verließ 1965 Wirgin, um bei Rollei seine Kleinbildkamera zu realisieren. Wirgin rannte bei den SLR nur noch dem Trend hinterher. Nach einer ersten Pleite 1968 und Restrukturierung als Edixa GmbH erschien 1970 mit der Edixa Electronica TL (Schlitzverschluss, TTL, M42 !) ein letzter Versuch am Markt, aber auch er chancenlos am nun von den technisch vorbeigezogenen Japanern dominierten Markt. 1972 war wieder Schluss, zusammen mit vielen anderen Spielern der westdeutschen Kameraindustrie.


Aber die vollautomatische Belichtungssteuerung, heutzutage Programmautomatik genannt, war auch nach der Edixa Electronica natürlich ein Thema. Zunächst zielgruppengerecht in vielen Kameras a la Agfa Optima für die breite Masse, die sich eben nicht um Blende und Verschlusszeit kümmern wollten. In meiner Sammlung habe ich zum Beispiel die Polaroid J33 Electric Eye, die Olympus PEN EES-2 und die Yashica EZ-Matic. Aber es gab auch Spiegelreflexkameras, diese allerdings alle zunächst nur mit Zentralverschluss und fest eingebautem Objektiv. Eine davon habe ich mal gehabt und hier vorgestellt: Sears SL9 bzw. Ricoh 35 Flex. Eine echte vollautomatische Belichtungssteuerung an einer SLR mit Wechselobjektiven erschien dann erst wieder 1977 mit der Minolta XD7, damals noch versteckt zwischen den beiden Optionen Zeit- bzw. Blendenautomatik. Unser heutiges Set an MSAP-modes für die Belichtungssteuerung gibt es seit der Canon A-1 im Jahr 1978. 

Datenblatt Erste SLR mit Wechselobjektiven und vollautomatischer Belichtungssteuerung
Objektiv Schneider Xenar 50 mm f/2.8 (4 Linsen in 3 Gruppen, Tessar Typ). Wechselobjektive mit DKL-Bajonett in spezieller Edixa-Version. Erhältliche Wechselobjektive von Schneider und Steinheil von 28 mm bis 135mm
Verschluss Synchro-Compur Zentralverschluss für DKL-Bajonett (hinter dem Objektiv). B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500
Belichtungsmessung Mit Selenzelle, automatische motorische Einstellung des Lichtwertes nach Druck auf die Reglertaste, freie manuelle Wahl der dazu passenden Zeit-Blenden-Kombination. Einstellbereich 18 Lichtwerte, 12-1600 ASA
Fokussierung Manuell am Objektiv, SLR-Mattscheibe mit zentralem Schnittbildindikator.
Sucher SLR, nicht automatisch zurückkehrender Spiegel.
Blitz vollsynchronisiert über Buchse, Wählhebel X und M.
Filmtransport Schnellschalthelbel, Bildzählwerk, Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Stativgwinde 3/8'', Auslöser-Arretierung, ausklappbarer Standfuß, Selbstauslöser
Maße, Gewicht 144 x 104 x 75/61, 962/846 g (m/o Objektiv, ohne Batterien)
Batterie 5 x Mallory RM-1 (1.35V) für den Betrieb des Motors. Manuelle Belichtungseinstellung ohne Batterien möglich.
Baujahr(e) 1962-1965, ca. 4100 Exemplare, diese # 350566 von 1962
Kaufpreis, Wert heute zunächst 650 - 750 DM (mit Objektiv), ab 11/64 250 DM, heute je nach Zustand 200-400€.
Links Kameras für Millionen (Buch über Heinz Wasske von J. Eickmann und U. Vogt, Wittig 1997). Collectiblend, DKL-Bajonett, Klaus-Eckart Riess
Bei KniPPsen weiterlesen... Geschichte der BelichtungsautomatikWirgin Edixa-Mat ReflexAgfa Optima, Agfa Optima ReflexPentax Spotmatic, Praktica PL Electronic, Minolta XD7

