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2025-12-12

Zulauf Bebe

Dieser ganz besondere Fang für meine Sammlung gelang mir am letzten Sonntag auf der Fotobörse Darmstadt. Es handelt sich um eine Zulauf Bébé Spreizenkamera für das Miniatur-Plattenformat 4.5 x 6 cm. Gebaut wurde sie ab ca. 1908 bis 1911 vom Schweizer Fotounternehmer Gottlieb Zulauf in Zürich. Zulauf hatte ursprünglich in seiner Züricher Werkstatt Mikroskope und andere optische Geräte produziert und wohl gegen 1901 begonnen, eigene Plattenkameras zu bauen. Einigen Erfolg hatte er dann mit diesem für damalige Plattenkameras sehr kompakten und entsprechend "Bébé" genannten Modell und mit der Stereokamera Polyscop, die im Wesentlichen eine doppelte Bébé war. Die Objektive kamen (unter anderem) von Carl Zeiss in Jena, deren Management auf diesen talentierten Schweizer und seine Kameras aufmerksam wurde.

Man machte Gottlieb Zulauf 1911 ein Angebot, dass er vermutlich nicht ablehnen konnte oder wollte: Er verkaufte seine Kamerakonstruktionen und die Firma an ICA in Dresden, bekam dafür ein signifikantes Aktienpaket der ICA und wurde Mitglied des Direktoriums und technischer Direktor. ICA (Internationale Camerafabriken Aktiengesellschaft) war 1909 als erster größerer Merger der deutschen Kameraindustrie aus den Firmen Hüttig (Dresden), Krügener (Frankfurt), Wünsche (Reick b. Dresden) und Carl Zeiss Palmos (Jena) entstanden. Die Carl Zeiss Stiftung als vermutlich wichtigster Aktionär der ICA zog im Hintergrund die Fäden. Bébé und Polyscop wurden ab 1912 dann als ICA Modelle weitergeführt, in Dresden bis ca. 1925 produziert und bekamen neben kleineren Design-Änderungen auch einen anderen Verschluss. Gottlieb Zulauf schied schon 1918 bei ICA aus und kaufte 1922 in Zürich eine Fotohandlung, die er noch bis zu seinem Ruhestand 1933 betrieb

Stichwort Verschluss: Ich war natürlich neugierig, habe aber nirgendwo etwas zum Verschluss der Bébé lesen können. Immerhin wird er mit einem Schieber in Form einer kleinen Messingkugel gespannt und erlaubt die Verschlusszeitenreihe B-2-3-5-10-25-50-100 (1/s). Diese wird mit einem Hebel am Objektiv eingestellt, eine Anordnung, die so gar nichts mit den Drehrädchen der damals üblichen Compound (Deckel) oder Kollos/Ibso (Gauthier) Zentralverschlüssen zu tun hatte. 
Wie man links sieht, habe ich also den Schraubenzieher zur Hand genommen und Objektiv und Frontplatte (Messing) abgeschraubt. Darunter kommt ein pneumatisch gehemmter Guillotinenverschluss zum Vorschein mit zwei rechteckigen Stahlblechen als verschließende Elemente. Den Zylinder des Hemmwerks erkennt man auf der linken Seite des GIFs. Dieser wird über eine Feder gespannt, pneumatisches Medium ist wohl Luft. Die verschiedenen Verschlusszeiten werden nicht wie bei anderen pneumatischen Verschlüssen (z.B. Compound) durch das Verändern der Luftauslass-Öffnung gebildet, sondern durch unterschiedlich lange Hebelwege der Sperrklinke des zweiten Verschlussbleches. 

Ich habe keine Ahnung, ob es solche Verschlüsse auch von anderen Herstellern und in anderen Kameras dieser Zeit gab, muss ich tatsächlich mal recherchieren. Jedenfalls hat der Verschluss als Zulauf'sche Eigenkonstruktion den Umzug der Bèbé Produktion nach Dresden nicht "überlebt": Die dann ICA-gelabelten Bébé Modelle bekamen einen modifizierten Compound-Verschluss (ebenfalls mit pneumatischen Hemmwerk), zu erkennen am charakterisitschen Drehrädchen neben dem Objektiv auf der Frontplatte.


Datenblatt Spreizenkamera für das Miniatur-Plattenformat 4.5 x 6 cm
Objektiv Carl Zeiss Tessar 7.5 cm f/4.5, #145472 (1910), abblendbar mit 9-Segment-Irisblende f/4.5-6.3-9-12.5-18-25-36
Verschluss pneumatisch gehemmter Guillotinen-Verschluss, B-2-3-5-10-25-50-100 (1/s). Eigene Zulauf-Konstruktion
Fokussierung Mit Fokushebel/Schneckengang, der das ganze rechteckige Verschlussgehäuse verschiebt. Skala bei meinem Exemplar in Fuß, kleinste Entfernung 3 Fuß (1 m).
Sucher ausklappbarer optischer Rechtecksucher mit Fadenkreuz.
Foto-Material Glasplatten oder Filmpacks im Format 4.5 x 6 cm
sonst. Ausstattung optinale Mattscheibe anstelle der Fotoplatte, 3/8'' Stativgewinde
Maße, Gewicht ca. 65x85x40/84 mm (zusammen-/aufgeklappt), 399 g
Baujahr(e) 1908(?) - 1911, diese #986 ca. 1910
Kaufpreis, Wert heute (ICA-Bebe: 72 US$, 192x), Zulauf ?, heute: ca. 200 - 400€
Links Camera-WikiCoeln-CamerasICA Bebe, EarlyPhotography

2024-12-25

Weihnachtsfotos auf alten Glasplatten

Diese Schachtel mit alten Glasplatten-Negativen fiel mir auf der Darmstädter Fotobörse vor 4 Wochen  in die Hände und ich habe sie spontan für ein paar Euro gekauft. Das aufgeklebte, handgeschriebene Schildchen mit „Familienphotos bis 1914“ weckte meine Neugier. Ein erster Kontrollblick auf der Börse zeigte einen Stapel gut erhaltener Glasnegative in Cellophanhüllen, drei davon im kleinen Plattenformat 6.5x9 cm, die anderen waren 9x12 cm groß. 

