2021-04-15

Beira

Eine frühe Kleinbildkamera für 35 mm Film gehört ab sofort zu meiner wachsenden Sammlung auf diesem speziellen Gebiet. Die Beira von der Kamerafabrik Woldemar Beier in Freital/Sachsen ist technisch gesehen ein interessanter Zwitter zwischen verschiedenen Konzepten und zeigt an ihrer eigenen Entwicklung innerhalb weniger Jahre sehr schön, wohin die Reise ging: letztlich zur Kleinbildkamera für die 135er Patrone, wie wir sie alle kennen.
Die Beira wurde als günstigere Alternative zur Leica auf der Frühjahrsmesse 1931 vorgestellt. Viele Kamerahersteller hatten deren Erfolg am Markt zum Anlass genommen, eigene Kleinbildkameras zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Die meisten waren Faltbalgenkameras für das Format 3x4 cm auf 127er Rollfilm (darüber habe hier ich schon einiges geschrieben). Die Beira gehörte allerdings zu den wenigen, die sich an den 35 mm Film und das kompliziertere Handling ohne Rückseitenpapier trauten. Allerdings belichtete auch die Beira 3x4 cm (exakt nachgemessen: 30 x 38.5 mm) auf (natürlich dann:) unperforierten 35 mm Film. Den konnte man damals als Meterware in geschlossenen Blechdosen erwerben und ihn selbst (in der "Dunkelkammer") konfektionieren (1,60m ergeben 36 Aufnahmen) und in die (nicht lichtdichte!) Patrone füllen, oder das Ganze den Fotohändler machen lassen. 
Der Blick in die offene Kamera lässt einen noch rückblickend mit dem Kopf schütteln. Der Film wurde ausgehend von der kernlosen Vorratspatrone über eine Gummiwalze geführt, die bei meinem Modell nach 90 Jahren arg brüchig, ausgetrocknet und damit funktionslos ist. Auf der linken Seite der Kamera wird aufgespult. Hierfür soll es statt der einfachen, offenen Spule auch aufnehmende Kassetten gegeben haben. Vorgespult wird nach jeder Aufnahme mit dem Drehknopf links oben, dabei dreht sich die Gummiwalze und mit ihr der kleine Zeiger des Bildzählwerks. Wenn der wieder auf das Zählwerk zeigt, heißt es aufhören zu drehen. 
Eine mechanische Sperre für den korrekten Filmvorschub gibt es genauso wenig wie gleichzeitiges Spannen des Verschlusses oder eine Doppelbelichtungssperre. Da war die Leica schon viel weiter, allerdings auch deutlich teurer!  Auch eine Rückspulmöglichkeit gibt es nicht, der Film muss also im Dunkeln direkt in die Entwicklerdose. Wirklich benutzerfreundlich war das nicht. Allerdings gab es sogenannte Tageslichtkapseln, siehe die Porst-Katalogseite unten. Das Filmhandling und die Verwendung des unperforierten 35mm Films ist das eigentlich Spezielle an diesem Kleinbildpionier. Alles andere war damals Standard und die Beira unterscheidet sich nicht sehr von ihren vielen 3x4 Wettbewerbern: Verschlüsse waren entweder der einfache Pronto oder ein Compur, die 5 cm Objektive kamen meist von Meyer in Görlitz oder Rodenstock. Die federgespannte Spreizenkonstruktion poppte auf Knopfdruck das Objektiv in die Fotoposition, sanfter Druck ließ es wieder fast komplett im Gehäuse verschwinden. 

Das hier vorgestellte Urmodell wurde in dieser Form wohl nur 1931-1932 produziert. Nach Kadlubek sollte es erst Beika heißen, wurde dann aber (vermutlich wegen der Nähe zu Leica?) in Beira umbenannt. Trotz intensiver Suche im Internet ist es mir aber nicht gelungen, irgendwelche Belege dafür zu finden. Weder gibt es ein Bild oder Foto, noch eine Anzeige oder sonstige Broschüre von bzw. mit Beika. Wer derartiges hat, bitte melden! Ich bin daher geneigt zu glauben, dass es nur eine Ankündigung war oder vielleicht sogar eine Fehlinformation ist. Keine Beika Kamera dürfte in irgeneiner Sammlervitrine stehen, sonst wäre die Szene schon durchgedreht.
Ab ca. 1933 gab es dann Modellpflege und ein Upgrade erschien in Form der Beira Ia. Bei dieser wurde die Gummiwalze durch die bekannte Zahnradwelle für (jetzt) perforierten 35 mm Film ersetzt und natürlich das Bildformat auf 24x36 mm reduziert. Die Kamera akzeptierte nun die auch für andere Kameras verwendeten 35 mm Kassetten, auch wenn diese noch nicht der 135er Norm entsprachen (die kam erst mit der Kodak Retina 1934). Außerdem hat die Ia nun einen fest montierten optischen Fernrohrsucher, an dem sie sich leicht erkennen läßt. 
Auf dieser Basis kam 1935 dann das Spitzenmodell Beira II, oder auch Beira Okula genannt. Diese hatte neben dem normalen Sucher einen gekoppelten Entfernungsmesser mit Prisma an Bord, beides zusammen in einem Gehäuse auf der Oberseite der Kamera, das ihr fast die Anmutung einer SLR mitgibt. Die Okula gab es auch mit dem Compur Rapid und in der Topausstattung mit einem Schneider Xenon 4.5 cm f/2. Sammler zahlen für sowas in gutem Zustand mehr als 1000 €. Ich bin allerdings froh, hier ein sehr frühes Basismodell von 1931 relativ günstig ergattert zu haben. Ich weiß noch nicht, ob ich es in der Vitrine zu den 3x4 Kameras oder zu den anderen frühen Kleinbildkameras (Leica, Contax, Retina, Dollina, Welti, ...) stellen soll...?