Und nochmal zurück zu meiner Eingangsfrage: Zählt die Edixa Electronica als Meilenstein. Im engeren Sinn für mich nicht, da sie keine umwerfende neue Technologie eingeführt hat, keiner hat das Konzept später kopiert. Sie ist dennoch eine sehr schicke Kamera und wegen ihrer Seltenheit sicher das Sammeln wert. Ich nenne auch noch andere seltene deutsche SLR mein eigen: King Regula Reflex 2000 CTL, Praktica PL Electronic. Alle drei habe ich nach längerer Marktbeobachtung günstig ersteigert, worauf ich sehr stolz bin. Die beiden mit Electronic im Namen funktionieren nicht mehr vollständig, was nicht an ihrer immer noch soliden Mechanik oder Optik liegt... ;-)

2019-02-24

Minolta XD7 (XD11, XD)



Beim der diesjährigen Foto-Börse in Groß-Umstadt hatte ich Glück, gleich zwei Meilensteinkameras zu ergattern. Die bedeutendere und auch bekanntere ist diese Minolta XD7, die im Jahr 1977 die erste Spiegelreflex auf dem Markt war, die sowohl Zeitautomatik ("A", aperture priority) als auch Blendenautomatik ("S", shutter priority) bot. Die Kamera kann tatsächlich auch Blende und Zeit gleichzeitig steuern, und zwar immer dann, wenn man bei einem gewählten Automatikmodus an den jeweiligen Einstellbereichsrand (z.B. bei Blendenautomatik, kleinste mögliche Blende) gelangt, wird das jeweils andere nachkorrigiert. Manche nennen das einen versteckten Programmautomatik-Modus, und ich bin geneigt zuzustimmen. Minolta's Zielgruppe war der gehobene Amateur, dem man wohl einen Anspruch nach gewisser Bildkontrolle zuschreiben konnte. Programm- bzw. Vollautomatik war damals eher mit einfachen Kameras für die Masse verbunden und daher mied Minolta den Begriff. In der Bedienungsanleitung wird aber sehr ausführlich erklärt, was alles mit der Belichtungsautomatik möglich ist. 

Erst die legendäre Canon A-1, die ein Jahr später am Markt erschien, führte den Begriff Programmautomatik in die SLR-Fotografie ein und hatte das bis heute übliche Automatikangebot "PASM". Ansonsten sind die A-1 und die XD7 ebenbürtige Konkurrenten, die die Spitze des Amateurmarktes am Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre bedienten. Die anderen Mitbewerber am Markt taten sich schwer, Nikon und Pentax hatten beide erst 1983 mit der Nikon FA und der Pentax Super A entsprechende Modelle am Markt.

Eine weitere Kamera für dieses Segment war die Leica R4. Diese kam (erst) 1980, also 3 Jahre nach der Minolta, auf den Markt und war quasi eine Stiefschwester der XD7. Beide gingen aus der Leitz-Minolta Kooperation hervor, die seit 1972 bestand. Wie schon bei der Generation vorher (Minolta XE-1 und Leica R3) kooperierten beide Firmen bei den wesentlichen Komponenten und Technologien. Allerdings gab es nicht nur beim äußeren Design und beim Bajonett Unterschiede, sondern auch intern ist nicht alles gleich. Die Leica hatte einen anderen Spiegelkasten und zusätzlich Spotmessung an Bord.   

Beim eingebauten Verschluss allerdings handelt es sich in beiden Fällen um Seiko's MFC-E, ein super kompakter und gleichzeitig leistungsfähiger Schlitzverschluss, der damals den Weg in sehr viele automatische Spiegelreflexkameras fand. Manchmal findet man im Netz die Behauptung der Verschluss sei eine Weiterentwicklung des Copal Leitz Shutter gewesen, der in der R3 bzw. XE-1 zum Einsatz kam. Ich denke, das ist Wunschdenken aus der Leica-Gemeinde, die immer etwas Besonderes brauchen und nicht akzeptieren wollen, dass derselbe Verschluss auch in der Einstiegs-SLR Nikon EM werkelte.

