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2025-02-16

Agfamatic 300 Sensor

Neulich habe ich an dieser Stelle ihre kleinere Schwester Agfamatic 200 "seziert", eine Einfachkamera mit Fixfokus-Objektiv und sehr begrenzter manueller Belichtungskontrolle. Die gesamte Agfamatic-Serie für den 126er Pak-Film umfasste mit der "50", der "100" noch zwei weitere Einfachstkameras mit noch weniger Einstellmöglichkeit und sogar nur einem einlinsigen Meniskus-Objektiv. Interessanterweise haben die Agfa-Ingenieure und die Designer von Schlagheck & Schultes mit der "300" noch eine fast vollwertige Kamera in das gleiche Plastikgehäuse mit dem schicken Aluminiumrahmen und dem orange-roten Sensor-Auslöser gefummelt. 

Der Sprung von der "200" zur "300" in der technischen Spezifikation ist enorm: Das dreilinsige Objektiv lässt sich fokussieren und die Belichtung wird nicht nur gemessen, sondern steuert automatisch die Verschlusszeit und das über den enormen Zeitenbereich von 30 s bis 1/300 s stufenlos. Angezeigt wird allerdings nirgendwo, welche Verschlusszeit gewählt wurde. Immerhin leuchtet eine kleine LED im Sucher, wenn Verwacklungsgefahr droht (>1/30s). Die beiden CdS-Fotowiderstände sind das auffallendste äußere Merkmal der "300" und gehören zu einer elektronischen Schaltung, die auch 2 Batterie-Knopfzellen benötigt und sich hinter der Frontabdeckung verbirgt.

Ich war natürlich neugierig und habe auch diese Kamera aufgeschraubt. Die verbaute Platine folgt wohl im Wesentlichen der Schaltung, die bei der Yashica Electro 35 erstmals erfolgreich eine Zeitautomatik implementiert hatte. Interessant ist, dass tatsächlich der relativ simple 2-Sektorenverschluss Parator mit wenig mechanischem Zusatzaufwand zum elektronisch gesteuerten Paratronic werden konnte. Auf meinem Bild sieht man deutlich den kleinen Elektromagneten und den grünen Kondensator als die beiden wesentlichen Teile des Hemmwerks.

Was mich allerdings sehr erstaunt hat, weil es sonst nirgendwo erwähnt wird: Eine Blende fehlt bei dieser Kamera, die gesamte Belichtungssteuerung wird alleine von der Zeitautomatik bei voller Blende f/8 übernommen. Damit ist ab ca. LW 14.5 Überbelichtung garantiert. Insbesondere für die Blitzfotografie wird üblicherweise eine Blende vorausgesetzt, was aber streng genommen nur für Elektronenblitze gilt. Bei den langsamer (aber dafür heller) ablaufenden Blitzbirnchen, die auch hier im Magicube verwendet werden, kann man die Belichtung auch per Verschlusszeit steuern. Ungewöhnlich, aber es geht.


Für Langzeitbelichtungen, die ja mit dem Verschluss bis zu 30 s möglich waren, gab es neben dem Stativgewinde (was auch alle anderen Agfamatic's hatten) konsequenterweise auch ein Gewinde für einen Drahtauslöser.  Die Kamera war mit 163 DM (1975) ungefähr 50% teurer als die automatik- und batterie-lose "200", und doppelt so teuer wie eine "100" mit dem Meniskus-Objektiv. Bessere Bilder als diese hat sie vermutlich speziell in besonderen Situationen gemacht. Allerdings bekam man ab ca. 220 DM auch bei Agfa schon echte Kleinbild-Kameras. In den 1970ern drängten die Japaner mit Macht auf den Europäischen Markt, mit günstigen, aber besser ausgestatteten Kameras wie der Konica C35. Dagegen hatte es diese spezielle (und damit relativ teure) Billigknipse besonders schwer, die Verkaufszahlen waren wohl nie besonders hoch.

Die Agfamatic Serie bekam 1978 von Agfa ein Upgrade spendiert, die "50" wurde zur "55C" und noch billiger (kein Aluminiumrahmen mehr), die "100" und "200" wurden zur "108" und "208" und hatten neben einem moderneren Gehäuse jetzt Flipflash statt Magicube. Nur die "300" blieb wie sie war im Programm, vermutlich gab es noch etliche schon produzierte Einheiten auf Lager, die noch abverkauft werden sollten. Die Kamera, die ihr bzgl. Spezifikation am nächsten kam, war übrigens die Pentacon Electra, quasi ihr Pendant auf der anderen Seite des damals die Welt trennenden eisernen Vorhangs. Neben ihr steht meine Agfamatic 300 jetzt im Regal.

Datenblatt Kompakte Sucherkamera für 126er Pak-Film mit Zeitautomatik
Objektiv Agfa Color-Agnar 44 mm f/8 (Cooke-Triplet, Plastik)
Verschluss Paratronic-Zweisektoren Verschluss hinter dem Objektiv, stufenlos elektronisch gesteuert von 30s bis 1/300 s. Kamera hat weder eine Einstellung für Filmempfindlichkeit noch eine Blende. 
Belichtungsmessung mit 2 CdS-Fotowiderständen.
Fokussierung Zonenfokus, drei Rastpunkte Unendlich, Gruppe, Portrait (1.20m).
Sucher optischer Newton-Durchsichtsucher, Leuchtrahmen. Verwacklungswarnung per roter LED.
Blitz Anschluss für X-Blitzwürfel (Magicubes), die beim Filmtransport gedreht werden. Entfernungsskala für Blitzfotografie unten am Objektiv.
Filmtransport Schnellschalthebel, Bildnummer auf Rückseitenpapier durch Fenster in der Rückwand.
sonst. Ausstattung Sensor-Auslöser, 1/4'' Stativgewinde, Gewinde für Drahtauslöser, Öse für Handschlaufe. 
Maße, Gewicht ca. 102 x 66 x 55 mm, 189 g
Batterie2 x PX625
Baujahr(e) 1971 - 1977, im Verkaufsprogramm von Agfa bis ca. 1982.
Kaufpreis, Wert heute 163 DM (1975, kleine Geschenkpackung, inkl. Film, Handschlaufe und einem Blitzwürfel). Heutiger Wert: ca. 20 €, unbenutzt in Geschenkverpackung: ca. 50€. 
Links Camera-Wiki, Museum Digital, Agfa-Museum ScholzCollection Appareils
Bei KniPPsen weiterlesen Geschichte der BelichtungsautomatikYashica Electro 35, Pentacon Electra, Agfamatic 200 auseinandergenommenKodak Instamatic 100, ...104, Instamatic SLR, Agfamatic Pocket 4000, Agfa Isoflash Rapid, 126er Kameras 

2022-09-12

Geschichte der Belichtungsautomatik in 16 Beispielen

Die wichtigste Automatisierung in der Kamerageschichte ist die Belichtungsautomatik, die ich hier anhand vieler Beispiele aus meiner Sammlung nachzeichnen möchte. Viele Details zu diesen Kameras und den jeweiligen technischen Automatik-Implementierung findet man in den früheren Beiträgen. Die kleinen Bilder hier sind mit den jeweiligen Artikeln verlinkt. Also munter klicken!