Diese Negative wurden natürlich mit Plattenkameras aufgenommen, wie ich sie hier oder hier schon beschrieben habe. Früher hat man von solchen Glasplatten Kontaktkopien hergestellt, z.B. mit Agfa Lupex Kopierpapier. Ich habe heute natürlich andere Möglichkeiten und die digitalen Abzüge, die ich hier auf der Seite veröffentliche, habe ich mit dem Aufbau links gemacht, mit einfacher Bildbearbeitung ins Positiv verwandelt und in brauchbare Form gebracht. 

Zwei der kleineren Platten zeigen eine Familie unter dem Weihnachtsbaum. Wenn man genau hinschaut, sieht man mindestens zwei Details, die eine zeitliche Einordnung erlauben: Zum einen trägt der mittlere Sohn der Familie ein Hemd mit Reißverschluss (erstmals ab Mitte der 1930er für weite Kreise verfügbar), außerdem weht auf der Ritterburg des Jüngsten eine kleine Hakenkreuzflagge.


Die größeren 9x12 Platten zeigen vermutlich ältere Motive. Nach der Mode zu urteilen, würde ich allerdings nur bei der Frau mit dem Kinderwagen und eventuell bei der Silberhochzeitsgesellschaft (?) von frühem 20. Jahrhundert ausgehen. Die anderen beiden Aufnahmen wirken für mich etwas moderner (evtl. 1920er Jahre?). Aber, urteilt selbst! Ich hoffe, ich trete mit der Veröffentlichung dieser alten Familienaufnahmen niemanden auf die Füße. Wenn jemand die Fotos kennt und mehr dazu erzählen kann, bitte unten kommentieren. Ansonsten: Frohe Weihnachten!


2024-01-10

Kleinbildfotografie aus der Filmperspektive

Die Entstehung und später der Siegeszug der Rollfilm- und speziell der Kleinbildfotografie in den 1920er und 1930er Jahren ist ein sehr interessantes Gebiet für uns Kamerasammler. Leider wird die Bedeutung von Oskar Barnack‘s Leica dazu in populären Darstellungen aber auch in sonst seriösen Abhandlungen viel zu sehr überhöht. Als ob eine einzelne Kamera eine solche technische Revolution auslösen könnte. Die eigentliche Revolution fand nämlich im Hintergrund statt. Ich spreche vom fotografischen Film, der zwar schon am Ende des 19. Jahrhunderts erfunden wurde, aber insbesondere in den 1920er Jahren enorme Fortschritte, ja Qualitätssprünge machte. Diese möchte ich hier im Folgenden einzeln erläutern und entsprechend würdigen. 

Negativformat und Qualität - der Ausgangspunkt
Filmherstellung in den 1930ern. 
Mehr Details hier.

Je kleiner das Negativ, desto mehr treten Qualität und insbesondere ihre Mängel des entsprechenden Filmmaterials im finalen Bild zutage. Für die im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts vorherrschenden Plattenkameras waren Kontaktabzüge von der negativen (Glas-)Platte die Regel. Die fotografische Emulsion durfte relativ grobes Korn zeigen, kleinere Fehler, Risse, Lufteinschlüsse oder schlicht Staub fielen nicht sehr ins Gewicht. Die Kameras waren dadurch eh groß und schwer und standen deshalb meist auf einem Stativ, die Lichtempfindlichkeit der fotografischen Schicht war daher mit 3-10 DIN (heutige Definition) meist ausreichend. 

Die Erfindung des Rollfilms

Rollfilme wurden von Eastman Kodak schon 1889ff zusammen mit einfachen Boxkameras auf den Markt gebracht. Über die Erfindung des Rollfilms durch Hannibal Goodwin habe ich hier schon geschrieben. Mehr als Boxkamera-Bildqualität (einlinsige Fixfokus-Optik) war auch vom Film her nicht drin. Auch diese Negative wurden per Kontaktkopie zum Foto. Auf der Produktionsseite gab es noch einige Probleme zu lösen, vieles ging immer wieder schief. Bei Agfa (damals noch in Berlin) waren die Probleme so groß, dass man sich 1905 aus dem Filmgeschäft wieder zurückzog und erst mit dem Sog des lukrativen Kinefilm-Marktes ein paar Jahre später wieder damit begann und letztendlich zu Europas größtem und nach Kodak weltweit zweitgrößtem Filmhersteller wurde.

