2021-08-16

Die Geschichte des heißen Schuhs

Der erste „hot shoe“, hier an meiner Universal Mercury II 

„Cold Shoe“ an meiner Leica III
Was im englischen kurz „hot shoe“ genannt wird, heißt in der deutschen Langversion „Zubehörschuh mit Mittenkontakt“ (für Blitzsynchronisation). Seine Geschichte beginnt natürlich als einfacher Zubehörschuh, später rückblickend  als „cold-shoe“ bezeichnet, gegen 1913 in der Werkstatt von Oskar Barnack bei Leitz in Wetzlar. In den 1920er und 1930er Jahren fand er schnell Verbreitung und wurde von den meisten Kameraherstellern verwendet. Gedacht war er anfangs nicht für Blitzgeräte, sondern für Aufstecksucher oder -Entfernungsmesser. Später kamen auch noch Belichtungsmesser dazu. 
Blitzbirnen wurden erst 1925 erfunden und es dauerte bis in die Mitte der 1930er, dass sich praktikable und einigermaßen erschwingliche Lösungen (sprich: integrierte Blitzgeräte) durchsetzen. Zunächst wurden ein paar Verrenkungen unternommen, um Blitz und Auslösung zu synchronisieren, meist löste dabei der Blitz die Kamera aus. Da Blitzbirnen elektrisch gezündet werden, lag es nahe, den Schalter dafür in die Kamera (bzw. genauer: in den Verschluss) zu verlegen, und das Blitzgerät wurde per Kabel angeschlossen. Auch dazu gab es verschiedene Stecker, aber recht zügig setzte sich die bis heute übliche 3mm-Buchse, auch PC-socket („Prontor-Compur“ Buchse) dafür durch. Sie wurde mit den entsprechenden „Synchro“-Zentralverschlussvarianten ca.1935 eingeführt.
Auf die Idee ein Aufsteck-Blitzgerät direkt ohne Kabel über einen entsprechend modifizierten Zubehörschuh anzuschließen kam als erste die amerikanische Firma Universal, die 1938 ihre Mercury mit diesem Feature vorstellte. Ein Bild vom gesamten Ensemble mit Blitz gibt es auf der Camera-Wiki Seite. Aber bis auf ihre Nachkriegsschwester Mercury II (1946) und der Argus 21 (1947, und deren Nachfolger C4 und C44) gab es so gut wie keine Nachahmer. Die erste europäische Kamera mit einem hot-shoe war die Bell&Howell Foton (1948). Fast die gesamte deutsche und damals (trotz verlorenem Krieg) noch führende Kameraindustrie ignorierte das Feature erstmal. Nur der kleine Neueinsteiger Saraber aus Goslar brachte es an seiner Finetta Super im Jahr 1951. Polaroid brachte es 1954 mit ihrer sehr erfolgreichen Highlander, aber erst ab Ende der 1950er Jahre mit dem Aufkommen von Elektrik und Elektronik in den Kameras kam Fahrt in die Sache.
Typischer „Hot Shoe“
(Olympus 35 SP)
Nach meinen Recherchen ging es in Deutschland 1959 mit der Braun Paxette Electromatic los, eine Kamera, die als vollautomatische KB-Kamera beworben wurde und der daher auch der kabellose Blitzanschluss nicht fehlen sollte. Damit war das Marktsegment für dieses „neue“ Feature gesetzt: Hochwertige, mehr oder weniger vollautomatische Kleinbild-Sucherkameras. Zu dem weiteren gehörten: Agfa Optima Ia (1962), Kodak Retinette Ib (Typ 045, 1963), Voigtländer Vitomatic IIb (1964). Dazu gab es einfache Aufsteck-Blitzgeräte wie das Agfa IsI M für Blitzbirnchen. Ab Mitte der 1960er Jahre kamen fast alle neuen Sucherkameras mit Zubehörschuh und Mittenkontakt, auch und gerade die einfachen bzw. auch welche für Rollfilm, Rapid- oder 126er Kassette (z.B. Agfa Isomat Rapid oder Kodak Instamatic 500, beide von 1965).

Die japanischen Kamerahersteller versuchten es zunächst mit proprietären hot-shoes, los ging es schon 1951 mit der Nikon S (auch alle späteren Nikon RF hatten diesen Schuh mit zwei länglichen Kontakten). Der Schuh der Konica IIIm von1959 sah schon eher wie der Standard-Schuh aus, war aber ebenfalls nicht kompatibel mit den meisten Blitzgeräten. Den heute gebräuchlichen hot-shoe spendierten die japanischen Produzenten erst ab 1965 nach und nach ihren Kameras. Minolta startete 1965 mit der Electro Shot, Olympus stellte seine PEN-Serie sukzessive ab 1967 um, Canonet‘s gab es ab 1969 mit Mittenkontakt. Seltsamerweise war der Elektronik-Pionier Yashica bei den letzten, hier gab es einen Mittenkontakt erst ab 1973 für die erfolgreiche Electro 35 Serie.

Praktica LLC (1969)
Auch das Spiegelreflexkamera-Segment, sonst oft Vorreiter technischer Innovationen, ließ sich bis auf eine Ausnahme Zeit. Diese heißt Nikon F und hatte schon 1959 einen speziellen Zubehörschuh mit Blitzkontakt, allerdings wegen der Wechselsucher um die Rückspulkurbel herum und komplett inkompatibel mit Nikon-fremden Zubehör. Die erste SLR, die ich mit dem standard hot-shoe finden konnte, ist die Kodak Retina Reflex IV von 1964, Nummer zwei die Rollei SL26 (1968), beide aus deutscher Produktion und beide kein typischer Vertreter der Mainstream SLR. Die kamen erst ab Ende 1968, die erste war der Elektronik-Pionier Yashica TL Electro-X, danach habe ich die Praktica LLC (1969). Dann folgten ab ca. 1971 die neuen Kameras mit elektronischem Verschluss  (Pentax ES, Nikkormat EL, etc.). Ab spätestens 1973 findet man den hot shoe an fast jeder SLR, seien es neue Modelle oder Neuauflagen alter Bestseller wie z.B. Nikkormat FT2 (eine FT-N mit hot shoe) bzw. Minolta SR-T 303

Canon AE-1 (1976)
Ab Mitte der 1970er Jahre, getriggert durch die nun preiswert verfügbaren Elektronenblitzgeräte, kommt nach fast 40 Jahren neue Innovation in den hot shoe (er wird quasi noch heißer…). Mit der ersten Massen-SLR AE-1 führt Canon 1976 zwei zusätzliche proprietäre Kontakte neben dem genormten Mittenkontakt ein, die eine Blitzbereitschaftsanzeige im Sucher und die automatische Umschaltung auf die Blitzsynchronzeit erlauben. Fast alle anderen SLR-Hersteller machen das nach, natürlich nicht kompatibel zu einander. Der kleinste gemeinsame Nenner bleibt nur der dicke Kontakt in der Mitte. Zusätzliche Kontakte erlauben dann auch die TTL-Blitzsteuerung (erstmalig mit der Olympus OM-2, 1978). 

Moderne DSLR Kameras haben bis zu fünf zusätzliche Kontakte, Minolta führte 1988 sogar einen gänzlich neuen Hot-shoe ein, der überhaupt nicht mehr kompatibel war. Natürlich gab und gibt es Adapter, insbesondere ist der SCA („System Camera Adapter“) von Metz und 6 anderen Europäischen Blitzhersteller zu nennen. 