Zunächst ein paar Begriffe: Um automatisch eine zur aktuellen Beleuchtungssituation richtige Kameraeinstellung zu finden, gibt es drei Parameter bzw. Variablen zu beachten: Die Empfindlichkeit des Films (oder Sensors), die Belichtungszeit und die Blende. Erstere ist bei analogem Film nicht verstellbar, muss aber mit bedacht, bzw. der Kamera/Belichtungsmesser mitgeteilt werden. Die anderen beiden können dann nacheinander so bestimmt werden, dass entweder die passende Verschlusszeit zur frei gewählten Blende ermittelt wird (Zeitautomatik, auf Englisch: Aperture priority, Kürzel: A), oder die passende Blende zur voreingestellten Verschlusszeit (Blendenautomatik, auf Englisch: Shutter priority, Kürzel: S). Es gibt aber auch automatische Kameras, die nach einem fest eingebauten Programm jeweilige Blende/Zeit-Kombinationen, definiert über ihren Lichtwert ansteuern. So was nennt man Lichtwert-, Voll- oder Programmautomatik (Kürzel: P). Späte elektronische Kameras ließen auch variable Programme zu. 

Nun noch etwas Technik: Zentrale Aufgabe einer Belichtungsautomatik ist es das Signal des eingebauten Lichtsensors zu nutzen und damit Zeit und/oder Blende bzw. beides bzgl. der eingestellten Filmempfindlichkeit richtig zu wählen. Als Lichtsensor dienten zunächst Selenzellen, die selbst einen kleinen Strom erzeugen und daher ohne Batterie auskommen. Später wurden Fotowiderstände (meist aus Cadmiumsulfid, CdS) oder Fotodioden (z.B. Si) verwendet, die beide eine Batterie zum Betrieb brauchen. 

Jetzt gab es für die Erfinder der automatischen Belichtungseinstellung ein zentrales Problem zu lösen: Die elektrischen Strömchen des Lichtsensors reichten geradeso aus, die Nadel am Drehspulinstrument zu bewegen, keinesfalls aber um Blende oder Zeit an der Kamera ohne das Zutun des Fotografen zu verstellen. Dazu wurden drei grundsätzliche Lösungen gefunden:

1) Das Trap-Needle Prinzip: Die Nadel des Belichtungsmessers darf sich zunächst frei bewegen. Beim Druck auf den Auslöser wird sie aber in ihrer jeweiligen Position durch eine speziellen Mechanismus eingeklemmt. Die sogenannte Steuerkurve (orange im Bild rechts) bestimmt, wie weit bestimmte Bewegungen innerhalb der Kameramechanik gehen dürfen. Damit lässt sich dann entweder durch die Fingerkraft des Fotografen auf dem Auslöser oder einen vorgespannten Federmechanismus die Blende und/oder Zeit so verstellen, dass es zum Zeigerausschlag passt. Das war nicht nur die erste Lösung, die gefunden wurde, sondern auch die in den meisten Kameras eingesetzte (bis hinein in die 1980er!). Meistens wurden Blendenautomatiken damit realisiert, aber auch Vollautomatiken bei oft einfachen Sucherkameras. 

2) Die Luft-Pneumatik: Wohl inspiriert vom alten Deckel‘schen Compound-Verschluss, der einen Luft gefüllten Zylinder als Hemmwerk verwendet hat. Diesmal wird statt der Nadel eine sehr dünne Plastikscheibe vom Drehspulinstrument bewegt. Diese verdeckt mehr oder weniger die Öffnung eines per Feder vorgespannten Luftzylinders. Nach dem Auslösen strömt die Luft proportional zur Öffnung schnell in den Zylinder und steuert damit die Zeit, die der Verschluss offen bleibt. Wurde zur Realisierung der ersten Zeitautomaten genutzt, war aber verglichen mit (1) nicht besonders akkurat und auch nicht erfolgreich.
3) Elektronik: Ab Mitte der 60er Jahren waren endlich Transistoren und andere elektronische Bauteile verfügbar, mit denen man ein elektronisches Hemmwerk für die Zeitsteuerung des Verschlusses bauen konnte. Die Geschwindigkeit der Auf- oder Entladung eines Kondensators hing am eingestellten Widerstand im Stromkreis, fast genauso wie die Größe des Lochs im Zylinder das Aus- oder Einströmen der Luft bestimmt. Ersetzt man nun den festen Widerstand durch einen Fotowiderstand, hat man den elektronischen Zeitautomaten zusammen.   Einziger Nachteil zur Trap-Needle Variante: während die eingeklemmte Nadel den Beleuchtungszustand bei der Auslösung festhielt, fehlte es der einfachen Elektronik anfangs an einem Messwertspeicher. Das verhinderte zunächst SLR-Zeitautomaten mit TTL-Messung, da es beim Auslösen auf dem CdS-Widerstand erst mal dunkel wurde. Erst komplexere elektronische Elemente in Form integrierter Schaltkreise erlaubten ab 1971 den Siegeszug der Automatisierung über Elektronik. 

Auf die eher noch als analog zu bezeichnen Elektronik aus den 60er und frühen 70er Jahren setzte fast nahtlos die Digitalisierung auf. Viele vorher mechanische Elemente wurden durch elektronische ersetzt, z.B. die Nadelanzeigen oder Suchereinspiegelungen durch LED oder gar LCD Displays. Oder das ehemalige Uhrwerk eines Selbstauslösers durch eine elektronische Variante mit immer schneller blinkender LED. Kamerakonstruktionen wurden dadurch modular und viel flexibler, da man Kabel eben einfacher ver- und umlegen kann als mechanische Verbindungen wie Zahnräder oder Seilzüge. Am Ende zogen echte Computer in die Kameras ein und die komplexe Beleuchtungssituation wurde mit gespeicherten Daten verglichen, um die richtige Belichtungzeit und Blende noch genauer zu bestimmen. 

1938 - Kodak Super Six-20

Sie war tatsächlich schon 1938 die erste Kamera überhaupt mit einer Belichtungsautomatik („Electric Eye“) und teilte mit vielen anderen bahnbrechenden Innovationen ein Schicksal: Es gab ein Basispatent, was es zwanzig Jahre lang allen anderen Herstellern verbot, das Trap-Needle Prinzip für eine Blendenautomatik zu nutzen. Damit fehlte der weitere Innovation fördernde und den Marktpreis senkende Wettbewerb. Viel gravierendere Gründe für ihren sehr geringen Markterfolg aber waren zwei Dinge: Sie war mit 225 US$ sehr teuer, dafür bekam man 1938 in den USA einen halben Kleinwagen. Außerdem war sie wohl nicht sehr verlässlich und oft defekt. Daher wurden nur 719 Exemplare je produziert und verkauft. Eine solche für die Sammlung zu bekommen ist nahezu unmöglich, aber man kann sie sich im Museum anschauen, z.b. hier.

