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2025-07-13

Contax I(f)

Die Contax war 1932 Zeiss Ikon's lang erwartete Antwort auf die schon seit 1925 auf dem Markt befindliche Leica, die sich trotz ihres hohen Preises einer erstaunlichen Beliebtheit erfreute.  Fast 80,000 Examplare hatte Leitz trotz der Weltwirtschaftskrise bis dahin verkaufen können und auf der Leipziger Frühjahrsmesse wurde die Leica II präsentiert, mit ein- (oder besser) an-gebautem gekoppeltem Entfernungsmesser. 

Zeiss Ikon war ja erst 1926 durch Fusion von Contessa-Nettel, Ica, Ernemann und Goerz unter dem Dach der Carl-Zeiss Stiftung entstanden und nun der bei weitem größte und wichtigste Kamerahersteller. In den ersten Jahren war man zunächst damit beschäftigt, das umfangreiche Kamerasortiment zu konsolidieren, um sich nicht selbst weiter intern Konkurrenz und Platz für Neuentwicklungen zu machen. Als Leica-Alternative kam zunächst (1930) die Kleinfilmkamera Kolibri, dummerweise waren auch viele andere Hersteller gleichzeitig auf die Idee mit dem Halbformat 3x4 auf dem 127er Rollfilm gekommen, so dass der Markt etwas übersättigt mit solchen Kameras war. Außerdem war eine "echte" Leica-Alternative gefragt, die auch noch besser sein sollte...

Zeiss Ikon investierte also ab 1929 in deren Entwicklung, schickte das junge Ingenieurstalent Heinz Küppenbender nach Dresden und machte ihn zum Chef eines größeren Entwicklerteams. Heraus kam die Contax, leider nicht mehr rechtzeitig zur Frühjahrsmesse im März 1932. Erste Exemplare waren wohl ab dem Sommer zu haben. In der Papierform war sie tatsächlich in vielen Belangen der Leica überlegen und wurde entsprechend auch teurer verkauft. Allerdings war sie bei ihrem Erscheinen 1932 noch nicht wirklich fertig. Man kämpfte mit einigen Kinderkrankheiten, die ersten Produktionsserien wurden zum Teil nochmal komplett überarbeitet, was man den AU- und AV-Seriennummern heute ablesen kann. Sammler unterscheiden 6 (McKeown, Typen a-f) oder 7 Versionen (Kuc, s.u.) mit kleineren oder größeren Änderungen, die bei laufender Produktion zwischen 1932 und 1935 implementiert wurden. Die beiden wichtigsten sind die Einführung des Viergruppenverschlusses (mit Langzeitwerk ab ½ s, ab Typ c bzw. Version 4, ca. Frühjahr 1933) und der Drehkeilentfernungsmesser (davor Spiegel, ab Typ e, V. 6, ca. Herbst 1934). 

Erst gegen Ende 1935 war die finale Version 7 (Typ f) auf dem Markt und eine solche habe ich hier vor mir (Seriennummer Z27153). Alle weiteren Verbesserungen flossen von da an in die Nachfolgerin Contax II ein, die im Frühjahr 1936 erschien, endlich die fast perfekte Alternative zur Leica (nun III) war und nicht mehr wesentlich bis zum Ende ihrer Produktion verändert wurde. Die ursprünglich nur Contax genannte Kamera hatte im Jahr 1936 noch einem letzten Produktionsblock (Seriennummern A20xxx), blieb bis 1938 im Zeiss Ikon Katalog und hieß nun Contax I. Anscheinend gab es noch erkleckliche Lagerbestände!

Mein Exemplar ist äußerlich in einem sehr abgenutztem Zustand. Ein Vorbesitzer hat sich irgendwann sogar die Mühe gemacht, die ursprünglich schwarz lackierten Kanten bis aufs Aluminium abzuschmirgeln. An anderen Stellen blinkt Messing durch und die ursprünglich roten und weißen Beschriftungen sind nur mit viel Wohlwollen noch als jetzt beige-rotbraun und beigebraun zu erkennen. Der ausklappbare Standfuß fehlt und der Rückspulknopf ist nicht mehr der originale. Aber ansonsten kann ich mich nicht beschweren - die Kamera funktioniert: Der Verschluss läuft auf allen Zeiten plausibel, die 1/100 Sekunde habe ich stellvertretend mal mit dieser Methode nachgemessen. Auch der Entfernungsmesser geht noch (dank Drehkeil!) und der mit dem Zeigefinger zu bedienende Fokus-Schneckengang ist super leichtgängig. Einem Testfilm stände also nichts entgegen... 

Nun war ich natürlich neugierig, wie erfolgreich Zeiss Ikon mit ihrer Contax I wirklich war, sprich wieviele Exemplare gebaut und schließlich verkauft wurden. Die Antwort darauf war schwieriger zu bekommen, als ich gedacht hatte für so eine bekannte und auch bedeutende Kamera. Nirgendwo in den Weiten des Internets habe ich diese Zahl gefunden. Am nächsten dran kam ich mit einem Artikel aus dem Journal der Zeiss Historica Society, der allerdings nur auf das Buch "Auf den Spuren der Contax, Band 1" von Hans-Jürgen Kuc (Wittig Verlag 1992, ISBN 3-88984-118-X) verweist. Also habe ich mir das Buch in einem Antiquariat bestellt und mir die Wartezeit darauf dadurch verkürzt, dass ich mich selbst per Seriennummernsuche an die Arbeit gemacht habe. 