Damit ist meine kurze Geschichte des „heißen Schuhs“ erst mal zu Ende. Ich habe schon länger vergeblich nach etwas entsprechendem im Netz gesucht, musste es daher selbst machen. Alles ist natürlich sorgfältig recherchiert, Gewähr möchte ich für die Infos dennoch nicht übernehmen. Daher die Bitte: Wem hier ein Fehler auffällt, bzw. etwas zu ergänzen hat, bitte hier unter per Kommentar melden oder mir eine email schreiben (Knippsen (at) iCloud (dot) com).


2021-08-01

Adox Golf 63


Diese Kamera bekam ich aus einer Haushaltsauflösung geschenkt und ich muss zugeben, dass ich sie sonst wohl kaum beachtet hätte. Von der Fotomarke Adox hatte ich schon mal gehört und ich konnte die Kamera auch zeitlich richtig ans Ende der 1950er Jahre einordnen, besitze ich doch mit der Agfa Isolette II eine direkte Konkurrentin. Aber so bin ich gezwungen gewesen, mich mit der Geschichte von Adox und der "Golf" zu beschäftigen. Als Bewohner des Rhein-Main-Gebietes ist es für mich sogar fast Lokalgeschichte, denn diese spielt in Frankfurt und der näheren Umgebung und nicht wie sonst in Dresden, München oder Stuttgart. Ich habe also einiges Interessantes gelernt.


Bei den Recherchen zur Kamera selbst bin ich relativ schnell auf Michael Spenglers exzellente Adox Golf Seite gestoßen. Dem gibt es wohl nichts hinzuzufügen und ich will es hier auch nicht wiederholen. Mein Exemplar ist die späte Basisversion der Golf 63 (Typ 2c), mit der Seriennummer 489619 des Adoxar gehört sie fast ganz ans Ende der Produktion, die wohl 1959 bei knapp über Seriennummer 500000 endete. 

Was Michael Spengler allerdings nicht gemacht hat, ist "die Golf" in den damaligen Marktkontext einzuordnen. Ihre größte Konkurrentin (mit fast identischen Merkmalen und Dimensionen) hieß Agfa Isolette II. Die Isolette hatte diese Kameraklasse der relativ kompakten Faltbalgen-6x6-Rollfilmkameras einst in der Mitte der 1930er Jahre begründet und spätestens nach dem Krieg viele Nachahmer gefunden. So wie die Adox Golf wurden die allermeisten im Jahrzehnt zwischen 1950 und 1959 produziert und verkauft. Hier mal eine schnelle Liste ähnlicher Kameras (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Dacora 120, Balda Baldix, Franka Solida, Zeiss Ikon Nettar II (517/16 bzw. 518/16), Voigtländer Perkeo 6x6.  Sie waren Kameras für's Wirtschaftswunder-Volk, preislich über den einfachen Boxkameras, dafür lieferten sie aber mit den meist dreilinsigen Objektiven und präziseren Zentralverschlüssen deutlich bessere Bildqualität. Im Vergleich zur Kleinbildkamera konnte man sich eine 6x6 cm Kontaktkopie notfalls auch so anschauen, Photo Porst lieferte 1956 sogar 9x9 cm Vergrößerungen zum selben Preis. Und wie bei der Adox Golf gab es stets verschieden lichtstarke Objektive und schnelle Verschlüsse zur Auswahl, Topmodelle hatten eingebaute Entfernungsmesser. Das alles natürlich zum entsprechenden Aufpreis. Adox hat (so wie Agfa auch) Kameras hauptsächlich gebaut, um den eigenen Filmabsatz anzukurbeln, daher wurden eher einfache Kameras gebaut und die Produktion der Kameras auf geringe Kosten getrimmt. 
Die Adox Golf 63 neben ihrer wichtigsten Konkurrentin Agfa Isolette II.
 
Mit viel Interesse habe ich mich auch in die Geschichte der Firma und Marke ADOX vertieft. Hier die Kurzform, meine Quellen habe ich unten in der Tabelle verlinkt. Alles beginnt mit dem Chemiker Carl Schleussner (1830-1899), der nach Promotion und Heirat die Siegellackfabrik seines Schwiegervaters im Frankfurter Bahnhofsviertel übernimmt und dort sich ab 1860 auf Fotochemie spezialisiert. Angeblich die erste fotochemische Fabrik der Welt. Als eines der ersten Unternehmen wurden ab 1881 Trockenplatten angeboten. Ab 1892 übernahmen seine Söhne, insbesondere der ebenfalls zum Chemiker ausgebildete und promovierte Carl Moritz (1868-1943) kooperierte mit Wilhelm Röntgen und produzierte als einer der ersten ab 1896 Röntgenfilme. Die Firma expandierte und wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, von der die Kurzform ADOX (Aktiengesellschaft DOktor C. Schleussner) abegeleitet wurde. Ab 1920 übernahm die dritte Generation. Carl Adolf Schleussner (1895-1959) verlegte die Produktionsstätten aus Frankfurt ins neu errichtete Werk in Neu-Isenburg und etabliert eine Celluloidfilm-Produktion in Wiesbaden-Biebrich. Ab 1938 übernimmt ADOX die Kameraproduktion von Wirgin in Wiesbaden, deren jüdische Eigentümer vor den Nazis nach USA fliehen mussten. Nach dem Krieg wird der Kauf rück-abgewickelt, Adox verlegt die eigene Kameraproduktion ins Werk in Biebrich, wo dann die Golf produziert wird. Wirgin produziert im Lohn für Adox die Polo KB-Kameraserie. Nach dem Unfalltod von Carl Adolf 1959 zieht sich die Familie Schleussner aus dem Fotogeschäft zurück und verkauft 1962 das Werk in Neu-Isenburg und das daran hängende Geschäft an den Chemiegiganten Dupont. Der behält mittelfristig nur das Medizinproduktegeschäft und verkauft Röntgenfilme unter der Marke ADOX. Die übrigen Fotofilm-Maschinen werden 1973 an Fotokemia im damaligen Jugoslawien verkauft, der die alten ADOX-Rezepturen als Efke-Film auf den Markt bringt und bis in die 1990er Jahre verkauft. Dupont veräußert sein Röntgengeschäft 1999 mit der Marke ADOX an seinen Konkurrenten Agfa-Gevaert in Belgien, der die Marke allerdings nicht weiterverwendet und 2003 fallen lässt (DuPont selbst verwendet die Marke immer noch für die Chemikalie Natriumchlorit). Das Berliner Analog-Foto-Start-up Fotoimpex sichert sich die Markenrechte für Fotoprodukte in 2003 und baut seitdem das Portfolio an ADOX Filmen und Fotochemikalien immer weiter aus. Basis sind alte Adox und Agfa Rezepturen. Tolle Geschichte mit Happy End.


