2023-08-21

SIDA


Kleine Kamera GANZ GROSS! Das Bild zeigt die Sida auf den meisten Monitoren in ca. doppelter Größe, ihre wahren Dimensionen stehen unten in der Tabelle. Am Besten ist sie mit einer Streichholzschachtel zu vergleichen, die an beiden Seiten jeweils eine AA-Batterie angeklebt hat. Es ist (neben der ähnlichen Simplex Snapper) die kleinste Boxkamera in meiner Sammlung. Auch wenn sie keine Boxform hat gehört sie mit Fixfokus-Meniskus und Einfachverschluss definitiv in diese Klasse. Gefertigt ist sie aus drei Teilen Zink-Druckguss: abnehmbare Rückwand, eigentlicher Kamerakörper und die rechteckige Verschlusskappe mit dem Objektiv im Zentrum. Nimmt man diese ab, kommt der einfache Selbstspannverschluss zum Vorschein, der auch nur aus drei Blechteilen, drei Schrauben und einer Feder besteht. Insgesamt hat die Kamera weniger als 30 Einzelteile und ist zudem wegen der Ganzmetallkonstruktion super robust.

Der Verschluss meines Exemplars funktionierte nicht mehr. Korrosion hatte zugeschlagen, die ich aber mit feinem Schmirgelpapier entfernen konnte. Jetzt geht er wieder und auf dem GIF links kann man gut die Funktionsweise für Momentaufnahmen („M“, ca. 1/25 s) sowie Zeitaufnahmen („T“, Schieber Links oben) erkennen. 

Bei meiner Kamera fehlt leider der Drehknopf für den Filmtransport (oben auf dem rechten Zylinder). Dafür war noch eine Spule für den speziellen Sida-Rollfilm mit Rückseitenpapier in der Kamera. Dieser ist 32 mm breit (nicht 35 mm, wie manchmal behauptet wird!) und bot 10 Aufnahmen vom Format 25x25 mm. Auf der Kamerarückseite ist das Rollfilm-typische rote Fenster, die Unterseite hat ein Stativgewinde mit sehr unüblich kleinem (3mm) Gewinde, die Oberseite einen winzigen Fernrohrsucher, gerade noch so zum groben Anpeilen des Motivs geeignet. 


Der einlinsige Meniskus hat eine angegebene Brennweite von 35 mm und wird mittels eingelegter Unterlegscheibe auf f/8 abgeblendet. Damit ergibt sich eine akzeptable Tiefenschärfe für das Fixfokusobjektiv sowie eine durchschnittliche Belichtung für mittlere Beleuchtungssituationen draußen. Viel sollte man aber nicht von der Qualität der Aufnahmen erwarten. Diese ist eher bescheiden bis ungenügend, wie die fünf Originalaufnahmen beweisen, die ich mit großer Freude zusammen mit der Kamera auspacken durfte. Es handelt sich um Kontaktabzüge im Briefmarkenformat, mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Ich hab sie mit 2400 dpi eingescannt und etwas digital aufgepeppt. Vielleicht könnte man aus echten Vergrößerungen noch etwas mehr rausholen, aber das hat sich wohl kaum einer der Kameranutzer wirklich geleistet. 


Die Sida (der Name kommt angeblich von "Sieh da!") ist eine Kreation von Fritz Kaftanski (*18.11.1899), einem deutschen Erfinder und Kameraunternehmer, der wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis fliehen und auch sich selbst und seine Kamerafirmen immer wieder neu erfinden musste. Am Ende war er insgesamt an 9 Kamerafirmen maßgeblich beteiligt gewesen und starb 1988 hochbetagt in seiner neuen Heimat Frankreich. Die "Sida Gesellschaft für photographische Apparate mbH" wurde 1934 von zwei Geschäftspartnern in Berlin gegründet, er selbst blieb im Hintergrund. 1936 kam die kleine Kamera auf den Markt, Kaftanski musste 1937 nach Prag in die Tschecheslowakei fliehen, wo er wieder eine neue Firma gründete und die Kamera auch dort produzierte. Am Ende gab es wohl noch weitere Produktionsstätten (England, Polen, ...) und Varianten aus Bakelit statt Metalldruckguss. Aber die Geschichte von Fritz Kaftanski und den mit ihm verbundenen Kameras arbeite ich vielleicht ein anderes Mal auf.
Wie erfolgreich die Sida in den wenigen Jahren vor und auch während des 2. Weltkriegs wirklich war, läßt sich im Nachhinein schwer rekonstruieren. Auf der einen Seite war sie billig zu bekommen, und damit eine gute Einstiegskamera für die breite Masse. Auf der anderen Seite war vermutlich der spezielle Rollfilm nicht überall verfügbar und auch wegen seiner unüblichen Breite nicht von jedem Labor zu entwickeln. Ich glaube, dass auch die Nutzer nach schon wenigen Filmrollen von den Ergebnissen enttäuscht und vom entsprechend aufwändigen Filmhandling frustriert waren und sich entweder besseren Kameras zuwandten oder ganz die Finger von der Fotografie ließen. 
Als Sammelgegenstand taugt die Sida aber allemal, wegen der vielen Varianten und der intersessanten Geschichte dahinter.

