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2024-01-25

Filmhersteller - Kurzportraits (Teil 1)

Bei meinen Recherchen zum Artikel Kleinbildfotografie aus der Filmperspektive habe ich mich zwangsläufig auch mit den Filmherstellern beschäftig. Deren Geschichten sind auch sehr interessant und natürlich mit der technischen, wirtschaftlichen und historischen Entwicklung der Rollfilm- und Kleinbildfotografie eng verknüpft. Während die Fotoplattenherstellung ab Anfang der 1880er mit der Erfindung der Trockenplatte überall im Land von kleineren Manufakturen aufgenommen und weiterentwickelt wurde, waren die Hürden für die Filmhersteller ab ca. 1900 ungleich höher. Einige (sowie wie Agfa 1905) gaben nach ersten wohl gescheiterten Versuchen entnervt wieder auf. 
Das Filmangebot bei Photo Porst 1932. Die fünf genannten
Hersteller, insbesondere Perutz und Agfa beherrschten wohl
den wichtigen deutschen Markt, während Kodak weltweit aktiv
war und Marktführer war.
Von wirklich industrieller Filmherstellung kann man erst nach dem 1. Weltkrieg (ca. 1920 ff) sprechen als auch kilometerweise perforierter Kinefilm für das neue Bewegtbildmedium gebraucht wurde. Während es alleine in Deutschland insgesamt mindestens 65 Fotoplattenhersteller gab (davon 15 allein in Berlin, Quelle: Thiele Wer war Wer), beschränkt sich die Zahl der deutschen Filmhersteller für Roll- und Kleinbildfilme auf zwei Handvoll und weltweit waren es vielleicht insgesamt doppelt so viele. 

In diesem ersten Teil beschränke ich mich auf die fünf größeren Filmhersteller, die in den 1930er Jahren Roll- und Kleinbildfilme in Deutschland produziert und vertrieben haben. Einen schönen Überblick über das damalige Angebot gibt die Seite aus dem Photo Porst Katalog von 1932 rechts. 

Kodak

Kodak oder besser deren Gründer George Eastman gilt als der Erfinder des Films, was er technisch allerdings nicht war. Das war Hannibal Goodwin, dessen Geschichte ich auch schon erzählt habe. Kodak hat allerdings konsequent diese neue Idee als neues Medium vermarktet und den Massen zugänglich gemacht. Kodak trieb auch lange die Konkurrenz mit immer neuen Filmformaten und Standards vor sich her, ihre Filme waren anfangs eher gute Massenware denn technische Spitzenprodukte. Sie haben allerdings 1935 das Wettrennen um den ersten brauchbaren modernen Farbfilm gegen Agfa gewonnen und später in Konkurrenz zu Fujifilm und Agfa-Geveart ihre Dominanz auf dem Weltmarkt behauptet, in dem sie u.A. ihre C-41 und E-6 Entwicklungs-Verfahren zum Weltstandard machten.
Ausgehend von der Kleinstadt Rochester im Staat New York wurde der Film in alle Welt getragen. Schon 1885 wurde die erste Auslandsvertretung in London eröffnet, Berlin folgte 1896 als Kodak GmbH, weitere gab es in vielen anderen Ländern. Die erste Auslandsniederlassung mit eigener Produktion wurde 1891 in Harrow, UK eröffnet, dies wurde später mit über 6000 Mitarbeitern nach Rochester Kodak's zweitgrößter Standort. Anfangs lediglich eine Film-Entwicklungs- und Vergrößerungs-Anstalt wurden dort schließlich auch Filme und Fotopapier produziert. Die Kodak GmbH in Berlin war zunächst eine reine Vertriebsgesellschaft, die 1927 durch die Übernahme der bisherigen Glanzfilm Gesellschaft in die Kodak AG umgewandelt wurde. Die Glanzfilm war bis dahin eine Tochter der Glanzstoff Gesellschaft, die 1922 in Köpenick eine moderne Filmfabrik eröffnet hatten. Trotz Synergien bei der Chemie und den Rohstoffen (Glanzstoff's Hauptgeschäft war Kunstseide), fuhr man mit dem neuen Filmgeschäft zunächst Verluste ein, was am Ende durch den Verkauf an Kodak gelöst wurde. Die Kodak AG wurde 1931 durch die Übernahme des Kameraherstellers Nagel in Stuttgart ein ernsthafter Konkurrent zu Agfa auch auf dem deutschen Markt. In Stuttgart wurde 1934 bekanntermaßen die 135er Kleinbildpatrone erfunden. Neben den drei Hauptstandorten in den USA, England und Deutschland produzierte Kodak Filme in Frankreich, Kanada, Australien und Mexico.
Der Ausbruch des 2. Weltkriegs hatte natürlich Konsequenzen: Die deutsche Kodak AG wurden 1941 an einen Zwangsverwalter übertragen und beteiligte sich an Rüstungsproduktion sowohl in Stuttgart wie auch in Berlin. Trotz Export-Sanktionen gegen Deutschland wurden Kodak-Produkte über neutrale Partner (z.B. Schweiz) in die USA exportiert, hauptsächlich natürlich die high-end Kameras aus Stuttgart. Nach Ende des Krieges zog die Verwaltung der Kodak AG nach Stuttgart um (1949) und das Filmwerk in Berlin wurde durch die sowjetischen Besatzer beschlagnahmt. Noch einige Jahre wurde es unter Kodak Filmfabrik Köpenick weitergeführt und bekam 1956 die Bezeichnung VEB Fotochemische Werke Köpenick (FCW). Es produzierte weiterhin Röntgenfilme, Schwarzweiß-Filme und Fotopapier sowie Chemikalien in enger Kooperation mit ORWO. In Westdeutschland wurde keine neue Filmherstellung etabliert, sondern Kodak-Filme aus Frankreich, UK und den USA importiert und recht erfolgreich vermarktet. Das Filmwerk in Köpenick wurde im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung 1992 an Kodak zurückgegeben, die bis auf die Röntgenfilme alles andere einstellten und das Werk 2010 endgültig schlossen.