Datenblatt Einfache 6x6 cm Faltbalgenkamera für 120er Rollfilm
Objektiv Adoxar 75mm f/6.3 (Dreilinser, Hersteller: Will, Wetzlar). Am Ende der Baureihe auch mit Adoxar f/4.5 erhältlich. Die frühen Golfmodelle I, II und IV, sowie die entsprechenden Mess-Golf hatten ein Steinheil Cassar f/4.5 oder f/3.5 (Vierlinser, Tessar-Typ)
Verschluss Gauthier Vario (B-25-50-200), separat vom Filmvorschub zu spannen. Auch erhältlich mit dem Pronto (B-25-50-100-200) oder Prontor-S (B-1-2-5-10-25-50-100-300, mit Selbstauslöser)
Fokussierung manuell per Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung: 1 m
Sucher einfacher optischer Newton-Sucher
Blitz per Synchronbuchse am Verschluss
Filmtransport per Drehknopf und rotem Filmfenster in der Rückwand, Doppelbelichtungssperre am Gehäuseauslöser
sonst. Ausstattung Zubehörschuh für Blitz oder Entfernungsmesser, ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Stativgewinde ¼''. Modelle mit Prontor-S: Selbstauslöser. Mess-Golf: eingebauter, ungekoppelter Entfernungsmesser
Maße, Gewicht ca. 138 x 92 x 40 mm, 474 g 
Baujahr(e) Modelle I, II, IV: 1952-1954, ca. 50.000 Exemplare, davon ca. 20.000 "Mess-Golf"
Modelle 63, 63S und 45S: 1954-1959, ca. 362.000 Exemplare. Dieses #489619 zum Ende der Bauzeit.
Kaufpreis, Wert heute Modell 63 (1954): 49,75 DM, Spitzenmodell Mess-Golf IV: 169,-- DM
Wert heute je nach Zustand und Modell: 5-30 €
Links Die Adox Golf (M. Spengler)Bleckedermoor.de, Bedienungsanleitung, Adox Geschichte, Schleussner Biographie, Sabine Hock's biografischer ArtikelWikipedia (engl.), Camera-wiki (Golf), Camera-Wiki (Adox)

2021-07-04

Ernemann Bobette I

Je länger ich mich mit der Geschichte kleiner und kompakter Kameras beschäftige, desto mehr frühe und später in Vergessenheit geratene Modelle tauchen auf. Und so bin ich besonders glücklich, auch diese Ernemann Bobette in meiner Sammlung begrüßen zu dürfen. Auch wenn die 1925 erschienene Leica im Rückblick oft als Beginn der Kleinbildfotografie verklärt und als Geniestreich bezeichnet wird,  ist dies nicht richtig. Spätestens seit der Vest Pocket Kodak und dem dazugehörigen Rollfilm 127 von 1912 war klar, dass es einen Markt für Westen- oder Jackentaschen-taugliche Kleinbildkameras gab, mögen die Bildresultate doch erstmal nicht Studiokameraqualität erreicht haben.

Die Firma Ernemann in Dresden war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der führenden (noch von Zeiss unabhängigen) Kamerahersteller in Deutschland und beschäftigte sich auch mit bewegtem Film und Kino-Projektion. Sie hatten also alles im Haus, um fast zeitgleich zur Leica zwei eigene Kleinbildkameras für den 35 mm Film rauszubringen. Die erste war 1924 die Miniaturbox Unette und ab 1925 kam dann die Bobette, die ganz in der Tradition der Vest Pocket Kodak stand, wie man unschwer sieht. Beide Ernemann Kameras verwendeten einen proprietären 35 mm breiten Rollfilm mit Rückseitenpapier, der 24 Bilder lieferte. Bei  der allerersten Version der Bobette I war das Filmfenster noch 18x24 mm groß (das übliche Kinoformat, wohl sehr selten), was aber zügig auf 22x33 mm erweitert wurde, da der Film ja keine Perforation hatte und der Platz auf dem Film bestmöglich ausgenutzt werden wollte.
Wer diesen Film am Anfang für Ernemann produziert hat, oder ob sie gar selbst die Konfektionierung von entsprechenden 35mm Streifen vorgenommen haben, konnte ich nicht herausfinden. Ein heißer Kandidat wäre das Goerz Photochemische Werk in Berlin, welches 1926 genauso wie Ernemann selbst in der neu gegründeten Zeiss Ikon aufging. Zeiss Ikon jedenfalls hat den entsprechenden Rollfilm bis mindestens Mitte der 1930er Jahre unter eigenem Namen produziert. Chris Sherlock besitzt einen solchen Film und stellt ihn auf seiner tollen Web-Site aus. Auch die leere Spule in meiner Kamera ziert der Schriftzug Zeiss Ikon Film.

Neben der Spreizenkonstruktion der Bobette I gab es eine Version als Laufbodenkamera, die Ernemann als Bobette II vermarktet hat. Beide Konstruktionen haben es geschafft, als Modelle 548 und 549 ins Zeiss Ikon Programm übernommen zu werden, wo sie vermutlich bis 1929 blieben. 
Meine Kamera ist - wie man an den Fotos sieht - sehr gut erhalten. Wenn es noch Film gäbe, könnte man noch damit fotografieren. Mit nur 332 g liegt sie leicht in der Hand, fühlt sich allerdings wie eine mit Leder bezogene Blechbüchse an, was sie auch ist. Der Auslöser liegt etwas versteckt unter dem Frontblech, was wirksam Fehlbelichtungen verhindert, wenn die Kamera zusammengefaltet in der Tasche steckt. Mein Exemplar trägt die Seriennummer L97324, was ohne Kenntnis entsprechender Hintergrundinfos erstmal keine weiteren Schlüsse bezüglich möglicher Produktionsmenge zulässt. Ich schätze aber, dass es vielleicht ein paar Tausend waren. Zeiss Ikon brachte mit der (dem?) Kolbri (1930) und der Baby-Ikonta (1931) dann 3x4 Kleinbildkameras für den 127er Rollfilm, um schließlich mit der Contax (1932, Contax II: 1936) endgültig Leica anzugreifen. Auch andere schicke Kleinbildkameras wie die Tenax I (1939) sollten auch nicht unerwähnt bleiben. Den Namen Ernemann verbinden Foto-Interessierte meist mit der berühmten Ermanox, die zur selben Zeit wie die Bobette auf dem Markt war, für die ich als Sammler aber leider nicht genügend Kleingeld habe...

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera für 35mm Rollfilm
Objektiv Ernemann-Anastigmat "ERNOPLAST" 5cm f/4.5 (Tessar-Typ). Kamera war auch mit dem Ernemann Erid 4 cm f/8 Fix-Fokus erhältlich.
Verschluss Selbst spannender Automatik-Verschluss mit Z-100-50-25 (1/s)
Fokussierung Frontlinsenverstellung, Naheinstellgrenze 0,7 m.
Sucher Ausklappbarer Rahmensucher
Filmtransport mittels Drehschlüssel und rotes Filmfenster für bedrucktes Rückseitenpapier.
sonst. Ausstattung Ausklappständer, Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 3/8''.
Maße, Gewicht ca. 65x110x45 mm (zusammengeklappt), 332g.
Baujahr(e) 1926, danach als Zeiss Ikon Bobette (549) bis ca. 1929
Kaufpreis, Wert heute ?, heute ca. 100-300 €
Links Camera-wiki, Collectiblend, Wikipedia, IFM-Wolfen

2021-06-07

111 Jahre Compur

Titel des Compur Patents (Klicken für ganzes Dokument)

Heute vor 111 Jahren wurde eine der wichtigsten Erfindungen der Fotogeschichte zum Patent erteilt: der berühmte Compur-Verschluss. Er war sogar in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Technologisch, weil er der erste Verschluss mit einem Räderhemmwerk (Uhrwerk) war, der die ganze Zeitenreihe von 1 Sekunde bis zur kürzesten Verschlusszeit (1/200 s bzw. 1/300 s) sehr präzise und reproduzierbar erzeugen konnte. Die immer besser und empfindlicher werdenden Filme würden das brauchen... Dann war das Patent aber auch wirtschaftlich bedeutsam, da Christian Bruns als ehemaliger Mitstreiter von Friedrich Deckel sein Patent an die Carl Zeiss Stiftung verkaufte, diese aber den Verschluss bei Deckel bauen ließen. Damit hatte Zeiss neben den von Paul Rudolph erfundenen Objektiven ihr wohl wertvollstes Ass im Ärmel und kontrollierte spätestens seit der Etablierung von Zeiss Ikon (1926) und den (geheimen) Beteiligungen an Deckel und Gauthier ein Verschluss-Monopol, das weit über Deutschland hinaus reichte.