Der Kinefilm und sein Einfluss

Der Kinefilm und sein fulminanter Aufstieg zum neuen Bewegtbildmedium in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts trug auch entscheidend zur Qualitätssteigerung des ‚normalen‘ Negativfilms bei. Zunächst einmal trennte sich Hersteller-seitig die Spreu vom Weizen. Filmherstellung in solch großen Mengen erforderte nicht nur entsprechendes Know-How, sondern auch große Investitionen in die entsprechenden Maschinen. Etwas, was sich nur ein paar von den bis dahin sehr zahlreichen Fotoplattenfabriken (bzw. ‚-manufakturen‘) leisten konnten. Die meisten von den später erfolgreichen zogen außerdem aus Qualitäts- und Platzgründen aus der Stadt aufs Land oder zumindest an den Stadtrand: Agfa vom Smog-geplagten Berlin nach Wolfen, Perutz an den Münchner Stadtrand und Adox von Frankfurt ins nahe Neu-Isenburg. In allen Fällen führte die bessere und staubfreiere Luft zu viel weniger Qualitätsdefekten beim fertigen Film. Kinefilm hat nicht dieselben technischen Anforderungen wie normaler Negativfilm. Was Produktionsqualität angeht aber auch bei den Herstellkosten haben sie beide voneinander über die Jahre profitiert.

Sensibilisierung mit speziellen Farbstoffen erweitert
die spektrale Empfindlichkeit. Quelle: Wikipedia
Spektrale Empfindlichkeit - Orthochromasie

Die Sensibilisierung der lichtempfindlichen Silberbromid-Emulsion für den gesamten Wellenlängenbereich des sichtbaren Spektrums und damit die richtig empfundene Wiedergabe der Farben in Graustufen ist für mich die zentrale Entwicklungsaufgabe der Filmindustrie, die erst gegen Mitte der 1930er Jahre als abgeschlossen gelten kann. Seit der Entdeckung durch Hermann Wilhelm Vogel im Jahr 1873, dass der Zusatz von bestimmten Farbstoffen die spektrale Empfindlichkeit der Emulsion erweitert wurde auf dem Gebiet sowohl akademisch (Vogel wurde der erste Professor für Photochemie an der Königlich Technischen Universität Berlin, Adolf Miethe 1899 sein Nachfolger) als auch in der sich etablierenden Fotoplatten- und Filmindustrie intensiv geforscht. Es ist wohl kein Zufall, dass viele der auf dem Gebiet erfolgreichen Firmen eigentlich Farbstoffhersteller waren.
Hermann Wilhelm Vogel,
Erfinder der Senibilisierung
Die Aktiengesellschaft für Anilinfarben (kurz: Agfa) ist nur ein prominentes Beispiel. Die Firma, die bei dem Thema aber wohl alle anderen vor sich her trieb war die Otto Perutz Trockenplattenfabrik GmbHSie unterhielt seit den 1880er Jahren intensive Kontakte zur Forschung in Berlin und implementierte die neuesten Erkenntnisse mit als erste in Form neuer Fotoplatten und -filme. Arthur Traube, der zusammen mit Miethe 1902 die panchromatische Sensibilisierung erfunden hatte, wechselte 1910 als Technischer Direktor zu Perutz nach München. Ihr wichtigstes Produkt wurde die Perortho-Grünsiegel-Platte und natürlich später der Grünsiegel-Film. Noch im Photo-Porst Katalog von 1932 kann man lesen: „Perutz hält in Bezug auf Orthochromasie noch immer die Führung unter allen Filmfabrikaten.“ Im Bezug auf die Rollfilm- und Kleinbildfotografie ist folgender Aspekt interessant: Orthochromatisches Material ist trotz (oder gerade wegen) seiner Rotblindheit bevorzugt bei Platten- und Planfilmfotografen, die ja ihre Negative einzeln bei Rotlicht in der Dunkelkammer „nach Sicht“ entwickeln. Erst die Rollfilme, die komplett im Dunkeln entwickelt werden, haben einen relevanten Markt für panchromatisches Material entstehen lassen. 

Entwicklung der Filmempfindlichkeit
über die Jahre von 1920 bis 1937.
Quelle: Agfa Isopan ISS Prospekt 
Allgemeine Empfindlichkeit und ihre Normung 

Mit der Ausweitung der spektralen Empfindlichkeit und anderen Prozessverbesserung stieg über die Jahre die allgemeine Empfindlichkeit, wie man schön an der Grafik links aus dem Agfa Isopan Super-Spezial Prospekt von 1937 sehen kann. Agfa hatte sich mit diesem höchstempfindlichen Film (heute: ISO 200/24) in diesem Aspekt an die Spitze des Feldes gesetzt, in dem sie den von ihrem Mitarbeiter Robert Koslowsky gefundenen Gold-Effekt implementierten (und bis zum Ende des 2. Weltkriegs geheim hielten). 
Die Filmempfindlichkeit wurde 1934 in die DIN-Norm 4512 gefasst (die bekannte amerikanische ASA-Norm entstand erst in den 1940ern) und erlaubte erstmals objektive Vergleiche verschiedener Filme anhand einheitlicher Messverfahren. Die zuvor meist verwendeten Scheiner-Grade waren eigentlich nur bis zu Stufe 20 definiert und es gab Ende der 1920er Jahre nicht nur technische Empfindlichkeitssteigerungen darüber hinaus, sondern fast auch eine Inflation der Zahlen, da jeder Filmhersteller seine eigenen Messverfahren und Definitionen anwendete und eher nach oben „rundete“. 
Die DIN 4512 und auch die ASA Norm wurden übrigens Anfang der 1960er nochmal angepasst, sodass Filme ohne Emulsionsänderung nochmal 3 DIN dazu bzw. den doppelten ASA-Wert bekamen. Die Standard-Empfindlichkeit von 15/10 - 18/10 DIN (entspricht heute ISO 50-100) wurde also Anfang der 1930er Jahre erreicht, für mich eine zentrale Voraussetzung für die Roll- und Kleinbildfotographie, die ja meist aus freier Hand und ohne Stativ erfolgte. Verwackeln wird nämlich genauso wenig vom Vergrößerer verziehen wie Staub oder Kratzer.  