Datenblatt Frühe Kleinbildkamera für unperforierten 35mm Film (Bildformat 3x4 cm)
Objektiv Rodenstock Trinar 5cm f/4.5 (Triplet). Kamera war auch mit Meyer Trioplan (bis f/2.9) oder Schneider Xenar f/3.5 erhältlich.
Verschluss Pronto, T-B-100-50-25, auch mit Compur T-B-1-2-5-10-25-50-100-300 erhältlich.
Fokussierung Per Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung 0.5 m
Sucher großer optischer Aufklappsucher. 
 Filmtransport mit Drehknopf, drehender Metallpfeil am Bildzählwerk dient zur einzigen Orientierung. Rückspulen nicht vorgesehen. 
sonst. Ausstattung Selbstauslöser und Drahtauslöser-Gewinde am Pronto. Stativgewinde 3/8‘‘
Maße, Gewicht 130 x 62 x 40/60 (geschl./offen), 393 g (inkl. Patrone)
Baujahr(e) 1931-1933, diese hier laut Objektiv-Seriennummer (470356) von 1931. Vermutlich nur wenige tausend Exemplare. 
Kaufpreis, Wert heute je nach Objektiv und Verschluss 48 bis 110 RM (1932), heutiger Wert je nach Zustand 200-400 € (siehe auch Collectiblend.com)
Links CJ‘s Classic Camera Collection, Camera-Wiki, Kamerafarbik Woldemar Beier (Wikipedia), Corsopolaris (frühe 24x36 Kameras), Thomas Knorre‘s Beier-Seite

2021-04-07

Weltini II

In den letzten Jahren vor dem zweiten Weltkrieg etablierte sich eine Kameraklasse von hochwertigen Kleinbildkameras für den jungen "Kinofilm in der Tageslichtpatrone" wie der 135er Film damals noch genannt wurde. Ich meine nicht die sehr teuren Leica III oder Contax II, die sicherlich die Sperspitze der technischen Entwicklung repräsentierten, sondern Kleinbild-Kameras für (fast) jedermann. Dieses Ziel wurde erst nach dem Krieg in den 1950er und insbesondere 1960er Jahren erreicht. Erste Designelemente der erfolgreichen Nachkriegskameras tauchen aber schon vor dem Krieg auf. Ich halte die Welta Weltini für ein besonders gutes Beispiel einer solchen Kamera, die mit ihrer modernen Gehäuseform in Zukunft wies, allerdings auch manch einen technischen Anachronismus noch mit sich herumtrug. Weltini's schärfste Konkurrentin war Kodak's Retina II, die nicht ganz so futuristisch aussah, allerdings die modernere von beiden war.
An diesem Bild oben und am Vergleich mit ihrer "kleinen Schwester" Welti kann man viel ablesen. Mit ihr teilt die Weltini nämlich das Gehäuse, den Filmtransportmechanismus und einiges weitere. Dazugekommen ist neben ein paar Kleinigkeiten der gekoppelte Entfernungsmesser. Weil dieser aber an die ehemalige Unterseite der Kamera geschraubt wurde, wich das Stativgewinde auf die Oberseite. Dadurch ist an ihr fast alles andersherum, verglichen mit den meisten Kameras ihrer Zeit. Die Frontklappe klappt nach links, der Gehäuseauslöser (!) muss mit dem linken Zeigefinger gedrückt werden. Die Rückwand öffnet sich nach links, genauso läuft der Film quasi falsch herum von rechts nach links. Der Drehknauf zu dessen Transport sitzt links unten, die meisten Menschen werden die Kamera zum Filmtransport umgedreht haben. 
Die Weltini existiert in 2 Varianten. Bei der ersten (1937-1938) hatte der Entfernungsmesser lediglich eine kantige Kappe (siehe Porst Katalog unten) und stand auch noch auf recht hohen Drehknöpfen. Erst diese überarbeitete Version II bekam 1938 dann die futuristische Gehäusekappe und flache Drehknöpfe. Technisch unterscheiden sich die beiden sonst nur in kleineren Detailverbesserungen. Verzichtet wurde komplett auf den Zuberhörschuh. An Blitzgeräte dachte damals noch niemand und der Entfernungsmesser war ja schon eingebaut! Dafür gab es (damals und bis in die 60er hinein selten!) Ösen für einen Kameragurt. Den brauchte man aber auch, denn die Weltini ist nicht gerade klein und mit 652g recht schwer. 
Wieviele Weltinis gebaut wurden lässt sich mangels eigener Gehäusenummer und sonstiger Informationen nicht wirklich nachvollziehen. Von ihrer größten Konkurrentin Retina II wurden vor dem Krieg ca. 71,000 Stück verkauft. So viele werden es bei der gleich teuren, aber etwas komplizierteren Weltini nicht gewesen sein (Ich schätze mal die Hälfte davon). Es gab auch noch die etwas preiswerteren Balda Super Baldina und Certo Dollina III, sowie die teuren Zeiss Ikon Kameras Super Nettel 1 und 2 (4500 Stück) und Nettax (3000 Stück).

Datenblatt Kleinbild-Faltbalgenkamera mit Messsucher
Objektiv Schneider Xenar 5 cm f/2.8 (#1569040, 1939), auch erhältlich mit Schneider Xenon 5 cm f/2, Carl Zeiss Tessar 5 cm f/2.8 und (selten) auch Leitz Elmar f/3.5.
Verschluss Compur Rapid (B-1-2-5-10-25-50-100-250-500), #5972016, 1938
Fokussierung mit Schneckengang, Verschiebung des gesamten Objektivs, gekoppelter Messsucher mit 4 cm Basis, Naheinstellgrenze 1 m. 
Sucher optischer Messucher mit eingespiegelter gelblicher Fokushilfe
Filmtransport Drehknopf auf Kameraunterseite mit separatem Entsperrknopf, Doppelbelichtungssperre, Rückspulen mit zweitem Drehknopf, Bildzählwerk (vorwärts) auf Kameraoberseite.
sonst. Ausstattung Ausklappständer für vertikale Aufnahmen, ISO-Drahtauslöser Gewinde, Stativgewinde 3/8'', Tiefenschärfetabelle, Gehäuseauslöser. Beim Einklappen des Objektivs wird das Objektiv auf unendlich zurückgestellt und der Auslöseknopf eingefahren. Trageösen für einen Kameragurt.
Maße, Gewicht ca. 84x126x40 mm (geschlossen), 652g
Baujahr(e) 1937-1938 (Typ I), 1938-1941 (dieser Typ II), diese hier von 1939. 
Kaufpreis, Wert heute 155 RM (1937, mit Xenar), 110 US$ (1938 mit Xenon), heute ca. 50-100€ je nach Objektiv und Zustand. Mit Leitz Elmar ca. 350€.
Links Camera-wiki, Camera manual (English), Photo-Analogue, Wikipedia
Bei KniPPsen weiterlesen Welta Welti, Vergleich KB-Balgenkameras der 1930er, Welta Gucki
Weltini (Typ 1) aus dem Photo Porst Katalog 
von 1937. In dieser Version kostete sie mit
155 RM genau so viel wie ihre direkte Konkurrentin
Kodak Retina II.