Datenblatt Einfachkamera für Sida-Rollfim (25x25 mm)
Objektiv Meniskus 35 mm f/8.
Verschluss Selbstspann-Verschluss M (1/25 s) und T.
Fokussierung Fixfokus
Sucher einfacher Fernrohrsucher
Filmtransport Mit Drehrad auf der Kameraoberseite. Kontrolle über rotes Rückseiten-Fensterchen.
sonst. Ausstattung Stativgewinde ca. 3 mm, lederne Kameratasche
Maße, Gewicht ca. 70x50x40 mm, 180 g
Baujahr(e) ca. 1936, verschiedene Varianten bis 194x. Vermutlich mehrere 10-Tausend Exemplare
Kaufpreis, Wert heute 1,50 RM (1936), ca. 10-30€ je nach Zustand und Zubehör.
Links Camera-Wiki, Submin.com, Fotofex Camerapage, Collection Appareils, Wikipedia-Artikel über Fritz Kaftanski (französisch)

2023-07-09

Baby Minolta

Diese Baby Minolta lief mir schon letzten Sommer über den Weg, ich habe wegen des günstigen Preises zugeschlagen und sie dann erstmal lange im Regal stehen lassen. Sie ist meine erste Vorkriegskamera aus Japan, passt noch einigermaßen in meine 3x4-Kamerasammlung und auch noch zu der einen oder anderen Bakelit-Kamera, die ich schon habe. Ich habe solange mit einem Post hier gezögert, weil ich dachte, mich noch tiefer in die japanische Vorkriegs-Kamerageschichte einlesen und -arbeiten zu können. Dazu bin ich leider bisher nicht gekommen. Über die Baby-Minolta gibt es allerdings einen exzellenten Artikel bei Camera-Wiki, auf den ich an dieser Stelle verweisen möchte.

Die Baby Minolta ist ein Zweiformat-Kamera, 
per einsetzbarer Blechmaske kann von
4x6.5 auf 3x4 umgebaut werden.  

Aber auch diesen Informationen sollte man nicht ungefiltert trauen. Ich wurde beim Objektiv skeptisch, das mit 75-80 mm f/8 abgeschätzt wurde. Nun habe ich ja ein eigenes Exemplar in den Händen und kann nachmessen, was an offiziellen Angaben zum Objektiv fehlt. Ich gehe mal davon aus, dass die Info mit dem verkitteten 2-linisgen Meniskus stimmt, zumindest letzteres ist sehr plausibel wegen der gebogenen Rückwand, die zumindest teilweise (in einer Achse) der gewölbten Bildebene der Einfachoptik folgt. Aber egal ob es nur eine Linse wäre oder eine verkittete Gruppe aus zweien, die Hauptebene läge innerhalb des Glases. Damit kann man mit dem Lineal bis zur Filmebene messen und da komme ich auf ca. 60 mm Brennweite. Ähnlich geht das mit der maximalen Öffnung (gemessen in der B-Stellung: ca. 4-5 mm), damit ergibt sich ca. f/12. Ich habe natürlich auch noch andere Internet-Quellen gesucht und bin bei einer japanischen Seite fündig geworden, der wohl auch selbst nachgemessen hat. 60 mm macht auch für diese Zweiformat-Kamera Sinn, für 4x6.5 wären eigentlich 75 mm "normal", bei 3x4 50 mm, daher ist 60 ein guter Kompromiss.  

Mein Exemplar ist nicht besonders gut erhalten, wie man an den Bildern sieht. An einer Ecke fehlt etwas Bakelit, der (Kunst-)Lederbezug blättert zum Teil ab und eines der beiden roten Fensterchen auf der Rückseite fehlt. Reste eines Klebestreifen lassen sich leider nicht ohne weiteren Schaden entfernen. Filmtransport und auch der Verschluss funktionieren anscheinend tadellos und auch der Objektivtubus lässt sich rausziehen und rastet per Drehung ein. Mit ein bisschen Improvisieren könnte ich also ggf. einen Film riskieren (wenn der nich so schwierig zu bekommen wäre). Vielleicht ergattere ich ja irgendwann eine andere japanische Vorkriegskamera, dann nehme ich den Faden hier wieder auf...

Datenblatt einfache japanische Vorkriegskamera aus Bakelit für 3x4 und 4x6.5 auf 127er Film
Objektiv 2-linsiger verkitteter Meniskus, ohne nähere Angaben. Vermutlich (siehe Text) 60 mm f/12.
Verschluss Selbstspann-Zentralverschluss B-100-50-25
Fokussierung Fix-Fokus. Rückwand und Filmführung sind gekrümmt
Sucher Einfacher Aufklapp-Rahmensucher (4x6.5) mit senkrechten Streben als 3x4 Markierung
Filmtransport Mittels Drehrad auf der Kameraoberseite, zwei rote Rückseitenfenster für Bildnummern auf dem Rückseitenpapier.
sonst. Ausstattung herausnehmbare Blechmaske für 3x4, versenkbares Objektiv, Stativgewinde 1/4'', Zubehör: Kameratasche.
Maße, Gewicht ca. 54x72x120 mm (Objektiv eingeschoben), 297 g.
Baujahr(e) 1935-1940, dieses 2. Modell ca. 1936, insgesamt 30,000 bis 50,000 Exemplare.
Kaufpreis, Wert heute ¥9.50 (1936) + ¥2.00 für die Tasche, heute je nach Zustand 50-150€
Links Camera-Wiki, Collectiblend, Subclub, Ranzosha

2023-06-17

WERRA

Heute, zum 70. Jahrestag des Volksaufstands in der ehemaligen DDR am 17. Juni 1953 präsentiere ich die zugehörige Kamera. Nein, die Kamera selbst gab es damals noch nicht, aber sie ist eines der greifbaren Ergebnisse des "Neuen Kurses", den die SED-Führung im Mai 1953 verkündet hatte. Die Details und wie das alles zusammenhängt, kann man in Marco Krögers tollem Aufsatz und in Geschichtsbüchern zur DDR nachlesen. Jedenfalls sollten mehr Konsumgüter statt Schwerindustrieprodukte produziert werden und der DDR zum Wirtschaftswunder a la BRD verhelfen. 