1956 - Agfa Automatic 66 und 1960 - Durst Automatica 

Die zweite Automatikkamera basierte nicht auf Kodak‘s Trap-needle Prinzip sondern auf der Erfindung von Julius Durst und war ein Zeitautomat nach dem Luft-Pneumatik Prinzip.  Durst hatte wohl zunächst nicht die finanziellen und technischen Möglichkeiten, seine Erfindung selbst umzusetzen und lizensierte das Ding an Agfa, Europas größtem Kamerahersteller. Die Agfa Automatic 66 kam 1956 auf den Markt und teilte in manchen Aspekten ein ähnliches Schicksal wie die Super Six-20. Auch sie war mit 498 DM sehr teuer und fand wohl weniger als 5000 Abnehmer. Die Kunden wollten inzwischen Kleinbild und keine überteuerte Rollfilm-Faltbalgenkamera mehr, die an alte Zeiten erinnerte.  
Eine solche brachte die Firma Durst dann endlich 1960 mit dem selben Prinzip. Sie ist ganz schick, aber leider nicht ganz zu Ende gedacht (es fehlte die korrekte Implementierung der Filmempfindlichkeits-Einstellung). Mit über 10.000 Exemplaren ist sie aber im Gegensatz zur Agfa für Sammler heute erschwinglich. Auch ich habe ein Exemplar, mehr Info's zur Kamera und zur Luft-Pneumatik siehe dort.

1959 - das Jahr der automatischen Einfachkameras

1959 kam Bewegung in die Szene, vermutlich waren Selenzellen endlich zu einem vernünftigen Preis und in ausreichender Anzahl verfügbar. Die genaue zeitliche Abfolge des Erscheinens kann heute nicht mehr rekonstruiert werden, aber innerhalb dieses Jahres gab es plötzlich einige einigermaßen erschwingliche Kameras mit dem "Electric Eye" zu kaufen, die meisten ansonsten relativ einfach gehalten, was z.B. Objektiv oder Verschluss anging. Sie alle steuerten die Blende mit der Selenzelle. Diese waren: Braun Paxette Electromatic,  Kodak Automatic 35,  Bell & Howell Electric Eye 127Kodak Brownie Starmatic und die Revere Eye-Matic EE 127

1959 - Agfa Optima 

Der Star aber dieser "Klasse von 1959" war die Agfa Optima. Auch sie war eine Volks- und keine Eliten-Kamera und hatte als erste eine Vollautomatik an Bord. Der Druck auf die "Magische Taste" klemmte die Nadel ein und steuerte damit Verschlusszeit und Blende (in dieser Reihenfolge). Mehr Details in meinem Beitrag. Sie war mit ca. 500.000 Exemplaren selbst super erfolgreich und begründete eine ganze Serie von Agfa-Optima Nachfolgern. Eine davon war (1961) die Agfa Optima Reflex, eine zweiäugige Spiegelreflex, die erste mit Belichtungsautomatik, versteht sich. Natürlich inspirierte der Optima Erfolg auch die Konkurrenz, das Kodak'sche Trap-Needle Patent war ja gerade ausgelaufen. 

1960 - Royer Savoyflex

Sie wird gerne übersehen, weil sie die einzig signifikante französische SLR war und auch nur in Frankreich nennenswerte Verbreitung fand. Aber sie ist tatsächlich die weltweit erste SLR mit einer Belichtungsautomatik (Trap-Needle Blendenautomatik, natürlich). Sie hat ein fest eingebautes Objektiv und eine simple Implementierung der Filmempfindlichkeits-Einstellung per Plastik-Steckblende vor der Selenzelle, die ihr ein charakteristisches Aussehen verleiht.

1961- Voigtländer Ultramatic

Auch sie wird öfters übersehen, wenn es um die erste SLR mit Wechselobjektiven (DKL-Bajonett) und Blendenautomatik geht. Im Gegensatz zu den anderen DKL-Spiegelreflexen hatte sie sogar einen Rückschwingspiegel. Ab 1965 gab es ihre direkte Nachfolgering Ultramatic CS mit CdS-Fotowiderstand und TTL-Messung (allerdings nach der Tocon Uni, s.u.)

1962 - Wirgin Edixa Electronica

Ebenfalls eine deutsche DKL-SLR und ein teurer Designflopp, der am Ende die Firma Wirgin mit in die Pleite zog. Heinz Waaske entwicklete nicht mehr und nicht weniger als die erste SLR-Vollautomatik mit Wechselobjektiven, realisiert als Trap-Needle-Kontstruktion mit elektromotorischer Verstellung des Lichtwertes.  
1963 - Seikosha SLV-Automaten aus Japan 

Aus Japan kommen ab 1963 einige SLR auf den Markt. Mit fest eingebauten Objektiven und Trap-Needle Belichtungssteuerung rund um den Seikosha SLV Zentralverschluss waren sie einfach zu bedienende Spiegelreflexe und keine technische Meilensteine mehr. Sie holten (wie die Agfa Optima) die Belichtungsautomatik aus der Hochpreisecke. Hier die ggf. unvollständige Liste: Minolta ER, Fujicarex, Nikkorex auto 35, Ricoh 35 Flex, Mamiya Auto-Lux 35
1964 - Topcon Uni 

Ebenfalls eine Zentralverschlusskamera, aber mit Wechselobjektiven und der damals brandheißen TTL-Messung. Mit dieser Kombination und natürlich einer Trap-Needle Blendenautomatik war sie die weltweit erste ihrer Art und wirkt heute noch recht modern. Schon im Jahr darauf wirkten die Selenzellen-Wabenfenster wie von gestern. Leider hatte Topcon nicht den Erfolg am Markt, den sie mit ihren Innovationen bis dahin verdient hätten. 

1965 - Konica Auto-Reflex

Die Konica Auto-Reflex wird oft als die erste SLR mit Belichtungsautomatik genannt, aber das stimmt natürlich nicht, siehe oben. Aber sie war die erste "moderne" SLR mit diesem Feature, sprich: sie hatte einen Schlitzverschluss und Wechselobjektive mit modernem Bajonett. Ansonsten war alles beim alten: eine Trap-Needle Blendenautomatik, allerdings konsequent zu Ende gedacht und  implementiert. Lediglich der CdS-Sensor war zwar eingebaut, aber nicht TTL, das kam erst 1968 mit der nächsten Generation Autoreflex T. 