Und tatsächlich habe ich bei e-bay und anderen Seiten im Internet knapp über 100 Contax-I-Seriennummern finden können. Die Analyse wird dadurch erschwert, dass Zeiss Ikon keine separate Nummer nur für die Contax hatte, sondern sich alle Kameras einen Nummernkreis teilen. Allerdings wird einem beim Betrachten der Zahlen schnell klar, dass es Produktionsblöcke mit fortlaufenden Nummern gegeben haben muss, im Falle der Contax waren es 25 Blöcke, von denen ich mit meiner Analyse schon 23 gefunden habe. Ca. 100 Kameras als Stichprobe bei 25 Blöcken, gibt im Schnitt nur 4 Kameras pro Block und einen entsprechend großen Schätzfehler. Meine Analyse hat tatsächlich ca. 30.000 Kameras (+/- 5.000) ergeben. 

Als dann das Buch vor ein paar Tagen kam, war ich sehr angetan. Die dort verwendete Stichprobe war ca. 5000 Kameras groß und die Schätzung von insgesamt 36.700 Kameras entsprechend viel genauer als meine. Eine Fehlerabschätzung macht Hans-Jürgen Kuc leider nicht, weist aber sehr solide auf mögliche Fehler hin. Das Buch ist tatsächlich eines der besten Photographica-Bücher, die ich bisher in die Finger bekommen habe. Ein echtes Standardwerk zu Contax und Co. Ich habe mich also entschlossen hier nicht alles widerzukäuen, was sowieso im Internet zu finden ist (Achtung: nicht alles dort ist richtig!), sondern zur Abwechslung mal auf dieses Buch zu verweisen, es lohnt sich für alle, die an Details (Technik und Geschichte) interessiert sind. Das Buch gibt es übrigens auch in einer Englischen Version...

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera für perforierten 35mm Film mit Wechselobjektiven und Entfernungsmesser
Objektiv Contax Wechselbajonettfassung mit kameraseitigem Schneckengang für 50 mm Objektive (Innenbajonett), sowie Außenbajonett für alle anderen Brennweiten (mit eigenem Schneckengang). Als Standardobjektive 5cm verfügbar: Tessar f/3.5 und f/2.8, Sonnar f/2 und f/1.5.
Verschluss Vertikal ablaufender Metallrollo-Schlitzverschluss, Zeiten in vier Gruppen wählbar: B und 2; 5 und 10; 25-50-100; 100-200-500-1000 (1/s). Frühe Kameras bis Frühjahr 1933 hatten noch die einfache Version mit B-25-50-100-200-500-1000. Ein Upgrade wurde für 30 RM angeboten, die neue Version kostete auch 30 RM mehr.
Gehäuse Metall-Druckguss aus Silumin (Al-Si-Legierung), komplett abnehmbare Rückwand zum einfachen Filmhandling und Austausch gegen Zubehör.
Fokussierung Eingebauter gekuppelter Entfernungsmesser, Fokussierung mit dem rechten Zeigefinger per (Unendlich-) arretierbarem Drehrad. Bis 1934 mit Schwenkspiegeltechnik und großer Basis von 10,3 cm. Danach per Drehkeiltechnik, Basis nun 93 mm. 
Sucher Optischer Fernrohrsucher (getrennt vom benachbarten Entfernungsmesser-Einblick), vorschiebbare Suchermaske (s.u.)
Zubehör Umfangreiches Zubehör verfügbar, siehe Katalogseiten unten. Kamera gilt als eine der ersten Systemkameras.
Filmtransport Mittels kombiniertem Drehknopf auf der Kameravorderseite, der gleichzeitig den Verschluss spannt und direkt über dem Zeiteneinstellrad liegt. Film wird entweder von Patrone zu Patrone transportiert, oder zurückgespult nach Filmende. Bildzählwerk auf der Kameraoberseite.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Drahtauslöseranschluss, 3/8“ Stativgewinde, Ösen für Kameragurt, Unendlich-Ver/Entriegelung per Schieber neben Fokusrad, automatische Entriegelung für Außenbajonettobjektive, Suchermaske für Teleobjektiv (meist für 8,5 cm, optional auch 13,5 cm), ausklappbarer Standfuß. 
Maße, Gewicht ca. 45 x 70 x 135 mm, 570 g (ohne Objektiv).
Baujahr(e) 1932-1936, im ZI-Verkaufsprogramm bis 1938. Diese # Z27153 von Ende 1935. Insgesamt maximal 36.700 Kameras (Kuc), davon ca. 15.000 dieser Version 7 bzw. "f".
Kaufpreis, Wert heute 365 RM (1935, mit Sonnar f/2), heutiger Wert je nach Version und Zustand ca. 400 - 2000 €
Links Camera-Wiki, WikipediaCameraquest, PacificrimDeutsches Kameramuseum (Kurt Tauber), Altglasfieber, Zeiss Historica Q3-1993
Bei KniPPsen weiterlesen Contax II, Kiev 4, Leica Ia, Leica III, Beira, Peggy, Retina, Super- Nettel, Tenax II, Kolibri, andere Vorkriegs-Kleinbildkameras, andere 3x4-Kameras


Seiten aus den Photo Porst Katalogen von 1932 (links) und 1935 (rechts). Klick auf die Grafik führt zu weiteren Seiten als PDF...