Feinkorn und Auflösung

Korngröße, Empfindlichkeit und
Feines Korn hängt nicht nur vom Film selbst ab
(Empfindlichkeit), sondern auch von der Entwicklung.
Quelle: Hans Windisch, Die Neue Foto Schule (1941) 
Auflösungsvermögen sind Parameter, die sich nicht unabhängig voneinander optimieren bzw. verbessern lassen. Das ist der Grund, warum es verschiedene Filme mit entsprechendem Schwerpunkt auf einzelne Parameter gab und noch gibt. Trotzdem wurden im Laufe der hier betrachteten Jahrzehnte enorme Fortschritte bzgl. aller genannten Parameter zusammen gemacht. Erwähnenswert hier im Zusammenhang mit dem späteren Kleinbildfilm ist die Entwicklung des sogenannten Feinkornfilms. Hier stand wie so oft der Krieg Pate, zusammen mit der Erfindung der Fliegerei. Für die im ersten Weltkrieg aufkommende Luftaufklärung wurden nicht nur hochauflösende und spezielle Objektive gerechnet, sondern man brauchte auch Fotoplatten bzw. Film mit entsprechendem Auflösungsvermögen. In Deutschland hatte zuerst die damals führende Firma Perutz technische Erfolge zu vermelden und sich mit ihrem Fliegerfilm einen Namen gemacht. Ich denke auch bei Lumier in Frankreich, bei Ilford in England und Eastman Kodak in den USA aber auch bei den anderen deutschen Firmen wird es entsprechende Forschung und Entwicklung gegeben haben.
Nach dem Krieg wurden die Erkenntnisse und Verbesserungen in friedliche Filmprodukte implementiert, bei Perutz profitierte ab 1923 insbesondere die neue Film-Produktion von feinkörnigeren und höher auflösenden Emulsionen. Kurz nach Erscheinen der Leica 1925 gab es einen Leica-Spezial-Film, der später auch als erster Feinkornfilm vermarktet wird. Man sieht: Auch in diesem Aspekt ist Ende der 1920er Jahre die Technik reif für kleine, später zu vergrößernde Negative.

Der Entwickler, Lichthof- und andere Schutzschichten

Man darf bei den ganzen technischen Fortschritten bezüglich der fotografischen Emulsion nicht auch die anderen Dinge drumherum vergessen. Da sind zuerst die Entwickler- und Fixierchemikalien zu nennen, die oft sogar die Keimzelle für später erfolgreiche Firmen wurden. So geschehen bei Agfa, deren Chemiker Momme Andresen 1891 den berühmten Enwickler Rodinal (4-Aminophenol) erfand und damit die fotografische Abteilung der Farbenfabrik Agfa begründete. Rodinal steht als ältestes heute noch erhältliches Fotoprodukt übrigens im Guinness Buch der Rekorde, auch ich verwende es heute noch manchmal. Solch fertig gemischten und formulierten Entwickler verdrängten über die Jahrzehnte immer mehr die individuelle Rezeptur von Hobbyfotografen und trugen genauso wie bessere Filme zur Qualität der Bilder bei. Auch das heute noch verwendete Fixierbad (Natrium- bzw. Ammoniumthiosulfat) stammt vom Anfang der 1890er Jahre.
Lichthofschutz-Beispiel aus einer Agfa Broschüre
Ein großes Problem bis hinein in die frühen 1930 Jahre waren die sogenannten Lichthöfe, die besonders bei hellen Lichtern im Bild oder am Rand großer Kontraste auftraten und nicht nur unschön aussahen, sondern tatsächlich Bildinhalt und Auflösungsvermögen zunichte machten. Es handelt sich quasi um vagabundierendes Licht innerhalb der fotografischen Emulsion, hervorgerufen durch Reflexion am Schichträger (Glasplatte, Film) oder durch Streuung/Diffusion innerhalb der Schicht selbst. Die Lösung des Problems bestand meist in einer Extra-Schicht mit eingebetteten Farbstoffen, die dieses unerwünschte Licht absorbierten, sich aber im Entwicklungsprozess auflösen müssen. Bis Mitte der 1930er Jahre wird bei Filmen mit Wörtern wie „Antihalo“ etc. auf dies extra hingewiesen. 
Auch andere extra Schichten wurden dem an sich schon komplexen Film-Beschichtungsvorgang (man spricht vom „Guss“) hinzugefügt. Oft wird dies von Mehrfachgießköpfen in einem Arbeitsschritt erledigt. Fast alle heutigen Filme haben eine sehr dünne Kratzschutzschicht aus gehärteter Gelantine als oberste Lage, die am Ende dafür sorgen soll, dass nicht Staubkörner in der Kamera oder der Finger beim Entwickeln unschöne Kratzer im Bild machen. 