1965 - Yashica Electro half und 1966 - Yashica Electro 35

Yashica kann man als den Elektronik-Pionier im Kamerabau bezeichnen. Zunächst kam 1965 in kleiner Serie eine Halbformatkamera als erste Zeitautomatik mit elektronischem Hemmwerk. Richtig zum Durchbruch gelangte die Technik aber ab 1966 mit der super erfolgreichen Electro 35-Serie, die über 5 Millionen mal gebaut und verkauft wurde. Der CdS-Sensor maß das Licht extern während der Belichtung und konnte Verschlusszeiten bis zu ca. 30 Sekunden stufenlos steuern.

1971 - Pentax ES

Die erste Zeitautomatik-SLR ließ noch lange fünf Jahre auf sich warten und hieß Pentax ES. Das lag an einem erst spät gelösten technischen Problem. Während man bei der Trap-Needle Blendenautomatik mit dem Einklemmen der Messnadel den Belichtungswert fixierte und für den weiteren Verschlussablauf merkte, gab es sowas bei der zunächst archaischen Elektronik nicht. Das war aber wegen des zwischenzeitlich sich verdunkelnden Sucherbildes nötig. Die Asahi Pentax Elektroniker waren die ersten, die es lösten, viele andere SLR Hersteller folgten aber schnell. Mitte der 1970er gab es mehr Zeit- als Blendenautomatik SLR-Modelle und für die nächsten fast 30 Jahre ein fast religiös anmutendes Automatik-Schisma

1976 - Canon AE-1

Die Elektronik entwickelte sich rasant und erlaubte es bald, viele bisher mechanische Komponenten im Kamerabau durch entsprechende elektronische zu ersetzen. Die Canon AE-1 war 1976 die erste, die dies sehr erfolgreich umsetzte. Genau: Sie war die erste Blendenautomatik, die NICHT auf dem Trap-Needle Prinzip beruhte. Dem Fotografen war das egal, er schaute im Sucher auf keine Nadel mehr, sondern ihn blinkten LED's an. 
1977 - Minolta XD7

Mit modularer Elektronik sind die Entwicklungszyklen kürzer als mit komplexer Mechanik. So ging es am Ende der 1970er Schlag-auf-Schlag. Schon 1977 brachte Minolta mit der XD7 die erste SLR die beide Automatikvarianten beherrschte. Heimlich, am jeweiligen Bereichsende, konnte sie sogar vollautomatisch die Belichtung steuern, hat aber mit Blick auf die Zielgruppe des ambitionierten Amateurs darauf verzichtet, einen Programmautomatik-Modus anzubieten. 

1978 - Canon A-1

Schon 1978 kam der Gegenschlag von Canon. Die A-1 hatte frei wählbar fünf Automatik-Modi, neben Blenden- und Zeitautomatik waren das die nun auch so genannte Programmautomatik, die manuelle Einstellung sowie eine Zeitautomatik bei Arbeitsblende. Viele nachfolgende Kameramodelle benutzen diese "PASM"-Wahlmodi bis in die heutige Digitalzeit.

1983 - Nikon FA

Damit schien auf dem Feld der Belichtungsautomatik zunächst einmal alles erfunden zu sein. Einiges habe ich hier bisher nicht erwähnt. Es gab natürlich auch noch die automatische Blitzsteuerung durch die Kameraelektronik, aber auch die Frage nach dem (TTL-)Messmodus (Spot- vs. mittenbetont). Da überraschte 1983 Nikon die SLR-Welt mit der sog. Matrix- oder Mehrfeldmessung. Hierbei erkennt die Kamera quasi automatisch knifflige Beleuchtungssituationen (durch Vergleich der Lichtverteilung im Sucherbild mit einer internen Datenbank) und ermittelt daraus die richtige Zeit/Blenden-Kombination.  

Damit ist die Geschichte der Belichtungsautomatik tatsächlich abgeschlossen. Die Kameragenerationen danach brachten mit dem Autofokus die andere wichtige Automatik. Bei den heutigen Digitalkameras ist natürlich kein extra Belichtungsmesser mehr eingebaut, das Signal kommt vom Bildsensor selbst, aber die damals entwickelten Logiken gibt es immer noch: Die meisten Kameras heute bieten die Wahl zwischen Zeit- Blenden- oder Programmautomatik, aber auch mittenbetonter, Spot- oder Mehrfeld-Messung. Drehspulelemente oder eingeklemmte Messnadeln gibt es natürlich nicht mehr und manchmal ist auch heute noch der Fotograf die bessere Automatik. 

2021-01-17

Pentacon Electra

Eher zufällig bin ich vor zwei Wochen über sie im Netz "gestolpert". Irgendwie konnte ich mich erinnern,  schon mal von ihr gelesen zu haben. Ich habe also nachgeschlagen und war danach noch mehr verwirrt. Es handelt sich um einen frühen Zeitautomaten mit CdS-Zelle, "made in DDR". Und dann stand da auf (fast) allen Seiten, dass sie von 1960 (!) bis ca. 1969 gebaut wurde. 
Blick von hinten ins Innere der Kamera
auf Verschluss und Elektronik
Das ist falsch, da war ich mir sehr sicher, habe aber doch etwas gebraucht, um die Puzzlesteine zum Beweis zusammenzubekommen. Außerdem musste ich mir natürlich eine dieser Pentacon Electras besorgen und habe ein besonders schönes, noch funktionierendes Exemplar im Originalkarton für wenig Geld ergattert. Was will ich mehr. Hier ist also die ganze Geschichte mit Bildern...

Da ist zunächst mal alleine der Name der Kamera. Sie ist ein originales Gewächs des VEB Pentacon und heißt auch so. Pentacon als Firmenname gibt es aber erst seit 1964, davor hieß man 'VEB Kamera und Kinowerke' und Pentacon war lediglich der Name des Contax-SLR Exportmodells. Ähnliches gilt auch für ORWO und die SL-Patrone ('Schnelladekassette'), auch dies wird im Prospekt zur Kamera so erwähnt, aber erst frühestens ab 1964 so vermarktet. 