Compur an einer Laufboden-
kamera aus den 1920ern mit 
Patentnummer darunter.
Compur-Verschlüsse auf Basis dieses Patents werden bis in die 1960er Jahre hinein in großer Stückzahl gebaut (insgesamt wohl mehr als 8 Millionen Stück), natürlich gab es im Laufe der Zeit Verbesserungen, wie hier nachzulesen. Der Wettbewerb mit japanischen Herstellern und auch dem Schlitzverschluss läutete den Niedergang der einst weltweit führenden deutschen Kameraindustrie in den 1970ern ein. Vielleicht hatte man sich zu sehr auf den Zentralverschluss und sein Aushängeschild Compur verlassen...

Über Christian Bruns selbst findet man leider nicht viel, außer der Tatsache, dass er mal bei Steinheil in München gearbeitet hat und dort Friedrich Deckel traf, mit dem er zusammen eine Firma gründete, um den Vorläufer des Compur, den Compound-Verschluss zu vermarkten. Beide trennten sich 1905 wieder, Deckel wurde Alleininhaber und Bruns gründete seine eigene Firma, wie man auf dem Patent lesen kann. Wer das "&CO." war konnte ich nicht herausfinden, vielleicht sein Bruder (?) Heinrich Bruns, der auf der amerikanischen Patentanmeldung US-Pat 1.053.152 als Co-Erfinder genannt wird? Auch die Frage, warum er das Patent an Zeiss verkaufte und für wieviel bleibt wohl unbeantwortet.  Danach verschwindet seine Spur wieder, wie auch jegliche private Information über Geburts- und Todesdatum, Familie, Ausbildung und so weiter im Dunkeln bleibt. Ich hatte gehofft, irgendwo ein Foto von ihm zu finden, immerhin war er in der Branche tätig. Falls jemand hierzu was beitragen kann, bitte unten im Kommentarfeld melden oder mir eine e-mail an knippsen (at) icloud.com schicken.

Bei meinen Recherchen zum Thema bin ich auch auf Rudolph Klein und Theodor Brueck gestoßen, zwei deutsche Auswanderer, die bei Bausch & Lomb in Rochester, NY gearbeitet und sich im Jahre 1910 mit ihrer Firma Ilex selbstständig gemacht hatten. Sie haben ein eigenes und inhaltlich sehr ähnliches Patent US-Pat 1.092.110 angemeldet und auch erteilt bekommen. Christian Bruns war mit seiner deutschen Anmeldung definitiv früher (7.6. vs. 25.6. 1910). Seine amerikanische Anmeldung (9.11.1911) kam aber nach der von Klein&Brueck, wurde aber wiederum früher zum Patent erteilt (18.2.1913 vs. 31.3.1914). Warum beide erteilt wurden, bleibt wohl das Geheimnis der amerikanischen Patentbehörde. Auf alle Fälle ist das Klein&Brueck-Patent aber keines Falls die Basis der modernen Uhrwerk-gesteuerten Zentralverschlüsse, wie auf dieser Web-site behauptet wird.  

Im Internet findet man immer wieder falsche Vermutungen über die Nummer 258646 D.R.P., die unterhalb des Objektivs die Dial-Set Compur Verschlüsse an z.B. Laufbodenkameras aus den 1920er Jahren ziert. Es ist weder eine Seriennummer noch kann man damit eine zeitliche Einordung in die 20er oder 30er Jahre vornehmen. Es ist schlicht die Nummer des (immer noch) öffentlich zugänglichen Deutschen Reichspatents 258646 vom 7. Juni 1910.
 
Ich habe schön öfters hier über den Compur-Verschluss was erzählt, wer möchte kann ja dort weiterlesen: Compur-Seriennummern,  Compur an der Conatflex, weitere Kameras mit Compur-Verschluss


2021-06-01

Baldina

Diese Baldina von 1936 ist quasi ein Nachzögling für meine Sammlung von frühen Kleinbildkameras. Bisher wurde sie dort von der Jubilette vertreten. Es ist fast dieselbe Kamera, die Balda 1938 zur Feier ihres 30-jährigen Bestehens unter die Leute brachte. Die Baldina war ein Longseller, dieses Ur-Modell wurde von 1935 bis 1941 gebaut, aber auch nach dem 2. Weltkrieg wieder ab 1946 bis 1950. Ihre direkte und wieder fast identische Nachfolgerin hieß Belca Beltica und wurde in Dresden ab 1951 weitergebaut. Auch Balda in Westdeutschland baute ab 1951 eine Baldinette, die ihre Ahnin Baldina nicht verleugnen kann. Weitere Details und Links bei den entsprechenden Beiträgen und unten in der Tabelle.

Mein Exemplar lief mir für unter 20 € über den Weg, da konnte ich nicht widerstehen. Es ist sehr gut erhalten und voll funktionstüchtig mit einer schönen Patina, die zeigt, dass sie tatsächlich benutzt wurde. Mit der Seriennummer des Schneider Xenars (am Hinterlinsenglied) kann ich die Kamera recht genau ins Jahr 1936 einordnen. Die Kamera selbst oder der Prontor-Verschluss tragen lieder keine Nummern. 

Datenblatt Faltbalgen-Sucherkamera für KB-Film (135)
Objektiv Schneider Xenar 5cm f/2.9 (4 Linsen). Auch mit anderen Objektiven von Schneider oder Carl Zeiss erhältlich.
Verschluss Prontor II Zentralverschluss, T-B-1-2-5-10-25-50-100-175 (viele Kameras haben auch den Compur)
Fokussierung Manuell am Objektiv (ab 0.55 m), keine Scharfstellhilfe.
Suchereinfacher Fernrohrsucher, mit Parallaxenkorrektur-Drehrad. 
Filmtransport Mit Drehknopf auf der Unterseite, Bildzählwerk mit Deckel zum Aufklappen (vorwärtszählend), Rückspulknopf.
sonst. Ausstattung Tiefenschärfe-Tabelle auf der Rückseite,  Anschluss für ISO-Drahtauslöser, Stativgewinde 3/8", Trageschlaufe,  Bereitschaftstasche als Zubehör.
Maße, Gewicht ca. 123x83x38 mm,  427 g 
Baujahr(e) 1935-1941, diese (lat. Seriennummer #904995 des Objektivs) von 1936
Kaufpreis, Wert heute ca. 80RM (1936), heute ca. 30 €.
externe Quellen und Links Camera-Wiki, Instruction manual (Jubilette, english), Kurt Tauber, Dresdener Kameras, FotofreakWikipedia
bei KniPPsen weiterlesenKB-Kameras der 1930erBalda JubiletteKodak Retina (118), Kodak Retina (010), Kodak Retina (126), Welta Welti, Zeiss Ikon Tenax IWichtigste KB-Kameras 1937 (Porst Katalog), VEB BelcaHapo 24

2021-05-23

Royer Savoyflex (3) automatic

Die erste SLR mit einer echten Belichtungsautomatik (Blendenautomatik) kommt aus Frankreich und ist vermutlich die einzige französische SLR, die in nennenswerter Stückzahl verkauft und verwendet wurde. (Es gab vorher lediglich die legendäre Alsaflex, von der wohl nur wenige Stück gebaut wurden). Die Kamera kombiniert geschickt einen eingebauten Metrawatt Selen-Belichtungsmesser mit dem Prontor-Reflex Zentralverschluss. Das Ganze ist natürlich eine sogenannte „Trap-needle“-Konstruktion, ich hatte das Prinzip schon ausführlich in meinen Beiträgen zur Agfa Optima und Fujica S2 erläutert. Diese ist natürlich eingebettet in den schon so komplizierten Ablauf von Spiegelreflexkameras mit Zentralverschluss. Aber der Reihe nach. Zunächst die Übersetzung des ersten Abschnitts aus der Bedienungsanleitung der Kamera:
Blick auf die Anzeige
des Belichtungsmessers.