2021-04-01

King Regula Reflex 2000 CTL (Prototyp silbern)


Eine tolle Geschichte kann ich heute hier erzählen. Das Foto oben bekam ich gestern von einem Sammlerkollegen geschickt, der über meinen Artikel zur Regula Reflex 2000 CTL vom Februar 2016 gestolpert ist. Dort habe ich kess behauptet, dass es eigentlich nur das eine schwarze Modell der Kamera gibt und alle anderen Versionen (bis auf die Ringfoto oder Kalimar Vertriebsversionen) ins Reich der Mythen gehören. Dazu habe ich auch die silberne bzw. verchromte Version gezählt, die auf der Bedienungsanleitung abgebildet ist (siehe Bild links). 
I can tell a great story here today. I got the photo above yesterday from a collector friend who stumbled upon my post about the Regula Reflex 2000 CTL from February 2016. There I made the breezy statement that there exists only one black model of the camera and that all other versions (except for the Ringfoto or Kalimar distributor branded versions) belong in the realm of myths. I also called the silver or chromium version shown on the operating instructions (see picture on the left) a myth.

Das Foto oben beweist es: Es gibt zumindest diese eine Kamera in silbern, die vermutlich ein früher Prototyp ist. Es gibt nämlich keine eingestanzte Seriennummer, sondern an deren Stelle an der inneren Rückwand lediglich eine eingeritzte "5". Interessant in diesem Zusammenhang auch die Seriennummer des Steinheil-Objektivs, das sich damit nach 1965/1966 datieren lässt (also deutlich vor der eigentlichen Vermarktung der Kamera).
The photo above proves it: There is at least this one camera in chromium finish, which is probably an early prototype. There is no stamped serial number, just a scratched "5" on the inner rear door instead. Also interesting in this context is the serial number of the Steinheil lens, which can be dated to 1965/1966 (i.e. well before the camera was actually marketed).

Aber das Beste kommt noch: Der Kollege hat diesen Prototyp 2009 von einer Dame in Bad Liebenzell (Sitz des ehemaligen Kamerawerkes King&Bauser) geschenkt bekommen als er (erfolglos) dort auf der Suche nach jemandem war, der seine defekte schwarze Regula Reflex reparieren könnte. Glück muss man haben!
But the best is yet to come: The friend received this prototype in 2009 from a lady in Bad Liebenzell (headquarters of the former camera factory King & Bauser) when he was looking there (unsuccessfully) for someone who could repair his defective black Regula Reflex. You have to be lucky!

Ich jedenfalls werde meinen Artikel berichtigen bzw. ergänzen und hoffe auf vielleicht noch mehr Meldungen über andere silberne oder gar andere Varianten der Kamera (wie immer hier unten im Kommentar oder direkt per e-mail an knippsen (at) icloud.com). Danke an den Kollegen für das Foto und die tolle Geschichte dazu (und die Erlaubnis es hier zu veröffentlichen)!  
In any case, I will correct or add to my article and hope for maybe more reports about other chromium or any other variants of the camera (as always down here in the comment section or directly by e-mail to knippsen (at) icloud (dot) com). Thanks to the friend for the photo and the great story about it (and the permission to publish it here)!

2021-03-27

Nagel Pupille @work

Schon länger habe ich keinen Filmtest für eine meiner alten Kameras gemacht, bei der Nagel Pupille mit ihrem Leitz Elmar musste es aber mal wieder sein. Schon vor einiger Zeit hatte ich  einen 127er Rollfilm gekauft (RERA Pan 400 aus japanischer Produktion). Entwickelt habe ich selbst und zwar im FX-39 II, 11 min bei 20°C. Die Negative habe ich dann mit meiner Digitalkamera und Makro-Objektiv abfotografiert und digital zum Positiv verwandelt und optimiert. Beim digitalen Workflow habe ich mir nicht die größte Mühe gegeben, hier könnte man wohl noch mehr aus den Negativen rausholen. Trotzdem war ich mit den Resultaten sehr zufrieden und möchte hier exemplarisch 3 Bilder von unserem Hund als Modell posten. 


Das Fotografieren mit dem 90 Jahre alten Schätzchen ging mir eigentlich ganz gut von der Hand. Film Einfädeln ist fummelig bei der Kamera, dafür soll er besonders plan liegen. Die Kamera liegt klein, aber schwer in der Hand, besonders ergonomisch ist fast nichts. Lediglich der große Schneckengang erlaubt sehr präzises Fokussieren, falls man die Entfernung zum Objekt auf den Zentimeter genau geschätzt hat. Filmtransport und Verschlussspannen sind gänzlich entkoppelt und ich bin echt stolz, dass ich weder eine Doppelbelichtung noch eine Leeraufnahme produziert habe. 