Aber für mich das Entscheidende ist die Technik: CdS-Fotowiderstände mit entsprechender elektronischer Logik wird für Belichtungsmesser erst ab 1961 in kommerziellen Produkten verwendet. Der erste Belichtungsmesser damit war der berühmte Lunasix von Gossen (1961), 1962 kamen dann schon erste Kameras: Minolta SR-7, Nikon F "Photomic" oder Yashica Lynx-5000, alle noch mit einem externen "Beli-Auge". Während die einen schnell in Richtung TTL dachten (Pentax Spotmatic, Topcon RE Super), war es Yashica, die als erste mit CdS-Zelle und Elektronik einen Verschluss steuern konnten und so die Zeitautomatik auf den Markt brachten. Der Durchbruch dazu kam 1966 in Form der Yashica Electro 35

Mein Exemplar kam im Originalkarton und
mit Rechnung und Anleitung. 
Aber nicht nur in Japan, sondern auch in der alten Kamerametropole Dresden werkelte man Mitte der 1960er an Elektronik. Das zentrale Patent DD44166 wurde schon 1964 angemeldet und ist mir seit meiner Beschäftigung mit der Praktica PL electronic bekannt. Genau, damals hatte ich auch zum ersten Mal  hier über die Pentacon Electra gelesen. Die SLR erhielt "nur" den stufenlosen elektronischen Verschluss, vermutlich weil ein externer CdS-Meter in TTL-Zeiten fast wie ein Rückschritt aussah. Dafür bekam dann die moderne Plastik-Volkskamera Electra die Zeitautomatik spendiert. Die Praktica PL electronic kam 1968 auf den Markt, für die Electra gibt McKweon's in seiner letzten Ausgabe 1967 an. Ich schließe mich hier an. 

Man könnte noch ein paar weitere Argumente für die späten 60er Jahre anführen, z.B. Material und quadratisch-praktisches Design der Plastikkamera. Die dafür notwendige Spritzgusstechnologie hat sich auch erst im Laufe der 1960er Jahre durchgesetzt. Vielleicht wurde die Electra ja auch mit ihrer Vorgängerin Prakti verwechselt, die tatsächlich 1960 vorgestellt wurde, aber noch zeitgemäße Selenzellen-Technologie und ein Metallgehäuse verwendet hat.  

Mein Exemplar ist sehr gut erhalten. Ich habe es natürlich sofort aufgeschraubt, untersucht und gereinigt. Zu meinem Entzücken funktioniert alles (nach Reinigung von etwas eingerosteten elektrischen Kontakten). Mit neuen Batterien (der gewöhnliche AA-Typ!) steuert die Automatik immer noch den Verschluss, und das hinunter bis zu mehreren Sekunden! Leider ist dieser nicht der schnellste, bei 1/125 s ist nach oben hin Schluss. Auch die kleinste Blende ist "nur" 13.5, so dass sich ein maximaler EV von 10 ergibt. Das reicht selbst bei niedrig empfindlichen Filmen nicht mehr für Strand- oder Schneeszenen, die dann vermutlich alle überbelichtet rauskommen. Das ist vielleicht ihre größte Schwäche. Falls doch mal die Batterien ausfallen (oder es gerade im Sozialismus keine zu kaufen gab), löst der Verschluss immerhin mit 1/125 s aus. Das ist mit den vier Blendenstufen für außen noch praktikabel, außerdem kann damit auch geblitzt werden.
Mechanische Blende vor dem CdS-Element

Noch ein Wort zur Elektronik: Ähnlich wie bei der Yashica Electro 35 wird auch bei der Electra das CdS-Element von einer analogen Blende beschattet, bei der Yashica zur Simulation der Filmempfindlichkeit, bei der Pentacon ist es die eigestellte Blende. Für das jeweils andere werden elektrische Widerstände bemüht, beides elektronisch zu regeln funktionierte damals wohl noch nicht.

Die Electra bekam dann noch etwas Modellpflege. Die "Electra 2" hatte ein kleines "Verwackel"- Warnlämpchen im Sucher, das Verschlusszeiten unter 1/30 s anzeigte, ansonsten ist es aber dieselbe Kamera. Wann genau dieses zusätzliche Feature kam und auch wie lange diese Kameras insgesamt auf dem Markt waren, kann ich nicht sagen. Ich vermute fast bis hinein in die frühen 1980er Jahre, solange noch SL-Kassetten verfügbar waren. Wenn jemand dazu was weiß, bitte melden!

Datenblatt Kleinbildsucherkamera 24x36 mm für SL-Film mit Zeitautomatik
Objektiv Meyer Domiplan 45 mm f/2.8 (3 Linsen, vergütet), fast kreisrunde Blende mit 12 Lamellen, kleinste Blende 13.5
Verschluss elektro-magnetisch gesteuerter "Priomat" Zentralverschluss hinter dem Objektiv, stufenlos und ausschließlich automatisch gesteuerte Zeiten von mehreren Sekunden (getestet, offiziell 1/2 s) bis 1/125s. Ohne Batterie: 1/125s
Belichtungsmessung mit CdS-Photowiderstand über dem Objektiv, Einstellung von Filmempfindlichkeit von 50 oder 100 ASA per Schalter. Belichtungsmesser steuert Verschluss direkt nach Vorwahl der Blende mittels Wettersymbolen.
Fokussierung am Objektiv (1 m bis unendlich), keine Scharfstellhilfe. Symbole für Landschaft, Gruppenaufnahme und Portrait. 
Sucher einfacher optischer Durchsichtsucher.
Blitz Anschluss über Mittenkontakt, Umschalter für Elektronenblitz (1/125s) oder Blitzbirnen (1/30s).
Filmtransport SL-Patrone, einfaches Drehrad für Vorschub, Zählwerk (rückwärts von 12 bis 1)
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Drahtauslöseranschluss, optionale Bereitschaftstasche aus Kunstleder (14 Mark)
Maße, Gewicht 126 x 77 x 67 mm, 275 g (mit Batterien und Film: 345g)
Batterie 3V, 2x AA (Original DDR: "Heizelemente R6, EAaT")
Baujahr(e) ab 1967 bis ca. 1980 (?)
Kaufpreis, Wert heute 195 Mark (1972, offizielle Preisliste), ca. 10-30 € je nach Zustand.
Links Bedienungsanleitung, Prospekt (1970)IfM-Wolfen, Camera-Wiki, SL-System, Lippisches Kameramuseumfotoapparate-meier.de


2020-08-30

Canon A-1

Auch wenn es mir als ehemaliger Nikonianer schwer fällt zuzugeben: Die Canon A-1 war bei ihrem Marktauftritt im Jahr 1978 der Konkurrenz weit voraus und hat es geschafft viele Dinge, die damals am Rande des technisch machbaren waren, in einem Gehäuse zu vereinen. Diese Kamera hatte so gut wie alles, was sich der ambitionierte Amateur wünschte und zielte genau auf diese Käufergruppe (für die Profis gab es "die F"). Canon hatte Innovation aber nicht nur in die Kamera selbst, sondern auch in ihre Fertigungstechniken gesteckt und so konnte man das Ding zu einem Preis anbieten, den die Konkurrenz für viel schlechter ausgestattete Kameras verlangte. Der Preis stimmte nachweislich: Die A-1 verkaufte sich wie schon ihre etwas früher erschienene Schwester AE-1 wie "geschnitten Brot", insgesamt fast 2,5 Millionen mal. Sie ist damit unbestritten eine der wichtigsten Kameras der SLR-Geschichte, natürlich auch technologisch betrachtet.  