Die Fotozelle wählt unabhängig die idealen Bedingungen für die korrekte Belichtung Ihrer Aufnahmen. Beim Drücken des Auslösers schließt ein automatischer, robuster, einfacher und batterieloser Mechanismus die Blende automatisch und stoppt sie an der Öffnung, die genau der Helligkeit des in Ihrem Sucher angezeigten Motivs entspricht. Dabei wird Folgendes berücksichtigt:  1) die von Ihnen gewählte Verschlusszeit, 2) die Empfindlichkeit des verwendeten Films. Dieser automatische Mechanismus kann durch manuelle Steuerung außer Betrieb genommen werden. Dann ist Ihre SAVOYFLEX "Automatik" eine herkömmliche Kamera (z. B. Blitzfotos, Posen oder Spezialeffekte).

Der robuste und einfache Mechanismus ist der eigentlich Clou der Kamera und hängt direkt am wohl längsten Auslöseweg aller meiner Kameras: 10 mm sind runterzudrücken! Dabei passieren auf den ersten  Millimetern Hub quasi gleichzeitig Folgendes: Der Verschluss schließt sich, der Spiegel klappt hoch und eine kleine metallene Blende verschließt den Suchereinblick vor Fremdlichteinfall. Auf den nächsten Millimetern wird dann wohl die Nadel des Belichtungsmessers eingeklemmt und die Blende entsprechend geschlossen. Falls man außerhalb des Blendenbereichs 2.8 bis 22 wäre, wird der weitere Auslöseweg blockiert, d.h. Fehlbelichtungen sind im Automatikmodus ausgeschlossen. Falls OK, dann reichen der letzte Millimeter um den Verschluss auszulösen. Hält man den Finger weiter gedrückt, passiert weiter nichts mehr. Erst wenn der Fotograf hier locker lässt, kehrt der Spiegel wieder in seine Ausgangsposition zurück und verschließt dabei das Filmfenster lichtdicht. Der Verschluss öffnet sich und der Suchereinblick ist wieder frei. Hier liegt die größte Schwäche der Kamera: Bei längeren Verschlusszeiten muss der Fotograf selbst daran denken, den Finger lange genug auf dem Auslöser zu belassen, sonst klappt der Spiegel runter bevor der Verschluss zu ist. 
Während die gewählte Verschlusszeit mechanisch an den Trap-Needle-Mechanismus übermittelt wird, muss der Fotograf beim Filmwechseln die Empfindlichkeit des Films selbst einstellen. Dies geschieht durch Einstecken einer entsprechend gelöcherten Plastik-Blende vor die Selenzelle. Der „ungeschützte“ Sensor entspricht dabei ca. 200-400 ASA, die Löcher in den Plastikblenden werden umso kleiner je niedriger die Filmempfindlichkeit ist. Ein Satz von 8 verschiedenen Blenden aus schwarzem Plastik lag jeder Kamera bei, leider hatte meine nur noch die Blende „25-50 ASA“ einstecken. Eigentlich ganz pfiffig, allerdings macht es die Kamera recht häßlich und verlorene Blenden machen Probleme...

Diese Meilenstein-Kamera ist das Topmodell einer recht kurzen Serie von 35 mm SLR-Kameras aus dem Hause ROYER. 1959 kamen zunächst die Modelle I und II ohne Belichtungsmesser und Automatik auf den Markt. Dabei hatte das Modell I lediglich Frontelement-Fokus, während alle weiteren Modelle dann interessanterweise sowohl per Frontelement als auch mittels eines weiteren Schneckengangs durch Verschieben des gesamten Objektivs fokussiert werden können. Sowas habe ich bisher bei keiner anderen Kamera gesehen, ist beim wohl verwendeten Tessar-Typ aber kein Problem und hat den Vorteil einer  sehr kleinen Naheinstellgrenze. Das Modell I wurde dann gegen Ende 1960 zugunsten des neuen Modells III „automatic“ eingestellt. Ab Anfang 1962 gab es dann etwas Modellpflege, beide Modelle II und III erhielten ein „E“ angehängt und einen Zubehörschuh spendiert. Das Basismodell II E hatte als kürzeste Verschlusszeit nur noch die 1/300 s, während die Savoyflex automatic weiterhin die 1/500 s besaß. Die Produktion dieser SLR’s wurde wohl schon 1963 eingestellt. 1964 folgten auch alle anderen eigenen Kameras und Rene Royer entschied sich, sein Geld nur noch durch den Import japanischer Kameras (Yashica) zu verdienen. Verbreitung fanden die eigenen Kameras wohl überwiegend in Frankreich selbst, jedenfalls habe ich bisher nur französische Broschüren oder Anzeigen gesehen. Auch mein Exemplar habe ich aus Frankreich bekommen, relativ gut erhalten. Der Verschluss funktioniert, sogar der Belichtungsmesser reagiert noch etwas.

Datenblatt Erste SLR mit Belichtungsautomatik (Blende)
Objektiv Fest eingebautes SOM Berthiot 50 mm f/2.8 (vermutlich Tessar Typ)
Verschluss Prontor-Reflex Zentralverschluss, B-1-2-4-8-15-30-60-125-250-500
Belichtungsmessung mittels Selenzelle über dem Objektiv, Anzeige mit kleinem Drehspulinstrument an der rechten Kamera-Vorderseite. Für die Automatik: Einstellung der Filmempfindlichkeit über Einsteckblenden aus Plastik zur Abschattung des Sensors. 
Fokussierung doppelte Fokussiermöglichkeit: Auszug des gesamten Objektivs per Schneckengang (bis 80 cm), zusätzlich Frontlinsen-Verstellung, dadurch Nahaufnahmen bis 35 cm möglich.
Sucher Spiegelreflex, Fresnelllinse und Schnittbildindikator. Automatisch zurückkehrender Spiegel (siehe Text).
Blitz Blitzbuchse, Umschaltbar X/M
Filmtransport superweicher Schnellspannhebel mit integriertem Bildzählwerk (vorwärts), Rückspulknopf
sonst. Ausstattung Selbstauslöser, Zubehörschuh (kalt), Stativgewinde 1/4‘‘, Drahtauslöser-Gewinde, Filmmerkscheibe, Filmemfindlichkeitsblenden zum Einstecken, optionale Vorsatzlinsen "Ampliflex" (Tele 80mm), "Hyperflex" (WW 35mm) und "Macrofelx" (Nahlinse)
Maße, Gewicht 130 x 95 x 76 mm, 805 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1959-1963, die Version III automatic ab 1960
Kaufpreis, Wert heute ?, je nach Zustand und Ausstattung 50-300 €
Links Camera-Wiki, Pentax-SLR, Collection Appareils, Chronologie, Bedienungsanleitung (französisch)
Bei KniPPsen weiterlesen Geschichte der Belichtungsautomatik, andere SLR-Pioniere mit Blendenautomatik: Wirgin Edixa Electronica, Topcon Uni, Konica Auto-Reflex