Was allerdings stimmt, ist das samtweiche und leise Auslösegeräusch der XD7. Aus meiner Sammlung war es bisher die Olympus OM-1, die in dieser Disziplin vorne lag, diese allerdings mit einem horizontalen und mechanischen Tuchschlitzverschluss. Es liegt also nicht am Verschluss, wie weich oder leise eine SLR auslöst, sondern am Spiegel und dessen Dämpfung. Außerdem verwendet die XD7 einen kleinen Trick, der ihr beim samtigen Ablauf hilft. Bei anderen SLR laufen die Dinge beim Auslösen (fast) gleichzeitig ab, bei der XD7 aber schön nacheinander: 1) Abblenden des Objektivs, 2) Spiegel klappt nach oben, 3) Verschluss löst aus, 4) Spiegel klappt wieder runter und Objektiv wird wieder aufgeblendet. Während 2-4 sofort hintereinander ablaufen, wird nach 1) eine künstliche, sehr kurze, aber doch merkliche Pause eingelegt. Die XD7 misst nämlich nochmal die Belichtung bei Arbeitsblende, einfach um sicherzugehen, dass z.B. die Blendenautomatik bei der Übertragung ans Objektiv auch so funktioniert hat wie gedacht. Wenn nicht, dann wird die Verschlusszeit entsprechend korrigiert. Das Ganze wird in der Bedienungsanleitung als Vorteil verkauft. Dass es eine Schwäche der Blendensteuerung kompensiert und gleichzeitig die Auslöseverzögerung deutlich vergrößert, wird verschwiegen. Das damit einhergehende samtig weiche Auslösen kann man aber selbst genießen.


Mein Exemplar ist aus dem ersten Jahr der Produktion (es gab spätere leicht geänderte Varianten, siehe Links unten) und bis auf eine leichte Delle im Objektiv-Filtergewinde noch ganz gut in Schuss und vollständig funktionstüchtig. Minolta hat damals für die Belederung allerdings ein sehr weiches Leder gewählt, was sich mit der Zeit zusammenzieht. Auch mein Exemplar ist in dieser Beziehung nicht mehr ganz so schön, wie man an den Bildern sehen kann. Ich mag es allerdings lieber so authentisch, im Vergleich zu mancher nachträglicher Neubelederung mit Krokodil- oder farbigem Leder. Eine tolle Kamera und ein Muss für jede SLR-Sammlung!


Datenblatt Erste SLR mit sowohl Zeit- als auch Blendenautomatik
Objektiv Wechselobjektive mit Minolta MD-Bajonett (eingeschränkt abwärtskompatibel). Hier mitgeliefertes Normalobjektiv MD-Rokkor 50 mm f/1.7 (6 Linsen in 5 Gruppen) 
Verschluss Elektronisch gesteuerter, vertikaler Metalllamellenverschluss (Seiko MFC-E). 1s - 1/1000 s und B. Blitzsynchronisation bei 1/100s. Stufenlos bei Zeitautomatik. Manuelle Zeit 1/100 s. Samtweiche und sehr leises Auslösegeräusch.
Belichtungsmessung TTL, mittenbetont integral, Si-Photodioden. 12-3200 ASA. 
Belichtungsautomatik Sowohl Zeitautomatik (A), Blendenautomatik (S), sowie manuelle (Nachführmessung, M) wählbar. Versteckte Programmautomatik, da beim Verlassen des einstellbaren Bereichs die jeweils voreingestellte Zeit oder Blende der Belichtungssituation angepasst wird.
Fokussierung Manuell am Objektiv, Einstellscheibe mit Schnittbildindikator und Mikroprismenring.
Sucher Fest eingebauter Pentaprismensucher mit LED-Anzeige für Belichtungsmessung. Je nach Automatikmodus werden Zeiten oder Blenden angezeigt. Zusätzlich Einspiegelung der gewählten Blende und Verschlusszeit.
Blitz Zubehörschuh mit Mittenkontakt und Extrafunktion bei Minolta-Blitzen (Blitzbereitschaftsanzeige im Sucher, Synchronzeit), zusätzliche Blitzbuchse.
Filmtransport Schnellschalthelbel, Rückspulknopf, Bildzählwerk (vorwärts zählend)
sonst. Ausstattung Selbstauslöser (10s), Abblendtaste, ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Filmlaschenhalter, Stativgewinde, Anschluss für Motorantrieb, Belichtungskorrektur (+/-2 Stufen) bei Automatik, Okularverschluss
Maße, Gewicht ca. 136/86/51 mm, 560g (ohne Objektiv)
Batterie3V, entweder 2x LR44 (Alkali), 2x SR44 (Silberoxid) oder 1x CR-1 (Lithium)
Baujahr(e) 1977-1984, ca. 600.000 Einheiten, dieses #1030016 von 1977
Kaufpreis, Wert heute ca. 1200 DM (1977, mit Normalobjektiv), ca. 50-100 € je nach Zustand.
Links Camera-wikiWikipediaPeter LauschEric FissWebersohnRokkorfilesXD-7 restaurierenMischlichtManual (XD-11, english)Bedienungsanleutung (XD-7 deutsch)Ernst GigerUnterschiede der Versionen,