2022-03-20

Super Nettel (Zeiss Ikon 536/24)

Mit dieser wundervollen Super Nettel aus dem Hause Zeiss Ikon wächst meine Sammlung von Kleinbildkameras aus den 1930ern um einen wichtigen Baustein. Zeiss Ikon hatte sich nach der erzwungenen Fusion seiner Vorgängerunternehmen (1926) in wenigen Jahren zum Technologieführer gemausert. Die interne Konsolidierung des Produktportfolios (viele gleichartige Platten und Rollfilmkameras für 'zig Formate) setzte Resourcen in der Entwicklung und Produktionskapazität frei. Gleichzeitig hatte man das Glück, dass ein Generationswechsel stattfand, und ein paar junge Ingenieure bekamen die Chance, ihre frischen Ideen in leitenden Positionen tatsächlich in die Tat umzusetzen. Bei Zeiss Ikon in Dresden waren das insbesondere Heinz Küppenbender und etwas später auch Hubert Nerwin

Und es dämmerte tatsächlich ein neues Zeitalter der Fotografie, genau: die Kleinbildfotografie wurde zum neuen Wachstumstreiber der ganzen Branche. Nach ersten eher weniger erfolgreichen Gehversuchen mit der Klasse der 3x4-Kameras (auch von Zeiss Ikon), erschienen spätestens ab 1934 immer mehr KB-Kameras für den 35mm breiten Kinofilm. Mit der Leica gab es schon seit 1925 ein Rollenmodell auf dem Markt, was für viele Wettbewerber Ansporn war und den Weg vorzeigte. Zeiss Ikon war 1932 der erste, der mit der Contax Leica was entgegenzusetzen hatte. Das später dann Contax I genannte Modell hatte noch die eine oder andere Kinderkrankheit und galt nicht wirklich als zuverlässig. Die Verbesserungen dazu wurden bei Zeiss Ikon in der laufenden Produktion sukzessive umgesetzt. Man perfektionierte seine Prozesse und die daraus hervorgehenden Produkte, so dass die 1936 vorgestellten Contax II und Contax III sich tatsächlich (auch preislich) an die Spitze des KB-Kameramarktes setzten. 

Aber mit der technologischen Spitze lässt sich alleine nicht genug Geld verdienen. Zeiss Ikons Wettbewerber waren auch nicht untätig, insbesondere Kodak (Nagelwerk) in Stuttgart trieben die Konkurrenz mit der günstigen aber leistungsfähigen Retina Serie vor sich her. Und so musste auch bei Zeiss Ikon ein Modell für den anspruchsvollen Amateur her, der sich im Gegensatz zu den Profis keine Contax leisten konnte. Man nehme also den Schlitzverschluss der Contax und viele Gleichteile aus Gehäuse und Filmhandling, greife in die Carl Zeiss Jena Objektivkiste und baue dies fest an einen schlichten Faltbalgen mit Scherenspreizen. Gewürzt wird das Ganze mit dem innovativen Drehkeil-Entfernungsmesser der Super-Ikonta, voila: Fertig ist die „Super Nettel“, auch vermarktungstechnisch geschickt anknüpfend an die Stuttgarter Contessa-Nettel Tradition. 
Als die Super Nettel 1935 auf den Markt kommt hat sie sogar schon das verbesserte Verschlussdesign mit dem zentralen Auslöser an Bord, das erst ein Jahr später mit der Contax II (wieder verbessert) auf den Markt kommt. Auch sonst wirkt sie selbst heute noch sehr durchdacht und fertig. Bei meinem Exemplar ist fast der gesamte schwarze Lack noch intakt, selbst bei den sonst üblichen Zeiss bumps gibt es nur auf der rechten Kameravorderseite was zu bemängeln. Zeiss Ikon hat während ihrer 4-jährigen Bauzeit nur minimale Änderungen vorgenommen. Allerdings gab es mit der Super Nettel II (537/24) ab 1936 etwas Differenzierung. Das ansonsten baugleiche Modell hatte Chrome statt schwarzem Lack, außerdem wurde es exklusiv mit dem 2.8-Tessar verkauft (angeblich in limitierter Auflage von 2000 Stück). Das nun Super Nettel I genannte Basimodell gab es nur noch mit dem 3.5-Tessar oder dem günstigeren Triotar. Zum Ende wurden gar die Preise noch gesenkt, vermutlich um sie den direkten Konkurrenten am Markt anzupassen. Eine tolle Kamera, für meinen Geschmack mit über 600 g etwas zu schwer und groß für das was sie am Ende kann. Aber vielleicht mach ich ja trotzdem mal ein paar Bilder damit…