Perutz - Hauff

Der Name Perutz ist vielleicht noch von der einen oder anderen hellgrünen Filmschachtel her bekannt. Die Wenigsten wissen aber, dass die Perutz-Photowerke GmbH bzw. ihre Vorgängergesellschaft (Otto Perutz Trockenplattenfabrik GmbH) in München neben Eastman Kodak der wichtigste Film- (und Fotoplatten-) hersteller in den ersten Jahrzehnten der entstehenden Fotoindustrie (1880-1930) war. Technologisch trieb man die Konkurrenz (auch Kodak) insbesondere mit der immer weiter verbesserten Farbsensibilisierung vor sich her. Hier arbeitete man eng mit der Wissenschaft zusammen. Lange bevor industrielle Forschung sich in der chemischen Industrie durchsetzte, implementierte Perutz Berliner Forschungsergebnisse von Hermann Wilhelm Vogel und später Adolf Miethe in echte Fotoprodukte. Später lockte man die besten Leute nach München. Besondere Bedeutung für die Kleinbildfotografie erlangte Perutz durch ihre (natürlich panchromatischen) Feinstkornfilme, die auch in der Anfangszeit speziell als Leica-Film vermarktet wurden. Weitere technische Details der Entwicklung kann man dem Wikipedia-Artikel entnehmen.
Der Firmengrüner Otto Perutz hatte 1897 seinen Betrieb an Fritz Engelhorn, dem Sohn des BASF Gründers Friedrich Engelhorn verkauft. Der Familie Engelhorn gehörte auch Boehringer und sie investierte später auch in den Stuttgarter Konkurrenten Hauff AG, der ab 1938 gemeinsam mit Perutz forschte und schließlich (1962) fusionierte. Der Markenname Hauff wurde zunächst für bestehende Produkte beibehalten, später wurden sogar Perutz Filme aus München als Hauff-Film gelabelt. Langfristig wurden in Stuttgart aber nur noch Fotochemikalien und keine Filme mehr hergestellt.
Perutz hatte in den 1930er Jahren die Technologieführerschaft an Agfa und Kodak verloren, die beide unabhängig voneinander Varianten des modernen Farbfilms auf den Markt brachten. Perutz hatte das Glück, dass durch den verlorenen Weltkrieg die Agfa-Technologie allen noch "farbfilmlosen" Wettbewerbern zur Verfügung stand. Perutz brachte in den 1950er Jahren auch einen neuen Farbfilm und hatte in Deutschland einen besonders hohen Marktanteil bei der Film- und Fernsehproduktion. 
Ab 1961 begann die Konsolidierung der Fotoindustrie. Über einen Aktientausch mit Boehringer kam Perutz unter die Kontrolle von Bayer. 1964 schließlich ging Perutz in der Fusion zu Agfa-Gevaert auf, die Filmproduktion in München-Obersendling wurde nach Leverkusen und Mortsel transferiert, in München wurde stattdessen eine moderne Magnetbankfertigung etabliert. 