Ein Sache hatte ich allerdings nicht richtig durchdacht: Der 400 ASA Film passt nicht zu so einer alten Kamera mit einer kürzesten Verschlusszeit von lediglich 1/300 s und kleinster Blende f/16. Bei vollem Tageslicht ist man selbst im Winter schnell am Rande des Einstellungsbereiches oder darüber hinaus. Daher habe ich die meisten Aufnahmen in der Abenddämmerung oder im Innenraum gemacht, die häufigste Kombination war wohl 1/100 s und f/5.6. 

P.S. Unser Hund Louis hat es schon mehrfach in dieses Blog geschafft. Zum Vergleich hier eine Aufnahme als Welpe.

2021-03-14

Nagel Vollenda 48

Meine 3x4-Kamerasammlung wächst weiter, die Nagel Vollenda 48 ist schon die elfte dieser Halbformatkameras für den 127er Rollfilm, sowie die neunte aus deren kurzer Blütezeit um 1931. Es ist schon die zweite aus dem Dr. August Nagel Kamerawerk in Stuttgart. Die erste war die Pupille, die auch 1931 kurz vor der Vollenda auf den Markt kam. Beide spielen trotz einiger Gemeinsamkeiten in verschiedenen Ligen. Die Pupille ist mit ihrem großen und präzisem Schneckengang, dem hochwertigen Leitz Elmar und dem Compurverschluss ein super-kompaktes Stück Messing für den gehobenen Foto-Amateur. Die direkte Wettbewerberin hieß Leica! Die Vollenda 48 hingegen war (in der hier gezeigten Ausstattung) auch preislich der Einstieg in die Kleinfilm-Klasse. Mit ihrem Aluminiumblech-Gehäuse, dem einfachen Pronto-S Verschluss und dem dreilinsigen Radionar mit Frontlinsenfokussierung kostete sie weniger als ein Drittel der Pupille und sollte die Massen ansprechen, auch als Immerdabei-Zweitkamera wurde sie beworben.
Die beiden ungleichen 3x4 Schwestern aus dem Nagel Kamerawerk. Links die Vollenda 48 konkurrierte in dieser Einfachausführung um den Einstieg in diese Kameraklasse, während die Pupille rechts die Spitzenposition in dieser Kleinfilm-Kameraklasse beansprucht. 
Fairerweise muss man erwähnen, dass es auch von der Vollenda besser ausgestattete Varianten gab. Mit einem Zeiss Tessar oder einem Elmar und Compur-Verschluss kam auch diese Kamera preislich in den Bereich der Pupille (siehe Porst Katalogseite von 1932 unten). Gut fotografieren konnte man (und kann ich immer noch!) mit beiden.

Über mein Exemplar, was ich günstig erwerben konnte, bin ich sehr glücklich. Es ist für seine 90 Jahre extrem gut in Schuss und gehört nach meiner Analyse zu den ersten Kameras des Modells. Neben den Seriennummern von Objektiv und (ggf.) Compur-Verschluss tragen die Nagel-Kameras im Inneren eine eigene Gehäuse-Seriennummer (118442 in meinem Fall, meine Pupille hat die 90563). Leider habe ich im Internet zur entsprechenden zeitlichen Einordnung nichts richtiges gefunden, daher habe ich mich selbst an die Arbeit gemacht. 
1928 < 3000
1929 3,000 - 20,000
1930  20,000 - 80,000
1931  80,000 - 148,000
1932  148,000 - 168,000
1933  168,000 - 380,000
1934  380,000 - 650,000
1935 ff  > 650,000
vorgeschlagene Seriennummern-Sequenz für Nagel und (ab Mitte 1932) Kodak/Nagel-Kameras
Ich habe also im Netz Fotos und Informationen zu Nagel -Kameras und insbesondere zur Vollenda 48 gesucht und insgesamt zu 33 Vollenda 48 Gehäuseseriennummern plus weitere Nummern vom Compur-Verschluss und/oder dem Objektiv gefunden. Damit gelingt die zeitliche Einordnug ganz gut. Daher möchte ich hier eine (vorläufige) Seriennummernsequenz (siehe Tabelle links) vorschlagen. Die Daten von vor 1931 stammen von anderen Nagel Rollfilm und Plattenkameras; hier bin ich allerdings noch dran, die Datenbasis zu vergrößern. 
Die älteste Vollenda 48, die ich gefunden habe, trägt die 115369 (Compur #2400080), ausgestattet mit einem Schneider Radionar f/3.5, das leider seine Seriennummer am Hinterlinsenglied hat. Meine war also die zweit-älteste! 
Interessanterweise stammen 20 von den 33 gesichteten Exemplaren von 1931, was tatsächlich die Hauptproduktionszeit der Kamera gewesen sein muss. Dies deckt sich recht gut mit meinen anderen Beobachtungen und Schlussfolgerungen über die gesamte 3x4-Kameraklasse. Aus dem Wirtschaftskrisenjahr 1932 stammten nur 3 Kameras, darunter mit der Nummer 154767 die erste, die ein Kodak- statt des Nagel-Schildchen über dem Objektiv ziert. August Nagel hatte bekanntermaßen seine Firma 1932 an Kodak verkauft, blieb aber danach weiterhin Geschäftsführer der deutschen Produktion und war auch an der weiteren Entwicklung maßgeblich beteiligt. Dem Jahr 1933 konnte ich 4 Vollenda 48 Kameras zuordnen (Seriennummern um 170,000). Die Jahre 1934 und 1935 standen wohl ganz im Zeichen der neuen Retina, deren Seriennummern woanders ganz gut dokumentiert sind, hier aber ins Schema passen. Schließlich gab es wohl eine letzte Vollenda 48 Serie im Jahre 1936, alle davon mit Compur Rapid Verschluss und dem Schneider Radionar f/3.5. Deren Seriennummern beginnen mit 956xxx und wurden alle in den USA gesichtet (z.B. diese hier von Mike Eckman).
Es gibt übrigens zwei Varianten der Kamera, über deren Unterschiede ich hier schreibe. Frühe Kameras (bis ca. Seriennummer 126xxx) haben denselben Knopf wie die Pupille (siehe Fotos), alle späteren Vollendas haben einen "Schlüssel", wie auch die anderen Vollenda Kameras für größere Bildformate. 