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera mit Schlitzverschluss für den anspruchsvollen Amateur
Objektiv Carl Zeiss Triotar 5cm f/3.5 (Triplet, nicht vergütet, #1651145, 1935) . Kamera war auch erhältlich mit Tessar 5cm f/2.8 oder f/3.5.
Verschluss Vertikaler Metallrollo-Schlitzverschluss, B-5-10-25-50-100-200-500-1000 1/s. Keine Blitzsynchronisation vorgesehen. Auslöser mit Drahtauslösergewinde im Zentrum des Spanndrehknopfes. Herausziehen dieses Knopfes dient zur Wahl der Verschlusszeit.
Fokussierung mittels Rändelschraube am Drehkeil-Entfernungsmesser. Kürzeste Entfernung ca. 1m. Dieses Exemplar hat die Skala in feet.
Sucher optischer Durchsichtsucher direkt neben Entfernungsmessereinblick. Keine Parallaxenkorrektur.
Filmtransport Mittels Drehknopf an der Kameraoberseite, womit auch der Verschluss gespannt wird. Die Kamera akzeptiert Standard-135er Film und die normale Contaxaufwickelspule. Alternativ können auch Zeiss Ikon Tageslicht-Kassetten verwendet werden, die mit den Schlüsseln an der Unterseite der Rückwand verschlossen werden.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, Abnehmbare Rückwand, kompatibel zu Contax-Zubehör wie z.B. Platten/Planfilmadapter, Stativgewinde 1/4‘‘. Vorwärtszählender Bildzähler, Trageösen (nicht selbstverständlich zu der Zeit)
Maße, Gewicht ca. 42 x 70 x 132 mm, 621g
Baujahr(e) 1935-1938, diese #C20968 von 1936. 
Kaufpreis, Wert heute 165 RM (1938), ca. 200€
Links Camera-Wiki, Operating manual, BedienungsanleitungMike Elek, Klaus-Eckard Riess, Meyer.de, Earlyphotography.co.uk
Bei KniPPsen weiterlesen Contax II, Leica III, Tenax I, KB Balgenkameras der 30er, Certo DollinaZeiss Ikon Kolibri, Dr. Paul Rudolph, Weltini II

Die Super Nettel kostete bei Photo Porst im Jahr 1935 mindestens 198 Reichsmark.  Im Jahr 1938 war die Spitzenversion mit dem 2.8 Tessar nicht mehr im Porst Programm, dafür die Einstiegsversion mit dem Triotar für 165 RM.

2020-01-03

Das plötzliche Verschwinden der 3x4 Kameras


Vier der 18 im Jahr 1932 erhältlichen 3x4-Kameras. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932.
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Die 3x4-Kleinbildkameras für den 127er Rollfilm haben es mir derzeit angetan, wie man an meinen letzten Beiträgen zur Korelle 3x4 und Foth Derby schon sehen konnte. Daher war ich sehr erfreut als ich letzte Woche in der jüngsten Ausgabe des PhotoDeal einen Artikel von Volkmar Kleinfeld zum Thema fand. Der Titel „3x4-Kameras und ihr kurzes Leben“ las sich sehr vielversprechend, die entscheidende Frage wird aber weder richtig diskutiert noch beantwortet: Warum sind diese Kameras nach so kurzer Zeit am Markt so schnell wieder verschwunden? Ich möchte hier eine Antwort versuchen, auch wenn es ein kleines bisschen spekulativ ist. Wir sind halt alle nicht vor 90 Jahren dabei gewesen...
Für eine Antwort muss man aber etwas weiter ausholen und mehr Aspekte betrachten, als dies meist in den sehr Technik- und Detail-verliebten Sammlerkreisen geschieht. Insbesondere das Marktumfeld scheint mir sehr wichtig für diese Warum-Frage, und zwar sowohl die „fotografische Gesamtsituation“ als auch die wirtschaftliche Lage der Kameraproduzenten und potenziellen Käuferschichten. Und beides war am Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre sehr speziell. 

Aber eins nach dem anderen: Laut Hans Porst und seinem Photohelfer von 1932 (dort S. 33), erzielte er im Jahre 1931 noch 2/3 seiner Kameraumsätze mit Plattenkameras, nur 33% mit Rollfilmkameras (darunter auch die paar Kleinbildkameras). Das heißt, auch wenn es Rollfilme schon mehr als 20 Jahre gab, griff der Profi wie auch der ambitionierte Amateur meist immer noch zur traditionellen Glasplatte oder alternativ zum entsprechenden Filmpack mit einzelnen Planfilmnegativen. Die Bilder wurden einzeln entwickelt und per Kontaktkopie abgezogen. Vergrößerungsgeräte waren vermutlich sehr selten - keine guten Voraussetzungen für Kleinbildnegative, seien sie nun 24x36 oder 30x40 mm groß. Wie Volkmar Kleinfeld schon schreibt: Viele der winzigen Negative wurden daher ebenfalls nur per Kontaktabzug ins Positiv verwandelt und ins Briefmarkenalbum geklebt. Ich denke, dass die Leute das nicht freiwillig getan haben, hätte es preiswerte und überall verfügbare Vergrößerungsmöglichkeiten (und -Services) gegeben. 

Trotzdem, und das wissen wir aus dem Rückblick, gab es dieses Bedürfnis nach kompakteren und einfach zu bedienenden Immerdabei-Kameras. Und, es gab immer besser werdendes Filmmaterial, feinkörniger und empfindlicher. Seit 1925 war mit der Leica ein relativ radikales Konzept auf dem Markt, das die Traditionalisten unter den Fotografen als spinnerte Idee abtaten, gleichzeitig aber ganz neue Kreise ansprach, die sie tatsächlich kauften und plötzlich ganz anders (und gut!) fotografierten. 
Ich fühle mich etwas an die letzte Jahrtausendwende erinnert, als die Digitalfotografie alle elektrisiert hat, sich aber keiner wirklich vorstellen konnte, dass schon 2004 die letzten analogen Kameras zu Ladenhütern wurden. Genauso war es in den 1930er Jahren mit der Platten- und Planfilmkameras, am Ende des Jahrzehnts hieß es Roll- und Kleinbildfilm, inkl. den nun überall verfügbaren Vergrößerern. 