Agfa - ORWO - Agfa-Gevaert

Die Aktiengesellschaft für Anilinfarben in Berlin war bei ihrer Gründung 1867 eine von vielen damals entstehenden Farbenfabriken. Auf diesen Ursprüngen entstand bald die so erfolgreiche deutsche Chemische Industrie. Das Markenzeichen Agfa wurde erst 1897 eingetragen, da hatte man die Fotochemikaliensparte als zweites Standbein (neben der Farbstoffproduktion) schon erfolgreich ausgebaut. Diese geht zurück auf die Initiative des Agfa-Chemikers Momme Andresen (*7.10.1857 +12.1.1951), der 1891 den noch heute verwendeten Entwickler Rodinal erfand und seine Chefs überzeugte, dass man im rasant wachsenden Fotomarkt gutes Geld verdienen konnte. 
Ab 1892 steigt man in die Trockenplattenherstellung ein, 1896 werden die ersten Planfilme auf Zelluloid-Basis und ab ca. 1900 Rollfilme angeboten. Bei deren Produktion gab es allerdings so viele Probleme (insbesondere durch die Luftvermutzung in Berlin), dass man die versprochene Qualität zunächst nicht in den Griff bekam und 1905 die Rollfilme wieder vom Markt nahm. Schon 1909 entschied man sich wieder einzusteigen, zu verlockend war inzwischen der immer größer werdende Markt für Kinefilm. Allerdings investierte man dazu ab 1910 in eine neue Fabrik in Bitterfeld-Wolfen fern ab vom schmutzigen Berlin. Dort wurden 1912 schon 20.000 km Kinefilm produziert, ab 1913 soll die Fertigung alle Qualitätsprobleme im Griff gehabt haben.
Trotz allem betrug der Foto-Anteil am Gesamtumsatz der Agfa 1913 nur 26%. Die Firma war immer noch primär ein Farbstoffhersteller, der sich schon ab 1904 einem deutschen Farbstoffkartell angeschlossen hatte, aus dem schließlich 1925 die I.G. Farbenindustrie AG als fusionierter Großkonzern enstand. Im Zuge der Fusion wurden die Aktivitäten nach Sparten sortiert und entschieden, dass die Fotoabteilung (Sparte III) ihren Sitz in Berlin haben sollte und einheitlich alle Fotoprodukte am Markt unter der Marke Agfa vertrieben wurden. 
Mit einem Schlag hatte die Agfa nicht nur Foto-Platten, -Filme und -Chemie, sondern aus der Bayer-Erbmasse Fotopapier (Fabrik in Leverkusen) und das ehemalige Kamerawerk Rietzschel in München, was die Bayer 1921 schon erworben hatte. Ab 1926 trugen alle Kameras die orange Agfa-Raute und man war sehr erfolgreich darin, Kodak's Geschäftsmodell zu kopieren: Man bot sehr günstige Kameras an (vermutlich ohne oder sogar mit negativer Gewinnmarge), um um so mehr Profit mit dem Film zu generieren. Dadurch stieg das Agfa-Kamerawerk in München in den 1930ern zu Europas zahlenmäßig größtem (weltweit war nur Rochester größer) Kamerahersteller auf.
Die Forschung wurde in Wolfen konzentriert und zwei herausragende Erfindungen bleiben von ihr in Erinnerung: Robert Koslowski's Gold-Effekt für deutlich gesteigerte Allgemeinempfindlichkeit und natürlich Agfacolor-Neu, der moderne Farbfilm. Man verlor zwar das "Rennen" gegen Kodak, dafür war das Agfa Verfahren einfacher und wurde nach Offenlegung der Patente nach Ende des 2. Weltkriegs von den meisten Konkurrenten (außer Kodak) übernommen.
Nach dem 2. Weltkrieg und der deutschen Teilung wurde auch die Agfa geteilt. Der ostdeutsche Zweig bestand hauptsächlich aus dem Werk in Wolfen, wo auch die Verwaltung angesiedelt wurde. Im Westen entwickelte sich das bisherige Fotopapier-Werk in Leverkusen zu einer vollständigen Film- und Fotofabrik. Viele ehemalige Mitarbeiter aus Wolfen fanden hier neue Arbeit im Westen. In den ersten Jahren nach der Teilung half man sich noch gegenseitig aus. In den '50er Jahren kam es dann zu einem Markenrechtsstreit, den die Wolfener verloren. Der dortige VEB Filmfabrik Wolfen produzierte ab 1964 unter der Marke ORWO (ORiginal WOlfen) und erreichte im Ostblock schnell die Marktführerschaft. Auch in die westlichen Märkte wurde Film über spezielle Vertriebskanäle gegen Devisen exportiert.
1964 war dann das Jahr der Konsoldierung, über Aktientausche der Eigentümer und Überkreuzbeteiligung zwischen Agfa in Leverkusen und der Gevaert in Mortsel (Belgien) entstand die Agfa-Gevaert AG, der auch weitere Beteiligungen wie Perutz (München), Hauff (Stuttgart), Leonar (Hamburg) und Mimosa (Kiel) eingegliedert werden. In den 60er und 70er Jahren agiert man nun auf Augenhöhe mit Kodak und Fuji, Anfang der 80er wird die Bayer AG 100%iger Eigentümer. Die deutsche Wiedervereinigung bedeutet das Aus der technologisch abgehängten Wolfener Fabrik, hier steht heute lediglich das erste Gebäude noch und dient als Museum (sehr lohnenswert!). Der Niedergang der Foto- und Filmindustrie am Ende des 20. Jahrhunderts soll dann eine eigene Geschichte werden. 