Interessant ist auch die Verteilung der Objektive unter den gesichteten Kameras: Über die Hälfte hatte ein Schneider Radionar (meist f/3.5), nur eine einzige ein Xenar. Zeiss Tessare habe ich 4 mal gesichtet, davon nur eines mit f/2.8 (die anderen f/3.5). Sehr häufig zu finden (36%) war allerdings das Leitz Elmar f/3.5. Hier vermute ich aber, dass diese Kameras von der Leitz/Leica Fan- und Sammlergemeinde bevorzugt dokumentiert und gehandelt werden und daher in meiner Stichprobe überproportional auftauchen.
Auf eine Besonderheit meines Exemplares bin ich noch gestoßen, man kann dies auf den Fotos erkennen. Auf das Hinterlinsenglied im Inneren der Kamera ist eine leicht rötliche plane Glasscheibe mit drei Tropfen Kleber geklebt. Wohl eine nachträgliche Modifizierung, ein UV-Filter? Ich würde mich sehr über Kommentare (s. unten) oder auch e-mails (knippsen (at) icloud.com) zum Thema freuen. Insbesondere sammele ich natürlich weiterhin Seriennummern von Nagel Kameras, um meine Zuordnung weiter zu verfeinern. Immer her damit!

Datenblatt Faltbalgenkamera für 3x4 cm Negative auf Rollfilm 127.
Nagel Vollenda 48, Version 1. 
Objektiv Schneider Radionar 5 cm f/4.5, auch mit Radionar f/3.5 oder Xenar f/3.5, Leitz Elmar f/3.5 oder Carl Zeiss Tessar f/3.5 oder f/2.8 erhältlich.
Verschluss Pronto -S (T-B-100-50-25), selbstspannend mit Selbstauslöser. Die meisten Kameras wurden mit dem Compur 300 verkauft, späte Versionen auch mit dem Compur-Rapid.
Fokussierung Mit dem Radionar f/4.5 durch Verstellung der Frontlinse. Alle anderen Objektive über Schneckengang und Verschieben des gesamten Objektivs.
Sucher in dieser Version einfacher Aufklappsucher. Höherwertige Versionen haben einen optischen Aufklappsucher.
Filmtransport Mittels Drehknopf (früher Version) oder Drehschlüssel (ab ca. Ende 1931), doppeltes rotes Bildnummern-Fenster für Halbformat
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', Anschlussgewinde für Drahtauslöser
Maße, Gewicht ca. 33x76x110 mm (zusammengeklappt),  302 g
Baujahr(e) 1931-1933 und 1936,  ab 1932 als Kodak Vollenda 48. Insgesamt ca. 43,000 Exemplare, davon ca. 30,000 im Jahr 1931.
Kaufpreis, Wert heute in dieser Version 42.50 RM, mit Tessar f/2.8 bis zu 129 RM. Wert heute je nach Zustand und Ausstattung 50-150 €
Links Camera-WikiUKCamera (Archiv), Living Image, Blende und Zeit Forum 
Bei KniPPsen weiterlesen Version 2 und UnterschiedeAugust Nagel, Nagel/Kodak Vorkriegsproduktion in ZahlenKodak Vollenda 620, 3x4-Kameras von 1931, Nagel Pupille, Compur Seriennummern, 127 Film

Die Nagel Vollenda 48 im Photo Porst Katalog von 1932
Kodak Vollenda Anzeige (1933) für den amerikanischen Markt

2021-03-08

Dr. Paul Rudolph


Heute vor 86 Jahren, am 8. März 1935 starb Paul Rudolph in Nürnberg im Alter von 76 Jahren (geb. am 14.11.1858 in Kahla). Paul Rudolph war der wichtigste Angestellte der Firma Carl Zeiss in Jena und man kann ihn in aller Bescheidenheit den Vater des modernen fotografischen Objektivs nennen. Er schuf die wichtigsten Objektivkonstruktionen, die wir z.T. auch heute noch verwenden. Natürlich hat er nicht alles alleine erfunden und auch bei der Konkurrenz von Zeiss gab es einige gute Köpfe, die andere wichtige Designs erdacht haben. Aber die Lebensleistung dieses Menschen ist im Rückblick sehr beachtlich, der Lebensweg höchst interessant. 
Der begann in relativ bescheidenden Verhältnissen und führte über den zweiten Bildungsweg. Nach mittlerer Reife und einjährigem Militärdienst machte er als Externer das Abitur am Gymnasium in Altenburg (mit Auszeichnung) und studierte dann Physik und Mathematik an den Universitäten von München, Leipzig und Jena. Dort wurde er Assistent seines Professors Ernst Abbe. Nach der Promotion zum Dr. phil. 1884 holte ihn Abbe 1886 als Objektivrechner zu Carl Zeiss, wo er sich zunächst mit Konstruktionen von Mikroskop-Objektiven und Feldstechern beschäftigte.  
Rudolphs erste erfolgreiche Konstruktion war
der Anastigmat, später von Zeiss als PROTAR 
vermarktet. Front- und Rückgruppe konnten
auch als einzelne Objektive verwendet werden. 