Laut Anleitung ein "von Skalen und Zeigern völlig ungestörtes
 Sucherbild". Ich persönlichfinde die Digitalanzeige zwar
informativ, vermisse aber Richtungszeiger für Über- bzw. 
Unterbelichtung. Für P-Modus OK, bei M unbrauchbar! 
Auch Canon war bewusst, welche innovative Leistung sie da 1978 abgeliefert haben. So findet sich in der Einleitung der Bedienungsanleitung sehr selbstbewusst 5 mal der Begriff „erste Kamera“. Allerdings beziehen sich die ersten vier davon auf die tatsächlich in dieser Form in einer Kamera neuartige Elektronik (eher innere Werte), erst Nr. 5 nennt auch das für die Fotografen greifbare Neue: 5 Automatikmodi plus volle manuelle Kontrolle, wenn gewünscht. Und sie ist tatsächlich die erste SLR, die die gleichzeitige automatische Einstellung von Blende und Verschlusszeit „Programmautomatik“ (P) nennt. Die ein Jahr vor der A-1 erschienene Minolta XD-7 (und ihre größte Konkurrentin am Markt) hatte „nur“ eine versteckte Programmautomatik an den jeweiligen Bereichsenden von Zeit- oder Blendenautomatik. Die A-1 kann genau das übrigens auch, und für mich ist das für den ambitionierten Amateur völlig ausreichend. Mit ihrem Preis/Leistungsverhältnis sprach die Canon allerdings auch ein paar SLR Anfänger an und die werden den P-Modus wohl häufig genutzt haben. Die allererste SLR mit Wechselobjektiven und „elektr(on)ischer“ Vollautomatik war die wenig bekannte Wirgin Edixa electronica von 1962, allerdings mit einer teuren und umständlichen Technik, die fast niemanden vom Hocker riss. 
Schaltzentrale mit jeweils teilverdecktem zentralen Einstell-
rad. Interessanterweise wird auch bei Zeitautomatik (Av) hier
die Blende eingestellt, was recht fummelig und nicht sehr ergonomisch
ist. Gut gelöst ist die Kombi aus Hauptschalter und Selbstauslöser.

Die Canon A-1 faszinierte und polarisierte die Fotoszene mit einer in dieser Fülle selten gesehenen Vielfalt von Einstellmöglichkeiten, Hebeln, Knöpfen und Systemzubehör. Die fünf Automatikmodi waren nur die Spitze des Eisbergs. Sie hatte aber auch ein paar Schwächen, die ihre Kritiker aus den anderen Markenlagern gerne betonen: Da ist zuerst der altbackene horizontale Tuchschlitzverschluss, der nur 1/60s Synchronzeit schafft und ohne Batterie gar nicht funktioniert. Was mir persönlich besonders missfällt ist die fummelige und manchmal umständliche Bedienung außerhalb des P-Modus. Da sind ihre direkte Konkurrentin Minolta XD7 und viele spätere Automatikkameras deutlich ergonomischer. Ansonsten ist nicht viel Negatives zu sagen. Sogar die Kritik an ihrer kleinen Schwester AE-1 trifft nicht, es wäre zu viel Plastik im Spiel. Bei der A-1 ist trotz gleicher Gehäusedimension und vieler Gleichteile tatsächlich einiges (wieder) aus Metall, und sie wirkt (und ist) dadurch sehr robust. Auch heute noch findet man wohl viel mehr noch funktionierende A-1 Exemplare als von den zahlreicheren Schwestern AE-1 und AE-1 Programm. Das ist rückblickend keine Selbstverständlichkeit für eine Kamera der Elektronik-Generation!
  
Nach längerer Marktbeobachtung bei e-bay war ich erstaunt, wie gefragt die A-1 auch heute noch ist. Gut erhaltene und funktionierende Gehäuse wechseln so zwischen 40 und 80€ die Besitzer, für ein originales Canon Objektiv dazu muss man je nach Typ nochmal das selbe rechnen. Über mein relativ günstig ergattertes Exemplar bin ich sehr glücklich. Nach Einlegen einer neuen Batterie zeigte sich der komplette Funktionsumfang. Die Kamera war aus erster Hand, gut gepflegt und wohl immer nur mit diesem Objektiv bestückt gewesen, daher auch kaum Staub auf Spiegel oder Mattscheibe. Trotzdem sieht (und hört, s.u.) man der Kamera an, dass sie benutzt wurde. Nach Aussage der Erstbesitzerin aus Berlin für vielfältige Streifzüge nach Ostberlin nach dem Mauerfall 1989 und auch zur Verhüllung des Reichstags durch Christo und Jean Claude im Jahr 1995.
Fast alle heute ca. 40 Jahre alte Canon A-1 haben ein mehr oder weniger großes "Altersleiden", so auch mein Exemplar. Es wird in den entsprechenden Kreisen meist (Keuch-)Husten oder Astma genannt und klingt beim Auslösen der Kamera auch fast so. Michael Reichardt hat auf seiner Seite nicht nur Tonaufnahmen davon, sondern auch sehr schön beschrieben, wie einfach man das wieder mit einem Tröpfchen Öl beheben kann. So hab ich es auch gemacht.
Canon hat übrigens ihre A-Serie nach der A-1 weiter ausgebaut und abgerundet. Neben den älteren AE-1 (Blendenautomatik) und AT-1 (Nachführmessung), gab es später noch eine AV-1 (Zeitautomatik). Die AE-1 bekam mit der AE-1 Programm eine noch erfolgreichere Nachfolgerin und mit der letzten A-Serienkamera AL-1 deute Canon schonmal an, dass auch sie bereits an Autofokus forschten. Canon konnte alle diese Kameras kostengünstig mit fast identischem technischen Innenleben bauen, immerhin zusammen etwas mehr als 13 Millionen Exemplare zwischen 1976 und 1985. Damit haben sie Ende der 1970er Jahre erstmalig die Marktführerschaft im SLR Segment übernommen, aber diese Geschichte bereite ich vielleicht mal extra auf... 