2017-04-17

Agfa Optima


Durch meinen Fund der Agfa Optima Reflex neugierig geworden, habe ich mich auch nach der original Optima von 1959 umgeschaut und bin schnell fündig geworden. Hier ist sie also: die erste Kamera mit vollautomatischer Belichtungssteuerung von Blende und (!) Verschlusszeit, heute würde man 'Programmautomatik' sagen.
Optima 1 Optima2
Magische Taste nicht gedrückt - Schieber in Ausgangsposition, Nadel kann sich frei bewegen Magische Taste gedrückt bei wenig Licht -
Nadel eingeklemmt, Schieber etwas vor
Optima3 Optima4
Magische Taste gedrückt bei mittlerem Licht -
Schieber weiter links
Magische Taste gedrückt bei viel Licht -
Schieber ganz links

Ich war natürlich neugierig und habe mal nachgeschaut, wie die Agfa Ingenieure die automatische Belichtungssteuerung realisiert haben. Das Problem, was es zu lösen galt, war folgendes: Der einzige damals zur Verfügung stehende Lichtsensor ist die Selenzelle, die jedoch nur ein "Strömchen" von einigen µA (Millionstel Ampere) liefert. Das ist gerade genug, um mit einem filigran aufgehängten Drehspulinstrument eine federleichte Nadel zu bewegen (wie in vielen damaligen Belichtungsmessern realisiert), reicht aber natürlich nicht, um Blende und/oder Verschlusszeit elektrisch betrieben zu verstellen. Hierzu braucht es deutlich mehr Kraft, die sich die Optima vom Fotografen leiht, der dazu die "magische Taste" ganz runterdrücken muss. Diese aktiviert nämlich nicht den Belichtungsmesser. Dieser ist immer an und bewegt wie gewohnt per Drehspule eine Meßnadel. Wenn nun die Taste runtergedrückt wird, wird diese Nadel an ihrer jeweiligen durch die Lichtmenge vorgegebenen Position eingeklemmt. Der weitere Druck auf die Taste bewegt aber einen Schieber, und zwar je nach Position der eingeklemmten Nadel unterschiedlich weit. Dieser Schieber wiederum verstellt nun Blende und Verschlusszeit. Bei der Optima wird bei steigender Lichtmenge zunächst die Verschlusszeit kürzer (bis min. 1/250s) und dann die Blende geschlossen. Gleichzeitig schwenkt (falls sich der Schieber überhaupt bewegt) ein grün-rotes Fähnchen nach Links, das in den Sucher eingespiegelt wird und dem Fotografen signalisiert, dass das Licht zum Knippsen reicht. Ich hoffe, die Bilder der geöffneten Kamera illustrieren das ein wenig, die Nadel ist leider schlecht zu erkennen. Die Drehspule sitzt übrigends genau unter dem Einstellrad für die Filmempfindlichkeit, und wie man sich denken kann, wird die gesammte Spule mit dem Einstellrad verdreht und somit natürlich auch die Ausgangsstellung der Messnadel. Pfiffig!      