Wirtschaftliche Situation in Deutschland
während der Weltwirtschaftskrise. Quelle: Wikipedia
Jetzt aber noch kurz zur gesamtwirtschaft-lichen Situation: Die Weltwirtschaftskrise erlebte ausgehend vom Wallstreet-Crash im Oktober 1929 am Anfang der 1930er ihren Höhepunkt. In Deutschland gilt insbesondere 1932 als das Krisenjahr, die Industrie-produktion brach (nochmal !) um ca. 40% im Vergleich zum Vorjahr ein, die Arbeitslosigkeit erreichte ungekannte Ausmaße. Das traf natürlich alle, sowohl die potentiellen Käufer der Kameras als auch ihre Produzenten! 

Aber zurück zu den 3 × 4 Kameras. Die deutschen Kamerahersteller zu der Zeit hatten natürlich bemerkt, welchen Erfolg die Firma Leitz mit ihrer Leica hatte. Insbesondere inspirierte die Tatsache, dass man neue Käuferschichten ansprach. Nicht nur Zeiss Ikon (Contax, Ikonta, Kolibri) sondern auch viele andere kleinere Hersteller wollten einen Teil dieses neuen Marktes abhaben. An den Kinofilm wagten sich (auf die Schnelle) nur wenige, insbesondere wegen der relativ komplizierten Mechanik für den Filmtransport. Hier war Rollfilm Handling viel simpler zu realisieren. Die meisten Hersteller hatten schon Klappbalgenkameras für 6 × 9 oder 4,5 × 6 cm im Programm. Da war es relativ naheliegend, auch noch kleinere Kameras in entsprechendem Design auf den Markt zu werfen. 

Weitere der im Jahr 1932 erhältlichen 3x4-Kameras. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932. 
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Und das machten sie alle fast gleichzeitig. Wenn man genau hinschaut, lassen sich insgesamt 18 verschiedene, relativ anspruchsvolle 3x4 Kameras zählen, die alle zwischen 1930 und 1932 auf den Markt kamen. Ich habe hier auf der Seite die acht abgebildet, die bei Photo Porst 1932 zu bestellen waren. Die restlichen zehn sind: Nagel/Kodak Pupille und ihre einfachere Schwester Ranca, Certo Dolly, Welta Gucki, Merkel Metharette (auch als Meyer Megor), Ihagee Parvola bzw. Ultrix, Mentor Dreivier, Lumiere Elax, Glunz Ingo (auch als Rodinette), Lucht Nikette und Zeh Goldi (auch als Ysella). Es gab noch ein paar mehr, die erst Ende der Dreißiger oder dann erst Ende der 40er/Anfang der 50er als Einfachkameras kamen. Auch ein paar Boxen habe ich nicht mitgezählt.


Die vier im Jahr 1932 erhältlichen Kameras für den 35 mm Kinofilm. Quelle: Photo Porst Photohelfer 1932.
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Zu den 18 3x4 Kameras kommen 1931/1932 mit der Krauss Peggy, der Contax und der Beira noch drei Neue für den Kinofilm. Man darf auch nicht vergessen, dass Leica zu diesem Zeitpunkt nur circa 20.000 Kameras pro Jahr verkaufte (und das weltweit!). Der Gesamtmarkt war also interessant, aber nicht groß genug für 18 plus 3 verschiedene Kameramodelle, viele davon ähnlich und ohne wirkliches Alleinstellungsmerkmal. Hinzukommt die wirtschaftliche Situation 1932. Viele Hersteller mussten sicher Angestellte und Arbeiter nach Hause schicken um über die Runden zu kommen. Ich denke, dass die Produktion der meisten dieser 18 Kameras im Jahr 1932 wieder eingestellt wurde und man erst mal die Lagerbestände von 1930 und 1931 abverkaufte. Als es dann 1933 langsam wieder Bergauf ging, hatten die erfolgreicheren der Hersteller (allen voran Nagel/Kodak) das Konzept für die Kleinbild-Kamera auf Kinofilmbasis inklusive der 135er Kassette schon fertig entwickelt. 1934 kam damit die Retina und bald danach ihre Klone (Welti, Baldina, Dollina, etc.). 


Kodak Retina (hier meine 118er) und ihre
Klone machten 3x4 Kameras endgültig
unattraktiv für den Markt.
Am Markt war spätestens dann kein Platz mehr für die meisten der 3×4 Kameras. Lediglich diejenigen mit einem Alleinstellungsmerkmal wie zum Beispiel die Foth Derby (Schlitzverschluss) oder KW Pilot (TLR) (und evtl. diejenigen mit internationalen Vertriebskanälen) konnten sich noch ein paar Jahre halten. Aber das Konzept 3x4 hatte sich überholt, die 135er Patrone mit ihrem perforierten Kinofilm und 36 Bildern endgültig das Rennen gewonnen. Ich persönlich glaube, dass die Universalität der 135er Patrone (passte in Leica, Contax und Retina, etc.) der entscheidende Durchbruch für den Kleinbildfilm war, wie wir ihn heute kennen. Wäre weiterhin jede neue Kamera mit ihrem eigenen System gekommen, und hätte die 127er Rolle ein paar Bildchen mehr geliefert, wer weiß, vielleicht wäre die Geschichte anders verlaufen...