Datenblatt high-end Amateur SLR mit PSAM Automatik-Set
Objektiv alle Objektive mit Canon FD (ab 1971) oder FDn (ab 1979) Bajonett, frühere FL-Objektive (ab 1964) können mit Einschränkunegn genutzt werden. Hier mit dem Standardzoom FD 35-70 f/4 (ab 1979).
Verschluss elektronisch gesteuerter, horizontaler Tuchschlitzverschluss 30s - 1/1000s, B, stufenlos bei Zeitautomatik. Keine mechanische Verschlusszeit, Kamera funktioniert ohne Batterie nicht.
Belichtungsmessung Si-Photodiode, TTL, mittenbetont, LW -2 bis 21, Empfindlichkeit 6-12.800 ASA (9-42 DIN).
Belichtungsautomatik erste Kamera mit den heute üblichen vier Modi "PSAM": Programmautomatik, Zeitautomatik ("Av"), Blendenautomatik ("Tv"), Manuelle Einstellung, Zeitautomatik bei Arbeitsblende. 
Fokussierung manuell am Objektiv, serienmäßige Einstellscheibe mit Mikorprismenring und Schnittbildindikator. Weitere Einstellscheiben erhältlich, Wechsel nur durch Kundendiesnt.
Sucher eingebauter Pentaprismensucher 0.83-fache Vergrößerung (50mm), zeigt ca. 94% des Bildes. 7-Segment-LED Anzeigen für Blende, Verschlusszeit, Blitzbereitschaft und andere Warnungen. 
Blitz Synchronzeit 1/60s, Anschluss über PC-Buchse oder Mittenkontakt im Zubehörschuh, Extrakontakte für Canon-Systemblitze: Blitzautomatik stellt automatisch Synchronzeit und Blende ein.
Filmtransport Schnellschalthebel, Rückspulkurbel, Bildzähler (vorwärts- und rückwärts zählend!), Anschluss für Winder (2 B/s) oder Motordrive (bis 5 B/s).
sonst. Ausstattung Okularverschluss und mögliche Abschaltung der LED-Anzeige gegen Fremdlichtfehler bei Stativaufnahmen, Messwertspeicher mit Taste, Abblendschieber, elektronischer Selbstauslöser (2 oder 10 s), Mehrfachbelichtungshebel, auswechselbare Rückwand für den Ansatz einer Datenrückwand, ¼ '' Stativgewinde, Anschluss für ISO-Drahtauslöser, Filmlaschenhalter
Maße, Gewicht ca. 141 x 92 x 48 mm, 620 g
Batterie 6V PX28 oder 4LR44, Batterietest-Taster.
Baujahr(e) 1978-1985, ca. 2,43 Millionen Exemplare, dieses #1296717 von März 1981 (Code V342F)
Kaufpreis, Wert heute 1098 DM (1980 mit 1.4/50), ca. 50-200 € je nach Zustand und Objektiv
Links Camera-WikiWikipedia (D), Wikipedia (E)Ken Rockwell 35-70, Canon Camera Museum, Bedienungsanleitung, Canon SLR production numbers

2020-06-07

Yashica Electro 35

Irgendwie habe ich sie bisher übersehen und jetzt während der Beschäftigung mit frühen Belichtungsautomatiken für mich entdeckt. Die Yashica Electro 35 ist ein Meilenstein im Kamerabau und die erste (und super erfolgreiche) Kleinbildkamera für 24x36, die 1966 die damals sehr moderne Transistor-Elektronik für einen elektronisch gesteuerten Verschluss kombiniert mit einer Zeitautomatik genutzt hat. Yashica hatte allerdings schon ein Jahr zuvor (1965) diesen Verschluss in ihrer sehr seltenen Halbformatkamera Electro Half vorgestellt. Mal sehen, ob ich eine solche mal irgendwann ergattern kann. Kein Wunder, dass Yashica auch bei den SLR zu den ersten gehörten, die echte Elektonik einbauten. Ihre TL-Electro X kam im selben Jahr auf den Markt wie die Praktica PL electronic (1968), die vermutlich ein paar Monate früher dran war. Während die Technik beim VEB Pentacon schnell wieder in der Schublade verschwand, legte Yashica erst richtig los und baute Millionen von Elektro(nik)-Kameras. Nun aber zur Technik:  
Dieser Schaltplan ist aus der exzellenten Reparaturanleitung. Die dicken Linien entsprechen in der Kamera verlegten Kabeln, der Rest der Schaltung ist auf einer kompakten Platine vereint hinter dem CdS-Element untergebracht. In der frühen Version der Kamera sind die Transistoren etc. in einem Epoxyblock eingegossen, der in späteren Versionen von einem IC-Element (integriertes Schaltung) ersetzt wurde. Zentrale Elemente habe ich mal farbig hervorgehoben: Komplexer Mehrfach-Schalter im Auslösergestänge (gelb), Elektromagnet für die Verschluss-Steuerung (grün), Kondensator C1 (rot), der sich abhängig vom gemessenen Licht (CdS-Widerstand, blau) schnell (hell) oder langsam (dunkel) auflädt, um dann bei voller Ladung, dem Magneten wieder den Saft zu entziehen, was den Verschluss schließt. Auf den Seiten 59-64 der Anleitung werden verschiedene Schaltzustände und Abläufe sehr schön erklärt.
Copal ELEC - mit gut sichtbarem Elektromagneten, der den
Verschluss solange aufläßt, wie ein Kondensator lädt, was
wiederum am vorhandenen Licht hängt... 
Zentrales Element der Kamera ist der Copal ELEC-Verschluss, der ein elektronisches Hemmwerk besitzt und seine Zeiten über die Ladegeschwindigkeit eines Kondensators steuert und schließlich per Elektromagnet im Verschluss selbst schaltet. Die Ladegeschwindigkeit hängt am elektrischen Widerstand, den man bevorzugt durch einen CdS-Photowiderstand realisiert. Wenn man dann noch die Blende über in Reihe geschaltete zusätzliche Widerstände simuliert, hat man die Zeitautomatik beisammen!

Die Filmempfindlichkeit wird interessanterweise nicht über einen entsprechenden variablen elektrischen Widerstand eingestellt (wie bei späteren Kameras üblich). Stattdessen haben sich die Yashica Ingenieure für eine mechanische Blende vor der CdS-Zelle entschieden.

Wichtig zu erwähnen ist, dass der Verschluss nur automatisch gesteuert wird, eine manuelle Zeitenwahl gibt es bis auf B und X(1/30s) nicht. Auch diese beiden Zeiten werden elektronisch gesteuert und stehen ohne Batterie nicht zur Verfügung. In einem solchen Fall läuft der Verschluss immer mit 1/500s ab. Natürlich gibt es mindestens zwei Bastler, die erfolgreich der Kamera auch ein Zeitenwahlrad verpasst haben (siehe hier und hier).

Die Schaltung selbst kann noch mehr als den Verschluss während der Belichtung steuern: Und zwar über drei Lämpchen Warnungen und Hinweise auch schon vor dem Verschlussablauf geben. Zunächst ist da eine grüne Batterie-Kontrollleuchte, ganz wichtig ab dieser Kamerageneration, die ohne Stromquelle nicht mehr fotografieren kann. Dann existieren eine rote Warnleuchte für Überbelichtungen, sowie eine gelbe, die anzeigt, wenn die vermutliche Verschlusszeit länger als eine 1/30 s ist. Beide werden sowohl oben auf der Kamera angezeigt als auch in den Sucher eingeblendet.