Optima 5 Optima 6
Die Agfa Optima war nicht die erste Kamera mit automatischer Belichtungssteuerung. Diese Ehre gebührt der Kodak Super Six-20 schon 1938, eine sehr seltene und entsprechend teure Sammlerkamera. Sie verwendete aber schon das oben beschriebene Prinzip, allerdings nur zur Steuerung der Blende (sog. "Blendenautomatik"). Anfang der Fünziger entwickelten die Gebrüder Durst eine pneumatische Steuerung der Verschlusszeit, und patentierten damit eine "Zeitautomatik". Agfa lizensierte dieses Patent 1956 für die Agfa Automatic 66, konnte aber wegen des hohen Preises nur ca. 5000 Exemplare verkaufen. Durst selbst brauchte noch vier Jahre und brachte erst 1960 die Durst Automatica, eine halb-gare aber schicke Kleinbildkamera. Aber schon 1959 kam dann Bewegung in den Markt. Innerhalb dieses einen Jahres  erschienen neben der Optima die Braun Paxette ElectromaticKodak Automatic 35Bell & Howell Electric Eye 127, Kodak Brownie Starmatic und die Revere Eye-Matic EE 127. Die letzten drei waren eher einfache Boxkameras für den 127er Rollfilm und alle hatten lediglich eine Blendenautomatik an Bord und meist nur eine Verschlusszeit. Alle, außer der Agfa Optima natürlich, die als erste eine echte Vollautomatik lieferte. 
Agfa hatte sehr viel Erfolg am Markt damit und baute entsprechend schnell seine Optima Modellpalette weiter aus. Innerhalb von ca. 4 Jahren wurden 1 Million Optima Kameras verkauft, vom ersten Modell erkennbar an der magischen Taste links vom Objektiv alleine ca. 500,000, bis es ab ca. 1961 von seinen verbesserten und z.T. billigeren Nachfolgern abgelöst wurde (siehe Links unten). Doch auch der technische Fortschritt damals war gewaltig und CdS-Belichtungsmesser lösten langsam die Selenzellen ab, die wohl erste KB-Kamera mit einer CdS und damit batteriebetriebenen Automatik war schon 1963 die Konica Auto S, aber das wird vielleicht eine andere Geschichte...

Nachtrag: Inzwischen (2020 ff) habe ich mich ausgiebiger mit vollautomatischer Belichtungssteuerung und diesem "Trap-Needle"-Prinzip beschäftigt, siehe mein anderer Beitrag zur Fujica S2. Die wohl am weitestgehende Auslegung des Prinzips hat die Wirgin Edixa Electronica implementiert und ist damit über das Ziel hinausgeschossen und am eigenen Anspruch gescheitert. Die ganze Geschichte der Belichtungsautomatik in 16 Beispielen habe ich inzwischen auch hier gepostet.

Datenblatt Erste KB-Sucherkamera mit vollautomatischer Belichtungssteuerung
Objektiv Agfa Color Apotar S (39 mm f/3.9, Triplet, vergütet).
Verschluss Compur Zentralverschluss 1/30-1/250 s, elektrisch gesteuert ("A"). Manuelle Zeiten 1/30 s (Blitz) und B.
Belichtungsmessung Selenzelle mit vollautomatischer Belichtungssteuerung unter Bevorzugung kurzer Verschlusszeiten. Filmempfindlichkeit einstellbar von 10-250 ASA (11-25 DIN).
Fokussierung Manuell am Objektiv mit drei einfachen Entfernungssymbolen. Naheinstellgrenze ca. 1,50 m.
Sucher Optischer Durchsichtsucher mit Bildauschnittmarken und Ampelindikator (rot, grün) für Belichtungsmesser.
Blitz Anschluss über Blitzbuchse, Synchronzeit 1/30 s, manuelle Blendenwahl 3.9 - 22 nach Entfernungstabelle.
Filmtransport Schnellspannhebel, Bildzählwerk (rückwärtszählend, muss manuell initialisiert werden).
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Zubehörschuh, Merkscheibe für Filmart, Filtergewinde 35,5 mm
Maße, Gewicht ca. 135x92x59 mm, 725 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1959-1961, ca. 500,000 Exemplare, diese #AU3438 von 1960.
Kaufpreis, Wert heute 238 DM (1959), ca. 30 €.
Links Classic Cameras "The 1959 auto-exposure class"UKCamera, Wikipedia, Bedienungsanleitung (english, deutsch s.u.), Camera-wiki, Lippisches Kameramuseum, kamerasammlung.ch