Um noch einmal das Warum zusammenzufassen: Um 1931 kommen fast gleichzeitig 18 3x4-Kameras mit sehr ähnlichen Leistungsdaten auf den Markt, der im Prinzip attraktiv und langfristig wachsend ist, aber zu diesem Zeitpunkt noch recht klein und schon mit der attraktiven Leica besetzt. Das konnte schon so kaum gutgehen. Nun trifft dies alles aber zusammen mit einer schweren Wirtschaftskrise, in der fast 30% arbeitslos werden und sich Luxus schon gar nicht mehr leisten können. Der Todesstoß für diese kleinste Rollfilmklasse kommt in Form der universellen 135er Kleinbildpatrone, die zusammen mit der Kodak Retina den Markt aufrollt, als es wirtschaftlich wieder bergauf geht. Danach spielen 3x4 Rollfilmkameras als Einfachknippsen nur noch eine Nischenrolle.  

2018-05-26

KW Zwischenringe und Doppeldrahtauslöser

Zwischenringe sind die technisch simpelste Methode den Objektivauszug mechanisch zu verlängern und damit Nahaufnahmen zu ermöglichen. Bei M42 reichen simple Metallringe (wie diese hier aus Aluminium) mit vorne und hinten dem jeweiligen Gewinde. Diese hier, gebaut von den Kamerawerkstätten Niedersedlitz ("KW") in den 1950 oder 1960ern, sind 7, 14 und 28 mm breit. Beliebig kombinierbar erlauben sie einen maximalen Auszug von 49 mm und mit einem 50 mm-Objektiv einen maximalen Abbildungsmaßstab von ca. 1:1:

Ab 1956 hatten die Dresdener Kameras Praktica FX2 und später die Contax F mit entsprechenden Objektiven die automatische Springblende, d.h. die Blende blieb zum Scharfstellen maximal geöffnet und schloss sich erst beim Auslösen auf den eingestellten Wert.  Das ist natürlich auch bei Makrofotografie sinnvoll und dafür gab es noch einen Spezialzwischenring (14mm), der direkt hinter das Objektiv kam und den silbernen Pin bedienen konnte. Dazu brauchte man noch den mitgelieferten Doppeldrahtauslöser, der mit einem Druck dann die Blende schloss und die Kamera auslöste.

2017-08-14

Carl Zeiss Sonnar 5cm f/1.5


Ich hatte es bei meinem Post zur Contax II schon dezent angedeutet: Neben der Kamera selbst ist natürlich das Objektiv der Star, quasi der Meilenstein am Meilenstein. Das Carl Zeiss Sonnar, insbesondere in der Lichtstärke f/1.5, war in den 1930er Jahren DAS Hochleistungsobjektiv schlechthin. Man kann die Leistung seines Designers Ludwig Bertele und die Bedeutung dieser Erfindung für die Fotographie nicht hoch genug einschätzen.  
Die Ausgangslage bezüglich Objektivdesign war für den jungen Bertele eigentlich ganz gut. Schon ein paar Jahre vor seiner Geburt wurde das Hauptproblem der fotografischen Abbildung - der Astigmatismus - durch Taylor und seinem sog. Cooke-Triplet grundsätzlich gelöst. Um es kurz zu machen: Diese geschickte Kombination von zwei Sammel und einer zentralen Zerstreuungslinse bildet als ganzes wie eine Sammellinse ab, wobei sich die Abbildungsfehler der Einzellinsen aber im wesentlichen gegenseitig aufheben. Leider funktioniert das nur bis zu einer gewissen Lichtstärke, bei ca. 3.5 oder größer wird es unschön, besser blendet man auf 5.6 oder gar 8 ab. 
Natürlich versuchte man, durch Einfügen weiterer Elemente und die Verwendung hochbrechender Gläser lichtstärker zu werden ohne die Abbildungsleistung zu stark zu opfern. Der erste wirklich nennenswerte "Lichtriese" war das Ernostar f/2, entwickelt mit nur 4 Linsen von eben jenem Ludwig Bertele im Alter von nur 23 Jahren. 
Allerdings stiegen zur selben Zeit mit dem Aufkommen der Kleinbildkameras auch die Anforderungen an die Abbildungsleistung. Außerdem treibt man mit dem Einfügen zusätzlicher Linsen für Abbildungsleistung und Lichtstärke quasi den Teufel mit dem Belzebub aus. Jeder zusätzlicher Glas-Luft Übergang bedeutet Streuverluste, die mit Kontrast- und Lichtverlust einhergehen. Was also tun? Bertele lieferte die Antwort, in dem er Linsen "verkittete", am besten solche mit unterschiedlichen Glas (bzw. Brechungsindex). Schon in den 1920er Jahren verbesserte er bei Ernemann seine Ernostar-Objektive dadurch. Spätestens seit 1926 als Ernemann von Zeiss Ikon (und damit auch Bertele) übernommen wurde, verfeinerte er und das Team bei Zeiss die Technik dazu immer mehr und verkittete nicht nur zwei, sondern später sogar drei Linsen miteinander. Man kann also sagen, dass diese Technik den Objektivdesignern einen neuen Freiheitsgrad verschaffte. 
Das Sonnar f/1.5 von 1933 ist also quasi der Gipfel dieser Entwicklung, denn Bertele war es gelungen ein komplexes System aus 7 Linsen wieder zu einem Triplet zu gruppieren. Die Abbildungsleistung war derart gut, dass nur bis ca. 2.8 abblenden muss, um das Optimum rauszuholen. Fotografen und betuchte Amateure schwärmten und begründeten den legendären Ruf des Namens Sonnar. 
Die Entwicklung ging natürlich weiter und das bezeichnenderweise ebenfalls bei Zeiss Ikon in Jena. Im Jahre 1935 patentierte Alexander Smakula, ein (gleich alter) Kollege von Bertele die "Antireflexbeschichtung" oder "Vergütung" optischer Linsen. Auch das Sonnar wird später mit vergüteten Linsen gebaut und von Zeiss mit dem roten T* vermarktet, aber das wird vielleicht mal Thema eines anderen Posts. Allerdings macht die heutige Technik der Mehrschichtvergütung sehr komplexe Objektivkonstruktionen mit wieder einer größeren Zahl von freistehenden Gruppen möglich. Verkittung von einzelnen Linsen wird zwar noch angewendet, aber eher selten. 
Mein Sonnar hier von 1938 ist noch unvergütet und ich werde bei Gelegenheit mal Testfotos machen und auch hier zeigen. Für alle die weiterlesen wollen seien Frank Mechelhoff's exzellente Seiten empfohlen. 