2021-05-16

Agfa Seriennummern - Agfa serial numbers

Mein Interesse an historischen Markt- und Produktionszahlen von Kameras ist hier im Blog schon hinlänglich bekannt. Seriennummern sind dafür eine sehr gute Primärquelle und lassen oft einen einigermaßen guten Rückschluss auf das Produktionsjahr oder gar die Produktionsmenge zu (siehe mein Dating-Tool hier links oben im Blog).  Manche Daten basieren auf offiziellen Produktionsbüchern der Kamerahersteller, ganz oft aber haben Sammler wie ich Nummern und weitere Infos gesammelt und sich das weitere zusammengereimt. Nicht immer ist alles korrekt und stimmig, wie mein Beitrag zu den Compur-Seriennummern gezeigt hat, aber das macht die ganze Sache ja auch spannend. 
My interest in historical market and production figures for cameras is already well known here on the blog. Serial numbers are a very good primary source for this and often allow a reasonably good conclusion about the year of production or even the production volume (see my dating tool here in the top left corner of the blog ). Some of the data is based on the camera manufacturer's official production books, but quite often collectors like me have collected numbers and other information and put together the rest of them. Not everything is always correct and consistent, as my article on the Compur serial numbers showed, but that makes the whole thing exciting.
Eine sehr niedrige Compur-Seriennummer war auch Grund für mich, meine erste Laufboden-Plattenkamera zu kaufen. Aber irgendwas daran war von Anfang an komisch. Mein Tool spuckt für die #546812 das Jahr 1919 aus, die traditionelle Zuordnung 1922/1923. Kameras unter dem orangen Agfa-Label gibt es aber erst ab 1926, als die neu gegründeten IG-Farben die Rietzschel-Kameraproduktion der Agfa zugeordnet haben. Was nun? Die Agfa Isolar trägt zum Glück noch zwei weitere Seriennummern, nämlich am Objektiv und etwas versteckt unter der Mattscheibe die Gehäusenummer, bestehend aus zwei Buchstaben und bis zu drei Ziffern. Aber auch zu diesen Nummern gibt es bisher keine klare Zuordnung zum entsprechenden Produktionszeitraum. 
A very low Compur serial number was also the reason for me to buy my first walking floor plate camera. But there was something weird about it from the start. My tool spits out the year 1919 for the # 546812, the traditional assignment 1922/1923. However, cameras under the orange Agfa label did not exist until 1926, when the newly founded IG Farben assigned the Rietzschel camera production to Agfa. What now? Fortunately, the Agfa Isolar has two more serial numbers, namely the housing number on the lens and a little hidden under the screen, consisting of two letters and up to three digits. But even these numbers have not yet been clearly assigned to the corresponding production period.

Daher habe ich mich selbst dran gemacht, etwas Licht ins Dunkel zu bringen und will hier meine Ergebnisse und einen Vorschlag dazu vorstellen. Gestützt habe ich mich zunächst auf eine Sammlung von frühen Seriennummern, die vor Jahren von Dirk Spennemann und anderen auf flickr mal zusammengetragen wurden (ca. 50 meist Agfa Standard Kameras). Ich habe diese Auswahl um 12 weitere Netzfunde ergänzt. Bei der Auswertung erkennt man Folgendes:

* An der ersten Stelle wurden nur die  Buchstaben A, B, C, D, E, F, G, H, J und K verwendet.

* An der zweiten Stelle wurden alle (25) Buchstaben relativ gleich verteilt verwendet, auch hier fehlt das I. Dies wurde von Agfa damals wohl grundsätzlich nicht benutzt, selbst ein Objektiv hieß Jge(s)tar.

* Es folgen zwei oder drei Ziffern, damit ergeben sich 1000 Kameras pro Buchstabenblock, 25.000 Kameras pro Startbuchstaben, bzw. 250.000 Kameras, die insgesamt mit diesem Schema abgedeckt werden können. 

Therefore, I have made it myself to shed some light on the darkness and want to present my results and a suggestion here. I initially relied on a collection of early serial numbers that were compiled years ago by Dirk Spennemann and others on Flickr (approx. 50 mostly Agfa standard cameras). I have added 12 more net finds to this selection. The evaluation shows the following:

* In the first place only the letters A, B, C, D, E, F, G, H, J and K were used.

* In the second place, all (25) letters were used relatively evenly distributed, the I is also missing here. This was probably not used by Agfa at the time, even a lens was called Jge (s) tar.

* This is followed by two or three digits, resulting in 1000 cameras per block of letters, 25,000 cameras per starting letter, or 250,000 cameras that can be covered by this scheme.

Das passt ganz gut zu den Objektiv-Seriennummern, die von 200.000 bis knapp über 500.000 reichen. Wenn man annimmt, dass die Gehäusenummern von AA[00]1 hochzählen (tatsächlich ist eines mit AA442 in der Liste), dann erkennt man eine ganz gute Korrelation mit den Objektiv-Seriennummern. In der oben genannten Quelle wurde die Vermutung geäußert, dass vielleicht die ersten Buchstaben A bis K ganz simple für die Jahre 1926 bis 1935 stehen. Aber das ist etwas zu kurz gesprungen, würde es doch bedeuten, dass Agfa in jedem Jahr maximal (!) 25.000 Kameras gebaut hat (s.u.). Und auch andere Tatsachen passen nicht, so wären alle gesichteten ISOLAR's in den 1930ern entstanden, wo sind dann die von 1927ff?
That goes very well with the lens serial numbers, which range from 200,000 to just over 500,000. If one assumes that the body numbers count up from AA[00]1 (in fact one with AA442 is in the list), then one can see a quite good correlation with the lens serial numbers. In the above-mentioned source, the assumption was made that perhaps the first letters A to K quite simply stand for the years 1926 to 1935. But that is a bit too short. It would mean that Agfa has built a maximum (!) of 25,000 cameras each year (see below). And other facts do not match neither, so all the ISOLARs that were listed would have originated in the 1930s, where are all those from the late 20ies?

Ich bin daher noch tiefer in die Agfa-Geschichte eingestiegen und habe mir zu diesem Zweck sogar „DAS" AGFA-Buch gekauft. Dieses liefert keinerlei Informationen direkt zu den Seriennummern, allerdings die Bestätigung, dass tatsächlich keine Produktionsaufzeichnungen aus dem Münchener Kamerawerk erhalten sind. Dafür viele andere Hintergrundinfo und grobe Produktionszahlen der ersten Agfa Jahre. Diese finden sich mit meinem Vorschlag einer Zuordnung in der folgenden Tabelle. 
So I went even deeper into the Agfa story and bought “THE" AGFA book for this purpose. This does not provide any information about the serial numbers directly, but confirms that no production records have actually been received from the Munich camera factory. Instead, lots of other background information and rough production figures from the first Agfa years were given. These can be found in the following table with my suggestion of an assignment.