Goerz - Zeiss Ikon

Die Geschichte des Zeiss Ikon Films ist vergleichsweise schnell erzählt. Der Selfmade-Unternehmer Carl Paul Goerz (*21.7.1854 +14.1.1923) gründete nach seiner Optischen Anstalt (C.P. Goerz AG) auch die davon zunächst unabhängigen Goerz Photochemischen Werke GmbH in Berlin-Steglitz. 1920 zog man in das neue deutlich größere Werk in Berlin-Zehlendorf um, um dem steigenden Bedarf an Kinefilm gerecht zu werden. Zwischen 1919 und 1926 gab es noch einen zweiten Standort zur Produktion von Trockenplatten in Dresden. Die Zeiss Ikon AG wurde ja bekanntlich 1926 durch die Fusion mehrerer Kamera- und Optikhersteller gebildet, darunter auch die C.P. Goerz AG. Die Photochemischen Werke wurden erst ein Jahr später von der Familie Goerz an Zeiss Ikon verkauft und firmierten schließlich in den 1930er Jahren als Zeiss Ikon Filmwerk. Man beteiligt sich an der Weiterentwicklung der Kleinbild- und Rollfilme, beispielsweise kommt ein Contax-Film mit 14/10°DIN (heute ISO 40/17) zur Contax-Kleinbildkamera auf den Markt. Bis 1941 wurde auch noch ein einem eigenen Farbfilm geforscht. 1943 wird das Werk im Bombenhagel zerstört und nie wieder aufgebaut.  