2017-08-04

Zeiss Ikon Contax II

Es steht zwar nirgendwo Zeiss Ikon auf der Kamera, aber jeder Fotointeressierte in den 1930er Jahren wusste, wer da (endlich) gegen die Leica den technologischen Wettbewerb im neuen Kleinbildsektor aufnahm. Nach einem vielleicht überhasteten Versuch mit der Contax I im Jahre 1932, der noch nicht zuverlässig arbeitete und immer wieder verbessert wurde, konnte Zeiss Ikon im Jahre 1936 mit diesem zweiten Modell der Welt zeigen, dass sie Technologieführer waren, und das weltweit! Stephen Gandy hat auf seiner Seite Camerquest die Vorzüge der Kamera im Detail diskuiert und auch schön tabellarisch den direkten Vergleich mit der Leica IIIa gezogen, der klar zugunsten der Contax ausgeht. Ich will hier natürlich nicht alles wiederholen. Aber sie ist ohne Zweifel ein technischer Meilenstein im Kamerabau, sie war die erste richtige Messsucherkamera mit eingespiegeltem Entfernungsmesser im Sucher (Leica hatte das erst ab der M3, 1954) und sie hatte den damals schnellsten Verschluss mit 1/1250 s. 
Bild aus dem Photo-Porst Katalog von 1937
Ihr größter Vorzug vermutlich aber waren die exzellenten Objektive und auch sonst das Zubehörprogramm, dass Zeiss Ikon innerhalb kürzester Zeit auf die Beine stellte. Davon und natürlich vom hohen Preisniveau kann man sich beim Blick in den Photo-Porst Katalog von 1937 ein Bild machen...
In meiner Sammlung darf dieser Meilenstein natürlich nicht fehlen und wird demnächst neben der Leica III in der Vitrine stehen. Ich habe sie auf e-bay gefunden und angesichts der Tatsache, dass sie mit dem f/1,5 Sonnar kam, einen fairen Preis bezahlt.
Die Kamera trägt die Seriennummer G7773 und stammt somit von 1938. Sie ist gut erhalten, Verschluss, Blende, Entfernungsmesser, Selbstauslöser und Fokus funktionieren einwandfrei. Äußerlich gibt es einige Spuren der normalen Benutzung, an ein paar Stellen blitzt das Messing durch. Auf der Kamerarückseite gibt es einige kleine "Zeiss-Knubbel", Einschlüsse von Messingkorrosion unter dem Leder. Der umklappbare Standfuß am Stativgewinde fehlt, dafür hat sie einen nachträglich eingebauten Blitz-Synchronanschluss, keine der Vorkriegs-Contaxe hatte das im Original. Eventuell ist dieser Umbau sogar in Schweden durchgeführt worden. Ein entsprechender Aufkleber einer entsprechenden Werkstatt findet sich im Filmraum.
So, auf dem Bildchen rechts unten sieht man sie neben meiner Kiev 4, einem fast originalgetreuen Contax III Nachbau aus der Sovietunion. Deren Geschichte ist im entsprechenden Post schon ausführlich behandelt worden. Ihre wirklichen Nachfolger, also Weiterentwicklungen aber waren natürlich die westdeutsche Contax IIa (und IIIa), sowie die ertsklassigen Nikon Messsucherkameras, wie zum Beispiel meine Nikon S. Der absolute Höhepunkt der Entwicklung ist sicherlich die Nikon SP, die zur Grundlage der legendären Nikon F wurde. Aber hier sind wir schon wieder bei Spiegelreflex und einer anderen Geschichte. 