Film war ab ca. 1930 reif für die Kleinbildfotografie

Meine bis hier hin schon sehr langen Ausführungen lassen hoffentlich erahnen, welche gewaltige Fortschritte die Filmindustrie in den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts geschafft hat. Die Rollfilme der frühen 1930er Jahre und speziell der 35 mm Kleinbildfilm war damit reif für die Kleinbildfotografie. Der Schwarzweißfilm der zweiten Jahrhunderthälfte wurde nicht mehr entscheidend weiter verbessert, sieht man mal von wirklich hochempfindlichen Filmen (ISO 3200) mit der T-grain Techologie ab. Aber das waren fast Nebenprodukte der neuen Herausforderungen, denen sich die Film- und Fotoindustrie ab 1935 stellte: Der moderne Farbfilm.  Aber über das Thema hatte ich ja schon früher mal in einer kleinen Seire berichtet: 1) 100 Jahre moderner Farbfilm 2) Kodachrome;  3) Agfacolor Neu4) Ektachrome and Kodacolor

Filmherstellung aus einem ORWO Prospekt


 



2023-04-01

C.P. Goerz Roll-Tenax (4 x 6.5)

Die Firma C.P. Goerz aus Berlin gehörte einmal zu den ganz großen der Fotobranche. Gegründet 1886 von Carl Paul Goerz wuchs die Firma kontinuierlich bis zum Ende des 1. Weltkriegs. Man produzierte fast alles was dazu gehörte: Kameras, Objektive, Filme, Entfernungsmesser, Verschlüsse, und dazu noch die nötigen Maschinen. Fernrohre, Schließzylinder und vieles mehr gehörten dann zu den Dingen, die Goerz im 1.Weltkrieg zum führenden Militär-Equipment Hersteller werden ließen. Der Krieg ging verloren und Goerz geriet durch das Verbot des Versailler Vertrages, weiter Kriegsgerät zu produzieren, in eine gehörige wirtschaftliche Schieflage. Die Zwangsfusion zur Zeiss Ikon (mit ICA, Contessa Nettel, Ernemann und anderen), betrieben durch den eigentlichen Konkurrenten Carl Zeiss rettete 1926 die Fabriken und Arbeitsplätze, der Name Goerz wurde fallengelassen. 
Genau aus der schwierigen Zeit nach dem Weltkrieg und vor der Zeiss Ikon Fusion stammt diese kleine Kamera. Es handelt sich um eine Roll-(Pocket) Tenax für das Format 4 x 6.5 auf 127er Film, angeblich seit 1914 auf dem Markt. Goerz produzierte (wie viele andere Kamerahersteller auch) die Roll-Tenax auch in anderen Größen, sprich für andere Rollfilme. Dies ist die kleinste Variante, die auf dem Markt der Westentaschenkameras mitmischte. Die genaue Datierung meiner Kamera ist kaum möglich, ich tippe anhand der Seriennummern von Objektiv und Verschluss mal auf 1919 oder 1920, weil  es ca. ab 1920 ein etwas verbessertes Design mit großem ledergeprägtem GOERZ-Schriftzug und anderen Laufbodenstreben gab, dieses hier aber noch das alte Design ist. Meine Kamera hat außerdem noch den heute selten anzutreffenden Compound-Verschluss, was auf eher frühe Produktion hindeutet.
Die Laufboden Roll-Tenax eingerahmt von ihren Spreizen-Schwestern Vest Pocket Kodak und Piccolette.

Ansonsten ist an der Kamera nichts außergewöhnliches, sie repräsentiert einen Standard, den man Anfang der 1920er Jahre in Deutschland von einigen Kamera-Manufakturen für die jeweils gängigen Rollfilme kaufen konnte. Die meisten von denen verwendeten Objektive von Carl Zeiss, gerne das vierlinsige Tessar oder ein einfacheres Triplet (nach Cooke), das oft ebenfalls von Zulieferern aus dem Zeiss-Konzern (z.B. die Optische Anstalt Saalfeld) stammte. Goerz gehörte zu den ernstzunehmenden Konkurrenten von Zeiss, was hochwertige Objektive anging. Das Dogmar war 1916 ihre letzte eigenständige Objektivkonstruktion (patentiert 1912, DRP258.495), die wegen ihrer Abbildungsleistung und großen Öffnung von f/4.5 gelobt wurde. Es ähnelt beim Linsenschnitt dem Tessar, wobei hier die beiden rückseitigen Linsen getrennt und nicht verkittet sind. Dogmare für Großformat-Kameras konnten auseinandergenommen werden (sog. Doppelobjektiv), um Front- und Hinterglied als einzelne Objektive (stark abgeblendet!) zu verwenden. Dabei hatte das Frontelement die 1.92-fache und das Rückelement die 1.52-fache Brennweite des kombinierten Objektivs. Goerz musste (so wie Ernemann) die Objektiv-Fertigung nach der Zeiss Ikon Fusion einstellen. 

Meine Kamera ist recht passabel in Schuss, der Verschluss funktioniert, auch wenn ich auf die Zeiten nicht mehr wetten würde. Alles ist etwas schwergängig und ich habe ein paar Tage gebraucht bis ich verstanden habe, wie man die Rückwand öffnet. Dies ist recht eigenwillig gelöst: Das Scharnier (zu sehen auf dem kleinen Bild oben ganz links) ist federgespannt verschiebbar, war aber festkorrodiert. Außerdem ist der Ausklappständer abgebrochen, ich habe ihn für die Bilder durch ein kleines Stückchen schwarzen Plastiks ersetzt.