Jahr - Schering - Voigtländer

Richard Jahr (*28.9.1861 +23.7.1938) hatte bei Hermann Wilhelm Vogel in Berlin die Grundlagen der Photochemie studiert. Er gründete nach ein paar Jahren als angestellter Chemiker in der Branche 1903 seine eigene Trockenplattenfarbik in Dresden. Er machte sich schnell einen Namen mit höchstempfindlichen orthochromatischen Platten und einem breiten Sortiment. 1921 übernahm die Schering AG zunächst 50% der Anteile, 1928 dann die komplette Firma. Schering ging aue der Grünen Apotheke in Berlin aus 1851 hervor und wurde 1871 als chemische Fabrik gegründet. Schon früh produzierte man verschiedene Fotochemikalien, investierte in Fotopapier und produzierte ab 1903 auch Celluloseacetat-Filmunterlagen ("Sicherheitsfilm"). Bei Jahr in Dresden wird damit ab 1926 ein komplettes Sortiment an Roll- und Planfilmen hergestellt. Ab 1923 investiert Schering auch in die Dresdener Vereinigte Farbiken Photografischer Papiere AG, die ihren Hauptsitz in der Blumenstraße 80 haben, bis 1927 ist Richard Jahr der Direktor der Dresdener Schering Betriebe. 
1924, nach dem Tod Friedrich Wilhelm Voigtländers übernimmt Schering fast 99.72% der Aktien der Voigtländer & Sohn AG in Braunschweig. Es dauert ein paar Jahre, aber ab 1931 überträgt Schering seine gesamte Fotosparte in Dresden und Berlin auf seine Tochterfirma Voigtländer, die so neben ihren berühmnten Kameras und Objektiven nun auch Film, Fotopapier und -Chemie anbieten kann. Die Filmfabrik befindet sich schließlich in der Blumenstraße, im alten Betrieb von Jahr werden Fotoplatten produziert. Ab 1935 bildet Voigtländer für die Film- und Fotochemiesparte mit der belgischen Gevaert das Joint Venture Voigtländer-Gevaert GmbH mit Sitz in Berlin. Alle Werke werden im 2. Weltkrieg weitgehend zerstört, das Filmwerk nie wieder aufgebaut. 1956 verkauft Schering seine Anteile an Voigtländer an die Carl Zeiss Stiftung, aber das ist eine andere Geschichte.


Bei KniPPsen weiterlesen Kleinbildfotografie aus der FilmperspektiveFilmhersteller (Teil 2, Deutschlands kleine)Filmhersteller (Teil 3, japanische Hersteller), Filmhersteller (Teil 4, sonstiges Europa)George EastmanHannibal Goodwin, Erfindung des modernen FarbfilmsKodachrome, Agfacolor-Neu, Kodacolor und Ektachrome, ORWO-Filme
Links und Quellen Kodak MilestomesKodak - Was vom gelben Riesen geblieben ist (fotointern.ch), Filmvorführer, Hartmut Thiele: Die Deutsche Photoindustrie - Wer war Wer (Selbstverlag, München 2020), Günther Kadlubek, Rudolf Hillebrand: AGFA - Geschichte eines Weltunternehmens von 1867 bis 1997 (Verlag Rudolf Hillebrand 2004, ISBN 3-89506-169-7)

2024-01-10

Kleinbildfotografie aus der Filmperspektive

Die Entstehung und später der Siegeszug der Rollfilm- und speziell der Kleinbildfotografie in den 1920er und 1930er Jahren ist ein sehr interessantes Gebiet für uns Kamerasammler. Leider wird die Bedeutung von Oskar Barnack‘s Leica dazu in populären Darstellungen aber auch in sonst seriösen Abhandlungen viel zu sehr überhöht. Als ob eine einzelne Kamera eine solche technische Revolution auslösen könnte. Die eigentliche Revolution fand nämlich im Hintergrund statt. Ich spreche vom fotografischen Film, der zwar schon am Ende des 19. Jahrhunderts erfunden wurde, aber insbesondere in den 1920er Jahren enorme Fortschritte, ja Qualitätssprünge machte. Diese möchte ich hier im Folgenden einzeln erläutern und entsprechend würdigen. 

Negativformat und Qualität - der Ausgangspunkt
Filmherstellung in den 1930ern. 
Mehr Details hier.

Je kleiner das Negativ, desto mehr treten Qualität und insbesondere ihre Mängel des entsprechenden Filmmaterials im finalen Bild zutage. Für die im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts vorherrschenden Plattenkameras waren Kontaktabzüge von der negativen (Glas-)Platte die Regel. Die fotografische Emulsion durfte relativ grobes Korn zeigen, kleinere Fehler, Risse, Lufteinschlüsse oder schlicht Staub fielen nicht sehr ins Gewicht. Die Kameras waren dadurch eh groß und schwer und standen deshalb meist auf einem Stativ, die Lichtempfindlichkeit der fotografischen Schicht war daher mit 3-10 DIN (heutige Definition) meist ausreichend. 