Jahr
Kameraproduktion Gehäusenummer (ca.) Objektivnummer (ca.)
1926 45.000 AA xxx - BV xxx 200.000 - 250.000
1927 84.000 BW xxx - FE xxx 250.000 - 370.000
1928 90.000 (+ 40.000)* FF xxx - JU xxx 370.000 - 500.000
192960.000 (+200.000)* JV xxx - KH xxx** >500.000
year
camera production body serial no (c.) lens serial no (c.)
1926 45.000 AA xxx - BV xxx 200,000 - 250,000
1927 84.000 BW xxx - FE xxx 250,000 - 370,000
1928 90.000 (+ 40.000)* FF xxx - JU xxx 370,000 - 500,000
192960.000 (+200.000)* JV xxx - KH xxx** >500,000
* Im Jahr 1928 startete die sehr erfolgreiche Billy-Serie mit anderer Seriennummer und einfachen Objektiven ohne Nummer, die auch 1929 den Großteil der Produktion ausmachte.
** letzte bekannte Nummer

* In 1928 the very successful Billy series started with a different serial number and simple lenses without a number, which also accounted for the majority of production in 1929.
** last known serial no.


Trotz Weltwirtschaftskrise stieg das Agfa-Kamerwerk in München zahlenmäßig ab 1930 zu Europas größtem Hersteller auf und wurde weltweit nur noch von Kodak in Rochester, NY übertroffen. Im Zentrum des Erfolges standen zunächst die eher einfachen und preiswerten Kameras wie die Billy-Serie sowie ab 1930 die Box, die sich im ersten Jahr 44,000 mal verkaufte. Die Laufboden- und Rollfilmkameras der Standard- und Isolar-Serien mit hochwertigen Objektiven, die hier der Gegenstand sind, waren plötzlich nicht mehr gefragt. Laut Kadlubek's Buch stapelten sich über 70,000 solcher Kameras 1930 in Agfa's Lägern, die sich danach nur langsam leerten. Ich bin aufgrund dieser Information und den gesichteten Kameras geneigt zu behaupten, das deren Produktion spätestens im Jahr 1930 eingestellt wurden. Viele Modelle blieben bis ca. 1935 im Agfa Verkaufsprogramm und wurden (wie uns der Photo Porst Katalog von 1932 verrät) zu Ramschpreisen an den Mann gebracht (die Isolar 408 für 75,90 RM statt zunächst 138 RM). 
Eine wichtige Stütze dieser These und meiner ganzen Zuordnung sind auch auch die gesichteten Kameras mit dem RIM-Compur, der bekanntlich 1928 auf den Markt kam. Einige der Standard-Kameras tragen einen solchen und zwar alle mit sehr niedrigen 2.0xx.xxx Nummern, die sich den Produktionsjahren 1928 und 1929 zuordnen lassen. 
Despite the global economic crisis, from 1930 the Agfa camera factory in Munich grew to Europe's largest manufacturer and was only surpassed worldwide by Kodak in Rochester, NY. The focus of success was initially on the rather simple and inexpensive cameras such as the Billy series and, from 1930, the Box, which sold 44,000 times during the first year. The plate and roll film cameras of the Standard and Isolar series with high-quality lenses, which are the subject here, were suddenly no longer in demand. According to Kadlubek's book, over 70,000 such cameras were piled up in Agfa's warehouses in 1930, which then only emptied slowly. Based on this information and the cameras I have seen, I am inclined to say that their production was discontinued by 1930 at the latest. Many models remained in the Agfa sales program until around 1935 and (as the Photo Porst catalog from 1932 reveals) were sold at junk prices (the Isolar 408 for RM 75.90 instead of RM 138 at first). The cameras sighted with the RIM Compur shutter, which, as is well known, were launched on the market in 1928, are also an important support of my theory and the entire assignment. Some of the standard cameras have one, all with very low 2.0xx.xxx numbers that can be assigned to the production years 1928 and 1929.
Typische Agfa Seriennummer
an meiner Optima Reflex
Typical Agfa serial number
on my Optima Reflex
Die Billy-Kameras, die ab 1929 (und später zusammen mit der Box) einen Großteil der Produktion ausmachten, verwendeten eine leicht modifiziertes Seriennummer Schema, das noch tiefergehend ergründet werden will. Die Zahl ist nun vierstellig und tritt immer noch in Kombination mit einer vorangestellten Buchstabenfolge auf, die manchmal aber auch Ziffern enthält. Die einfachen Agfa Objektive (Jgestar, Agnar, Bilinar, etc.) verwenden keine eigenen Seriennummern mehr. Ab Mitte der 1930er bis  ca. Ende der 1960er Jahre tragen die hochwertigeren Kameras dann alle Seriennummern mit zwei Buchstaben gefolgt von vier Ziffern. Ich habe schon ‘zig davon gesichtet und es sieht so aus, als ob die Kameras in Blöcken mit ähnlichen Seriennummern produziert wurden. So habe ich für die Optima Reflex (1961-1963) insgesamt 9 Nummern mit den Buchstabenkombinationen "ZU", "ZV" oder "ZW" gefunden, für "ZU" gibt es allerdings auch andere Agfa-Kameras.   Aber um hier wirklich Licht reinzubringen, braucht es vermutlich hunderte Seriennummern mit weiteren Infos. Ich bleibe dran und bereite auch das vielleicht irgendwann mal auf. Wer Lust hat zu helfen: Bitte schickt mir eure Agfa Seriennummern mit Kamera, Objektiv (-Nr), Bild, etc. an knippsen (at) icloud (.) com. 
The Billy cameras, which made up a large part of production volume of 1929, used a slightly modified serial number scheme that needs to be explored in more detail. The number now has four digits and still occurs in combination with a preceding sequence of letters, which sometimes also contains digits. The simple Agfa lenses (Jgestar, Agnar, Bilinar, etc.) no longer carry own serial numbers. From the mid-1930s to around the end of the 1960s, the higher-end cameras then all have serial numbers with two letters followed by four digits. I've seen dozens of them and it looks like the cameras were produced in blocks with similar serial numbers. E.g., the Optima Reflex (1961-1963) a total of 9 units with the letter combinations "ZU", "ZV" or "ZW" have been sighted, but there are also other Agfa cameras for "ZU". But to really shed some light on this, you will probably need hundreds of serial numbers with further information. I will stick with it and maybe at some point publish more work here, too. If you want to help: Please send me your Agfa serial numbers with camera, lens (-no.), pictures, etc. to knippsen (at) icloud (.) Com.
Jetzt habe ich also die zeitliche Zuordnung der frühen Agfa-Kameras nach ihrer Gehäuse oder Objektiv-Nummer vorgeschlagen, die Ausgangsfrage nach der niedrigen Compur-Nummer an meiner ISOLAR noch nicht beantwortet. Zum Glück verhält es sich mit den anderen von mir gesichteten ISOLARs genauso: alle haben einen "Dial-Set" Compur mit 6-stelliger Seriennummer und wurden nach Gehäuse-Nr. zwischen 1928 und 1930 gebaut. Damals führte Deckel gerade den "RIM-Set" Compur am Markt ein und ich behaupte mal kühn, dass alle danach produzierten Kameras mit Dial-Set-Verschlüssen nur noch aus (Jahre alten) Lagerbeständen versorgt wurden. Außerdem ist z.B. von Photo Porst bekannt, dass alte Kameras von den Händlern bei Neukauf in Zahlung genommen wurden. Ich kann mir gut vorstellen, dass wertvolle Teile wie der Verschluss durchaus wiederverwendet wurden ("refurbished" würde man heute sagen). Daher kann mein Verschluss an der Isolar durchaus aus den frühen 1920ern stammen, die Kamera selbst wurde 1928 zusammengeschraubt.
However, now I have suggested the chronological assignment of the early Agfa cameras according to their body or lens number, but so far missed to answer the initial question about the low Compur number on my ISOLAR. Fortunately, all the other ISOLARs I have sighted are the same: they all have a "Dial-Set" Compur shutter carrying a 6-digit serial number but according to body no. were built between 1928 and 1930. At that time, Deckel was just launching the "RIM-Set" Compur shutter on the market. I just boldly claim that all cameras with dial-set shutters produced afterwards were only supplied from (year-old) stocks. It is also known from Photo Porst, for example, that dealers took old cameras in as part of a new purchase. I can well imagine that valuable parts such as the shutter have been reused ("refurbished" would be called today). So my shutter on the Isolar could well be made in the early 1920s; the camera itself was assembled in 1928.