Datenblatt Laufboden-Rollfilmkamera für Rollfilm 127 (4 x 6.5 cm)
Objektiv Dogmar 7.5 cm f/4.5 (4 einzelne Linsen), #400214
Verschluss F.Deckel Compound Zentralverschluss, T ("Z")-B-1-2-5-10-25-50-100-300, #342938 
Fokussierung keine Scharfstellhilfe, Verschieben von Objektiv und Verschluss auf dem Laufboden, kürzeste Entfernung ca. 80 cm.
Sucher kleiner Brilliantsucher, drehbar für für Hoch- oder Querformat.
Filmtransport mittels kleiner Schlüsselschraube. Rotes Filmfenster in Rückwand
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Drahtauslösergewinde.
Maße, Gewicht ca. 64 x 122 x 25 mm (geschlossen), 340 g
Baujahr(e) 1914-1926 (ab 1920 in etwas modifizierter Ausführung), diese #9248 ca. 1919.
Kaufpreis, Wert heute ??, ca. 40 €
Links Wikipedia, Camera-Wiki (Goerz), Camera-Wiki, Goerz LensesJahrbuch Artikel Dogmar 1914.
bei KniPPsen weiterlesen Rollfilm 127, Piccolette, Vest Pocket Kodak, Rollette, Icarette

2022-02-27

Icarette


Einen sehr glücklichen Fang für meine Sammlung habe ich letzte Woche mit dieser Icarette gemacht, nach interner Seriennummer im Zeitraum von 1916 bis 1918 gebaut und damit ca. 105 Jahre alt. Ich habe mir noch kein komplettes Bild der damaligen Marktsituation machen können, diese war aber auf alle Fälle komplex und sehr interessant. Die Icarette I war wie die Vest Pocket Kodak eine frühe sehr kompakte Rollfilmkamera, die zusammengeklappt tatsächlich in eine Westen- oder Hosentasche passte. Dass sie mit  dem quadratischen 6x6 cm Negativ auf ein später sehr populäres Format setzte, konnten ihre Konstrukteure bei ihrem Erscheinen im Jahr 1912 noch nicht wissen, bescherte ihr selbst aber eine sehr lange Karriere bis hinein in die 1930er Jahre. Die Kamera verwendete Rollfilm 117 (Agfa B1), der nur 6 Bilder lieferte.
Der Rollfilm selbst (unabhängig von einigen verschiedenen Typen und Formaten) steckte Anfang des 20. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen und hatte durch allerlei technische Kinderkrankheiten mit einem schlechten Ruf zu kämpfen. Anfangs gab es ihn zusammen mit billigen Boxkameras wie der Brownie No.2 . Agfa stieg wegen Qualitätsproblemen nach nur kurzer Zeit 1905 aus der Produktion von Rollfilm aus, nur um 10 Jahre später (1915) wegen stark gestiegener Nachfrage wieder einzusteigen. Das war genau die Zeit der Icarette und anderer ähnlicher faltbarer Rollfilmkameras, die damals die Zukunft der Fotografie aufzeigten.

Es sollte allerdings bis zum Anfang der 1930er Jahre dauern, bis Roll- und dann die Kleinbildkameras die bis dahin vorherrschenden (Glas-)Plattenkameras auch bei anspruchsvollen Fotografen verdrängten. (Planfilme in speziellen Kassetten stellen sicher eine Übergangsform dar).
Hier kommt der andere Teil der Geschichte ins Spiel und das betrifft die deutsche Fotoindustrie am Anfang des 20. Jahrhunderts: Viele kleine unabhängige Firmen bauen jeweils unzählige Modelle sehr ähnlicher Plattenkameras und liefern sich gegenseitig einen ruinösen Wettbewerb. Das entscheidende High-Tech (Verschlüsse und Objektive) kommt jedoch nur von wenigen Spielern. Insbesondere die Zeiss Stiftung zieht im Hintergrund die Strippen und zwingt am Ende den Markt in die Konsolidierung. So entsteht von 1909 bis 1926 die Firma ICA („International Camera AG“), die spätere Keimzelle der Zeiss Ikon (ab 1926). Details kann man woanders nachlesen (siehe Links unten). ICA produzierte natürlich viele Plattenkameras-Konstruktionen ihrer Vorgängerfirmen weiter, allerdings wurden durch die gehobenen Synergien auch Resourcen frei, die man z.B. in die Icarette als das erste gemeinsame Projekt der ICA steckte. 
Meine Icarette ist für ihr Alter noch sehr gut erhalten. Der Compound Verschluss mit seinem Luft-pneumatischen Hemmwerk scheint noch klaglos zu funktionieren. Das Objektiv musste ich putzen, aber sonst ist nichts auszusetzen. Selbst Film würde man für das Schätzchen noch bekommen. Die Bedienung ist allerdings verglichen mit späteren Kameras noch sehr archaisch: Den Laufboden muss man recht fummelig von Hand ausziehen, wie bei vielen Plattenkameras halt. Das Hebelchen für die Blendeneinstellung hätte ich fast übersehen. Und warum Brilliantsucher so heißen, muss mir auch nochmal jemand erklären. 

Datenblatt Icarette I, Typ 495. Frühe kompakte Rollfilmkamera (6x6) mit Faltbalgen auf Laufboden für Rollfilm 117.
Objektiv Ica Novar 7,5 cm f/6.8 , Seriennummer 294710
Verschluss Compound Zentralverschluss, T-B- 1-2-5-10-25-50-100-250, Seriennummer 234262
Fokussierung durch Verschieben des Balgenauszugs, kürzeste Entfernung 1m
Sucher faltbarer Brilliantsucher, ausklappbarer Sportsucher.
Filmtransport mit Drehschlüssel, rotes Rückseitenpapierfenster.
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8‘‘, Drahtauslöseranschluss
Maße, Gewicht ca. 72 x 125 x 25 mm, 397g 
Baujahr(e) 1912-1925, als Zeiss Ikon Kamera noch bis ca. 1934. Dieses Exemplar mit Seriennummer E20182 von ca. 1916-1918.
Kaufpreis, Wert heute ?, 30 €
Links Camera-Wiki, ICA Geschichte K. Ries, Wikipedia, Collectiblend, Oldcamera-Blog
Bei KniPPsen weiterlesen Kodak Junior No.1a, Hannibal Goodwin, Vest Pocket Kodak, Rollfilm 117

P.S. In einer früheren Version dieses Beitrags hatte ich behauptet, die Icarette würde 120er Rollfilm verwenden. Der passt tatsächlich wegen der breiteren Spule nicht in schlanke Kamera.