Die Erfindung des Rollfilms

Rollfilme wurden von Eastman Kodak schon 1889ff zusammen mit einfachen Boxkameras auf den Markt gebracht. Über die Erfindung des Rollfilms durch Hannibal Goodwin habe ich hier schon geschrieben. Mehr als Boxkamera-Bildqualität (einlinsige Fixfokus-Optik) war auch vom Film her nicht drin. Auch diese Negative wurden per Kontaktkopie zum Foto. Auf der Produktionsseite gab es noch einige Probleme zu lösen, vieles ging immer wieder schief. Bei Agfa (damals noch in Berlin) waren die Probleme so groß, dass man sich 1905 aus dem Filmgeschäft wieder zurückzog und erst mit dem Sog des lukrativen Kinefilm-Marktes ein paar Jahre später wieder damit begann und letztendlich zu Europas größtem und nach Kodak weltweit zweitgrößtem Filmhersteller wurde.

Der Kinefilm und sein Einfluss

Der Kinefilm und sein fulminanter Aufstieg zum neuen Bewegtbildmedium in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts trug auch entscheidend zur Qualitätssteigerung des ‚normalen‘ Negativfilms bei. Zunächst einmal trennte sich Hersteller-seitig die Spreu vom Weizen. Filmherstellung in solch großen Mengen erforderte nicht nur entsprechendes Know-How, sondern auch große Investitionen in die entsprechenden Maschinen. Etwas, was sich nur ein paar von den bis dahin sehr zahlreichen Fotoplattenfabriken (bzw. ‚-manufakturen‘) leisten konnten. Die meisten von den später erfolgreichen zogen außerdem aus Qualitäts- und Platzgründen aus der Stadt aufs Land oder zumindest an den Stadtrand: Agfa vom Smog-geplagten Berlin nach Wolfen, Perutz an den Münchner Stadtrand und Adox von Frankfurt ins nahe Neu-Isenburg. In allen Fällen führte die bessere und staubfreiere Luft zu viel weniger Qualitätsdefekten beim fertigen Film. Kinefilm hat nicht dieselben technischen Anforderungen wie normaler Negativfilm. Was Produktionsqualität angeht aber auch bei den Herstellkosten haben sie beide voneinander über die Jahre profitiert.

Sensibilisierung mit speziellen Farbstoffen erweitert
die spektrale Empfindlichkeit. Quelle: Wikipedia
Spektrale Empfindlichkeit - Orthochromasie

Die Sensibilisierung der lichtempfindlichen Silberbromid-Emulsion für den gesamten Wellenlängenbereich des sichtbaren Spektrums und damit die richtig empfundene Wiedergabe der Farben in Graustufen ist für mich die zentrale Entwicklungsaufgabe der Filmindustrie, die erst gegen Mitte der 1930er Jahre als abgeschlossen gelten kann. Seit der Entdeckung durch Hermann Wilhelm Vogel im Jahr 1873, dass der Zusatz von bestimmten Farbstoffen die spektrale Empfindlichkeit der Emulsion erweitert wurde auf dem Gebiet sowohl akademisch (Vogel wurde der erste Professor für Photochemie an der Königlich Technischen Universität Berlin, Adolf Miethe 1899 sein Nachfolger) als auch in der sich etablierenden Fotoplatten- und Filmindustrie intensiv geforscht. Es ist wohl kein Zufall, dass viele der auf dem Gebiet erfolgreichen Firmen eigentlich Farbstoffhersteller waren.
Hermann Wilhelm Vogel,
Erfinder der Senibilisierung
Die Aktiengesellschaft für Anilinfarben (kurz: Agfa) ist nur ein prominentes Beispiel. Die Firma, die bei dem Thema aber wohl alle anderen vor sich her trieb war die Otto Perutz Trockenplattenfabrik GmbHSie unterhielt seit den 1880er Jahren intensive Kontakte zur Forschung in Berlin und implementierte die neuesten Erkenntnisse mit als erste in Form neuer Fotoplatten und -filme. Arthur Traube, der zusammen mit Miethe 1902 die panchromatische Sensibilisierung erfunden hatte, wechselte 1910 als Technischer Direktor zu Perutz nach München. Ihr wichtigstes Produkt wurde die Perortho-Grünsiegel-Platte und natürlich später der Grünsiegel-Film. Noch im Photo-Porst Katalog von 1932 kann man lesen: „Perutz hält in Bezug auf Orthochromasie noch immer die Führung unter allen Filmfabrikaten.“ Im Bezug auf die Rollfilm- und Kleinbildfotografie ist folgender Aspekt interessant: Orthochromatisches Material ist trotz (oder gerade wegen) seiner Rotblindheit bevorzugt bei Platten- und Planfilmfotografen, die ja ihre Negative einzeln bei Rotlicht in der Dunkelkammer „nach Sicht“ entwickeln. Erst die Rollfilme, die komplett im Dunkeln entwickelt werden, haben einen relevanten Markt für panchromatisches Material entstehen lassen. 