Warum dann gerade der Optik-Spezialist Carl Zeiss Jena am bisher auf Ferngläser spezialisierten Standort Eilsfeld in Thüringen (nahe der Quelle der Werra, daher der Name) eine Volkskamera bauen sollte, bleibt mir auch nach der Lektüre vieler Artikel zur Kamera immer noch rätselhaft. In Dresden und Umgebung hätte es genügend Kameraexpertise gegeben, aber vielleicht ging es ja gerade auch um das Schaffen von Arbeitsplätzen im strukturschwachen Thüringen.

Aber gerade die bisher im Kamerabau unbedarften, aber hochbegabten Ingenieure Werner Broche und Kurt Wagner schufen ein sehr innovatives und modernes Kamerakonzept, das von Anfang an eine im Featureset abgestufte Serie vorsah. Die Werra I bis V genannten Modelle unterschieden sich in ihrer Ausstattung mit Details (z.B. eingebauter Belichtungsmesser, Messsucher, oder Wechselobjektive). Der Grundkörper aus Aluminiumspritzguss und viele Einzelteile blieben bei allen Modellen dieselben, was neben vielen anderen pfiffigen Detaillösungen auch eine effektive und kostengünstige Produktion der Kamera(s) ermöglichte. Ich möchte die Werra daher gerne in eine Reihe mit anderen später erfolgreichen Kameraserien wie der Olympus XA oder der Minox 35 stellen. 

Ein wesentliches Konstruktionsmerkmal hatten sich die Werra-Designer von der Tenax abgeguckt: Der Zentralverschluss sitzt auch hier hinter (!) und nicht mehr im Zentrum des Objektivs. Dies ermöglicht eine kompakte und modern wirkende Konstruktion. Der Schnellspannhebel der Tenax hätte allerdings auch der WERRA gut gestanden. Ich musste nämlich feststellen, dass deren Drehring zwar schick aussieht und die Kamera elegant macht, aber nicht besonders ergonomisch zu betätigen ist.

Die Kameraserie kam dann im zweiten Halbjahr 1954 auf den Markt. Bis 1968 wurden die fünf Grundmodelle in drei Generationen produziert, was zu 22 verschieden Versionen und mehr als vierzig Varianten führte. Insgesamt wurden mehr als 560.000 Kameras gebaut und verkauft. Ein tolles Feld für Sammler, die meines Erachtens beste Seite für den Einstieg ist diese hier

Mein Exemplar (#76362) gehört zur zweiten Serie des lediglich WERRA genannten Grundmodells und ist wohl noch in 1954 (oder Anfang 1955) produziert worden. Es hat die charakteristischen Features: Die zur Schutzkappe umfunktionierbare Sonnenblende, Verschlussaufzug und (!) Filmtransport durch Drehring um das Objektiv, welches auch alle anderen Einstellelemente beheimatet (Fokus, Blende, Verschlusszeit). Dadurch verbleibt auf der ansonsten blanken Kameraoberseite nur der eingelassene Auslöser. Die Kameraunterseite hat dafür die Elemente, die man nicht immer braucht: Rückspulkurbel, Stativgewinde und Bildzählwerk. Charakteristisch für die Kamera war in ihren ersten Jahren auch der grüne Vulkanit-Bezug: ein Kunstleder, für das der technische Direktor Rudolph Müller verantwortlich zeichnete. Aus diesem Material war auch der anfänglich erhältliche weiche Reißverschlussbeutel. Beides wurde mit der zweiten Kamerageneration Ende der 1950er wieder zugunsten einer klassisch-schwarzen Belederung und einer traditionellen Bereitschaftstasche aufgegeben.
Mein Exemplar wurde zur Reinigung und
inneren Inspektion rudimentär zerlegt... 

Mein Exemplar hat aber auch zwei historisch interessante Merkmale, die nicht alle WERRA Kameras haben: Zum einen den Compur-Rapid (#8646122, Baujahr 1952 in München!) und zum anderen die markenlose Beschriftung des Objektivs (T statt Tessar und einfach Jena statt Carl Zeiss Jena). 

Beides hat mit dem sich verschärfendem Ost-West-Konflikt und dem aufkeimenden kalten Krieg Anfang der 1950er zu tun. Das wesentliche Zentralverschluss-Knowhow gehörte zwar zum Zeiss-Konzern war aber komplett bei Deckel und Gauthier in Westdeutschland beheimatet. Die DDR musste daher erstmal dieses Rad neu erfinden und eigene Expertise aufbauen. Das war zum Beginn der Werra-Produktion noch nicht soweit, so dass viele Kameras noch teure Compur-Verschlüsse eingebaut bekamen, die meisten allerdings den Synchro-Compur, nur wenige den Rapid

Der Markenstreit zwischen Carl Zeiss Ost und West eskalierte gerade zur Markteinführung der Werra im Jahr 1954. In der anfänglichen Verunsicherung wurde wohl für einige Kameras, die für den West-Export vorgesehen waren, die Marken Carl Zeiss und Tessar einfach weggelassen. Ansonsten gäbe es noch viele weitere Details zu erwähnen. Allerdings gibt es schon viele Seiten im Netz, die sich mit der Werra befassen (siehe Links unten), ich möchte nicht alles nur wiederholen.