2021-06-07

111 Jahre Compur

Titel des Compur Patents (Klicken für ganzes Dokument)

Heute vor 111 Jahren wurde eine der wichtigsten Erfindungen der Fotogeschichte zum Patent erteilt: der berühmte Compur-Verschluss. Er war sogar in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Technologisch, weil er der erste Verschluss mit einem Räderhemmwerk (Uhrwerk) war, der die ganze Zeitenreihe von 1 Sekunde bis zur kürzesten Verschlusszeit (1/200 s bzw. 1/300 s) sehr präzise und reproduzierbar erzeugen konnte. Die immer besser und empfindlicher werdenden Filme würden das brauchen... Dann war das Patent aber auch wirtschaftlich bedeutsam, da Christian Bruns als ehemaliger Mitstreiter von Friedrich Deckel sein Patent an die Carl Zeiss Stiftung verkaufte, diese aber den Verschluss bei Deckel bauen ließen. Damit hatte Zeiss neben den von Paul Rudolph erfundenen Objektiven ihr wohl wertvollstes Ass im Ärmel und kontrollierte spätestens seit der Etablierung von Zeiss Ikon (1926) und den (geheimen) Beteiligungen an Deckel und Gauthier ein Verschluss-Monopol, das weit über Deutschland hinaus reichte.

Compur an einer Laufboden-
kamera aus den 1920ern mit 
Patentnummer darunter.
Compur-Verschlüsse auf Basis dieses Patents werden bis in die 1960er Jahre hinein in großer Stückzahl gebaut (insgesamt wohl mehr als 8 Millionen Stück), natürlich gab es im Laufe der Zeit Verbesserungen, wie hier nachzulesen. Der Wettbewerb mit japanischen Herstellern und auch dem Schlitzverschluss läutete den Niedergang der einst weltweit führenden deutschen Kameraindustrie in den 1970ern ein. Vielleicht hatte man sich zu sehr auf den Zentralverschluss und sein Aushängeschild Compur verlassen...

Über Christian Bruns selbst findet man leider nicht viel, außer der Tatsache, dass er mal bei Steinheil in München gearbeitet hat und dort Friedrich Deckel traf, mit dem er zusammen eine Firma gründete, um den Vorläufer des Compur, den Compound-Verschluss zu vermarkten. Beide trennten sich 1905 wieder, Deckel wurde Alleininhaber und Bruns gründete seine eigene Firma, wie man auf dem Patent lesen kann. Wer das "&CO." war konnte ich nicht herausfinden, vielleicht sein Bruder (?) Heinrich Bruns, der auf der amerikanischen Patentanmeldung US-Pat 1.053.152 als Co-Erfinder genannt wird? Auch die Frage, warum er das Patent an Zeiss verkaufte und für wieviel bleibt wohl unbeantwortet.  Danach verschwindet seine Spur wieder, wie auch jegliche private Information über Geburts- und Todesdatum, Familie, Ausbildung und so weiter im Dunkeln bleibt. Ich hatte gehofft, irgendwo ein Foto von ihm zu finden, immerhin war er in der Branche tätig. Falls jemand hierzu was beitragen kann, bitte unten im Kommentarfeld melden oder mir eine e-mail an knippsen (at) icloud.com schicken.

Bei meinen Recherchen zum Thema bin ich auch auf Rudolph Klein und Theodor Brueck gestoßen, zwei deutsche Auswanderer, die bei Bausch & Lomb in Rochester, NY gearbeitet und sich im Jahre 1910 mit ihrer Firma Ilex selbstständig gemacht hatten. Sie haben ein eigenes und inhaltlich sehr ähnliches Patent US-Pat 1.092.110 angemeldet und auch erteilt bekommen. Christian Bruns war mit seiner deutschen Anmeldung definitiv früher (7.6. vs. 25.6. 1910). Seine amerikanische Anmeldung (9.11.1911) kam aber nach der von Klein&Brueck, wurde aber wiederum früher zum Patent erteilt (18.2.1913 vs. 31.3.1914). Warum beide erteilt wurden, bleibt wohl das Geheimnis der amerikanischen Patentbehörde. Auf alle Fälle ist das Klein&Brueck-Patent aber keines Falls die Basis der modernen Uhrwerk-gesteuerten Zentralverschlüsse, wie auf dieser Web-site behauptet wird.  

Im Internet findet man immer wieder falsche Vermutungen über die Nummer 258646 D.R.P., die unterhalb des Objektivs die Dial-Set Compur Verschlüsse an z.B. Laufbodenkameras aus den 1920er Jahren ziert. Es ist weder eine Seriennummer noch kann man damit eine zeitliche Einordung in die 20er oder 30er Jahre vornehmen. Es ist schlicht die Nummer des (immer noch) öffentlich zugänglichen Deutschen Reichspatents 258646 vom 7. Juni 1910.
 