Ab 1888 standen fotografische Objektive im Zentrum seines Schaffens und schon am 2. April 1890 wurde seine größte Erfindung zum Patent DRP 56109 angemeldet. Es handelte sich um den ersten Anastigmaten, also ein Objektiv, bei dem dem der berüchtigte Abbildungsfehler Astigmatismus weitgehend korrigiert ist. Er kombinierte dabei geschickt Zerstreuungs- sowie Sammellinsen aus verschiedenen Glassorten, so dass sich deren einzelne Abbildungsfehler gegenseitig aufheben. Erst 1893 brachte der englische Konkurrent Cooke sein berühmtes Triplet auf den Markt, das ebenso gute Abbildungsleistungen zeigte, allerdings mit seinen drei Einzellinsen viel einfacher und günstiger zu bauen war. 
Planar (1896)

Aber da war Rudolph mit seinem Team in Jena schon weiter und berechnete immer neue Kombinationen von Glaslinsen aus neuartigen optischen Gläsern, die vom Jenaer Glaswerk Schott & Genossen, an dem auch  Abbe und Zeiss beteiligt waren, zur Verfügung gestellt wurden. 1896 wurde das berühmte Planar patentiert (DRP 92313), ein sechslinsiger "Doppel-Gauß" mit relativ großer Öffnung und besonders geringer Bildfeldwölbung, ein anderer wichtiger Abbildungsfehler. Das Planar bildet die Basis für die meisten hochwertigen Standard-Objektive bis in die heutige Zeit, trat seinen Siegeszug aber erst nach der Erfindung der Linsen-Vergütung (und damit auch Rudolphs Tod 1935) an.
Tessar f/6.3 (1902)
Paul Rudolph konzentrierte seine Arbeit nach dem guten, aber komplizierten Planar auf einfachere und damit billiger zu realisierende Systeme. 1899 entwickelte er zunächst das vierlinsige UNAR (DRP 134408), das aber nur ein Zwischenschritt darstellte zu seinem berühmtesten Objektiv, dem ebenfalls vierlinsigem TESSAR (DRP 142294), das 1902 rauskam. Zunächst in der damals beachtlichen Lichtstärke f/6.3 gerechnet, wurde es im Laufe der nächsten Jahrzehnte immer weiter durch Verwendung neuer Glassorten auf f/3.5 oder gar f/2.8 verbessert. Mit seinen 4 Linsen in drei Gruppen war es ähnlich simpel zu bauen wie das Cook'sche Triplet, hatte aber deutlich bessere Abbildungsleistungen. Nicht von ungefähr erhielt es seinen Spitznamen "Adlerauge" und wurde für mehr als 70 Jahre DAS Standardobjektiv vieler Kameras. Darin eingeschlossen sind natürlich seine vielfältigen Klone, die schon vor Ablauf der Patentzeit unter Lizenz gebaut wurden, aber natürlich besonders danach. Bekannte Namen sind das Leitz ELMAR, Voigtländer SKOPAR, Schneider XENAR und viele mehr. 

Ab ca. der Jahrhundertwende war das Verhältnis von Rudolph zu seinem Arbeitgeber Carl Zeiss von immer mehr Spannungen geprägt. Es ging wohl auch um Lizenzzahlungen für die vielfältigen und wertvollen Patente, aber auch um Aktivitäten außerhalb seiner eigentlichen Aufgaben als Objektivrechner und Konstrukteur. So war Paul Rudolph auch am Palmos Camerwerk in Jena beteiligt, das 1902 schon nach nur zwei Jahren Betrieb in wirtschaftliche Schieflage geriet und verlustreich von Carl Zeiss gerettet bzw. geschluckt wurde. Der Streit zog sich über ein paar Jahre und wurde schließlich 1910 mit einem Vergleich beendet. Rudolph schied aus dem Angestelltenverhältnis aus, erhielt weiterhin großzügige Lizenzeinnahmen aus seinen Patenten, die ihm ein sorgenfreies Leben als Privatier ermöglichten, durfte aber im Gegenzug nicht bei der Konkurrenz Voigtländer in Braunschweig anheuern. 

Makro Plasmat f/2.7
Von seinem Gut im Vogtland kehrte er 1918 während des ersten Weltkriegs zu einem sog. Zivildiensteinsatz zu Zeiss in Jena zurück und entwickelte in dieser Zeit das Plasmat Objektiv (f/4.5), welches danach in kleiner Stückzahl von Hugo Meyer in Görlitz gebaut wurde. Bei dieser Firma heuerte er im Anschluss mit über 62 Jahren wieder an, weil seine Lizenzeinnahmen in den Zeiten der Inflation wertlos wurden und er davon nicht mehr leben konnte. Für Meyer entwickelte und verfeinerte er die Plasmat Konstruktion immer weiter. Es entstanden die super lichtstarken Kino-Plasmate f/2 und f/1.5 (für Filmkameras) sowie das Macro-Plasmat f/2.7 (DRP 456912) für Kleinbildkameras. Von Meyer-Optik Görlitz wurde es in einer Broschüre als "absolut frei von Verzeichnung und anderen optischen Defekten" beschrieben, war aber zu seiner Zeit auch eines der teuersten Objektive am Markt. Auch heute noch zehrt es von seinem Ruf und Sammler zahlen Unsummen dafür, wie ich neulich feststellen konnte.

Wie es danach mit Paul Rudolph weiterging ist nicht im Detail bekannt, 1928 mit immerhin 70 Jahren muss er wohl noch gearbeitet haben, damals ist das Portrait oben entstanden. Was er in seinem Leben geleistet hat, ist beachtlich. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, solche komplexen mathematischen Optimierungsaufgaben mit Papier, Stift und Rechenschieber zu erledigen. Er starb schließlich 1935 in dem Jahr, in dem seine Nachfolger bei Zeiss in Jena die optische Vergütung von Linsen im Markt eingeführt haben. Ob er das und die damit verbundenen Möglichkeiten für zukünftige Konstruktionen noch realisiert hat, ist leider nicht bekannt.


2021-02-21

Korelle K


Mein neuestes Schmuckstück für die Vitrine heißt Korelle K und ist eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte kleine Kamera. Die Firma Kochmann aus Dresden brachte sie wohl um Ende 1932/Anfang 1933 als Ersatz ihrer Korelle 3x4 auf den Markt, denn dort tummelten sich schon etliche andere 3x4-Kameras mit fast identischen Spezifikationen und man wollte (und konnte) sich hiermit vom Mainstream abheben. Das "K" steht meines Erachtens für Kino-Film (andere behaupten Kleinbild, Kunststoff könnte auch passen), was das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zu den damals "Kleinfilm" genannten 3x4-Kameras für den 127er Rollfilm war. 
Die Korelle K ist eine der ersten Halbformatkameras (18x24 mm auf perforiertem 35mm Kinofilm), die wie eine "normale" Kamera daherkam und einigermaßen kompakt war. Es gab schon in den 1920ern einige Kameras für dieses beim bewegten 35 mm Film übliche Negativformat. Diese sahen allerdings auch aus wie Filmkameras und waren recht groß und umständlich in der Bedienung (z.B. Roth's Minnigraph oder die Ellison Kamra). Lediglich die sehr seltene französische „Les Cent Vues“ (Mollier, ca. 1925)  kann als Vorbild für die Korelle K gelten. Interessanterweise fand das Konzept erst einmal keine weiteren  Nachahmer. Halbformatkameras wurden erst ab Ende der 1950er in Japan wieder populär, z.B. mit so großartigen Kameras wie der Olympus PEN Serie.