Datenblatt kompakte Kleinbild-Sucherkamera (24x36)
Objektiv Carl Zeiss Jena Tessar 50 mm f/2.8 (4 Linsen, 3 Gruppen), "Jena T", #4242160. Die Grundversion war auch mit dem Novonar 50 mm f/3.5 (Triplet) erhältlich. Die späteren Modelle mit Messsucher besaßen auswechelbare Objektive, verfügbar neben dem Tessar: Flektogon 35 mm f/2.8, Cardinar 100 mm f/4.
Verschluss Compur Rapid bzw. Synchro-Compur Zentralverschluss hinter dem Objektiv, zu spannen mit dem breiten Drehring um den Verschluss herum, der auch den Film transportiert. B-1-2-5-10-25-50-100-250-500 1/s. Spätere Modelle hatten den Vebur 250, Prestor RVS 500, oder Prestor RVS 750.
Belichtungsmessung Keine. Die späteren WERRA II, IV und mit eingebautem Selen-Belichtungsmesser.
Fokussierung Manuell am Objektiv, kürzeste Entfernung 0.90 m. Ab Modell III ff. Messsucher mit Schnittbild-Entfernungsmesser. 
Sucher Einfacher Durchsichtsucher (1x) mit Glasblock. Ab Modell III ff. komplexer Messsucher mit Schnittbild-Entfernungsmesser. 
Blitz Synchronbuchse (alle Modelle), nur späte Modelle hatten einen Zubehörschuh.
Filmtransport Mittels zentralem Spannring um das Objektiv. Rückspulrad, vorwärtszählendes Bildzählwerk auf der Kamera-Unterseite. Spezielle Filmspreiz-Führung für bessere Planlage.
sonst. Ausstattung 3/8'' Stativgewinde, ISO-Drahtauslöseranschluss, Kameragurt-Ösen, Sonnenblende, die umgekehrt als Objektivschutz aufgesteckt wird. (Kunst-)lederne Reißverschlusstasche.
Maße, Gewicht 117x72x80 mm, 450g (inkl. Sonnenblende)
Batterie keine
Baujahr(e) 1954-1955 (dieses Grundmodell), gesamte Serie: 1954-1968, insgesamt ca. 560.000 Kameras, davon ca. 281.000 des einfachen Grundmodells/Werra I.  
Kaufpreis, Wert heute 100 Mark (1954), andere Modelle siehe hier. Heute je nach Zustand und Modell: ca. 20 - 40 €, Wechselobjektive z.T. deutlich mehr.
Links Camera Manual (english)ZeissIkonVEB, Les WERRA, Alfred KlompLippisches Kameramuseum, Camera-Wiki, Dirapon.be, Wikipedia, Optiksammlung.DE, Chris Osborne, Mike Eckman

2023-04-01

C.P. Goerz Roll-Tenax (4 x 6.5)

Die Firma C.P. Goerz aus Berlin gehörte einmal zu den ganz großen der Fotobranche. Gegründet 1886 von Carl Paul Goerz wuchs die Firma kontinuierlich bis zum Ende des 1. Weltkriegs. Man produzierte fast alles was dazu gehörte: Kameras, Objektive, Filme, Entfernungsmesser, Verschlüsse, und dazu noch die nötigen Maschinen. Fernrohre, Schließzylinder und vieles mehr gehörten dann zu den Dingen, die Goerz im 1.Weltkrieg zum führenden Militär-Equipment Hersteller werden ließen. Der Krieg ging verloren und Goerz geriet durch das Verbot des Versailler Vertrages, weiter Kriegsgerät zu produzieren, in eine gehörige wirtschaftliche Schieflage. Die Zwangsfusion zur Zeiss Ikon (mit ICA, Contessa Nettel, Ernemann und anderen), betrieben durch den eigentlichen Konkurrenten Carl Zeiss rettete 1926 die Fabriken und Arbeitsplätze, der Name Goerz wurde fallengelassen. 
Genau aus der schwierigen Zeit nach dem Weltkrieg und vor der Zeiss Ikon Fusion stammt diese kleine Kamera. Es handelt sich um eine Roll-(Pocket) Tenax für das Format 4 x 6.5 auf 127er Film, angeblich seit 1914 auf dem Markt. Goerz produzierte (wie viele andere Kamerahersteller auch) die Roll-Tenax auch in anderen Größen, sprich für andere Rollfilme. Dies ist die kleinste Variante, die auf dem Markt der Westentaschenkameras mitmischte. Die genaue Datierung meiner Kamera ist kaum möglich, ich tippe anhand der Seriennummern von Objektiv und Verschluss mal auf 1919 oder 1920, weil  es ca. ab 1920 ein etwas verbessertes Design mit großem ledergeprägtem GOERZ-Schriftzug und anderen Laufbodenstreben gab, dieses hier aber noch das alte Design ist. Meine Kamera hat außerdem noch den heute selten anzutreffenden Compound-Verschluss, was auf eher frühe Produktion hindeutet.
Die Laufboden Roll-Tenax eingerahmt von ihren Spreizen-Schwestern Vest Pocket Kodak und Piccolette.

Ansonsten ist an der Kamera nichts außergewöhnliches, sie repräsentiert einen Standard, den man Anfang der 1920er Jahre in Deutschland von einigen Kamera-Manufakturen für die jeweils gängigen Rollfilme kaufen konnte. Die meisten von denen verwendeten Objektive von Carl Zeiss, gerne das vierlinsige Tessar oder ein einfacheres Triplet (nach Cooke), das oft ebenfalls von Zulieferern aus dem Zeiss-Konzern (z.B. die Optische Anstalt Saalfeld) stammte. Goerz gehörte zu den ernstzunehmenden Konkurrenten von Zeiss, was hochwertige Objektive anging. Das Dogmar war 1916 ihre letzte eigenständige Objektivkonstruktion (patentiert 1912, DRP258.495), die wegen ihrer Abbildungsleistung und großen Öffnung von f/4.5 gelobt wurde. Es ähnelt beim Linsenschnitt dem Tessar, wobei hier die beiden rückseitigen Linsen getrennt und nicht verkittet sind. Dogmare für Großformat-Kameras konnten auseinandergenommen werden (sog. Doppelobjektiv), um Front- und Hinterglied als einzelne Objektive (stark abgeblendet!) zu verwenden. Dabei hatte das Frontelement die 1.92-fache und das Rückelement die 1.52-fache Brennweite des kombinierten Objektivs. Goerz musste (so wie Ernemann) die Objektiv-Fertigung nach der Zeiss Ikon Fusion einstellen. 