Ich habe schön öfters hier über den Compur-Verschluss was erzählt, wer möchte kann ja dort weiterlesen: Compur-Seriennummern,  Compur an der Conatflex, weitere Kameras mit Compur-Verschluss


2021-01-01

Vest Pocket Kodak Autographic Special



1901 Brownie No.2, Rollfilm 120
1912 Vest Pocket Kodak, Rollfilm 127
1934 Retina, 135er Patrone
1964 Instamatic 100, 126 Kassette
1972 Pocket Instamatic, 110 Kassette
1982 Kodak Disc 4000, Disc Film
Kodak Meilensteine bei der Einführung neuer Filmtypen
George Eastman hatte seiner Firma Eastman Kodak den griffigen Slogan "You press the button - We do the rest!" verpasst und sich ganz klar auf die fotografischen Laien als Zielgruppe konzentriert. Dabei hat er immer wieder erfolgreich neue (Massen-) Märkte erschlossen und nicht ganz uneigennützig gleichzeitig ein neues Filmformat eingeführt. Denn die von Kodak selbst produzierten, meist einfachen Kameras waren nur Mittel zum Zweck, und das hieß Filme verkaufen und damit den Gewinn machen. Die meisten anderen Meilensteine dieser Art habe ich hier schon vorgestellt, siehe die Liste links. Diesmal geht es also um den Rollfilm 127 und der wurde mit dieser Kamera 1912 eingeführt. 
Erstmalig gab es eine Kamera, die nicht nur einfach zu bedienen war, sondern die man immer dabei haben konnte, weil sie in die Westentasche passte. Und daher bedurfte es keines Kunstnamens, sondern sie hieß einfach Vest Pocket Kodak, der zugehörige nur 46 mm breite Rollfilm für 8 Aufnahmen a 4 x 6.5 cm, wurde entsprechend Vest Pocket Film ("VP") genannt. 
 
Die Kamera besteht im Wesentlichen aus gepresstem und schwarz lackiertem Aluminium-Blech, das eine nur 1 Zoll (2,54 cm) dicke "Dose" formt. Das zunächst sehr einfache Meniskus-Objektiv und der Verschluss sitzen im Zentrum der Frontplatte, die mittels eines Spreizenmechanismus in die Fotografierposition herausgezogen werden kann, dazwischen ein lichtdichter Lederbalgen. Der Filmtransport passiert super simpel mit einer Flügelschraube, kontrolliert durch ein rotes Fensterchen auf der Rückseite, durch das man die Zahlen auf dem Papierträger des Films lesen kann. Garniert wird das Ganze noch durch einen Brilliantsucher und einen Ausklappständer.  Dieses sogenannte "Standardmodell" kommt 1912 für nur US$ 6 auf den Markt und wird sofort ein Erfolg


Aber so wie heute bei den Smartphones kommen schnell Updates, das erste davon war das Autographic feature, etwas was nur Kodak (wg. Patentschutz) bieten konnte und wieder etwas für die Kundenbindung. Ab 1915 kamen dann auch besser ausgestattete Modelle der Kamera. Das hier abgebildete "Special" stammt von ca. 1918 und hat einen schicken (nach 102 Jahren recht abgegriffenen) Lederüberzug und ein deutlich besseres (anastigmatisches) Objektiv. Ein fast genau solches Modell hat auch Ansel Adams als 15-jähriger bei seinem zweiten Besuch im Yosemite National Park benutzt. Es gehört heute dem George Eastman House in Rochester, NY. 

Mit über 1.8 Millionen Exemplaren war die Kamera ein früher Megaseller und passt auch als solcher gut in meine Sammlung (siehe auch die anderen hier und hier). Für alles weitere möchte ich auf die guten Links im Internet unten verweisen. 

Datenblatt erste "Westentaschen"-Kamera für den 127er Rollfilm,
diese hier die "Autographic Special" Version, mit Lederbezug und Autographic Feature
Objektiv Kodak Anastigmat F/7.7 (ca. 87 mm Brennweite, vermutlich Dreilinser von Typ Cooke Triplet), andere Objektive waren auch erhältlich. 
Verschluss "Kodak Ball Bearing Shutter", selbstspannender Einfachverschluss, T-B-25-50 1/s. Dies war  die häufigste Ausführung, andere Verschlüsse wurden auch verbaut.
Filmtyp, Bildgröße 127er Rollfilm (mit oder ohne Autographic), 1 5/8'' x 2 1/2 '' (4x6 cm)
Fokussierung   Fixfokus in dieser Version. Andere Objektive waren auch in Grenzen fokussierbar.
Sucher schwenkbarer Brilliantsucher für Hoch- und Querformataufnahmen 
Filmtransport mit einfacher Flügelschraube, Bildzähler auf Filmträgerrückseite, Ansicht durch rotes Fenster.
sonst. Ausstattung einklappbarer Standfuß (auf der Rückseite ist die Kamera-Seriennummer 128420), Gewinde für Selbstauslöser, Autographic-Klappe und Stylus für Notizen auf dem Negativsteg zwischen den Bildern.
Maße, Gewicht 1'' x 2 3/8'' x 4 3/4'', 9 ounces (laut Prospekt), ca. 26 x 63 x 123 mm, 312 g 
Batterie keine
Baujahr(e) 1912-1915 ursprüngliche Standardversion,
1915-1926 Autographic Version,
1915-1926 Autographic Special mit Belederung und besseren Objektiven. Insgesamt mehr als 1,8 Millionen Kameras, diese hier von ca. 1918.
Kaufpreis, Wert heute diese Version 1918: US$ 13.50, Standardversion ab US$ 7.50.  Heutiger Wert je nach Version und Zustand ca. 30-100€. 
Links The Vest Pocket Kodak, Camera-Wiki, Mischa Koning's Kodak SiteCamera Manual
Auf KniPPsen weiterlesen George Eastman, Rollfilm 127, Gevaert G27, Instamatic 100, Kodak Disc 4000, Autographic Film 116, Kodak Junior 1A