Entwicklung der Filmempfindlichkeit
über die Jahre von 1920 bis 1937.
Quelle: Agfa Isopan ISS Prospekt 
Allgemeine Empfindlichkeit und ihre Normung 

Mit der Ausweitung der spektralen Empfindlichkeit und anderen Prozessverbesserung stieg über die Jahre die allgemeine Empfindlichkeit, wie man schön an der Grafik links aus dem Agfa Isopan Super-Spezial Prospekt von 1937 sehen kann. Agfa hatte sich mit diesem höchstempfindlichen Film (heute: ISO 200/24) in diesem Aspekt an die Spitze des Feldes gesetzt, in dem sie den von ihrem Mitarbeiter Robert Koslowsky gefundenen Gold-Effekt implementierten (und bis zum Ende des 2. Weltkriegs geheim hielten). 
Die Filmempfindlichkeit wurde 1934 in die DIN-Norm 4512 gefasst (die bekannte amerikanische ASA-Norm entstand erst in den 1940ern) und erlaubte erstmals objektive Vergleiche verschiedener Filme anhand einheitlicher Messverfahren. Die zuvor meist verwendeten Scheiner-Grade waren eigentlich nur bis zu Stufe 20 definiert und es gab Ende der 1920er Jahre nicht nur technische Empfindlichkeitssteigerungen darüber hinaus, sondern fast auch eine Inflation der Zahlen, da jeder Filmhersteller seine eigenen Messverfahren und Definitionen anwendete und eher nach oben „rundete“. 
Die DIN 4512 und auch die ASA Norm wurden übrigens Anfang der 1960er nochmal angepasst, sodass Filme ohne Emulsionsänderung nochmal 3 DIN dazu bzw. den doppelten ASA-Wert bekamen. Die Standard-Empfindlichkeit von 15/10 - 18/10 DIN (entspricht heute ISO 50-100) wurde also Anfang der 1930er Jahre erreicht, für mich eine zentrale Voraussetzung für die Roll- und Kleinbildfotographie, die ja meist aus freier Hand und ohne Stativ erfolgte. Verwackeln wird nämlich genauso wenig vom Vergrößerer verziehen wie Staub oder Kratzer.  

Feinkorn und Auflösung

Korngröße, Empfindlichkeit und
Feines Korn hängt nicht nur vom Film selbst ab
(Empfindlichkeit), sondern auch von der Entwicklung.
Quelle: Hans Windisch, Die Neue Foto Schule (1941) 
Auflösungsvermögen sind Parameter, die sich nicht unabhängig voneinander optimieren bzw. verbessern lassen. Das ist der Grund, warum es verschiedene Filme mit entsprechendem Schwerpunkt auf einzelne Parameter gab und noch gibt. Trotzdem wurden im Laufe der hier betrachteten Jahrzehnte enorme Fortschritte bzgl. aller genannten Parameter zusammen gemacht. Erwähnenswert hier im Zusammenhang mit dem späteren Kleinbildfilm ist die Entwicklung des sogenannten Feinkornfilms. Hier stand wie so oft der Krieg Pate, zusammen mit der Erfindung der Fliegerei. Für die im ersten Weltkrieg aufkommende Luftaufklärung wurden nicht nur hochauflösende und spezielle Objektive gerechnet, sondern man brauchte auch Fotoplatten bzw. Film mit entsprechendem Auflösungsvermögen. In Deutschland hatte zuerst die damals führende Firma Perutz technische Erfolge zu vermelden und sich mit ihrem Fliegerfilm einen Namen gemacht. Ich denke auch bei Lumier in Frankreich, bei Ilford in England und Eastman Kodak in den USA aber auch bei den anderen deutschen Firmen wird es entsprechende Forschung und Entwicklung gegeben haben.
Nach dem Krieg wurden die Erkenntnisse und Verbesserungen in friedliche Filmprodukte implementiert, bei Perutz profitierte ab 1923 insbesondere die neue Film-Produktion von feinkörnigeren und höher auflösenden Emulsionen. Kurz nach Erscheinen der Leica 1925 gab es einen Leica-Spezial-Film, der später auch als erster Feinkornfilm vermarktet wird. Man sieht: Auch in diesem Aspekt ist Ende der 1920er Jahre die Technik reif für kleine, später zu vergrößernde Negative.