Meine Kamera ist recht passabel in Schuss, der Verschluss funktioniert, auch wenn ich auf die Zeiten nicht mehr wetten würde. Alles ist etwas schwergängig und ich habe ein paar Tage gebraucht bis ich verstanden habe, wie man die Rückwand öffnet. Dies ist recht eigenwillig gelöst: Das Scharnier (zu sehen auf dem kleinen Bild oben ganz links) ist federgespannt verschiebbar, war aber festkorrodiert. Außerdem ist der Ausklappständer abgebrochen, ich habe ihn für die Bilder durch ein kleines Stückchen schwarzen Plastiks ersetzt.

Datenblatt Laufboden-Rollfilmkamera für Rollfilm 127 (4 x 6.5 cm)
Objektiv Dogmar 7.5 cm f/4.5 (4 einzelne Linsen), #400214
Verschluss F.Deckel Compound Zentralverschluss, T ("Z")-B-1-2-5-10-25-50-100-300, #342938 
Fokussierung keine Scharfstellhilfe, Verschieben von Objektiv und Verschluss auf dem Laufboden, kürzeste Entfernung ca. 80 cm.
Sucher kleiner Brilliantsucher, drehbar für für Hoch- oder Querformat.
Filmtransport mittels kleiner Schlüsselschraube. Rotes Filmfenster in Rückwand
sonst. Ausstattung Stativgewinde 1/4'', Drahtauslösergewinde.
Maße, Gewicht ca. 64 x 122 x 25 mm (geschlossen), 340 g
Baujahr(e) 1914-1926 (ab 1920 in etwas modifizierter Ausführung), diese #9248 ca. 1919.
Kaufpreis, Wert heute ??, ca. 40 €
Links Wikipedia, Camera-Wiki (Goerz), Camera-Wiki, Goerz LensesJahrbuch Artikel Dogmar 1914.
bei KniPPsen weiterlesen Rollfilm 127, Piccolette, Vest Pocket Kodak, Rollette, Icarette

2023-03-19

Zeiss Ikon Tenax II (580/27)


Ein ganz besonderes Schmuckstück für meine Sammlung wichtiger Technik-Meilensteine habe ich von meinen Kollegen zum 25. Firmenjubiläum geschenkt bekommen. Nun, sie hatten soviel Geld gesammelt, dass ich davon eine Auktion gewinnen konnte. Hier ist sie: Zeiss Ikon's Tenax, die erste Kamera mit einem Schnellschalthebel. Laut damaliger Werbung erlaubte dieser, die Kamera am Auge zu lassen und gleichzeitig mit dem rechten Zeigefinger auf dem Auslöser und dem rechten Mittelfinger auf dem Spannhebel, pro Sekunde ein Bild zu machen (24x24 mm, bis zu 50 Aufnahmen auf 135er Kleinbildfilm). Die Kamera kam im Frühjahr 1938 auf den Markt, Produktion startete nachweislich schon 1937. 

Hubert Nerwin, Zeiss Ikon's damaliger Chefingenieur, hat mit der Kamera sein Meisterstück abgeliefert. Er war zwar auch an der Contax, Super-Nettel und anderen Kameras beteiligt, aber die Tenax hatte nicht nur den Scbnellschalthebel, sondern einige andere Designfeatures, die in die Zukunft wiesen. Die Idee, einen Compur Rapid Verschluss der Größe 0 (eigentlich für größere Kameras gedacht) hinter dem Objektiv zu platzieren und somit komplett im Kameragehäuse verschwinden zu lassen, war einfach genial. Die Kopplung von Verschlussaufzug und Filmtransport wurde dadurch sehr vereinfacht, dass der Verschluss fest an seiner Position saß und nicht wie sonst üblich mit dem Objektiv zusammen verschoben wurde. Das Objektiv war auswechselbar (wie bei der Contax mit dem Schlitzverschluss), außerdem blieb die Kamera trotzdem sehr kompakt, Balgen oder Auszugtubus war unnötig.

Zeiss Ikon legte 1939 nochmal nach und brachte das deutlich kompaktere Schwestermodell Tenax I (mit kleinerem Compur (kein Rapid!), einfachem Sucher und fest eingebautem Dreilinser-Objektiv (auch vor dem Verschluss!). Auch diese Kamera hatte einen Schnellschalthebel, allerdings jetzt auf der linken Seite und kostete nur ein Drittel der "großen" Tenax, die im Folgenden als "Tenax II" vermarktet wurde, auch wenn sie früher am Markt war. Den Namen Tenax hatte sich Zeiss Ikon von früheren Goerz Platten- und Rollfilmkameras geborgt, die Tenax hier wurde aber im ehemaligen ICA Werk in Dresden gebaut.  


Im Gegensatz zu manch anderer Kamera aus der Ära findet man zur Tenax sehr viel Literatur im Netz, in Zeitschriften und sogar ein komplettes Buch (hier kaufen...). Ich will hier nicht alles wiederholen, siehe die Links in der Tabelle unten. Besonders empfehlen möchte ich die Beiträge von Wes Loder und Yves Strobelt. Meine Kamera stammt laut Seriennummer E.3170 aus der ersten Produktionsserie von 1937. Auch das Sonnar ist von 1937 und das nachweislich am häufigsten an der Kamera montierte Objektiv. Das preiswertere 4cm f/2.8 Tessar wurde (nach Thiele) nur 4000 mal gebaut, im Gegensatz zu 6600 Sonnar 4cm f/2. Die beiden anderen verfügbaren Wechselobjektive Orthometar 2.7cm f/4.5 und Sonnar 7.5cm f/4 sind sehr selten und erzielen vierstellige Sammlerpreise. 
Meine Kamera ist trotz ihrer 85 Jahre top in Schuss, alle Zeiten und auch der Selbstauslöser laufen. Die optischen Elemente sind frei von Pilz und Kratzern, einem Testfilm steht also nichts im Weg. Einen belichteten Agfacolor CN17 (60er Jahre) habe ich in der Kamera vorgefunden, außerdem steht im Inneren der Rückwand mit Bleistift der originale Verkaufspreis von 335 RM, sowie eine ominöse Nummer "7592", vielleicht die Artikelnummer? 