2015-05-23

Contax III (Photo Porst Katalog 1937)



Als Nachtrag zur Kiev-4 hier der Urahn Contax III aus meinem Photo Porst Katalog von 1937. Die drei Doppelseiten aus dem Katalog kann man hier als PDF runterladen. Ein interessanter Aspekt ist der Preisvergleich zwischen Leica und Contax. Die entsprechende Leica Seite aus dem Katalog habe ich schon vor Jahren hier gepostet und man sieht, dass die Contax II mit 450 RM deutlich teurer war als die entsprechende Leica IIIa (387 RM, jeweils mit 50mm f/2). Nicht ganz so extrem war der Unterschied in den USA. Für die Contax III mit ihrem Alleinstellungsmerkmal Belichtungsmesser wurde gar für 560 RM angeboten, in heutiger Kaufkraft fast 2200 €.
Die Contax und auch deren Zeiss Objektive genossen damals ein höheres Ansehen als die entsprechenden Leica Produkte, man konnte entsprechend höhere Preise verlangen. Das änderte sich allerdings irgendwann und Leica hat den Messsuchermarkt irgendwann als Markt- und Technologieführer übernommen. Leica Kameras genießen heute eine fast religiös anmutende Reputation, sogar gebrauchte Vorkriegsstücke sind heute deutlich teurer als die entsprechenden Contax Gehäuse. Um beim obigen Vergleich zu bleiben, hier die Gebrauchtpreise von Collectiblend:
Leica IIIa: ca. $310/$490 , Contax II: ca. $150/$330 (jeweils ohne/mit Objektiv). Und wenn man irgendwelche Sondermodelle betrachtet, wird der Unterschied noch krasser.

2015-05-20

Kiev 4


Dass die Kiev Messsucherkameras fast originalgetreue und (kriegsbedingt) lizensierte sovietische Contax Nachbauten sind, wissen viele Kamera-Interessierte. Man kann die Geschichte an vielen Stellen (siehe Links unten) nachlesen. Dass die Arsenal Fabrik in Kiev diese Kameras mit nur geringfügigen Modifikationen bis in die späten '80er hinein produziert hat, verblüfft dann doch. Es ist, als ob die Geschichte der Kameraentwicklung für 50 Jahre angehalten wird. Mein Modell Kiev-4 (Typ 4) hier, stammt aus dem Jahr 1978 und ist eine interessante Melange aus Technik und Grunddesign der Contax III von 1936, wenigen Designelementen angelehnt an die westdeutsche Neuentwicklung Contax IIIa von 1951 (Belichtungsmesser), sowie planwirtschaftlich bedingten Qualitätsabstrichen (z.B. 1/1000 s statt 1/1250 s). 

Hält man die Kiev heute in der Hand kann man dennoch dem Geist der Contax III von 1936 nachspüren. Diese war damals eine der modernsten Kameras überhaupt am Markt: Es gab hochlichtstarke Objektive, einen kombinierten Sucher/Entfernungsmesser ("Messucher", der erste am Markt!), eine superbreite Entfernungsmesserbasis für sehr präzises Scharfstellen, einen eingebauten Belichtungsmesser (eine der ersten) und den schnellsten Schlitzverschluss (1/1250 s). Kein Wunder, dass dieser Vorsprung in Technik (auch kriegsbedingt) fast 20 Jahre reicht, bis Konkurrenten (z.B. Leica M3) und Nachahmer (z.B. Nikon S) Mitte der 50er die Contax technisch einholen und schließlich vorbeiziehen. Die originalen Contax Produktionsmaschinen aus Dresden stehen ja seit Ende der 40er in Kiev und produzieren diese Kameras noch weitere 40 Jahre.
Im Gegensatz zu den originalen Vorkriegs Contax' sind Kiev's heute für billiges Geld zu bekommen. Meine hier hat mich ca. $30 (inkl. Objektiv und Versand) gekostet. Ich habe sie generalüberholt (gereinigt und das Leder neu angeklebt), jetzt funktioniert sie wieder zu 100%. Ja, auch der Belichtungsmesser zeigt vernüftige Werte an, ich habe erfolgreich  einen Testfilm verschossen, dazu demnächst hier ein eigener Beitrag. Allen, die mal Messsucherfeeling a la Großvater ausprobieren möchten kann ich die Kiev's wärmstens empfehlen, es sind sehr solide Kameras, die Objektive sind scharf und alles zusammen zum Diskountpreis! 

Datenblatt KB-Messsucherkamera mit Selen-Belichtungsmesser
Objektiv Contax Bajonett, Standard-Objektive: Jupiter-8M 50 mm f/2 (Zeiss Sonnar Klon)
Verschluss Vertikal ablaufender Metalllamellen-Schlitzverschluss, 2-5-10-25-50-125-250-500-1000 1/s und B. Blitzsynchronisation 1/25 s.
Belichtungsmessung Eingebauter, aber ungekuppelter Selen-Belichtungsmesser, Filmenpfindlichkeit 8-500 GOST
Fokussierung Kombinierter, heller Messsucher mit sehr breiter 9 cm Basis. Rädchen zur Feinfokussierung, Arretierung bei unendlich.
Sucher Messsucher, Sucherfeld für 50 mm (0.8 x), keine Parallaxenkorrektur oder Markierung.
Blitz Synchronbuchse X (und FP), 1/25s Synchronzeit, Zubehörschuh (ohne Kontakt)
Filmtransport Drehknopf, spannt auch den Verschluss. Verschlusszeiten sollten nur in gespanntem Zustand verstellt werden. Rückspulen ebenfalls mit einfachem Drehknopf.
sonst. Ausstattung ISO-Gewinde für Drahtauslöser, Selbstauslöser (9-15 s), Stativgewinde, Bildzählwerk
Maße, Gewicht ca. 40/90/138 mm, 761/630 g (m/o Objektiv)
Batterie keine
Baujahr(e) 1957-1980 (diese 1978).
Kaufpreis, Wert heute 2140 HUF (1979), heutiger Wert ca. US$50
Links Sovietcams, Manual (english), Camera-Wiki (mit noch mehr Links), Camerajunky, Matt's Classical Cameras, Fotua (alle Modellvarianten)