2021-05-01

Agfa Isolar 408 (9x12)

Normalerweise gehören Platten- bzw. Laufbodenkameras nicht in mein Beuteschema und es soll auch keine neue Sammelkategorie werden. Aber bei dieser Agfa Isolar 408 (9x12) von ca. 1927 konnte ich nicht widerstehen. Einziger Grund für den Kauf war mein bekanntes Interesse für den Aufstieg der Kleinbildkameras am Anfang der 1930er Jahre und da wollte ich den "Gegner" mal besser kennenlernen. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber noch im Jahr 1931 (als ganz viele "Kleinfilmkameras" auf den Markt kamen) betrug der Marktanteil der Plattenkameras ca. 67%. Jedenfalls bei Photo Porst, dem größten deutschen (Versand-) Händler damals. 44% allein fielen auf 9x12-Plattenkameras, die alle ein fast identisches Featureset aufwiesen. Diese Agfa Isolar war die populärste und wurde bei Porst mehr als 5000 mal pro Jahr verkauft (das sind über 20 pro Werktag), für 1931 entspricht das fast 12% des gesamten Photo Porst Umsatzes, der stolz mit 3.49 Millionen RM angegeben wird. 

Kurz mal zu den Eigenschaften und Funktionsweise dieser Kamera, die wie gesagt für die ganze Klasse zutreffen: Zusammengeklappt ist das Ding ungefähr so groß wie ein dickeres Taschenbuch. Dann klappt man durch einen kleinen Knopf die Frontseite auf und läßt diese gehalten von seitlichen Streben genau im 90° Winkel einrasten. Das wird der Laufboden. Auf dessen Schienen zieht man nun Objektiv und Verschluss bis zum Unendlich-Anschlag heraus, wobei sich der Balgen auffaltet. Es gibt drei Suchervarianten: 1) einen sog. Brilliantsucher zum Anpeilen des Objektes, wenn man die Kamera vor dem Bauch hält und von oben drauf guckt; 2) einen Sport- bzw. Actionsucher, ausklappbar aus Draht; und 3) die Mattscheibe an der Stelle, wo später die Platte oder der (Plan-)Film sitzt. Dies meist für Stilleben vom Stativ, für das die Kamera im Übrigen drei Stativgewinde besitzt. Auf der Mattscheibe erscheint das Bild seitenverkehrt und auf dem Kopf, man kann aber genau scharfstellen und für Nahaufnahmen gibt es sowieso keine andere Sucheralternative. 



Für solche Nahaufnahmen (oder auch "Tele"-Aufnahmen mittels einer die Brennweite verlängernden Vorsatzlinse) besitzt die Kamera einen "Doppelten Auszug", sprich eine Verlängerung des Laufbodens um mehr als eine weitere Brennweite. Mit diesem kann die Isolar Objekte bis zur Naheinstellgrenze von nur 26 cm scharfstellen und damit in Originalgröße abbilden.  Das ist übrigens der Grund, warum die meisten Laufbodenkameras quasi standardmäßig im Hochformat ("Portrait") stehen: Einfach, weil dadurch die lange Seite runterklappt und man so einfacher auf den nötigen Auszug kommt, als beim Querformat ("Landschaft").


Solche Laufbodenkameras waren die vorherrschende Kameraklasse des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, jedenfalls für alle die sich ernsthaft mit Fotografie beschäftigten. Fast jeder Kamerahersteller hatte mehrere solcher Modelle im Programm. Agfa, eigentlich eine reine Chemie-Firma, die sich auf Photochemie und Filme spezialisiert hatte, kam im Rahmen der großen Industriefusion zur IG-Farben im Jahr 1926 zur eigenen Kameraproduktion. Der zuvor zu Bayer in Leverkusen gehörende Kamerahersteller Rietzschel aus München wurde in die unter Agfa firmierende Photosparte des Konzerns eingegliedert und die bestehende Modellpalette nun unter diesem Namen vertrieben. Die Isolar 408 basiert auf der früheren Rietzschel Condor Luxus und wurde wohl von ca. 1928 bis 1930 produziert. 
Wann genau mein Exemplar hier produziert wurde ist nicht einfach zu sagen. Mich lockte beim Kauf u.a. die sehr niedrige Computer-Seriennummer (#546812), allerdings widersprechen die beiden anderen (wenig erforschten) Seriennummern am Gehäuse und Objektiv einer frühen Einordnung. Hier werde ich mich nochmal in einem Extra-Beitrag auslassen...

Datenblatt Platten- bzw. Laufbodenkamera für 9x12 Glasplatten oder Filmpacks
Objektiv Agfa Solinear 4.5/13.5 cm (4 Linsen in drei Gruppen, Tessar Typ), Blende aus 10 Lamellen, Stufen: 4.5-5.6-8-11-16-22-32-44
Verschluss "Dial-Set" Compur (T-B-1-2-5-10-25-50-100-200), #546812
Fokussierung über Verschieben des ganzen Objektivs auf dem Laufboden, Anschlag für Unendlich, Feinjustierung mit Mikrometerschraube.
Sucher 1) Brilliantsucher, drehbar für Hoch- und Querformat; 2) Sportsucher, ausklappbar; 3) Mattscheibe mit aufklappbaren Sichtschutz
Filmthandling Mattscheibenrückteil wird gegen Platten- oder Filmhalter ausgetauscht. Filmpack- und Rollfilmadapter (für 6x9 Ausschnitt) als Zubehör erhältlich.
sonst. Ausstattung Anschluss für Drahtauslöser, 3 Stativgewinde 3/8‘‘, Verschieben des Objektiv auch nach oben/unten sowie rechts/links mit Mikrometerschrauben möglich, optionaler Gelbfilter oder Tele-Linsen in Aufsteckfassung.
Maße, Gewicht ca. 53 x 107 x 150 mm (zugeklappt), 1250 g
Baujahr(e) 1928-1930, diese #FZ265 von 1928
Kaufpreis, Wert heute 138 RM (1928), 75,90 RM (Porst, 1932), heute ca. 50 €
Links IFM-Wolfen, Anleitung, Camera-Wiki

Die Agfa Isolar Seiten aus dem Photo-Porst Katalog von 1932. Porst konnte wohl wegen der großen Anzahl die Kamera besonders günstig anbieten. Andere Kameras aus dieser Klasse finden sich z.T. deutlich teurer in diesem Katalog. 
Zubehör (siehe rechts) wurde mehr oder weniger normiert für alle Kameras gleich angeboten.