Der Entwickler, Lichthof- und andere Schutzschichten

Man darf bei den ganzen technischen Fortschritten bezüglich der fotografischen Emulsion nicht auch die anderen Dinge drumherum vergessen. Da sind zuerst die Entwickler- und Fixierchemikalien zu nennen, die oft sogar die Keimzelle für später erfolgreiche Firmen wurden. So geschehen bei Agfa, deren Chemiker Momme Andresen 1891 den berühmten Enwickler Rodinal (4-Aminophenol) erfand und damit die fotografische Abteilung der Farbenfabrik Agfa begründete. Rodinal steht als ältestes heute noch erhältliches Fotoprodukt übrigens im Guinness Buch der Rekorde, auch ich verwende es heute noch manchmal. Solch fertig gemischten und formulierten Entwickler verdrängten über die Jahrzehnte immer mehr die individuelle Rezeptur von Hobbyfotografen und trugen genauso wie bessere Filme zur Qualität der Bilder bei. Auch das heute noch verwendete Fixierbad (Natrium- bzw. Ammoniumthiosulfat) stammt vom Anfang der 1890er Jahre.
Lichthofschutz-Beispiel aus einer Agfa Broschüre
Ein großes Problem bis hinein in die frühen 1930 Jahre waren die sogenannten Lichthöfe, die besonders bei hellen Lichtern im Bild oder am Rand großer Kontraste auftraten und nicht nur unschön aussahen, sondern tatsächlich Bildinhalt und Auflösungsvermögen zunichte machten. Es handelt sich quasi um vagabundierendes Licht innerhalb der fotografischen Emulsion, hervorgerufen durch Reflexion am Schichträger (Glasplatte, Film) oder durch Streuung/Diffusion innerhalb der Schicht selbst. Die Lösung des Problems bestand meist in einer Extra-Schicht mit eingebetteten Farbstoffen, die dieses unerwünschte Licht absorbierten, sich aber im Entwicklungsprozess auflösen müssen. Bis Mitte der 1930er Jahre wird bei Filmen mit Wörtern wie „Antihalo“ etc. auf dies extra hingewiesen. 
Auch andere extra Schichten wurden dem an sich schon komplexen Film-Beschichtungsvorgang (man spricht vom „Guss“) hinzugefügt. Oft wird dies von Mehrfachgießköpfen in einem Arbeitsschritt erledigt. Fast alle heutigen Filme haben eine sehr dünne Kratzschutzschicht aus gehärteter Gelantine als oberste Lage, die am Ende dafür sorgen soll, dass nicht Staubkörner in der Kamera oder der Finger beim Entwickeln unschöne Kratzer im Bild machen. 

Film war ab ca. 1930 reif für die Kleinbildfotografie

Meine bis hier hin schon sehr langen Ausführungen lassen hoffentlich erahnen, welche gewaltige Fortschritte die Filmindustrie in den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts geschafft hat. Die Rollfilme der frühen 1930er Jahre und speziell der 35 mm Kleinbildfilm war damit reif für die Kleinbildfotografie. Der Schwarzweißfilm der zweiten Jahrhunderthälfte wurde nicht mehr entscheidend weiter verbessert, sieht man mal von wirklich hochempfindlichen Filmen (ISO 3200) mit der T-grain Techologie ab. Aber das waren fast Nebenprodukte der neuen Herausforderungen, denen sich die Film- und Fotoindustrie ab 1935 stellte: Der moderne Farbfilm.  Aber über das Thema hatte ich ja schon früher mal in einer kleinen Seire berichtet: 1) 100 Jahre moderner Farbfilm 2) Kodachrome;  3) Agfacolor Neu4) Ektachrome and Kodacolor

Filmherstellung aus einem ORWO Prospekt