Ich bin super glücklich ein sehr frühes Exemplar von Juli 1966 ergattert zu haben, die Kamera selbst ist 11 Jahre lang in über 5 Millionen Einheiten gebaut worden (dazu demnächst mal mehr). Es gab über die Zeit eine eher moderate Modellpflege, die späteren Varianten hatten die Namenszusätze G, GS, GT, GSN und GTN. Die genauen Unterschiede kann man auf verschiedenen Seiten im Netz nachlesen, im Prinzip handelt es sich aber um ein und dieselbe Kamera.
Die Elektronik ist in einem Block hinter der CdS-Zelle
untergebracht. Kabel führen von dort zu den Schaltern im
Auslösergestänge darunter und natürlich im Objektiv.
Alle diese Varianten vereint ein Problem, möchte man sie nicht nur in die Vitrine stellen, sondern noch damit fotografieren wollen:  Das "Pad of Death". Es handelt sich um ein unscheinbares Stückchen Gummi, eingesetzt als Dämpfung im Auslösergestänge der Kamera. Das Material des originalen Pads war nicht für mehr als 15 oder 20 Jahre gemacht, wurde mit der Zeit spröde und hat sich im wahrsten Sinne des Wortes verkrümelt. Ohne das mindestens 2mm dicke Pad steht der komplexe-Auslöse-Schalter aber nicht mehr an der richtigen Schaltstellung der Elektronik und somit wird die ganze Kamera unbrauchbar.

Genau das war bei meinem alten Schätzchen auch der Fall, das ich natürlich aufgeschraubt habe. Zum Glück gibt es im Netz einige Anleitungen, wie man dies reparieren kann (siehe Links unten). Wenn man länger sucht findet man sogar Leute, die sowas professional für einen erledigen. Ich hab's natürlich selbst versucht und zwar die minimal-invasive Variante durch den kleinen Schlitz, den man oben auf dem Foto sieht. Danach leuchteten zumindest wieder die Warnlämpchen, wie man am Bildchen oben sehen kann, trotzdem habe ich immer noch kein echtes Vertrauen in die volle Funktionsfähigkeit der Kamera. Ich habe aber keinen Nerv, sie komplett zu zerlegen um noch weitere Kleinigkeiten zu richten. 

Das zweite Problem der Kamera ist die Batterie, die es in der ursprünglich vorgesehenen Quecksilbervariante schon lange nicht mehr gibt. Zum Glück gibt es auch hier eine Lösung, entweder per käuflich zu erwerbendem Adapter, oder wieder durch Basteln. Die Kamera verträgt glücklicherweise statt 5.6V auch 6V, so dass man mit 4 LR44 Knopfzellen, einer abgesägten Filzstifthülle und einer Schraube sich selbst was basteln kann. So hab ich's gemacht, ansosnten siehe Links unten.  


Bis auf die beiden Problemchen wird die Kamera als sehr zuverlässig beschrieben und hat jede Menge Fans, die geradezu euphorisch über die Qualität ihrer Bilder berichten. Die Fähigkeit für Nachtaufnahmen mittels automatischer Langzeitbelichtungen wird immer wieder genannt, dafür gab es sogar ein schickes Taschenstativ als spezielles Zubehör. Mit ihrer Zuverlässigkeit und Belichtungspräzision hat sie sicher auch dazu beigetragen, dass die Abhängigkeit vom Batteriestrom mehr und mehr Akzeptanz unter den Fotografen fand. Ich denke kaum einer hat eine manuelle Verschlusszeitenwahl wirklich vermisst.  In den 1970ern ging der Trend immer mehr zu automatisierten SLRs, aber es gab auch einen durchaus interessanten Markt für hochwertige Messsucherkameras wie diese. Ihre größten Konkurrenten waren die Olympus-35 SP, Canonet G3 QL17, Minolta Hi-matic E und natürlich die Konica Auto S3. Die hatten alle ähnlich leistungsfähige Objektive und eine Belichtungsautomatik eingebaut, allerdings war die Electro 35 die einzige mit einer Zeitautomatik. Davon gibt es wohl sonst auch nich so viele, mir fallen aus meiner Sammlung nur die Olympus XA und die Contessa S310 ein. Auch möchte ich an dieser Stelle nochmal auf zwei andere interessante Yashica's hinweisen, die ich eher zufällig in meiner Sammlung habe, aber ebenfalls die Innovations- und Design-Qualitäten der Firma zeigen: Yashica Lynx-5000 und EZ-matic 4

Datenblatt Erste Kleinbildkamera mit elektronisch gesteuertem Verschluss und Zeitautomatik
Objektiv Yashinon-DX 45 mm f/1.7 (Gauß-Typ 6 Linsen, 4 Gruppen)
Verschluss Copal-ELEC, stufenlos elektronisch gesteuert 30s bis 1/500s, B
Belichtungsmessung eingebauter CdS-Photowiderstand mit Vorschaltblende für die Simulation der Filmempfindlichkeit (12-400 ASA). Direkte Steuerung der Belichtungszeit abhängig von der eingestellten Kamerablende, auch noch während der Aufnahme.
FokussierungManuell am Objektiv, Naheinstellgrenze 80 cm.
Sucher Messsucher mit Leuchtrahmen und automatischem Parallaxenausgleich. Anzeige der Warnlämpchen bzgl. Überbelichtung (rot) und Verwacklungsgefahr (gelb)
Blitz X-Synchronisation bei allen Verschlusszeiten, Wählbar: 1/30s, Anschluss mit Kabel über PC-Buchse.
Filmtransport Schnellschalthebel, Bildzählwerk (vorwärts), Rückspulkurbel.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh (ohne Blitzkontakt), Auslöser-Lock, Filtergewinde 55mm, Stativgewinde ¼ '', Selbstauslöser
Maße, Gewicht ca. 140x90x75 mm, 750g (ohne Batterie und Film)
Batterie PX32, 5.6V oder Alternativen mit Adapter.
Baujahr(e) 1966-1968, ca. 250.000 Exemplare. Dieses Exemplar # 6070854 von Juli 1966. Die ganze Serie G, GS, GT, GSN, GSN (gleiche Funktionen und Gehäuse) bis 1977, angeblich mehr als 5 Millionen Exemplare.
Kaufpreis, Wert heute21,400 Yen (1966, ca. 60 US$ oder 240 DM), heute je nach Zustand 30-100 €. Nachfolger GTN kostete in Deutschland 1975 ca. 398 DM
Links Camera-WikiInstruction ManualWikipediaYashica Guy, Mike Eckman, Karen Nakamura, Eric FissRepair Manual, Matt's classic Cameras, Ken Rockwell, Flickr GroupPad of death Reparatur, Batterie Adapter für PX32, 5 Million GTN, Yashica Electro Half (1965), Asahi.net