Die Korelle K war aber auch in technischer Hinsicht bemerkenswert. Sie war in keinem der folgenden Punkte wirklich die erste Kamera, gehörte aber jeweils zu den Pionieren und zeigte schon 1932, was erst Jahre später technischer Standard werden sollte. 
  • Da ist das Gehäuse aus Bakelit, dem ersten synthetischen Kunststoff mit Relevanz. Obwohl schon 1907 erfunden dauerte es wegen Weltkrieg und anderen Gründen ca. 20 Jahre bis die ersten Alltagsgegenstände daraus verfügbar waren. Als erste Bakelit-Kamera gilt die QRS-Kamra von 1928, ein seltener Ellison Abkömmling. Die erste in größeren Stückzahlen produzierte Kamera aus diesem Kunststoff war 1930 die Kodak No. 2 Hawkette. Meiner Recherche nach war die Korelle K die erste Bakelit-Kamera aus deutscher bzw. europäischer Produktion. Äußerlich geprägt wie feines Leder fasst sich die Korelle auch heute noch sehr gut an. Abnutzung ist an meinem Exemplar nur an den Metallteilen zu erkennen, das Plastik ist erstaunlich arm an Kratzern und hervorragend erhalten. Meine ist schwarz, es gab sie aber auch in braun bzw. rot-braun

  • Man sieht es der Kamera nicht direkt an, aber es gab Wechselobjektive mit 5, 7.5 und 10 cm Brennweite. Die Kamera hatte Zeit-typisch einen Compur Zentralverschluss, der aus diesem Grund zusammen mit der Blende hinter dem und nicht im Zentrum des Objektivs zu finden ist. Das übliche 3.5 cm Standard-Objektiv sitzt in einem 22mm Gewinde im Verschluss und kann durch einige Umdrehungen einfach abgeschraubt werden. Objektive wurden von Meyer, Schneider, Zeiss und später auch Leitz angeboten. Vermutlich hat die Kundschaft davon keinen großen Gebrauch gemacht: Kameras mit diesen Teleobjektiven sind heute extrem rar und teuer. 

  • Im Gegensatz zu fast allen anderen Zentralverschluss-Kameras am Markt, hatte die Korelle K als eine der ersten von ihnen einen Gehäuseauslöser.  Gekoppelt mit dem Filmtransport konnte so eine Doppelbelichtungssperre realisiert werden. Dabei entsperrt der Filmtransport den Auslöser nur, spannt aber leider nicht gleichzeitig den Verschluss. Vergisst man dies und drückt dann den Auslöser, erzeugt man leider ein leeres Negativ, weil der Auslöser wieder gesperrt wird und man den Film (ohne Aufnahme) transportieren muss, um ihn wieder zu entsperren. Trotzdem ein Fortschritt, der sich in den 1930er Jahren und dann besonders in den 50ern als Standard durchsetzt.

  • Und dann war da natürlich der Kino-Film, der zusammen mit dem kleinen Negativformat die für diese kompakte Kamera unglaubliche Anzahl von bis zu 100 Aufnahmen pro Filmladung ermöglichte. Es wurden spezielle Patronen mitgeliefert, die vom Fotohändler oder dem Fotografen selbst mit loser 35mm Kinofilm Meterware befüllt wurden. Das war damals auch bei der Leica und der im gleichen Jahr wie der Korelle erschienenen Contax I üblich. Jeder Hersteller hatte eine eigene spezielle Kassette. Erst 1934 erschien mit der Retina Kodak's 135er Kassette. Diese wurde zur Norm, weil sie vor-konfektioniert verkauft wurde und in alle Kameras passte. Zum Glück auch in die Korelle K!
Auf mein eigenes Exemplar habe ich lange gewartet. Die Kamera ist relativ selten, ich vermute nur wenige Tausend Stück, die von Ende 1932 bis ca. 1935 produziert und verkauft wurden. Daher und auch wegen ihrer interessanten Features erzielt sie ordentliche Sammlerpreise. Ich habe also viele der relativ seltenen e-bay Auktionen ziehen lassen müssen und nun recht günstig zuschlagen können. Meine Kamera ist, wie man an den Bildern sieht, super erhalten und funktioniert auch zu 100%. Lediglich der Fokus-Schneckengang ist recht schwergängig und die Filmkassette bzw. Aufwickelspule fehlen. Allerdings passt ja die 135er Patrone und ich habe mir schon eine Aufwickelpatrone gebastelt, sodass ich demnächst mal einen Film riskieren werde. 
Nur die Sache mit dem Filmtransportknopf hat mich zunächst verwirrt: Auf allen offiziellen Darstellungen (Katalogseiten, s.u.) ziert die Kamera ein flacher Knopf, während fast alle Fotos von Kameras den breiten Knopf wie meine zeigen. Die Lösung ist vermutlich simpel: Schraubt man mit den beiden Schräubchen den breiten Knopf ab, kommt darunter der flache zum Vorschein. Ich glaube, dass der breite Knopf wie auch die metallene Kappe auf dem Bildzählwerk es erst im letzten Moment in die Serienproduktion der Kamera geschafft haben. Daher haben sie alle Serienkameras, die Katalogdarstellungen wurden aber von einem Prototypen genommen.   