Auswahl meiner Zeiss Ikon Kameras vom Ende der 1930er Jahre. Von links nach rechts: Tenax I (1939), Contax II (1938), Tenax (II, 1937) und Super-Nettel (1936)


Datenblatt Messsucherkamera für 24x24 mm auf 35mm Film. 
Objektiv Carl Zeiss Jena Sonnar 4cm f/2 (6 Linsen in 3 Gruppen), auswechselbar. Außerdem verfügbar: CZJ Tessar 4cm f/2.8, Orthometar 2.7cm f/4.5 und Sonnar 7,5cm f/4.
Verschluss Compur-Rapid Zentralverschluss (Größe 0, 25mm Durchmesser, #4200829) hinter dem Objektiv. B-1-2-5-10-20-50-100-200-400 1/s. T durch Arretieren des Auslösers in B-Stellung realisiert. 
Fokussierung Messsucher mit Drehkeil-Entfernungsmesser, Einstellhebel unterhalb des Objektivs.
Sucher Großer und heller optischer Messsucher.
Filmtransport Erste Kamera mit Schnellschalthebel (gekoppelter Filmvorschub und Verschlussaufzug). Automatisches Bildzählwerk (vorwärts bis 50), Rückspulrad.
sonst. Ausstattung Zubehörschuh, ISO-Drahtauslösergewinde, Stativgewinde 3/8'', Selbstauslöser    
Maße, Gewicht ca. 128 x 78 x 54 mm, 618g
Baujahr(e) 1937-1940, ca. 8.500 bis 10.000 Exemplare, dieses #E.3170 von 1937
Kaufpreis, Wert heute 335 RM (1938 mit Sonnar, 270 RM mit Tessar), ca. 400 €
Links Wikipedia, Camera-Wiki, Wes LoderDRP 666.559, DRP 660.603ZeissIkonVEB, Zeiss Historica, Mike Elek, Mike Eckman, Pacific RimWolfen MuseumLippisches Kameramuseum
Bei KniPPsen weiterlesen Tenax IContax II, Super-NettelHubert NerwinLeica III, Certo DollinaWeltini II
Angeblich steht Hubert Nerwin hier selbst Modell für diese Anzeige.

2023-03-01

Compur Seriennummern - Compur Serial Numbers (2)


Vor etwas über 2 Jahren habe ich an dieser Stelle eine neue Variante der Seriennummersequenz für den Compur-Verschluss vorgeschlagen, für die ich viel Lob aber auch Kritik bekommen habe. Es blieben halt noch ein paar Ungereimtheiten, die auch mich weiter beschäftigt haben. Sehr gefreut habe ich mich über einige kritische Kommentatoren, die viele neue Seriennummern sowohl für den Verschluss als auch die zugehörigen Kameras und Objektive geliefert haben. So ist meine Datenbasis nun über 80 Kamera- und Verschluss-Kombinationen groß und ich bin in der Lage, Fehler zu korrigieren und ein viel genaueres Update hier zu posten:
A little over 2 years ago I suggested a new variant of the serial number sequence for the Compur shutter, for which I received a lot of praise but also some criticism. There were still a few inconsistencies that also kept me busy. I was very happy about some critical commentators who provided many new serial numbers for both the shutter and the associated cameras and lenses. My database contains over 80 camera and shutter combinations now and I am able to correct errors and post a much more accurate update here:
  • Es gab nicht nur eine Seriennummersequenz für den Compur, sondern vier, dargestellt durch die farbigen Linien oben. Zwischen 1934 und 1939 wurden alle vier gleichzeitig benutzt.
  • Bei der Basissequenz, die im Jahr 1912 6-stellig startet (blaue Linie) schließe ich mich wieder mehr der Originalsequenz an. Erst ab dem Jahr 1923 vermute ich eine etwas höhere Produktion, da ich einige Kameras mit 7xx.xxx Nummern dem Jahr 1924 zuverlässig zuordnen kann. Ungefähr im Jahr 1928 wird die Million erreicht. Dann geht es mit dieser Sequenz allerdings nicht steil nach oben, sondern es erfolgt eine Aufspaltung: Der klassische Dial-Set Verschluss behält die 1.xxx.xxx Nummerierung, er wird noch ein paar Jahre in der größeren Version für Plattenkameras gebaut, allerdings in eher geringen Stückzahlen. Die höchste Nummer, die ich gesehen habe, startete mit 1.45x.xxx. Später werden einfache Compurverschlüsse auch intern verbaut (weder RIM- noch Dial-set). Auch diese haben die 1.xxx.xxx Nummer: meine Tenax I von 1938 hat 1.344.446.
  • Ab 1928 brachte Deckel den RIM-Compur und begann mit dessen Nummerierung bei 2.000.000 (rote Linie). Dieser war sehr erfolgreich und wohl schon 1934 wurde die 3-Millionen-Marke überschritten, ca. 1938 auch die 4-Millionen, was zu Nummerierungsproblemen führte (siehe unten).
  • 1934 erschien dann mit dem Compur-Rapid (1/500 s, bzw. 1/400 s für die Größe 0) die nächste Innovation und Deckel entschied sich, hierfür wieder mit der Nummer zu springen. Und zwar auf die 4.xxx.xxx für Zeiss Ikon Kameras (gelbe Linie) und 5.xxx.xxx für alle anderen Fabrikate (grüne Linie). 
  • Nach dem zweiten Weltkrieg wurde nur noch der Rapid produziert (dann auch als Synchro-Variante und man führte konsequenterweise nur noch eine Zählweise fort, beginnend mit der 6-Millionen-Marke, die aber vermutlich schon kurz vor Kriegsbeginn erreicht wurde, auch wenn meine Datenbasis dort relativ dünn ist.
  • Ab ungefähr 1938 kamen sich die Zählungen des normalen Compurs mit denen des Zeiss-Ikon-Rapids in die Quere und der normale Compur bekam statt der 4.xxx.xxx (die ja schon vergeben war) die A.xxx.xxx, was diesen Sonderfall erklärt. Ob für den anderen Sonderfall 00xx.xxx das selbe gilt (immerhin ist meine Jubilette nachweislich auch von 1938) oder die Spekulationen über fremde Lohnfertigung stimmen, muss ich noch weiter eruieren.