Klicken, um das PDF der Anleitung zu öffnen...

2017-02-19

Agfa Optima Reflex


Agfa Optima Reflex heißt meine neueste Erwerbung für die Sammlung. Es handelt sich um eine der seltenen zweiäugigen Spiegelreflexkameras für den Kleinbildfilm (35 mm TLR = "twin lens reflex"). Sie war nicht die erste ihrer Art, das ist die berühmte Contaflex von 1935, und auch nicht die letzte. Glaubt man einem umfassenden Vergleich, so ist sie aber diejenige mit dem höchsten Nutzwert oder Fotografierspaß unter diesen. Die Kamera basiert auf der Flexilette, die wiederum einige Elemente mit Agfa's Silette Serie gemeinsam hat. 1959 landete Agfa einen Coup mit der neuen Optima, die erste Sucherkamera mit einer Belichtungsvollautomatik (später "Programmautomatik" genannt). Man erkennt es schon am Namen: Die Optima Reflex hat natürlich diese Automatik an Bord und das macht sie 1961 meines Wissens zur ersten Spiegelreflex mit Programmautomatik. 
Trotz des hohen Preises von fast 400 DM war sie dennoch nichts für den anspruchsvollen Amateur. Weder ließ sich die Verschlusszeit einstellen noch Objektive wechseln. Dafür war sie konsequent auf einfaches Fotografieren ausgelegt. 

Und das geht so: Kamera vors Auge und der Blick durch den sehr hellen und großen Spiegelreflexsucher. In der Mitte hilft ein diagonaler Schnittbildentfernungsmesser beim Scharfstellen. Links im Sucher zeigt ein rotes Fähnchen an, dass der Verschluss gespannt ist. Drückt man dann den Auslöser halb herunter wird die Automatik aktiviert, die Selenzelle misst Helligkeit, stellt zunächst den Verschluss auf eine passenden Verschlusszeit bei Offenblende (2.8), ist es bei 1/250 s dann immer noch zu hell wird die Blende weiter geschlossen. Ist das erfolgreich, wird das Ampelfähnchen im Sucher grün und man kann den Auslöser ganz runterdrücken um die Aufnahme zu machen. Danach wird das Fähnchen schwarz, einfach um anzuzeigen, dass der Verschluss neu gespannt werden muss.
Ist es zu dunkel, bleibt das Fähnchen rot und man hat zwei Möglichkeiten: a) Blitz benutzen, dazu dreht man den Blendenring von "A" nach rechts auf eine der gelb unterlegten Blendenzahlen, die einem Entfernung und die Blitzleitzahl vorgeben. Die Kamera stellt dabei die Verschlusszeit auf 1/30 s. Oder b) Kamera auf's Stativ und Blendenring nach links auf die schwarzen Blendenzahlen drehen. Der Verschluss ist dann auf B gestellt. Zugegeben: damit ist sie nichts für Dämmerungs- oder Innenaufnahmen, da fehlen dann die "langen Zeiten" zwischen 1s und 1/15 s. 