Datenblatt Frühe Halbformatkamera 18x24 für 35mm-Film in modernem Design. Erste Bakelit-Kamera aus Europa.
Objektiv Carl Zeiss Tessar 3.5 cm f/2.8 (#1415228), auswechselbar über Gewinde. Weitere Objektive erhältlich: Meyer Trioplan 2.8/3.5, 2.8/5 und 2.8/7.5 cm; Tessar 3.5/3.5, 3.5/7 cm; Schneider Xenar 2.9/3.5, 3.5/3.5, 3.5/5, 3.8/7.5, 3.8/10 cm; Leitz Elmar 3.5/3.5, 3.5/5, 4.5/7.5 cm.  
Verschluss Compur T-B-1-2-5-10-25-50-100-300, später auch mit Compur Rapid (1/500 s), Verschluss und Blende hinter dem Objektiv. Compur #2487320
Fokussierung Schneckengang, Verschieben des ganzen Objektivs. Naheinstellgrenze 0.5 m
Sucher optischer Newton-Sucher
Filmtransport Drehrad, Transport entsperrt Gehäuseauslöser, Filmvorschub in aufnehmende Filmpatrone, keine Rückspulung! Filmzählwerk, automatisch vorwärts zählend bis 100, manuelle Rückstellung
sonst. Ausstattung Stativgewinde 3/8'', Drahtauslöseranschluss, Tiefenschärfetabelle aus Metall. Als Zubehör gab es spezielle Filmkassetten und Aufwickelspulen, sowie einen Objektivdeckel aus Bakelit.
Maße, Gewicht Bakelit-Gehäuse: 90x32x56 mm, Kamera gesamt: 90x54x65, 338 g (mit Film)
Baujahr(e) 1932-1935, diese hier laut Objektivseriennummer von 1932
Kaufpreis, Wert heute 130 RM (mit Tessar f/2.8), ca. 300 €, rote erzielen höhere Preise. Solche mit den Teleobjektiven sind sehr wertvoll.
Links Pacific Rim Camera, Camera-Wiki, EarlyPhotography, Half-frame cameras
Korelle K im Photo Porst Katalog, 13. Auflage 1935


2021-02-14

Baby Ikonta (520/18)


Zeiss Ikon hatte neben seinem Oberklassemodell Kolibri noch eine weitere 3x4-Kamera am Start. Die Ikonta 520/18 gehört zu einer Reihe von insgesamt fünf fast identisch ausgestatteten Faltbalgen-Kameras für verschiedene Rollfilmformate. Die Serie startete im Jahr 1929 und wurde im Zeiss Ikon Katalog unter den Modellnummern 520/x geführt. Die 520/18 ist die kleinste (für den Rollfilm 127) und wird daher (inoffiziell) als Baby Ikonta bezeichnet.
Die Seriennummer (hier T 28155) findet man
auf der aufgeklappten Rückwand, sonst ist sie
versteckt unter dem Sucher.
Während die Kolibri 1930 zu den ersten 3x4 Kameras gehörte und in ihrer „Normalausführung“ mit Tessar und Compur über 120 RM kostete, platzierte Zeiss Ikon die Ikonta am Ende des Jahres 1931 bewusst ins unterste Preissegment (siehe die Photo Porst Katalogseite unten) für unter 40 RM. Es war ja Weltwirtschaftskrise und in Deutschland sollte das schlimmste Jahr 1932 noch kommen. 

Ihre Standardausführung umfasste also das 3-linsige Novar und den Derval Einfachverschluss. In der Tat sind auch die meisten heute gehandelten Kameras so ausgestattet. Ansonsten ist die Verarbeitung Zeiss Ikon typisch sehr solide, der Balgen aus Leder und die Kamera gehört zu den kompaktesten der Klasse. Das Objektiv springt beim Druck auf einen Knopf in Aufnahmeposition, Spannen des Verschlusses: nicht nötig!

Auch heute noch ist diese Ikonta der preiswerteste Einstieg in eine 3x4 Kamerasammlung. Mein Exemplar hat mich nur 13,50 € plus Versand gekostet. Es war allerdings auch recht runtergekommen, obwohl im Prinzip alles noch funktioniert. Ich habe am Titelbild eine virtuelle Renovierung (aka Retusche) vorgenommen, den wirklichen Zustand kann man an den anderen Bildern sehen. 

Auch wenn ich keinen Beweis vorlegen kann, vermute ich, dass die Baby Ikonta zu den stückzahlenmäßig häufigsten 3x4 Kameras gehört. Einfach wegen ihres günstigen Preises und des großen Namens. Auch scheint sie tatsächlich bis ca. 1937 produziert worden zu sein, im Gegensatz zu den  allermeisten anderen 3x4 Kameras. Am Ende ihres Produktionszeitraums war sie allerdings meist mit dem Compur Rapid und einem f/3.5 Novar oder Tessar zu bekommen.

Datenblatt preiswerte 3x4 Halbformat-Kamera für Rollfilm 127
Objektiv Novar 5cm f/4.5 (Triplet). Auch mit f/6.3 Novar oder Tessar f/4.5 und f/3.5 erhältlich. 
Verschluss Zeiss Ikon Derval (T-B-25-50-75), selbstspannend. Auch mit Compur 300, ab ca. 1935 mit Compur Rapid erhältlich. 
Fokussierung per Frontlinsenverstellung, kürzeste Entfernung 1m
Sucher Einfacher Klappsucher
Filmtransport mit Drehrad, 3x4-Kamera typische doppelte Bildnummernanzeige
sonst. Ausstattung ISO-Drahtauslöseranschluss, 1/4 Zoll Stativgewinde
Maße, Gewicht ca. 30x70x100 mm, 298g
Baujahr(e) 1931-1937, diese #T 28155 von 1931
Kaufpreis, Wert heute 37,80 RM (1932), ca. 10-20 €
Links Camera-Wiki, Earlyphotography, Emtus, Pacific Rim Camera, engel-art, Collectiblend, Instruction Manual (english)