Auch hier unten wieder die neuen Sequenzen in Tabellenform und die Bitte an alle Leser ausgiebig zu kommentieren und mir weitere Nummern zu schicken (Compur plus zugehörige Kamera/Objektiv zur Einordnung).
  • There wasn't just one serial number sequence for the Compur, there were four, represented by the colored lines in the graph above. Between 1934 and 1939 all four were used simultaneously.
  • In the basic sequence, which started in 1912 with 6 digits (blue line), I am more in line now with the original suggested assignement. Only from the year 1923 on I suspect a slightly higher production rate, since I can reliably assign some cameras with 7xx.xxx numbers to the year 1924. Around the year 1928 the million is reached. But then this sequence does not rise sharply, but there is a split: the classic Dial-Set shutter retains the 1.xxx.xxx numbering, it will be built for a few more years in the wider version for plate cameras, albeit in rather small quantities. The highest number I saw started with 1.45x.xxx.
  • In 1928, Deckel launched the RIM-Compur and started numbering it at 2,000,000 (red line). This was very successful and the 3 million mark was probably exceeded as early as 1934, and around 1938 also the 4 million mark, which led to numbering problems (see below). 
  • In 1934 the next innovation appeared with the Compur-Rapid (1/500 s, or 1/400 s for size 0) and Deckel decided to jump again with the number.  Zeiss Ikon cameras (yellow line) got the 4.xxx.xxx  and all other brands received shutters with a 5.xxx.xxx (green line). 
  • After the Second World War, only the Rapid was produced (then also as a synchro variant and consequently only one counting method was continued, starting with the 6 million mark, which was probably reached shortly before the start of the war, even if my database there is relatively thin.
  • From around 1938 the counts of the normal Compur got in the way of those of the Zeiss-Ikon-Rapid and the normal Compur got the A.xxx.xxx instead of the 4.xxx.xxx (which was already assigned), which was this special case explained. I still have to find out whether the same applies to the other special case 00xx.xxx (after all, my jubilee is demonstrably from 1938) or whether the speculation about third-party contract manufacturing is correct. 
Please see below again the new sequences in table form. May I request everybody to comment extensively and to send me more serial numbers (Compur plus associated camera/lens numbers for correct assignement).

 Year old assignment new assignment


    Dial-Set         RIM-Set         Rapid ZI         Rapid    
1912 214.000 214.000


1914 250.000 250.000


1920 450.000 500.000


1922 500.000 600.000


1925 600.000 850.000


1926 750.000 920.000


1927 850.000 950.000


1928 950.000 1.020.000 2.000.000

1929 1.000.000 1.100.000 2.050.000

1930 1.150.000 1.180.000 2.150.000

1931 1.500.000 1.190.000 2.350.000

1932 1.800.000 1.200.000 2.500.000

1933 2.250.000 1.210.000 2.700.000

1934 2.700.000 1.230.000 2.900.000 4.000.000 5.000.000
1935 3.200.000 1.250.000 3.250.000 4.050.000 5.050.000
1936 3.750.000 1.290.000 3.600.000 4.100.000 5.150.000
1937 4.250.000 1.330.000 3.950.000 4.200.000 5.300.000
1938 4.850.000 1.370.000 A.250.000 4.350.000 5.500.000
1939 5.400.000 1.450.000 A.450.000 4.450.000 6.000.000
1947 6.000.000


6.100.000
1948 6.200.000


6.150.000
1949 6.500.000


6.500.000
1950 7.000.000


7.000.000
1951 7.700.000


7.700.000
1952 8.500.000


8.500.000

2023-02-23

Rollfilm 129

Der Rollfilm 129 (Kodak Bezeichnung) wurde 1912 für die britische Ensignette No.2 eingeführt und ist der einzige Rollfilm für den Kodak selbst keine Kamera gebaut hat. Es ist ein Zwischenformat zwischen den beiden einzigen heute noch existierenden Rollfilmformaten 120 und 127 (auch wenn letzterer arg vom Aussterben bedroht ist…). Auch wenn seine Wurzeln in England liegen hatte er gerade unter deutschen Kameraherstellern in den 1920er und frühen 1930er Jahren seine beste Zeit, stand aber auch damals im Schatten der beiden anderen Rollfilmformate. Die erste (1923) und wohl erfolgreichste deutsche Kamera war die Krauss Rollette

Die Spule war wie die seines kleinen Bruders 127 ganz aus Metall. Der Kern ragte auf beiden Seiten etwas über den Kragen hinaus, war aber im Gegensatz zum 127 nur auf einer Seite eingekerbt, damit dort der Transportschlüssel der Kamera greifen konnte. Den 129er gab es nur in einer Länge mit lediglich 6 Aufnahmen pro Film, was sicherlich ein Grund für das kurze Leben auf dem Fotomarkt war. Hier mal meine Rollfilmspulensammlung im Vergleich mit ein paar technischen Daten in der Tabelle inklusive Links zu wichtigen Rollfilmkameras.
Rollfilm... 116 117 120 620 129 127
Bildformat (Anzahl Bilder) 6.5x11 (8) 6x6 (6) 6x9 (8)
6x6 (12)
6x4.5 (16)
6x9 (8)
6x6 (12)
6x4.5 (16)
5x8 (6)3x4 (16)
4x4 (12)
4x6.5 (8)
Filmbreite 70 mm61 mm61 mm61 mm52 mm46 mm
nutzbare Bildbreite 64 mm56 mm56 mm56 mm48 mm41 mm
Kernlänge 73 mm65 mm65 mm64 mm57.5 mm54.5 mm
Kerndurchmesser 12 mm11.9 mm11.9 mm7.1 mm6.2 mm4.6 mm
Kragendurchmesser 32 mm22.2 mm25.2 mm23 mm19.5 mm18.8 mm
Agfa Bezeichnung D-6B1B2-8PB20N-6A-8
auf dem Markt (von-bis) 1899-19841900-195?1901-…1932-19951912-19511912-…