Mit dem 1961-Preisschild von 398 DM (in 2016-Wert: ca. 900€) und dem sehr klobigen Gehäuse hat Agfa aber wohl Anfang der 1960er nur eine kleine Zielgruppe erreicht. Der anspruchsvolle Amateur griff eher zur SLR mit Wechselobjektiven, die anderen zu eher simplen aber preiswerteren Sucherkameras. Man liest daher oft, dass diese Kamera selten ist, allerdings gibt es keinerlei Zahlen. Ich traue mich hier mal an eine Schätzung: Es werden wohl ca. 15,000 bis 20,000, maximal 25,000 Exemplare sein. Für diese Schätzung habe ich Seriennummern "gesammelt", die meisten auf abgeschlossenene e-bay Auktionen. Diese Seriennummern bestehen aus zwei Buchstaben und einer vierstelligen Zahl. In allen 9 Fällen war die Buchstabenkombination entweder "ZU", "ZV" oder "ZW". Für "ZU" habe ich allerdings auch andere Agfa-Kameras gefunden. Damit habe ich mal meine Analyse versucht und komme auf die obige Größenordnung. Basierend auf der geringen Produktionsmenge möchte ich auch McKeown's Angabe anzweifeln, dass die Kamera bis 1966 produziert wurde. Ich postuliere mal 1961-1963/64, Resteverkauf vielleicht bis 1966. Wer hier verlässliche andere Quellen hat, bitte melden...
Ich habe meine auf e-bay gefunden und war wieder mal fasziniert als ich sie dann gestern erstmalig in der Hand hatte. Der erste Eindruck: Was für ein Klotz! Eine richtig massive Kamera und dann noch groß, insbesondere hoch. Dann der Blick durch den Sucher und ein Wow-Effekt. Sowas erwartet man nicht von einer 60er Jahre Kamera, richtig groß und hell und das sogar nur bei 2.8! Ein ähnlichen Wow-Effekt hatte bei meinen SLR's eigentlich nur die Olympus OM-1. Und dann Überraschung Nr. 3, die sich erst allmählich einstellte: Die Selenzelle und damit auch die Automatik scheinen noch zu funktionieren! Beweisen konnte ich das natürlich (noch) nicht, aber die 5 Blendenlamellen stellen sich je nach Lichtsituation unterschiedlich. Mal sehen, ob ich irgendwann mal einen Film riskiere. Für alle, die noch mehr wissen wollen, unten sind wie üblich weitere interessante Links (auch über die anderen 35 mm TLR's)...

Datenblatt Zweiäugige Spiegelreflex (TLR) für Kleinbildfilm
Objektiv 2 x Agfa Color Apotar 45mm f/2.8 (Triplet, vergütet). Nicht auswechselbar. Blendenwerte 2.8 - 22 in ganzen Stufen.
Verschluss Zentralverschluss 1/30-1/250 s, elektrisch gesteuert ("A"). Manuelle Zeiten 1/30 s (Blitz) und B.
Belichtungsmessung Selenzelle mit vollautomatischer Belichtungssteuerung unter Bevorzugung kurzer Verschlusszeiten. Filmempfindlichkeit einstellbar von 10-250 ASA (11-25 DIN).
Fokussierung Manuell am Objektiv. Naheinstellgrenze 1m. Einfache Entfernungssymbole oben, Unterseite Objektiv mit m und feet Skala. Scharfstellen per Reflexsucher mit Schnittbildhilfe.
Sucher Großer und heller Reflexsucher mit Schnittbildentfernungsmesser und Ampelindikator (rot, grün, schwarz) für Belichtungsmesser.
Blitz Anschluss über Blitzbuchse, Synchronzeit 1/30 s.
Filmtransport Schnellspannhebel auf der Kameraunterseite links, Bildzählwerk (rückwärtszählend, muss manuell initialisiert werden).
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Zubehörschuh.
Maße, Gewicht ca. 65x116x140 mm, 850 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1961-1963 (?), ca. 20000 Exemplare, diese #ZW5343 von 1963.
Kaufpreis, Wert heute 398 DM (1964), ca. 100 €.
Links John Marriage "History of the 35mm Twin Lens Reflex"Corso Polaris, Wikipedia, Bedienungsanleitung (italienisch), Camera-wiki, Lippisches Kameramuseum, Günter Posch, kamerasammlung.ch