Ich bin stolzer Besitzer von Photo-Porst Katalogen aus den Jahren 1932, 1935 und 1938. Was dort über die verfügbaren Rollfilme und ihre Preise steht, ist sehr interessant, siehe die drei Scans unten. Es scheint Hersteller übergreifende Einheitspreise gegeben zu haben, wobei der 129er Rollfilm (5x8) ca. 15-20% teurer war, als die jeweils nächst kleinere (127) oder größere Variante (120). Auch war ab 1935 die Auswahl für den 129er sehr beschränkt. Natürlich ist das nur das Angebot des größten Fotoversandhändlers, und es kann durchaus sein, dass es bei anderen Händlern etwas anders aussah.
   
1932 1935 1938

2023-02-14

G.A. Krauss Rollette (2)

Mein letzter Artikel über die Rollette ist schon sehr umfangreich, hier kommt aber noch mehr. Während meiner online-Recherchen zur Kamera habe ich einige ebay Auktionen als Quelle verwendet. Wie es so kommt, konnte ich bei einem Angebot nicht widerstehen und habe es gekauft. Grund war natürlich, dass es diese (von mir) Typ 5 genannte Variante ist, die sich in allen wesentlichen Details von Typ 2 der anderen Kamera unterscheidet. Außerdem war eine originale Gebrauchsanweisung dabei, die ich hier gerne teile. Auf der Titelseite unten links steht ein "D.VI.28", was ich mal als von 1928 interpretiere. Auch der Aufkleber auf der Titelseite weist wie das metallene Schildchen auf der Rückseite der Kamera auf das Fotogeschäft "Chr.Fr. Winter Sohn" in Leipzig hin. Auch das deute ich in dem Sinne, dass diese Anleitung tatsächlich zu meiner Kamera hier (Seriennummer 25366) gehört und zusammen mit ihr erworben wurde. 
Typ 2 (ca. 1925) und Typ 5 (1928) im Vergleich. Man erkennt fast alle Unterschiede: Ständer, Laufbodenstreben, Krauss-Symbol, Krauss Prägung, Gehäuseriegel, Feinfokussierung. Nicht zu sehen sind das zusätzliche Stativgewinde (Typ 5) bzw. die Rollette-Prägung (Typ 2) auf der Rückseite des Laufbodens.
Die Unterschiede dieser beiden Rollette Haupttypen 2 und 5 zeigt das Bild oben, alles andere kann man auf den restlichen Bildern dieser Seite betrachten. Ich hatte noch vermutet, dass mit den geänderten Streben auch ein federgespanntes Öffnen des Laufbodens verbunden war, dem ist leider nicht so. Der Fotograf muss selbst Hand anlegen und den Laufboden herunterklappen, einrasten lassen und dann mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand Objektiv mit Balgen herausziehen. Noch detaillierter als hier wird das in der Gebrauchsanleitung beschrieben. Dort steht auch auf Seite 9 unten, dass es parallel zum Typ 5 eine einfache Version gegeben hat. Mein Typ 4 hieß also offiziell "Rollette Nr. 216".

Inzwischen habe ich auch noch weiter zur Konkurrenz der Rollette recherchiert, die tatsächlich die erste 5x8 Rollfilm-Laufbodenkamera war und diese 129er Film-Kameraklasse begründet und wohl auch verkaufszahlenmäßig dominiert hat. Folgende Kameras habe ich bisher ausgegraben: 1) Contessa Nettel Cocarette Mod. 207 (ab 1926), später als Zeiss Ikon Cocarette 519/14 weitergeführt. 2) Voigtländer "Rollfilm 5x8" (1927-1931). 3) Emil Busch Klappkamera 5x8 (?). 4) Nagel Vollenda 60 (1930-1931). 5) Zeiss Ikon Ikonta 520/14 (1930-1931). 6) Orionwerk Rio 82B (1927 ?). 7) Welta Perle (ab 1930, ein etwas moderneres Design als alle vorherigen). 8) Bing FITA (1931). 9) Kern Simplo (nach den Bildern auf ebay baugleich mit der Rollette und vermutlich auch von Krauss für Kern gebaut). Der Rollette nachgebaut ist die japanische Nifcarette (ab 1929), diese allerdings für 127er Rollfilm.

Mit dem "Zwischenformat" 5x8 ging es im Krisenjahr 1932 spätestens zu Ende, danach gab es keine neuen Kameras mehr für den 129er Film (Agfa N6, etc.). Es war sowieso die Zeit der großen Umbrüche in der Fotolandschaft. Die Plattenkameras wurden zu Ladenhütern, alle Welt kaufte stattdessen Kleinbildkameras und die Branche selbst sortierte sich neu. Der 129er Film selbst hatte es vermutlich auch nicht leicht. Mit nur 6 Bildern pro Film war er gegenüber dem 127er oder dem 120er (jeweils 8, bzw. 12 bei 4x4 und 6x6 oder gar 16 bei 3x4 und 4.5x6) eher unattraktiv und als Nischenprodukt wohl auch nicht überall zu bekommen.